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Full text of "Philologischer Anzeiger. "Als Ergänzung des Philologus." [serial]"

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THE LIBRARY OF THE 

UNIVERSITY OF 

NORTH CAROLINA 



THE LIBRARY OF THE 

UNIVERSITY OF 

NORTH CAROLINA 




ENDOWED BY THE 

DIALECTIC AND PHILANTHROPIC 

SOCIETIES 

BUILDING USE ONLY 




This book is due at the LOUIS R. WILSON LIBRARY on the 
last date stamped under "Date Due." If not on hold it may be 
renewed by bringing it to the library. 


DATE DC . T 
DIE RET 


DATE 
DUE 



















































































































































Digitized by the Internet Archive 
in 2013 



http://archive.org/details/philologischeran05gtti 



PHILOLOGISCHER 



ANZEIGER. 

pf 

ALS EEG-lNZUNG 

DES , t 

PHILOLOGUS^ 

HERAUSGEGEBEN 

VON 

ERNST von LEUTSCH. 

FÜNFTER BAND. 



1873. | 



GÖTTINGEN, 

VERLAG DER DIETERICHSCHEN BUCHHANDLUNG. 

1873. 



Nr. 1. Jannar IS73. 

Philologischer Anzeiger. 

Herausgegeben als ergänzung des Philolo-gus 



Ernst von Leutsch. 



1. Studien zur griechischen und lateinischen grammatik 
herausgegeben von Georg Curtius. Dritter band. 8. Leip- 
zig. Hirzel. 1870. 401 ss. — 1 thlr. 

Der rasche f ortgang dieses im jähre 1868 begründeten Un- 
ternehmens beweist, welch reger theilnahme sich das mit der 
vergleichenden Sprachforschung in Verbindung gesetzte gramma- 
tische Studium der beiden classischen sprachen bereits zu er- 
freuen hat. Der dies auch durch seinen inhalt bethätigende dritte 
band wird eröffnet durch eine ausführliche und sorgfältige behand- 
lung der praeposition Ttaqa von F. H. Hau (de praepositionis 
nagcc usu) p. 1 — 98. Nachdem in kürze einige etymologische 
bemerkungen über die praeposition und die ihr in den ver- 
wandten sprachen entsprechenden formen, im wesentlichen im 
anschluss an Potts ausführungen in bd. I aufl. 2 seiner ety- 
mologischen forschungen vorausgeschickt worden , behandelt 
der Verfasser im ersten theile den gebrauch der praeposition 
mit dem genetiv (p. 11 — 34), dativ (p. 34 — 51) und accusativ 
(p. 51 — 88), durchweg mit einer reichen fülle von beispielen und 
hin und wieder mit nicht uninteressanten vergleichungen mittel- 
und neuhochdeutschen Sprachgebrauchs. Ein zweiter theil (p.88 — 
98) behandelt den gebrauch der praeposition in Zusammense- 
tzungen. Wir bedauern diesem zweiten theile nicht eine eben 
so sorgfältige behandlung und klare anordnung des materials 
nachrühmen zu können wie dem ersten. Es berührte uns im 
eingange der abhandlung (p. 8) sehr wohlthuend, wieder ein- 
mal mit voller entschiedenheit den satz ausgesprochen zu lesen, 
alle praepositionen seien eigentlich selbständige adverbia. Aber 
obwohl der Verfasser selbst darauf hinweist, dass die ur- 
Philol. Anz. V. . 1 



2 1. Griechische grammatik. Nr. 1. 

sprünglich adverbiale bedeutung der präpositionen noch in ih- 
rer Zusammensetzung mit verben deutlich hervortritt , hat er 
sich die Verfolgung dieses gedankens und den nackweis an den 
einzelnen zusammengesetzten verben fast ganz entgehen lassen, 
was nach den bemerkungen Jacob Grimms in der vorrede zum 
ersten bände des deutschen Wörterbuchs p. XLin, wo er für den 
praepositionalen werth der präpositionen in Zusammensetzungen 
kämpft, keineswegs unnöthig war. Noch auffallender ist die 
Vernachlässigung, welche die Zusammensetzung der präposition 
naga mit Substantiven erfahren hat. 

Während die behandlung der wenigen aus diesem bereiche 
angeführten beispiele untermischt unter die vetbalzusammense- 
tzungen eine anzahl in ganz falschem lichte erscheinen lässt, 
indem blos auf die begriffliche bedeutung der präposition rück- 
siebt genommen ist, was sogar zu offenbar verkehrter auffassung 
verführt hat, wie wenn p. 97 nagdot]uoq als derivatum von 
naguarjuaivstv aufgeführt wird, hätte eine sonderung der nomi- 
nalzusammensetzungen von den verbalen und sorgfältige Unter- 
suchung des Verhältnisses der beiden zusammengesetzten theile 
in den einzelnen Wörtern nicht nur auch ihrerseits neues licht 
auf die adverbielle kraft der praeposition geworfen, sondern auch 
einen interessanten beitrag zur gruppierung der griechischen no- 
minalzusammensetzungen nach ihrer bedeutung geliefert, wozu 
nur erst schwache anfange vorhanden sind. In einem theile der 
mit praepositionen zusammengesetzten nomina hat die prae- 
position wesentlich praepositionalen Charakter, sie sind hervor- 
gegangen aus der construetion einer praeposition mit ihrem 
casus J solche sind nagddo^og = nagd ö6%ia>, nagdXoyoq = nagd 
Xöyov, ndgaXog = nag* aXi , nagdfxovaog = naga fiovaag, na' 
gävofxog = naga vöfiov, nagdaeigog = naga aeigav, nageaziog 
= nag'' söt(a. Von diesen sind nach meiner meinung wieder 
diejenigen zu trennen, die hinten ein seeundärsuffix zeigen, wie 
naga&aXdaaiog ; man darf dies nicht ohne weiteres mit naga 
öaXuaGy erklären, sondern hat von dem wirklich vorhandenen 
adjeetiv üaXdaaiog auszugehen, dem zur näheren speeificierung 
seines begriffs das adverb nagd vorgesetzt wurde. Während 
jene in das bereich der sogenannten abhängigkeitscomposita 
(tatpurusas) fallen , ist das letztere eine determinative Zusam- 
mensetzung (karmadhäraja) und also wesentlich von gleicher 



Nr. 1. 1. Griechische grammatik. 3 

art wie nagdyvfivog an der seite bloss, naqd&SQixog sehr warm, 
■jvaqdXEvxog mit weiss gemischt eigentlich, daneben weiss, naqd- 
mxgoQ etwas bitter, ndgicog fast gleich, Tzagofioiog fast ähnlich. 
Hier war auch der ort über die von Pott Et. Forsch. I 2 p. 186 
berührte verkleinernde Wirkung der praeposition nagd einige 
worte zu sagen und sie mit ihrer grundbedeutung zu vermit- 
teln ; ich glaube, dass sich z. b. in ndqioog nugöfxoiog das naqu 
auf das richtige mass bezieht : neben dem genügenden masse 
hin, gegen dasselbe, d. h. ohne es zu erreichen, ähnlich. End- 
lich kann die ganze Zusammensetzung sogenannten possessiven 
sinn haben (bahuvrihi) , wie in nagdnvi,og an den Seiten buchs- 
baumholz habend, nugavlog ndgoixog daneben die wohnung ha- 
bend, nagdcpqojv verkehrten sinnes. 

Nach einer kurzen Zusammenstellung einiger lexikalischen 
punkte des hyperideischen Sprachgebrauchs von H. Hager (de 
graecitate Jiyperidea p. 101 — 114) folgen ausführungen „zur grie- 
chischen etymologie und Wortbildung" von C. Angermann. 
Seiner besprechung von uvu% und den zugehörigen Wörtern möch- 
ten wir hinzufügen, dass die herleitung dieser Wortsippe von 
der im altbaktrischen mit der bedeutung schützen erhaltenen 
wurzel van an Wahrscheinlichkeit dadurch ausserordentlich ge- 
winnt, dass das wort selbst in der form FANAKTEI auf einer 
der altphrygischen inschriften, dem sogenannten Midasgrabe (bei 
Gosche in den Verhandlungen der Meissner philologenversammlung 
1863 nr. 1) erhalten ist; es ist freilich nicht klar, ob es im 
altphrygischen als griechisches lehnwort aufzufassen ist oder 
vielmehr ins griechische aus eränischem sprachkreise herüber 
gekommen, was vielleicht das wahrscheinlichste sein dürfte. Was 
die ansieht des Verfassers über die bildung des Stammes dvaxi 
betrifft, so scheint mir das ein sonderbarer cirkel zu sein, aus 
dvax erst das verbum dvdkjoo dvdaoca entstehen zu lassen und 
dann aus dem darin enthaltenen verbalstamm dvax vermit- 
telst neuer suffixbildung jenes nomen ; vielmehr konnte sich 
aus dem nominalstamm ravaxo dvax von vornherein sowohl ein 
verbum als ein neues nomen durch anfügung eines zweiten Suf- 
fixes bilden , eine keineswegs seltene erscheinung ; dieses suf- 
fix war aber nach unserer meinung nicht ti, worauf nichts hin- 
deutet, sondern nach anleitung von ytigwväxtrig ta oder to } 

1* 



4 2. Griechische grammatik. Nr. 1. 

von deren Verstümmelung auch im griechischen deutliche ana- 
logieen vorliegen. 

Auf den reichhaltigen inhalt des übrigen theiles des ban- 
des näher einzugehen würde den umfang dieser anzeige unge- 
bührlich anschwellen und ist auch darum nicht gut thunlich, 
weil das meiste der behandlung von einzelheiten meist etymo- 
logischer natur gewidmet ist, wie die beitrage von Röscher 
(127 — 146), W. Clemm (281—344) und vom herausgeber 
selbst (185 — 204). Onomatologischen inhalts ist die arbeit von 
F. Gr. B e n s e 1 e r de nominibus propriis et latinis in i o <pro ius 
et graecis in ig iv pro tog iov terminatis ; dialektologisch der auf- 
satz von F. Allen de dialecto Locrensium und die Zusammen- 
stellungen über den tzakonischen dialekt des neugriechischen 
von Moritz Schmidt. Mit interessanten ausführungen über 
einige schwierige punkte aus der flexi on der griechischen zu- 
sammengezogenen verbalformen von der hand von Georg Cur- 
tius selbst schliesst der band. 

Gustav Meyer. 

2. Wentzel, über die scheinbar überflüssige hinzufügung 
der negation ov in der redeweise (xä.'k'kov /} ov. 4. Programm 
von Glogau. 1871. 

Die alten grammatiker halten die negation in dieser Ver- 
bindung für überflüssig; die neueren stimmen entweder dieser 
erklärung mit gewissen modificationen zu oder sie führen den 
gebrauch darauf zurück, dass das zweite glied einer vergleichung 
im Widerspruch stehe mit dem ersten, also einen negativen ge- 
danken enthalte. Beides weist Wentzel zurück , wie auch die 
ansichten der scholiasten und interpreten und behauptet, dass 
Nitzsch in seiner ausgäbe von Piatons Ion auf das richtige ver- 
Ständniss der Verbindung hingedeutet habe. Seine erklärung 
(p. 74) lautet: in allen derartigen stellen ist eine Zurechtwei- 
sung oder ein tadel ausgedrückt, und zwar so, dass im ersten 
theile der vergleichung das getadelt wird , was zu unrecht ge- 
schieht oder angenommen wird, im zweiten aber das , was zu 
unrecht vernachlässigt wird. Von dieser zu allgemein gefass- 
ten regel von Nitzsch ausgehend , macht sich Wentzel daran, 
sie theils zu ergänzen , theils zu modificiren. Seine regel lau- 
tet: „die ausdruckslorm (*ukkßv ■/} ov ist von den Griechen 



Nr. 1. 2. Griechische grammatik. 5 

grösstenteils in wirklich gehaltenen reden, seltener in histori- 
schen mittheilungen angewendet worden, die sich selbst aber 
wieder auf einen in einer berathenden Versammlung gefassten 
beschluss oder auf eine in sonstigen Verhandlungen ausgespro- 
chene ansieht beziehen. Die betreffenden stellen sind von 
zweierlei art. Der redende tritt in einer vergleichenden darstel- 
lung entweder einer seiner ansieht ganz entgegengesetzten 
meinung oder einer einseitigen auffassung von Verhältnissen 
und äusserung über dieselben entgegen ; die erstere will er gänzlich 
beseitigen und nur das hinter r) ov ausgesagte allein gelten las- 
sen, dagegen das einseitig ausgesprochene urtheil ergänzen und 
vervollständigen, so dass das in beiden gliedern der vergleichung 
dargestellte in gleichem grade als wahr und geltend bezeichnet 
wird. Daher hat fiäXXov in den sätzen der ersten art die be- 
deutung von potius, in denen der zweiten art die von magis'\ — 
„Durch das ov hinter r) wird das subjeetive urtheil des sprechen- 
den ausgedrückt; begnügt er sich aber mit einer rein objekti- 
ven darstellung der Verhältnisse, so steht hinter fxäXXov rj keine 
negation "■ 

Stellen der ersten art sind: Thuc. 2, 62. 3, 36. Dion. 
Hai. Aß. 6, 81 (vrgl. Dem. Mid. §. 537. Eurip. Herc. Für. 
183) ibid. 7, 10. 11, 34. — ibid. 10, 28. Xenoph. Hell. 6, 3, 
15. Demosth. in Timoth. p. 1198. p. 1200. p. 1185, an welcher 
letzteren stelle Wentzel das ov hinter rj beibehalten wissen 
will. — Fehlt in solchen vergleichungssätzen im zweiten gliede 
ov, so wird einfach die handlungsweise oder die meinung angege- 
ben, welche nach der ansieht des redenden der im ersten gliede 
angegebenen vorzuziehen ist; sie wird aber nicht als eine sol- 
che bezeichnet, welche nicht befolgt worden ist: z. B. Thuc. 
5, 9. 5, 110. Xen. Heil. 6, 3, 12. 

Für die zweite art sind folgende stellen angeführt: He- 
rod. 4, 118. 5, 94. 7, 16. Demosth. ad Polycl. p. 1226. Auch 
in stellen dieser zweiten art fehlt ov hinter 'r\ , wenn keine 
entgegenstehende meinung geäussert oder vorausgesetzt wird, 
wenn also der redende keine veranlassung hat, eine einseitige 
ansieht zu berichtigen: s. Thuc. 5, 9 a. e. iyä is dtil-co ov nagai- 
viaai olög zs cov fiäXXov rolg niXag r) xal abzog egyq> iae^eX&eir. 

C. Härtung. 



6 3. 4. Lateinische grammatik. Nr. 1. 

3. Lateinische grammatik für gelehrtenschulen. Der deutsch- 
lateinisch-griechischen parallelgrammatik zweiter theil, verfasst 
von J. C. Schmitt-Blank. 8. Mannheim. Löffler. 1870. — 
Auch unter dem titel : Deutsch - lateinisch - griechische parallel- 
grammatik für gelehrtenschulen. Herausgegeben von J. C. 
Schmitt-Blank. — 1 thlr. 15 sgr. 

4. Lateinische Sprachlehre zunächst für gymnasien. Von 
Ferd. Schultz. 7te aufläge. 8. Paderborn. 1872. — 20 gr. 

Schmitt - Blank sagt im vorwort p. vii: „das vorliegende 
lehrbuch zählt zu der bis jetzt noch sehr geringen anzahl von 
lateinischen grammatiken, die auf grund der neueren Sprach- 
wissenschaft nach historisch -rationeller methode abgefasst sind; 
es kann von den wenigen arbeiten neueren Schnittes eigentlich 
nur die lateinische schulgrammatik von Lattmann - Müller • als 
seinen Vorgänger betrachten". Weiter unten in anm. 2 fügt 
derselbe vf. hinzu : „ dass für formenlehre und syntax unsre 
grammatik im ganzen ihren eignen weg gegangen ist, wird man 
billigerweise nicht verkennen; indessen soll doch dem Lattmann- 
Müller'schen buche ein ganz besonderes wort der anerkennung 
und des dankes hier gesprochen sein". Das hier im allge- 
meinen angegebene verhältniss der beiden bücher zu einander nä- 
her zu entwickeln, erscheint als die zunächst wichtigste aufgäbe 
bei besprechung des Schm. - Blankschen Werkes. 

Im umfang der formenlehre stimmen beide bücher so 
ziemlich überein; in inhalt und anordnung weichen sie viel- 
fach ab. Mit recht ist die bezeichnung der ersten , zweiten 
u. s. w. deklination aufgegeben , der Lattmann-Müller noch fol- 
gen, und die hartvokalische hauptdeklination der konsonantischen 
und weichvokalischen mit ihren unterabtheilungen gegenüberge- 
stellt; denn wenn die resultate der Sprachwissenschaft für die 
schule zu verwerthen sind, so ist jedenfalls mit den althergebrach- 
ten benennungen zuerst aufzuräumen. — In der anordnung 
der sog. unregelmässigen verba folgt Schm. -Blank den einzelnen 
conjugationen und zählt innerhalb einer jeden diejenigen auf, 
welche reduplikation, konjugationswechsel u. a. aufweisen. Da- 
gegen stellen Lattmann -Müller die stamme auf p-laut, k-laut, h 
und v, t-laut , liquida, s, u und die mit konjugationswechsel 
gleich hinter einander zusammen , unbekümmert um die conju- 
gation , welcher das betreffende verbum folgt. Mir scheint 



Nr. 1. 3. 4. Lateinische grammatik. 7 

die letztere methode die richtigere zu sein, weil durch sie der 
überblick über eine sprachliche erscheinung im Zusammenhang 
ermöglicht und also erleichtert wird. — Die adverbien, präpo- 
sitionen und conjunctionen bespricht Blank wie gewöhnlich hin- 
ter dem verbum impersonale, während Lattmann-Müller die ad- 
verbien im anschluss an die adjektiva, die präpositionen in Ver- 
bindung mit den von ihnen regierten casibus (an welcher stelle 
Blank dieselben freilich auch wiederholt), die conjunctionen in 
Verknüpfung mit den satzverhältnissen richtigerweise behandeln. 
Das kapitel über die Wortbildung konnte füglich ganz wegge- 
lassen werden. Während also Blank in adoptirung des grund- 
satzes , dass die resultate der Sprachvergleichung auch in die 
schule einzuführen seien, weit über seine Vorgänger hinausgeht, 
hängt er in der anordnung des stoffes zu sehr an der alten 
methode. Entschieden zu weit geht derselbe, wenn er, um die 
schulgrammatik zu vergeistigen, Spracherklärung und sprachent- 
wickelungsgeschichte in dieselbe einfügt. Hierin überschreitet 
er einerseits oft das mass, andrerseits stellt er mit apodikti- 
scher gewissheit behauptungen auf, die noch lange nicht so 
ganz sicher begründet sind. Unter das überflüssige rechne ich 
z. b. die in anm. 17 gegebene andeutung über die allmähliche 
entwickelung der casusendungen , ferner die an die flexion des 
verbum angeknüpften ausführlichen erörterungen über die ent- 
stehung der ternporalsuffixe aus dem hülfszeitwort esse und 
über deren Wandlungen bis in die klassische zeit in anm. 59 — 
66; dann anm. 111 — 20. Vergleichungen mit dem griechischen, 
gothischen, alt- und mittelhochdeutschen mögen in richtiger be- 
schränkung immerhin gegeben werden. In der Stufenleiter der 
vokalübergänge folgt Blank der von Corssen gegebenen erwei- 
terung der vokaltafel Ritschis , der ein zurückgehen von e zu 
u, und von i zu e nicht gelten lässt ; warum ? gibt er nicht 
an. In der Schreibweise cum hat sich Blank von Lattmann- 
Müller und Schultz, die noch das alte quum bieten , mit recht 
entfernt. 

In der lehre vom Satzgefüge , die ich beispielshalber aus 
der syntax herausgreife, weicht Blank sehr von seinem vorbild 
ab, leider nicht zum vortheil seines buches. Denn indem er, 
— der deutschen parallelgrammatik zu liebe, die den ersten 
theil des ganzen werkes bildet — die Untersätze in Substantiv- 



8 3. 4. Lateinische grammatik. Nr. 1. 

adjektiv- und adverbialsätze theilt und dann wieder in die ent- 
sprechenden Unterarten (so die substantivsätze in sechs klassen), 
sieht er sich veranlasst, den grammatischen stoff vielfach aus 
einander zu reissen und an verschiedene platze zu vertheilen 
und schafft so das gegentheil von dem beabsichtigten — Un- 
klarheit und Verwirrung. So werden die regeln über den acc. 
c. infinitivo zersplittert, indem die sätze mit sinere und pati 
unter die ergänz ungssätze, die mit credere, dicere u. s. w. unter 
die behauptungssätze fallen. Im anschluss an letztere wird nun 
die oratio obliqua eingeschaltet. — Am schlimmsten ergeht 
es den relativsätzen. "Während die determinativen, als letzte 
klasse der substantivsätze, unter diese gezogen werden, folgen 
dann als neue klasse die attributiven relativsätze, und an diese 
schliessen sich, als erste klasse der adverbialsätze, die lokal- 
sätze; in einem anhang p. 388 ffl. werden noch diejenigen re- 
lativsätze behandelt, deren modus der conjunctiv ist. Nach 
meiner ansieht bieten jene drei ersten arten nichts, was in eine 
schulgrammatik gehört, und sind sammt den massenhaften bei- 
spielen (s. p. 340 — 43) überflüssig; wenn sie aber einmal be- 
handelt werden sollen^ so müssen sie zusammengefasst werden. — 
Dieselbe trennung erleidet cum; das temporale wird in §.466 — 
70, das kausale in §.477—79, das concessive in §. 499 — 502 be- 
handelt. Die sätze, welche von verben des verhinderns abhän- 
gen, werden mit grösserem rechte ins gebiet der absichtssätze, 
als in dasjenige der wirkungssätze eingefügt. Unter den fünf 
Unterarten der modalen Untersätze (p. 361) fehlen durch ein 
versehen "die concessivsätze. Ungebräuchliche namen wie: „fak- 
titiv-, mediativ-, proportional-, restriktivsätze" dienen durchaus 
nicht zur klärung der Satzverhältnisse für den schüler. Der 
abl. absolutus wird nicht in anschlnss an den ablativ, sondern 
ziemlich am Schlüsse der ganzen syntax behandelt. — Die 
zu den regeln angeführten belegsteilen sind oft über gebühr 
ausgedehnt; zu tadeln ist, dass sie bald mit voller quellenan- 
gabe versehen sind, bald ohne angäbe des autors oder der 
stelle angeführt werden. — Ein angehängtes register erleich- 
tert das auffinden, das sonst sehr erschwert wird, indem der 
vf. haupt- und untertheile äusserlich zu wenig hervortreten 
lässtj auch sucht man vergebens zu anfang ein summarisches 



Nr. 1. 3. 4. Lateinische grammatik. 9 

inhaltsregister , das den inhalt der einzelnen paragraphen und 
Seiten angäbe. 

Haben wir demnach bei Blank eine gewaltige Umwälzung 
und zerreissung des syntaktischen Stoffes, namentlich der syn- 
taxis verbi gefunden , so dass man mit recht sagen kann , er 
habe dem logischen Zusammenhang der satzformen zu liebe 
das princip aufs äusserste getrieben, so verhält sich dem gegen- 
über Schultz ganz konservativ, indem er der altbewährten me- 
thode folgt und die systematisirung der 'grammatik verwirft. 
Das hauptverdienst seiner Sprachlehre besteht meines er- 
achtens in der exakten einzelforschung und in der sorgfältigen 
registrirung des Sprachgebrauchs der klassischen autoren. 

So ist z. b. Schultz genau (§. 94) in der aufzählung der 
particc. perfecti von deponentia mit passiver bedeutung; bei 
Blank dagegen fehlen : comitatus, dignatus, fabricatus , interpreta- 
tus, meritus , mensus und seine composita (bis auf dimensus) mo- 
deratus, p actus , populatus. — Während Blank über das genus 
der Wörter nur das nothdürftigste bietet, geht Schultz mit be- 
rücksichtigung der fleissigen Zusammenstellung bei Neue ins 
einzelne ein, s. die bemerkungen über cupido, penus, dies und 
die städtenamen; nur fehlt unter den masculinis Orchomenus und 
Croto; Marathon, Pessinus, Selinus müssten richtiger als schwan- 
kend bezeichnet werden, nicht als feminina. — In betreff 
der verba ponere, collocare u. s. w. giebt Blank nur die hauptre- 
gel, ohne die ausnahmen irgendwie zu beachten; weit eingehen- 
der behandelt Schultz die regel. Denn indem er die stellen, an 
denen der accusativ sich findet, zum grossen theile citirt und 
aus Caesar und andern autoren belegt, ergänzt er Neue's For- 
menlehre II, p. 550, der diesen Sprachgebrauch ziemlich ober- 
flächlich behandelt, zumal er keine einzige der Cäsarstellen an- 
führt. Aber selbst in dieser fassung ist die regel noch unvoll- 
ständig, wie sich aus folgendem ergibt. 

Deponere cum acc. findet sich: Liv. 23, 11, 6: se coronam Ro- 
mae in zxam Apollinis deposuisse. Iust. 4 , 5, 8 : Demosthenes et 
Nicias et ipsi victi exercitum in terram deponunt. 

exponere in locum an folgenden stellen : Caes. BC. 1, 31 : neque 
adfectum valetudine filiuni exponere in terram patitur. Liv. 34, 8: 
ibi copiae omnes praeter socios navales in terram expositae. Liv. 
37, 28: armatis in litora expositis terra marique simul hostis oppri- 
mere. Suet. Claud. 25: cum quidam aegra et affecta mancipia in 



10 3. 4. Lateinische grammatik. Nr. 1. 

insulam Aesculapii taedio medendi exponerent. Vell. Pat. 2, 79, 4: 
legiones expositae in terram. — exponere in loco: Liv. 28, 44: dum 
expono exercitum in Africa. Suet. Caes. 4 : expositis in \\iore. ibid. 
10: in quibus pars apparatus exponeretur. Iust. 18, 1, 3: exercitum 
in porfa< Tarentino exponit. ibid. 22, 5, 2 : exposito in Africae litore 
exercitu. Plin. NH. 35, 7, 52: gladiatoria munera in publico exponi. 
Cic. div. in Caec. 8, 27 : vitam in ocu^'s conspect»que omnium expo- 
nere. Also kann der ablativ nicht als das seltenere angegeben werden. 
imponere in locum ist richtig als das überwiegende angegeben. 
Ausser den von Neue und Schultz angeführten stellen (Plaut. Most. 
2, 2, 4. Pers. 4, 6, 9. Ter. Andr. 1, 1, 102. Cic. Tusc. 1, 35, 85; Caes. 
BC. 3, 14. BG. 1, 42) sind noch beweisend: Plaut. Rud. 2, 3, 27: 
et quicquid domi fuit in n&vetn imposivit. Caes. BC 5, 51 : eo mu- 
lieres imposuerunt. BC. 3,6: quo maior numerus militum posset 
imponi. ibid. 3, 103: aeris magno pondere ad militarem usum in na- 
ves imposito. Liv. 24, 40 : militibus in onerarias impositis altera die 
Oricum pervenit. Liv. 30, 2: novos milites in naves imposuit. 37, 
25 : Masinissam non in patrio modo locasse regno , sed in Syphacis 
regnwm imposuisse. Nep. Dion. 4, 2: omnia in nav^s imposuit. Cic. 
Ep. ad Farn. 8, 17, 1: cuius amicitia me paulatim in hanc perditom 
causam imposuit. 

proponere in loco: Cic. Ep. ad. Att. 8, 9, 2: ille in publico pro- 
posuit epistolam illam. Cic. Quinct. 19, 50: libelli in celeberrimis 
lom proponuntur. Plin. NH. 35, 4, 22: picturam proposuit in latere 
curiae Hostiliae. ibd. 23 : oppugnationesque depictas proponendo in foro. 
reponere in locum (in eigentlicher bedeutung): Cic.Ep. ad Brut. 
1, 16, 4: qui in eius locum reponi pateretur. Liv. 29, 19: duplam- 
que pecuniam in thesauros reponi. Verg. Aen. 1, 253: sie nos in 
seeptra reponis? ibid. Georg. 4, 157: in medium quaesita reponunt. 
Hör. Sat. 2, 4, 39: languidus in cubi/wm iam se conviva reponet. 
Petr. 110: ego etiam repositum in pristimm äecorem puerum gaude- 
bam. Plin. NH. 17,23, 205 : totus mergus abseiditur reponiturque altius 
in terr«m; öfter bei Celsus und Columella. — reponere in loco: Cic. 
Nat. deor. 2, 49, 125: grues in tergo praevolantium colla et capita 
reponunt, ibid. Verr. IT, 4, 3, 5: quae sacra reposita in capiMws su- 
stinebant. Liv. 26, 15: Fulvius aeeeptas literas cum in gremio repo- 
suisset. ibid. 29, 21: omnem sacram pecuniam in thesaurw reposiie- 
runt. Ovid. Met. 10, 269: moVibus in plumtä tanquam sensura repo- 
nit. Val. Flacc. 3, 339: hunc .... celsoque reponit in ostro. 

supponere in locum: Cic. Verr. II, 5, 30, 78: cum vulgo loque- 
rentur suppositum in eius locum. Iust. 7, 3: in quaruin locum ma- 
tronali habitu exornatos iuvenes supposuit. 

Iransponere in locum findet sich ausser bei Iust. 23, 3 und Gell. 
NA. 12, 6 auch in folgenden stellen: Tac. Ann. 2, 8: erratumque in 
eo quod non subvexit aut transposuit militem dextras in terra* (al- 



Nr. 1. 3. 4. Lateinische grammatik. 11 

lerdings eine korrupte stelle). Plin. Ep. 10, 69, 2: erit enim facile 
advecta fossa onera transponere in flumera. Gell. NA. 4, 5, 3: illam 
statuam suaserunt in inferiorem locum perperam transponi. 

ponere in locum findet sich auch bei Ov. Met 8, 452: in flam- 
mam triplices posuere sorores. Grell. NA. 3, 15, 12: coronis suis in 
capwtf patris positis. Sil. Ital. 11, 445 : et in mwros posuisse volentia 
saxa. Zweifelhaft bei Liv. 38, 35: in aecfem Herculis posita, wo auch 
aede gelesen wird. 

cottocare in locum gebrauchen Plautus und Terentius öfter, ausser 
ihnen auch Sali. lug. 61, 2: exercitum in provinciam hiemandi gratia 
collocat. Cels. 8, 7 : ubi ea in saam seäem collocata est. Zweifel- 
haft bei Caes. BG-. 2, 30: tanti oneris turrirn in muros sese collocare 
confiderent. 

considere in locum steht zweimal bei Liv. 30, 2 : Arpini terra cam- 
pestri agro in mgentem sinum consedit. 45, 7 : introdnctum .... 
in consilräm considere iussit. 

statuere in locum verwendet Ter. Ad. 3, 2, 18: sublimem medium 
primum arriperem et capite in terram statuerem, und Val. Max. 3, 
1, 2, 24: ipsum Marium illo loci statuisses. 

Ob constituere in locum bei Cic. Verr. II, 1, 30, 77 zu lesen sei, 
ist zweifelhaft. 

Daran knüpfe ich noch einige bemerkungen über die be- 
handlung des genetivs. Im ganzen stimmen Lattmann- Müller 
und Blank üb er ein , indem sie, systematisch zu werke gehend, 
die abhängigkeit desselben von nominibus (substantivis und ad- 
jectivis) und verbis zum eintheilungsgrunde machen; im einzel- 
nen weichen sie von einander ab. Richtig ist es , wenn Latt- 
mann-Müller den prädikativen gebrauch des possessiven und 
qualitativen genetivs im anhang zusammenfassen und nicht in 
jedem paragraphen die attributive und prädikative anwendung 
scheiden; ferner wenn sie den gen. pretii unter den von ver- 
bis regierten rechnen. Dagegen verfährt Blank richtig , wenn 
er piget u. s. w. sowie interest unter den genetiv einreiht und 
ebendahin die regel über indigere verlegt; freilich ist er im ein- 
halten des Systems zu peinlich, wenn er die verba des erinnerns 
in zwei regeln sondert nach dem transitiven und intransitiven 
gebrauche. U eberflüssig ist ferner, dass er im anhang an den 
substantivischen genetiv alle die fälle mit solcher ausführlich- 
keit erörtert, in denen statt der genetive des personalpronomens 
das possessivpronomen eintritt, sowie diejenigen, in denen ein 
attributives adjektiv oder eine präpositionale Umschreibung ge- 
setzt wird. — Schultz geht von zwei hauptarten des genetivs 



12 5. Homeros. Nr. 1. 

aus: subiectivus und objectivus; bei den übrigen arten vermisst 
man nun eine bestimmung darüber, ob sie auch als hauptarten 
oder vielmehr als Unterarten zu betrachten seien. Im übrigen 
befolgt er ziemlich dieselbe reihenfolge, ohne gerade das Sy- 
stem äusserlich ebenso hervortreten zu lassen wie die oben 
genannten Verfasser. Auch in behandlung dieses casus zeigt 
sich Schultz genauer als Blank; denn, um nur ein beispiel her- 
auszuheben, man vermisst bei Blank unter den einen genetiv 
regierenden participiis : intellegens (Cic. Fin. 2, 20. Tac. Ann. 5, 
8), metuens (Cic. post red. in sen. 2, 4. p. dorn. 26, 70. Liv. 22, 3 
u.s. w.), observans (Cic. p. Quinct. 39. ad Quint. fr. 1, 2, 3. Plin. 
Ep. 7, 30. 10, 11), tolerans (Tac. Ann. 1, 4), temperans (Tac. Ann. 
13, 46. Plin. Pan. 52, 2), cupiens (Tac. Aon. 1, 75. 14, 14. 
16, 2). Zum Schlüsse spreche ich den wünsch aus, dass Schultz 
in einer neuen aufläge endlich solchen Schreibweisen wie mil- 
lia, quum entsagen möge. C. Härtung. 

5. Scholia ad Odysseae 1. XIII ex codicibus mss. Veneto 
et Monacensi edita ab A. Lud wich. 4. Programm. Königs- 
berg. 1872. 22 s. 

Eine willkommene besehreibung des Monac. 233 (V.) und 
des Venetus 613 (M), die genaueste die wir bis jetzt haben, 
bildet die einleitung. Ludwich weicht von La Roche ab in der 
annähme, welche theile des Monacensis von den vier verschiede- 
nen händen geschrieben sind, namentlich in betreff von M 2 und 
M 3 ; er glaubt sogar dass M 3 mehreren personen angehört und 
nimmt für die scholien, ausser M 1 und M 2 die auch am texte 
geschrieben haben, noch fünf Schreiber (M a — e) an. Von of- 
fenbaren verschreibungen abgesehen sind zu bemerken : 82 
ipda&Xijg V, 98 noxi nznii]vlai V, 208 sXojq V, 261 dXcpijzdg 
V, 438 yg. d' eatQoqiog M für 8s azgöcpog. Mehr gewinn möchte 
sich für den text der scholien ergeben , wie denn M a 244 nüv 
für nsQi bietet, und 12 yfieig für vpsig. Auf alte tradition geht 
nur wenig zurück, so 185 dnoXvzog ?) tjfuv M a , wo Dindorf ijfxiv; 
222 die bekannte bemerkung über zni in intßazogi M a , cf. 405 ; 
234 o ngwTog (sc. rf) o^vvezat, b devregog (i. e. //) negiOTzüzai; 
vielleicht auch 256 die andeutung von M b dass negi bei 'lud- 
xijg zu ergänzen sei; gewiss aber 152 (patdxcov nöXtg ininXa- 
azog , o&ev nal dcparrt&ijvat, avzi}v cpifilv "Optjgog gjojisq xal er 



Nr. 1. 5. Homeros. 13 

'!Xid8i ro vno rav 'EXXtjvwv xaraaxsvaa&ev rsfyog M a , woraus 
deutlicher als aus seh. Q. bei Dindorf sich ergibt, dass Aristarch 
die Phaeaken als ein beispiel benutzte, um die schiffsmauer als 
ein ungeschichtliches nXd<5\ia zov noirjzov nachzuweisen. Vs. 190 
wird fiiv durch avrrp rtjv yi]v erklärt, also die geistreiche, aber 
unrichtige erklärung des Aristophanes (Ithacam Ulixi) anerkannt. 
Ganz unbekannt war bis jetzt die notiz des Aristonikos v 46: 
navtoitjv^ oti xatd ib oimnmfiEvov ijxovaev o OSvaaelg nsgl 
(nicht: nagd)täv KvxXmncov. Alles übrige aber, was von scho- 
lien nicht bei Dindorf steht, weist nicht eben auf alte gelehrte 
Überlieferung. Vs. 381 citirt M a den Aeschylos, 142 M b eine 
philosophische meinung über wasser und luft, die auf neuplato- 
nischer Überlieferung ruhen könnte. Die überwiegende menge 
aber beschäftigt sich mit erklärungen, die zum guten theil den 
bedürfnissen von schillern dienen , so wenn gegen vierzigmal 
poetische formen durch andre erklärt werden , sogar toi öfters 
durch aoC oder 308 zq> durch un, 104 fVfiqjdtav durch vvpqiwv, 
268 dygö&sv durch ix zov dygov , oder die pronomina durch 
angäbe der substantiva auf die sie gehen, z. b. 112 rj (xiv\ 
vavg M a . Andre sind einfach Umschreibungen oder glossen, 
meistens aus dem bedürfniss des augenblicks entstanden ; so 
214 IlvXovds] nöXig JlsXojTOH'Tjaov M d , 260 'OgciXo^ov] tbv 
naida tov 'idofxEvjjog M> V. Einzelne verdienen berücksichti- 
gung, so 261 dXcptjzdg] . . . % zovg dXyCzag (sie) zgecpofjtsvovg. 106 
u&aißäoöovait] ?] ßofxßovai xal rnovaiv M a . Sacherklärungen 
sind auch sehr häufig. So wird 182 die zahl zwölf durch die 
zahl der zwölf winde gerechtfertigt, zwar unrichtig aber cha- 
rakteristisch für diese erklarer; 377 wird eine rechtfertigung 
des zgiszsg gegeben und 397 bei dyvcoazov ndvzsaai das beden- 
ken wegen der erkennung durch Eurykleia gehoben. Auch 
sonst wird vielfach auf inhalt und gedankenzusammenhang rück- 
sicht genommen. Von den paar versuchen in etymologie ist 
recht unglücklich ausgefallen 434 pav] ix zov i zgizov ngoaa- 
nov . . . ngoaXi^xpei zov p xal |», besser die vergleichung von 
113 ätdQaxäg mit sxdg und ivzvndg. 280 del/zvov i. e. petf 
o ösi novilv weist wieder auf alte Überlieferung. Bemerkens» 
werth ist die Schreibart des M a ot>/, ferner 81 ifi nedim V, 
und 7(6} Öiazovzo M b . Beispiele des iotacismus sind 144 rt- 



14 6. Homeros. Nr. 1. 

asig für vtoig, 280 /nvTJartjg für fivTJatig, s. 295. Ästerisci fin- 
den sich in M. (M a ?) bei 430—3. 

Gtiseke. 

6. Das elfte lied vom zorne des Achilleus nach Karl Lach- 
mann, herausgegeben von Dr phil. Hans Karl Ben icke n. 
8. Barmen. 1872. — 10 gr. 

jäiaiQOv OKonüt; rovg naaovg ö" säv l&yeiv. So lautet das 
motto dieser kleinen schrift, welche im wesentlichen als repro- 
duktion eines collegienheftes anzusehen ist. Referent, der vor 
nunmehr achtzehn jähren in einer Vorlesung über die Uias die 
kritik Lachmanns vortragen hörte, glaubt zu diesem urtheile 
berechtigt zu sein, da er in der schrift nicht nur den inhalt 
seines eigenen collegienheftes so ziemlich wiederfindet, sondern 
auch sogar manche von dem vortragenden beliebten worte und 
Wendungen. So wurden z. b. die grossen philologen und die 
anhänger Lachmanns einfach bei ihrem namen genannt, die 
gegner bekamen den titel herr, und Bäumlein erhielt als be- 
sondere auszeichnung noch den unbestimmten artikel vorge- 
setzt. Dies hat der Verfasser mit besonderer treue beibehalten; 
wir finden sogar die beliebte Wendung wieder : „aber halt, da 
kommt ein herr Bäumlein und meint". Es verdient übrigens 
hier bemerkt zu werden , dass der Verfasser Bäumleins abhand- 
lung gar nicht gelesen hat und auch nicht für lesenswerth hält, 
aus dem einfachen gründe, weil Düntzer sie lobt. „Ich kenne 
die absichten der regierung nicht, aber ich missbillige sie". 
Benicken bringt ferner zweimal den gedanken, dass es ehren- 
voller sei, sich mit liebe nnd treue der fübrung eines for- 
schenden gelehrten hinzugeben, als eigene unerwiesene fündlein 
vorzubringen. Auch uns wurde dieselbe Weisung in jenem col- 
leg zu theil , und jungen Studenten gegenüber war sie gewiss 
am platze. Dass aber Benicken die kaum empfangene Weisung 
sogleich weiterbefördert, und zwar an Friedländers adresse, dies 
hat ihm sein lehrer sicher nicht, aufgetragen. Wenn übrigens 
der Verfasser den t kämpf gegen die anhänger der einheit als ei- 
nen kämpf der wahrheit gegen die lüge bezeichnet, wenn er 
mehrfach von den heutigen sogenannten philologen und kriti- 
kern redet , auch wenn er Friedländer gnädig ein bedingtes 
lob spendet, so darf man diese unangenehm berührenden dinge 



Nr. 1. 7. Homeros. 15 

nicht ohne weiteres als Selbstüberhebung verurtheilen , es ist 
hauptsächlich nur ein unbedachtes nachsprechen fremder worte, 
wofür die eigene partei ihn zurechtweisen mag. 

Um aber doch etwas eigenes und neues zu bringen , er- 
zählt uns Benicken zweimal, am anfang und am ende seiner 
schrift, dass er auf vergnügen und geselligkeit consequent ver- 
zieht leiste, und führt dabei einen scharfen seitenhieb gegen die 
sogenannten jünger der Wissenschaft, die sich nach den amtsgeschäf- 
ten auch eine erholung gestatten. Wir können dem Verfasser 
im beiderseitigen interesse nur den rath geben , es auch so zu 
machen wie die andern-, er selbst wird dann von hypochondrie 
verschont bleiben und wir von der Verpflichtung, noch mehr 
derartige sachen von ihm zu lesen. 

Eine wissenschaftliche hritik der vorliegenden schritt konnte 
hier nicht gegeben werden, einestheils wegen mangel an räum, 
anderntheils , weil der wissenschaftliche inhalt auf Lachmann 
zurückführt. Was über dessen teichomachie zu sagen ist, wird 
im Philologus bd. XXXIII, hft. 1 und 2 seine stelle finden, 
also in nächster zeit zu lesen sein, 

L. G. 

7. De vestigiis iuris gentium homerici. Scripsit Th. Sor- 
genfrey. 8. Lipsiae, H. Haessel. 1871. — 15 ngr. 

Bei dem grossen interesse, welches allen homerischen fra- 
gen, auch den scheinbar untergeordneten, entgegenkommt, muss 
eine arbeit wie die obengenannte, welche einen der wichtigsten 
punkte aufs neue zu untersuchen sich vorsetzt, doppelt will- 
kommen erscheinen. Die absieht des Verfassers geht dahin, der 
ansieht Heffters gegenüber nachzuweisen, dass in dem heroen- 
alter ein demjenigen, welches wir Völkerrecht nennen, entspre- 
chendes verhältniss anzunehmen sei ; der gang der Untersuchung 
aber ist so eingerichtet, dass zuerst in den friedlichen , dann in 
den kriegerischen vorgäügen alles , was auf einen völkerrecht- 
lichen zustand hindeutet, aufgezeigt wird. So ist denn zuerst in 
betracht gezogen der handelsverkehr als ohne völkerrechtlichen 
schütz undenkbar (wobei nur aus dem handel «, 182 ff., v, 
384 nicht bestimmt auf einen griechischen handeis st and zu 
schliessen sein wird), ferner die gastfreundschaft gegen fremde, 
gegen bettler, die beschützung namentlich der sujoplices, die 



16 7. Homeros. Nr. 1. 

auch vom feind zu ehrende würde des priesters. Wenn man 
aber bis hierher dem verf. unbedenklich folgen wird, so ist dies 
nicht so leicht bei dem abschnitt über den seeraub , wo mit 
grosser entschiedenheit versucht wird, die ansieht des Thuky- 
dides (I, 5) zurückzuweisen. Doch — lesen wir vorläufig wei- 
ter — so ist zunächst auffallend , dass der Verfasser sofort zu 
den kriegerischen Verhältnissen übergehend sich der ansieht Nä- 
gelsbachs anschliesst: „die kriege der heroenzeit waren nicht 
eroberungskriege u. s. w. sondern raub- und rachekriege", wo 
doch wohl bei raubkriegen nicht wieder an rachekriege, sondern 
nach Wortlaut und Zusammenhang an andre, also offensive Un- 
ternehmungen zu denken ist, so dass wir diese stelle nicht in ein- 
klang mit der vorigen bringen können. Im weitern wird er- 
innert hinsichtlich der führung der kriege an das vielfach scho- 
nende verhalten des siegers gegen den besiegten , an die sitte? 
die todten zum behuf des begräbnisses gegenseitig auszuliefern, 
an die herolde und ihre unverletzlichkeit, an die vertrage und 
ihre heilighaltung (mit besondrer rücksicht auf die Zweikämpfe), 
auf das bundesgenössische verhältniss der Griechen zu einander 
(wo zu zeigen gesucht wird, dass Achilles, weil freiwillig am 
heereszug theilnehmend, berechtigt ist sich zurückzuziehen), end- 
lich an die heilighaltung des Waffenstillstandes. Insofern nun 
die meisten dieser punkte unbestritten sind, kann die frage, ob 
wir hierin nur eine art religionsrecht oder ein Völkerrecht zu 
sehen haben, lediglich formalen werth zu haben scheinen. In- 
dessen warum soll man in diesen thatsachen nicht anzeichen 
eines völkerrechtlichen zustandes erkennen, wenn derselbe auch 
dem charakter der zeit gemäss nur in religiöser form erscheint? 
Stellt man die frage , ob aus scheu vor den göttern oder aus 
billigkeitsgefühl gegen den fremden diesem das gastrecht bewil- 
ligt, der Waffenstillstand heilig gehalten wird u. s. w., so wird 
man sich freilich zunächst für das erstere entscheiden müssen ; 
aber warum glaubt der Grieche den fremden unter göttlichem 
schütze stehend, wenn er nicht von dem gefühl des auch dem 
fremden zukommenden rechts geleitet würde? Im allgemeinen also 
darf man dem vf. wohl beistimmen, wenn er darauf besteht, in 
den vorgebrachten thatsachen die spuren eines völkerrechtlichen 
zustandes zu erkennen. Im einzelnen ist noch auf einen von ihm 
erwähnten, bisher unsres wissens nicht genug beachteten punkt 



Nr. 1. 7. Homeros. 17 

aufmerksam zu machen , nämlich auf die wenigstens zuweilen 
vorkommende sitte, den krieg förmlich anzukündigen, welche 
aus der sendung des Menelaos und Odysseus nach Troja .T205 
(wozu der verf. auch die des Tydeus nach Theben bezieht A 
384, E 803 f.) wohl zu schliessen sein dürfte. Doch — wen- 
den wir uns nach diesem überblick zu dem wichtigsten punkt 
zurück, zu dem versuch des verf. , die herkömmliche meinung 
von der sittlichen zulässigkeit des seeraubs im heroenzeitalter 
zu bestreiten — so wäre es zweckmässiger gewesen, die raub- 
züge unter der kategorie des kriegs zu besprechen, womit wohl 
der oben erwähnte Widerspruch wäre vermieden worden. Dass 
freilich die sache auch so noch schwierig genug bleibt, beweist 
schon die meinungsverschiedenheit in diesem punkt zwischen 
Thukydides und Aristarch (im schol. zu y 71 coli. Eust. p.1453), 
in neuerer zeit zwischen Schoemann und Nägelsbach - Auten- 
rieth, am meisten zeigen es die homerischen stellen selbst. 
Gehen wir aus von A 151 ff., so enthält zwar diese stelle 
durch den causalsatz : insl fiäXa noXlk ^isra^v ] ovqsu rs .... 
rj^rjiaaa allerdings die meinung: wenn die Troer den Hellenen 
benachbart wären, würde es an solchen raubzügen wahrscheinlich 
nicht gefehlt haben, und spricht keine verurtheilung solcher züge 
aus; aber der ton der ganSen stelle zeigt doch, dass Achilles 
wenigstens für seine person, sofern er nicht um der Atriden 
willen kämpft, den Troern gegenüber nicht bloss keinen an- 
lass zum kriege zu haben glaubt (ins), o'v tt \ioi ai'ziot siaiv) 
sondern fast bedenken trägt ihnen ohne solchen grund schaden 
zuzufügen. Dazu nehme man, dass wir von keinen streifzü- 
gen der Achäer in der gegend von Troja näheres hören ausser 
von dem nach Thebe [A 366 ff., Z 415 ff.); also gegen einen 
den Troern eng verbündeten ort, und dass Achilles, während 
er dem krieg fern bleibt, nicht etwa, wie doch von den söh- 
nen eines so raub- und rauflustigen Zeitalters könnte erwartet 
werden , auf eigne faust mit seinen Myrmidonen streifzüge in 
die nähe oder ferne unternimmt, sondern unthätig im zelte sitzt. 
Wogegen man nicht wird einwenden wollen, dass solche streif- 
züge der absieht Achill's zuwider den Troern nachtheil ge- 
bracht haben würden, — eine offenbar den homerischen helden 
fremdartige berechnung. Bei der andern hierhergehörigen stelle 
der Ilias A 670 ff. (Nestor's erzählung von den kämpfen der 
PhiloL Anz. y. 2 



18 7. Homeros. Nr. 1. 

Pylier und Epeer) ist es augenscheinlich, dass alle züge der 
Pylier defensiv- und rachezüge sind. Doch weiter! Bei a 398 
und %p 357 ist es schwer zu glauben, dass wir (bei erwähnung 
der früher erbeuteten sklaven des Odysseus und vollends bei 
seinem Vorsatz , für die ihm von den freiem zu grund gerich- 
teten heerden sich viele andre zu erbeuten) an blosse defensiv- 
züge denken sollen. Und die Kikonen! Schoemann's (von 
Sorgenfrey für seinen zweck verwendete) bemerkung, dass die- 
selben nach B 846 verbündete der Troer gewesen, wird schon 
nicht jedermann beruhigen; aber nehmen wir sie auch an, oder, 
was unter solchen umständen ebensowohl zur rechtfertigung die- 
nen kann, dass mangel auf den schiffen des Odysseus zur plünde- 
rung getrieben , so hilft doch beides nichts , da Alkinoos und 
seine gaste nichts davon wissen, Odysseus aber es für völlig über- 
flüssig hält, irgend eine begründung zu geben. Dass also 
seeraub und plünderung nichts unerhörtes, wenigstens nichts 
durchaus entehrendes gewesen, steht kaum in zweifei. Aber 
muss denn nur das eine oder andre der fall sein ? Wenn Nestor 
die angekommenen fremden nach dem mahle fragt (y 71), wer sie 
seien, ob sie auf erwerb ausziehen oder auf seeraub: 

co %eivoi, rCvse iazi; no&ev nXütf ifga nsXsv&a ; 

i\ 7i xclto. tiqTj^iv i] fiaxpiSicog aXüXqo&e KtX.j 
so lässt sich dies so und so erklären. Die Unbefangenheit, mit 
welcher der alte fragt, die antwort, welche nichts von dem ge- 
fühl erfahrener kränkung verrath, beweisen für die ansieht des 
Thukydides. Andrerseits ist es nicht zu verkennen , dass in 
den Worten [iaxfjiöiüjg ... xpvxag nagOi^itvoi^ xaxbv aXXodanotai qie- 
QOftst; immerhin etwas tadelndes liegt, nur nicht so sehr, dass der 
angeredete sich dadurch tödtlich beleidigt fühlen musste. Wenn 
an der andern stelle, wo wir diese worte lesen, X 253 — 54 (im 
mund des Kyklopen) ihre echtheit bestritten ist, so beweist 
doch die Wiederholung selbst, dass man sie schon im alterthum 
auch im tadelnden sinn verstand. Und ist es nicht wohl denk- 
bar, dass in einer zeit, wo das haus nur selten Zuspruch von 
unbekannten erfuhr, im gefühl der eignen Sicherheit auch sol- 
chen fremden gerne aufnähme gewährt wurde , zu deren be- 
schäftigung man nicht das beste vertrauen hatte, dass man aber 
bei aller gastlichkeit ihnen solche meinung auch offen zu verstehen 
gab? Es bleibt noch die schwierigste stelle zu betrachten, £ 



Nr. 1. 7. Homeros. 19 

199 — 265 (q, 425 ff.)- Hier hat wohl Sorgenfrey recht gegen 
Autenrieth, welcher letztere v. 262 unter vßgig den ungehorsam 
gegen den anführer versteht, eine erklärung, die im Zusammen- 
hang nicht begründet ist und dem sonstigen gebrauch des Wor- 
tes widerspricht. Denn dieses bedeutet in der Ilias (z. b. von 
Agamemnon gebraucht A 203) wie in der Odyssee (von den freiem 
z. b. 8, 627) denjenigen übermuth, der in gewaltthat und zu- 
fügung von schaden sich äussert. Allein Autenrieth würde 
zu dieser erklärung nicht gekommen sein, wenn der Zusam- 
menhang nicht wäre. Was nämlich den zweck dieses zuges 
mit neun schiffen betrifft, so hat Autenrieth sicherlich recht 
und Sorgenfrei unrecht. Die durch nichts begründete vermu- 
thung , dass an eine handelsfabrt zu denken sei, ist vollends 
unhaltbar angesichts von v. 230, wo den zuhörer nichts ver- 
anlassen konnte, unter den neun fahrten des erzählers handels- 
oder raehezüge zu verstehen. Aber lässt sich diese unsre auf- 
fassung mit dem ißgsi e'i'!;avTeg (262) vereinigen? Es scheint doch. 
Der Kreter (Odysseus) sucht abentheuer, sucht beute, geht aber 
nur zögernd in den kämpf und — thut dem feind nicht mehr 
schaden als nöthig. So geht er freilich auch hier auf raub aus, 
aber eine viehheerde würde ihm genügen, daher sendet er Wäch- 
ter aus, einen kämpf wo möglich zu vermeiden ; ein verwüsten 
aber der felder, raub von weibern und kindern , morden der 
männer liegt nicht in seinem plan. So kann er, obgleich selbst 
auf raub ausgegangen , das thun seiner leute vßgig nennen. 
Alles in allem — ergiebt sich, dass die Ilias nichts enthält von 
einer billigung des räuberhandwerks, dass dagegen die Odyssee 
eine laxere ansieht darbietet, doch mit einigem schwanken, in- 
sofern aus raub und plünderung kein hehl gemacht und kein 
schimpf damit verbunden wird , andrerseits doch eine gewisse 
missbilligung, namentlich bei ausschreitungen, zu erkennen ist. 

Aber noch an einem andern punkt war eine eingehendere Un- 
tersuchung möglich, da nämlich, wo von den causae bellorum ge- 
handelt wird. Denn dass kriege geführt wurden um beute zu 
machen und räche zu üben , ist doch nicht alles , was hier zu 
bemerken war. Es ist hier die frage, welches gefühl die strei- 
tenden haben von der gerechtigkeit ihrer sache. Dass die 
Griechen den raub Helena's überall als schändlichen frevel an- 
sehen und ihre sache als die gerechte, bedarf keines beweises. 

2* 



20 7. 8. Homeros. Nr. 1. 

Wäre aber weiberraub etwas gewöhnliches und für niemand 
befremdliches , so würde wohl auch krieg geführt , aber schwer- 
lich, mit solchem unmuth, solcher erbitterung gegen den frevler. 
Jedoch wie sehen die Troer die sache an? Mit dem einwand, 
dass, wenn auch sie den raub verurtheilen würden, eine Ilias 
nicht mehr möglich wäre, darf man solche fragen nicht abthun. 
Freilich liegt es in der natur der sache, dass die Troer nicht 
in gleichem grad wie die Griechen die schuld sich beimessen, 
aber gleichgültig über die that des Paris sind sie doch nicht. 
Wenn selbst Priamus zu Helena sagt JH164: oiüzC (xot alzir} iooi, 
&soi vi ftoi aizioi HCtv, also durch die Verneinung des gedankens 
die möglichkeit desselben zugibt , was werden dann die andern 
denken [Z 521 ff.)! Und die greise sprechen zwar, vom an- 
blick des schönsten weibes bezaubert, ov vifisaig — , aber vor- 
her sind sie, wie eben diese stelle zeigt, andrer meinung. Am 
interessantesten aber ist Hektors urtheil von der sache durch 
seine missbilligung (T 39 ff.), durch seine hinweisung auf den 
Unwillen des volks und die möglichkeit einer ausübung der 
volksjustiz [r 57, vgl. 453 — 54), aber allerdings noch durch 
ein drittes. Sobald Paris wieder etwas von ■ heldenmuth zeigt, 
ist wunderbarer weise Hektor völlig versöhnt. Der schimpf des 
bruders mag ihn betrüben, aber heldenkühnheit und — kraft 
können die schwersten fehler vergessen machen. Diese züge 
beweisen wenigstens , dass im bewusstsein der kriegführenden 
die gerechtigkeit der sache nicht ohne bedeutung ist, freilich nur 
bis zu einem gewissen grad, deuten somit auch auf ein bewusst- 
sein dessen, was wir Völkerrecht nennen. — Ueber andres, 
wie über die Vorgänge bei den ogxia } gestattet der zustand der 
homerischen gedichte kein sicheres urtheil. Hinsichtlich der 
bundesgenössischen Verhältnisse auf troischer und griechischer 
seite genügt es auf die schärfere Unterscheidung in Nägelsb. 
Autenr. Hom. Theol. p. 307 zu verweisen. 

A. Bischoff. 

8. Der besitz und sein werth im homerischen Zeitalter. 
Eine kulturhistorische skizze von Albert Haake, adjunkt 
am königl. pädagogium zu Putbus. 4. Berlin, H. Ebeling und 
C. Plahn, 1872. 

Wenn es auch keine bedeutenden wissenschaftlichen pro- 



Nr. 1. 9. Orpheus. 21 

bleme sind, mit denen die vorliegende abhandlung sich beschäf- 
tigt, so lässt sich doch die Schilderung der einfachen und na- 
turgemässen zustände des homerischen Zeitalters ganz angenehm 
lesen. Nur ist die bedeutung des besitzes für die Stellung des 
mannes wohl etwas zu einseitig hervorgehoben und der aristo- 
kratische grundzug im wesen der Hellenen zu sehr ignorirt. 
Dass die homerischen Griechen über edle abstammung ebenso 
dachten wie ihre nachkommen , zeigt sich doch deutlich genug 
in der art, wie die edlen geschlechter eine abstammung von 
den göttern prätendiren, und wird überdies auch geradezu aus- 
gesprochen in den worten des Menelaos an Telemach: 
Ov yao aqxpv ys yivog anöXcoXe toxi'icüv, 
a).V utdoäv ysvog iats /liorsgeyscov ßaailtjcav 
ax7]7Z70i%(ov' inel ov xs xaxol roiovgds rexotev. 

Dass der handel zu Homers zeit nur wenig entwickelt 
gewesen sei , schliesst der Verfasser aus der geringen achtung, 
mit welcher bei Homer vom kaufmannsstande gesprochen wird; 
ein irriger schluss, da auch z. b. Wolfram von Eschenbach nur 
verächtlich von dem stände der krämer redet, obwohl gerade 
zu seiner zeit der handel einen lebhaften aufschwung genom- 
men hatte. Es sind das eben nur aristokratische vorurtbeile, 
aus denen für die sache selbst durchaus nichts zu folgern ist. 

Eine zu idyllische auffassung ist es ferner, wenn gesagt 
wird, die habsucht sei zu Homers zeit zwar auch schon vor- 
handen gewesen, aber in einer nicht anstössigen weise. Wenn 
die richter sehr gewöhnlich für geld das recht verdrehen, oder 
wenn Seeräuber, ohne dass es ihnen tadel bringt, friedliche men- 
schen überfallen und erschlagen , um ihre besitzungen plündern 
zu können, so ist dies jedenfalls noch weit weniger erfreulich 
als unsere heutigen zustände es sind , denen der Verfasser die 
homerischen als glänzendes gegenbild glaubt vorhalten zu müssen. 

L. G. 

9. De veteris Orphicae Theogoniae indole atque origine 
scr. P. R. Schuster. Accedit epimetrum de Hellanici Theo- 
gonia Orphica. 8. Lipsiae, Lorentz. 1869. (100 s.). — 1 thlr. 

Vfr. stellt sich die aufgäbe nachzuweisen dass die hgol 
Xoyoi in 24 rhapsodien , welche die Neuplatoniker als or- 
phische theogonie benutzten, verschieden sei von einem alten 



22 9. Orpheus. Nr. 1. 

orphischen werke, aus welchem z. b. Plato schöpfte. Diese 
trennung hat er jedenfalls mit recht vorgenommen, aber er geht 
dabei von der Voraussetzung aus, letzteres werk sei eine theo- 
gonie gewesen, die allmälig zu einem grösseren umfang erwei- 
tert und so in die bände der Neuplatoniker gekommen sei. 
Nun ist in dem wahrscheinlich aus Epigenes entnommenen ver- 
zeichniss der werke des Orpheus bei Suidas eine theogonie un- 
ter diesem titel zwar neuerdings von Gaisford aus cod. A und 
nach ihm von Bernhardy aufgenommen, aber in corrupter ge- 
stalt und wahrscheinlich in folge von Interpolation. Onomakritos 
hätte jedenfalls zu seiner angestrebten mystischen reaction nicht 
seine rslsiai unterschieben, sondern eine orphische theogonie 
benutzen müssen, wenn er eine solche vorgefunden hätte. Auch 
Athenagoras , der darauf ausgeht eine allgemein bekannte or- 
phische theogonie zu nennen , nennt eine spätere. Es findet 
sich durchaus kein citat, welches in alter zeit auf den titel 
theogonie mit nothwendigkeit führt und es bedurfte also vor 
allen dingen des nachweises, dass dennoch ein solcher angenom- 
men werden müsse. Derselbe scheint uns nicht geliefert und 
ist nicht einmal geradezu in angriff genommen. Um das orphi- 
sche 'Qxeavog ngäzog ?]q^s yafioio (Plat. Crat. p.402A) in eine 
theogonie zu bringen, erklärt Lobeck : zuerst unter den brüdern ; 
noch gezwungener Schuster von einem iustum et auspicatum ma- 
trimonium, eine Unterscheidung zwischen canonischen und wil- 
den eben, die man unmöglich in alten theogonien annehmen 
kann. Die worte passen besser in ein einzelnes gedieht, z. b. 
eine Teleir) des Onomakritos, welches an einer beliebigen stelle 
und nicht vom urbeginn anfing, als in den Zusammenhang einer 
theogonie; und schon der zusatz ofiOfxi'jroQa Tij&vv zeigt, dass 
der dichter noch andre ehen vor der kannte, mit welcher er 
gerade anfängt. Da gerade Plato mit Vorliebe reXerdg und 
XQiiancpdiag erwähnt (Protag. 316. Eeip. p. 364. Phaedr. 244), hat 
man keinen grund gerade auf benutzung einer theogonie zu 
schliessen, und die vermuthungen über den Inhalt dieser plato- 
nischen theogonie, wie später die Untersuchungen über deren 
dichter (p. 57) schweben etwas in der luft. Leichter kann man 
Schuster zugeben, dass Plato's quelle die Nox als urquell der 
dinge ansah und dass alles was Neuplatoniker vor dieselbe 
stellen, späterer zusatz sei. In dem theile, der nach der Nox 



Nr. 1. 9. Orpheus. 23 

kam, glaubt der verf. (p. 27, etwas anders p. 36) dass Plato 
die bekannten verse Zei/g agx>1 , Zsvg /xe'aoa xzX. aus einer 
theogonie schöpfe, obwohl er (p. 88) und andere anerken- 
nen, dass sie den Charakter eines hymnus tragen. Dass sie 
in einer theogonie gestanden haben, ist nirgend überliefert; 
dagegen sagt Tzetzes ausdrücklich sie seien der anfang der or- 
phischen bymnen d. h. der alten, nicht dessen was wir so nen- 
nen. Freilich ist Tzetzes oft albern genug; aber dass er den 
anfang einer hymnensammlung von der mitte einer theogonie 
unterscheiden konnte , kann man ihm doch zutrauen. Ueber- 
zeugender ist der nachweis, dass die xatunoaig des Phanes spä- 
teren Ursprungs sei und wahrscheinlich erst in der theogonie des 
Hellanikos und Hieronymos vorkomme. Darauf führen einmal 
die Zeugnisse, dann aber auch, was freilich vf. leugnet, der um- 
stand dass die damit zusammenhängende theokrasie und pan- 
theistische anschauung späten Ursprungs sind. Man kann einzelne 
anfange bei früheren zugeben; zu einem theogonischen System 
aber sind sie erst spät vereinigt worden. Die zerreissung des 
Zagreus aber hatte Onomakritos in einer zeXezj] erzählt (Clem. 
AI. protr. 15. Paus. VIII, 37, 3) und wir haben durchaus kei. 
nen grund für sie auch eine theogonie desselben Schriftstellers 
anzunehmen. Dass der alte, vorhomerische Orpheus keine theo- 
gonie geschrieben (p. 58), geben wir gern zu. In die vermu- 
thungen über thrakische religion können wir dem vf. nicht folgen. 
Er scheint die gesammtmasse der Thraker als ein gleichartiges 
volk anzusehen, obwohl z. b. Paeonen und Odrysen ein ganz 
andres geschlecht sind als Pierer und Dier. Zum schluss be- 
stimmt vf. für die von ihm postulirte orphische theogonie aus 
allgemeinen betrachtungen abfassungszeit und dichter. Er fin- 
det die erzählung vom raube der Köre und der ankunft der 
Demeter in Eleusis im homerischen hymnus jünger als die art, 
wie er sich dieselbe sache bei Orpheus erzählt denkt und setzt 
demnach die orphische theogonie um 01.1, denn auch den Hom. 
hymnus in Cererem setzt er früher als man es gewöhnlich thut. 
Als ihren dichter denkt er sich einen der ältesten dichter Attika's, 
kurz vor Pamphos. Das sind vermuthungen, zu denen uns ein 
sicherer ausgangspunkt fehlt. Etwas mehr Wahrscheinlichkeit, 
aber auch immer noch auf ziemlich unsicherem grund, hat die ver- 
muthung des anhangs, dass ein in Phoenikien geborner stoiker 



24 10. Griechische tragödie. Nr. 1. 

Hellanikos nach 150 v. Chr. den stoff seiner orphischea theo- 
gonie aus der schrift des aegyptiers Hieronyinus über phoeniki- 
sche archaeologie geschöpft habe. Giseke. 

10. Aeschylus und Sophokles. Eine dramatische Studie von 
Andreas Borschke. 8. Wien. Selbstverlag des verfs. 1872. 

Diese abhandlung, bei welcher der Verfasser zunächst 
die schüler der obersten gymnasialklasse als leser im äuge 
hat, beginnt mit einer kurzen literarhistorischen einleitung, 
worin der einfluss des griechischen dramas auf die deutsche 
literatur besprochen wird. Dann folgt eine instructive verglei- 
chung der beiden grossen tragiker , und zwar mit specieller be- 
ziehung auf die Choephoren und die Elektra. Den schluss der 
fleissigen und sorgfältigen arbeit bildet eine Untersuchung über 
die einrichtung der athenischen biihne , wobei namentlich die 
typische bedeutung der beiden Seiten des theaters besprochen 
wird. Borschke geht von der ansieht aus, dass diese bedeutung 
sich durch die Volksversammlungen gebildet habe , für welche 
das theater noch häufiger als für dramatische aufführungen be- 
nutzt worden sei. Da nun für diese Versammlungen nur der 
Zuschauerraum in betracht kommen könne , so seien die aus- 
drücke links und rechts von hier aus zu verstehen. 

Dagegen ist zu bemerken, dass es gar nicht darauf an- 
kommt, welchen gebrauch die spätere zeit von dem räume ge- 
macht hat, sondern zu welchem zwecke er ursprünglich be- 
stimmt gewesen sei. Ja wir können sogar annehmen , dass 
schon in dem alten hölzernen theater die conventioneile bedeu- 
tung der rechten und linken seite vorhanden gewesen sei, denn 
diese dinge bilden sich gleichzeitig mit dem drama selbst. In 
der besebreibung des Pollux, wo vier ausgangspunkte für die 
auf der bühne ankommenden genannt werden, dygo&Ev, ix Xi- 
(livosi iü neXawg, dD.a^öOev 7rt£of, weiss Borschke, wie er sagt, 
mit dem ersten ausdrucke nichts anzufangen, und ebenso macht ihm 
der zusatz ne^ol bei otklaxö&sv bedenken. Wenn in Xuittiog auf die 
fremden bezogen wird, die zur see ankommen, so kann im gegen- 
satze dazudlla^öüev ns^oiuuv auf andere reisende bezogen werden, 
die den landweg gewählt haben, gleichviel, ob dieser weg zu fusse, 
zu pferde oder zu wagen zurückgelegt ist. In solchem sinne fin- 
det sich ntt,ög schon bei Homer, z. b. Od. n, 59 : u ö' i&eleig 



Nr. 1. 11. Aeschylus. 25 

ne&g, ndga rot diipoog re x«i initoi. Die erklärung von aygö&sp 
ergiebt sich wohl am einfachsten durch anschluss an einen kon- 
kreten fall. In der Elektra heisst es vom abwesenden Aegi- 
sthos, vlv 6° dygolai tvyxüvei. Wenn er also gegen ende des 
Stückes auftritt, so kommt er ayqo&sv, vom felde , aus der nä- 
hern Umgebung. Auffallend kann es aber scheinen, dass Pollux 
für die rechte seite drei Ortsbestimmungen anführt , für die 
linke dagegen nur eine, und ich hatte dagegen geglaubt, durch 
eine Umstellung die Symmetrie herstellen zu müssen. Vom 
athenischen theater aus sieht man ja rechts nur hafen und stadt, 
links die landschaft, und ebenso bezeichnet von den periakten 
die eine auch nur hafen und Stadt , die andere die landschaft, ia 
£l-(o aolscog. Nimmt man aber an, wie man wohl nicht bestreiten 
kann, dass die bedeutung der linken und rechten seite schon 
in den ländlichen anfangen des dramas sich herausgebildet hat, 
so bildet das dlXa%öüev allerdings einen genügend starken ge- 
gensatz zu den drei bezeichnungen , die sich sämmtlich auf die 
nähere Umgebung beziehen. Was durch die Verschiedenheit 
der eingänge nicht deutlich genug bezeichnet war, konnte durch 
das kostüm genauer bezeichnet werden. So ist z. b. der rei- 
sende auf vasenbildern durch den hut kenntlich gemacht im 
anschluss an die volkssitte; dass es auch auf der bühne so 
war, zeigt die stelle im Oedipus auf Kolonos, wonach Ismene 
bei ihrer reise von Theben nach Kolonos einen hut trägt, 
XQati ö' T]).ioareor}g xvvij nooGama QeaaaXig (xiv d^ni^si.. Für 
die dygo&ev kommenden landleute könnte der ziegenpelz ein 
solches kennzeichen gebildet haben nach Theognis 55 : all' 
afxqn itkiVQy/si dogag alywv naTstgißov , und was dergleichen 
dinge mehr sind. L. G. 

11. R. Merkel, Aeschyli cod. Laurentiani Oxoniae typis 
expressi praefationis lineamenta. 4. Quedlinburg. (Programm). 
1870. 16 s. 

Unermüdlich und unverdrossen bestrebt die handschriftli- 
che grundlage des Aeschylus festzustellen, theilt Merkel in der 
angegebenen schritt, welche sich an den im j. 1871 erschienenen 
abdruck des Mediceus anschliesst, beobachtungen über die quelle 
des Mediceus, über das alter der corruptelen, über den werth 
der übrigen handschriften mit. Nach einigen bem erkungen über 



26 11. Aeschylos. Nr. 1. 

die bedeutung, welche die genaue kenntniss der kolometrie des 
Mediceus, die auf guter Überlieferung beruhe, für die metrische 
behandlung der chorika habe, und über die reste alter Ortho- 
graphie, deren erhaltung vielleicht nur der Sorglosigkeit des ab- 
Schreibers zu verdanken sei, sucht Merkel die ableitung unserer 
sämmtlichen handschriften aus einem gemeinsamen archetypus 
näher zu bestimmen. Denn dieses ist auch die ansieht von 
Merkel und diese ansieht wird sich der bequemen meinung ge- 
genüber, dass abgesehen von den lücken des Agamemnon ganz 
allein der Mediceus für die kritik des Aeschylus in betracht 
käme, immer mehr geltung zu verschaffen wissen. Aus der be- 
rechnung der abstände von verschiedenen bereits nachgewiese- 
nen lücken zieht Merkel (ähnlich wie Keck: vgl. Philol. XXXI, 
p. 738) die folgerung, dass der archetypus in der regel 37 
zeilen auf der seite gehabt habe ; weil am ende der seiten die 
verse, vielleicht durch wasserflecken , unleserlich geworden , so 
sei es gekommen, dass sich in bestimmten Zwischenräumen Un- 
ordnung im text, namentlich ausfall eines oder mehrerer verse 
oder zusammenziehung zweier verse, zu erkennen gebe (vgl. 
desselben Verfassers schrift: Aeschylus in italienischen hand- 
schriften 1868, p. 70). So liegen in den Persern die von 
Hermann bei v. 805 und 893 angenommenen lücken nach der 
versabtheilung des Mediceus um 30 -j- 43 -f- 37 zeilen aus- 
einander; 37 zeilen vor 892 findet sich im Mediceus ein lee- 
rer räum von vier zeilen, wenn auch mit beigeschriebenem ov 
leinst zweiter hand; 36 verse vor 804 steht der Täthselhafte 
v. 778, 36 vorher der v. 731, der nach den Varianten aus 
zweien verschmolzen scheinen könne; viermal soviel zeilen vor 
731 stehe das um neun verse verspätete egQavzai (v. 569), 
während zugleich sieben verse zuvor eine lücke im Mediceus 
gelassen sei. Das weiterzählen bestätige eine wahrscheinliche 
lücke bei v. 465, die von Porson bei v. 316, die von Merkel 
bei v. 168 angenommene. Diese beobachtung wird an anderen 
stücken geprüft und scheint sich zu bewähren. Es liegt darin 
ein mittel den Widerwillen gegen annähme von lücken zu über- 
winden. Nichtsdestoweniger rouss die lücke, welche Merkel 
Prom. 726 H. annimmt, zweifelhaft bleiben. Die dabei ge- 
machte bemerkung, dass v. 791 qbi&qov yaeigoop ogoe auf den 
Hellespont zu beziehen sei, ist unrichtig, da sich die erzählung 



Nr. 1. 11. Aeschylos. 27 

an v. 735 anschliesst. — Merkel erweist ferner seine schon in 
der ausgäbe der Eumeniden aufgestellte behauptung , dass der 
Mediceus nicht aus einer uncialhandschrift abgeschrieben sei 
(vgl. Weil praef. Agam. p. xn), und glaubt, dass zwischen dem 
gemeinsamen archetypus der vorhandenen handschriften und 
dem Mediceus noch etliche abschritten dazwischenliegen. Die- 
ser Zwischenzeit und der nachlässigkeit, mit welcher damals die 
handschriften abgeschrieben wurden, möchte Merkel die schuld 
der vielfachen corruptelen zuschreiben , also ein verhältnissmä- 
ssig junges alter derselben annehmen. Durch die verschiede- 
nen abschriften habe sich allmählig die fehlerhafte Überliefe- 
rung gebildet, die aus verschiedenen exemplaren in den Medi- 
ceus und in die handschrift , welche die interpolatoren des XII 
Jahrhunderts benutzten, übergegangen sei. Mit dieser vermu- 
thung scheint die Übereinstimmung der handschriften in allen 
bedeutenden Verderbnissen nicht genügend begründet zu sein. — 
Merkel hat anderswo (in der oben angeführten schrift p. 5 ff.) 
gezeigt , dass der erste quaternio des Aeschylus im Mediceus 
jüngeren datums ist als die zehn übrigen. In diesem quaternio 
und in den lesarten, welche die zweite haud im Mediceus ein- 
getragen hat, findet Merkel die spuren einer zweiten recension, 
die im zwölften Jahrhundert mit hülfe einer handschrift gemacht 
worden sei, welche nicht viel älter als der Mediceus gewesen. — 
Sehr willkommen ist die mittheilung , dass die pergamenthand- 
schrift Ven. 616 (Ven. 3 oder Ven. B) nicht dem dreizehnten, 
wie gewöhnlich behauptet wird, sondern dem fünfzehnten Jahr- 
hundert angehört. Es bestätigt sich also der nachweis, dass der 
Florentinus die priorität vor dem Ven. B habe, und man darf jetzt 
wohl annehmen , dass der Ven. B eine abschrift des Flor. ist. 
Wie der Schreiber des Ven. Ag. 1514 H. daxgvaiv in daxgvoig 
corrigirt hat, so' hat er v. 1628 an stelle des unverständlichen 
äfiaQrijrov eine lücke gelassen. V. 1632 hat nach der colla- 
tion von van Heusde der Flor, und Ven. %ijhtj, der Farn. xV^-Vi 
nicht aber der Flor. j£oXji, wie Franz angiebt. Der Flor, ist 
demnach als quelle dieser lesart zu betrachten und die folge- 
rung, welche Keck Agam. p. 201 daran knüpft, nicht stichhal- 
tig. Uebrigens gilt trotz der handschriftlichen beglaubigung 
von dieser lesart, was Hermann sagt: videtur monachi esse cui 
imago diaboli obversabatur. — Die besserungen, die Merkel 



28 12. Sophokles. Nr. 1. 

nebenbei vorbringt, dürften meistenteils höchst bedenklicher 
natur sein. Pers. 922 und Prom. 49 werden mit neugebildeten 
Wörtern hergestellt : dort Xaxonu&ea (soll bedeuten quod miserias 
clamitai) tyalitvna re ßdgt], hier anavx* incö%&7], Sept. 25 
schreibt Merkel nrjgog für nvglg und erklärt 5/^a: non erit 
utroque oculo, sed praeterea. Ag. 125 soll atofiiov in der bedeu- 
tung ostium, fauces auf den Euripus gehen, ngozvnsv protractum, 
porrectum bedeuten und argaroa&sv de montibus qui eum maris 
tractum vallabant, circummuniebant gesagt sein; das vorausgehende 
(ßtjpiionXri&rj) fioiga soll in &Tj/xäva verwandelt werden. Beach- 
tenswerth scheint hiervon nur xpaXlrvna in der stelle der Perser 
zu sein. Merkel spricht sich (in der ausgäbe der Perser Lips. 
1869 p. 63) nicht deutlich über den sinn aus und bemerkt: 
ea igitur ßagtj epithetis fuerunt denotanda , quae sententiam effice- 
rent quam posset simillimam versui 922 H. Man müsste wohl 
Xaona&ia (= ntt(jina&sa) ypaXtrvnd js (xpaXig' 7a%£itt xivqoig, 
\paXizisraf a^iXXätai Hesych.) ßügij von den schweren schla- 
gen verstehen, mit welchen der xopttog "Agsiog verbunden war 
(vrgl. a.TtQiySänXrj'x.za. noXvnXavqTa inaGGVTsgoTgißlj ta. %tgbg 
bgsyfiaza Choeph. 420). Ausserdem wird Choeph. 773 Böpov 
Kvgloig Tsäg ocpgvog vsvit 1 Ufisvoig Ideiv, Suppl. 735 «etcr/xar' 
evvaatrjgta vermuthet, was berücksichtigung verdient. 

W. 

12. Sophokles könig Oedipus. Nach der ältesten hand- 
schrift und den Zeugnissen der alten grammatiker berichtigt, 
übersetzt, durch einen exegetisch - kritischen commentar erklärt 
von Franz Eitter. 8. Leipzig. Teubner. 1870. 

Unter diesem etwas preciös klingenden und viel verspre- 
chenden titel hat der Verfasser eine neue ausgäbe dieser in 
neuerer zeit mit vielem eifer von den philologen gepflegten 
tragödie mit dem texte beigedruckter deutscher metrischer Über- 
setzung veranstaltet. Sehen wir zu, ob unsere erwartungen er- 
füllt werden. 

Die Übersetzung hat nach vorrede p. vi und vn „neben 
möglichster treue nach deutlichkeit und Verständlichkeit gestrebt". 
,,Sie soll einerseits den commentar ergänzen, andrerseits das 
unvergleichlich vollendete drama auch denjenigen zugänglich ma- 
chen, welche mit dem griechischen minder vertraut oder des- 



Nr. 1. 12. Sophokles. 29 

sen unkundig sind". Wir finden zunächst nicht, dass der for- 
derung der deutlichkeit und Verständlichkeit überall genügt worden 
sei. V. 12 und 13: „denn des Schmerzgefühles baar War' ich, 
wenn ohne beileid solche schaar mich liess", weiss der leser 
ohne den griechischen text kaum, wer mitleid empfinden soll, ob 
Oedipus mit der schaar, oder die schaar mit ihm. Welcher 
leser, der nicht des griechischen kundig ist und sich im urtext 
den commentar zur Übersetzung geben lassen kann — auch 
für solche hat ja der Verfasser dieselbe geschrieben — wird vs. 
35 verstehen: ,,der du, sobald zu [sie) Kadmosstadt du kamst, 
Den zoll losmachtest, den erzwang die Sängerin"? Die 
Übersetzung wimmelt geradezu von geschmacklosen undeutschen 
Wortstellungen und ausdrücken. Vs. 39 ,,zu richten unser leben 
auf"; 80 „möge glück er bringen her", 105 „selber könnt ich 
schauen nie"; 109 ,,'ner alten schuld zu kommen auf die spur 
ist schwer": 129 „auszuforschen ist dies", 256 „nicht billig 
war es ungesühnt zu lassen sie", 430 „Eicbtweg zum strick? 
[ovk {lg oXe&gov ;!) nicht rascher? willst den rücken du Nicht 
diesem hause kehren und dich trollen fort?" u. s. w. : wenn, wie 
es scheint, wörtliche treue das hauptbestreben des Verfassers 
war , wie denn auch die zahl der verse vollkommen beibehal- 
ten ist , so wäre es doch gewiss rathsamer gewesen eine pro- 
saische Übersetzung zu geben , die von vornherein sich des an- 
spruches auf angenehme lesbarkeit begeben hätte, während eine 
metrische Übersetzung in hässlichem , plumpem stil eine contra- 
dictio in adiecto enthält. 

Unter den text hat Eitter die lesarten des Laurentianus 
nach den angaben Dübners bei Dindorf in der dritten Ox- 
forder ausgäbe gesetzt; gelegentlich, aber nicht immer auch 
die nachtrage Wolffs berücksichtigt. Daneben erscheinen die 
citate aus lexicographen und grammatikern, die seitdem (1871) 
vollständiger in M. Schmidts ausgäbe zu finden sind: nur die anfüh- 
rungen aus Suidas scheinen bei Eitter reichhaltiger zu sein. Einen 
weiteren bestandtheil der unter dem texte befindlichen Varia lectio 
bilden die anführ ungen von conjeeturen älterer und neuerer ge- 
lehrter. Sie sind indessen ziemlich spärlich. An sich wäre 
nun freilich gegen eine auswahl der bemerkenswerthesten Ver- 
besserungsvorschläge — gegenüber nahezu absoluter Vollständig- 
keit wie in W. Schmidts ausgäbe — nichts einzuwenden, aber 



30 12. Sophokles. Nr. 1. 

es will uns bedünken, dass da, wo ein kritischer commentar noch 
hinzutritt, ein bestimmtes klares verhältniss zwischen den in 
der Varia lectio und den im commentar erwähnten conjecturen 
obwalten sollte, entweder so, dass an beiden orten die gleichen 
angeführt (dort blos erwähnt, hier besprochen) würden, oder 
dass die einen angaben die andern ergänzten. Nun finden wir 
aber bald dieselben conjecturen in der Varia lectio und im com- 
mentar angeführt (305, 308, 313, 72), bald sind gewisse emen- 
dationsversuche bloss in der Varia lectio, oder bloss im com- 
mentar erwähnt. Es scheint also hier mehr der zufall als ein 
bestimmtes prinzip obgewaltet zu haben: sollte aber auch re- 
ferent sich hierin täuschen, soviel ist sicher: wollte der Ver- 
fasser einmal auch conjecturen unter dem texte anführen, so 
hätte dies in viel ausgiebigerem masse geschehen sollen. 

Die zweite half te ist vom exegetisch-kritischen com- 
mentar ausgefüllt. Derselbe entbehrt schon deswegen eines 
einheitlichen Charakters , weil er , wie der Verfasser p. vii der 
vorrede sagt, theils für fachgelehrte, theils für gebildete weiterer 
kreise (für schüler? studirende? oder gar wie die Übersetzung 
für solche, „die mit dem griechischen minder vertraut oder des- 
sen unkundig sind"?) bestimmt ist. Wir müssen auch hier 
wiederholen was wir schon bei der Varia lectio sagten, der Ver- 
fasser sucht zu viel zwecken zu genügen, und es ist eine noth- 
wendige folge dieser verfehlten anläge , dass er keinem dieser 
zwecke oder leserkreise wirklich entspricht. Aus einem popu- 
lär gehaltenen commentar hätten alle grammatisch -kritischen 
excurse entfernt oder wenigstens in einen besondern anhang 
gebracht werden sollen. Während ferner der Verfasser mit 
grosser ausführlichkeit über einzelne grammatische formen sich 
verbreitet, lässt er an verschiedenen sehr schwierigen stellen nicht 
blos den angehenden Griechen im stich, sondern auch den ge- 
lehrten im zweifei, wie er die stelle gefasst wissen will. So 
Z. b. 220: ov yag uv fJtaxQav | iptvor avzn, ju/} oiix e%03v rt 
avfjßolov, wird gar nichts bemerkt; aus der Übersetzung selbst: 
„drum (heisst yao : „drum"?) nimmer weit folgt ich der spur 
wo nicht ein fingerzeig mir wird" kann niemand klug werden. 
Ebenso wissen wir nicht, wie Ritter 261 die von ihm beibehaltene 
handschriftliche lesart: xoivüv is naiöcav xcuV ap *) erklärt. 
1) Lies xai vwv ye naidtov mit F. G. Schmidt. 



Nr. 1. 12. Sophokles. 31 

Vs. 724 : mv yäg av &eog | xgsiav igswa, eine crux interpretum, wird 
übergangen und wir sollen uns mit der beiläufig gesagt sinn- 
losen Übersetzung: „denn was ein gott als nützlich spürt" zu- 
frieden geben ? 

Welches sind nun aber abgesehen von der verfehlten an- 
läge des ganzen und der durch diese zum theil bedingten lü- 
ckenhaftigkeit der erklärung die wissenschaftlichen leistungen 
unseres buches ? Für das beste halten wir die eingestreuten 
grammatischen und sprachlichen bemerkungen. Wir heben her- 
vor die erklärung von &od£eiv vs. 2, wo der Verfasser in Über- 
einstimmung mit G-. Hermann die willkür alter und neuer gram- 
matiker, welche hier die bedeutung „sitzen" statuiren wollen, 
mit recht zurückweist; denn diese erklärung ist ein offenbarer 
trugschluss aus unserer stelle; vs. 58 über dp>K>za, wie der vf. 
mit recht statt äyvcoza schreibt; 129 über eigyeiv, 167 ävvtco 
(welche Schreibung auchDindorf jüngsthin im Sophokles aufgenom- 
men hat), 402 aytjXartjoeiv, 433 rjdr], 1311 i&jlco , 1462 über 
den dual, fem., wo er sich mit Bernhardy, Cobet und Weck- 
lein für die consequente herstellung der masculinformen in So- 
phokles entscheidet, 695 älvco. Ritter neigt überall dazu gleich 
Cobet auch gegen die handschriften der autorität der Atticisten, 
insbesondere derjenigen in Bekker. Anecdd. Graec. I, p. 321 — 
476, auch gegen die handschriften zu folgen. Diese bemerkungen 
und excurse sind dankenswerth , wenn man auch nicht überall 
den consequenzen des Verfassers folgen wird. So soll vs. 538 und 
539 wegen der alexandrinischen formen yvcogiaolfti und dXs^oi- 
\ki\v (als futur) als späteres einschiebsei beseitigt werden ; es ist 
aber willkür dieser hypothese zu lieb aus Xen. Anab. VII, 7, 
3 die futurform dls^otis&a in die gewöhnliche aXa&j&offe&a 
zu verwandeln (p. 176 note). Mit beziehung auf ovv oder %vv 
ist Ritter (zu v. 34) zu der alten Porsonschen regel zurückge- 
kehrt, <;vv als die specifisch attische form überall zu setzen wo 
das metrum nicht einspruch erhebt. Wir aber halten uns an 
den, der allein die sache mit statistischer gründlichkeit unter- 
sucht hat nach der Überlieferung des Laurentianus, an Herwer- 
den praef. p. n sqq., auf dessen resultate Ritter merkwürdiger 
weise gar keine rücksicht nimmt. 

Im register giebt uns Ritter unter dem artikel ausleg ung 
selbst ein verzeichniss der stellen, in deren erklärung er von 



32 12. Sophokles. Nr. 1. 

den andern abweicht oder abzuweichen glaubt. Wir stimmen 
überein mit der erklärung von 397 (6 (itjösv slduig), von 473; 
506 und an vielen andern stellen wird mit recht auf die soma- 
tische lehre von der coincidenz der tugend und des wissens 
aufmerksam gemacht. Zu billigen ist ferner 1320 die Vertei- 
digung von epoQEtv und 1382 von ye'vovg tov Aatov durch er- 
gänzung von ix aus dem vorhergehenden, womit nun auch G. 
Wolff übereinstimmt. Anderes in diesem verzeichuiss ist frei- 
lich entweder nicht neu oder nichts besonderes, so v. 1271 die 
vertheidigung des futurum oxpoivzo gegen Hermann mit der 
einfachen bemerkung, dass 6&ovvexa hier „dass" bedeute: wir 
lesen das längst bei Nauck. Noch anderes ist entschieden falsch : 
579 soll yijg nun doch wieder zu taov gehören im sinn von 
„tafelgütern" ; 1001 wird man kaum auskommen ohne Strei- 
chung dieses verses (wogegen wir gegen Herwerden, v. 1000 bei- 
behalten würden); zu 1036 hat G. Wolff jetzt besseres beige- 
bracht. Bei 1208: cf> fxiyag Xifttjv avzog ijQxeoev naidl xal na- 
tq\ dalaiiqnöXqp neoeiv, polemisirt Ritter zunächst gegen den 
scholiasten , der unter dem Xi(irj : v die lokaste selbst verstanden 
habe; Xifirjv sei vielmehr ihr mutterleib (hat denn der scholiast 
nicht an den leib der lokaste gedacht?); die erklärung von 
fisyctg bei Bitter ist ein muster von geschmacklosigkeit, naidl 
und naiQi sei nicht Oedipus und Laios, wie gewöhnlich erklärt 
wird (xul nargl abhängig von uvzog, ,, derselbe wie dem vater"), 
sondern diese worte beziehen sich nach Eitter auf denselben 
Oedipus als kind im mutterleibe und zeugenden vater. Im 
letzteren sinne aber würden wir vielmehr OTzeiQwv oder nöaig 
zu erwarten haben; denn vernünftiger weise müsste man, wenn 
einmal nuig das kind der lokaste bedeutet, wie Eitter will, na- 
7t]Q ebenfalls als vater der lokaste fassen. Wir müssen also 
diese erklärung Eitter's für verfehlt halten, und nehmen au- 
sserdem mitNauck die Heimsöthsche conjectur nmg yäfiov Xifirjriäv 
<p fieyag Xihtjv als wahrscheinlich an. Jedenfalls ist aber die ge- 
wöhnliche erklärung von nai8\ und natgi (Oedipus und Laios) 
festzuhalten. Vollends unbegreiflich ist vs. 500 behandelt : 
avÖQWv 6" ozi fidvtig | nXeov tj iym q>?Q6zai, XQiaig otx saziv 
dXTjd^g. Eitter übersetzt: „doch dass ein mann menschlicher 
schau mehr als ich gilt, der entscheid ist nicht gewiss". Zu- 
nächst was bedeutet: „ein mann menschlicher schau".' Soll 



Nr. 1. 12. Sophokles. 33 

damit eine von der gewöhnlichen erklärung abweichende bezie- 
hung von avögäv auf pdvrig angedeutet werden = sfinsigog 
av&Q(ontvriQ pavTiiag? darüber spricht sich der commentar 
nicht deutlich aus, wohl aber gibt er eine erklärung, welche 
weder mit der Übersetzung noch mit dem griechischen texte 
stimmt: „der chor räumt ein, dass ein sterblicher seher mehr 
gelte als er, meint aber, dass daraus für den vorlie- 
genden fall keine sichere entscheidung folge". Was wir durch 
den druck hervorheben, steht nicht in den griechischen Worten, 
ist also willkürlich von Eitter eingeschoben; was Eitter will, 
müsste griechisch etwa so lauten sl xal — qisgezai, oficog aegl 
t ov zov xoicsiq xr).. Die einwendung aber gegen die gewöhn- 
liche und, wenn man den text nicht ändert, allein mögliche er- 
klärung, dass der chor, wenn er behauptete, die seher wissen 
nicht mehr als andre leute, sich selbst (v. 284 — 289) wider- 
sprechen würde, hätte erst dann bedeutung, wenn dieser Wider- 
spruch im gleichen chorgesang sich zeigte; seit 289 sind aber 
mancherlei dinge passirt, die auch die Stimmung und ansichten 
des chors verändern konnten. So viel über die im register 
von unserm herausgeber selbst als beispiele seiner abweichen- 
den auslegung angeführten stellen. 

Aber wir finden auch sonst manches auffällige, der schärfe 
ermangelnde in seinen erklärungen. So soll in der königsrede 
236 — 245 sich wieder auf den hehler beziehen, während doch 
manche gegner Eibbecks selbst wenigstens diese beziehung ha- 
ben fallen lassen und mit ihm den mörder verstanden wissen 
wollen. Angesichts von 241 : cog fiiäanaTog ht).. vrgl. mit 96, mit 
224 — 232 seien drei fälle als möglich angenommen: ,,1) je- 
mand kennt einen Thebaner als mörder, 224 — 226; 2) den mör- 
der kennt niemand als der thäter selbst, 227 — 229 ; 3) jemand 
kennt einen in Theben lebenden fremden als den zu suchen- 
den mörder, 230 — 232". Dagegen ist erstlich zu bemerken, 
dass in 224 — 226 gerade der hauptbegriff auf den es ankom- 
men soll, nämlich dass der mörder ein Thebaner sei, fehlt; 
wir müssen also jene verse nicht als unterabtheilung , sondern 
als allgemeine alle einzelnen fälle beschlagende fassung des ge- 
botes ansehen. Zweitens ist bei dieser dem dichter zuge- 
schriebenen eintheilung höchst auffällig und unlogisch, dass fall 
1 und 3 als gleichartige nicht zusammengestellt sind j es würde 
Philol. Anz. V. 3 



34 12. Sophokles. STr. 1. 

dann fall 2 erst ans ende treten. Sophokles hat in verschie- 
denen seiner reden geradezu muster logischer disposition gege- 
ben. Die übrigen ausleger alle suchen doch wenigstens eine 
vernünftige eintheilung herzustellen: Nauck z. b. will 1) aotög 
xaz' aaioi, 228; 2) ftffo»«' ig aXXtjg %&ovög, 230: Wolff will 1) 
avrog xa& altov, 228; 2) aXXov i£ ipljg %&oveg. Es ist hier 
nicht der ort gegen diese auslegungen unsre bedenken zu ent- 
wickeln: logisch sind sie wenigstens, was die Rittersche nicht ist; 
wir unsrerseits halten uns an Enger, Heimsöth, Ribbeck: 1) 
aviog xa#' uvtov, 2) aXXov, a) ;} e| uXXrjg %eQog\ b) 5} avT6%siQa. 
In derhandhabung der textkritik zeigt Ritter in der athe- 
tese mehrerer verse eine gewisse kühnheit, besonders da wo ihm 
sprachlich auffälliges zu sein scheint. Er tilgt v. 51 : indessen 
ist der wortreichthum und die Wiederholung im munde des ge- 
ängstigten greises wohl zu begreifen ; mit recht verwirft Ritter 
nach dem Vorgang von Burges vs. 267 und 268; mit zweifelhafter 
berechtigung 411, wo das logisch anstössige mar 1 ov jetzt 
von Wolff in oi<5' oog geändert wird. Ritter wiederholt seine 
früher ausgesprochene ansieht, dass 1524 — 30 einem interpola- 
tor angehören , eine meinung die referent nicht theilen kann, 
da emendationen die meisten anstösse beseitigt haben ; statt 
oSelv (1528) schlagen wir daselbst as delp vor, eine leichtere 
anderung als das deov oder xqswv anderer. -* Andere conjec- 
turen mit ausnähme jener athetesen und einiger orthographi- 
scher besserungen finden wir bei Ritter nicht viele; einige pas- 
sende zu den chorgesängen ; unnöthig ist aber unter diesen 
511 in 1 für an* in rqj an ifiäg qigsvog, wo änb ebenso be- 
rechtigt ist wie 682 dficpoiv an avroiv. Im übrigen ist die 
kritik des Verfassers conservativ, was zwar gegenüber gewissen 
ausschreitungen des scharfsinnigen Nauck, vollends bei Her- 
werden und M. Schmidt keineswegs zu tadeln ist. Aber hy- 
perconservativ müssen wir es doch nennen, wenn 1423 auch 
nach Naucks und Meineke's versetzungsvorschlägen, nach Her- 
wardens und Teuffels annähme einer lücke gar kein gedanken- 
hiatus scheint von Ritter anerkannt zu werden, wenn bei v. 17 
die ungeheuerliche tmesis in' ijOeeov XsxtoI = ini'XsxTot und die 
dreitheilung gegenüber Bentleys Uqsvq festgehalten wird, wäh- 
rend doch vers 31 : iyvo und oids naidtg die blosse zweitkei- 
lung deutlich ergeben; wenn v. 161 es noch als möglich er- 



Nr. 1. 13. Sophokles. 35 

achtet worden xvxXosvt' als grammatisch zu ■&q6vov, logisch zu 
ayogäg gehörig zu betrachten; wenn unser herausgeber 920 
xattvypaaiv festhält gegenüber dem Wunderschen xaTägyiiaaiv, 
welches doch nicht nothwendig gerade einen opferstier bedeu- 
ten muss; wenn endlich die ungeheuerliche erklärung und inter- 
punction des scholiasten 324 : iyoo ö' ov \ii[ nozs J za(t f <ag av 
unoi [xtj ta a ixqiTjvcQ xaxd wieder aufgenommen wird, um der 
nothwendigkeit einer weitern emendation als arsinca für av 
Einco zu entgehen; ich lese hier: iym 5' ov fir/nois 16 
fivßog avsCam y [xt] xz\. Kurz für erklärung und kritik gerade 
schwieriger stellen finden wir in der Ritterschen ausgäbe wenig 
geleistet, während allerdings verschiedene beitrage zur kennt- 
niss des Sprachgebrauches der dramatiker darin zu finden sind. 

A. H. 

13. Individuelle und generische erklärung der Electra des 
Sophokles. Eine didaktische skizze für freunde des gymnasial- 
unterrichts. Zweiter theil (v. 324 — 803). Einladungsschrift zu 
den Schlussfeierlichkeiten des Jahres 1871/72 an der königl. 
studienanstalt zu Nürnberg von Dr Adolf Weste rmayer 
k. professoratsverweser. Nürnberg, 1872. 

Die arbeit Westermayers, von welcher das obige programm 
nur einen kleineren theil enthält, ist bestimmt, Schülern höherer 
gymnasialklassen eine anleitung zu selbständigem Studium des 
Sophokles und dramatischer werke überhaupt zu geben, und 
daneben auch den nicht philologisch gebildeten freunden des 
alterthums die kenntniss eines hervorragenden werkes der grie- 
chischen kunst zu vermitteln. Die behandlung ist daher, dem 
natürlichen gange des Schulunterrichtes entsprechend, eine von 
scene zu scene fortschreitende, womit man sich ebensosehr wird 
einverstanden erklären müssen , wie mit der vorausschickung 
einer prosaischen Übersetzung für leser der oben bezeichneten 
art. Eine wesentliche förderung für die Wissenschaft kann von 
der schritt ihrer ganzen anläge nach allerdings kaum bean- 
sprucht werden, doch wird sie immerhin lehrern, welche auf 
dem gymnasium die Elektra zu erklären haben, durch ihre kla- 
ren und ansprechenden erläuterungen ein nicht unbrauchbares 

hülfsmittel gewähren. 
L. G. 

3* 



36 14. Alte historiker. Nr. 1. 

14. Antiochus von Syrakus und Coelius Antipater von 
Eduard Wölfflin. — Winterthur bei J. Westfehling. In 
commission bei B. G. Teubner. Leipzig. 8. VIII u. 99 s. 

Dem philologischen publikum haben wir von einer Schrift 
zu berichten, welche geeignet ist, in weiten kreisen bemerkt zu 
werden und anerkennung zu fiuden. Der Verfasser legt uns in 
leichter form die resultate von forschungen vor, die er mit seiner 
philologischen gesellschaft angestellt hat. Indem er auf empi- 
rischem wege „lexikalisch" forschend vorgeht und sich „ein 
mikroskop " zur Untersuchung der Schriftsteller „konstruirt", 
kommt er zur entsckeidung der schwierigsten fragen. 

Antiocbus von Syracus wird auf p. 1— - 21, Caelius von p. 22 — 
99 behandelt. Der erste aufsatz geht von Thuc. 6, 2 — 5 aus. 
Die frage, ob Thukydides die dort gegebene geschichte der koloni- 
sation von Sicilien eigenen forschuugen oder einer vorhandenen 
quelle verdanke, wird auf dem wege „lexikalischer Sprachfor- 
schung" dahin beantwortet, dass Thukydides hier ausschliesslich 
der 2!txeXiaizig ovyyQayrj des Antiochus folge. Wölfflin hebt 
zunächst p. 4 einige vom thucyd ideischen Sprachgebrauch ab- 
weichende Wendungen in der stelle 6, 2 — 5 hervor: 2, 1: nct- 
XawTuToi, sonst bei Thukydides TtaXaiiaroi ; 3, 1 : ßapog ogzig 
= off, eine ionische wendung , die auf ionische quelle weise, 
4, 2 zovg ' Tßlaiovg ttltj&svTag , sonst nur yaXov^dovg ; 3, 2 
zov iftOfnivov tzovg, wo i^sa&ai temporal, was sonst nur lo- 
kal gebraucht wird; und endlich weicht 2, 5 'izr\ iyyiig zgid- 
xovza, 4, 4 und ebenso 5, 3 iyyvraza für fidXiaza^ vom ge- 
brauch des Thukydides ab. So findet Wölfflin ein frem- 
des stilistisches gewebe auf, das von Thukydides nur mangel- 
haft überkleidet ist. Die spracbe (p. 5 — 6) deutet darauf hin, 
dass der gewährsmann des Thukydides ein Grieche war; seine 
Zeitrechnung bestimmt in auffallender weise alles nach der grün- 
dung von Syrakus, setzt aber das jähr derselben als bekannt 
voraus; er war also ein Syrakusaner, mit anderen Worten An- 
tiochus (p. 7 — 8). Der zufall hat uns den anfang seines 7za- 
Xiag olxiopog bei Dion. Hai. Aß. I, 12 erhalten, und der hebt 
gerade an: Tijv yijv zavtijv, r\ng vvv 'haXia xalehai. Wir ha- 
ben also einen „kameraden" zu dem ßcopog Saug; einen hin- 
weis auf Antiocbus, wie ihn der philologe nicht deutlicher wün- 
schen kann. 



Nr. 1. 14. Alte historiker. 37 

Wir müssen uns begnügen , in diesen wenigen zeilen die 
methode des Verfassers auzudeuten , der von sicherer grundlage 
aus mit klarheit fortschreitet ; und wenden uns zum zweiten, 
bei weitem umfangreicheren aufsatze. 

Unter der Überschrift Coelius Antipater behandelt Wölff- 
lin von p. 22 an die frage nach den quellen des XXI. buches 
des Livius. Die Untersuchung geht sprungweise vor und ein- 
seitig, insofern nur die im allgemeinen auf Coelius zurückzufüh- 
renden capitel in acht gesonderten nummern behandelt werden. 
Kritische, stilistische bemerkungen bilden überall die grundlage 
und werfen ihr licht auf die von Livius benutzten quellen. 
Dem Verfasser zerfällt das 21. buch in zwei theile; einen wört- 
lich aus Polybius und einen aus Coelius stammenden, welche 
beide mit einander kontaminirt sind. Ueberall wird Coe- 
lius , der Jurist , als absichtlicher verdreher von thatsachen 
im interesse des vermeintlichen ruhmes seiner nation blosge- 
stellt: p. 19—32; p. 37—40; p. 50—62; im übrigen ist sein 
charakter als rhetor bekannt, 6owie_ seine Sorglosigkeit in geo- 
graphischen dingen , p. 47 ff. Im wesentlichen geht auf ihn 
der grösste theil des 21. buches zurück; dagegen sind nament- 
lich gefechtsberichte , der marsch über die Alpen, aus Poly- 
bius entlehnt, jedoch so, dass rhetorisch gefärbte stellen aus 
Coelius gleich grellen Schlaglichtern darauf gesetzt sind , p. 
47. Leider sind die stellen, welche auf Coelius und die, wel- 
che auf Polybius zurückgehen sollen, nicht immer genau nach 
capitel und paragraph geschieden; auch ist manches nicht er- 
klärt; so z. b. die rückreise der letzten gesandtschaft von Kar- 
thago über Spanien und Gallien nach Eom, Liv. 21, 19, 6 — 20, 
die wir doch nicht unbedingt auf Coelius zurückführen möchten. 
Einen beweis, dass die mit Polybius übereinstimmenden stellen 
wirklich aus demselben stammen, hat der Verfasser nicht ange- 
treten; und doch sollten wir meinen, müsse es leicht sein, an- 
klänge an Polybius darin zu finden, wie diese meistens vorhan- 
den sind, wenn Livius wirklich den Polybius benutzt. Indes- 
sen lag dies wohl ausser des vfs. absieht; doch hat es immer 
sein missliches, den einen theil der frage ohne den anderen zu 
behandeln. 

In betreff der für die quellenforschung gewonnenen resul- 
tate wird man in vielen punkten dem verf. beistimmen müssen, 



38 14. Alte historiker. Nr. 1. 

und die benutzung des Coelius in dem grössten theile des bu- 
ches zugeben. Dagegen müssen wir wieder daran erinnern, dass 
doch eine contamination, ein verweben zweier traditionen zu ei- 
ner, das corrigiren des einen autors nacb dem anderen, so viel 
bis jetzt feststellt, nicht die art war, in der Livius arbeitete. 
Sollte Livius wirklich geglaubt haben, die schöne Schilderung des 
Polybius vom Alpenübergange durch einige an falscher stelle aufge- 
setzte Schlaglichter zu verschönern, während er dies sonst nicht 
thut ? Oder wenn er wirklich die autorität des Polybius in geo- 
graphischen dingen so hoch stellt, warum erzählt er nicht auch 
den marsch bis an die Alpen nach ihm und entscheidet den streit 
über den benutzten pass mit seiner autorität? Dass er dies 
nicht gedurft habe, weil Polybius ein Grieche sei, in einer für 
das nationalgefühl so indifferenten sache, ist doch ziemlich 
schwach (p. 57); durfte doch Coelius in seinem nationalen 
werke den Silen, den Griechen im punischen lager, unbedenk- 
lich benutzen. Vielmehr wird nach Wölfflin Livius selbst jetzt 
zum falscher; oder wie sollen wir es anders nennen, wenn er 
trotz besseren wissens den namen def Allobroger weglässt, 
p. 49 ; wenn er p. 72 — 73, um eine doppelrelation zu verein- 
baren, die bei Polybius angegebenen Winterquartiere „unterdrückt" ! 

Doch trotz etwas abweichenden Standpunktes bleibt des 
trefflichen genug anzuerkennen. Dahin rechnen wir die lehr- 
reiche art, in welcher p. 23 — 27 gezeigt wird, wie Livius das 
archaistische latein seines Vorgängers bearbeitete, jedoch nicht 
so, dass nicht noch einige spuren desselben zu finden wären; 
wie dagegen Cicero die alten ausdrücke ohne weiteres aufnahm, 
nachdem er den urheber genannt: Liv. 21, 22, 5 und Cic. de 
Divin. 1 , 24, 9. Dahin rechnen wir ferner den kritischen an- 
hang, p. 84 — 99, mit bemerkungen über livianischen styl, werth 
der handschriften, und über corruptelen, welche den gediegenen 
kenner des Livius uns überall zeigen. 

Jedenfalls wird auch der, welcher den gewonnenen resulta- 
ten nicht in allen punkten beistimmt, die schritt reich an beleh- 
rung und anregung finden, und zugeben, dass die gut und 
schlecht überlieferten partien des 21. buches des Livius noch 
nie so deutlich geschieden und der grund der verderbten Über- 
lieferung mit so überzeugender klarheit dargelegt ist. 

F. F. 



Hr. 1. 15. Thukydides. 39 

15. Kleine beitrage zur erklärung und kritik des Thuky- 
dides (I. theil), von Dr Hünnekes, rector des progymnasiums 
zu Prüm. 4. Cleve 1871. 

16. Proceedings of the American Academy of tue arts and 
sciencgs, Cambridge, June 14, 1864. Professor Goodwin 
presented I. note on Thukydides I, 22. 

17. Der abschluss des 50jährigen friedens bei Thucydides 
Von Julius Steup, Eh. Mus. N. F. XXV, p. 273—305. 

18. Thukydides reden und Urkunden aus dem peloponne- 
sischen kriege, übersetzt mit dem wichtigsten aus der kriegsge- 
schichte von Carl Beck, dekan in Reutlingen. 8. Halle 1871. 

Es ist eine freude , auf eine so sinnige , eingehende for- 
schung aufmerksam zu machen, wie die unter nr. 15 genannte. 
Auch sie bezeugt es ihrerseits, wie wacker und erfolgreich jetzt im 
Thukydides gearbeitet wird. Der vf. nennt seine schritt „kleine 
beitrage", und allerdings sind sie einzeln meist von geringem 
umfang, aber es sind ihrer im ganzen 145, und wir dürfen sa- 
gen, es ist kein kleines, was hier dem Thukydides gu gute 
kommt. Zwar befürchtet der vf. in einer anmerkung nicht 
ganz mit unrecht, dass er wegen der dürftigkeit seiner schul- 
bibliothek inmitten der Eifel auch wohl einmal schon von an- 
dern gesagtes als neues vorgebracht oder fremdes nicht gehö- 
rig berücksichtigt habe. Doch muss man sagen, dass ihm bei 
diesem mangel an äussern mittein seine eigne solide gelehrsam- 
keit und gute genaue kenntniss des Schriftstellers trefflich aus- 
geholfen hat, wenn man auch dabei den wünsch nicht unter- 
drücken kann, dass entweder solche wackre kraft selbst näher 
an die grosse Strasse des Verkehrs verpflanzt oder ihr in die 
abgelegenen berge reichlichere mittel zugeführt werden möch- 
ten. Wir können im folgenden nur die ersten etwa zehn stel- 
len der schritt etwas eingehender besprechen und dürfen, wo 
wir nicht einverstanden sind, deswegen abseifen des vf. nicht 
sorgen, weil sich bei ihm das reine interesse, das nur dem 
schriftsteiler gilt, auf jeder seite anfühlen lässt. Durch diese 
volle hingäbe an den Schriftsteller hat er in diesen beitragen, 
auch wo eins oder das andere ihm missrathen sein dürfte, zum 
tieferen verständniss desselben eine reiche fülle von schätzen 
geliefert, die keiner, der sich specieller mit Thukydides be- 
schäftigt, ohne schaden unberücksichtigt lassen wird, und die 



40 15. Thukydides. Nr. 1 

nach dem in aussieht gestellten zweiten theil und weiterem 
grosses verlangen erwecken. 

Die erste stelle , die der vf. bespricht, ist leider für das 
herrliche werk kein nQÖaconov zqXavyeg geworden. Er will für /, 
31, 1 — 3 (Bekk.), die vielleicht schwierigste stelle, wie er meint, im 
ganzen Thukydides, noch einen neuen versuch wagen. Es ist 
dieser : xai vor tr)v nqöaooov verbindet anoatTJocoaiv und yCyvr]rai, 
xai vor apa heisst: auch, aviotg nach iqoQpÜGiv geht auf 
die Athener vor Mytilene, acpiaiv auf die Lacedämonier, und 
danavT] heisst: (aufzuwendende) mittel. So übersetzt er denn: 
„und damit, wenn sie diese so bedeutenden einkünfte der Athe- 
ner wegnähmen, auch zugleich, wenn sie dieselben blokiren 
wollten, sich ihnen die mittel dazu böten". Bei dieser auffas- 
sung soll jede Schwierigkeit sowohl in sprachlicher wie in sach- 
licher beziehung gehoben sein. Doch ist diese erklärung nach 
beiden seiten unmöglich. Denn 1) fällt dann für den Schrift- 
steller aller grund weg, warum er die worte : ttjv tiqoqooov rav- 
TTjv fisyiatTjv ovauv 'A&tivalmv rjv acpelcöai, überhaupt noch sa- 
gen sollte. Der inhalt dieses satzes ist in dem vorhergehenden 
ttjv 'Iiov'av ajroaTtjocoaiv schon vollkommen eingeschlossen, ist 
allen selbstverständlich mit ihm gegeben, und durfte nur dann 
besonders hervorgehoben werden, wenn neben dem geldverlust, 
den der abfall Ioniens für Athen hatte, noch ein anderer geldver- 
lust der Athener zu erwähnen war. Dann 2) wäre der Vorschlag, 
der dem Alkidas so gemacht würde , durch blokade die Athe- 
ner zur Übergabe Mytilene's zu zwingen, für die damaligen Ver- 
hältnisse etwas geradezu ungeheuerliches. Nur bei einer Über- 
rumpelung hatte Teutiaplos an einen erfolg gedacht, bei einem 
xaivbv tov noXsuov ; Teutiaplos selbst also hielt eine blokade 
für unmöglich, und nun sollte sich jemand beigehen lassen, 
dem Alkidas einen Vorschlag auf schwierigeres zu machen, 
wenn er schon das geringere verweigert hatte? Und 3) kann 
xai äua dandv?] cscpiai ytyvtjzai niemals heissen : „auch zugleich 
sich ihnen die mittel dazu böten". An den zwölf stellen, wo 
banävt] im singular im Thukydides vorkommt, auch an den 
drei vom vf. angeführten, heisst es: der aufwand von mittein, 
nicht die mittel zum aufwand, wie dies auch in der wurzel des 
Wortes liegt [San — da — Öat'w), und daher kann auch danäpt] 
ytyv&Tai, was im Thukydid es nur hier, und ßoviel ich sehe, in der 



Nr. 1. 15. Thukydides. 41 

ganzen gräcität nicht wieder erscheint, nur bedeuten, es entstehen 
kosten, und nicht: es werden einem die mittel zur bestreitung 
von kosten. Ist aber die auffassung des vf. unstatthaft, so sind 
doch im obigen die demente für die richtige erklärung der 
Überlieferung schon beisammen. Was der vf. über die beiden 
xai sagt, ist richtig, ?jv icpooiA<ä<5iv aviolg aber heisst: wenn die 
Athener sie, d. h. die abgefallenen Ionier blokiren, und ocftai 
sind die Athener, die in lyoQuäoiv Subjekt geworden sind. 
Das ganze also heisst: ,, damit sie Ionien zum abfall brächten 
und, wenn sie den Athenern diese grössten einkünfte nähmen, 
ihnen auch zugleich durch eine blokade Ioniens Unkosten ent- 
ständen". Das ist was man dem sinne nach hier gebraucht 
(man vgl. y, 33, 4) , und auch über die spräche darf man be- 
ruhigt sein. Denn wenn auch sonst der gewöhnliche ausdruck 
xai ctfxa xai ist, wie ö', 117, 9; s, 4, 23; c, 25, 8 ; #, 80, 22, so 
sieht man hier den grund der änderung leicht. Dem apu, das 
an ein moment ein zweites anreiht, geht das erste allemal 
voran, so in jenem 8 f 117: die Verhinderung der erobernden 
fortschritte des Brasidas. Das war hier in den Worten: oncog 
Typ 'lcovCav äTzoorTJacoaiv, noch nicht geschehen ; nothwendig 
musste also, wenn hier durch aua eine zweite Schwierigkeit des 
athenischen budgets bezeichnet werden sollte, die erste voraus- 
geschickt sein, also nach dem ersten anschliessenden xai vor 
aua erst jenes erste moment, also der satz : i^v nqögobov — 
tjv acpsXmaiv folgen; worauf kein grund mehr vorlag, mit a\ia 
xai fortzufahren, weil die beiden xai schon durch den Zwischen- 
satz auseinander gebracht waren. Dem daaatq aqu'ai yiyvqrai 
geht aber wiederum der begründende satz ebenso natürlich voran, 
wie in jenem ö, 117 d xaXmg acpiai £%oi dem xai <-vußrjvai ra 
aXeico. Endlich darf das erst spät nach dem object eintretende 
ijv z. 2 keinen anstoss geben; man vgl. ß, 13, 12; &, 58, 23; 
a, 120, 1; y, 40, 3 zw; (*, 18, 8 (und a, 82, 23, worüber 
unten). 

Was der vf. über a, 69, 25 und «, 121, 10 sagt, ist voll- 
kommen richtig, auch y, 39, 19 ist der sinn in der hauptsache 
richtig wiedergegeben , aber es ist zu viel behauptet , dass 
xat nicht in engster beziehung zu vvv stehe. Wegen des xai 
vor näXai gehört auch xai vvv zusammen : wie ihr vordem die 
Mytilenäer nicht bevorzugen solltet, so müsst ihr's auch jetzt 



42 15. Thukydides. Nr. 1. 

nicht. Das ist dem ge danken nach die gegenüberstellung , nur 
dass zur präcisirung des einzelnen andere worte gebraucht sind. 
Hätte der vf. in seiner Übersetzung nicht das xaC vor näXai 
ausgelassen, so würde er selbst mit: auch jetzt haben fort- 
fahren müssen. 

Im dann folgenden ö, 98, 11 hält er Eeiske's vermuthung: 
xa7eiQyo/.i£v(p für durchaus geboten, nimmt 77«? als subjektsac- 
cusativ und übersetzt ^vyyvosfiöv zi yiyvea&ai: excusationem aliquant 
habet. Das ganze heisst ihm : » „es sei natürlich, dass jegliches 
(bei) einem durch krieg und überhaupt irgend eine noth be- 
drängten einige nachsieht finde auch von Seiten des gottes". 
Doch möchte er für ngog zov &sov lesen: nqog zov #c/oi>, weil 
die bezeichnung auf einen bestimmten gott in dem allgemein 
ausgesprochenen satz seltsam erscheine. Classen hatte näv ad- 
verbial genommen im sinne von: durchaus, jedenfalls, und da- 
für auch «, 70, 2 : xal mg näv diacpsgovzag angeführt. Nach 
dem vf. soll näv daselbst heissen : in jeder beziehung, aber 
hätte Classen sich nicht auch diese Übersetzung für sein: näv 
ö' elnog gefallen lassen können? In jeder beziehung, d. h. 
durchaus natürlich sei es u. s. w. Classen hatte ferner ^vyyvtO' 
fiov zi als prädicat zu näv als Subjekt befremdlich gefunden. 
Der vf. findet das nicht, bringt aber doch eigentlich keine recht- 
fertigung des ausdrucks vor. Denn wenn s^ovze'g zi %vyyvoj[tt]g 
in y, 44, 29 sehr selbstverständlich ist, warum denn das zi 
wie hier nicht auch bei ^vyyvmfxov in y, 40, 3 : ^vyyvmnov 8 
iazi zo oMovaiov , welche stelle vor allen zur vergleichung be- 
achtenswerth war. Und Classens letztes bedenken, dass bei 
näv als subjekt dann xazeigyeiv mit sachlichem objekt stehe, 
übergeht der vf. mit stillschweigen. So will es mir scheinen, 
als hätte der vf. hier eigentlich noch keinen beruf gehabt, sich 
gegen Classen vernehmen zu lassen , denn was er zu sagen 
hatte, konnte ihm selbst noch keine Sicherheit geben. Ich denke, 
die sache ist weit anders. Unser vf. fühlt 6ehr richtig , dass 
nagä zot &eov in keinen allgemeinen satz gehört. Aber nun 
musste er auch besonnener weise sogleich weiter sagen: also ist 
dieser satz , um den es sich handelt, kein allgemeiner, sondern 
ein specieller, und zwar ein ganz specieller, der es mit ei- 
ner officiellen rechtfertigung auf eine officielle beschwerde zu 
thun hat. Auf die beiden vorgebrachten anklagen der Böoter, 



Nr. 1. 15. Thukydides. 43 

sich de? heiligthums und des heiligen brunnens zu enthalten, 
hatten die Athener bis zum fraglichen satz eingehend geant- 
wortet. Das dritte stand noch aus, was die Böoter in den Wor- 
ten vorgebracht hatten, c. 97, z. 24: xal oaa äv&Qanoi iv ßs- 
ßfacp dgcaGiv , nävza yiyvea&ai avzo&i. Das ist nun der 
punkt, auf den die Athener in unserm satze die antwort ge- 
ben: näv ö' slxog £ivai zq> Tzolzpcp xal Öeivm Zivi xazsigyä/xarov 
^vyyvm(i6v zi ylyvsa&ai xal Ttgog zov &sov. So ist überliefert 
und so ist auch zu lesen und zu verstehen, llobg zov &eov 
ist gesagt; also um den Apoll handelt es sich, in dessen na- 
men die Böoter die Athener fortgewiesen hatten, c. 97, 29, und 
um das handelt es sich, worauf die Athener in ihrer antwort 
den Böotern bisher noch nicht gedient hatten , was noch sonst 
ungebührliches durch sie im heiligthume vorkommen sollte. Sie 
bleiben auch hier die specielle antwort selbst bis auf das einzelne 
wort nicht schuldig. Die Böoter hatten gesagt: xal oaa äv- 
&Qoonot iv ßeßrjXcp domaiv, nävza yCyvea&ai, avzö&i; die Athener 
sagten darauf: näv — xazuoyofiwov — yiyvsa&ai, ein jedes, 
was aufgenöthigt werde, geschehe. Darum also ist näv noth- 
wendig Subjekts - accusativ , und steht im ganzen satze voran, 
so gut vorher v8coq vorangestanden hatte. Häv — xazeigyo- 
(asvov, nicht näv zo xazsioyopEvov, auch die Böoter hatten all- 
gemein gesprochen, oaa — nävza, solche dinge lassen sich 
eben nicht zählen und bestimmen. Dabei kommt xazslgyco al- 
lerdings im Thukydides, bei dem es im ganzen nur fünfmal 
erscheint (einmal, d } 47, 33: xa&ETol-av) , nicht mit sachlichem 
objekt vor, aber doch sonst: Plut. Pomp. c. 53 und Morr. p. 
445 D., und vergeblich würde man sich nach einem worte um- 
sehen, das für die Situation der Athener hier besser passte. 
Sodann ist eben so sehr, wie näv — xazsigyofxsvov nicht den 
artikel zwischen sich haben darf, zw nole'ficp nothwendig, denn 
gerade über das, was ihnen augenblicklich aufgedrungen wird, 
haben die Athener sich zu rechtfertigen, und so entschuldigen 
sie sich tw nolepcp, in welchem sie eben begriffen sind, und 
durch alle die nicht weiter zu definirenden nöthen, die er herbei- 
führt, xac 8siva> zivL Wir gebrauchen also zip noXs'fiop, um nur 
stellen aus dem ersten buch anzuführen, wie «, 22, 6 ; 55, 11; 
81, 18; 115, 9, und nicht noXi^ wie «, 2, 10; 34, 2; 97, 1; 
103, 33; 120, 16: 140, 14. Und nun endlich %vyyvu) t u6v zi 



44 15. Thukydides. Nr. 1. 

yiyvsaüai. Ich frage den vf. , wenn ^vyyvcopov « yiyvsrai hei- 
ssen soll: excusationem aliquam habet, warum hat der schriftstei- 
ler dann hier nicht gesagt, wie sonst: <-vyyvc6n?]g zi l^fitv, y, 
44, 29; ^vyyväfitjv '£%siv, y, 39, 29; oder ^vyyvco^g xvyyü.vuv 
wie rj, 15, 12; oder ^vyyva(X7]v Xrjipsa&cu wie y, 40, 1? Das 
ist wenigstens seine gewohnte ausdrucks weise, und Thukydides 
hat immer seinen grund, wenn er die verlässt. ^tyyv(0(i6v ti 
yiyvsrai im sinne, wie der vf. will, muss ich behaupten, konnte 
Thukydides nicht sagen; sonst hat er noch ^vyyvmfxrj absolut, 
«, 32, 1; ö, 61, 28; e, 88, 21; oder ^vyyvm^v slvai 8, 114, 
7 ; &, 50, 2; er kennt also nur sati oder slvai. bei %vyyt>(6fir], 
wie es auch allein, wenn man sich es einmal klar vorstellt, zum 
begriff von ^vyyruui] passt; und nun gar hier, wo die Athener 
doch gewiss nicht sagen werden , dass was man ihnen als ein 
bereits begangenes unrecht vorwirft, bei dem gotte zu einem 
verziehenen erwachsen werde. Entweder es ist verziehen oder 
es ist es nicht ; so heisst es denn auch y, 40, 3, das einzige 
mal, wo dasselbe adject. neutr. gen. des wortes wiederkehrt : %vy- 
yvcofiov ö' ißri ro dxovaiov. riyvsa&ai und ^vyyrcopov an un- 
serer stelle gehören aber nicht eng zusammen, sondern das 
ytyvea&ai hier in der rechtfertigung ist dasselbe yt'yveo&ai in 
der anklage, und so heisst denn das ganze: „natürlich aber 
sei es, dass ein jedes, was sich ihnen durch den krieg und ir- 
gend eine noth aufdränge, geschehe als etwas auch vom gotte 
verziehenes". Jetzt sieht man, warum ii gesagt ist, und auch 
nur dieser sinn, der mit der Überlieferung xaTstQyöpevov gewon- 
nen wird, trifft das richtige mass dessen , was die Athener be- 
haupten können, nicht aber was sich bei der änderung xareiQ- 
yofAsvop ergiebt, da doch die Athener nicht gemeint sein können, 
dass einem, der durch krieg und noth bedrängt werde , alles 
und jedes (auch das durch den krieg nicht veranlasste) zu thun 
erlaubt sei. 

In der folgenden stelle £, 10, 17 zw.: ol de avzov avatga- 
cpepjse bnlltaif inl tov Xoyov, bringt vf. für avtov einen Vor- 
schlag, wie es scheint, um aus dem dilemma zu kommen, ob 
er es mit Poppo für das pronomen oder mit Krüger für das 
localadverb nehmen soll. Er fragt in Bekkerscher kürze an : 
avzoi? und vergleicht 8, 4, 14 und ?/, 128, 14. Aber so gut 
avjol gemeint ist, wollen 'wirs doch lieber nicht nehmen, denn 



Nr. 1. 15. Thukydides. 45 

es ist stillschweigends auch ohne dies da. Denn wenn es vor 
her von diesem rechten flügel der Athener heisst z. 13: epave 
fiäXXor, vom Kleon aber sogleich sv&vg cpevycov gesagt wird, 
so versteht es sich von selbst , dass was die hopliten gethan, 
sie aus sich selbst, ohne ihren befehlshaber gethan haben. Da- 
gegen ist avzov nicht zu entbehren. Natürlich ist es adverb, 
nicht pronomen. Wo hat denn Thukydides je von den krie- 
gern eines griechischen feldherrn oi avzov azgaziärai gesagt? 
Das geschieht nie ohne eine präposition: ß, 80, 25; y, 102, 
17. 21; 107, 19; d, 25, 24; 38, 34; v , 43, 14 zw.; 52, 3; 
81, 26; 82, 18; 83, 29; 0, 71, 31; 90, 32; 92, 11 zw.-, 94, 
6. Nur die krieger eines asiatischen despoten sind wie sein 
eigenthum, daher &, 25, 16. 18; #, 108, 6; 109, 9. Dage- 
gen hat Thukydides das localadverb avzov oft genug, im gan- 
zen 32 mal, wozu ich auch 8, 30, 31 rechne, wo kein grund 
ist, von der Überlieferung avtov abzugehen, weil es ohnerachtet 
der Stellung sich an eläaaoai anschliesst und ein avzovg, das 
ohnedies im satze keinen bezug hätte, wegen d, 16, 10 und 
14 lieber entbehrt wird. Das avzov nun an unsrer stelle ist 
äusserst significant. Es stellt die wackern hopliten in scharfen 
gegensatz zu dem sv&vg (fsvymv des Kleon und brandmarkt die- 
sen ebenso sehr ein zweites mal, wie ihn schon die angäbe 
vom myrkinischen peltasten gebrandmarkt hatte. 

Es folgt sodann eine schöne sorgfältige besprechung von 
«, 82, 22 — 28. Ohne zweifei ist die stelle nur mit der Va- 
riante nal za avzmv verständlich, und ich freue mich, dass der 
vf. das gesehen. Denn zu. rjfit'zeg' uvzcov verlangt einen gegen- 
satz, der nur durch die bundesgenossen, ttai za avzäv, gegeben 
ist. Aber ich hoffe doch, der vf. wird zugestehen, dass die 
sache noch ein wenig anders ist, als er sie will. Kai vor za 
rjuezso" 1 avzäv, sagt er, gehört zum ganzen, und macht nun nach 
i^aozvea&ai ein punkt. Das erste ist nicht der fall, und das 
andere darf nicht geschehen , und so erst bekommt das ganze 
seine rechte übersichtliche lesbare gestalt. Denn was soll ich mir 
dabei denken: v.ut gehört zum ganzen v.a\ za hytitt^ avzüv i%ag~ 
tvea&ai? Soll das heissen : durch dieses «at wird das folgende 
Satzglied dem vorhergehenden gegenübergestellt ? Das kann 
eben des zu ?)^5r«p' avzäv wegen nicht geschehen, das noth- 
wendig die bundesgenossen zum gegensatz verlangt und deswe-. 



46 15. Thukydides. Nr. 1. 

gen schon auf das folgende hinweist. Diesem xai vor tu tjfii- 
7£q' avtäv entspricht also das xai vor %a avxStv z. 28, und so- 
mit ist also nach i^agTvsa&ai kein punkt zu setzen , sondern 
ein komma, und der Zusammenhang des ganzen ist also 
dieser: „und inzwischen sowohl unsere eignen mittel in Be- 
reitschaft zu setzen, als auch von noch auswärts zu su- 
chenden bundesgenossen die ihnen zustehenden mittel uns zu 
wege zu bringen". Ich sehe wohl, dass der vf. sich durch 
seine weise das sxaoQi^wfis&a neben dem i^agTvsa&ai hat mil- 
dern wollen ; aber ist denn xslsvoo i^aQzvsa&ai und ixaoQi£(6- 
fxe&a nicht geradezu dasselbe, und ist nicht das selbständig auf- 
tretende tnnoQit,(i)fxi&a hier eine viel leichtere spräche, als wenn 
nach einem so langen vorbereitenden Zwischensatz mit ixnogi- 
^ea&ai noch an jenes obige xeXsvoo wieder angeknüpft wäre ? 

Mit der dann folgenden bemerkung des vf. zu £, 31, 12 : 
ovtog ds 6 otoXog <x>g %Qoviog ts iaöfievog xai xat ancpöisga — 
i^agrv&sig, weiss ich nicht was machen. Das ts vor ioope- 
vog scheint ihm eingefälscht oder corrumpirt aus ys, da es doch 
unmöglich mit dem xat vor xat 1 aficpoxega in beziehung stehen 
könne. Dies xai nach dem participium heisse auch. Und für 
dies letzte vergleicht er a, 20, 2; 121, 5; 2, 35, 2 u.a. Das ist 
mir alles unverständlich. Wenn von einem besondern xai nach 
einem particip die rede sein soll, so folgt ein tempus finitum oder 
ein infinitiv, wie auch an den vom vf. beigebrachten stellen, aber 
kein anderes particip, wie es hier der fall ist. Auch ist klar, 
dass ein solches xai immer die thätigkeit des folgenden verbs 
mit der des vorhergehenden particips in correlation setzt und 
behaupten will, dass so gut das eine sei, auch das andere ge- 
schehe. Auch das ist hier ganz anders, selbst wenn man sich 
vorher einmal das yi des vf. statt des ts gefallen lässt; denn 
deswegen weil der atöloq iQoviog war, ist noch nicht gegeben, 
dass er auch selbstverständlich xax a[xq)6tsQa, xai tavai xai ne£üi 
ausgerüstet war. Daher ist ein auch im sinne des vf. hier un- 
gehörig, und man hat sich zu freuen, dass man für dies xai 
schon im vorhergehenden das hinweisende xe liest. Denn wenn 
der vf. meint , mit xaC vor xax' äftcpoxega könne das ti doch 
unmöglich in beziehung stehen, so sehe ich wahrlich nicht 
ein, warum das nicht sein darf und nicht in voller Ordnung 
ist. Gerade so gut wie eben vorher ini xs ßgax^t nXw — xai 



Nr. 1. 15. Thukydideg. 47 

naQctoxevri qpavXy gesagt ist, so haben wir hier wieder für die- 
selbe sache in ihrem gegensatze: a>g igöviog ze iaofisvog xul 
x«t' äfxqiötEQa — i^agtv&sig , worauf sodann, um den gegen- 
satz gegen das yavlrj ins rechte licht zu setzen , natürlich die 
ganze herrlichkeit dieser see - und landtruppenausrüstung im 
detail ausgeführt wird. Sollte der vf. nach alle dem von sei- 
nem ye noch nicht ablassen mögen, so muss ich sagen, dass ein 
solches ye in steigernder bedeutung nach wg in demselben satz 
im ganzen Thukydides nicht wieder gefunden wird. Thukydi- 
des hat yi im ganzen 165mal, nach äg 8mal, ß, 102, 4; £, 
46, 33; f, 11, 2; 92, 34; rj, 15, 7; 40, 7; 67, 9; &, 2, 17, 
aber, um abzusehen von andern differenzen, stets nur mit der 
Wirkung einer restriction, die hier gerade am allerwenigsten 
angebracht wäre. 

Unser vf. ist in seinem ersten theil, wie schon ersichtlich 
geworden, besonders auf das xat aufmerksam gewesen, und hat 
nai öfter als auch anerkennend manches glücklich gesehen. 
Doch hat er dabei nicht immer kaltes blut behalten und ist 
auf seiner jagd mitunter zu weit gerathen. So ist es ihm auch 
bei der dann folgenden stelle ergangen, y, 34, 11: iv ovv rm 
NorCcp ol xacayvyovTsg v.ai xazoixrjöuvTsg avro&i av&ig ataaid- 
aavzsg ol jxiv xtL Er führt zunächst Poppo an, der übersetzt : 
qui eo confugerant et ibi domicilium posuerant. Er widerlegt Poppo 
nicht, fährt aber fort: „lieber aber möchte ich v.a.1 auch über- 
setzen und zu xazoixrJGavieg ziehen : iv ovv tw Nötig? ol xura- 
q,vy6visg, neu naroi.y.^aavzEg avtö&i av&ig ataGiaaavzEg, ol fxiv 
xiX. Es soll also heissen, scheint es: die auch dort wohnend 
wieder in eine ardaig gerathen wären. Für solche anmerkung 
ist unser vf. eigentlich zu gut. Man soll nicht eine meinung 
gegen eine andere stellen , das führt zu keinem ziel , sondern 
erschwert bloss. Thukydides, das wissen wir alle, hat gut ge- 
schrieben, und so liegt es auch nur an uns, wenn wir in einem 
besondern falle die eine allein mögliche erklärung noch nicht 
erkennen. So lange man aber noch in solcher läge ist, sollte 
man nicht anrühren und abwarten. Im vorliegenden falle ist 
die eine mögliche auffassung ersichtlich genug und kein zwei- 
fei, dass Thukydides auch hier seine Schuldigkeit gethan hat. 
Thukydides beginnt seinen satz : iv ovv zw Noriai. Vorher 
hatte er angefangen, von des Paches fahrt nach diesem No« 



48 15. Thukydides. Nr. 1. 

tion zu erzählen; wir müssen aber, ehe die erzählnng weiter 
fortgehen kann, vorher erfahren, wie es damals in Notion zu- 
stand, also ov xazonxrjvzo KoXoqimviot zijg dvm nöXecog iaXaxviag 
xzX. Das ovv ist also das bekannte ovv nach einem einschieb- 
sei bei wiederaufnähme der angefangenen erzählung. Schon 
dadurch wird man darauf hingewiesen, dass man xal xazoixrj- 
cavzeg an xazaqsvyovzsg anzuschliessen hat, denn mit diesem 
xazoixqouvzeg ist eben nur jenes ov xuzq>xt]vzo wieder gebracht. 
Das ist um so mehr nöthig, weil ol xazacpvyovisg sich nicht 
mit dem voz'hergehenden iv zw Noricp verbindet. Kazayevyeiv 
hat im Thukydides solches iv oder was dem gleichkommt, nie 
bei sich, auch nicht im part. aoristi, selbst nicht im part. per- 
fecti; mit ig: r , 72, 22; «, 89, 7,; 5, 113, 11; y, 113, 10; 
mit im: e, 60, 25: mit no6g: £ 102, 28; #, 106, 8; d, 46, 
10; mit nagd: d, 114, 34. In ö, 14, 6 ist für iv trj yy ive- 
ßaXXov dabei, in y, 71, 13 für ixsi im folgenden TteCoatzsg. 
Es gehört also iv za) Nozicp zum folgenden av&ig ozaaidaavzsg 
ol (isv xzX. Und das wiederum um so mehr , weil nicht ol ö* 
ovv iv reo Nozicp xtxzacpvyovzeg, sondern iv ovv ia> Nozicp 
ol xazacpvyovzeg xzX. gesagt ist. alzö&i schliesst an xa- 
loixtjoavzsg an, weil es nach der regel nachsteht, nur im 
gegensatz voran, und zeigt auch seinerseits , dass iv zdp Nozicp 
von ol xazacpvyovzeg und seinem zubehör gelöst ist. Das xat xa- 
rotxqaavzeg avzo&i ist aber dem ol xazacpvyovzeg hinzugefügt, 
weil nur so jenes obige ov xazmxqvzo zijg dvco nöXecog iaXco- 
xviag, wie es musste, vollständig wiedergegeben und zugleich 
die möglichkeit der azdaig bezeichnet wird. Wo bleibt da nun 
noch räum für eine frage und einen zweifei ? Der Schriftsteller 
also sagt so klar und bestimmt, wie nur immer möglich: in 
diesem Notion also (von dem ich euch eben gesagt , dass die 
Kolophonier dort nach einnähme der oberstadt angesiedelt wa- 
ren) machten die, welche dahin geflohen und aich daselbst an- 
gesiedelt hatten, wiederum eine stasis u. s.w. Es ist also ge- 
nau so wie Poppo erklärt hatte, und Krüger und Classen still- 
schweigend anerkannt haben, während der vf. es übersieht, dass 
seine auffassung das avzö&i vor xazoixijoavzeg verlangen würde, 
und schon deswegen, abgesehen von allem andern, ausgeschlos- 
sen ist. Offenbar ist er in seinen irrthum gefallen, weil er, wie 
er angiebt, durch xai das xaracpvyöt'zeg mit ozaatdaatzeg verbin- 



Nr. 1. 16. Thukydides. 49 

det und xaTOixtjaavTeg dann zu azuaiäaurzeg subordinirt, wäh- 
rend xaTacpvyövreg und xaTOixr'jauvzeg durch xai wie zu einem 
begriffe verbunden sind und uv&tg azuaiuaavzeg zu diesem so 
gegebenen Subjekt die folgenden verba vorbereitet. 

Doch ich bin hier bei der klarheit des Schriftstellers viel- 
leicht unnütz weitläufig geworden und muss leider abbrechen, 
weil ich den vergönnten räum wohl schon überschritten habe. 
Der vf. ist wie gesagt denkend überall, nicht selten glücklich 
das rechte treffend , wie sogleich in den beiden nächsten be- 
sprechungen von y, 53, 27 — 31 und e, 18, 22, und durch das 
zutrauen, das er sich alsbald von anfang gewonnen hat, auch 
da anregend, wo er für seine person seinen zweifei lieber noch 
hätte zurückhalten sollen, wie z. b. in der dann folgenden stelle 
£, 60 , 33 : 6 de ö/j/Aog o zäv 'Ad-tivaicov üafxevog ?.ußccp , cög 
opsTO, zo aatfe'g, xal deivov noiovfxevoi tzoozsoov xzX. Das xai 
vor Seivor, bemerkt er, ist mir sehr verdächtig. Er sagt nicht 
warum, nur so viel, dass ihm wegen des Zusatzes noözeoov stellen 
wie a, 1, 3 : äo^äftetog — xai iXniaag nicht vergleichbar erschei- 
nen. Das sind sie gewiss nicht , aber soll denn das xul ganz 
weg, und dann ao^evog Xußcov und deivov Tzoiovfievoi für den 
gedanken so gut wie auseinander fallen, oder darf xai (auch) 
ngozegov nicht etwa einen begriff zwischen sich nehmen ? Das 
thut es auch «, 12, 1; a, 119, 23; y, 104, 17; 8, 8, 23; 8, 
54, 35. Ö, 121, 16: c, 93, 28; ??, 18, 10; #, 48, 6; &, 83, 
22, und wenn das auch an stellen wie y , 104, 17 sehr natür- 
lich ist, so könnte doch eine stelle wie ö, 54, 35, denke ich, 
vollkommen beruhigen. Das xui an unsrer stelle ist äusserst 
schön ; mit ihm heisst es vom athenischen demos : „der die Wahr- 
heit, die er zu bekommen glaubte, jetzt ebenso gern aufnahm, wie 
er vorher über seine kenntniss der nachstellung aufgebracht war", 
und Seivöv noiov^evog ist zwischen xui-ngözegov getreten, weil der 
gegensatz zu uafievog das erfordert hat. Doch manurn de tabula. 

16. Die erklärung, die G-oodwin von der viel besprochenen 
stelle «, 22, 13 — 17 (Bekker) giebt, wird in Deutschland 
schwerlich freunde finden. Weil bei Dionysius von Halicarnass 
in der Ehetorik XI, 2, p. 398 R. diese worte des Thukydides 
so citirt werden, dass hinter wayilifxa abgebrochen wird, so 
kommt er auf den gedanken , hinter coysl.tna xgireiv zu inter- 
pungiren und zäv fitXlövzcov aqiehfia xqtveiv zusammenzuneh- 
Philol. Anz. V. 4 



50 17. Thukydides. Nr. 1. 

men, was etwa wie xgitfiv coqisXifiov xgiveiv twv fisXXovTmv gesagt 
sein soll. Das ganze heisst ihm sodann : „für alle, welche nicht 
bloss eine klare ansieht vom vergangenen haben, sondern auch 
daraus (aus dem vergangenen) nützliche folgerungen für die 
Zukunft ziehen wollen, wird es genügend sein". Dieser erklärung 
ist sprachlich alles entgegen; denn 1) täv (leXXovtmv wqibXtfxa 
hqipsiv ist keine construetion; xgiveiv verbindet sich bekanntlich 
nur mit dem genetiv der strafe, Qa.v6.tov; ja wäre 2) auch 
co(jpA//u« xgivttv so viel wie xgiaiv dicpsXifxov xgiieiv, so ist xglaig 
(ücpsliftog noch nicht eine xgCatg, dass etwas cocpsXtfAog, sei, und 
3) könnte es nicht avza ägxovvzcog s'i-ei heissen, vielmehr würde 
aozd gar nicht gesetzt sein. Hätte Goodwin nach Krügers drit- 
ter aufläge, die an den worten wie sie dastehen, verzweifelt, 
auch schon Classens ausgäbe sich herüberkommen lassen, so 
würde er gefunden haben , dass was er dem sinne nach richti- 
ges in der stelle sucht, nach der alten interpunktion bei ein- 
facher gesunder erklärung auch wirklich enthalten ist. 

17 Ein einzelnes wort oder einen satz in den alten emen- 
diren, das können auch andere leute ; aber halbe , ganze , ja 
mehrere kapitel hinter einander in dem gelesensten und best- 
überlieferten schriftsteiler als unecht erkennen, wo Jahrtausende 
ohne arg hinweggelesen, das kann nicht ein jeder und ist ein 
triumph des philologischen Scharfsinns wie Olympia unter den 
kämpfen. Steup hat uns schon früher einmal mitgetheilt, dass 
kap. Yi 17 im Thukydides eine interpolation ist; inzwischen 
hat er im geschäft der interpolationen weiter gemacht , und so 
erfahren wir denn durch obige abhandlung, dass auch t, 13, 
26 — 30 die worte vopioavzeg — fyovzag interpolirt sind, ebenso 
der grösste theil vom folgenden c. 14, das c. 15 mit ausschluss 
einer zeile, das ganze kap. 16 und von c. 17, 29 — 2, wo 
dann wieder das ächte beginnt mit xa< zöv zs ^sifiür «. Aber 
wodurch erweisen sich denn dem vf. , um gleich das erste zu 
nehmen, in c. 13 jene worte von vofitoavreg bis zu ende als 
interpolation? Weil er den bestgeschriebenen satz mit mög- 
lichst grossem fleiss sprachlich und sachlich in allen wesentli- 
chen theilen vollkommen missversteht. Kai äpa soll die zweite 
Ursache im vergleich zur andern als untergeordnet darstellen; 
wozu vofiiaavzsg xrA., fragt er, weshalb hinterher diese ansieht der 
anführer, wenn aus dem vorher gesagten schon die thatsach- 



Nr. 1. 17. Thukydides. 51 

liehe Unmöglichkeit des Unternehmens klar sei; wesshalb werde 
nicht auch die Unmöglichkeit der sache als Überzeugung der 
führer hingestellt; die auslassung von rrjv arguTtuv uyaiv bei nai- 
qov thai sti sei nicht ohne härte; auch die zurückbeziehung des 
ixehog auf Brasidas sei hart; das nai vor ixehog ganz und gar 
unpassend; der satz \xakiaza 8s xil. befremdlich, denn wess- 
halb seien sie dann überhaupt von Sparta ausgezogen. Also 
könne das ganze nur des werk eines interpolators sein. Aber 
xal äfxa hat es nicht in seiner art, ein untergeordnetes 
zweites anzugeben; das ist eine regel, die der vf. sich hier nach 
seinem bedarf zugeschnitten hat; er braucht nur die ersten besten 
beispiele im Thukydides nachzusehen, um es anders zu finden; a, 
2, 23 ; a, 2, 7; a, 9, 28 ; 9, 32 ; a, 14, 24. Zu xuiobv slvui hi ist nicht 
aus dem vorhergehenden xr\v otqoitiuv aysiv zu ergänzen, sondern 
es gehört dazu was folgt: dgüv ii oov xüxeitog irrevösi; ä^io- 
XQtwv steht bei Thukydides immer absolut; so ist auch ixelvog 
nicht hart , sondern das allernatürlichste von der weit ; nai ver- 
gleicht nicht ihn und sie, den Brasidas mit den führern, son- 
dern gehört zu cov, wie a, 12, 3 und unzählige male; und vö- 
HiaavTsg xrX. endlich bringt genau die erwägung , die aus dem 
angegebenen thatbestand für die feldherrn erfolgt.. So ist der 
sinn und der inhalt des ganzen kap. 13 also folgender: die 
Schlacht bei Amphipolis fällt ende sommers; sogleich im folgen- 
den winter kommen Kamphias und die seinigen auf ihrem 
zuge zum Brasidas durch Thessalien bis nach Pierion; da fin- 
den sie Schwierigkeiten beim durchzuge abseifen der Thossaler 
und zugleich geht ihnen dort die nachricht vom tode des Bra- 
sidas zu; so entschliessen sie sich nun zur umkehr, weil 
sie sich sagen, jetzt sei keine zeit mehr , einen zug weiter 
fortzusetzen, der auch zu den planen des Brasidas gehörte; 
denn einmal war das motiv ihres heranzuges (den Brasi- 
das gegen die neu angekommene athenische macht zu ver- 
stärken) nicht mehr vorhanden, nachdem die Athener schon 
wieder abgezogen waren , und sodann war auch ihre eigne 
Streitmacht keine bedeutende (es steht der genetiv, «|to- 
Xqscov alröop, nicht der nominativ) , dass sie es noch mit den 
Thessalern jetzt unnützer weise versuchen mögen. Das thaten 
sie nun vollends und zumal nicht, weil sie wussten, dass schon 
bei ihrem auszuge in Sparta grössere hinneigurig zum frie- 

4* 



52 18. Thukydides. Nr. 1. 

den gewesen war nnd ihren zug nur der einfluss und der be- 
trieb des Brasidas veranlasst hatte. — Das sollt ich doch 
glauben wäre echt thukydideisches raisonnement und nur dann 
eine interpolation, wenn der ganze Thukydides eine interpola- 
tion ist. Und mit den andern interpolationen des vf. steht es 
nicht anders. Aber freilich wie sonst anderwärts giebt es auch 
in der philologie bisweilen epidemien, jetzt die der interpola- 
tion ; es ist aber zu hoffen, dass so gute kräfte, wie der verf. 
sie zu haben scheint, das fieber noch glücklich überstehen werden. 

18. Man soll zufrieden sein mit dem, was einer giebt, wenn 
ers nur gut giebt. Sonst möchte man wünschen, der vf. hätte 
uns statt dieses auszuges sogleich den ganzen Thukydides in 
acht deutscher spräche geschenkt. Denn nur für den, der sich 
in die geschichte des krieges selbst hineinlebt und vertieft, 
können auch die reden erst den ganzen werth haben, der doch 
hier beabsichtigt ist. Für den gewöhnlichen schlag „moderner 
leser" , wenn solchen der vf. liebenswürdig freundlich gern die- 
nen möchte, ist der Thukydides, scheint es, überhaupt nicht. Ge- 
wiss ist er „ein hauptschatz von bleibendem werth", wie der vf. 
übersetzt, aber ein erbe, das man erwerben muss, um es zu besitzen. 

Doch freuen wir uns der arbeit des vf. aufrichtig und 
wünschen ihm glück zu dem schon recht wohl gelungenen 
„wagniss". Die zeit, wo Kämpf und andere mit ihm, damals 
noch mit gutem fug und recht, den Thukydides in deutscher 
spräche griechisch übersetzten , ist gewesen, und der vf. hat 
recht, auf Döderleins bahnen weiter zu gehen und es mit dem 
griechischen wort in deutschsr art zu versuchen. Ein solcher 
bäum fällt freilich nicht auf den ersten schlag, aber man wird 
seine innige freude haben, wenn man sich die mühe giebt zu 
vergleichen, wie viel gesundes eingehendes verständniss und 
tiefes nachsinnen in dieser arbeit allerorten versteckt ist. Wir 
wollen es dem vf. schon glauben, dass das nonum prematur in 
annum nicht bloss von der schon 1854 herausgegebenen leichen- 
rede gilt. Wiederholter treuer mühe wird hernach das eine 
und andere noch besser gelingen. So scheint c. 1. nach sei- 
nem beiderseitgem verlaufe, keine glückliche wähl für: 
cbg inoliftyaai' agb*; nlh]lovg; in ihrer kr iegs macht fehlt tjj 
näarj; theils geheim ist nicht die meinung, seine Stellung 
genommen für ^vpiaräfievor zu schwach; darin lag denn 



Nr, 1. 19. Ennius. 53 

auch der anstoss fügt etwas fremdartiges ein. Versehen 
wie c. 32: während dieselbe politik für den gegenwärti- 
gen krieg Korinth von unsrer seite entfernt, wird 
man selten begegnen, vielmehr häufig genug solchen stellen, 
wie nur die gunst des augenblicks sie einzugeben vermag. 

19. De Q. Ennii Scipione scripsit Theophilus Eoe- 
per. Gedani. 1868. 30 s. 4. 

Der zweck der angezeigten schrift ist auf grund einge- 
hender und mit gewohnter gelehrsamkeit geführter erörterung 
aller einschlägigen momente den streit über die art der von Gel- 
lius als liber qui Scipio inscribitur bezeichneten schrift des En- 
nius zum austrage zu bringen. Bekanntlich hat man in die- 
sem Scipio ein in trochäischen septenaren verfasstes episches ge- 
dieht, eine fabula praetexta, eine satura sehen wollen. Letzterer 
ansieht ist namentlich Vahlen gewesen, und zwar hat er ange- 
nommen, dass der Scipio das dritte buch der saturae gebildet 
habe, unter der Voraussetzung der identität eines titellosen, al- 
lerdings auf Scipio bezüglichen fragmentes bei Cicero und eines 
citates aus dem dritten buche der saturae bei Nonius (vrgl. 
Poes. Enn. reliq. p. 157, fr. X). Dass aber diese beiden frag- 
mente durchaus nicht identisch sind, beweist Eoeper aufs klarste 
im verlaufe der abhandlung ; es müssen also für die Untersuchung 
ganz ausser acht gelassen werden alle von Vahlen mit dem 
Scipio verbundenen fragmente des dritten buches der suturae, 
ebenso wie die sonst noch, zumeist wegen ikrer beziehung auf 
Scipio, dazu gezogenen citate. Von den drei direct unter dem 
titel Scipio überlieferten bruchstücken sind zwei allerdings in 
trochäischen septenaren abgefasst; das dritte aber spottet, wie 
Eoeper richtig bemerkt, jedes Versuches, eine wahrscheinliche 
form desselben metums aus den überlieferteu worten herzustellen. 
Spricht schon dieser umstand entschieden gegen die an erster 
stelle angeführte ansieht, so macht Eoeper noch mit recht da- 
gegen geltend , dass die abfassung eines epischen gedichtes in 
trochäischen septenaren schon an sich wenig Wahrscheinlichkeit 
für sich hat, und dann auf grund einer einleuchtenden beobach- 
tung über die betitelung epischer dichtungen, dass der titel Sci- 
pio vielmehr auf eine tragödie oder eine satura hinweist. Vah- 
len hatte die worte (Sparsis hastis longis campm splendet et hör- 



54 19. Ennias. Nr. 1. 

ret) als hexameter gemessen , doch durch die form desselben 
bedenklich gemacht in der vorrede saturnische messung vorge- 
schlagen. Diesen Vorschlag verwirft Roeper mit schlagenden grün- 
den; weniger schlagend sind die gründe, die er gegen die mes- 
sung als hexameter geltend macht. Dass das vorkommen ähn- 
licher verse bei Ennius sich nicht bezweifeln lässt, giebt er zu, 
findet aber nicht, dass die für die anderweitigen beispiele gel- 
tend zu machenden entschuldigungsgründe auch auf diesen vers 
anwendung finden können; überdies seien die worte ja gar 
nicht als hexameter überliefert, wie doch die anderen fragmente, 
folglich fehle jede berechtigung so zu messen. Seiner ansieht 
nach ist die einzig statthafte messung die als dimeter anapae- 
sticus acatalectus und desgleichen monometer: 
sparsis hastis longis campus 
splendet el horret. 
Wäre diese messung richtig, so wäre damit zwischen den bei- 
den noch vorhandenen möglichkeiten , ob praetexta oder sa- 
tura, zu Ungunsten der letztereu so gut wie verschieden, da 
ein solches metrum für eine satura doch wenig Wahrscheinlich- 
keit hätte'; so aber spricht die messung von splendet als tro- 
chaeus bei accentuirung der endsilbe entschieden dagegen, da 
sich eine solche messung für Ennius auf grund einer blossen 
vermuthung nicht annehmen lässt. Was Roeper's einwendungen 
gegen die messung als hexameter betrifft, so ist damit noch 
keineswegs erwiesen , was erwiesen werden soll. Da Lucilius 
die wie ein hexameterausgang klingenden worte sptendet et horret in 
einem hexameterschlusse persiflirt hat , so ist es die nächstlie- 
gende vermuthung, dass der ganze vers ein hexameter war, 
und diese vermuthung erhält einige Wahrscheinlichkeit dadurch, 
dass sich das fragment wirklich als hexameter messen lässt, 
für den sich ein defectus artis pro arte sehr wohl in anspruch 
nehmen lässt. Noch statthaft wäre die messung als anapästischer 
septenar vv — vv sparsis hdstis longis cämpus splendet et horret; 
aber ebenso wenig als die messung als hexameter absolut ge- 
gen eine tragödie — denn bei dem fragmente IV aus der Me- 
lanippe des Ennius verdient dieselbe messung unbedingt den 
Vorzug vor der von Roeper vorgeschlagenen anapästischen — , 
spräche diese messung gegen eine satura, da auch das schon 
oben berührte nonianische fragment aus dem dritten buche der 



Nr. 1. 20. Lateinische historiker. 55 

eaturae jedenfalls mitEoeper als anapästischer septenar zumessen 
ist. Von dieser seite her lässt sich also für die entscheidung 
der frage nichts gewinnen. Auch dass der ton der erhaltenen 
bruchstücke weniger für eine satura zu passen scheint, ist für 
sich kein durchschlagendes argument, wohl aber gewinnt es be- 
deutung in Verbindung mit der von Eoeper wieder in erinne- 
rung gebrachten, augenscheinlich durch Vermittlung von Diomedes 
auf Sueton zurückgehenden notiz des Hrabanus Maurus, nach wel- 
cher Scipio wirklich gegenständ einer praetexta gewesen ist. Dar- 
nach hat Eoepers ansieht, dass man in dem Scipio eine prae- 
texta zu sehen hat , einen hohen grad von Wahrscheinlichkeit, 
so dass man sich' billig wundern muss, die sache in der neuen aus- 
gäbe der tragikerfragmente nicht einmal einer erwähnung ge- 
würdigt zu sehen. Ganz einleuchtend ist ferner die vermuthung, 
dass das stück bei gelegenheit der triumphalspiele nach Scipio's 
rückkehr aus Afrika aufgeführt worden ist. 

20. Historicorum Eomanorum relliquiae. Disposuit recen- 
suit praefatus est Herrn. Peter. 8. Vol. I. Lipsiae. B. G. Teubn. 
MDCCCLXX.— XV* CCCLXVIII & 377 pp. - 5 thlr. 10 ngr. 

Die verliegende Sammlung der aus verlorenen werken der 
römischen historiker erhaltenen bruchstücke ist zwar bereits die 
dritte , welche im laufe von nicht ganz vierzig jähren veran- 
staltet worden ist ; danach besteht kein zweifei, dass dieselbe 
einem lebhaft empfundenen bedürfniss entgegen kam. Denn 
die von A. Krause herausgegebenen Vitae et fragmenta vett. hi- 
storicorum Romanorum boten zwar ein reiches material , konn- 
ten aber wegen des fühlbaren mangels an kritik durchaus 
nicht befriedigen. Die um zwei decennien später im an- 
hange zu Gerlach's prachtausgabe des Sallustius erschienene 
Sammlung von Karl Ludwig Eoth zeichnete sich durch genauere 
sichtung und sorgfältigere revision der fragmente aus, war aber 
nur als eine art von kritischem repertorium angelegt; litterar- 
historische ausführungen Hess sie vermissen und beschränkte 
sich auf die diplomatisch treue aufnähme der in lateinischem 
Wortlaut erhaltenen bruchstüche, während sie die griechischen 
nur in lateinischer bearbeitung darbot. Nachdem eine neue 
Sammlung jähre lang von August Eeifferscheid erwartet worden 
war, gab Hermann Peter, der söhn des Verfassers der geschichte 



56 20. Lateinische historiker. Nr. 1. 

Koms in der Schrift M. Claudi Quadrigari annalium relliquiae 
(Frankfurt a. 0. 1868) zugleich eine ankündigung der nun 
vorliegenden arbeit und eine probe, dass er der schwierigen 
aufgäbe gewachsen sei. Der stattliche band, der bis jetzt erschie- 
nen ist, deckt sich nun zwar dem wesentlichen inhalte nach mit 
den Sammlungen von Krause und Roth, zeigt aber eine durch- 
aus verschiedene — wir setzen gleich hiuzu — die anspräche 
des gegenwärtigen Standes der forschung befriedigende ausfüh- 
rung. Derselbe enthält die fragmente der älteren historiker ; 
der zweite band soll zum ersten male auch die historischen 
fragmente aus der römischen kaiserzeit vereinigen. 

Dem texte des vorliegenden ersten theils sind ausser der 
widmung (Carslo. Petero. Patri. Carissimo. S.) und der vorrede 
(p. VII* — XV*), welche die methode und die hülfsmittel des 
herausgebers bespricht, Prolegomenon capita quattuor vorausge- 
schickt, welche mit den einzelabhandlungen de scriptorum vitis 
et scriptis die hälfte des bandes (p. I — CCCLXVIII) fällen. 
Wir erhalten hier eine vollständige geschichte der römischen 
historiographie von den ersten anfangen bis zum ende der re^ 
publik neu aus den quellen dargestellt mit umfassender be- 
nutzung der einschlagenden literatur. Dass sich ein herausge- 
ber der fragmente lateinischer historiker einer solchen weit- 
schichtigen arbeit nicht entschlagen konnte, versteht sich von 
selbst; aber es bleibt doch fraglich, ob auch der gesammte 
apparat dem leser vorzulegen war, wodurch das buch bedeu- 
tend vertheuert und die Orientierung sicher erschwert wor- 
den ist. Cap. 1 der prolegomena handelt de annalibus maximig. 
Bezüglich der genesis dieser officiellen historiographie ent- 
scheidet sich der herausgeber gegen Cicero mit Servius dafür, 
dass diese historischen notizen nicht erst am Schlüsse des jahres 
auf einer tafel in der regia publiciert werden seien, sondern dass 
wichtige begebenheiten sofort auf der in der regia bereit ste- 
henden tafel durch den pontifex im sinne des aristokratischen 
priestercollegiums aufgezeichnet wurden, um auf diese weise 
dem volke unverweilt bekannt zu werden. Somit seien die 
annales, deren bezeichnung als maximi gegenüber der deutung 
der alten auf den umfang bei ihrer herausgäbe bezogen wird, 
ursprünglich für die Zeitgenossen bestimmt gewesen und erst 
in zweiter linie für die nach weit aufbewahrt worden. Erläu- 



Nr. 1. 20. Lateinische historiker. 57 

tert wird die Vorstellung über die annales maximi durch die 
vergleichung mit den ostertafeln des mittelalters : wie diese so 
vermittelten auch jene den tibergang zur eigentlichen geschicht- 
schreibung, so dass zwischen den tafeln der pontifices und den 
werken eines Fabius und Cincius ein analoges verhältniss be- 
steht wie zwischen unseren ostertafeln und etwa den quedlin- 
burger oder hildesheimer Annalen. Wie dann im mittelalter 
die persönliche fürsorge eines Karl des Grossen und späterer 
kaiser , so hat in Rom der eifer der adeligen geschlechter für 
den ahnenruhm ihrer familie die geschichtschreibung gefördert. 
Hiemit beginnt cap. 2 de litterarum monumentis privatis. Dass 
durch diese familientraditionen, wie sie namentlich in den lau- 
dationes formuliert wurden, die geschichte gefälscht worden ist, 
wird mehrfach ausdrücklich bezeugt. Wie aber solche subjeetive 
erfinduugen eingang in die officielle geschichtsüberlieferung er- 
langen konnten, ist schwer zu bestimmen. Peter vermuthet, 
dass die beim grossen gallischen brande verschont gebliebenen 
privatarchive der auf dem capitolium wohnenden familien zur 
restitution der annales maximi beigezogen worden seien. Dabei 
ist freilich die annähme so früher entstehung jener fälschungen 
nicht unbedenklich. Der reichthum einzelner familienarchive 
hat ohne zweifei auch den entscheidenden anstoss zu historio- 
graphischen publicationen einzelner Verfasser gegeben, d. h. zur 
begründung einer historischen litteratur. Die epochen dersel- 
ben behandelt cap. 3 Historiae Romanae aetates primis lineis 
adumbratae. An der spitze der römischen historiker steht Q. 
Fabius Pictor und sein Zeitgenosse L. Cincius Alimentus als 
Vertreter jener in griechischer spräche, aber mit aristokratisch 
römischem geiste geschriebenen Chroniken, welche nach ausführ- 
licher darstellung der anfange Roms die folgenden partieen im 
einzelnen ungleich, im ganzen kurz erzählten und erst bei der 
selbst erlebten oder doch aus mündlichen mittheilungen genauer 
bekannten zeit ausführlicher verweilten. Eine manier, die auch 
den folgenden historikern, welche umfassende stoffe behandel- 
ten, geblieben ist, wie jüngst Nissen im Rhein. Mus. XXVI, 
p. 499 gezeigt hat. Auch M. Porcius Cato folgte derselben, so 
sehr er sonst mit ausgesprochener polemik sich zu jenen anna- 
listen in bewussten gegensatz gestellt hat. Er schreibt in la- 
teinischer spräche, also nicht ausschliesslich für aristokratische 



58 20. Lateinische historiker. Nr. 1. 

leser; in volkstümlicher auffassung, ja nicht ohne eine gewisse 
Scheelsucht gegen die hochadligen männer in der geschichte; 
ohne die übliche beschränkung auf die stadtgeschichte, sondern 
indem er Italien als einheit betrachtet. Ob Cato, wie Peter 
will, auch in der auswahl des Stoffes nur die hauptpunkte her- 
vorhebt, statt an dem dünnen faden pontificaler traditionen die 
erzählung der geschichte fortzuspinnen, scheint ungewiss. Denn 
der begriff capitulatim in dem bekannten Zeugnisse des Nepos 
v. Cat. 3 darf wohl, wie die Zusammenstellung hrevissime atque 
capitulatim perstringam bei Plinius NH. II, 55 zeigt, kaum an- 
ders gefasst werden, als was über Fabius und Cincius bei Diony- 
sius AR. I, 6 berichtet wird : HBCpaXaicodäg ins8ga/j,sv. Unter de- 
nen, die Cato folgten, tritt neben L. Cassius Hemina besonders 
der moralisierende L. Calpurnius Piso hervor. Epoche macht 
der von Cicero namentlich gerühmte, rhetorisch gebildete L. 
Coelius Antipater, der unseres wissens zuerst den titel historiae 
für seine auf den zweiten punischen krieg beschränkte, zum 
ersten male auch mit fingierten reden ausgestattete darstellung 
wählte. Peter nimmt hiebei anlass sich über den unterschied 
zwischen annales und historiae zu äussern , worüber die Zeug- 
nisse divergieren, und entscheidet sich gegenüber der besonders 
seit Niebuhr geläufigen ansieht, welche unter annales die dar- 
stellung der früheren zeiten, unter historiae die des eigenen 
Zeitalters versteht, für jene deutung, nach welcher die einfache 
chronologische erzählung die annales, die pragmatische behand- 
lung die historiae characterisiert. Wichtig erscheint ferner, 
wohl nächst Cato unter den älteren der interessanteste, Sempro- 
nius Asellio , der vielleicht durch die pragmatik des Polybius 
angeregt eine pragmatische darstellung mit bestimmter morali- 
scher tendenz versucht hat. Die folgenden aber wandelten nicht 
in den bahnen des Coelius und Sempronius; Q. Claudius Qua- 
drigarius und Valerius Antias griffen wieder zu der form der 
Annalen zurück, deren dürftige trockenheit sie, insbesondere 
Valerius , durch kecke erfindung zu bereichern und pikant zu 
machen strebten. Ihre darstellungen erlangten eine solche Po- 
pularität , dass sie die früheren so ziemlich verdrängten und 
selbst eine grundlage für die werke späterer, Livius und Dio- 
nysius, werden konnten. Neben ihnen ist L. Cornelius Sisenna 
zu nennen, der, obschon einen naheliegenden stoff behandelnd, 



Nr. 1. 20. Lateinische historiker. 59 

dennoch wie einst Clitarchus mit persönlicher Parteinahme und 
phantastischem sinne zur Verherrlichung der Cornelier, namentlich 
Sulla's schrieb. L. Voltacilius Plotus , der erste libertine, der 
es wagte wie ein vornehmer geschichte zu schreiben, diente sei- 
nem patron mehr als der Wahrheit. Auch die alterthumsfor- 
schung eines C. Licinius Macer und Q. Aelius Tubero suchte 
mehr das interessante als das richtige zu finden. Erst die me- 
thodisch betriebenen Studien der griechischen Vorbilder brachten 
nach langer entwickelung die historiographie in Eom zu rascher 
blüthe. Atticus und Varro veröffentlichten ihre chronologischen 
hulfsbücher ; Cäsar schrieb seine commentarien , Sallustius seine 
historien, Livius schloss mit seinem umfassenden werke den 
reigen der republikanischen historiker. — Wir sind dem her- 
ausgeber in seiner skizzierten Übersicht absichtlich schritt vor 
schritt gefolgt, um zugleich eine annähernde Vorstellung von 
seiner Sicherheit in der Charakteristik zu geben. Dass übrigens 
das bild des einen oder anderen unter den hier und im fol- 
genden von Peter charakterisierten historikern sich noch schär- 
fer und ausführlicher darstellen lässt, hat erst jüngst Wölfflin 
in seiner schrift über Coelius Antipater gezeigt. — Jenem 
überblick der formen und tendenzen, in welchen sich die ältere 
historiographie bewegte, folgt eine kurze andeutung über die 
methode der damaligen geschichtsforschung ; hier hätten jedoch 
die grundlegenden ergebnisse der Untersuchungen von Nissen 
eine bestimmtere und eingehendere darstellung möglich gemacht. 
Auffallen kann es, dass bezüglich der Quellenstudien eines Licinius 
Macer u. a. einfach auf Schwegler verwiesen wird ; denn diese kürze, 
die, consequent durchgeführt, den umfang des Peter'schen bu- 
ches sehr ermässigt haben würde, wird nur ausnahmswsise an- 
gewendet. — Cap. 4 der prolegomena bespricht qua ratione Jiae 
relliquiae nobis traditve sint. Der n achweis, wie der principielle 
unterschied zwischen wörtlich überlieferten fragmenten und sol- 
chen citaten, die nur den inhalt des gewährsmanns reproducie- 
ren, durch die fehlerhafte citiermethode der alten historiker 
und grammatiker sich praktisch ausgleicht, ist verhältnissmässig 
kurz gefasst. Eine reichhaltigere Zusammenstellung verwandter 
erscheinungen hätte hier wie in dem folgenden abschnitte des 
buches manche späteren Wiederholungen unnöthig gemacht. 
Doch hat der herausgeber, wie es scheint, absichtlich lieber 



60 20. Lateinische historiker. Nr. 1. 

widerholungen zugelassen, um dem leser der fragmente das 
nothwendige ohne allzu weitläufiges nachschlagen iu jedem falle 
möglichst zur Verfügung zu stellen. Sehr ausführlich sind die 
Untersuchungen De scriptorum vitis et scriptis, in welchen alle 
uns bekannten historiker von Q. Fabius Pictor an bis zu Seribo- 
nius Libo herab und anhangsweise Incertae aetatis scriptores mit 
eingehender Sorgfalt behandelt werden, auch die quellen, aus denen 
sie geschöpft, und die späteren Schriftsteller, denen sie wie- 
der als quellen gedient haben, angegeben werden. Es wird 
schwer sein, dem herausgeber erhebliche auslassungen oder ei- 
gentliche Unrichtigkeiten nachzuweisen. Eher könnte man über 
zu grosse Umständlichkeit in der Untersuchung, in die auch al- 
lerlei nebendinge hereingezogen werden, und über die bisweilen 
lästige breite der sonst correcten darstellung klagen. Dass frei- 
lich die zahllosen, von Peter nie umgangenen controversen nicht 
immer so, wie es der leser wünschen möchte, entschieden wer- 
den, kann nicht wunder nehmen. Dass Fabius auf kosten des 
Polybius erhoben wird, dass die ansieht von Carl Peter über das 
verhältniss von Polybius und Livius festgehalten ist, dass eine 
eigene Schrift de censoribus dem Cassius Ilemina abgesprochen 
wird, solche und ähnliche punkte sind es , in welchen der her- 
ausgeber das richtige nicht getroffen zu haben scheint. Auch 
wird sich gegen die beziehung einzelner citate und gegen die 
Interpretation einzelner Zeugnisse noch mancher einspruch er- 
heben. Umfassende arbeiten, wie die von Peter, bilden eben 
marksteine der forschung, die auf der einen seite mit dem ge- 
wonnenen abschliessen, während sie auf der anderen die bahn 
für weitere Studien bezeichnen. Dagegen soll in der fragmen- 
tensammlung selbst etwas möglichst festes und bleibendes gege- 
ben werden; sie muss nothwendig den charakter eines urkun- 
denbuches tragen. Der conjecturalkritik fällt bei so trümmer- 
haften Überresten natürlich eine ausgedehnte aufgäbe zu; aber 
in dem abdruck der texte selbst ist sie vom herausgeber mit 
vollem recht auf ein möglich enges gebiet beschränkt worden. 
Selbst probable vermuthungen sind nur unter dem texte durch 
den druck hervorgehoben , in den text sind nur unzweifelhafte 
Verbesserungen aufgenommen. Im allgemeinen hat der heraus- 
geber mit ausbeutung des in den besten ausgaben der einzelnen 
Schriftsteller gebotenen kritischen materiald einen diplomatisch 



Nr. 1. 20. Lateinische historiker. 61 

möglichst sicheren text hergestellt; bei einzelnen autoren, zu 
denen der kritische apparat noch nicht gedruckt vorliegt, wie 
bei Gellius , Servius , Varro , Orosius hat sich der herausgeber 
das im besitze von Hertz, Thilo, A. Wilmanns, Zangemeister 
befindliche handschriftliche material zugänglich gemacht; drei 
Noniushandschriften hat er selbst für seine zwecke verglichen. 
Unter dem texte hin läuft ein doppelter commentar, nämlich 
parallelstellen und kurze historische eiiäuterungen und eine 
reiche Sammlung der wichtigen Varianten und der versuchten 
emendationen. Dass hiebei manche, aber immerhin seltene 
lücken sich finden, ist bereits von Hertz durch nachtrage er- 
wiesen worden ; wie wenig aber hieraus bei der ausserordent- 
lichen fülle und der Zerstreutheit des Stoffes ein eigentlicher 
Vorwurf für den herausgeber erwächst, bedarf keiner erörterung. 
Hertz hat auch den anfang zu weiterer reioigung der nunmehr 
gesichteten und geordneten textstellen gemacht; hier ist nun 
ein schwer zu bearbeitendes , aber gewiss fruchtbares feld für 
vorsichtige kritische thätigkeit eröffnet. Die Vollständigkeit 
der vom herausgeber gesammelten stellen ist wohl nicht be- 
streitbar ; denn, obwohl inzwischen schon vielfach behandelt, ist 
die Sammlung doch nur in einer einzigen stelle (von Hertz in 
seiner Schrift de historicorum Rom. reliquiis quaestt.) lückenhaft 
befunden worden. Allerdings bekennt der herausgeber selbst, 
dass ihm in diesem punkte ziemlich vorgearbeitet und eher die 
aufgäbe gestellt war, die zahl der bruchstücke zu vermindern 
als zu vermehren. Doch ist der herausgeber hierin wenigstens 
bezüglich einer stelle noch zu schonend verfahren , vgl. Hertz, 
a. o. Die anordnung der stellen ist so getroffen, dass die auf 
bestimmte thatsachen zurückzuführenden fragmente nach der 
chronologischen reihenfolge dieser begebenheiten, die übrigen 
nach dem alter der autoren , von denen sie überliefert sind, 
aufgeführt werden. Alle jene stellen, welche in den uns erhal- 
tenen werken nicht namentlich auf die alten gewährsmänner 
zurückgeführt sind, sondern nur vermuthungsweise dem oder je- 
nem zugetheilt werden , sind aus der eigentlichen fragmenten- 
sammlung ausgeschieden und in die vorausgeschickten abhandlun* 
gen über die einzelnen historiker eingereiht worden. Den 
beschluss des ganzen machen fünf sorgsam gearbeitete indices. 



62 Bibliographie. Nr. 1. 

Neue auflagen. 

21. Homers's Odyssee. Erklärt von K. F. Ameis. 8. Anhang. 
1. heft. 2. aufl. Leipzig. Teubner; 9 ngr. — 22. Herodot erklärt 
von K. Abicht. 2. bd. 2. aufl. 8. Leipzig. Teubner; 21 ngr. — 
23. Testamentum novum, graece. Ad antiquos testes denuo recogn. 
C. Tischendorf. Ed. VIII critica maior. 8. Vol. II facs. 5. Lips., 
Gieseke: 1 thlr. 16 ngr. — 24. P. Vergilii Maronis opera ed. A. 
Forbiger. P. 1. Ed. 4. gr, 8. Lips. Hinrichs; 2 thlr. 15 ngr. 

Neue Schulbücher. 

25 M. Meyring, kleine lateinische grammatik. 4. aufl. 8. Bonn. 
Cohen; 22 ngr. — 26. P. D. Ch. Hennings, elementarbuch zu der 
lateinischen grammatik von Ellendt-Seiffert. 3. abth. 8. Halle. Wai- 
senhaus; 12 gr. — 27. H. Gull, die göttersagen und kultusformen der 
Griechen, Römer, Aegypter u. s. w. 2. abdr. 8. Leipzig. Spamer; 1 thlr. 

Bibliographie. 

Erschienen ist: Dr. W. Müldener , Bibliotheca philologica, eine 
geordnete Übersicht aller auf dem gebiete der classischen alterthums 
Wissenschaft wie der älteren u. neueren Sprachwissenschaft in Deutsch- 
land und dem ausländ neu erschienenen bücher. 25. jahrg. 2. hft. 8. 
Göttingen. Vandenh. u. Ruprecht. 

Im verlag von F. Dümmler in Berlin ist erschienen : auswahl aus 
den kleinen Schriften von J. Grimm, worin ausser der Selbstbiographie 
auch die rede auf K. Lachmann enthalten. Preis 1 thlr. 10 ngr. 

Von der Verlagsbuchhandlung von B. G. Teubner ist ein „schul- 
catalog", ebenso >Bibliotheca philologica Teubneriana« erschienen. 

Es ist ausgegeben : Ausgewählte werke aus dem verlage der Weid- 
manw'scheu buchhandlung in Berlin. 

Preisermässigung von Mauke's verlag in Jena: darunter die aus- 
gaben des Hesychius von M. Schmidt. 

Cataloge von antiquaren : Antiquarischer anzeiger nr. 6 von O. 
JBonde in Altenburg; St. Goar in Prankfurt a. M. verzeichniss von 
werken der archäologie und kunst des alterthums und mittelalters, 
nr. 31 ; 152. verzeichniss des antiquarischen lagers von H. Härtung 
in Leipzig; nr. 193. bücher - verzeichniss von Th. Kampffmeyer in 
Berlin ; antiquarischer catalog nr. III. von H. Killinger in Wies- 
baden ; nr. 237. K. F. Kuhler 's in Leipzig antiquarische anzeige- 
hefte; Bibliotheca archaeologica. 98. catalog von 31. Lempertz in Bonn, 
sehr zu beachten; catalog I .. von Mayer und Müller in Berlin; Bi- 
bliotheca philologica. Catalog XV von L. Rosenthal's antiquariat in 
München; verzeichniss nr. 4 . . von Schneider § Otto in Göttingen; 
katalog 48. Schweizer -antiquariat in Zürch (nur auctores graeci et 
latini); XIII antiquariats-catalog von Simmel u. comp, in Leipzig; 94. 
95. antiquarischer catalog von Ferd. Steinkopf in Stuttgart ; nr. 24 
antiquarischer anzeiger von E. Wagner in Augsburg; verz. XLIII von 
Alfred Würzner in Leipzig (besonders geschichte). 

Von dem „Allgemeinen literarischen Wochenbericht" sind jetzt 
10 nummern erschienen. 

Kleine philologische zeituug. 

Am 2. novemb. war der erste rektorats -.Wechsel in Strassburg, 
bei dem prof. de Bary eine rede hielt, da der abgehende rektor, 
prof. Bruch eine solche zu halten durch Unwohlsein verhindert war: 



Nr. 1. Kleine philologische zeittmg. 63 

näheres giebt Allg. Augsb. Ztg. 1872, nr. 310. Näheres über philolo- 
gisches in Strassburg wird unt. nr. 2 enthalten. 

Von JE. Werners Nilbildern ist die zweite lieferung erschienen, 
mit erläuterungen von Dümichen und Brehm. 

Der französische archäolog Hauet beginnt im auftrag Rothschilds 
ausgrabungen bei Miletos vorzunehmen. Kann denn dergleichen nicht 
auch von Deutschland ausgehen? 

Mittheilungen aus der vom französischen uuterrichtsminister Si- 
mon bei eröffnung der medicinischen facultät in Nancy gehaltenen 
rede giebt der Staats-Anz. 1872, u. 282, beil. 1. 

Der Staats-Anz. 1872, nr. 278 giebt folgenden bericht der sitzung 
der archäologischen geselischaft in Berlin am 5. november. Prof. E. 
Curtius legte einige neue abhandlungen vor , in denen Dilthey über 
Apollo und Daphne (elfenbeinrelief von Ravenna) und Schubring über 
Kamarina, Pervanoglu über das fäniilienmahl auf altgriechischen grab- 
steinen schreiben. Hieran anknüpfend bespricht er eine besondere 
gruppe dieser reliefs, wo ein reiterzug über dem vorhange sichtbar 
wird, welcher den hintergrund der darstellung bildet, und legte die 
abbildung zweier in Sniyrna befindlicher reliefs dieser art vor. Dann 
besprach er die ersten bedeutenderen denkmäler, welche durch des 
Dr. Schliemann ausgrabungen iu Troja zum Vorschein gekommen sind, 
und das postament einer ehrenstatue des logisten Klaudios Kaikinas 
aus Kyzikos und einen triglyphenblock mit einer vortrefflich erhalte- 
nen und stylistisch sehr merkwürdigen metopentafel, die den Helios 
auf springendem Viergespann darstellt. Hübner legte hierauf zu- 
nächst die für die geselischaft eingegangenen geschenke vor, näm- 
lich den Jahrgang 1870 — 1871 der publikationen des luxemburger al- 
terthumsvereins , die festschrift des göttinger archäologischen Semi- 
nars mit der abhandlung von W. Gebkard über die gemälde Po- 
lygnot's in der lesche zu Delphi und der oben erwähnten abhand- 
lung Pervanoglus. Unter den zahlreich eingegangenen Schriften hob 
er besonders zwei neu gegründete Zeitschriften hervor, nämlich den 
neugegründeten Indicateur de i ' archeologie et du collectionneur, welcher 
seit dem September v. j. in St. Germain unter der leitung eines der 
direktoren des bekannten dortigen museurns, des herrn Gabriel de 
Mortillat, erscheint und eine portugiesische Zeitschrift, die Archaeo- 
logiu artistica von Porto, redigirt von einem des deutschen vollstän- 
dig kundigen gelehrten Joaquim de Vasconcellos, welcher nur besserer 
fortgang als den bisherigen ähnlichen versuchen in jenem lande zu 
wünschen ist; bis jetzt liegt nur ihr prospekt vor. Von den grösse- 
ren werken und den broschüren wurde nur hingewiesen auf die neue, 
dritte bearbeitung des bekannten handbuchs der griechischen mytho- 
logie des verstorbenen Ludwig Preller, durch den Dr. E. E. Plew 
hierselbst, und auf die abhandlungen von P. Foukart in Paris über 
das in griechischar spräche abgefasste römische senatusconsult von 
Thisbe in Böotien (aus den Archives des missions) und von H. Scheuer- 
manns in Lüttich über den merkwürdigen fund von Eggenbilsen in 
Belgien (etruskischer goldschmuck und erzgefässe). Eine reihe ande- 
rer arbeiten musste für spätere besprechung zurückgelegt werden. — 
Hierauf legte B. Strack die ihm durch den londoner architekten 
Donaldson zugesendeten grossen und wohlgelungenen Photographien 
der jetzt in London angelangten säulentrommel aus dem grossen Ar- 
temistempel in Ephesos vor. Hr. Donaldson hatte schon in seiner 
im j. 1859 erschienenen Architectura numismatica nach den wenn 
auch kleinen und unvollkommenen abbildungen des tempels auf mün- 
zen den schluss gezogen, dass des Plinius vielbesprochene bezeichnung 
der säulen dieses tempels als columnae caeiatae nur von wirklichen 



64 Auszüge aus Zeitschriften. Nr. 1. 

reliefs verstanden werden könne. Woods endlich von erfolg gekrönte 
ausgrabungen haben diese vermutbung jetzt durchaus bestätigt; 
das nächste heft der archäologischen zeitung wird nach den Photo- 
graphien hergestellte abbildungen dieses in hohem mass merkwürdi- 
gen säulenreliefs bringen. — Hr. Bruns, jüngst von einem römischen 
aufenthalt zurückgekehrt, berichtete hierauf eingehend nach wiederhol- 
ter und genauer besichtigung über die neuesten ausgrabungen auf 
dem römischen forum und insbesondere über das merkwürdige haupt- 
fundstück derselben, die beiden reliefplatten, deren deutung, wie es 
scheint, in allem wesentlichen gelungen und für die geschichte des 
forums von hoher Wichtigkeit ist. — Dr. Engelmann konnte durch 
die gute des hofbildhauers herrn Gilli das schon früher in der ge- 
sellschaft besprochene (vgl. Arch. Zeit. 1868, s. 89) Laokoonrelief des 
maiers Wittmer in Rom im original vorlegen. Er suchte die ge- 
wöhnlich gegen das alterthum des fraglichen reliefs vorgebrachten 
gründe zurückzuweisen, indem er nachwies, dass einmal die ovale 
form nur erst nachträglich hineingekommen sei, da das relief ur- 
sprünglich ein rechteck bildete (die beschädigung einer ecke scheint 
das abarbeiten veranlasst zu haben) und dass zweitens die Verschie- 
denheit des styles, sowie der abweichungen von der bekannten gruppe 
für eine Originalschöpfung und gegen eine fälsch ung sprächen. Letz- 
teres wurde auch anerkannt , doch das werk mehrfach , vorzüglich 
von seiten prof. Adlers für eine moderne arbeit erklärt. Die diskus- 
sion brachte keine argumente für oder wider die ächtheit zu tage; 
seit dem bekanntwerden des reliefs hat sich die grosse mehrzahl der 
archäologen wie der künstler gegen dieselbe ausgesprochen. Ein alle 
rweifel abschneidender beweis für die ächtheit wird sich vielleicht, 
wie in so manchen fällen, auch hier nicht führen lassen; die gründe 
für die unächtheit aber bedürfen einer eingehenden erörterung, welche 
sich nur mit heranziehung alles einschlägigen materials, besonders 
des in Madrid befindlichen Laokoonreliefs, anstellen lässt. 

Auszüge ans Zeitschriften. 

Augsburger allgemeine zeitung, 1871, beil. zu nr. 329: G.M.Thomas, 
G. Hermann 's hundertjähriger geburtstag: schöner artikel zur erinne- 
rung an unsern grossen meisten s. Phil. anz. IV, nr. 12. — Beil. zu 
nr. 331 : F. Dahn , briete aus Thule. II. — Nr. 332 : der projectirte 
oberste schulrath für Bayern. — Beil. zu nr. 333. 334: F. Dahn, briefe 
aus Thule. III, IV: handelt vom Eridanus u. dergl. — Nr. 336: als 
man in Heidelberg den 100jährigen geburtstag G. Hermann's feierte, 
ward bei dem im museum veranstalteten festessen der Nestor der 
Philologie in Heidelberg, der geheime hofrath Joh. Chr. Felix Bahr, 
also am 28. nov. , vom schlage getroffen: er konnte noch nach hause 
gefahren werden, erlag aber bald darauf einem erneuten anfall. _ — 
Nr. 337 : B. Stark , nach dem griechischen Orient. VI : äusserst in- 
teressant, in dem, leider nur zu kurz, Stark seinen aufenthalt in Troja 
— Schliemann's ausgrabungen werden auf Neu-Ilion bezogen — , dann 
auch den in Lesbos schildert. — Nr. 338 : die geographische gesellschaft 
in London und Dr. Livingston. — Beil. zu nr. 338 : einige bemerkun- 
gen zu den „erinnerungen aus der Steinzeit" , in nr. 292. 296. — Beil. 
zu nr. 338. 339: B. Stark, nach dem griechischen Orient. VI: han- 
delt vortrefflich über Smyrna wie dessen Umgebung, über den Melos, 
das Dianenbad u. a., kurze angäbe der ausflüge nach Magnesia am 
Sipylos, nach Ephesos, Sardes und schliessst mit einer warmen Schilde- 
rung des wirkens der Diakonissen von Kaiserswerth , die dort allmäh- 
lig ein eignes häuserviertel sich erworben haben voll von deutsch- 
evangelischen schulen und anstalten. — 



St. 2. Februar 1873. 

Philologischer Anzeiger. 

Herausgegeben als ergänzung des Philologus 



von 

Ernst von Leutsch. 



28. Ausführliche grammatik der griechischen spräche von 
Dr Raphael Kühner. 2. aufl. in durchaus neuer bearbei- 
tung. 8. Hannover, Hahnsche hofbuchhandlung. 2ter theil. 
1. abth. 1871. — 2 thlr. 10 ngr. 

Die vorliegende x ) zweite aufläge des trefflichen buches 
enthält eine so vollständige neue bearbeitung der ersten , dass 
diese nur wie eine Vorarbeit zu diesem mit seltenem fleisse zusam- 
mengestellten werke erscheint , das in keiner philologischen 
bibliothek fehlen darf. Eine anzeige dieser grammatik, welche 
eine glücklich gelöste lebensaufgabe in sich schliesst, kann nicht 
die absieht haben, sich auf einzelnheiten einzulassen — wie 
wäre es bei dem gewaltigen und einer fortwährenden emenda- 
tion unterworfenen stoffe möglich, dass sich nicht einzelne irr- 
thümer eingeschlichen haben sollten — sondern muss sich auf 
eine allgemeine charakterisirung des geleisteten beschränken, in 
der es wiederum nicht darauf ankommt, ob der refereet mit dem 
verf. in den principiellen fragen übereinstimmt, sondern 
vielmehr, ob er bezeugen kann, dass seines wissens der vom 
verf. gewählte systematische rahmen alle einzelnen ersehe i- 
nungen der griechischen syntax übersichtlich umfasst. Denn 
eine grammatik wie die vorliegende ist überall nur für den 
philologen bestimmt, bei dem vorausgesetzt werden muss, dass 
er einen wissenschaftlichen Standpunkt einnimmt; sie hat — 
für jetzt wenigstens — nicht sowohl die aufgäbe nachzuweisen, 
dass das in ihr zur anwendung gebrachte System das einzig 
berechtigte ist und dass alle einzelnen grammatischen data rich- 
tig behandelt sind, als vielmehr das gesammte sprachma- 



1) S. Philol. Anz. III, nr. 7, p. 337. 
Philol. Anz. V. 



66 28. Griechische grammatik. Nr. 2. 

terial übersichtlich und möglichst vollständig zu- 
sammenzustellen und demnächst in allen erscheinungen, 
die für die Wissenschaft noch einen gegenständ der Untersu- 
chung bilden, den augenblicklichen Standpunkt der 
frage zu fixiren. Das erste nun, die Vollständigkeit des 
materials und die Übersichtlichkeit der gruppirung desselben, 
steht allerdings mit dem grammatischen System stets im eng- 
sten Zusammenhang: jene kann nur erreicht werden, wenn die 
grenzen des Systems umfassend genug sind, und zugleich scharf 
scheiden, was der grammatik einerseits, der Stilistik und rheto- 
rik andrerseits angehört, diese, die Übersichtlichkeit, wird ge- 
radezu bedingt durch das zu gründe gelegte system ; eine ein- 
theilung der moduslehre z. b. nach den modis kann wohl ne- 
ben dem Vorzüge eines möglichst vollständigen materials be- 
stehen, wie K. W. Krüger zeigt, gleichzeitig aber wird durch 
diese das zusammengehörige getrennt und vielfache Wiederho- 
lung nöthig gemacht. Das von Kühner befolgte und in der 
unabsehbaren reihe der auflagen seiner schulgrammatik zur gel- 
tung gebrachte theilungsprincip besteht auch hier die probe, 
es bietet weite und übersichtliche fachwerke und lässt das 
gleichartige bei einander. Besonders aber ist es die Vollstän- 
digkeit des materials, die bewunderung erregt und die das werk 
als ein wahres repertorium der grammatischen Wissenschaft er- 
scheinen lässt. Ueberall sind die fortschritte der forschung, die 
mit Hermann, Lobeck und Bernhardy beginnen und durch die 
historische methode seitdem von so vielen seiten, insbesondere 
aber nächst den trefflichen arbeiten von Aken durch Delbrück 
und Windisch fortgeführt worden, benutzt; die häufigen citate 
aus Grimm, Schleicher, Curtius, Graff, Kvicala u. a. stehen 
nicht zum blossen prunke da, sondern zeigen in der alterthüm- 
lichen gesellschaft von Valckenaer, Wyttenbach, Porson, Spitz- 
ner u. a. das redliche bemühen einer innerlichen Verarbeitung 
der resultate der neueren sprachvergleichenden grammatik. Dieser 
sind u. a. vielfach belehrende Zusammenstellungen entnommen, 
z. b. bei den partikeln; besonderen werth hat die sorgfältige 
durchforschung der oft schwer zugänglichen monographien. Da- 
neben zieht sich durch das ganze werk eine sorgfältige sonde- 
rung des homerischen, dichterischen und prosaischen Sprachge- 
brauches nebst genaueren Scheidungen nach stilgattungeu, wo 



Nr. 2. 29. Griechische grammatik. 67 

diese nöthig erschien. So ist alles geschehen, um dem, der ei- 
ner einzelnen erscheinung weiter nachgehen will, gleichzeitig 
material und literatur nachzuweisen — möge es besonders auf 
dem gebiete der syntax, die nach der historischen Seite hin zu 
erforschen doch immer nur erst der anfang gemacht ist, nicht 
an jungen kräften fehlen, denen der eminente fleiss Kühners 
zur anregung dient. Th. Fritzsche. 

29. Griechische Sprachlehre für gymnasien bearbeitet von 
Dr H. A. Schnorbusch und Dr J. Sc her er. 2. verb. u. 
verm. aufl. 8. Paderborn, Ferd. Schöningh. 1871. — 28 ngr. 

Manche versehen der ersten aufläge sind verbessert, so 
§. 164 ist das nuvroh verschwunden, §. 362 hat das wate 
fiij dem wäre /xrj und mors ov platz gemacht, wie das 
schon Aken in der vorrede zu seiner Gr. p. XI monirte; 
ebendaselbst ist das „(ohne nachsatz) " bei xaitoi mit recht 
weggelassen, es giebt aber auch in der formenlehre, dem bes- 
seren theile des buches , noch manches zu ändern. So ge- 
nügen §. 83 die regeln der Silbentrennung nicht ganz; Gn\dy- 
%va ist zwar richtig getrennt, man sieht aber nicht, warum. 
§. 84 waren yod-ßdtjr, GvVky] - ßdqv als nich t composita zu er- 
wähnen. §. 383 durfte nicht stehen y ,G7SQtjaofiou (seltener ots- 
gtj&tjaofiai), sondern: (aber d n oarsoridtjaopiai neben dnoaze- 
gtjaouai): s. Lys. 12, 70. Demosth. I, 22. Kühner Ausf. Gr. §. 
343 und §. 377. 4. Die syntax hat vor allen dingen den 
mangel , dass ihr jegliches , anregende fehlt : sie ist eine Samm- 
lung von regeln, die nach gewissen allgemeinen gesichtspunk- 
ten geordnet, aber nicht von einem wissenschaftlichen princip 
abgeleitet sind, das von gewissen festen punkten aus eine 
Übersicht über ganze gebiete gestattet. Einer für die schule 
bestimmten griechischen syntax muss durchaus ein in sich 
abgeschlossenes system zu gründe liegen. Man sage doch ja 
nicht, dass die schüler ein grammatisches system vom lateini- 
schen her im köpfe hätten ! Das wäre eine arge Verwechslung 
eines gewissen rein äusserlichen Schematismus mit der idee, die 
das agens des Systems ist — ganz abgesehen davon , dass die 
lateinische grammatik den schülern, für welche die grieehische 
syntax bestimmt ist, doch wohl fortwährend von dem ge- 
sichtsp unkte aus darzustellen ist, wie das latein durch seine 

b* 



68 29. Griechische grammatik. Nr. 2. 

formen abschwächung oft genöthigt wird, durch eine form das 
auszudrücken, wofür das griechische noch eine reihe von mo- 
difizirungen zulässt, — mit andern worten, dass, wie Bern- 
hardy es als einen anachronismus empfunden zu haben be- 
kennt, dass er an die römische literaturgeschichte herantrat, 
bevor er die griechische bewältigt hatte, so aus der griechischen 
syntax erst die lateinische erwachsen kann. Ein mehr oder 
minder übersichtliches conglomerat von regeln und beispielen 
ist noch keine grammatik ; durch eine solche moles wird der 
Schüler stumpf, anstatt denken zu lernen, während ein wirk- 
liches grammatisches System ihn stets selbst finden , selbst mit- 
arbeiten lehrt und ihm die freudigkeit gewährt, die das be- 
wusstsein , ein eigenthum errungen zu haben , mit sich bringt. 
% In der casuslehre z. b. ist über die grundbedeutung derselben 
keine andeutung gegeben, die ableitung des mannigfachen ge- 
brauchs aus einer quelle nicht versucht. Soll das buch durch 
solche Schweigsamkeit etwa zugleich den anhängern des localis- 
mus und denen der theorie der casusformen sich empfehlen? Das 
thut es mit nichten. Ein verständiger lehrer wird sich von 
der einführung eines Schulbuches nicht abhalten lassen dadurch, 
dass er nicht überall die in demselben befolgten ansichten theilt, 
wenn es sonst nur wissenschaftlich brauchbar und praktisch ein- 
gerichtet ist. Und jede neue schulgrammatik muss in solchen 
brennenden fragen Stellung nehmen, so gut wie das die selbst- 
verständliche pflicht jedes philologischen lehrers ist. Ueberall 
vermisst man so die leitenden fingerzeige ; bei der behandlung 
der genera verbi ist die entstehung des passivs aus dem me- 
dium nicht verwerthet, in der tempuslehre sucht man vergeb- 
lich nach dem historischen gesichtspunkt u.s.w. Aber auch 
einzelnheiten sind vielfach mangelhaft. Z. b. §. 463 heisst es: 
„intensives medium (dynamisches). Das medium bezeichnet 
eine angestrengtere thätigkeit des Subjekts". Unter den beispie- 
len figurirt nöXsfiov noith und nöle/AOv noti-ia&at, richtig über- 
setzt. Muss da der schüler nicht zu dem resultate kommen, 
dass es unter allen umständen eine angestrengtere thätigkeit er- 
fordere, einen krieg zu führen, als ihn zu veranlassen ? ! §.561: 
„Alle nebensätze stehen im (obliquen) optativ, wenn ihr in* 
halt ausdrücklich als fremder gedanke hingestellt wird". Als 
ob da wirklich immer der optativ stehen könnte! §. 602. 2: 



Nr. 2. 30. Etruskisches. 69 

„Der indicativ eines historischen tempus (gewöhnlich mit Iva, 
auch tos und otuag) um •auszudrücken, dass die absieht nicht 
erfüllt oder erfüllbar ist". "Onag und tag sind so selten, dass 
„auch" nicht genügt. Aber die hauptsache fehlt, nämlich, dass 
der hauptsatz selbst im praeteritum stehen muss. 

Th. Fritzsche. 

30. Etruscan inscriptions analysed, translated and com- 
mented upon, by Alex. Earl of Crawford and Balcar- 
res, Lord Lindsay etc. 8. London, John Murray, 1872. 

Der verunglückte versuch, das etruskische aus dem semi- 
tischen herzuleiten , welcher an monstruositat kaum überboten 
werden zu können schien , ist faktisch durch das vorliegende 
werk überboten. Der Verfasser hält die Etrusker für einen 
zweig der alten Germanen, und erblickt in den etruskischen in- 
sebriften dem Ulfilas um Jahrhunderte vorausgehende altdeut- 
sche denkmäler, steht also im wesentlichen nicht fern von dem 
Standpunkte Donaldson's. Die art und weise des etymologisi- 
rens ist so völlig dilettantisch und unwissenschaftlich, dass wir 
es für unter der würde dieser Zeitschrift halten, ausführlich auf 
diesen unsinn einzugehen. Aus unzähligen beispielen , die wir 
als beleg für die berechtigung unseres harten urtheils anführen 
könnten, wählen wir, beliebig aufschlagend, folgende aus : „phanu- 
sathek soll gleich sein deutschem „pfand - Satzung", pene-zs = 
„pfenuig-zins", thals - aphunes = „pfund-zoll", etc. — Das 
wort bulla wird von „ balg - an " oder „ belg - an " hergeleitet, 
quinquatria oder quinquatrus von quinque und „afiar { \ arse uerse 
von ,,vard, vairths" und }) fiur'\, (dii) nouensiles von „niun" und 
„sello" (= collega), Voltumna von „wald" und „anna" (= ma- 
ter), duumuiri von „tuom", „dorn" (iudicium) , consul von „ga- 
Sello", plebs von „bi Laifs" also von „bi Lailj-an', (lelneit) etc. 

31. Winckler, über die zeiten des indicativs und den 
gebrauch des conjunktivs in unabhängigen und abhängigen ne- 
bensätzen. Illter theil. 4. Programm von Leobschütz 1871. 

Wenn von einer behandlung grammatischer fragen in Pro- 
grammen u. s. w. ein nutzen entspriessen soll, so ist zu verlangen, 
dass sie entweder neues oder eine die sache von grund aus for- 
dernde erörterung biete, dass d er Sprachgebrauch mehrerer aut oren 



70 31. Lateinische grammatik. Nr. 2. 

oder eines einzigen bis ins einzelnste hinein festgestellt werde, 
dass die schulgrammatik ihren stoff aus solchen einzelfragen er- 
gänze , abrunde und vertiefe. Dies kann von der obigen ab- 
handlung leider nicht durchgängig gesagt werden. 

In §. 20 — 23 werden die causalsätze, die conjunktion cum, 
die fragesätze und die indirekte rede besprochen. — Ueber 
die causalsätze ist blos das bekannte noch einmal gesagt. Dann 
ist über quod folgendes zu lesen: „durch eine art logischen 
fehlers wird quod fast immer bei den ausdrücken des sagens, 
glaubens, meinens in der erzählung, wenn das erzählte begrün- 
det wird, mit dem conjunktive des imperfects verbunden". Weit 
besser sagen Lattmann -Müller: „eine eigenthümliche attractio 
modi findet statt bei Verbis sentiendi und dicendi in nebensätzen, 
in welchen ein von eben jenen verben abhängiger accusativ 
mit infinitiv vorkommt (namentlich in sätzen mit guod.)" Z. b. 
cum Hannibalis permissu exisset de castris, rediit paulo post, quod se 
oblitum nescio quid diceret (= oblitus esset = weil er etwas, wie 
er sagte, vergessen hätte; das diceret könnte geradezu fehlen). 
Dazu konnte Winckler, der doch sonst die beispiele häuft, 
noch anführen Caes. BG-. 1, 39. 5, 6. Cic. Ep. ad fam. 7, 16. 
Verr. 5, 17 (dagegen der indicativ Cic. Verr. 1, 85. Plane 73). 
Dagegen das beispiel aus Caes. BGr. 1, 23: Helvetii seu quod 
timore perterritos Romanos discedere a se existimarent , welches 
Winckler als zweites bietet, gehört nicht hierher, weil der con- 
junetiv hier potentialen sinn hat; während in den obigen beispie- 
len das verbum sentiendi und dicendi ganz überflüssig war, ist hier 
quod existimarent = weil sie wohl glauben mochten: vrgl. 1, 27. 
Cic. Mil. 29. Div. 2; 46. Sen. 85. Zuweilen steht, auch ohne ac- 
cusativ mit infinitiv und bei anderen verben , dieser potentiale 
conjunetiv wie Cic. Tusc. 4, 44 : noctu ambulabat Themistocles, 
quod somnum capere non posset = weil er wohl nicht schlafen 
konnte. Anders erklärt Winckler p. 16 unt. diese erscheinung. 

Die regel über cum entbehrt der Übersicht, sowie der Voll- 
ständigkeit. Beim concessiven cum fehlt die bemerkung, dass 
dasselbe oft auch durch „während" zu übersetzen sei und dass 
cum adversativum „während dagegen" bedeute: vrgl. Caes. BG. 
4, 12. Liv, 42, 43. Cic. Orat. 3, 60. Inv. 1, 4. Leg. 1,7.— 
Neu ist anm. 2 über cum praesertim und praesertim cum; der 
unterschied beider ausdrucksweisen ist richtig definirt. — Bei 



Nr. 2. 32. Eratosthenes. 71 

cum maxime fehlt die bedeutung „gerade jetzt"; auch hätte als 
beleg hinzugefügt werden können Liv. 29, 17. — Zu anm. 
5 über audivi cum mit dem conjunctiv fehlt die begründung 
dieses modus, der auf obliquer beziehung beruht: vrgl. Cic. 
Brut. 205. Ausserdem fehlt die bemerkung, dass memini cum 
als ein rein relativischer ausdruck = „ich erinnere mich der 
zeit wo" den indicativ regiert: s. Ep. ad Cic. fam. 7, 28. Cat. 
3, 19. Sest. 62. 

Belegstellen bietet Winckler sehr viele, so zu cum mit 
dem indikativ 33, zu cum mit dem conjunktiv 22, zu cum — 
tum 7. Dieselben sind selbständig gesammelt und stimmen 
mit den gewöhnlich in den grammatiken aufgeführten nicht 
üb er ein. 

Zu anm. 1. (über die fragesätze) num — an vermisse ich 
die stelle aus Cic. Sen. 23, sowie die bemerkung, dass an dann 
meist im ironischen sinne zu verstehen ist. Zu anm. 2, b 
a. e. Hessen sich hinzufügen Cic. Brut. 126. Ep. ad fam. 9, 14. 
Ueber nescio quis, aut in fragesätzen u. s.w. ist gar nichts er- 
wähnt. C. Härtung. 

32. Ludwig Mendelssohn, Quaestionum Eratostheni- 
carum caput primum. De mortis anno Sophoclis et Euripidis. 
Ex actis societ. philol. Lipsiens. ed. Eitschl. II, p. 161 — 196.8. 
Lips. Teubner. 1873. 

Die viel besprochenen verwickelten fragen, welche der 
titel anzeigt, werden in dieser, den besten erscheinungen der 
chronologischen literatur ebenbürtigen abhandlung in befriedi- 
gender weise dahin gelöst, dass unter beseitigung der legenden, 
welche die geschichte beider dichter verdunkelt haben, und Ver- 
werfung der eratosthenischen datirung für den tod des Euripi- 
des • — auf grund der in der parischen chronik gegebenen data 
der tod des Sophokles in die zweite hälfte des j. 406 v. Chr. 
(ol. 93, 3 zu anfang), der des Euripides in dessen erste hälfte, je- 
denfalls in ol. 93, 2 gesetzt wird. In betreff des letzteren 
wird die Übereinstimmung der chronik mit Philochoros nachge- 
wiesen, die version des Eratosthenes und Apollodoros dagegen 
in überzeugender wie scharfsinniger weise auf Timaios zurück- 
geführt. Ob letzterer, wie vf. vermuthet. hiebei aus Philistos 
geschöpft hat, möchten wir bezweifeln, wenigstens ist es mit 



72 32. Eratosthenes. Nr. 2. 

dem vorhandenen material nicht auszumachen ; ist die nachricht 
des Hermippos , dass der ältere Dionysios nach dem tode des 
Euripides stücke aus dessen hinterlassenschaft um schweres 
geld an sich gebracht habe, gegründet, so könnte sie vielleicht 
erklären, wie man zu dem irrthum kam , den tod des dichters 
zeitlich mit dem regierungsantritt des tyrannen (dec. 406) zu- 
sammenzubringen. 

Vf. behandelt auch die verschiedenen datirungen, welche 
von der geburtszeit des einen wie des andern der genannten 
tragiker im alterthum aufgestellt worden sind. Hier indessen, 
wo wir mit den gründen dieser Setzungen unbekannt und le- 
diglich auf erforschung und abwägung der autoritäten angewiesen 
sind, können wir die entschiedenheit , mit welcher vf. je eines 
der verschiedenen data und gerade beidemal das einer so trü- 
ben quelle, wie die parische chronik ist, bevorzugt, nicht am 
platze finden. Dass Euripides am tag der Schlacht von Sala- 
mis geboren sein soll, wie die meisten angeben, ist gewiss eine 
fabel und der vf. hat neue momente zu ihrer erläuterung beige- 
bracht ; aber ihre entstehung lässt sich doch nur dann vollständig 
begreifen, wenn die Voraussetzung bestand , dass er im jähre 
jener schlacht geboren war , und Philochoros , nach welchem 
der dichter über 70 jähre alt wurde, hat, wie vf. selbst an- 
nimmt, höchst wahrscheinlich dieses jähr als geburtsdatum im 
äuge gehabt. Die parische chronik dagegen steht mit ihrem 
datum : ol. 73, 4. 485/4 ganz allein , wenigstens hat uns der 
versuch des vf., ihr gesellschaft zu verschaffen, nicht überzeugt. 
Wenn bei Suidas s. v. Zocpoxltjg, wo die geburt dieses dich- 
ters in ol. 73 und 17 jähre vor der des Sokrates gesetzt wird, 
wirklich , wie vf. will , Sophokles mit Euripides verwechselt 
wäre, so würde das doch dem datum der parischen chronik wenig 
nützen : dem sprachgebrauche , welcher bei Zurückrechnungen 
herrscht, gemäss würden die 17 jähre voll zu rechnen sein und 
von ol. 77, 4. 469/8, dem geburtsjahr des Sokrates, zurück 
auf ol. 73, 3. 486/5 als geburtsjahr des Euripides führen, 
nicht auf ol. 73, 4. Die annähme einer solchen Verwechslung 
ist jedoch, abgesehen davon dass der artikel des Suidas geflis- 
sentlich von Sophokles handelt, schon deswegen unwahrschein- 
lich, weil die an sich befremdliche vergleichung der geburtszeit 
eines dichters mit der eines philosophen nur bei Sophokles, 



Nr. 2. 32. Eratosthenes. 73 

nicht aber bei Euripides, erklärlich ist. Der erste sieg und zugleich 
das erste auftreten des Sophokles mit einem drama fiel bekannt- 
lich gerade in das geburtsjahr des Sokrates. Allerdings wird 
durch diese stelle die zahl der sophokleischen geburtsdata von 
zwei (ol. 70, 4 und 71, 1) auf drei erhöht; das ist aber bei 
den zahlreichen Varianten, welche besonders über die geburts- 
.zeit und lebensdauer berühmter männer aus begreiflichen grün- 
den in den biographischen angaben gefunden werden , keines- 
wegs auffallend. Wir finden sogar , dass auch andere der von 
Suidas a. a. o. ausgesprochenen ansieht gehuldigt haben : Plu« 
tarchs ausdruck (Cimon. 8) nQtört]v didaaxaliav zov J£ocpo%\eovg 
sri vsov xudevToe passt wohl zu 17, aber sehr wenig zu 28 
oder 26 lebensjahren ; ebenso wird dann der grimm über die 
erlittene niederlage, welcher den Aischylos zur auswanderung 
nach Sicilien getrieben haben soll, begreiflicher, als wenn der 
sieger noch mehr jähre zählte als Aischylos selbst bei seinem 
ersten auftreten (er war damals 24 jähre alt gewesen) gezählt 
hatte. 

Warum vf. das eratosthenische jahrdatum der geburt des 
Sophokles unbekannt nennt, begreife ich nicht ; es ist kein an- 
dres als das von ihm so geringschätzig behandelte, welches die 
Vita überliefert: ol. 71, 2. 495/4, und aus Diodor 13, 103 
mit Sicherheit zu gewinnen. Die 90 jähre lebenszeit , welche 
dort nach Apollodor und Eratosthenes dem dichter beigelegt 
werden, mit den 91 in der parischen chronik ihm zugeschrie- 
benen dadurch zu identificiren, dass jene für voll, diese für 
unvollendet gehalten werden, durften andre sich gestatten: der 
vf. jedoch nicht, da er (nicht ohne grund, aber ohne sich, wie 
doch nöthig, darüber auszusprechen) die 91 voll nimmt und ol. 

70, 4. 497/6 als datum der chronik für die geburt des Sopho- 
kles ansieht. Hat Eratosthenes und sein getreuer anhänger 
Apollodor die 90 jähre voll gerechnet, so fiel beiden, von ol. 
93, 3. 406/5 zurückgezählt, die geburt des Sophokles in ol. 

71, 1. 496/5; haben sie dagegen das letzte jähr unvollendet 
genommen, so gaben sie ihm dieselbe geburtszeit wie die Vita. 
Für letzteres entscheidet der umstand, dass alle vollständig er- 
haltenen altersangaben des Apollodor die pleonastische Zählung 
anwenden, bei welcher das letzte, noch laufende lebensjahr als 
volle einheit angerechnet wird. Sokrates lebte nach Apollodor 



74 32. Eratosthenes. Nr. 2. 

bei Diog. Laert. 2, 44 von ol. 77, 4. 469/8 bis ol. 95, 1. 
400/399 und wurde nach ebendemselben a. a. o. 70 jähre alt; 
des Aristoteles geburt setzt Apollod. b. Diog. 5, 9 in ol. 99, 
1. 384/3, seinen tod in ol. 114, 3. 322/1 und lässt ihn 63 
jähre erreichen; endlich von Epikur gibt derselbe bei Diog. 
10, 15 an, er sei ol. 109, 3. 342/1 geboren und ol. 127, 2. 
271/0 in einem alter von 72 jähren gestorben. Die 90 jähre, 
welche dem Sophokles von den Alexandrinern gegeben werden, 
sind demnach als volle 89 anzusehen, woraus weiter folgt, dass 
sie seine geburt um zwei jähre später als die chronik, auf ol. 
71, 2. 495/4 angesetzt haben. 

In betreff der corrupten stelle, welche in der vita Sopho- 
clis nach der angäbe des geburtsjahres folgt: r;v ö' Ala^vlov 
vsätsgoq sttj sma (so die meisten, wo nicht alle codd.; Brunck 
ohne sichere gewähr 8sxas7iTa) , Evqmi8ov 8s naXaiörsgog 
stxooi ziaaaga , stimmen wir dem verf. insofern bei , als er 
hier ein andres als das so eben besprochene geburtsdatum 
und zwar das der parischen chronik vorausgesetzt findet; wei- 
ter aber können wir ihm nicht folgen. Weil zwischen dem 
parischen datum für Sophokles (ol. 70, 4) und dem alexandri- 
nischen für Euripides (ol. 75, 1) gerade 17 jähre liegen, kam 
Musgrave, welcher nur die schlechte lesart öexaenza kannte, 
auf den gedanken , die zahlen der vulgata (24 und 17) mit 
einander zu vertauschen: ein in der textkritik selten zu em- 
pfehlendes verfahren, welches der vf. nach dem vorgange an- 
derer billigt, dessen gewaltsamkeit er aber noch erhöht, indem 
er als zahl des Aischylos eixogioxtcj, als die des Euripides 8s- 
nasmä aufstellt. Das wird von ihm p. 171 lenis mutatio ge- 
nannt. Für die empfehlenswertheste, weil einfachste behand- 
lung der stelle halten wir es, mit Böckh und Ritter slxoaisnra 
statt snra zu schreiben, stxoai rsaaaga aber mit Kitter stehen 
zu lassen. Die geburt des Aischylos wird meist (auch vom vf.) 
in ol. 63, 4. 525/4 gesetzt, weil der parischen chronik zu- 
folge er zur zeit der schlacht von Marathon 35 , ol. 81, 1. 
456/5 aber (bei seinem tode) 69 jähre alt war. Nun hat diese 
chronik allerdings bei Sophokles und Euripides die lebensjahre 
voll gerechnet; daraus folgt aber, bei der bekannten inconse- 
quenz derselben in behandlung der zahlen, mit nichten, dass 
sie es auch bei Aischylos gethan hat. Wir nehmen die 35 



Nr. 2. 33. Sokrates. 75 

und 69 jähre als unvollendete und setzen demgemäss die ge- 
bart des dichters in ol. 64, 1. 524/3, weil die zahlen der Vita 
Aeschyli und der Synchronismus , welchen die biographischen 
angaben über Pindaros aufstellen, auf ol. 64 führen. Von da 
bis zum parischen geburtsdatum des Sophokles (ol. 70, 4) sind 
27 jähre. Für den altersunterschied zwischen Sophokles und 
Euripides die handschriftliche lesung beizubehalten , empfiehlt 
sich wegen der Unmöglichkeit, den von den vorhandenen ge- 
burstdaten beider dichter gelieferten zahlen (17, 15, 12, 10, 5, 
1) eine gefällige emendation derselben abzugewinnen. Dadurch 
erhalten wir aber auch für Euripides geburt ein drittes datum : 
24 jähre nach ol. 70, 4, also ol. 76, 4. 473/2 v. Chr. Dass 
dies wirklich vorhanden war, schliessen wir aus Gell. NA. 15, 20, 
4, nach welchem derselbe bei seinem ersten dramatischen auf- 
treten 18 jähre alt war. Euripides Hess aber sein erstlings- 
werk, die Peliaden, ol. 81, 1. 456/5 aufführen, 17 volle jähre 
oder im unvollendeten 18. jähr nach ol. 76, 4. Ohne zweifei 
wird sich diese dreizahl der geburtsdata beider dichter noch re- 
duciren lassen, wozu schon in dem hier dargelegten das doppelte 
vorkommen eines 17jährigen debutanten und der Synchronismus, 
welcher zwischen dem todesjahr des Aeschylos und dem ersten 
auftreten des Euripides besteht, veranlassen könnte; die nächste 
aufgäbe war aber, die Zeugnisse der quellen aufzuzeigen, ohne 
diesen gewalt anzuthun. 

Dies unsere ausstellungen an dem inhalte der abhandlung, 
welche nur zeigen sollen, dass das eingangs ausgesprochene lob 
kein blindes gewesen ist. Hoffentlich bemüht sich der vf. in 
der fortsetzung seiner eratosthenischen Untersuchungen , deren 
erscheinen wir mit lebhaftem interesse entgegensehen, dunkel- 
heiten der darstellung , wie sie p. 164 z. 22 und 39, p. 176 
z. 18 und 22, p. 169 sq. begegnen, zur erleichterung des le- 
sers ferne zu halten. 

U. 

33. Sokratische Studien. I) Ueber das verhältniss zwischen 
den xenophontischen und platonischen berichten über die per- 
ßönlichkeit und die lehre des Sokrates ; zugleich eine darstel- 
lung der hauptpuncte der socratischen lehre. II) Ueber Socra- 
tes dämonion. Von DrSigurd ßibbing, professor der phi- 



76 33. Sokrates. Nr. 2. 

losopbie an der königlichen Universität zu Upsala. 8. Upsala, 
Edquist und Berglund. 1870. 126 und 41 s. — 1 thlr. 

Wenn auch die gewisseuhaftigkeit des berichterstatters es 
nicht verschweigen darf, dass Ribbing, obwohl im ganzen der 
deutschen spräche vollkommen mächtig, dennoch einzelne undeut- 
sche Wendungen zu vermeiden nicht im stände gewesen ist, so 
können doch diese kleinen mängel den dank dafür nicht verringern, 
dass er diese seine arbeiten dem deutschen leserkreise zugänglich 
gemacht hat. Denn es sind in Wahrheit werthvolle gaben, die 
er uns bietet. Die zweite abhandlung, um mit dieser zu begin- 
nen, gelangt zu dem ergebniss, das dämonion des Sokrates sei 
ein plötzlich eintretendes sicheres Vorgefühl dafür gewesen, dass 
gewisse einzelne handlungen, zu denen er bereits hinneigte und 
sie zu thun im begriffe stand, seiner wahren inneren eigenthüm- 
lichkeit widersprechen und störend auf dieselbe einwirken würden, 
so dass ihm in folge dessen eine unbezwingliche antipathie ge- 
gen diese handlungen entstand. Ich halte dies ergebniss für 
unanfechtbar, hätte aber um so mehr gewünscht, dass Ribbing hie- 
bei stehen geblieben wäre und nicht die mehr als gewagte be- 
hauptung hiemit verbunden hätte, dass nun eben damit das 
dämonion zugleich als das gewissen in seiner eigenschaft als 
warnerstimme vor der that definirt sei, woraus er denn ferner noch 
eine so enge beziehung desselben zu der lehre des Sokrates 
herausspinnt, dass wenigstens Piatons angäbe, der dem letzte- 
ren schon als knaben dasselbe zuschreibt, unverträglich mit 
ihr wird. In der ersten abhandlung aber sucht der verf. die 
Unvereinbarkeit von Piatons berichten über Sokrates mit de- 
nen des Xenophon und die höhere glaubwürdigkeit der erstem 
in Alkibiades rede im Symposion , ferner in der Apologie, im 
Kriton und überhaupt in den mehr propädeutischen dialogen 
darzuthun, und, wie es scheint, ist es ihm wirklich gelungen 
nachzuweisen, dass die erstem in höherm grade, als es Zeller 
und andere zugeben wollen, nach den letztern nicht bloss zu 
ergänzen, sondern auch zu berichtigen sind. Indessen hätte er 
bedenken sollen, dass auch Apologie und Kriton keineswegs von 
allen so ohne weiteres, wie er anzunehmen scheint, als reine 
historisch -treue berichte auch nur nach Piatons eigner absieht 
angesehen werden, wenn sie auch zu den am meisten historisch 
gehaltenen gehören. Gesetzt aber, Piaton wollte wirklich in 



Nr. 2. 33. Sokrates. 77 

ihnen völlig treu berichten , war er denn vermöge seiner gan- 
zen individualität auch im stände dazu, oder zwang nicht viel- 
mehr dieselbe eben so sehr zu einer idealisirenden wie den Xeno- 
phon die seine zu einer hinter der Wirklichkeit zurückbleibenden 
auffassung ? Auch Paulus meinte nur die reine lehre Jesu wieder- 
gegeben zu haben. Ich kann in der that nicht einräumen, dass 
die darstellung Piatons in dem grade, in welchem Kibbing es 
annimmt, massgebend sei. Um mich hier auf die hauptsache 
zu beschränken , so weisen allerdings selbst äusserungen bei 
Xenophon darauf unzweideutig hin, dass Sokrates wenigstens 
die absieht und tendenz hatte nach einem absolut guten zu 
suchen. So viel beweist schon die ausdrückliche Unterschei- 
dung des guten und angenehmen Mem. IV, 3, 8, am entschei- 
dendsten aber ist, dass er in der von Zeller (Phil. d. Gr. IIa, 
p. 105, anm. 1) u. a. missverstandnen , von Pubbing (p. 97, 
anm. 2) richtig aufgefassten stelle Mem. IV, 2, 34 ausdrück- 
lich sagt, die glückseligkeit selbst sei nur dann ein unbestreit- 
bares gut, wenn man sie selber nicht wieder aus bloss relati- 
ven gütern (äficpiXoya) zusammensetze oder solche in die Zu- 
sammensetzung mit aufnehme. Bedenkt man ferner, dass er den 
mangel an wissenschaftlich - sittlicher selbsterkenntniss, die mit 
wissensdünkel verbundene Unwissenheit, in welche er das We- 
sen der Untugend setzte , als etwas an geisteskrankheit {(xaiäa) 
grenzendes bezeichnete (Mem. III, 9, 6 f., vgl. ßibbing p. 88. 
111), so würde es fast nur die kehrseite hievon gewesen sein, 
wenn er im gegentheil die fügend als die gesundheit der seele 
bezeichnet haben sollte, und so ist es mir im gegensatz zu 
Zeller mit Ribbing glaublich, dass wirklich schon ihm und nicht 
erst dem Piaton eben dieser gedanke und der weiter gehende 
angehört, dass die fügend eben aus diesem gründe das nütz- 
lichste sei (Krit. 47 D. E), womit denn sogar eine gewisse be- 
stimmung derselben als eines absoluten guten wirklich gewon- 
nen wäre, indem dann der genuss des guten gewissens, der Zu- 
friedenheit mit sich selbst, der eignen moralischen Vervollkomm- 
nung, das höchste, wodurch Sokrates sonst die tugend empfiehlt, 
kein zweck für sich, sondern nur eine nothwendig hinzutretende 
folge ist. Allein wie wenig Sokrates dieses gedankens vollkom- 
men herr und sich seiner tragweite und folglich auch dieser 
Verbindung klar bewusst war, erhellt daraus , dass er trotz- 



78 33. Sokratee. Nr. 2. 

dem in jenen empfehlungen wenigstens nach Xenophons dar- 
stellung (Mem. I, 6, 9. II, 1, 19. IV, 8, 6) genau ebenso verfährt 
wie Prodikos, dessen Herakles er sich daher auch ohne jeden vor- 
behält aneignet. Genau so wie Prodikos (Mem. II, 1, 31. 33) 
verbindet er mit jener berufung auf das eigne günstige urtheil, 
welches der tugendhafte über sich selbst, die auf dasjenige, wel- 
ches andere über ihn fällen , also auf achtung } ehre, ansehen, 
und sofort auch auf die übrigen äussern guter, welche in der 
regel dem tugendhaften zuzufallen pflegen, ohne dass er im ge- 
ringsten die ganz verschiedne bedeutung dieser verschiedenen 
momente hervorhöbe. Und so sehe ich nicht ab, was uns hin- 
dern könnte anzunehmen, dass er sogar über ein gewisses 
schwanken nicht hinaus war und zu verschiedenen zeiten sich 
verschieden äusserte, so dass man keinen grund hat denjenigen 
berichten Xenophons zu misstrauen, nach welchen er vielfach 
das gute nur relativ bestimmte und die tugend mit hinweglas- 
sung alles anderen sogar nur durch hervorhebung ihrer äussern 
vortheile empfahl, oder andererseits mit einem förmlichen abfall 
von seinem grundprincip die moralität mit der blossen legalität 
zusammenwarf. Vielmehr erklärt es sich so am leichtesten, 
dass einerseits zwar Piaton an jenem obigen gedanken als acht 
sokratisch festhalten und auf ihm fortbauen und den Sokrates 
zum träger seiner eignen philosophie machen, andrerseits aber An- 
tisthenes bei einer bloss negativen bestimmung der tugend ste- 
hen bleiben, Aristippos vollends Weisheit und tugend zu blossen 
mittein des richtigen genusses herabsetzen , Eukleides das rein 
formale theoretische »wissen als solches bereits für das gute, 
für die tugend und glückseligkeit erklären und ein so unphilo- 
sophischer praktiker wie Xenophon seinen eignen Standpunkt 
bei Sokrates wiederfinden konnte, indem für sie alle in der 
that sachliche anknüpfungspunkte bei letzterem vorhanden wa- 
ren. Gesteht doch Piaton selber ausdrücklich ein, dass So- 
krates wohl bis zur seelenschönheit , aber noch nicht bis zur 
Schönheit im absoluten sinne vorgedrungen sei (Sympos. 209 E 
ff. ), und wenn damit zunächst nur gesagt ist, dass er die idee 
des schönen, wie überhaupt die ideeulehre, noch nicht hatte, so 
ist dies doch im sinne Piatons die einzige form , in welcher 
das absolute überhaupt erfasst werden kann, und die wirkliche 



Nr. 2. 34. Piaton. 79 

und eigentliche erfassung desselben wird also hiemit zugleich 
dem Sokrates abgesprochen. 

Fr. Susemihl. 

34. Platonische Studien von Jos. Steger, prof. am gym- 
nasium in Salzburg. I. Innsbruck 1869. 8 79 ss. — 16 ngr. 

Dieser erste band beschäftigt sich mit der platonischen dia- 
lektik gegenüber der sophistik und zwar in dem ersten theile 
mit der sophistik und sophistischen rhetorik (p. 3 — 33). Mit 
möglichster Vollständigkeit und mit einer ziemlich erschöpfen- 
den angäbe der in Plato's werken vorhandenen belegsteilen er- 
wähnt der vf. zunächst den bekannten auf Heraklit's System 
basirenden satz des Protagoras vom menschen als maas aller 
dinge und die daraus gezogenen folgerungen von dem nicht 
Vorhandensein einer objektiven Wahrheit und von der vergeb- 
lichkeit der wissenschaftlichen forschung. Als die bezeichnend- 
sten merkmale des Sophisten werden angegeben, dass er ein 
avrdoyixög ist (Soph. 232 E), dass seine kunst nur eine auf 
gelderwerb berechnete eristik ist und dass bei ihm alles auf schein- 
wissen und täuschung hinauslaufe. Die ähnlichkeit der aus- 
drücke zwischen Soph. 232 E und Rep. 596 A, wo über den 
werth der darstellenden und nachbildenden kunst gesprochen 
wird, ist richtig hervorgehoben. Das gebiet der sophistik ist 
das [itj 6v (Soph. 254 A); deshalb ist auch die grundlage ih- 
rer tugendlehre eine schwankende, deshalb wird auch der sub- 
jective Standpunkt als richtschnur für das handeln bezeichnet, 
daraus entspringt endlich die identificirung von ijdv und aya- 
&6v, die rechtsverdrehung und die seltsamen ansichten über 
natur und entstehung der gesetze , über die gerechtigkeit und 
die anderen tugenden. Als eng verbunden mit der sophistik, 
nur als andere seite derselben bezeichnet Plato die rhetorik sei- 
ner zeit, die als nsiüovg dqpwvQyog gilt und deren aufgäbe nicht 
in der belehrung, sondern in der Überredung besteht (p. 24 ff.). 

Der zweite theil behandelt die platonische dialektik und 
zwar in dem ersten kapitel die Widerlegung des sophistischen 
principes , sowie die möglichkeit und bedingung des wissena 
(p. 33 — 51). Das richtige an dem princip des Protagoras ist 
nur, dass die unmittelbare sinnesempfindung, woraus die Wahr- 
nehmungen und Vorstellungen entstehen, jedesmal wahr ist. 



80 34. Piaton. Nr. 2. 

Die seele nimmt wahr theils durch Vermittlung der sinne als 
ihrer Organe, theils an und für sich. Zu dem, was die seele 
an und für sich wahrnimmt, gehört die Wahrnehmung des seins 
[ovtfi'aj , der ähnlichkeit und unähnlichkeit, der identität und 
Verschiedenheit, der zahl, des schönen und hässlichen , des gu- 
ten und schlechten. Nur die idee, 4er allgemeine begriff, gilt 
Piaton als das wahrhaft seiende, für die erscheinungsdinge giebt 
es nur ein vorstellen, eine Öo£«. Wissen entsteht durch beleh- 
rung, Vorstellung durch Überredung. Erst durch dialektische 
begründung wird die richtige meinung zu wissen und somit 
auch bleibend und fest. Die begriffliche begründung ist iden- 
tisch mit der zurückführung auf die idee und diese wiederum 
unmöglich ohne die lehre von der präexistenz. Das begriff- 
liche wissen, das zusammenfassen der einzeldinge unter die ein- 
heit des gattungsbegriffes ist geradezu charakteristisch für die 
menschliche natur. Der für die platonische dialektik so be- 
deutsame Sophistes liefert den nachweis von der existenz des 
nichtseienden, erweist es als gegensatz zu einem bestimmten 
seienden. Und wie dieses nichtseiende über alles seiende aus- 
gebreitet ist, so kann es auch mit der rede und Vorstellung in 
Verbindung treten. Giebt es aber einen irrthum in der rede, 
so giebt es auch einen irrthum im denken und vorstellen. Bei 
solchen Vorstellungen, die nur im denken erfasst werden, sucht 
Plato den irrthum zu erklären mittelst Unterscheidung des po- 
tentiellen und aktuellen wissens, die bei Aristoteles fundamen- 
tale bedeutung gewonnen hat. Das zweite kapitel bekandelt 
die dialektik und ihre aufgaben (p. 51 — 68). Nur das begriff- 
liche wissen ist ein wahres wissen, und jene beschäftigung mit 
den begriffen ist die dialektik mit ihren beiden Seiten , der be- 
griff s-bildung und eintheilung. Der niedere begriff bleibt so 
lange hypothese als er nicht durch den höhern seine begrün- 
dung erhält. Der höchste begriff, das avvno&sTov, ist die idee 
des guten, welche den übrigen ideen sowohl das vermögen des 
erkanntwerdens als auch sein und Wesenheit verleiht. Für Pia- 
ton sind die begriffe nicht blos denkobjekte, sondern reale, für 
sich seiende Wesenheiten; in folge davon werden ihre logischen 
Verhältnisse zu antilogischen. Bei erörterung über das werden 
der dinge tritt als ersatz des dialektischen Verfahrens, das dabei 
nach Piatons erkenntnisstheorie unmöglich ist, der mythus als die 



Nr. 2. 34. Platon.j 81 

form des wahrscheinlichen ein (s. Phil. Anz. IV, 2, p. 70 f.). * — 
Die erfordernisse, welche Plato für ein wissenschaftliches ge- 
spräch (rn dtufa'yso&ut) aufstellt, sind doppelter, sittlicher und 
methodologischer art. Zur ersten art gehört die Überzeugung, 
dass es eine Wahrheit giebt und die liebe zur Wahrheit und 
Schönheit (als Eros im Symposion und Phädros). Gegen Un- 
wissenheit und thörichte einbildung ist dialektik das einzige 
heilmittel. Die methodologischen erfordernisse werden p. 74 f. 
berührt. Wird auf diese weise die Unterredung mit Wahrheits- 
liebe und sittlichem ernste geführt, so führt sie zugleich auf 
dem wege der selbstprüfung und selbsterkenntniss zur sittlichen 
Veredelung seiner selbst. Die wahre rhetorik endlich, die zum 
schluss behandelt ist, verfolgt als zweck die selbstbesserung und 
sittliche Veredelung der mitbürger und erstreckt sich auf alle 
gebiete, die eine xpv^uyojyia Öta Xoycov erfordern. 

Für die erkenntniss des platonischen Systems liefert die 
arbeit des vf's nichts neues , sondern hinlänglich bekanntes, 
aber in einer klaren, einfachen und übersichtlichen darstellung. 
Dass die begriffe zo ov avzo, to zavtov und io &uteqov nach der 
angäbe im Sophistes mit allen in Verbindung treten, hebt er mit 
recht hervor, aber erwähnt nicht den epoche machenden fort- 
schritt, den der Sophistes durch die theorie der ideenbewegung 
macht, obgleich durch diese bewegung das erkanntwerden so- 
wohl, als der, wenn auch getrübte, wiederschein der ideen in 
der empirischen weit ermöglicht wird. Und im anschluss an 
die erörterung des Sophistes (248 B — E) ist es nicht wunder- 
bar, wenn im Parmenides (133 E) von einer Wirksamkeit {ßvva- 
juis) der ideen auf einander die rede ist, weil nur dadurch die 
starre einseitigkeit des eleatischen princips beseitigt werden 
konnte: vgl. die ansieht von K. Ch. Planck in den NN. Jahrbb. 
bd. 105, heft 8, p. 541 ff. 

C. Liebhold. 

35. Die lehre vom logos in der griechischen philosophie. 
Von Dr. Max Heinz e. 8. Oldenburg. Ferd. Schmidt. 1872. 
XIV u. 336 s. — 1 thlr. 25 gr. 

Der verf. behandelt in seinem gründlichen und anregenden 
werk die bedeutung des logos in der griechischen philosophie 
und geht bei der lösung seiner aufgäbe von dem System des 
Philol. Anz. V. 6 



82 35. Griechische philosophie. Nr. 2. 

Ephesiers Heraklit aus ; in welchem, wie er meint, der logos 
fast identisch zu setzen sei mit dem, regelmässigen gange der 
bewegung, für welche das feuer oder richtiger der Wärmestoff 
das physische Substrat bildet. Dieses feste gesetz der Weltbe- 
wegung, welches sich in dem streite, d. h. dem umfassen der über- 
all thätigen gegensätze manifestirt (sowohl bei Stobaeus als auch 
bei Diog. Laertius bisweilen als ivavrio^gofxia gefasst), lässt den 
pantheistischen charakter dieses Systems unverkennbar hervor- 
treten. Ausserdem setzt Heraklit seinen logos mit der uner- 
schütterlichkeit des Verhängnisses identisch. (An der aus Stob. 
Ecl. I, 178 citirten stelle: sau yag sipagnivr} näv7iaq ) dürfte 
meiner ansieht nach weder nävztog noch mit Lassalle tzcci'tj/, 
sondern nävzwv zu lesen und die nachfolgende lücke etwa mit 
ag%ovaa auszufüllen sein.) In enge Verbindung mit der el/tag- 
fAevt] bringt Lassalle die dixtj, welche ihrer kosmischen seite nach 
ganz gleiche geltung mit dem allgemeinen prineip des werdens 
hat. Der logos darf keinesfalls immateriell gefasst werden ; 
im gegentheii gehen hylozoismus und pantheismus bei Heraklit 
hand in hand. Aus der stelle des Clem. Strom. V, 604 A 
will der vf. nichts entnommen wissen, als dass der logos oder 
das feuer als herrschendes prineip auch das allein weise ge- 
nannt wird. In der p. 32 aas Stob. Flor. 3, 81 citirten stelle 
dürfte nicht zu lesen sein : on aoepöv iazi ndvzmv xtxcogiofierov, 
sondern ort* aoqov iori ti xcöv ovtoav us%C0QtG[ist'Ov, denn es soll 
die meinung zurückgewiesen werden, als sei das aoq-6v t gleich- 
wie die späteren ideen bei Plato, etwas von der weit (tmv ov- 
tcoj) getrenntes, während offenbar die immanenz aufrecht er- 
halten werden muss. Die lehre , wonach der vovg ein losge- 
rissener theil von gott ist , gehört einer viel späteren zeit an, 
z. b. dem heraklitisierenden stoiker Mark Aurel. Sodann be- 
rührt der vf. die stelle aus Plutarch. de Is. et Os. 77, 382 B, 
aus welcher man die ansieht Heraklits von der intelligenz und 
dem bewusstsein des höchsten prineips folgern könnte. Aber 
bei dem schweigen von Aristoteles und Plato ist wohl mehr 
anzunehmen, dass diese worte nicht authentisch, sondern dem 
Heraklit imputirt seien, weil vor Anaxagoras der vovg oder die 
denkende kraft in die philosophie nicht eingeführt ist. In der 
ethik, die bei dem dunkeln Ephesier von der physik gar nicht 
zu trennen ist, muss besonders beachtet werdeu, dass die seelen 



Nr. 2. 35. Griechische philosophie. 83 

um so feuriger, d. h. reiner sind, je mehr sie sich von dem 
nassen entfernen. Die Substanz der seele aber und ihre Ver- 
bindung mit dem logos wird gefördert und erhalten durch das 
athmen und durch die vermittelung der sinne. Das aufgehen 
im allgemeinen, im ewigen werden, ist das ethische princip bei 
Heraklit und das verharrenwollen im eigenen das unsittliche. 
Die über dem menschen stehende Eifiagfxsuj bestimmt das q&og 
von vorn herein. Daher darf sich auch niemand wundern, 
wenn Heraklit den weg verschweigt, auf welchem der mensch 
der bosheit entfremdet wird. Wendungen wie tioiseiv xata 
qivaiv und vßgiv %ot] oßewvsiv geben hier andeutungen. An 
stelle der aufgehobenen rjöovrj hat Heraklit etwas ähnliches wie 
die svageattjaig der Stoiker gesetzt. Ausserdem wird zwar eine 
idia ygovqaig angenommen, aber ihr Ursprung nicht nachgewie- 
sen. Das feuer enthält ein gewisses fiirgov, und dieses könnte 
so viel als der loyog sein, nach dem alles geschieht. Und da 
dem xoivbg Xöyog die tdia qigövtjaig entgegentritt, so muss mit 
Xoyog und ygovtjGtg gleichartiges oder etwas analoges bezeichnet 
sein. Danach wäre der begriff am besten mit Vernunft wieder- 
zugeben. Natürlich darf man diese Vernunft nur als objektive 
fassen. Der weltprocess geht in der weise von statten, dass 
ihn unsere Vernunft approbirt; denn dadurch wird er als ein 
vernünftiger offenbar. Die analogie mit den menschen ist in 
erster linie berücksichtigt, aber vovg und qgrjv mit fleiss nicht 
gewählt, weil in ihnen das subjektive erkennen als erstes ent- 
gegentritt. Dieselbe bedeutung hat Xoyog ungefähr bei Parme- 
nides; auch bei ihm konnte das erst von Socrates gelehrte be- 
griffliche wesen noch nicht darunter verstanden sein. Die mög- 
lichkeit einer anlehnung Heraklits an den Parsismus wird von 
dem verf. zurückgewiesen. 

Soweit das platonische System für die vorliegende forschung 
in frage kommt, berücksichtigt der vf. die Republik und den 
Timaios, weil in ersterer besonders die idee des guten darge- 
stellt, im Timäos nachgewiesen wird, auf welche weise die idee 
des guten im weltall zur Verwirklichung kommt. Dass der 
demiurg als die idee des guten gefasst werden könne, lässt 
sich nach de Eepb. VI, 504 wohl annehmen, doch im Timaios 
gilt er mir nur als wiederaufnähme des anaxagoreischen vovg 
in ethisch vertiefter fassung; dagegen kann unbestritten die 

6* 



84 35. Griechische philosophie. Nr. 2. 

idee des guten als einheit der idee und die weltseele muss sogar 
als das mittelglied gedacht werden, vermöge dessen es der Ver- 
nunft möglich war , in die materie einzugehen, als die Verbin- 
dung zwischen der idee und dem (jtj 6v. Gerade der ausdruck 
„mittelglied 1 ' musste den vf. bestimmen, ^wiardvat nicht blos 
in dem sinne von „entstehen lassen , verfertigen" zu verstehen. 
Viel eher trifft der nachher gebrauchte ausdruck „zugleich hin- 
einsetzen" das richtige. Uebrigens wird der dualismus Plato's 
gegeuüber dem monismus Heraklits genügend betont. Nicht 
durch emanation sind die einzelseelen aus der weltseele hervor- 
gegangen, sondern gleich ihr gebildet und durch mischung ent- 
standen, aber mit ihr doch gleiches Wesens. Jedenfalls aber 
ist die Vernunft das göttliche in uns und befähigt uns, dem 
gesteckten endziel nahe zu kommen. Indessen ist die ganze 
lehre vom vovg oder kosmischen princip weder ausführlich von 
Plato behandelt noch frei von Widersprüchen. Aber von man- 
chen theologen ward Plato als quelle des johanneischen logos 
angesehen. Warum er den ausdruck löyog selbst nicht ge- 
braucht, kann man nicht wissen; vielleicht wollte er sich an 
den vovg des Anaxagoras anschliessen. 

Bei Aristoteles ist der zweck zugleich die form und der 
begriff des dinges. Der gedauke oder die Überlegung, welche 
über der natur steht, wirkt trotzdem auf dieselbe, damit sie 
eine zweckvolle, vernünftige bewegung habe. Aber in der me- 
taphysik, wo die transcendenz gottes meistens streng festge- 
halten wird, ist nicht nachgewiesen, wie das bedingungslose den- 
ken in die natur hineinkommt. Mehr platz für pantbeistische 
anschauung findet sich bei Aristoteles in der psychologie. Al- 
lerdings erkennt man keine spur von der immanenz des göttli- 
chen vovg in der seele des menschen. Dagegen wird mit Xöyog 
dasjenige vermögen bezeichnet, welches durch discursives den- 
ken das handeln bestimmt. Für gott, der sich selbst stets un- 
mittelbar denkt, konnte diese bezeichnung des abgeleiteten den- 
kens nicht gewählt werden. In der ethik endlich ist der Xo- 
yog nur die praktische Vernunft und der ogOog loyug, der auch 
schon bei Plato vorkommt, ist keine objektive norm, sondern 
soviel als die (fijnvrjöig in jedem einzelnen menschen, zugleich 
als quelle jeglicher tugend. 

Der monismus der stoiker (p. 79 ff.) kann sich die be- 



Nr. 2. 35. Griechische philosophie. 85 

rechnete Ordnung der weit nicht denken ohne einen sie durch- 
dringenden logos. Der von menschlichen kunstprodukten ent- 
nommene analogieschluss spielt bei ihnen ebensowenig als bei 
Aristoteles eine untergeordnete rolle. Vornehmlich sucht das 
stoische System auf induktivem wege nachzuweisen, dass dieses 
das ganze beherrschende und als wirkendes dem leidenden ge- 
genübergestellte princip seinen grund in der weit selbst habe. 
Daraus ergiebt sich auch die nothwendigkeit, den logos der 
stoiker materiell zu denken. Zwar wird nicht sowohl das stoff- 
liche, als das körperliche von ihm ausgesagt, weil der begriff 
cojua bei den stoikern überhaupt einen viel weiteren umfang 
hat, in dem z. b. auch die affekte und eigenschaften der seele 
mitbegriffen werden. Bald wird der logos bezeichnet als nvsvpa, 
als lufthauch, bald als bewegendes, lebenerzeugendes und er- 
haltendes feuer. Und weil der äther beide qualitäten in sich 
zu vereinigen scheint, so heisst es auch, dass in dem hie und 
da mit der gottheit identisch gesetzten äther das qyefiovixop, 
die weltleitung ihren sitz habe. Auch mit vovg wird der logos 
vertauscht, wenn es heisst, dass der kosmos nara vovv regiert 
werde , und bezeichnend für das planvolle denken der feineren, 
formgebenden stofftheilchen sind die benennungen für gott wie 
tzvq te%H%ov s oöcö ßäSt^ov, Efi.nsQtsiXt]q)6g anavzag rovg cnegiAct.-* 
rixovg Xöyovg, xaö-' ovg sttaßzct xa#' BipiaQuivriv yiypsrat (Stob. 
Ecl. I, 66, wo es auch heisst: avatrdrco de nüvtcav vovv svai- 
&eQiov ehai &sov). Durch den begriff der yvaig kommt in 
gott oder den logos die bewegung als nothwendiges moment 
hinein. Die stellen bei Seneca, welchen der vf. öfter citirt, 
sind nicht ohne vorsieht zu verwenden wegen der stark synkre- 
tistischen färbung dieses philosophen: s. Erdmann, Gesch. d. Phil. 
1, 181 f. Trotz der innigen Verbindung von activität und passivi- 
tat, die uns der logos bei den stoikern zeigt, stellte sich bald das 
bedürfniss einer begrifflichen sonderung heraus. Und so entstand 
der Xoyog als Xöyog ansofiariMog. Sind aber die Xoyoi ansgfiarixoi 
das gestaltenbildende princip , so stehen sie in engster Verbin- 
dung mit der zweiten kategorie, mit dem nowv oder auch noiog 
(sc. Xöyog), so ist die nothwendige folge ihrer Wirksamkeit der qua- 
litativ bestimmte stoff. Aber die unendliche Vielheit der Xöyoi ansg- 
(taTixol wird zusammengehalten durch den einheitlichen Xöyog aniq- 
paiixog, welcher als solcher das vernünftige band des Weltalls sein 



86 35. Griechische philosophie. Nr. 2. 

muss (p. 122 ff.). Nicht mit den platonischen ideen, wie Stein 
annimmt, hätten die ).6yoi ansQiictiixoi gleichheit oder ähnlichkeit, 
sondern viel eher mit den Xoyoi evvXoi des Aristoteles, welche in- 
dess weit mehr der zweiten kategorie, der reinen qualität ohne 
selbständige kraft entsprächen. — Die innere nnd absolute 
nothwendigkeit , die ei/iaofispi] , nach welcher der weltverlauf 
vor sich geht, ist bei den stoikern der engen Verknüpfung 
von Ursache und Wirkung identisch [avctym] ist nur ein stärke- 
rer ausdruck dafür). In der folgenden partie weist der vf. nach, 
welche versuche die stoiker gemacht haben, um das übel in 
der weit zu erklären (durch die annähme eines nothwendigen 
gegensatzes zum guten und durch den widerstand der materie 
oder des Stoffes gegen das wirkende princip) und welche an- 
laufe sie genommen, um die kluft zwischen nothwendigkeit und 
freiheit zu überspringen. Das naturgemässe im menschlichen 
leben muss zugleich das vernunftgemässe sein. Deshalb war 
nöthig die annähme eines besondern Xoyog, eines Xöyog irdtci- 
'Oeroe, der zum ngocpogixog wird, sobald das gedachte zum aus- 
druck kommt. Die Unterscheidung dieser beiden Seiten des Xöyog 
ist auf Aristoteles zurückzuführen. Der wivog Xoyog ist nach 
ansieht des vf. nur von der nachstoischen zeit einer solchen 
theilung unterzogen. Ganz stoisch ist dagegen die bezeichnung 
der einzelseele als unoanaana oder fiogiov diog, d. h. abgelö- 
stes von dem materiell zu denkenden feuerhauch. Alle seeli- 
schen bewegungen sind produkte des logos, und von angebornen 
ideen und intuitiver erkenntniss kann keine rede sein. Durch 
die Sinneswahrnehmungen, eindrücke und erzeugten Vorstellungen 
wird der inhalt für die ursprüngliche anläge gewonnen. Ist 
der logos im menschen recht beschaffen, so hat er auch die 
fähigkeit, die Wahrheit zu finden. — Indessen kann eine stoi- 
sche ethik nicht für möglich gelten, sofern es die ethik zu 
thun hat mit der freien that des menschen; denn die xoivij 
yvotg, an welcher die einzelnen menschen theil haben, ist einer- 
lei mit dem fatum. Aber sobald die stoiker das eigentlich 
ethische gebiet betreten, gilt die tugend als av&atosTog. So- 
mit finden sich in der stoischen philosophie die beiden entgegen- 
gesetzten lehren von der nothwendigkeit und der freiheit un- 
mittelbar neben einander gestellt. Doch wenn auch die stoi- 
ker die willen sfroihoit praktisch und dem ausdrucke nach an- 



Nr. 2. 35. Griechische philosophie. 87 

Dehmen, so haben sie dieselbe bei der speculativen behandlung 
der frage nie beweisen wollen, weil sie sonst einen ihrer haupt- 
sätze , das iatjösp avanloig yiyvsa&ai, hätten aufgeben müssen. 
Und wenn die stoiker meinen, dass zu dem endresultat unbe- 
kannte Ursachen mitwirken, so ist von vornherein die freiheit 
illusorisch. Auch die angenommene Verschiedenheit und ver- 
schiedene prädisposition der charaktere lässt unserseits keiner- 
lei willkür mehr Spielraum. Alles, was iq yph sein soll, wird 
zu einem ysvopspov dt rm&v (Numenios). So bleibt zwischen 
physik und ethik der stoiker ein fortwährendes dilemma. Mit 
dem in ihr System aufgenommenen zwecke haben sie die nqo- 
rota aufgenommen, die von Heraklit gradezu geleugnet wird, 
und im ganzen ist mit der glücklichen Vereinigung von ursäch- 
lichkeit und bewusster Zweckmässigkeit ein bedeutender fortschritt 
auf philosophischem und religiösem gebiete gemacht. Endlich 
ist durch das intelligente bewusstsein und die berechnung, die 
mit der nqovoia nothwendig verbunden sind, Heraklit gegen- 
über ein subjektives moment anerkannt worden, während der 
begriff der persönlichkeit noch nicht aufgenommen und die frei- 
heit nur als nothwendiges postulat eingeführt wird. 

Von den stoikern bis Philo (p. 173 ff.) herrschen meistens 
confuse ansichten bei eklektikern und synkretisten. Den ver- 
such einer Vermischung der peripatetischen und stoischen lehre 
findet man bei dem vf. der schrift nsgl y.öafxov. Dieses expe- 
riment erreicht seinen höhepunkt in der trennung der göttlichen 
kraft von dem göttlichen wesen. Eine Vermischung der beiden 
genannten Systeme versucht auch Aristobulus, ein Vorläufer 
Philo's. So gebraucht er aws^iv in stoischer weise von dem 
zusammenhalten der weit durch gott. Die Weisheit (oocpia), die 
auch bei ihm schon von grosser Wichtigkeit ist, bekommt noch 
mehr bedeutung in dem pseudosalomonischen buch, das nach 
ihr den namen führt (p. 192 ff.). Die bedeutung „wort" ge- 
winnt in dieser schrift eine grössere herrschaft und wird mit 
der „Weisheit", wenn nicht synonym , so doch mindestens pa- 
rallel gebraucht. 

Ausgehend von der trennung der kraft und des wesens 
in der schrift negl xoafiov suchte der alexandrinische Jude Philo 
(p. 204 ff.), überzeugt von der identität des inhalts der heili- 
gen schrift a. T. und der heidnischen philosophie, durch eine 



88 35. Griechische philosophie. Nr. 2. 

allegorische Interpretation der alttestamentlichen geschichte eine 
Vermittlung zwischen zwei so getrennten gebieten anzubahnen. 
Der unbegreiflichen, eigenschaftslosen, absoluten gottheit tritt die 
absolut nichtseiende materie gegenüber. Aber als grund aller 
Wirklichkeit muss gott trotz seiner abgeschiedenheit auf irgend 
eine weise mit der weit in beziehung treten ; dies geschieht 
durch mittelwesen , die in der orientalisch fruchtbaren phantasie 
Philo's als ein niederschlag der platonischen ideen einerseits 
und der stoischen löyoi ansQfxaztMoi anderseits anzusehen sind und, 
wenn man sie personificirt, mit den heidnischen dämonen und 
alttestamentlichen engein gleichviel ähnlichkeit haben. Alle diese 
kräfte oder ideen werden zusammengehalten und finden ihren 
mittelpunkt in dem einen Xoyog, der sowohl als idee des guten, 
d. h. als höchste idee, als auch personificirt als gottes söhn 
oder als ein zweiter gott gedeutet wird. Auch in der ethik 
lässt Philo unzweifelhaft einen nach Vermittlung strebenden dua- 
lismus vorwalten und immer mehr die mystische und religiöse 
seite hervortreten. Es wird als aufgäbe des sündhaften men- 
schen hingestellt, sich von dem sinnlichen loszureissen und in 
beziehung zu gott zu setzen , dessen wesen nur durch die be- 
geisterte erhebung des innern menschen, durch eine art eksta- 
tischer anschauung erfasst werden kann. Diese Verbindung 
zwischen dem unendlichen und endlichen, zwischen sein und werden 
war, wie der vf. richtig bemerkt, nothwendig, um die weit der 
erscheinungen hervorzubringen, um sie zu erhalten und um den 
zug des menschen nach oben zu befriedigen. Die analogieeu 
welche das philonische system mit Plato bietet, sind im ganzen 
sorgfältig berührt; indessen hätte bei der terminologie z. b. 
von acpQuyig auf Theaet. 192 A, sodann auf Legg; VII, 801 D 
wegen xvnog sxfiaysiSv rs und wegen des letzteren wortes auch 
auf Tim. 50 C hingewiesen werden können. Ausserdem war 
instructiv Tim. 28 A f. wegen der ganzen theorie der welter- 
schaffung und ib. 51 A. , wo die grundlage aller bestimmten 
körper genannt wird ein elSog äfiogqiov , navöexts, (ieraXäfi- 
ßuvov ds anoQwxura ny tov vor\tov. 

Die Neuplatoniker, namentlich Plotin, bringen manches, 
was Philo in allegorischer fassung behandelt, in systematischer 
form. Auch ihnen gilt der logos als bildendes princip , das als 
erzeugende form auf die materie einwirkt. Ueber dem vov$, 



Nr. 2. 36. Plautus. 89 

der als Subjekt und objekt des erkennens eine zweiheit bildet, 
nimmt Plotin noch das absolut eine als urquell aller Vielheit 
an, während die von dem vovg ausgegangene weltseele als drit- 
tes princip zu betrachten ist. Die wähl des dämon in der vor- 
zeitlichen existenz ist, wie vieles andere, vollständig platonisch, 
Uebrigens ist es Plotin ebensowenig wie den früheren gelungen, 
die freiheit mit dem logos zu vermitteln, und das System der 
Neuplatoniker hat als abschluss auch nur einen unklaren my- 
sticismus zu bieten. 

In dem schlusswort (p. 330 ff.) kann der vf. nicht umhin 
zu bemerken, dass der johanneische logos mit der griechischen 
philosophie im Zusammenhang stehe und dass Philo als haupt- 
quelle desselben zu betrachten sei. Augustin hat kein beden- 
ken, diese enge Verwandtschaft anzuerkennen, hebt aber auch 
den fundamentalen unterschied des heidnischen philosophem's 
und christlichen dogma's hervor, der darin bestehe, dass der lo- 
gos fleisch geworden sei , dass er in sein eigenthum gekommen 
sei, und die seinen ihn nicht aufgenommen hätten (über die worte 
neu 6 loyog adg^ iyevero vgl. Meyer, Comm. Ev. Joh. p. 68 ff.). 
Ausserdem ist der neutestamentliche logos kein untergeordnetes 
wesen, sondern hat die wesenseinheit des vaters und des Soh- 
nes zur Voraussetzung (vgl. Meyer a. a. o. p. 55). Jedenfalls 
hat es der evangelist meiner meinung nach beabsichtigt bei 
der abfassung seines vornehmlich für leute griechischer nation 
geschriebenen evangeliums einen begriff zu verwerthen , der in 
folge seines häufigen gebrauchs und seiner bedeutenden rolle 
inmitten der vorhergehenden philosopheme dem gebildeten be- 
wusstsein der griechischen weit hinlänglich bekannt und ein- 
geprägt war. 

C. LiebJwld. 

36. Plautinische Studien von C. E. Geppert. Zweites 
heft. 8. Berlin. Hempel 1871. — 25 gr. (I. II. 1 thlr. 25 gr.). 

Das vorliegende zweite, heft der plautinischen Studien von 
Geppert enthält mittheilungen aus dem Ambrosianus, d. h. be- 
richtigungen und ergänzungen zu Ritschis angaben, wie sie sich 
Geppert 1870 bei erneuter einsieht der handschrift als Vervoll- 
ständigung seiner früheren aufzeichnungen ergeben haben. Vie- 
les darin ist höchst dankenswerth und trägt den Stempel der 



90 36. Plautus. Nr. 2. 

evidenz an sich, so Stich. 638 in crastinum inspiciet diem statt 
prospiciet; MGlor. 66 itane aibat statt aibant; MGlor. 393 eadem vi- 
gilanti expetunt statt in vigilanti; MGlor. 700 dt tibi propitii sunt, 
nam hercle si istam semel amiseris , da der Ambrosianus propiti' 
namhercle hat, während im folgenden vers mit auslassung von 
rursus zu schreiben sein möchte: libertatem, haut facile te in eun- 
dem restitues locum; MGlor. 724 suisque amicis usui est statt vult 
bene; MGlor. 865 an einer viel bestrittenen stelle, wo aus der 
gestalt des verses im Ambrosianus emtibihicmihidixit .... qui' 
dem mit grosser Wahrscheinlichkeit geschlossen wird auf em 
tibi: hie mihi dixit stuc (wofür man allerdings lieber hoc setzen 
würde) quidem. PH. dixti; Stich. 213 quot pötiones mulsi, quae 
autem prandia statt quot autem; Stich. 395 ajebat ille statt a/e* 
bant illi\ Stich. 699 SA. immo enim mavist ST. dulciust statt 
SA. immo enim hie magis est dulcius ; Stich. 140 viro nuptum datur 
statt ad virum; Pers. 480 deducam statt inducam. Wenn also ref. 
an diesen und anderen stellen unbedingt zustimmen zu müssen 
glaubt, so kann er andrerseits nicht verhehlen, dass vieles sehr 
zweifelhaft erscheint, mehrfach jedenfalls die folgerungen Gep- 
perts aus dem, was er gelesen haben will, sich als unmöglich 
erweisen. So soll der vers MGlor. 721 lauten: cinserem emori: 
cecidissetne ebrius an de equo uspiam?, wo das richtige sein 
wird: cecidisset de equo si uspiam ebrius, oder noch einfacher: 
cecidissetve ebrius de equo uspiam. Bacch. 518 wird uns gar 
folgendes Wunderding von vers zugemuthet: tum quöm nihilo 
pluris mihi blandiri refert. Dass blandiri in der von Ritschi 
angegebenen lücke stehe, konnte man schon an sich vermuthen; 
wenn aber noch mihi hinzukommt, wird in Wirklichkeit der vers 
doch kaum anders gelautet haben als: tum quöm blandiri nihili 
pluris referet. Wenn Stich. 483 und 484 der Ambrosianus 
wirklich hat : sed quöniam nihil processit , at ego hac iero | apSr- 
tiorem: age vix ita plane loquar, so wird zu schreiben sein: sie 
quöniam nihil processit, alia ego adiero \ apirtiore magis via ac 
plane loquar. MGlor. 707 wird es trotz des Ambrosianus, der hi 
apud me aderunt, me curabunt haben soll, bei Haupts conjeetur : 
ei apud me sunt ei me curant, bleiben müssen, da andere mit 
dem leidigen trost „ wie man auch darüber denken mag" sich 
über die präsentia des folgenden verses nicht werden hinweg- 
setzen wollen. Auch die angebliche auslassung des verses MGlo r . 



Nr. 2. 37. Publilius Syrus. 91 

1465 wird uns sicher nicht bewegen ihn zu streichen, ebenso- 
wenig wie man Poen. I, 3, 24 die acht plautinische, von Gep- 
pert als tautologie bezeichnete ausdrucksweise pergin pergere 
aufgeben wird, vrgl. Aulul. II, 2, 4 nunc domum properare pro- 
pero. Stich. 520 müsste man an aller plautiniöchen metrik 
verzweifeln, wollte man, wie es verlangt wird, betonen : ut cui- 
que homini res paratast, proin amici sunt usui. Endlich wird 
Pers. 357 Büchelers von Geppert nicht erwähnte vermuthung: 
perennitassitque adeo perpetuum cibum, es ohne zweifei mit dem 
neu geschaffenen perennitateique adeo perpetuo cibo aufnehmen 
können. 

Noch manches der art könnte angeführt werden ; ref. denkt, 
dass das mitgetheilte genügt, um trotz des augenscheinlich rich- 
tigen das väqis ttcu fi?[ivaoo amati.lv beim gebrauch von Gep- 
perts angaben in besonderem masse als räthlich erscheinen zu 
lassen. E. A. K. 

37. Eine Sammlung von Sentenzen des Publilius Syrus. 
Ein nachtrag zu den ausgaben des Publilius von Wilh. Meyer 
aus Speyer. München 1872. 24 Seiten. 8. (Separatabdruck 
aus den Sitzungsber. bd. II, heft 4 der münchner akad. d. 
wiss. philos. philolog. cl.). 

Dem vf. genannter schrift ist es durch einen glücklichen 
fund und scharfe kritik gelungen, den noch am dunkelsten ge- 
bliebenen punkt der Publiliusfrage der endlichen lösung bedeu- 
tend näher zu bringen. Indem er bei ermittlung des eigen- 
thums des dichters die zuerst von dem ref. gemachte Unter- 
scheidung der zwei handschriftenklassen (Freisinger - Wiener 
und Pariser - Basler - Eheinauer u. s. w.) anerkennt, deren zweite 
nur eine Verstümmlung der ersten ist, und die autorität sämmt- 
licher älterer ausgaben für die ächtheitsfrage auf null reducirt, 
richtet er sein augenmerk auf die dritte, bisher bloss durch 
cod. Turicensis vertretene Sammlung von 109 Sentenzen. Ueber 
diese konnte früher eingestimmtes urtheil nicht leicht abgege- 
ben werden, weil die Sprüche theilweise in entsetzlich verderb- 
ter gestalt vorliegen, ein titel fehlt, und wir es jedenfalls nur 
mit der auswahl eines anonymus zu thun haben, von dem man 
nicht wissen konnte, ob er nicht neben Publilius auch andere 
quellen benutzt habe. 



92 37. Publilius Syrus. Nr. 2. 

Zu diesen mit dem buchstaben C beginnenden Zürcher- 
sentenzen giebt nun cod. Monac. 6969 saec. XI die fehlenden 
buchstaben A. B. mit 26 Sentenzen (freilich in gleich willkür- 
licher Überarbeitung, wie wir sie bei der Zürcher handschrift 
bedauern), davor eine Überschrift, die Sentenzen von C. D. mit 
cod. Turic. übereinstimmend, und bricht dann im buchstaben 
E ab, so dass wir, da jene die buchstaben C — V umfasst, aus 
beiden quellen die dritte spruchsammlung zusammensetzen und 
mit hülfe des vermehrten materiales auch sicherer über den 
werth und den Ursprung derselben urtheilen können. Meyer 
sucht nachzuweisen, dass diese ebenso gut dem Publilius zuge- 
schrieben werden dürfe, wie die Sammlung 1 und 2, dass also 
die bisher offen gelassene alternative, jene sei vielleicht aus 
zwei verschiedenartigen bestandtheilen zusammengesetzt, aufge- 
geben werden müsse. 

Und dass sie an Wahrscheinlichkeit verloren habe, ist je- 
denfalls einzuräumen, obscbon wir die zürcher-münchner Publilius- 
tradition als unlauterer und verdächtiger bezeichnen müssen, 
als die pariser und freisinger. Denn einmal enthält sie zwei 
Sprüche, die wie Meyer selbst zugiebt, nicht nur in ihrer jetzi- 
gen gestalt christianisiert, sondern ursprünglich christlich ge- 
dacht sind, vs. 85. 111, (= 669. 676 Wfl.) ; was bei den spruch- 
versen der andern quellen sich nicht findet: sodann findet sich 
unter den 3 37 versen der dritten Sammlung nur einer der von 
Seneca und Grellius unter Publilius namen citierten, v. 77: 

Improbe Neptunum accusat, qui iterum naufragium facit, 
welcher vielleicht absichtlich wegen des heidnischen gottes in 
Sammlung 1. 2 weggelassen ist; ferner ist die gestalt der Sen- 
tenzen der 3. Sammlung oft der art zerrüttet, dass man weder 
sinn noch metrum deutlich erkennt; endlich aber lautet der ti- 
tel der 2. sammlnng Sententiae Senecae pMlosophi , der neue der 
münchner : sententiae philosoph o r um. Weniger soll betont wer- 
den, dass cod. Mon. 6369 ein im Turic. fehlendes eiuschiebsel 
aus Terenz Andria 940 enthält, da auch in Sammlung 1. 2 
ein vers aus demselben stücke sich findet, v. 37 Wfl. Ebenso 
wollen wir nicht urgieren, dass ein neuer spruch: 

Audiendo virtus crescit, socordia timor, 
mit Pseudocaecilius Baibus p. 21 collidiert, 

Audendo virtus crescit, tardando timor, 



Nr. 2. 37. Publilius Syrus. 93 

während sonst die verse der Sammlung 1. 2 sich mit diesem 
autor nicht berühren. Dies sind einige puncte , welche das 
bedenken erregen, ob nicht Meyer doch zu weit gegangen sei. 
Gleichwohl halten wir nach dem funde für ausgemacht, dass 
die 3. Sammlung Publilius verse berge, welche in Sammlung 1. 2. 
fehlen, und dass man eiuige sentenzen , welche man als will- 
kürliche Übertragungen oder periphrasen bekannter ansehen 
könnte, besser als neue, selbstständige betrachtet. 

Um schliesslich den kritischen gewinn anzudeuten , so ist 
vielleicht in dem verse: 

Bonarum rerum consuetudo pessima est, 
trotz v. 165 Wfl. die Variante desuetudo in erwägung zu zie- 
hen. V. 31 = 655 Wfl. bestätigt die handscbrift die schon 
von dem ref. in den text gesetzte conjectur Fröhlichs supplicem 
statt simplicem. Die sentenz des Turicensis : 

Frenos inpone linguae saepius conscientia, 
hat Meyer sehr schön emendirt in : 

Frenos imponit linguae conscientia, 
coli. v. 100 Wfl. Ueberhaupt hat er zur kritik der Zürcher 
sentenzen manchen beachtenswertben beitrag geliefert *) und da- 
bei (im gegensatz zu der von L. M. im Litt. Centralblatte aus- 
gesprochenen ansieht) den satz aufgestellt, dass das alphabeti- 
sche Stichwort fast nirgends geändert worden sei. Von den 
neuen versen geben wir als probe einige in der von Meyer 
und seinem freunde A. Spengel emendierten gestalt: 

Avaro acerba poena natura est sua. (Vgl. 14. 337 Wf.) 

Avari vita torpet morte longior. 

Animo ventrique imperare debet, qui frugi esse vult. 

Auxilium ubi das profligatis, contumeliam ingeras. 

Bonus est vir nemo nisi qui bonus est omnibus. 

E. W. 

1) Da durch Meyers entdeckung die bedeutung der Züricher sen- 
tenzen steigt, so wird es gestattet sein bei diesem anlasse einige in 
der ausgäbe von 1869 theils absichtlich , tbeils unabsichtlich über- 
gangene Varianten nachzutragen, die man übrigens auch aus Oretti, 
Phuedri fabulae novae, 1832, p. 48 ff. leicht ergänzen könnte: V. 
116 caret crebro periculis. 178 furore fit atrocior. 215 qüotiens suis 
iacturam rerum patitur. 230 quidquid. 243 inyratescü. 246 aut felix 
aut fortis. 284 ingenuitas non fert contumeliam. 309 ferre. 656 si 
eulpam poenitet ineurrisse. 



94 38. Livius. Nr. 2. 

38. Beobachtungen über den dativ der bestimmung, be- 
sonders den dativ des gerundivi bei Livius, von Lorenz. Pro- 
gramm des gymnas. zu Meldorf. XX s. 4. Meldorf. 1871. 

Es liegt hier der erste theil einer abhandlung vor, die, 
wie die eingangsworte sagen, ihre entstehung einer bemerkung 
Madvigs zum vierten theile seiner Liviusausgabe p. xh zu 41, 
17, 5 verdankt und in Verfolgung des hier gegebenen anstosses 
in diesem ersten theile untersucht, wo bei Livius der finale 
dativ „als ergänzung von Vorstellungen, die aus einem Substan- 
tiv und verbum zusammengesetzt sind" steht, ebenso „als theil 
des prädicats in Verbindung mit esse, satis esse, sufficere", während 
der gebrauch des finalen dativs nach adjectiven bei einer andern 
gelegeuheit besprochen werden soll. — Eecht sehr ist dem re- 
ferenten ein allbekannter mangel unserer grammatik hier wie- 
der aufgefallen, nämlich die grosse Unsicherheit, in der wir uns 
bei bestimmung unserer grammatischen begriffe befinden. So 
wird hier p. ri als substrat der anzustellenden Untersuchung 
eine definition des dativs dahin gegeben: „der dativ bezeichnet 
im allgemeinen den gegenständ, welcher bei einer handlung in 
der art b et heiligt ist, dass dieselbe eine richtung auf ihn 
hat. So ist er der casus des betheiligtseins oder des ent- 
fernteren zieles, dem irgend eine einwirkung zu theil 
wird". Wenn das im ersten satze angegebene ein charakteristi- 
sches merkmal des dativs ist, was haben wir dann wohl für 
den accusativ in anspruch zu nehmen, von dem es doch als 
ausdrückliches merkmal gilt, dass er den gegenständ bezeichne, 
auf den die richtung der handlung sich erstreckt? Oder sol- 
len etwa die ausdrücke „betheiligt sein" und „eine" richtung 
hier besonders urgirt werden müssen? Aber dann wäre die 
bestimmung doch viel zu vag. Und dann heisst es weiter: „so 
ist er" etc. Wie ist er es denn? und ,,des entfernteren ziels" 
entfernter als welches ? „dem irgend eine einwirkung zu theil 
wird" irgend eine? wer kann wohl mit dieser bestimmung et- 
was machen? Auf diese schwankende unterläge wird sodann 
wieder ein „daher" gebaut. Es ist durchaus nicht absieht den 
Verfasser allein für diese Unbestimmtheiten in anspruch zu neh- 
men, wenn er sich auch selbst hätte sagen müssen, dass diese 
definition auf zu schwachen fiissen steht, als dass er sie so 
gestrost hätte vortragen und als grundlage für eine längere uu- 



Nr. 2. 38. Livius. 95 

tersuchung hinstellen können: es scheint vielmehr ein überall 
entgegentretender und ziemlich in allen grammatiken fühlbarer 
mangel in der bestimmung der grammatischen begriffe von ca- 
sus, modus, subject u. s.w. zu sein, der sich vielleicht in dem aus- 
drucke zusammenfassen lässt, dass der begriff selbst nicht hin- 
länglich bezeichnet wird , sondern blos merkmale angegeben 
werden, die, weil sie ebenso zu einem andern Substrate pas- 
sen, bei nicht scharfer bestimmung nur zu leicht Verwirrung 
hervorrufen. Doch zur sache selbst. — Die betrachtung glei- 
cher und ähnlicher stellen, in denen der dativ und in gewis- 
sen Verbindungen der genetiv sich findet, führt einerseits zur 
aufstellung von regeln, andrerseits zur Unterscheidung schwan- 
kender fälle, wobei freilich referent sich des eindrucks nicht 
erwehren kann, als ob manches zu gunsten einer vorgefassten 
meinung entschieden wäre, z. b. I, 1, 8, wo condendaeque urbi 
locum quaerere von dem Verfasser als das richtigere behauptet 
wird. Da aber an dieser stelle die maassgebenden handschrif- 
ten aus einander gehen und der genetiv ebenso gut als der 
dativ stehen kann, so kann nur der gedankengang den aus- 
schlag geben, und da scheint doch Frey, der den genetiv in 
Schutz nimmt, vor Lorenz den Vorzug zu haben. Problematisch 
wird übrigens doch wohl immer die entscheidung des wirklich 
von Livius geschriebenen da bleiben , wo beide casus gleich 
möglich sind, und, wie dann zu geschehen pflegt, die hand- 
schriftlichen lesarten schwanken , so z. b. die p. x bespro- 
chene stelle 35, 11, 10: erat etiam maior orationis materia, 
quo ex altiore fastigio rex quam tyrannus detractus erat. Die 
stellen, welche Weissenborn zum schütze des genetivs , den 
auch Lorenz befürwortet, anführt, sind so angethan , dass in 
den ersten drei stellen nur der genetiv, in den letzten dreien 
nur der dativ möglich ist, sie enscheiden also gar nichts. Un- 
ter die letztern drei gehört auch die von Lorenz ebenfalls p. x 
besprochene 26, 35, 4: tanta indignatio fuit, ut magis dux quam 
materia seditioni deesset. Hier geht die bemerkung vorauf: „auch 
den substantivbegriff, welcher das ziel bezeichnet, für dessen 
erreichung etwas als Stoff, mittel, anlass geeignet ist, lässt es 
(das wort materia) sowohl im genetiv (und den will hier der 
vf.) wie im dativ folgen" ; der eiudruck aber, den deesse macht, 
ist doch zu stark, als dass er sich ignoriren Hesse, und so 



96 38. Livius. Nr. 2. 

wird denn nach noch zwei beispielen, deren eines (3, 11, 10) 
das verb suggerere, das andere (1, 23, 10) praebere hat, die be- 
merkung hinzugefügt: „diese verben deesse, praebere, suggerere sind 
alle drei der ergänzung des satzes durch den dativ der bestim- 
mung günstig". Das heisst doch wirklich mit der einen hand neh- 
men, was man mit der andern gegeben hat. Ob nun diese Un- 
sicherheit in der entscheidung in einer vorgefassten meinung 
ihren grund hat, wie ich auch in der p. 18 bebandelten stelle 
glaube annehmen zu müssen, 29, 23, 2 : Carthaginienses quoque 

haud parvum et ipsi tuendae Africae momentum adiecerunt 

societatem Syphacis : (es scheint mir nämlich ganz entschieden 
natürlicher zu erklären: sie verschafften in dem bündnisse mit 
Syphax der deckung Afrika's ein nicht geringes moment, als 
momentum tuendae Africae zu verbinden, mag auch Weissenborn 
dieser ansieht sein, zumal da die von ihm herbeigerufenen stel- 
len 29, 24, 2 • — wo der genetiv bloss zu momentum gehört — , 
8, 16, 11 — wo ich in averruncandae deorum irae vietimas caedere 
nur den dativ finden kann — , und 28, 27, 10 — was hierher 
gar nicht passt — nullius momen tisinä:): ob es also diese Vor- 
liebe ist, oder wieder die oben erwähnte Unbestimmtheit gram- 
matischer begriffe, will ich nicht entscheiden ; sicher aber ist es, 
dass diese Unbestimmtheit — oder soll ich es mangel an gram- 
matischem gefühle nennen? — wieder ganz deutlich p. 18 ge- 
gen ende hervortritt. Es wird da in dem satze : Insipientis est 
in errore perseverare , der genetiv insipientis als praedicativer be- 
zeichnet. Wenn nun auch diese benennung nicht ganz verwor- 
fen werden soll, insofern zu perseverare als subjeet insipientis 
est als prädicat gedacht werden kann — freilich wird der ge- 
netivus viel schärfer als der subjeetive und zwar als possessoris 
bestimmt — , so ist doch die anwendung, die der vf. davon auf 
stellen macht, wie 5, 3, 5: concordia ordinum dissolvendae tribuniciae 
potestatis est, entschieden zu missbilligen. Denn wo in aller weit 
findet sich hier nur etwas jenem infinitiv perseverare entspre- 
chendes ? Zudem ist es ja fraglich, ob überhaupt dieser casus 
des gerundivum mit esse stets der genetiv ist, wie denn p. 19 
der Verfasser richtig traJiendae rei in 24, 27, 3 als dativ er- 
klärt. 

Dass die abhandlung natürlich auch des richtigen genug 
bietet, bedarf wohl keiner erwähnung; wünschenswerth aber 



Nr. 2. 39. Tacitus. 97 

ist und bleibt es , dass der vf. bei der in aussiebt gestellten 
veröffentlicbung des zweiten theiles auch diesen nochmals mit- 
bearbeite und dabei die ausgangspunkte fester hinstelle — oder 
etwa lieber ganz weglasse? 

W. lell. 

39. Beiträge zur kritik und erklärung des Tacitus. (Pro- 
gramm des gymnasiums zu Eegensburg 1871/72: p. 5—17). 
Von Ferdinand Schöntag. 4. 

Der vf. welcher vor drei jähren in den blättern f. d. bayr. 
gymnasialwesen V, p. 193 ff. kritische bemerkungen zu Tacitus 
veröffentlicht hat, unterzieht in vorliegender schulschrift p. 5 — 
15 zwölf stellen desselben Schriftstellers einer genaueren betrach- 
tung , die ihm mehrfache schaden der Überlieferung auch da 
aufzudecken schien, wo bisher keine" bedenken sich erhoben 
hatten. Doch ist es hier dem vf. nicht gelungen , seine an- 
nähme von corruptelen in jedem einzelnen falle zu begründen; 
stellen wie Ann. I, 10 wo Brutorum exitus paternis inimicitiis 
dandos statt datos, oder II, 60 wo Bructeros sua tuentis statt 
urentis, ferner XVI, 22, wo extollitur ad promptum Cossu- 
tiani animum Nero statt extollit ira promptum gelesen werden 
soll — solche stellen wird man trotz der argumentation des 
vfs. dennoch als richtig überliefert erklären. Auch Hist. IV, 50 : 
gentem indomitam et inter aecolas latrociniis fecund am bedarf 
der änderung des letzten Wortes in metuen dam nicht, wie I, 51 
Lugdunensis . . . colonia feeunda rumoribus und II, 92 feeunda 
gignendis inimicitiis civitas zeigen. Ebenso kann Ann. II, 48 
ignotos et aliis infensos eoejue prineipem (sc. heredem) nuneupan- 
tes proeul arcebat, nicht als corrupt gelten, obwohl die worte 
bei Cassius Dio LVII, 17, 8 firjds tag xXijgovofAi'ag , äg rivsg 
avtep avyysveig e%ovtsg y.aieAinov , ngooieiAEiog, offenbar an die 
stelle des Tacitus anklingen. Denn wenn man mit dem vf. 
den begriff avyysri-ig durch die änderung von aliis in necessa- 
riis dem Tacitus aufdrängen wollte, so müsste man folgerich- 
tig auch den begriff infensos in den text des Dio hineincorri- 
gieren. Dagegen hat der vf. Ann. XIV, 61 die worte deosque 
tan dem venerantur mit recht bekämpft, da weder ßoth's ge- 
zwungene erklärung noch Nipperdey's deutung das befremdli- 
che tandem zu schützen vermögen; der Vorschlag des vfs. deos- 
Philol. Anz. V. 7 



98 39. Tacitus. Nr. 2. 

(que) gratantee venerantur zuschreiben, verdient jedenfalls be- 
achtung. Entschieden misglückt aber ist ebenda die ände- 
rung der ohne zweifei verderbten worte itur etiam in prin- 
cipis lau des re p eti tum venerantium in folgende fassung: 
nuntiatur etiam tn principis aulam de strepitu venerantium; 
denn entweder erscheint principis oder der begriff aulam überflüs- 
sig, auch befremdet die Verbindung von strepitus mit venerantium, 
endlich ist das, was der vf. von dem „wahrscheinlich damals all- 
gemein üblichen ausdrucke . . . nuntiare in aulam „im kabinet 
bericht erstatten" sagt, nicht bewiesen und auch nicht zu bewei- 
sen. Hist. II, 45 sortem civilium armorum misera laetitia 
detestantes, werden durch die genaue Untersuchung der bedeutung 
und des gebrauchs von miser allerdings probable bedenken ge- 
gen die Überlieferung erhoben (an dem doppelten Oxymoron 
aber nimmt der vf. mit unrecht anstoss). Gegen die vorge- 
schlagene änderung mixta laetitia spricht jedoch die Wortstel- 
lung, die diesen durch das particip mixta mit detestantes logisch 
coordinierten gedanken gar nicht hervortreten lässt; man würde 
vielmehr die nachsetzung von mixta laetitia und etwa noch die 
begleitung eines solchen in echt taciteischer weise überhängen- 
den ablativus durch einen motivierenden satz erwarten. Eef. 
läse daher lieber mit leichter änderung von misera laetitia den 
satz so: sortem civilium armorum sera maestitia detestantes, mit 
bezug auf die folgenden worte : spes et praemia in ambiguo, certa 
funera et luctus, und auf den gedanken : nee guisquam adeo mali 
expers, ut non aliquam mortem maereret. Hist. III, 18 werden in 
der sicher corrupten stelle forte victi haud perinde rebus pro- 
speris ducem desideraverant atque in adversis deesse intellegebant, 
die verzweifelten erklärungsversuche von Roth und Müller (Inns- 
bruck) mit recht ignorirt , mit unrecht aber die vermuthuügen 
von Nipperdey, welcher mit non ante victi dem gedanken 
zuerst gerecht geworden ist, und von Urlichs, dessen conjeetur 
fortes invicti auch den richtigen ausdruck zutreffen scheint. 
Was der vf. durch die nebeneinanderstelluug forte victores, 
forte victi erzielen wollte, das ist bei Nipperdey und Urlichs 
durch die negation (non, in-), die in so betonter Stellung natür- 
lich einen gegensatz involviert , besser erreicht. Hist. IV, 41 
wird die von Döderlein aufgestellte, von Heraus angenommene 
erklärung der worte probabant religionem patres, periurium argue* 



Nr. 2. 40. Festus. 99 

laut bekämpft. Hist. IV, 14 und Germ. 19 werden vorschlage 
zur interpunctionsänderung gemacht. — P. 15 — 17 wird der 
bei Tacitus bekanntlich sehr häufige fall besprochen, dass zu 
einem auf den hauptsatz folgenden untergeordneten gliede ein 
zweites mit dem letzteren in enger logischer beziehung stehen- 
des glied in der form des unabhängigen satzes tritt. Der vf. 
bezeichnet eine reihe einschlägiger stellen, an welchen bis jetzt 
mit punctum oder komma interpungiert war, durch Setzung des 
kolon. Ann. IV, 3 wird durch die interpunction: ceterum plena 
Caeswum domus, iuvenis filius, nepotes adulti moram cupitis adfe- 
rebant et quia vi tot simid corripere intutum: dolus intervalla scele- 
rum poscebat — nichts gewonnen ; vielmehr ist mit Nipperdey 
et vor quia zu streichen und der satz dolus . . . poscebat noch 
von quia abhängig zu machen. Schliesslich wird vom vf. noch 
auf solche beispiele hingewiesen, in welchen logische Vorder- 
sätze aus dem straffen syntaktischen verbände gelöst sind; für 
diese fälle wird die parenthese empfohlen, die übrigens z. b. 
Agr. 38 längst von Ritter gesetzt war. 

40. De Eufi breviario eiusque codicibus dissertatio. Scr. 
W. Förster. Programm des k. k. Josefstädter ober-gymna- 
siums. 8. Wien 1872. P. 93—111. 

Bis jetzt besitzen wir von dem breviarium verum gestarum 
populi Romani des Eufus, oder wohl richtiger gesagt, des Fe- 
stus, wie ich unten zeigen werde, noch keine kritische ausgäbe, 
die auch nur im geringsten dem heutigen stände der Wissen- 
schaft entspräche. Denn seit langer zeit hat sich kein philolog 
eingehender mit diesem Festus beschäftigt, und noch immer ist 
die ausgäbe von H. Verheyk vom jähre 1762 die beste, da 
Münnich (1815) nichts neues bringt, sondern alles , und in 
den kritischen noten bisweilen recht flüchtig, aus Verheyk ge- 
nommen hat. Auch der ausgäbe von Eaphael Mecenate, 
Eom 1819, lagen nicht die besten handschriften zu gründe, 
und dazu ist die ausgäbe so selten , dass auch der Verfasser 
obiger arbeit sie nirgends hat auftreiben können. Es wird des- 
halb eine collation dieser ausgäbe in Philol. XXXIII, 2 gege- 
ben werden. 

Die arbeit Försters ist in Wahrheit der erste anlauf zu einer 
kritischen ausgäbe, und nach der vom vf. angewandten methode 

7* 



100 40. Festus. Nr. 2. 

dürfen wir bald etwas gutes erwarten. Was Förster in seiner 
Schrift will, stellt er in folgenden worten zusammen: opera no- 
stra versabatur in inquirendis antiquissimis eisque optimis codicibus, 
in definienda eorum cognationis conditione ut denique adpareat unde 
textus restituendi sat firma sint sumenda adminicula. Es hat nun 
vf. ausser dem bereits bekannten handschriftlichen material für 
Festus, wie es uns in der ausgäbe von Verheyk (cod. L = 
Leidensis, N = Nonnii Über, B 1 = Basiliensis primus, H 2 = Basi- 
liensis secundus, B = Burmanni codex) und in einer collation des 
cod. Posnaniensis von Dr Beneke 1838 vorliegt, mehrere bisher 
nicht benutzte, und was das hauptsächlichste ist, sehr werth- 
volle handschriften zu seiner abhandlung benutzen können. Von 
dem cod. Gothanus (G), über den bereits Th. Mommsen im Her- 
mes I, p. 468 berichtet, wurden ihm von E. Schulze in Gotha 
(n. 101), von dem cod. Bambergensis, den schon Bernhardy in 
seiner römischen literaturgeschichte und 0. Jahn in der ausgäbe 
des Florus rühmend erwähnen, von prof. Günder collationen 
zugesandt , mehrere wiener handschriften verglich er selbst. 
Diese handschriften des Festus zerfallen nach vf. in zwei abthei- 
lungen, zu der einen gehören G, der bamberger und ein wiener 
codex, vom vf. mit W 1 bezeichnet, die von besonderem werthe 
sind; der Posnaniensis, B 2 und ein wiener, W 3 , stammen aus 
späterer zeit und kommen bei der Untersuchung wenig in be- 
tracht. Zu der andern abtheilung sind zwei gute wiener, W 
und W 2 , und drei von geringerem werthe, W 4 in Wien, B 1 
und L zu zählen. 

Der G ist in saec. IX geschrieben und somit der älteste 
dieser gruppe, mit ihm stimmt meistens der bamberger (E III, 
22) aus dem 11. Jahrhundert überein, ein Jahrhundert jünger 
ist W 1 (Bibl. palat. 451). Aus dem vom vf. angestellten ver- 
gleiche dieser drei Codices geht nun deutlich hervor, dass we- 
der B noch W 1 aus G, noch W 1 aus B abgeschrieben sein können, 
dass alle drei aus einer ähnlichen quelle geflossen sind, aber 
mit dem unterschiede, dass den handschriften G und B ein sehr 
ähnlicher urcodex zu gründe lag, welchen Förster mit X be- 
zeichnet, während höchst wahrscheinlich der archetypus von 
W 1 nach W corrigiert ist, da W 1 mit W öfter übereinstimmt, 
eed haec congruentia nonnisi in singidis vocabulis deprehenditur. 
Bei dieser Untersuchung sind mir einige fehler aufgefallen, die, 



N. 2. 40. Festus. 101 

wenn sie auch klein sind, berichtigt werden müssen. So steht 
in cap. 5 (p. 100 bei Fürster) im Bamberger, den ich gerade 
zum zweck einer collation vor mir habe, nicht praesidiales, son- 
dern presidales, und sicherlich ist praesidales die lesart des co- 
dex X, da auch am ende des cap. 4 sowohl in cod. G als in 
B diese form geschrieben ist. Ferner steht (auf derselben seite) 
c. 10 im Bamberger nicht primis infestissumis , sondern primum 
infestissimis. Auch vermisse ich hierbei eine stelle, aus der 
deutlich hervorgeht, dass B nicht aus G stammen kann. Am 
ende des cap. 10 steht nämlich im Bamberger : postea in consue- 
tudinem parendi romanis clementer provocantibus pervenerunt ; G 
hat dagegen mit auslassung der worte : in consuetudinem pa- 
rendi Romanis nur: postea clementer provocantibus. Die richtige 
lesart des urcodex X hat sich also im Bamberger erhalten, da 
auch W 1 postea in consuetudinem parenti romanis clementer provo- 
catis hat, Daher ist auch die zwar richtige conjectur Försters 
p. 109 gar nicht nöthig. 

Was die andere klasse der handschriften betrifft, so kommen 
hierbei hauptsächlich zwei wiener in betracht, W (Biblioth. pa- 
lat. 89) aus dem 9. Jahrhundert und W 2 (Bibl. palat. 323) aus 
dem 12. Jahrhundert, die ohne allen zweifei aus W stammt, 
wenn sie auch gerade nicht ein apographon codicis W ist. Wir 
hätten somit den codex W als einzigen Vertreter dieser klasse 
anzusehen. 

Vergleichen wir nun beide abtheilungen mit einander, so er- 
giebt sich als resultat, dass weder die eine noch die andere klasse 
zur ausschliesslichen grundlage bei der herstellung des textes 
dienen kann, dass aber nach dem urcodex X, als dem ältesten 
und besten, mit genauer berücksichtigung des cod. W, da die- 
ser an einigen stellen allein die richtige lesart bietet, der text 
zu construiren ist. Aber auch so würden noch fehler vorhan- 
den sein, die herausgemerzt werden können und müssen, wenn 
wir den Festus einestheils mit den Schriftstellern vergleichen, 
aus denen er geschöpft hat, wie Florus, Livius und Eutrop, 
anderntheils aber mit dem schriftsteiler, der ihn in cap. 4 — 18 
benutzt hat. Dies ist bekanntlieh Jordanis in seinem werke 
de regnorum et temporum successione. Wenn nun auch Jordanis 
nicht in dem masse für die constituirung des textes herbeige- 
zogen werden kann, wie dies von 0. Jahn und K. Halm für 



102 40. Festus. Nr. 2. 

Florus geschehen ist, so hat doch Förster richtig gezeigt, dass 
der text desselben hie und da reiner ist als cod. X und dass 
der codex des Festus, den Jordanis benutzt hat, älter und bes- 
ser gewesen ist als urcodex X. Leider fehlt uns noch immer 
von diesem werke des Jordanis eine kritische ausgäbe, über- 
haupt ist bis jetzt über den werth der einzelnen handschriften 
noch kein festes princip aufgestellt worden. 0. Jahn benutzte 
bei der herausgäbe des Florus einen der älteren Codices des 
Jordanis aus dem neunten Jahrhundert zu Heidelberg und einen 
Jüngern, der aber auch sehr gut ist, aus dem 12. Jahrhundert 
in München, früher im kloster Polling: s. 0. Jahn praef. ad 
Florum p. 7. K. Halm Neue Jahrb. 1854, p. 173. Von die- 
sen beiden hh. spricht aber Förster kein wort, er erwähnt da- 
gegen nur zwei wiener, von denen der beste aus dem 12. Jahr- 
hundert stammt. Es lässt sich jetzt unmöglich die frage über 
die gute derselben entscheiden , doch möchte ich dem vf. ra- 
then, bevor er an die Veröffentlichung des Festus ginge, sich 
auch die beiden von Jahn und Halm benutzten handschriften 
naher anzusehen. 

Was die Verbesserungen Försters betrifft, so kann ich hier 
nicht alle besprechen, sondern will lieber solange damit warten, 
bis erst die ausgäbe mit dem ganzen kritischen apparat fertig 
vorliegt. Manche der Verbesserungen halte ich für unbedingt 
richtig, um so mehr, da ich mir dieselben auch in meiner aus- 
gäbe schon früher verzeichnet habe. So schiebe ich auch in 
cap. 8 (p. 106) Dardaniam hinter Moesiam ein und halte auch 
cap. 4 (p. 96) rebellavere saepe Sardi für ein glossem. Auch 
scheint mir der satz in cap. 22 : Hie Alexander scriniorum ma- 
gistrum habuit TJlpianum iuris consultum , nicht von Festus her- 
zurühren, sondern aus Eutrop 8, 23 in den text aufgenommen 
zu sein. Die conjeeturen auf p. 109 icit für fecit und Caius 
für Claudius finden sich bereits in der Bipontina. Für falsch 
muss ich den Verbesserungsvorschlag in cap. 2 halten, wo För- 
ster statt 916 die zahl 834 schreiben will. In den texten 
stand bis jetzt: quadraginta novem annis Jtomae constdes defue- 
runt, sub decemviris annis duobus, sub tribunis militum annis qua- 
draginta tribus ; sine magistratibus Roma fuit annis quatuor. 
Nach den codd. G und B, also im urcodex X, heisst die stelle: 
novem enim annis Eomae consulcs defuerunt, ita sub decemviris an- 



Nr. 2. 40. Festns. 103 

ms duobus, sub tribunis militaribus annis tribus, sine magistratibus 
(fehlt in G) Roma fuit annis IUI. Es fehlt also in cod. X 
zweimal quadraginta, und hiermit stimmt nicht allein cod. W, 
sondern auch im allgemeinen Jordanis überein. Von sämmtli- 
chen hh. hat nur B 1 nach der angäbe Verbeyks das erste qua- 
draginta [quadraginta novem enim annis, die berausgeber lassen 
enim fort- , das zweite quadraginta fehlt aber auch in cod. B . 
Ohne zweifei hat der Schreiber dieses codex aus versehen qua- 
draginta hier eingeschoben, was um so leichter möglich war, 
weil in diesem c. 2 noch öfter die zahl quadraginta vorkommt, 
und wir dürfen wirklich kein so grosses gewicht auf B 1 legen, 
wie Förster es gethan hat. Nehmen wir nun an, dass in neun 
jahren keine consuln zu Rom gewählt waren, so bleiben nach 
der rechnung des Festus 458 jähre übrig, in denen dann 916 
consuln waren praeter eos, qui in eundem annum sorte aliqua sunt 
subrogati. Und diese zahl steht nicht allein im cod. G und B 
d. h. im urcodex X, sondern auch im Jordanis, ja stimmt auch 
im allgemeinen mit cod. W überein, denn hier wird CCCCXVII 
gelesen, und jedermann sieht leicht ein, dass bei dieser zahl 
D ausgefallen ist. Es hat demnach die klasse X und Jordanis 
916, die klasse W 917. Welche von beiden zahlen die rich- 
tige ist, ist leicht zu errathen. Dass natürlich : sub tribunis mi- 
litaribus annis tribus, falsch ist, weiss jeder, aber ohne zweifei 
ist Festus durch Eutrop irre geführt, der II, 3 sagt: Verum 
dignitas tribunorum militarium non diu perseveravit. nam post ali- 
quantum nullos placuit fieri, et quadriennium in urbe ita fluxit, ut 
potestates ibi maiores non essent. resumpserunt tarnen tribuni militO' 
res consulari potestate iterum dignitatem et triennio perseveraverunt. 

Ausser den bereits oben angeführten fehlem will ich noch 
folgende erwähnen. P. 96 sagt Förster : „praepositionem adversum 
omnibus locis tuetur G", allein adversus steht nach meiner collation 
in cap. 21. — P. 103 und p. 106 sind vom vf. dieselben stellen 
aus cap. XI angeführt, auf p. 103 steht die form petiverunt, 
auf p. 106 petierunt. Das richtige nach cod. G und B ist pe- 
tiverunt. — Auf p. 106 heisst es, dass B die zahl 917 
hätte. B stimmt vielmehr hier genau mit G überein, beide ha- 
ben 916. 

Schliesslich noch meine ansieht über den namen des Schrift- 
stellers. In den hh. und älteren ausgaben steht bald Sextm 



104 41. Cicero. Nr. 2. 

Rufus bald Festus Rufus bald Rufus Festus (s. Münmch p.H)> För- 
ster nennt ihn Rufus. Spätere autoreu haben uns, soweit mir be- 
kannt ist, den namen nicht überliefert, und so sind wir denn einzig 
und allein auf die hh. angewiesen. Wir müssen also untersuchen, 
welches die älteste und sicherste Überlieferung ist, und so lange 
darnach schreiben, bis erst bessere und zuverlässigere hülfamit- 
tel aufgefunden sind. Klasse W, d. h. W und W 2 , hat brevia- 
rium Ruft festi, cod. B breviarium festig cod. G nur: de breviario 
rerum gestarum populi romani, woran sich gleich der text an- 
schliesst. Allein es ist hier wohl zu beachten, was Förster nicht 
zu wissen scheint, dass in Gr auf dem obern rande der Seiten 
2, 3, 8, 12, 14 die bezeichnung BREVIR oder BREVIAR 
FESTI steht. Auf p. 2 sind die buchstaben nur halb sichtbar, 
die obere hälfte desselben scheint durch beschneiden verloren 
gegangen zu sein, vielleicht enthielten alle blätter diese bezeich' 
nung. Wir können daher ohne bedenken annehmen, dass in. 
dem urcodex X breviarium Festi geschrieben war. Da nun aber, 
wie auch Förster annimmt, cod. X eine stufe weiter herauf 
geht, als klasse W und ihm unbedingt ein grösserer werth zu- 
geschrieben werden muss, so können wir nicht anders , als un- 
sern Schriftsteller Festus nennen. C. Wagener. 

41. M. Tullii Ciceronis de legibus libri ex recognitione 
Ioannis Vahleni. 8. Berolini apud Franciscum Vahlen. 
MCCCLXXI. — 1 thlr. 

Der bedeutende fortschritt in der kritik der bücher de le- 
gibus, den die vorliegende ausgäbe bezeichnet , beruht zunächst 
auf der nochmaligen sorgfältigen vergleichung der beiden Vos- 
ßiani, deren Überlieferung mit der grössten bis in's einzelnste 
gehenden genauigkeit verzeichnet ist. Auf grund derselben er- 
halten wir einen von dem Halm - Baiterschen an vielen stellen 
abweichenden, und wie hinzugesetzt werden muss, verbesserten 
text. Zunächst sind bei Halm mit unrecht eingeklammerte 
worte wieder in ihr recht eingesetzt, so 2, 14 legis; 3, 25 inci- 
tata; 3, 40 in sententia. Ebenso so ist mehrfach die hand- 
schriftliche lesart wieder zurückgeführt, wie 1, 30; 2, 11; 2, 
46; 3, 14; 3, 18. Weiter sind schlagende Verbesserungen frü- 
herer gelehrten, besonders des Turnebus, in den text aufgenom- 
men, z. b. 1, 37 urbes; 2, 58 lamina\ 2, 59 tunicula ; auch das 






Nr. 2. 41. Cicero. 105 

Bakesche ad Urem 1, 14, die vermutbuug von Salmasius mor- 
tuis 2, 55, die lesart der deteriores dicis für diligis 3, 1 gehört 
hierher. Dazu kommen die zahlreichen eignen meist überzeu- 
genden Verbesserungen des herausgebers selbst. Zu solchen 
hat zunächst die auch schon den früheren editoren nicht ver- 
borgene, aber nicht weit genug angewandte erkenntniss der 
vielen lücken in den handschriften, worüber die vorrede sich 
ausspricht, geführt; beispiele sind 1, 8 divinum et memora- 
bilem; 1, 23 par et communis; 1, 42 indemnatum et indicta 
causa; 2, 29 in Ulis; 3, 39 si non valuerint leges ut ne sit 
ambitus, und grössere ergänzungen, die zwar problematisch blei- 
ben, aber doch den sinn richtig treffen, wie 1, 34; 2, 41. 
Durch die genauere angäbe der handschriftlichen Überlieferung 
(recura) gewinnen wir 1, 23, 61 das richtige recursura, während 
bei Halm das unmögliche recurrunt steht. Schlagend ist 1, 11 
posse ita für honesta, 1, 63 pie für ipse, 2, 21 nontii für non 
gesetzt. Die anmerkungen, obwohl sehr knapp gehalten , bie- 
ten mehrfach werthvolle, durch herbeigezogene stellen begrün- 
dete bemerkungen zum ciceronischen Sprachgebrauch, so über 
sin im f ortschritt der beweisführung 1, 48; über die Wieder- 
holung derselben worte 2, 14 ; zu et eosdem 2, 32 ; über quom 
scias nach vorhergehender dritter person 2, 46 ; zu quaeruntur qui 
astring antur , 2, 48 sq. Auch das über descriptio und discriptio 
3, 12 gesagte kann referent nur unterschreiben. Sehr glücklich 
ist auch 2, 53 die aus den ausgaben des Turnebus geführte nach- 
weisung von der richtigkeit der ergänzungen Lambins. 

Dass es bei so viel überzeugenden nicht an einzelnen 
stellen fehlt , wo man nicht mit dem herausgeber überein- 
stimmen kann, ist natürlich. Zu manchem von dem , was im 
folgenden kurz mitgetheilt werden soll, hat er selbst erst die 
anregung gegeben. 1, 15 ist Oretae vor dem folgenden in cu- 
pressetis Gnosiorum nicht zu halten, also Crete cum Clinia, die 
Stellung wie 3, 29 his de kominibus; 1, 19 ist in dem hand- 
schriftlichen appellar& B, appellare et Heinsianus wohl appeU 
lare solet zu suchen; 1, 23 quibus autem haec sunt inter eos 
communia ist inter eos, offenbar nur eine falsche Wiederholung 
des vorhergehenden inter eos, mit Halm zu streichen, ebenso 1, 
25 nach recordetur das von Lactantius ausgelassene agnoscat; 
1, 27 durfte das schöne von Heidegger gefundene oculi mimi 



106 41. Cicero. Nr. 2. 

arguti nicht dem seltsamen nimis arguti geopfert werden ; 1, 35 
war Haupts emendation effici statt des matten und überflüssi- 
gen Attico aufzunehmen ; 1 , 40 beruht atque incauti potius statt 
at auf festem ciceronianischen Sprachgebrauch; 1,49 ist das von 
Halm vorgeschlagene und auch vom referenten vermuthete illa 
(statt una) erit virtus quae malitia rectissime dicatur einzig richtig ; 1, 
52 ist aliquando tarnen (tarn B'J des codex Leidensis besser als ali- 
quando iam; 1,54 erfordert wieder der Sprachgebrauch ae iam, nicht 
at iam, weiterhin beweist die antwort des Atticus : qui istuc tandem 
videsl dass Bake mit hoc video statt hoc dico das richtige getrof- 
fen hat; 2, 3 sed nimirum me alia quoque causa delectat quae te 
non attingit ita, musste mit Guilelmus Tite für ita geschrieben 
werden, vergl. 2, 34 sane quaero Tite, auch 1, 37; 3, 19. 33; 
2, 3 ist zu schreiben inest nescio quid et latet in animo ac sensu 
meo quo me iusto plus hie locus fortasse delectet , wie wieder 
die antwort des Atticus ego vero tibi istam iustam causam puto 
esse zeigt ; 2, 5 steckt in idem ego te aeeipio dicere Arpinum 
vielleicht oppidum ego etc.; 2, 6 kann ut enim statt des 
von Lambin gesetzten etenim nur künstlich vertheidigt werden; 
2, 22 ist in nos leto datus vielleicht ho min es leto datos zu su- 
chen ; 2, 28 ist es vergeblich bene vero quod Mens, Pietas, Virtus, 
Fides consecratur manu erklären zu wollen, für manu ist wohl 
nominatim zu lesen, wie es im folgenden heisst: rerumque 
expetendarum nomina, Salutis, Honoris, Opis, Victoriae; 2, 37 ist 
aus dem handschriftlichen audaciam inet inmitendas religionibus 
foedas zu schliessen auf audaciam et temeritatem in admitten- 
dis religionibus foedls, die vermuthung des herausgebers audaciam 
ruentem in licentias religionibus foedas hat keine Wahrscheinlich- 
keit; 2, 38 ist die construetion des satzes richtig erkannt, aber 
in cavea cantu videat fidibus et tibiis ist videat in dieser Verbin- 
dung nicht zu vertheidigen ; das richtige ist gaudeat, wo- 
durch die erklärung dem gesetze populärem laetitiam in cantu 
et fidibus et tibiis moderanto entspricht ; 2, 63 nam et Athenis 
iam illo mores a Cecrope, ut aiunt , permansit hoc ius terra hu- 
mandi wäre aus illo mores vielleicht ab ultimo tempore zu 
machen ; 2, 69 habetis igitur explicatum omnem . . . locum ist der 
zusatz von igitur ebenso wenig zu dulden, wie 2, 16, das von 
Halm vorgeschlagene hie habes legis prohoemium; 3, 38 ta- 



Nr. 2. 42. Cicero. 107 

men istam libertatem istam largior wird man sicherlich anstatt das 
eine istam nur einzuklammern lieber ita dafür setzen. 

Indem referent hier diese bemerkungen schliesst, kann er 
beim scheiden von der arbeit nicht umhin dieselbe in ihrer knap- 
pen, sauberen art als ein muster philologischer akribie zu be- 
zeichnen , so dass ihr Studium besonders jüngeren philologen, 
die methode lernen wollen, dringend zu empfehlen ist. 

H. A. Koch. 

42. Cicero's redner. Deutsch von Julius Sommer- 
brodt. Stuttgart, Hoffmannsche verlags - handlung. 1870. 
96 s. kl. 4. — 15 gr. 

Der Verfasser wollte bei seinem ausscheiden aus dem lehr- 
amt seinen Schülern zum andenken diese Übersetzung von Ci- 
cero's Orator hinterlassen, die ihren Ursprung den stunden ver- 
dankt, in denen er mit seinen primanern diese Schrift gelesen 
hat. Und in der that, das ist gerade ein unverkennbarer Vor- 
zug dieser im ganzen wohlgelungenen Übersetzung, dass sie, 
wie man auf jeder seite gewahr wird, aus der wiederholten be- 
handlung in der schule, aus dem lebendigen verkehr mit 
den Schülern bei der lectüre des Schriftstellers hervorgegangen 
ist. Eine gute Übersetzung ist in der regel die langsam rei- 
fende frucht eines anhaltenden geistigen ringens mit der frem- 
den spräche , dem sich ein strebsamer und begabter lehrer 
vor und bei dem Unterricht immer wieder um so freudiger und 
frischer unterzieht, je mehr er inne wird, dass er durch nichts 
mehr, als durch eben diese geistige gymnastik seine schüler zu 
fördern vermag. 

Der Orator ist aber dem vf. von allen werken Ciceros für 
die schule darum immer das liebste gewesen, „weil er, abgese- 
hen von dem reichthum des inhalts , den Schriftsteller selbst 
auch persönlich der jugend anziehender macht, als sonst dies der 
fall zu sein pflegt". Denn „während Cicero in der politik sich 
leicht gereizt und verletzt zeigte, wenn seine Verdienste seiner 
meinung nach nicht hinreichend anerkannt wurden, so finden 
wir hier neben dem berechtigten Selbstgefühl, dass er nach dem 
höchsten in der beredsamkeit gestrebt, die neidloseste anerken- 
nung der ihn überragenden grosse des Demosthenes und die 



108 42. Cicero. Nr. 2. 

klarste einsieht, was ihm selbst zu dem ideale, nach dem er 
gerungen hat, fehle". 

Der Verfasser schickt seiner Übersetzung eine kurze ein- 
leitung voraus (p. xm — xvi); dann folgt die übersetung 
bis p. 85, ferner am schluss als rückblick die disposition 
des ganzen p. 86 — -89 und endlich von p. 90 — 96 eine kurze 
erklärung der eigennamen. 

Es würde die grenzen, die dieser anzeige gesteckt sind, 
weit überschreiten, wenn ich dem Übersetzer schritt für schritt 
auf seinem wege folgen wollte. Es fehlt da (wie dies bei ei- 
ner so schwierigen und umfangreichen arbeit sehr erklärlich ist) 
allerdings nicht an Unebenheiten und schiefen oder unrichtigen 
auffassungen und dgl. ; aber ich muss mich hier darauf be- 
schränken , nur ain paar punkte hervorzuheben und etwas nä- 
her zu beleuchten. 

"Wenn der vf. cap. 3 zu anfang die bekannte stelle : vi, 
igitur in formis et figuris est aliquid perfectum etc. so über- 
setzt: ,,wenn es also in den formen und figuren (der bildenden 
künste) etwas vollkommenes und hervorragendes giebt, nach 
dessen in der seele ruhendem bilde der nachahmende künstler 
sich in dem richtet, was er leibhaftig vor unserem äuge dar- 
stellt, so sehen wir mit unserem geistigen äuge ein ideal der 
beredtsamkeit , dessen Verwirklichung durch die rede wir mit 
unserm leiblichen ohre zu hören wünschen" — so verkennt 
er mit allen, welche nach Geels Vorgang willkürlicher weise 
non vor cadunt streichen, den eigentlichen sinn der stelle 
gänzlich. Ich kann hier nur wiederholen, was ich bei ei- 
ner anderen gelegenheit (in der früheren Zeitschrift Eos j. 1, 
p. 401 ff.) ausführlicher dargelegt habe : es giebt in der seele 
des künstlers für dessen kunstschöpfungen ein vollkommenes 
urbild, das aber nur in der idee (als cogitata species) existirt, 
in der aussenwelt nicht; dies im geist vorhandene idealbild 
gibt den massstab ab , nach dem sich alles — köpf, gesicht, 
arme, hände u s. w. — von dem eben ein sinnlich - sichtbares 
original nicht vorliegt [ea quae sub oculos ipsa non cadunt) 
richten muss. Ebenso haben wir ein idealbild der vollkom- 
mensten beredsamkeit in der seele (eine cogitata species), 
schauen es im geiste (animo videmus), das entsprechende 
abbild in der Wirklichkeit ist nicht da; einen oratorem perfectum 



Nr. 2. 42. Cicero. 109 

zu hören (auribus) ist uns nicht vergönnt. Die worte : ea quae 
sub oculos ipsa cadunt, können nimmermehr übersetzt werden: 
„was er leibhaftig vor unserm äuge darstellt", sondern nur: 
„was in den äugen d. h. in den bereich des gesichts oder der 
sinnlichen erscheinung fällt" ; ipsa allein , ohne non f giebt gar 
keinen vernünftigen sinn. — Ebenso ist der sinn zum theil ver- 
fehlt, wenn cap. 6 zu anfang übersetzt wird: „und eben in die- 
ser gattung zeigten sich einige sachverständig, aber ohne glätte 
und absichtlich wie ohne kunstbildung und erfahrung, andere 
bei gleicher schlichtbeit mit mehr ebenmass, das heisst, ausge- 
arbeitet, selbst blühend und mit leichtem schmuck". Cicero 
unterscheidet auch hier hinsichtlich des genus dicendi tenue (ähn- 
lich wie vorher beim genus grande) zwei richtungen, eine falsche 
und eine berechtigte: die einen haben wobl den allgemeinen cha- 
rakteristischen zug dieses genus dicendi subtile, den der nüch- 
ternen Verständigkeit, aber sie verschmähen jede höhere bildung 
und suchen etwas darin, geradezu ungebildet und ununterrichtet 
zu scheinen; die anderen dagegen sind zwar auch im ganzen 
einfach und nüchtern , aber sie sehen doch in ihren gedanken 
auf eine gewisse Symmetrie und feinheit, sind einigermassen 
elegant, ja sogar (dem grundcharakter dieses genus dicendi tenue 
eigentlich entgegen) nicht ohne einen anflug blühender diction 
nnd oratorischen schmucks. Hat der vf. etwa facti statt faceti 
gelesen, dass er „ausgearbeitet" übersetzt? Aber man kann 
wohl von einer oratio facta quodammodo (Cic. Brut. 8, 30; de 
or. III, 48, 184) reden, aber nicht diese Verehrer der attischen 
diction unter anderen so ohne weiteres als facti charakterisie- 
ren. Dass hier faceti allein richtig ist, ergiebt sich auf das be- 
stimmteste sowohl aus dem Zusammenhang, als auch aus den 
parallelstellen wie Cic. Brut. 95, 325 exornato et faceto genere 
verborum, oder de or. I, 8, 32 sermo facetus atque nulla in re ru- 
dis, verglichen mit Quint. 10. VI, 3, 20 decoris hanc — et 
excultae cuiusdarn elegantiae appellationem (nämlich facetus) puto. 

In ähnlicher weise hat gleich darauf den Verfasser eine 
falsche lesart zu einer ganz schiefen auffassung und Übersetzung 
verleitet : er übersetzt nämlich die worte : est autem quidam interie- 
ctus inter hos medius etc. so: „zwischen diesen beiden steht eine 
art redner in der mitte, die gewissermassen eine mischung von 
beiden ist, weder so scharf, wie die letzteren, noch so blitz- 



110 42. Cicero. Nr. 2. 

artiger gewalt wie die ersteren", indem er irrthümlich 
fulmine gelesen hat statt des hier allein statthaften flumine; denn 
eben dieser volle redestrom, oder genauer das überströmen, 
gehört recht eigentlich zu dem genus amplum oder Asianum, das 
Cicero hier im gegensatz zu dem genus medium oder Rhodium 
im äuge hat (Brut. 95 , 325 quali est nunc Asia tota nee flu- 
mine solum orationis , sed etiam exornato et faceto gener e ver- 
borum\ de opt. gen. or. 3, 9 quorum vitiosa abundantia est, 
quales Asia multos tulit; Quint. 10. XII, 10, 16). 

Die Übersetzung der worte cap. 13 a. e. : pompae quam 
pugnae similis durch „mehr für den festsaal als für den 
kämpf geeignet" ist wohl nur ein druckfehler statt fechtsaal; 
besser wäre vielleicht: „parade" im gegensatz zum wirkli- 
chen kämpf (de or. II, 22, 34). 

Die Übersetzung der stelle cap. 16, 50 cum autem quid et quo 
loco dicat invenerit, illud est longe maximum, videre quonam modo, 
mit: „hat der redner den stoff aufgefunden und weiss er jedes 
an seiner stelle zu sagen, so ist bei weitem das wichtigste, die 
art und weise der rede kennen zu lernen" — könnte doch 
leicht missverstanden werden. Auf die inventio und collocatio 
(das ist der sinn der stelle) folgt die elocutio (wie Part. or. 9, 
9 Quid sequitur igiturf Cum inveneris, collocare etc.). Es war 
also zu übersetzen : hat aber der redner den stoff der rede und 
die anordnung desselben gefunden (die collocatio verum), so 
ist darnach bei weitem das wichtigste für ihn, zu wissen, wie 
man reden soll (die elocutio). 

Cap. 20 sind die worte : non haec contorta et acris oi'atio, 
irrthümlicher weise so übersetzt: „nicht diese zusammengedrängte 
und zugespitzte art der rede, wie sie die Sophisten haben". Es 
handelt sich ja an dieser stelle nicht um den unterschied der 
diction des historikers von der redeweise des philosophen (so- 
phisten) , sondern von der des redner s; haec bezieht sich 
also auf die oratio forensis, wie die parallelstelle de or. II, 15, 
64 deutlich beweist: die spräche des historikers (zumal in den 
reden, die in seinem werke vorkommen) ist von der spräche 
des redners auf dem forum verschieden: von dem historiker 
verlangt man eine in einem guss und zug gleichmässig und 
eben dahin fliessende darstellung, nicht diese gedrungene (den 



Nr. 2. 43. Cicero. 111 

gegner angreifende) und scharf eindringende spräche des foren- 
sischen redners. P. 

43. H. Wrampel meyer, codex Helmstadiensis, n. 304 
primum ad complures, quas continet, Ciceronis orationes colla- 
tus. Pars I. Programm des städtischen Lyceums II in Han- 
nover. 1872. pp. l. 

Der Verfasser unternimmt vornehmlich an der rede pro Caelio, 
zu welcher die Varianten p. xvn — xxi mitgetheilt werden, den 
nachweis zu führen, dass der cod. Heimst, n. 304, jetzt in 
Wolfenbüttel, den schon Fleckeisen zu den reden pro Murena 
und pro Roscio Amerino, aber nicht völlig genau (p. ix) verglichen 
hatte, dem Parisinus 7794 sehr ähnlich , jedoch nicht daraus 
abgeschrieben sei, sondern mit der zweiten hand desselben eine 
verschiedene, auch in dem turiner und mailänder palimpsest ent- 
haltene recension repräsentire. Dieser nachweis, bei welchem 
der grosse fleiss und das methodische , wenn auch etwas zu 
umständliche verfahren alle anerkennung verdient, ist, wie ref. 
glaubt, dem vf. im wesentlichen gelungen. Die handschrift, 
welche die meisten ciceronischen reden enthält, erscheint dem- 
nach als eine nicht unwichtige ergänzung der sonstigen hülfs- 
mittel. Man ist in der that überrascht, wenn man die nicht 
geringe zahl von stellen überblickt, in welchen sie in der rede 
pro Caelio entweder in den palimpsesten enthaltene oder an- 
derweitig gefundene Verbesserungen giebt. So werden denn 
auch manche lesarten, die sie allein hat, mit dem vf. als zur 
aufnähme in den text geeignet anzusehen sein. Bedeutend und 
namentlich für schwierige stellen entscheidendes hat allerdings 
ref. in dieser beziehung nicht gefunden , bei einigem kann er 
auch dem kritischen urtheil des vfs. nicht beistimmen. So wird 
§. 34 das vom vf. empfohlene : non patruum, non avum, non pro- 
avum, atavum non audieras consules fuisse, sich kaum vertheidi- 
gen lassen. Auch §. 12, wo durch studuit Gatilinae auf das 
früher gesagte zurückgegangen wird, wäre ac studuit sehr an- 
stössig. In §. 8 hat Halm den gedanken richtig getrof- 
fen mit talem te velis homines existiment, weil die subjective 
thätigkeit bezeichnet sein muss ; in der lesart des Helm- 
stadiensis: talem te omnes se existiment kann ebenso gut 
liegen talem te omnes \yeli\s existiment, wie talem te omnes 



112 44. 45. Cicero. Nr. 2. 

esse existiment. Wenn dieselbe handschrift §. 52 die lücke 
von P 1 nach dixeritne Clodiae so ausfüllt: quam ad rem aurum 
dbiret etc., ist in obiret wohl eher adhiberet als mit dem vf. 
voluerit zu suchen. In §-48 wird, um den gegensatz zu mu- 
lierem nullam nomindbo hervortreten zu lassen , entweder mit 
Halm und Kayser ipsam rem oder mit dem referenten (Conjj. 
Tüll. p. 15) tantum rem zu schreiben sein; des vfs. eam rem 
genügt nicht. Cupidus, das §. 16 der Heimst, mit den übri* 
gen handschriften übereinstimmend bietet, ist nicht in iudices 
(p. xxm), wodurch eiusmodi nicht erklärt wird, soudern in cu- 
pid[itas ei\us zu verwandeln (siehe Conjj. Tüll. p. 15). 
Endlich ist §.11 für infamiam veram , wo der vf. früher dem 
gedanken nach richtiger communem vermuthet hatte, jetzt aber 
infamiam atgue invidiam schreiben will, wohl ohne zweifei infa- 
miam universam zu setzen. Wir haben auch hier eben die 
communis infamia iuventutis, von der §. 29 die rede ist. 

Zum schluss den wünsch, dass die Verhältnisse (s. p. l) 
es dem vf. bald gestatten mögen die in aussieht gestellten 
weitereu mittheilungen aus der handschrift folgen zu lassen. 

H. A. K. 

44. Ciceros reden für M. Marcellus, für Q. Ligarius und 
für den könig Deiotarus. Für den schulgebrauch herausgege- 
ben von Fr. Richter. Leipzig bei Teubner 1870. 79 8. 
8. — (6 ngr). 

45. Ciceros Divinatio in Q. Caecilium. Für den schulge- 
brauch herausgegeben von Fr. Richter. Leipzig bei Teub- 
ner 1870. 40 s. 8. — (472 ngr). 

Für fast alle von Richter herausgegebenen reden Cicero's fand 
er in den Halmschen ausgaben ein treffliches vorbild vor, und 
es ist daher nur zu loben, dass er sich an dieses im ganzen eng 
angeschlossen hat. Seine ausgaben haben darum doch ihre beson- 
deren Vorzüge und sind neben den Halmschen als recht brauch- 
bare Schulausgaben zu bezeichnen. Auch fehlt es keineswegs 
an selbständiger kritischer und exegetischer arbeit, ja für 
die rede pro Marcello, die Halm bekanntlich mit absieht von 
seiner auswahl ausgeschlossen hat, sah sich der herausgeber genö- 
thigt, sich in dieser hinsieht selbst den weg zu bahnen. Er 
hält diese rede „für eine nothwendige ergänzung zu den reden 



Nr. 2. 45. Cicero. 113 

für Q. Ligarias und für den könig Deiotarus, aus deren Ver- 
einigung uns das bild jener jähre des Übergangs der republik 
zur monarchie, das bild Cäsars, des grossmüthigen siegers und 
milden herrn, nnd Cicero's, des wohlmeinenden bürgers und gro- 
ssen redners, aber leicht erregbaren und schwachen Charakters 
treu wiederetrahlt". Wenn er aber zur weiteren rechtfertigung 
dafür, dass er die rede pro Marcello trotz des Wolfischen verdicts 
für den schulgebrauch herausgebe, sich zu der behauptung ver- 
steigt „F. A.Wolf habe sein verdammungsurtheil der rede selbst 
nicht ernst gemeint", so wird er für dieses paradoxon schwerlich 
viel anhänger gewinnen. Aus den letzten worten der Wölfischen 
vorrede zur Marcelliana (die offenbar nur den zweck haben, den 
werth einer solchen durchgreifenden kritik gegenüber ihren Veräch- 
tern in launiger weise hervorzuheben) allen ernstes zu schliessen : 
„Wolf habe zwar anfangs vielleicht an der echtheit dieser rede 
gezweifelt, sei aber bei genauerer prüfung anderen sinnes ge- 
worden — und führe nun nichtsdestoweniger den angriff durch, 
um sich und seine kunst zu persifliren und durch ein auffälliges 
beispiel jüngere fachgenossen von einer voreiligen Iiyperkritik 
abzuschrecken", ist angesichts des ganzen inhalts und tons der 
vorrede doch wohl noch niemandem eingefallen. Richter möchte 
„den manen des grossen philologen nicht das grosse unrecht an- 
thun, dass er die unhaltbaren angriffe Wolfs auf die echtheit der 
Marcelliana für ernst gemeint halte" : aber fühlt er denn nicht, 
dass er dieselben manen nur noch empfindlicher kränken muss, 
wenn er annimmt, F. A. Wolf habe Cicero's rede pro Marcello 
nur ediert, um in der langen vorrede und dem ausführlichen 
commentar, „sich selbst und seine kunst zu persifliren?" Und 
wie stimmte dazu die unzweideutige, wohlbedachte erklä- 
rung Wolfs : adeo mihi in oratione pro Marcello singulos locos et 
universam artem excutienti c er ta et perspicua videbantur inesse 
indicia vodtCag et mirificus error per tot saecula propagatus pluri- 
mis argumentis plane et evidenter convinci posse — wie stimmt 
dazu die durchgängig ernste haltung des kritischen Verfahrens 
von anfang bis zum ende ! 

Eine neue selbständige recension des textes beabsichtigt 

hrgbr nicht ; er gibt vielmehr im ganzen den text von R. Klotz 

(nach der gesammtausgabe von 1867) wieder , zugleich mit an- 

schluss an Baiter und Kayser; nur in einigen punkten weicht 

Philol. Anz. V. 8 



114 45. Cicero. Nr. 2. 

er von allen dreien ab, z. b. wenn er §. 8 Tiaec gui faciat 
liest für facti oder §.12 florescit für florescet und §. 33 nicht 
bloss omnium hinter communi sondern auch solum hinter unius 
streicht. Zu §. 10 hätte wohl Nägelsbachs conjectur: omnium 
Marcellorum in memoriam meum pectus se effudit angeführt wer- 
den können. — Im commentar möchte die bemerkung §. 9 
zu clamore militum „man denke hinzu kanonendonner, 
Schlachtfelder , brennende städte , verwüstete länder" in dieser 
form wenigstens der phantasie doch etwas zuviel zumuthen-, §. 
23 soll dum taxat (so schreibt herausgeber das wort) eine an- 
dere bedeutung als sonst z. b. pro Deiot. §. 1 haben: „nicht 
über das mass, sondern höchstens nur" 5 es hat aber an beiden 
stellen dieselbe, eine aussage in ihrer gültigkeit auf ein be- 
stimmtes gebiet beschränkende , kraft (vrgl. Cic. Brut. 28, 
108; 82, 285). 

In der rede pro Ligario ist §.11 solent nach dem Vorgang 
anderer in klammern gesetzt, aber dann hinter dem vorausge- 
henden mores ein Semikolon; „denn so oft ich diese stelle 
lese (äussert sich herausgeber im kritischen anhang) höre ich 
drei glieder, zwei parallele: dies ist nicht römisch, dies ist 
ausländische sitte, — und ein erläuterndes: usque ad sanguinem 
etc. — " Mit recht ist §.12 das von Kayser ohne ausreichen- 
den grund beseitigte omnia am schluss der periode beibehalten, 
und §.22 wohl richtig nam si crimen est ullum (statt illum) 
geschrieben. 

In der dritten Caesariana endlich, der pro Deiotaro verthei- 
digt Richter mit recht §. 8 die von Madvig , Halm, Kayser 
für interpoliert erklärten worte : teque quum (so schreibt der hrgbr 
stets statt cum) huic iratum tum sibi amicum esse cognoverant. 
Dass §. 9 si tum auxilia etc., nicht si tantum auxilia etc. und 
§. 13 ad fugientem, non ad insequentem, nicht ut ad fugientem etc., 
was Kayser unbegreiflicher weise beibehalten hat, zu lesen ist, 
unterliegt keinem zweifei. Ebenso sind mit recht aufgenom- 
men die lesarten: tectior §. 16, nicht rectior (vergl. auch Cic. 
Orat. 42, 146 ac fortasse ceteri tectiores etc.) und §.23 aut non 
Jiabuisse, nicht aut habuisse. Im §. 29 entscheidet sich der 
hrgbr für armorum non ponendorum statt des handschriftlichen 
deponendorum, mit unrecht, wie schon die scharfe antithese der 
composita de- ponere und ab-iicere deutlich beweist. In 



Nr. 2. 45. Cicero. 115 

demselben paragraphen erklärt sich Richter zwar gegen Mad- 
vigs emendation : qui quod in eisdem castris fuerit, non modo etc. 
und bezeichnet die stelle als lückenhaft überliefert, ohne jedoch 
selbst einen restitutionsversuch zu machen; §. 34 endlich kann 
das nach der meinung des hrgbrs zu tilgende locus hinter nul- 
lus schon aus rhetorischen gründen auf keinen fall entbehrt 
werden. 

In der Divinatio in Caecilium hat schon Halm §. 4 an : 
qui praesertim quaestor in sua provincia fuisset, anstoss genom- 
men; er erklärt: „in sua provincia (wenn die lesart richtig ist) vom 
Standpunkt der Sicilier, sie möchten bedenken, dass er ihnen 
quästor gewesen sei". Richter behauptet sogar : „die worte in 
eua provincia stehen handschriftlich nicht ganz fest und sind 
wahrscheinlich fehlerhaft überliefert; denn in sua für vestra der 
directen rede ist ungewöhnlich" (soll wohl heissen: unthunlich) 
,;und darin hat Caecilius vor Cicero keinen Vorzug, der ja 
auch quästor in Sicilien gewesen war". Das letztere ist aller- 
dings richtig und gilt Halms erklärung gegenüber. Aber nichts 
desto weniger ist die handschriftlich feststehende letart in sua 
hier ganz an ihrem orte. Die worte sind aus dem sinn des 
Cäcilius geredet , der sein Vorrecht zur anklage wiederholt da- 
mit begründet hatte, dass er landsmann der Sicilier, die 
provinz Sicilien seine heimalh sei (domo Siculus). Dabei mochte 
er wohl öfters in naheliegender rhetorischer Steigerung Sicilien 
als su a provincia bezeichnet haben , d. h. als eine solche , der 
er und die ihm der geburt nach angehöre (mea provincia, mea 
est). Und so wiederholt hier Cicero nicht ohne spott diese 
Wendung aus der seele des Cäcilius, „der quästor in seiner 
provinz gewesen' 1 . Wenn Richter §. 46 lesen will: poterisne 
eius orationi subire, mit beseitigung von invidiam und dazu be- 
merkt : „den dativ bei subire in der bedeutung von resistere, 
succumberef?) belegen alte grammatiker mit diesem beispiel", 
so hätte ihn, meine ich, eben dieser mangel irgend eines an- 
deren beleges doch sehr bedenklich machen und ihn verhin- 
dern sollen , auf eine so zweifelhafte autorität hin hier diesen 
ganz unerhörten dativ zu acceptieren. An unserer stelle mag 
schon früh invidiam irrthümlich mit dem folgenden vide modo 
verbunden worden sein. War dies aber einmal geschehen und 
fand sich ausserdem die lesart orationi , indem dieses wort vor 

8* 



116 46. Cicero. Nr. 2. 

dem folgenden e in subire (wie solches in ähnlichen fällen un 
zählige mal vorgekommen ist) sein ihm zukommendes S einge- 
büsst hatte, so war glücklich wenigstens ein beispiel gefunden, 
wo subire bei Cicero mit dem dativ vorkam ! Invidiam gehört 
aber offenbar zu subire und kann in dieser stelle gar nicht ent- 
behrt werden. — Im commentar könnte §. 20 die ohnehin 
völlig überflüssige bemerkung zu aspirare: ,,es ist vielleicht 
vom schnüffeln der thiere entlehnt", mit auführung von Colum. 
RRust. 8, 14, 9 ne vipera felisve aut etiam rnustela possit aspirare, 
doch leicht eine ganz falsche und schiefe Vorstellung hervorru- 
fen. Die vom herausgeber selbst angeführte erklärung des 
6choliasten: in eam partem, qua quid quaesitum est, vultum et ocu- 
los ac spiritum oris advertere, gab ja das ganz richtige. Zu §. 
14 quae cum iis civitatibus C. Verri communicata sunt, hätte hin- 
sichtlich des dativs der person bei communicare auf die ganz 
ähnliche stelle bei Cic. Brut. 73, 254, und §. 26 für den un- 
terschied von receptam und susceptam auf de oratore II §. 101 
hingewiesen werden können. n. 

46. Ciceros rede für den dichter Archias von Fr. Rich- 
ter. 8. Leipzig, Teubner. 1872. — 4*/2 gr. 

Die Schulausgaben der reden Cicero's von Richter haben 
sich durch ihre sachgemässe, mit verstand und einsieht auf das 
bedürfniss der schüler eingehende und zwischen dem zu viel 
und zu wenig die mitte haltende erklärungsweise rasch die gunst 
des publicums erworben. Auch die vorliegende hat diese eigen- 
schaften. Was man selbst in einer Schulausgabe ungern vermisst, 
Bind reichere belegstellen zur erläuterung des Sprachgebrauchs, 
und ebenso lässt die behandlung des textes manches zu wün- 
schen übrig. So möchte es schwer werden §.14 suasissem mit 
acc. c. infinitivo im sinne von per suasissem als ciceronianisch zu 
erweisen; §.11 ist nicht pro cive, sondern ita mit Lambin ein- 
zuklammern, und gleich nachher statt iis temporibus quem ohne 
frage iis temporibus quibus, etwa mit einem hinzugefügten eum 
zu schreiben. Nur beistimmen kann ich der zu §.32 gemach- 
ten vermuthung a forensi sermone aliena, da ich sie selbst bereits 
in meinen Conjj. Tüll, (Pförtner programm 1868) p. 10 f. vor- 
getragen habe. 

H. A. K. 



Nr. 2. 47. Kömische annalistik. 117 

47. Die römische annalistik von ihren ersten anfangen bis 
auf Valerius Antias, von K. W. Nitzsch. 8. Berlin. 1873. 
VIII und 355 s. — 2 thlr. 

Der verf. unterscheidet in der vorrede eine „äussere kri- 
tik, welche durch einfache, aber möglichst umfassende verglei- 
chung Zusammenhang, Veränderung und herkunft der verschie- 
denen erzählungen ermittelt" und eine „innere , welche für die 
geschichte des Staatslebens das leben der Verfassung in den 
einzelnen Instituten und ihrer Wechselwirkung als ein organi- 
sches und in seinen zwecken und mittein vernünftiges auch 
für die prüfung der Überlieferung verwerthet". Er selbst er- 
klärt weiterhin, dass er sich möglichst „auf die äussere ge- 
schichte der tradition beschränken" werde, nachdem er vorher 
die Überzeugung ausgesprochen hat, dass der von ihm eingeschla- 
gene weg „am nächsten und kürzesten zu einem festen re- 
sultat führen könne". Als Vertreter der anderen, der inneren 
kritik nennt er Eubino und Mommsen insofern als sie, „von 
der Unsicherheit und Unmöglichkeit der äusseren kritik immer 
mehr überzeugt, das ganze gewicht auf die innere kritik ge- 
worfen" : ein urtheil, womit Mommsen sich kaum im einklang 
finden dürfte, und dessen Schiefheit, wie uns scheint, eben darin 
ihren grund hat, dass zweierlei thätigkeiten der kritik unter- 
schieden werden, die, wenn anders die kritik erfolg haben soll, 
schlechterdings nicht von einander getrennt werden können. 
Eben so wenig dürfte ein anderes urtheil haltbar sein, wenig- 
stens nicht für die älteste zeit, wenn er sagt (p. 7), dass Momm- 
sen „die eigentlichen Stützpunkte seiner kritischen arbeiten in 
den Urkunden gesehen" habe, da für jene periode die Urkunden 
bekanntlich als Stützpunkte nicht weit reichen würden. 

Der wesentliche inhalt des buches selbst ist nun in der kürze 
folgender. Die künde von den ersten Jahrhunderten der republik 
beruht theils auf annalistischen aufzeichnungen der ältesten zeit 
theils auf den durch historische lieder geschaffenen, dann durch 
die laudationes fortgepflanzten und erweiterten, zugleich aber auch 
vielfach corrumpierten sagen. Das neue hierbei ist , dass der 
verf. jene annalistischen aufzeichnungen nicht in den Annalea 
maximi findet , welche nach ihm erst im j. 249 v. Chr. ihren 
anfang nehmen, sondern dass er ihren Ursprung in den Ceres- 
tempel verlegt, in welchem die ädilen, „die Verwalter des tem- 



118 47. Römische annalistik. Nr. 2. 

pelfriedens und tempelguts, die grossen posten aus dem politisch - 
religiösen leben der republik wie in einem hauptbnch zusam- 
mengestellt" haben sollen (p. 214). Aus dieser doppelten quelle 
also schöpfte der erste römische geschichtsschreiber Fabius Pic- 
tor seinen stoff, welcher sein werk für die hellenische weit 
schrieb und welchem der verf. eine literarische bedeutung ähn- 
lich der seines Zeitgenossen , des „genialen" Eratosthenes bei- 
misst. Fabius suchte in seinem werk besonders sein, das fabi- 
sche geschlecht zu verherrlichen, insbesondere den Fabius Cunc- 
tator, dem er das ganze verdienst der glücklichen beendigung 
des hannibalischen krieges zuschreibt, und da die Fabier von 
jeher (im gegensatz gegen die Claudier) die Vertreter und för- 
derer der Plebs rustica sind (dem verf. dreht sich nämlich die 
innere geschichte Eoms hauptsächlich um den parteikampf zwi- 
schen der plebs rustica und plebs urbana), so sieht auch der 
geschichtsschreiber Fabius in den plebejern gewissermassen nur 
die plebs rustica; die plebejer sind ihm daher vom beginn der 
republik an nicht eine arme Volksmasse, sondern ein kräftiger, 
unter führung der tribunen um die gleichstellung mit den pa- 
triciern kämpfender politischer stand , und eben deshalb sieht 
er auch in der lex Terentilia nicht bloss die tendenz, durch die 
schriftliche abfassuug der gesetze der willkür der patricischen 
magistrate vorzubeugen, sondern vielmehr den im zweiten de- 
cemvirat verwirklichten, freilich bald aufgegebenen versuch, durch 
eine neue Verfassung eine ausgleichung zwischen beiden stän- 
den herzustellen. So also Fabius Pictor. Der nächste schritt 
in der entwickelung der annalistik geschieht sodann durch 
Calpurnius Piso. Dieser war ein Zeitgenosse und ein gegner 
der Gracchen ; durch und mit den Gracchen aber wurde die 
förderung der interessen der plebs rustica, welche bisher in der 
hand des Senats gelegen hatte, sache der volkstribunen, und so 
kam es, dass die gesammte plebs sich als ganzes in der weise 
wie der griechische demos dem senat und der nobilität gegen- 
überstellte. Unter diesen umständen war es natürlich , dass 
Piso in den plebejern der ältesten zeit nichts als einen besitz- 
losen volkshaufen sah und dass sich auch die bedeutung der 
lex Terentilia bei ihm in der bekannten weise abschwächte. 
Eben so wie Piso beurtheilte auch der gleichzeitige Polybius 
die plebs, bei dem ausserdem auch eine Opposition gegen die 



Nr. 2. 47. Römische annalistik. 119 

beurtheilnng des Fabius Cunctator durch den annalisten Fabius 
hervorgehoben wird. Durch diese mittelstufe gelangt die anna- 
listik in ihrer entwicklung zu Valerius Antias und Licinius 
Macer. Beide leiten den bis zu ihrer zeit mächtig aufgeschwol- 
lenen ström der sagen in ihre werke über ; Valerius Antias 
schreibt im interesse seines geschlechts und sucht namentlich 
seinen Zeitgenossen Valerius Flaccus, der, wie der verf. an- 
nimmt, während der sullanischen bewegungen eine vermittelnde 
rolle spielt, dadurch zu glorificieren, dass er die Valerier schon 
in der ältesten zeit überall als vermittler auftreten lässt, wes- 
halb er wahrscheinlich auch die erzählung von der schuldnoth 
der plebejer schon zur zeit der ersten secession gefunden hat; 
Licinius Macer dagegen führt die sache der Licinier und ihm 
gebührt daher wahrscheinlich auch die geschichte von den 
leges Liciniae in der form, wie sie uns überliefert ist. 

Man sieht, dass das neue in den resultaten des buches (auf 
eine menge von einzelnheiten, die es enthält , können wir des 
beschränkten raumes wegen nicht eingehen) hauptsächlich in der 
Charakterisierung der genannten annalisten und in der bestimmung 
des einflusses, den dieselben auf die römische geschichte geübt, be- 
steht. Der beweis hierfür wird einestheils durch zahlreiche, häufig 
zur anwendung gebrachte analogien geführt, in bezug auf welche 
wir nur bemerken wollen , dass analogien historische thatsachen 
zwar verdeutlichen, nimmermehr aber beweisen können, andern- 
theils durch eine quellenanalyse von Liv. II, 1 — IV, 8 und Dio- 
nys. Hai. V — XI, welche, schon früher im Rheinischen Museum 
veröffentlicht , einen bedeutenden bestandtheil unseres buches 
bildet (p. 11 — 153). Durch diese analyse werden die bezeich- 
neten partien in stücke zerlegt und diese dann theils dem Fa- 
bius (so Liv. II, 1 — 21), theils dem Valerius Antias, theils dem 
Licinius Macer zugewiesen , woraus dann wieder merkmale für 
die bebandlung der weiteren geschichte durch dieselben autoren 
abgeleitet werden. Da wir von allen jenen quellenschriftstel- 
lern sehr wenig fragmente übrig haben und eben so wenig be- 
stimmte Zeugnisse des Livius und Dionysius besitzen, so leuch- 
tet ein, dass es (etwa und vielleicht Plutarchs Poplicola für Va- 
lerius Antias ausgenommen) an allen festen anhaltspunkten 
für diese Untersuchung fehlt und dass dieselbe 6ich sonach auf 
sehr schlüpfrigem boden bewegen muss. Der verf. geht aber 



120 47. Römische annalistik. Nr. 2. 

überdem von einer Voraussetzung aus, die wir für nichts we- 
niger als bewiesen halten können. Er nimmt nämlich an, dass 
Linus immer und überall der einmal gewählten quelle ohne 
anderweite einschiebsei gefolgt sei : ein satz , den er aus Nis- 
sens kritischen Untersuchungen entlehnt, welcher ihn für die 
vierte und fünfte dekade zu beweisen gesucht hat. Allein 
selbst Nissen giebt zu, dass ,, bisweilen, aber nicht häufig 
stücke aus andern quellen eingeschoben seien" (p. 12), wäh- 
rend der satz von unserem Verfasser ohne einschränkung für 
seine beweisführung benutzt wird: wie kann dieser satz 
aber, der übrigens selbst für die vierte und fünfte decade noch 
weit entfernt ist für ausgemacht zu gelten, ohne weiteres auch 
auf die erste dekade angewandt werden? Ueberdem ist es 
bekannt, dass Livius öfter ausdrücklich mehrere, ja sogar alle 
quellen als von sich benutzt erwähnt; auch wird ein unbefan- 
gener leser weder von Livius noch von Dionysius glauben, dass 
sie immer nur eine und dieselbe quelle, nur etwa mit unwe- 
sentlichen änderungen in der form, abgeschrieben, da dies mit 
dem allgemeinen Charakter beider werke wenig übereinstimmt. 
Der verf. freilich nimmt sogar an (p. 24 ff.) , dass Dionysius 
auch seine reden aus seinen quellenschriftstellern entnommen habe. 

Selbstverständlich hat nun aber der verf. auch von ein- 
zelnen stellen für seine beweisführungen gebrauch gemacht. 
Eben hier aber findet sich nach unserer ansieht das meiste un- 
haltbare, indem er in viele stellen und namentlich in solche, 
die dazu dienen sollen , eine neue ansieht zu begründen, einen 
sinn hineingelegt hat, der nach Wortlaut und Zusammenhang 
unmöglich darin liegen kann. Wir müssen dies wenigstens durch 
einige beispiele zu beweisen suchen. 

Polybius zählt III, 2 die zahlreichen kriege auf, welche 
die Römer in der von ihm behandelten geschichtsperiode sieg- 
reich bestanden , und bemerkt dabei , dass er weiterhin auch 
über die römische Verfassung handeln werde, weil diese wesent- 
lich zu den glücklichen erfolgen beigetragen habe. Die bezüg- 
lichen worte lauten : piiyiaxa ovvsßdXeio avroig t} zov noXiiev- 
fiarog idiörtjg ngog ro fvj [tövov ävaxTijocufdeci r?}** 'liaXimtäv 
xal JZixeltootwr dvvaatsiav , 'in 8s xccl tijp 'IßfjQmv TZQogXctßsip 
xal KeXzäiv ^qx>)> , 1 aXXä aal xtX. In diese stelle nun legt der 
verf. den sinn: nicht der einzelne mann (nämlich Fabius Cunc- 



Nr. 2. 47. Römische annalistik, 121 

tator), sondern die Verfassung selbst habe die republik gerettet, 
und findet sonach darin einen beweis für die oben schon er- 
wähnte ansieht, dass Polybius in seinem werke gegen Fabius 
und insbesondere gegen dessen übertriebene werthschätzung des 
Fabius Cunctator Opposition mache (p. 271. 291. 318). Allein 
abgesehen davon, dass das wesentliche „nicht" keineswegs in 
der stelle steht, ferner davon, dass Polybius von sämmtlichen 
erfolgen der damaligen kriege, nicht bloss von dem glücklichen 
ausgange des hannibalischen krieges spricht : hat der verf. nicht 
daran gedacht, dass Polybius dem Fabius Cunctator an andern 
stellen das ausgezeichnetste lob spendet, wie z. b. III, 89, ja 
dass er an einer stelle eben diesem Fabius geradezu die ret- 
tung des ganzen Staates beimisst ? Nämlich III, 105, wo es 
heisst: z« o\a diu ztjv silüßeiup zov (paßiov aiamarai xat ngu 
tov xat vlv. Und wenn er p. 270 den charakter der fabiani- 
schen darstellung des Fabius Cunctator in den bekannten Wor- 
ten des Ennius: unus Jiomo etc., zusammenfasst und die Opposi- 
tion des Polybius gegen Fabius durch die abhängigkeit des- 
selben vom hause der Scipionen erklärt : ist ihm da nicht einge- 
fallen, dass gerade Ennius ebenfalls ein client dieses hauses war? 
Ein anderes beispiel bietet Polyb. I, 59. Dort wird von 
dem glücklichen ende des ersten punischen kriegs gehandelt 
und rühmend hervorgehoben , dass dasselbe nicht durch die 
kräfte des Staates, sondern durch die begeisterung und die Va- 
terlandsliebe der zur ausrüstung einer neuen flotte freiwillig 
beisteuernden angesehensten männer (diu tr\v twv ngosatcözcov 
ävdocöv eig tu. noitd qnXozi/xiav) herbeigeführt worden sei. Hierin 
aber — wer sollte es glauben — findet der verf. p. 288 einen 
beweis, dass damals „die höchsten und bedeutendsten schichten 
der römischen bevölkerung die eigentlichen träger der mariti- 
men politik" gewesen seien. Eine ähnliche ausdehnung oder 
umdeutung des sinnes ist es, wenn p. 299 aus der stelle Polyb. 
III, 32, wo Polybius sagt, dass es immer noch bequemer sein 
werde, seine vierzig bücher zu lesen als die zahlreichen spe- 
cialgeschichten, die folgerung gezogen wird, dass das werk des 
Fabius „nicht zu umfangreich" gewesen sei, oder wenn p. 273 
darin, dass Polybius (II, 40) sagt , er werde die geschichte des 
Arat kurz erzählen, weil sie von Arat selbst wahr und deut- 
lich dargestellt sei, ein beweis gefunden wird, dass Polybius 



122 Thesen. Nr. 2. 

„in seiner darstellung sich sehr eng an die ihm zusagenden 
quellen angeschlossen", oder wenn p. 271 der umstand, dass 
Fabius hier und da allein als der älteste annalist genannt wird, 
als ein anzeichen von der geringen bedeutung des Cincius Ali- 
mentus angesehen wird, während man im gegentheil darin, dass 
Cincius anderwärts mit Fabius zusammen an die spitze der 
annalisten gestellt wird , eher einen beweis für das gegentheil 
finden könnte. Auch wollen wir nicht unerwähnt lassen, dass 
p. 277 von der beweisführung ex silentio gerade für einen sehr 
wichtigen satz ein äusserst bedenklicher gebrauch gemacht wird. 
Nach diesem allen glauben wir kaum, trotz der ausgebrei- 
teten gelehrsamkeit und der feinheit der beobachtung des verf., 
dass das gebäude , welches er in diesem buche ausgeführt , ein 
haltbares sein werde. Es ist darin viel zu viel mit unbe- 
kannten grossen gerechnet und viel zu viel aus unsicheren 
Voraussetzungen und unbegründeten interpretationen gefolgert. 
Aber auch die hauptresultate als richtig vorausgesetzt, so würde 
doch für die kenntniss der älteren römischen geschichte damit 
wenig gewonnen sein. Diese hauptresultate führen doch immer 
nur bis auf den annalisten Fabius und einige, verhältnissmässig 
wenige, zusammenhangslose, meist unwesentliches enthaltende, 
überdem nicht einmal mit völliger Sicherheit zu erkennende äl- 
tere annalistische notizen zurück , können uns also von den 
thatsachen der altern geschichte keine sichere und ausreichende 
künde geben, und selbst die Charakteristik der von dem verf. 
fast ausschliesslich berücksichtigten annalisten Fabius Pictor, 
Valerius Antias und Licinius Macer ist doch im wesentlichen 
insofern nur negativer tiatur, als dadurch bei ihnen hauptsäch- 
lich nur die einwirkung falscher und unhistorischer tendenzen 
nachgewiesen wird. 

Theses 

quas auctqritate . . . ordinis philosophoruin Marburgensiuin . . d. 
IX m. Ianuar. 1873 publice defendet Iulius Ernst, Fuldensis: 1. Ro- 
mani cum dicerent » si volueris (potueris) , ittud facies « similia , in 
enunciato subiuncto minime futurum exactum sed potius coniuncti- 
vum perfecti, quem vocamus modum potentialem, intellegebant. II. 
napcuvstisis quae Isocratis feruntur ita videntur ortae esse, ut prooe- 
mia et conclusiones, quos locos commuues secundum illius temporis 
rhetorum consuetudinem ipse Isocrates conscripserat, ab aliis hominibus 
argumentis expleta sint. III. Tertius Isocrates, quem Dionysii Hali- 
carnassei aequalem fuisse Muretus et H. Stephanus contenderunt, 



Nr. 2. Bibliographie. 123 

nuniquam fuit. IV. Catulli c. LXIV v. 45 sie legendus est: candet 
ebur soliis, collucent pocula mensis. V. Ibid. v. 49 hoc modo emen- 
dandum censeo: tineta tegit roseo conehyli purpura sueo. VI. In 
emendandis Sophoclis Aiacis vv. 961 sqq. Seyfferti coniectura probata, 
ex qua in vs. 916 pro l/tol legendum est dt' oTsr, omnia et resecandi 
et transponendi studia ad irritum rediguntur. 

. . . quas auetoritate . . . ordinis philosopborum Marburgensium 
. . publice defendet L. Keller .- I. Appiani 1. 1, 1—37 Iubam fuisse auc- 
torem pro certo habeo. II. Liv. 26, 47, 1 codd. lectionem »facti« 
in »infecti« mutandam esse censeo. IV. Pugnam Zamensem a. d. XIV m. 
Kai. Nov. anni 202 a. Chr. faetam esse pro certo habeo. VI. Thucyd. 1, 
21 verbis ovn we . . . ixvivr/.rj/.ÖTa tum alios scriptores cum Jüerodo- 
tum significare contendo. VII. Thucyd. 1, 21 verbo koyoyqdffoi eos 
significat, qui pedestri sermone utuntur. 

Neue auflagen. 

48. Q. Horatius Flaccus Satiren und Episteln. Erklärt von T. G. A. 
Krüger. 7. aufl. 8. Leipzig. Teubner; 24 gr. — 49. C. I. Caesaris 
cominentarii de bello gallico. Erklärt von Fr. Krahner. 8. aufl. 
8. Von W. Dittenberger. 8. Berlin. Weidmann; 22V 2 ngr. — 50. 
Apuleii Psyche et Cupido. Rec, et emendavit C. Jahn. Ed. 2. 16. 
Leipzig Breitkopf et Haertel; 15 ngr. — 51. R. Nicolai, griechische 
literatur - geschichte in neuer bearbeitung 1. bd. 1. hälfte. 8. Mag- 
deburg. Heinrich; 20 ngr. — 52. C. Schnaase, geschichte der bil- 
denden künste. 5. bd. 2. aufl. 8. Düsseldorf. Buddeus; 4 thlr. 
10 ngr. — 53. G. H. Lewes , geschichte der philosophie. 2. aufl. 

2. lief. 8. Berlin. Oppenheim; 10 ngr. — 54. E. Guhl und W. 
Koner, das leben der Griechen und Römer. 3. aufl. 11. 12. lief. Berl. 
Weidmann; ä 10 ngr. — 55. A. v. Remnont, geschichte Roms. Neue 
ausgäbe. 20. lief. 8. Berlin. Decker; 1 thlr. — 56. A. Forcellini 
totius latinitatis lexicon. T. IL distr. 13. p. 4. Prati, Leipzig, Brock- 
haus; 25 ngr. — 57. Schilleri de campana Carmen. Latine redd. G. 
de Diepenbroik- Grueter. 3. aufl. 8. Berlin. Grote; 15 ngr. — 58. 
E. v. Hartmann, philosophie des unbewussten. 5. aufl. 1. lief. 8. 
Berlin. Dunker; 12 ngr. 

Neue Schulbücher. 

59 — 62. Freund's schülerbibliothek. 1. abth. Präparationen zu den 
griechischen und lateinischen schulklassikern. Homers Odyssee. 11. hft. 

3. aufl.; Sophokles. 5. hft. 2. aufl. — zu Horaz werken. 16. hft. — 
Livius' römische geschichte. 10. hft. 2. aufl. 16. Leipzig. Violet; a 5 
ngr. — 63. M. Seyffert, hauptregeln der griechischen syntax. 7. aufl. 
8. Berlin. Springer; 5 ngr. — 64. P. Wesener, griechisches elementarbuch, 
zunächst nach der grammatik von Curtius und Koch bearbeitet. 1. thl. 
2. aufl. 8. Leipzig. Teubner; 7 x / 2 ngr« — 65. Fr. Ellendt's lateinische 
grammatik bearbeitet von M. Seyffert. 10. aufl. 8. Berlin. Weidmann; 
20 ngr. — 66. Ch. Fr. Koch, figuren und tropen und die grundzüge 
der metrik und poetik. Hülfsbüchlein für den deutschen Unterricht 
2. aufl. 8. Jena. Mauke; 5 ngr.. 

Bibliographie. 

Schriftsteller und verleger vor hundert jähren, aufsatz im Börsen- 
blatt 1872, nr. 266. 273. 277. 283. 



124 Bibliographie. Nr. 2. 

Ueber das arge und verderbliche treiben der Verleger in hinsieht 
auf reclame handelt Joh. Scherr in Lindau's gegenwart 1872 novemb.: 
etwas davon steht auch im Börsenbl. nr. 283. 

Blick auf das leben des verdienstvollen buchhändlers Franz Köh- 
ler (vater) im Börsenbl. nr. 287. 

Noch 1872 sind ausgegeben: Mittheilungen der verlagshandlung 
B. G. Teicbner in Leipzig nr. 5, in deren ersten abtheilung als künftig 
erscheinend angekündigt werden: Aristophanes und die historische kri- 
tik. Polemische studien zur geschichte von Athen im 5jahrh. vor Chr. 
Von Herrn. Müller- Strübing : es werden besonders die bedeutung der 
vloosämter* , dann auch die Strategen erläutert und dem Thukydides 
seine historischen fehler (!) nachgewiesen werden. — Die Chorpartien 
des Aristophanes scenisch erläutert von Dr Richard Arnold, wo in 
fünf capiteln das auftreten des chors , seine bewegungen und beson- 
ders die fragen über die ^wt/opt« besprochen werden sollen. — Ein- 
heit der Odyssee und ausführliche Widerlegung der ansichten von 
Lachmann, Steinthal, Köchly, Hennings und Kirchhoff von Dv JEd. 
Kammer: der vf. »ist durchdrungen von der einheit des plans dieser 
gedichte, wie er sich im grossen und ganzen in dem aufbau der hand- 
lung von Station zu Station kundgiebt; dagegen ist er durchaus nicht 
geneigt, das ganze so wie es uns überliefert ist, einem dichter zu- 
zusprechen. Vielmehr macht er eine reihe von interpolationen, ein- 
lagen, neuen motiven bekannt, die beim weitersingen der gedichte 
in dieselbe hineinkamen u. s.w. — Heraklit von Ephesos. Ein ver- 
such , dessen fragmente in ihrer ursprünglichen Ordnung wieder her- 
zustellen. Von P. Schuster: zerfällt in einen philosophischen, politi- 
schen und theologischen theil: dazu excurse mit beitragen von K. 
Lehrs. Es ist diese abhandlung besondrer abdruck aus Ritschi 
Acta soc. Graecae T. III, der ausser dieser abhandlung noch eine von 
Ch. Lütjohann , kritische beitrage zu Apuleius Metamorphosen und 
Ch. Oehmicher de 31. Varrone et Isidoro C. Plinii chorographis 
auetoribus primariis enthalten wird. 

Desgleichen ist von denselben mittheilungen erschienen nr. 6, in 
deren erster abtheilung angegeben werden: Kritische Untersuchungen 
über die interpolationen in den Schriften Xenophons, vorzugsweise 
der Anabasis und den Hellenicis. Von Dr Ernst Albert Richter. (Se- 
paratabdruck a. d. suppl. d. jahrb. f. class. philologie). Panegyrici 
Latini XII. Recensuit Aemilius Baehrens. Accedit Appendix: 
nach neuen collationen. — Dracontii carmina plurima inedita ex cod. 
Neapolitano ed. Frid.de Duhn: der herausgeber hat cod. Neap. 
selbst verglichen und versichert, dass durch die neuen gedichte das 
wenige , was wir von römischer literatur in Karthago aus der zeit 
des Verfassers wissen, vortheilhaft ergänzt werde. 

Neue philologische Unternehmungen aus den jähren 1867—1872 
von Mauke's verlag (Hermann Dufft) in Jena: Westphal's griechi- 
sche grammatik , M. Schmidt's ausgäbe des Hesychius , Soph. Oed. 
Tyrannus, Pindar, Hygin, lykische studien, so wie bücher von Put- 
sche, Dünnebier u. s.w. werden empfohlen. 

Preis - ermässigung von K. F. Köhler's Antiquarium : zu beachten 
wegen P. de Lagarde gesammelte abhandlungen, 2 thlr. 20 gr. , R. 
Schneider, quaestiones de Serv. Sulpicio Icto Born., 10 gr.. Schirren 
de ratione , quae inter Iordanem et Cassiodorum intercedit conini., 
10 gr. 

F. Ch. Baur, Symbolik und Mythologie oder die naturrebgion 
des alterthums, 3. bd., jetzt zu 3 thlr. bei F. Steinkopf in Stuttgart. 

Cataloge der antiquare : Richter $ Harrassowitz in Leipzig anti- 



Nr. 2. Kleine philologische zeitung. 125 

quarischer catalog nr. 3, enthält viel philologisches; catalog nr. 39 
des antiquarischen bücherlagers von Scheitle in Stuttgart, vorzugs- 
weise philosophie ; antiquarisches verzeichniss 117 von Felix /Schnei- 
der in Basel, griechische und lateinische classiker, alte philologie. 

Messrs Longnians, Green, Reader and Dyer's Monthly list of new 
books published in Great Britain. Deceinb. 2, 1872: philologisches 
von bedeutung fehlt: Vergils Eclogen und Georgica in prosa über- 
setzt von Wilkins, Lexicon to Xenophon Anabasis von Barram, grie- 
chische grarnatik für schulen, Übersetzungsbücher u. dgl. 

Kleine philologische zeitung. 

Römische alterthümer sind im Ahr- thale bei ausgrabungen zu 
tage gekommen: Staats.-Anz. 1872, nr. 286, beil. 1. 

Ueber einen in der Sammlung von assyrischen schreibtafeln im 
British-Museum entdeckten chaldäischen bericht über die sündfluth 
giebt nach einem vortrage des entdeckers, George Smith genauere 
auskunft der Staats-Anz. 1872, nr. 294 beil. 2. 

Am 13. Dec. 1872 sind die Sitzungen des deutschen archäologi- 
schen instituts zu Rom eröffnet worden. 

In der sitzung der philosophisch - historischen classe der K. K. 
Acad. d. Wiss. zu Wien vom 2. januar hielt Dv Robert Zimmermann 
einen Vortrag ȟber den einfluss der tonlehre auf Herbart's philoso- 
phie« und kommt dabei auf den einfluss derselben bei den Griechen 
zu sprechen. — In der sitzung vom 8. januar ward aus einer abhand- 
lung des prof. R. Roesler in Graz referirt, dass die festsetzung der 
Slaven in Mösien nicht im 5. oder 6., sondern erst im 7. jahrh. er- 
folgt sei. 

Ueber seine ausgrabungen in Troja (s. Philol. Anz. IV, nr. 1 1., p. 573 : 
vgl. ob. p.64) berichtet Dr Schliemann in der Augsb. Allg. Ztg. 1873. Beil. 
zu nr. 1 wie folgt: Unter vielen audern merkwüi-digen entdeckungen 
habe ich bei meinen diesjährigen ausgrabungen in Troja auch die 
gemacht: dass »yXa.vy.wmg« (das gewöhnliche homerische beiwort der 
Athene) nicht, wie es von den gelehrten aller Jahrhunderte übersetzt 
worden ist, »mit funkelnden feurigen äugen«, sondern »mit dem eu- 
lengesicht« bedeutet. Ich fand nämlich gleich unter der trümmer- 
schichte der griechischen kolonie, welche nach Strabo (XIII, 1, 24) 
unter lydischer herrschaft, somit ungefähr 700 jähre v. Chr., gegrün- 
det sein muss, und zwar bereits in 2 metern tiefe, becher von terra- 
cotta mit profilen von eulengesichtern und einer art heim , die auch 
in allen folgenden schuttschichten , bis in 12 meter unter der ober- 
flache, vorkamen, und sich bis in 9 meter tiefe sehr häufig fanden. 
Gleichzeitig fand ich, von 5 metern tiefe abwärts , in allen trümmer- 
schichten bis zu 10 metern tiefe vasen mit profilen von eulenge- 
sichtern, zwei jungfräulichen brüsten und bauchnabel, und in sechs 
metern tiefe, sogar eine vase, auf welcher der bauchnabel mit ei- 
nem kreuz verziert ist, und an jedem der vier enden dessel- 
ben sieht man einen nagel dargestellt. Auch fand ich in 14 me- 
tern tiefe den oberen theil eines glänzend rothen gefässes mit ei- 
nem eulengesicht verziert. Vasen ohne profile des eulenkopfes, 
aber mit zwei grossen brüsten und bauchnabel, finden sich in grosser 
menge in allen schuttschichten zwischen 2 und 10 metern tiefe. Es 
kamen aber auch häufig auf vasen und bechern eulengesichter mit 
einem wirklichen menschenmund unter dem schnabel vor; auch viel- 
fältig in 7 und 8 meter tiefe menschliche gesiebter ohne mund ; die 
vieles von der eule hatten. Verhältnissmässig kamen nur sehr we- 
nige menschengesichter ohne die kennzeichen der eule zum vor- 



126 Kleine philologische zeitung. Nr. 2. 

schein, und ich fand unter denselben blos sechs mit männlichen 
gesichtszügen auf drei bechern und drei vasen , welche letztere 
aber zwei weibliche brüste und einen bauchnabel hatten. — Au- 
sser dem fanden sich von 2y 2 metern tiefe abwärts , in allen 
schuttschichten bis zu 16 metern tiefe, 4 — 6 centimeter lange, 2 1 /» 
bis 4 centimeter breite, ganz platte idole von einem sehr harten 
weissen stein ; auf sehr vielen derselben sieht man das eulengesicht 
und den frauengürtel eingravirt, und auf manchen hat dieser gürtel 
eine Verzierung von punkten. Drei dieser idole aus 8 und 9 metern 
tiefe haben einen punkt, eines aus 9 metern tiefe hat einen zweig 
auf der stirn; ein idol aus 8 metern tiefe hat auch zwei brüste. Es 
kamen aber auch fünf kleine idole von terracotta in 3, 6, 8, 9 und 
14 metern tiefe vor. Auf denen aus 3 und 8 metern tiefe sind eu- 
lengesichler, halstücher, zwei frauenbrüste und auf der rückseite lang 
herabhängendes haupthaar eingravirt. Die arme des terracotta- 
idols aus 3 metern tiefe sind abgebrochen ; jenem aus 8 metern tiefe 
ist ein emporgehobener arm erhalten, und zwei von den schultern 
ausgehende linien, die sich auf der stelle des bauchnabels kreuzen, 
geben der figur ein kriegerisches ansehen. — Diese auf bechern, va- 
sen und idolen so vielfältig vorkommenden eulengesichter mit frauen- 
gestalt können nur eine göttin darstellen , und diese göttin kann 
nur Minerva, die schutzgöttin von Troja, sein, um so mehr als sie 
Homer fortwährend „9eä ykuvx<Zni,g 'A^vt]" — die göttin Athene mit 
eulengesicht — nennt. — Die Schlussfolgerung ist, dass bei fortschrei- 
tender civilisation Pallas Athene allmählich ein menschliches gesicht 
erhielt, und aus ihrem eulenkopf ihr lieblingsvogel, die eule gemacht 
wurde. — Noch muss ich hinzufügen, dass wenn man, im gegensatz 
zu dem allgemeinen naturgesetz, in Troja spuren höherer civilisation 
findet, je tiefer man gräbt, und man entschieden die merkwürdigsten, 
feinsten und schönsten terracotten auf dem urboden, in 14 — lb" me- 
tern tiefe, entdeckt, so macht jedenfalls die bildhauerkunst eine aus- 
nähme davon , denn bei weitem die plumpsten und kunstlosesten 
idiole von hartem weissen stein fand ich gerade auf dem urboden. — 
Sogleich nach beendigung meiner ausgrabungen in Troja, die ich 
am 1. februar, in gesellschaft meiner frau, noch auf fünf monate mit 
150 arbeitern fortzusetzen beabsichtige, um den uralten Minerva-tem- 
pel auszugraben, dessen bausteile ich jetzt bestimmt gefunden zu ha- 
ben glaube , und um die von Iliums grossem thurm , den ich aufge- 
deckt habe, ausgehenden riesenmauern , soweit es möglich sein wird, 
ans licht zu bringen, werde ich ein werk über meine ausgrabungen 
publiciren, mit den Photographien aller von mir entdeckten gegen- 
stände, die nur irgendwie interesse für die Wissenschaft haben können. 
Florenz. 8. Januar. In der hiesigen anihrojiologischen gesell- 
schaft las der präsident Ilantegazza eine arbeit Niccolucci's über 
die anthropologischen Charaktere der Latiner. In der schädelform 
sind die heutigen bewohner Latiums von den alten in nichts ver- 
schieden und die mehrfach ausgesprochene meinung , dass der altrö- 
mische typus gänzlich verschwunden und dass die heutigen Römer 
ein bastardirter stamm seien, ist thatsächlich unbegründet. Aus 
den antiken bildwerken geht hervor, dass der alte Römer mittelgross, 
von starken gliedern und besonders starken muskeln, dass sein köpf 
wohl entwickelt und auf dem scheitel etwas gedrückt war. Die stirn 
war breit, aber nicht sehr hoch, die äugen gross und weit geöffnet, 
die nase im profil keine adlernase, die nasenfiügel leicht gewölbt, der 
mund mittelgross, die wangen wenig hervortretend, das gesicht 
länglich und der umriss desselben ein leicht ovaler. Dieselben Cha- 
raktere kommen im ganzen den Römern noch heute zu. Dagegen sei, 



Nr. 1. Auszüge aus Zeitschriften. 127 

wie Niccolucci ausführt , vom anthropologischen Standpunkte die be- 
nennung »latinische Völker,« wie sie gewöhnlich für Franzosen, Spa- 
nier , Portugiesen und Rurnänier gebraucht wird, zu verwerfen ; lati- 
nisch sei nur Italien und auch hier seien wahre Latiner nur die ein- 
geborenen von Latium gewesen. 

Die firma T e u b n e r versandte im februar folgendes circular : 
»Nachdem hier ein strike der buchdruckergehülfen ausgebrochen ist, 
sind mir nur so viel arbeitskräfte geblieben , dass die tagesblätter 
und Wochenschriften, welche in meiner officin hergestellt werden, ge- 
liefert werden können. Ich bin daher genöhigt, den satz aller b fl- 
ehe r und der in längeren Zwischenräumen erscheinenden Zeitschrif- 
ten für eigenen und fremden verlag vorerst vollständig ruhen zu 
lassen. Indem ich mich beehre, Ihnen hiervon nachricht zu geben, 
beziehe ich mich zugleich auf die "anläge und zeichne u. s. w.« Die 
beilage »zur aufklärung über die gegenwärtigen Zerwürfnisse in der 
buchdruckerweit« betitelt, 4 ss. 4, enthält eine darstellung der Sach- 
lage von Seiten der buchdruckerei -besitzer. Wir kommen später 
vielleicht darauf zurück. 

Auszüge aus Zeitschriften. 

Augsburger allgemeine zeitang, 1871, nr. 340: das gymnasium in 
Braunsberg. — Beil. zu nr. 340: die assyrischen keilinschriften im 
anschluss an Schraders buch : die assyrischen keilinschriften. Lpzg. 
1872. — Freiirau Emilie von Gleichen -Russwurm, geb. v. Schiller: 
kurzer nekrolog. — Beilage zu nr. 341. 342. 343: zur archäologi- 
schen literatur: bezieht sich auf Friederichs' nachgelassene werke. — 
Nr. 343: der oberste schulrath in Baiern noch einmal. — Französi- 
sche kriegsliteratur. — Beil. zu nr. 343 : J. H. Voss von W. Herbst : 
lobende anzeige, die jedoch in der darstellung der religiösen richtung 
vou Voss vielerlei zu tadeln findet. — Nr. 348 : Thiers über den 
Ursprung des kriegs von 1870. — Beil. zu nr. 349': der religions- 
unterricht in Deutschlands schulen: mit bezieh ung auf die schrift 
gleichen titeis von Fr. Schnitze. — Nr. 350: die altkatholische be- 
wegung in der Schweiz. 

Ephemeris epigraphica, corporis inscriptionum Latinarum supple- 
mentum 1872. Fasciculus tertius , p. 153 — 228. Fast die hälfte des 
heftes (p. 153 — 186) wird von nachtragen zu den erschienenen thei- 
len des Corpus eingenommen; zu vol. I auf p. 153 theilt Helbig die 
Urschriften einer eiste und eines spiegeis, beide kürzlich in Präneste 
gefunden, mit; p. 154 — 159 bringt Henzen ergänzungen zu den con- 
sularfasten der jähre 616—620 und den triumphaltafeln aus den 
Jahren 454 und 559 — 563, nebst einem interessanten fragment der 
triumphe des Romulus über die Caeninenses und Antcmnates; sämmt- 
liche stücke sind bei der unter P. Rosu's leitung in diesem jähre 
begonnenen ausgrabung des Forum Romanum zu tage gekommen; 
beigegeben ist (p. 155 — 6) von Mommsen das stemma der Fulvii 
Flacci. — P. 160 — 176 pompejanische gefässinschriften von Bri- 
zio mit bemerkungen und nachtragen von Schoene; p. 177 — 181 pom- 
pejanische wandin Schriften aus den neuesten ausgrabungen von Zan- 
gemeister ; p. 182--186 neugefundene inschriften aus Spanien von 
Hübner mitgetheilt , unter denen n. 291 mit Wahrscheinlichkeit, wie 
eine schon früher bekannte inschrift (Corp. I. L. II, 35) auf den von 
Plinius benutzten schriftsteiler Cornelius Bocchus bezogen wird. — 
Den zweiten theil des heftes machen wiederum epigraphisch -an- 
tiquarische abhandlungen aus, von denen die erste {Henzen, de 
nundinis consularibus aetatis imperatoriae p. 187 — 199) die schwierige 



128 Auszüge aus Zeitschriften. Nr. 2. 

frage nach der amtsdauer der Consules suffecti der lösung näher bringt 
und vorzüglich aus den monumenten erweist, dass keineswegs, wie 
Brambach angenommen, seit Trajan stets zwei monatliche consulate 
gewesen, sondern viermonatliche sich mindestens noch unter Conimo- 
dus finden, ausnahmsweise auch drei- und einmonatliche; die zweite 
(Mar quardt de provinciarum Romanarum conciliis et sacerdotibus p. 
200 — 214) eine Übersicht der provinzialpriesterthümer in den verschie- 
denen provinzen giebt und mit recht gegen Waddington die identi- 
tät der ctQxuyilg rtjs 'Adas, Bt&vviag etc. mit den oft in Inschriften 
und bei Schriftstellern genannten ' Agiüqxcu, Bi&vvidQ/at behauptet. — 
Den beschluss des reichhaltigen heftes machen Miscellanea aus: p. 
215 — 219 : fünf lateinische und eine griechische inschrift , mitge- 
theilt von Henzen , und p. 220 — 227: fortsetzung der Observationes 
epigraphicae von Mommsen grammatisch -antiquarischen Inhaltes: — 
nr. 9: alphabeta Etrusca reperta Clusii. Nr. 10: flamonium. fia- 
minium. Nr. 11: cjgaTtjyhg vnatog. Nr. 12: analecta de Pisonibus 
et Crassis Frugi), schliesslich p. 228 eine bemerkung Rudorff's über 
die in einer kürzlich publicirten inschrift gebrauchte formel: per 
auctorem tutorem. 

Göttingische gelehrte anzeigen. 1873 st. 2: Wolfgang Ratichius oder 
Ratke im lichte seiner und der Zeitgenossen briete und als didakti- 
kus in Cöthen und Magdeburg. Originalbeitrag zur geschichte der 
Pädagogik des 17. jahrh. von G. Krause. 8. Leipzig. Dyk. 1872 : 
anzeige von L. Geiger, der nach dem eigentlich nur eine Sammlung 
von Briefen enthaltenden buche selbständig über ßatke spricht. — 
Inscriptiones latinae et graecae cum carmine graeco extemporali Quinti 
Sulpicii Maximi cum notis per Aloisium Ciofi advoc. Ed. altera 

c. appendice. 8. Romac. 1871; ferner: Lectio inscriptionum in sepulcro 
Q. Sulpicii Maximi ad portam Salariam Herum vmdicuta per Alois. 
Ciofi adv. 8. Romae. 1872: kurze anzeige von H. Sauppe , nach 
dem in diesen schritten der vf. mit einer für einen italiener und 
laien anerkennenswerthen belesenheit in der griechischen poesie seine 
textgestaltung und erklärung gegen die abweichenden ansichten Vis- 
conti's und Henzens vertheidigt: es werden dafür ein paar stellen 
als beweis behandelt: sonst s. Philol. Anz. bd. III, nr. 6, p. 322. 
— St. 3: La legende Athenienne , etude de mythologie comparie 
par E. Burnouf. 8. Paris, 1872: anzeige von C. Gilbert, die 
eine häufig den resultaten des vfs beistimmende Übersicht des In- 
halts giebt : es wird nämlich in dem buche der niythos von Athene 
behandelt und zwar auf recht französische weise: Athene ist die 
morgenröthe : der name 'A&avS wird als ahand fem. des adj. ahana, 

d. h. morgendlich erklärt: da diese bezeichnung häufig von der mor- 
genröthe gebraucht wird, so ist dem vf. die identität beider sicher! 
Cap. 4 wird Poseidon behandelt, dessen herrschaft nicht auf die ge- 
wässer der erde beschränkt, sondern ursprünglich der gott der himm- 
lischen gewässer ist, womit ref. völlig einverstanden ist, aber doch 
noch weiter gehen möchte. Das mag genügen. — St. 4 : Voyage en 
Russie, au Caucase et en Perse, dans la Mesopotamie, le Kurdistan, la 
Syrie, la Palestine et le Turquie , execute pendant les annees 1866. 1867 
et 1868 par T. M. chevalier Ly cklama a Nijeholt. 8. T. I. 
Paris et Amsterdam. 1872 : lobende anzeige von J. G. Kohl: das 
buch bezieht sich nur auf die gegenwart, muss aber doch hier er- 
wähnt werden. — Der alte und der neue glaube. Ein bekenntniss 
von David Friedrich Slrauss. 8. Leipzig. 1872: anzeige von H.Ewald, 
die das buch als aller gelehrsamkeit und Wissenschaft baar und ledig 
schildert, da wahre Wissenschaft immer zum christenthume führe. 



Kr. 3. März 1873. 

Philologischer Anzeiger. 

Herausgegeben als ergänzung des Pliilologus 



von 



Ernst von Leutseh. 



67. Studien zur griechischen und lateinischen grammatik» 
Herausgegeben von Georg Curtius. Vierter band. 8. Leip- 
zig. Hirzel. 1871. 491 ss. — 2 2 / 3 thlr. 

Unter den grösseren arbeiten dieses bandes darf als die 
werthvollste bezeichnet werden die auch durch ihren umfang 
am meisten hervorragende arbeit von Carl Brugman de 
graecae linguae jproductione suppletoria, p. 58 — 189. Diese durch 
die sorgfältige Zusammenstellung des umfangreichen materials 
wie durch die besonnene methode der Untersuchung gleich aus- 
gezeichnete abhandlung behandelt einen für etymologie und 
morphologie gleich wichtigen abschnitt der lautlehre, die mit 
dem ausfall von consonanten (nasalen, liquiden, Spiranten) ver- 
bundene sogenannte ersatzdehnung. Der erste theil, der die 
nach dem ausfall von nasalen eintretende ersatzdehnung be- 
spricht, berührt sich mit einem theile des kürzlich erschienenen 
buches von Johannes Schmidt, zur geschichte des indoger- 
manischen vocalismus. I. Weimar. 1871, und es ist gewiss 
ein gutes zeichen für die Sicherheit der gewonnenen resultate, 
dass die beiden etwa gleichzeitig entstandenen schritten 
(Schmidt konnte indess die Brugman'sche schrift noch benutzen) 
in einigen cardinalpunkten grosse Übereinstimmung zeigen. So 
2. b. in der physiologischen erklärung jener dehnung durch 
den mittelweg der nasalierung des vocals (p. 79), was im we- 
sentlichen mit den freilich auf einer umfassenderen sprachwissen- 
schaftlichen grundlage aufgebauten ausführungen Schmidts p. 
40 ff. zusammentrifft. Im Widerspruch mit Schmidt befindet 
sich die behauptung p. 74, dass ein nasal vor einem explosiv- 
laut nie mit ersatzdehnung ausgestossen wird. Schmidt führt 
(im anschluss an eine frühere erklärung von Christ) zum be- 
Philol. Anz. V. 9 



130 67. Grammatik. Nr. 3. 

weise des gegentheils die formen dfäoftui Xrjtyopai Xfäofxai rjSoficu 
lij&(0 an, die nach ihm aus day^ofiai kafixfjofitxi lay^oftui ävdofiai 
latdm entstanden sind (p. 120), ebenso wie er die Steigerung in 
Xtlnot i£v%(a nsv&o/Aai u. s. w. aus vorhergehender nasalierung er- 
klärt. Ich bekenne, dass ich mich in diesem punkte lieber auf 
die seite von Brugman stelle. Auch das sanskrit, besonders 
das vedische, kennt bei den wurzeln, die ihren praesensstamm 
durch innere nasalierung oder nasalsuffix bilden (beides auf 
einen Ursprung zurück gehend), nebenformen mit gunie- 

• v v — 

rung des praesensstammes , wie hsunatti und Jcsodati, bhinatti 

Und bhedati, bhunakti und bhögate, rinahti und rek'ati, runaddhi 
tind rodhati, junahti und jogati, ksubhnuti und hsobhate u. s.w.; 
neben altbaktrisch hinagti steht sk. k'etati, neben miihnditi me- 
thati. Auch hier erklärt Schmidt die Steigerung aus der nasa- 
lierung; aber gewiss konnten, was auch Delbrück Kuhn Z. XXI, 
85 betont hat, von anfang an bei jenen wurzeln beide arten der 
praesensbildung vorhanden gewesen sein, und wenn wir auch 
zugeben, dass die lautliche möglichkeit der entstehung der gu- 
nierten formen aus den nasalierten vorhanden ist, so werden 
wir doch die nothwendigkeit davon leugnen müssen gegenüber 
der thatsache , dass neben den nasalierten praesensbildungen 
noch andre herlaufen, mit denen jene einen lautlichen Zusam- 
menhang durchaus nicht haben können. Sehr häufig ist z. b. 
die formation mit ja (6. klasse), wie agnäti agjati ihnäti is-jati, 
oder mit dem einfachen suffix a, wie aJc&nöti ahkati, hhindati 
Jchidati; dasselbe findet im verhältniss der verwandten spra- 
chen zu einander statt, vgl. altbulg. zinqii und zijati mit gr. 
•^alvco , ghrnöti und ^algm , ddpvqfii und damjati, rinahti und 
Xslnm, vrnöti altbulg. voljq, got. valjan viljan u.s.w. Dies kann 
genügen, um den nachweis zu liefern, dass bei einer grossen 
anzahl von wurzeln von anfang an eine reihe verschiedenar- 
tiger praesensbildungen neben einander herliefen, deren verhält- 
niss zu einander man sehr falsch auffassen würde , wenn 
man sie mit einander auf denselben Ursprung zurückleiten 
wollte. Es liegt hier dieselbe erscheinung vor wie bei den 
nominalbildenden Suffixen : so wenig man das recht hat alle 
nomina, die aus derselben wurzel mit verschiedenen Suffixen 
gebildet sind, für ursprünglich identisch zn erklären, sondern 
schon der Ursprache eine grosse maunigfaltigkeit und beweg- 






Nr. 3. 67. Grammatik. 131 

lichkeit in der Wortbildung zuzuschreiben hat (Leo Meyer und 
Alfred Ludwig leugnen das freilich), ebenso wird man auch 
für das gebiet der verbalbildung dasselbe zugeben müssen. 

Im einzelnen sind uns begreiflicher weise gegen die erklä- 
rungen des Verfassers hie und da bedenken aufgestiegen. Um 
nur eins anzufübren, erklärt der verf. p. 98 die formen rivco 
und qt&ivco aus tivpa uvia und cp&ivpca cf&ivvca, allerdings im 
anschluss an Curtius Erläut. 2 122, um die länge des f zu 
deuten. Allein mit rücksicht darauf, dass im attischen das 
i kurz ist, nur episch durchweg lang, dass auch das von dem- 
selben stamme gebildete iia bei Homer sowohl kurzes als lan- 
ges t zeigt (Kühner Ausf. gr. I, 919), dass ferner auch die 
übrige tempusbildung ein T zeigt (riaco tiloa iitlxa, vgl. dage- 
gen xf'xptxa), dass endlich keins der mit vvco gebildeten verben 
wie ich sie neulich in Curtius Studien V, p. 338 zusammenge- 
stellt habe, ihr v zu p gewandelt haben, stehe ich nicht an 
diese länge als eine stammhafte Verlängerung des wurzelvocals 
zu erklären, ähnlich wie im lat. ob-inunt neben sk, inöti, 
Suva* dhüna neben dhunöti abulg. dunqti, mjna neben minüti^ 
livoi> neben linäti, vergleichbar auch der Steigerung von ^evyvvfxi 
neben jug u. a. ; auch cfQCco zeigt in cpdiqg B f 368 cpdtaw 77, 
461 u.s.w. langes £, während cf&ivm attisch t hat, s. Kühner 
a. o. I, 927. Was iauvco betrifft, das Brugman geneigt scheint 
mit Benfey und Leo Meyer aus ixätjoa zu erklären, so glaube 
ich mit rücksicht darauf, dass dtjco stets zu aivm wird, es verhält 
sich zu inatö-g wie neXciva zu fielavo-g^ d. h. der nominal- 
Btamm mit suffix avo ist als praesensstamm verwendet; die 
abweichende Quantität erklärt sich wie im skr. äna neben ana % 
gr, i-avo-s neben i-avo-g. 

Unter dem titel Neograeca gibt p. 233 — 322 Michael Deffner 
höchst werthvolle beitrage zur kenntniss der neugriechischen 
lautlehre. Eine geschichte der griechischen spräche, speciell 
eine griechische lautgeschichte ist nicht möglich, ehe nicht die 
entwickelung und der heutige zustand des vulgärgriechischen 
allseitig dargestellt ist, und darum haben arbeiten wie diese 
als bausteine zu diesem vorläufig noch der zukunft aufzusparen- 
den gebäude einen hohen werth. Es sei gestattet bei dieser 
gelegenheit auch auf die interessante Sammlung von denkmälern 
des vulgärgriechisch des 15. bis 17. Jahrhunderts von Legrand 
Collection ü& monuments joour servir & Vetude de la languQ neo-heh 

9* 



132 68. Grammatik. Nr. 3, 

Unique. Paria 1869 — 72 aufmerksam zu machen. Demselben 
zwecke dient auch die alte dialektforschung, zu der die abhandlung 
von R. Meister , de dialecto Heracliensium italicorum p. 357 ff. 
einen beitrag liefert, die p. 448 auch eine ausgäbe der von dem 
Verfasser ans ende des vierten Jahrhunderts gesetzten herakleen- 
ßischen tafeln gibt. Von ganz besonderem interesse sind auch 
diesmal wieder die beitrage des herausgebers selbst, besonders 
der brief an professor Hartel in Wien p. 471 ff. über die Ver- 
längerung der kurzen endvocale vor liquiden im homerischen 
vers. Hartel hatte diese in seinen Homerischen Studien — ab- 
gesehen von den fällen, wo ursprünglich eine consonantengruppe 
das wort anlautete — aus einer volleren articulation der liqui- 
den erklärt, so dass diese dem werthe von consonantengrup- 
pen nahezu gleichkommen, während Curtius seine alte erklä- 
rung (epische licenz auf der basis der analogie) aufrecht hält. 
Wie wir hören, wird prof. Hartel den interessanten streit in 
einer zweiten ausgäbe seiner Studien weiter fortführen. 

Etymologisches geben H. W. Röscher (p. 189 ff., z. b. 
'Od'vöaeig als „führer", von dvx lat. düco got. tiuhan) und Sop- 
phus Bugge (p. 203 ff. 323 ff.); den homerischen accusativ mit 
dem imiuitiv besonders mit vtrgleicbung des gothischen und 
althochdeutschen Sprachgebrauchs erklärt Carl Albrecht s. lff. 

Ghistav Meyer. 

68. Griechische grammatik für gymnasien. Auf grundlage 
der vergleichenden Sprachforschung bearbeitet von Heinr, 
Dietr. Müller, prof. am gymnasium zu Göttingen, und Ju- 
lius Lattmann, Dr., director des gymnasiums zu Clausthal. 
1. theil. Formenlehre. 2. verru. u. verb. auf!. 8. Göttingen, 
Vandenhoeck und Ruprechts verlag. 1871. — 18 gr. 

Bei der günstigen aufnähme welche das buch in der er- 
sten aufläge erfahren hat, bedarf es zur empfehlung dieser neuen 
bearbeitung nur des hiuweises, dass die verf. die brauchbar- 
keit ihrer formenlehre durch zahlreiche Verbesserungen und 
durch das hinzufügen einer methodischen wortbildungslehre er- 
höht haben. Sie sind damit einem entschiedenen bedürfnisse 
entgegengekommen. Möchte die auf gleichen principien aufzu- 
bauende syntax nicht mehr lange auf sich warten lassen, ohne 
welche der einführung des ersten theiles manche praktische be- 



Nr. 3. 69. Harmonik. 133 

denken entgegenstehn. Eigentümlich klingt die klage, vorr. 
p. vin, über den mangel an vorarbeiten auf diesem gebiete 
sammt der berufung auf Curtius Erläuterungen p, 149, nach- 
dem bereits 1861 Akens Grundziige der lehre von tempus und 
modus und 1868 dessen grammatik erschienen waren, arbeiten, 
in denen der der Wissenschaft zu früh entrissene Verfasser die 
grundlinien zu einer historischen syntax mit einer seltenen In- 
tuition und schärfe gelegt hat. 

69. Kurzer überblick über die altgriechische harmonik von 
Carl Lang. 8. Heidelberg. Gg. Weiss 1872. — 47 ss. 
druck und 30 ss. abklatsch. — 16 gr. 

Der Verfasser hat diese schrift eigentlich als sehulprogramm 
herausgegeben und sich seine schüler sowie deren angehörige 
als nächstes lesepublicum gedacht. Er beabsichtigte demnach 
eine populäre darstellung der antiken harmonik zu liefern 
und hatte die glückliche idee die erhaltenen musikreste auto» 
graphirt seiner schrift beizugeben. Wer den weg durch West- 
phals dickleibige metrik scheut, soll also hier auf kürzerem 
wege in die kenntniss von der griechischen musik eingeführt 
werden und bekommt für seine 16 sgr. noch die erhaltenen 
hymnen und fragmente mit in kauf. 

Die idee des verf. wird sich gewiss allseitiger billigung er- 
freuen; anders aber steht es mit der art, in der er dieselbe 
ausgeführt hat. Das büchlein enthält in dem engen rahmen zu 
vielerlei von. der grauen theorie, lässt sich sogar in polemik ein 
und unterlässt es dagegen die vorgetragenen lehren mit der er- 
forderlichen klarheit zu geben. Mit dem unterschiede der be- 
nennung nazu övrapiv und antä &sfftv, mit den Helmholtzischen 
namen der otfavgattungen konnte der laie verschont werden, 
ebenso mit einer beschreibung der handschriften, in denen dia 
hymnen stehen, und mit den wundersamen drei gründen dafür, 
warum die mit a schliessenden hymnen nicht aus F dur gehen 
können. Dass beilage a, welche die gesammte antike noten- 
schrift enthalten sollte, nicht zur ausführung gekommen, ist nicht 
schade. Es wäre wohl überhaupt gerathener gewesen, anstatt 
für schüler und ähnliches publicum die ganze theorie der har- 
monik zu entwickeln, sich mehr an die praxis zu halten, vom 
päan, vom nomos, vom chorgesang u. s. w. zu erzählen und die 



134 70. Griechische tragödie. Nr. 3. 

mitgetbeilten hymuen nach jeder seite hin zu betrachten. Kam 
man dabei auf dorische tonart zu sprechen, so musste natür- 
lich — aber unendlich viel deutlicher als es in der schlechten 
tabelle p. 7 und dem kurzen texte p. 10 der fall — gelehrt 
werden , worin das wesen dieser octavgattung und ihr unter- 
schied von den übrigen bestehe. Bellermanns anmerkungen 
zum Anonymus können für eine solche ausführung zum muster 
dienen. Den laien, der von der existenz einer scala von E-e 
ohne vorzeichnung noch keine ahnung hat, wird man darauf 
hinweisen , dass er in der choral - melodie „o haupt voll blut 
und wunden" bereits diese scala kennt, wird aber freilich dabei 
hervorheben müssen, dass die alte musik die terz als consonanz 
nicht kannte, dass wir folglich unsre E dur- und A raoZZ-accorde 
zum alten dorisch nicht mitbringen dürfen. Der Verfasser führt 
in d»em capitel über polyphonie p. 34 ff., das uns als das beste 
in dieser schrift erscheint, beherzigenswerthe worte von Ambros 
an, kann sich aber doch nicht so weit von Westphal losmachen, 
um nicht mehrfach von dur und moll zu reden. Zu deutlicher 
und eingehender behandlung der octavgattungen hätte dem 
verf. der aufsatz über die tonarten in Plato's Eepublik in Fleck- 
eisen's Jahrbb. 1867 manch beachtenswerthen fingerzeig geben 
können. Die dort gegebene erklärung des ausdrucks ivagfio» 
viog von der siebensaitigen lyra, deren hohe töne h c e waren 
und die zugleich die octave (agfiovia) E-e und die alte ur- 
sprüngliche enharmonik darstellte, hätte ihn vielleicht auch 
davor bewahrt, ivagfioviog von ,, ivagfiorrtiv einfügen" abzulei- 
ten. Eine besprechung der den hymnen beigegebenen accord- 
begleitung haben wir in Jos. Müllers Allgemeiner musicalischer 
zeitung 1872, nr. 46, p. 729 figg. gegeben. 

J. 

70. Die geburt der tragödie aus dem geiste der musik. 
Von Friedrich Nietzsche, ordentlichem professor der clas- 
sischen philologie an der Universität Basel. 8. Leipzig, verlag 
von E. W. Fritzsch. 1872. — 1 thlr. 

Zur vorläufigen orientirung mag hier gleich bemerkt wer- 
den, dass obige schrift, obwohl vom griechischen alterthume 
ausgehend, doch vornehmlich zur Verherrlichung Eichard Wag- 
ner's dient. Nietzsche sagt selbst in der vorrede, dass er bei 



Nr. 3. 70. Griechische tragödie. 135 

allem, was er sich dachte, mit Wagner wie mit einem gegen- 
wärtigen verkehrte und nur etwas dieser gegenwart entspre- 
chendes niederschreiben durfte. Nun, es ist ihm geglückt! Man 
erkennt Wagner's Vorbild in der auffassung der griechischen 
tragödie, in mancherlei anderen ästhetischen urtheilen, im ge- 
schraubten styl, namentlich aber auch in der art, wie fremdes 
verdienst gewürdigt wird. Von seiner eigenen Wissenschaft, der 
philologie, spricht Nietzsche mit grosser geringschätzung; es scheint 
ihm, als ob unsere so stolz sich gebärdende klassisch - helle- 
nische Wissenschaft in der hauptsache bis jetzt nur an Schat- 
tenspielen und äusserlichkeiten sich zu ernähren gewusst habej 
die philologen gelten ihm für geistlose correctorea von alten 
texten oder naturhistorische sprachmikroskopiker, die ästhetiker 
finden noch weniger gnade vor seinen äugen. Das ganze auf- 
treten des Verfassers lässt vermuthen s dass er etwas durchaus 
neues und unerhörtes zu sagen hat. 

Die fortentwicklung der kunst ist nach ihm an die du- 
plicität des apollinischen traumes und des dionysischen rau- 
ßches gebunden, welches erstere princip im homerischen epoa 
herrscht, das andere in der lyrik , während die tragödie aus 
einer Vereinigung dieser beiden hervorgegangen ist. Die neuheit 
besteht hier zunächst in der Wunderlichkeit der bezeichnungen, 
vornehmlich aber in all den mystischen zuthaten, mit welchen 
jene einfache Wahrheit derartig umhüllt ist, dass es schwer 
hält, sie herauszuschälen. Wie unglücklich gewählt überdies 
die vergleichung mit träum und rausch ist, braucht wohl kaum 
hervorgehoben zu werden. In beiden zuständen erscheinen die 
höhern geisteskräfte gebunden und gelähmt, während doch zur 
conception eines kunstwerkes ein erhöheter seelenzustand nö- 
thig ist, bei welchem alle kräfte, die sonst nur einzeln wirken 
können, gemüth, phantasie und verstand, in unbegreiflicher 
weise zu einem reinen accorde sich vereinigen. Traum und 
rausch sind jedoch bei Nietzsche nicht bloss gleichnisse, sie 
ßind fast die sache selbst. Wir wollen hier nicht auf seine er- 
klärung dieser zustände eingehen, damit mögen mediziner sich 
erheitern; nur um zu zeigen, wie ernst es dem Verfasser mit 
diesen dingen ist, wollen wir hier anführen, was er über das 
träumen bei den Griechen zu berichten weiss. „Man wird sich 
nicht entbrechen können, auch für ihre träume eine logische 



136 70. Griechische tragödie. Nr. 3. 

causalität der linien und umrisse, färben und gruppen, eine 
ihren besten reliefs ähnelnde folge der scenen vorauszusetzen, 
deren Vollkommenheit uns, wenn eine vergleichung möglich 
wäre , gewiss berechtigen würde, die Griechen als träumende 
Homere und Homer als träumenden Griechen zu bezeichnen". 

Zur speciellen betrachtung der lyrik gelangt, erklärt Nietz- 
sche die Subjektivität des lyrikers im sinne der neuen ästheti- 
ker für eine einbildung, denn der subjektive künstler ist der 
schlechte künstler, und ohne Objektivität ist nicht die geringste 
wahrhaft künstlerische erzeugung möglich. Das letztere ist ge- 
wiss richtig, nur trifft der Vorwurf gar nicht die neuere ästhe- 
tik. Mit dem worte „subjektiv" soll ja nur der erste anstoss 
zu dem künstlerischen processe bezeichnet werden, nicht dieser 
selbst , denn die entstehung des lyrischen kunstwerkes findet, 
wie jeder weiss, immer erst statt, sobald die subjektiven em- 
pfindungen für den lyriker Objektivität erlangt haben. Auch 
der dionysische rausch schafft nicht unmittelbar das kunstwerk : 
„der dionysische künstler ruhet in der stillen meeresruhe der 
apollinischen betrachtung, so sehr auch alles, was er durch das 
medium der musik anschauet, um ihn herum in drängender 
und treibender bewegung ist". Aus dem schwerverständlichen 
hymnenstyl in wissenschaftliches deutsch übertragen, besagen 
diese worte doch ebenfalls nichts anderes, als was oben stand, 
und die polemik gegen die neuere ästhetik scheint weiter kei- 
nen zweck gehabt zu haben, als die gleichheit der anschauun- 
gen weniger hervortreten zu lassen. 

Ebensowenig können wir es als etwas besonders neues an- 
erkennen, wenn die tragödie aus dem dionysischen chor herge- 
leitet und eine ursprüngliche Verbindung zwischen lyrik und 
musik nachgewiesen wird. Auch das paradoxon, dass die Athe- 
ner den Sokrates mit recht verurtheilt hätten, weil durch seine 
Philosophie das alte Hellenenthum geschädigt und gestürzt wor- 
den sei, auch dieses kann nicht auf neuheit, noch weniger aber 
auf richtigkeit anspruch machen. Der vf. scheint anzunehmen, 
dass die vertheidiger des bestehenden berechtigt seien, alle re- 
formatoren gewaltsam zu vernichten, womit dann auch die ke- 
tzerverfolgungen entschuldigt wären; er scheint ferner anzuneh- 
men dass die athenischen richter, obwohl sie von der sokräti- 
ßchen philosophie wenig oder nichts wussten, dennoch die folgen 



Nr. 3. 70. Griechische tragödie. 137 

derselben bereits mit derjenigen klarheit erkannt hätten, wie es 
uns heutzutage möglich ist, und drittens muss er von der stren- 
gen gerechtigkeitsliebe der Athener eine höchst vorteilhafte 
meinung haben , trotz der rumänischen zustände, wie sie aus 
Aristophanes und andern Schriftstellern bekannt sind. Ein drei- 
facher irrthum also, und im gründe doch nur deshalb, um ein 
vor dreissig jähren bereits aufgestelltes paradoxon wieder ein- 
mal aufwärmen zu können ! 

Indessen soll durchaus nicht behauptet werden, dass das 
buch nur allgemein bekannte dinge enthält. Neu ist jedenfalls 
die anschauung, dass die ursprüngliche gestalt der lyrik wie 
der tragödie auch zugleich die vollkommenste gestalt derselben 
sei, aus welcher anschauung sich natürlich die seltsamsten ur- 
theile über die höher entwickelte kunst ergeben müssen. Die 
moderne lyrik wird mit einer statue ohne köpf verglichen, weil 
ihr die musikalische grundlage fehlt, und ferner wird der ver- 
fall der tragödie schon bei Sophokles gefunden, weil dieser die 
handlung dem chore gleichberechtigt gemacht habe. Der letz- 
tere Vorwurf trifft übrigens nicht Sophokles, sondern Aeschylus, 
so dass also künftig von diesem der verfall der tragödie wird 
herzudatiren sein. 

Vom philologischen Standpunkte aus begreift man nicht, 
wie der Verfasser zu solchen ansichten gelangen konnte 5 die 
erklärung liegt darin, dass er die dinge durch die Wagnersche 
brille angeschaut hat. Wagner rechnet es sich als besonderes 
verdienst an, dass er eine neue kunstform erfunden hat, und 
auch Nietzsche preist diese neuerung als die rettende that, wel- 
che den deutschen Genius aus seiner langen entwürdigung zu 
befreien bestimmt ist. In der urform der tragödie glaubte nun 
Wagner etwas seinen eigenen bestrebungen analoges gefunden 
zu haben, nämlich ein gleichberechtigtes zusammenwirken der 
verschiedenen künste, daher die Ungunst, mit welcher die spä- 
tere entwickelung dieser urform betrachtet wird; denn sobald 
die dramatische handlung zur hauptsache wird und das musika- 
lische element zurücktritt, erscheint ja sofort die verlangte gleich- 
berechtigung der künste aufgehoben. Dies wird aber, trotz 
Wagners missbilligung, überall eintreten, sobald die kunst einen 
höhepunkt erreicht hat; alsdann ist nämlich eine Vereinigung 
verschiedener künste zu gleichem zwecke nur denkbar, indem 



138 70. Griechische tragödie; Nr. 3. 

eine von innen die herrschaft führt, und die andern sich ihr die- 
nend unterordnen ; bei gleicher berechtigung würde jede kunst 
die volle aufmerksamkeit für sich beanspruchen und schliesslich 
keine einzige zu ihrem vollen rechte gelangen. So ist es na- 
türlich und nothwendig, dass lyrik wie tragödie auf der höhe 
ihrer entwicklung sich von der musik emancipiren und diese 
entweder gar nicht oder nur noch in dienender weise zur Verwen- 
dung kommen lassen; dass andrerseits oper und Oratorium die 
poesie nur als etwas untergeordnetes behandeln, und so auch auf 
allen andern gebieten. Die gleichberechtigung ist eben nur da denk- 
bar, wo alles entweder noch gleichmässig unreif oder aber schon 
gleichmässig verderbt ist, also im beginn oder am ende einer kunst- 
entwicklung. Unter diesen umständen geräth nun Nietzsche in die 
üble läge, entweder die höchsten leistungen der kunst in misscredit 
bringen zu müssen, wie er es in bezug auf Sophokles und die mo- 
derne lyrik wirklich versucht, oder aber, wenn dies durchaus nicht 
angeht, jede abweichung von der urform zu leugnen. Das letz- 
tere thut er ebenfalls in bezug auf die tragödie. Für ihn bleibt 
der chor stets Satyrchor, und der held auf der bühne, mag er 
nun Orestes oder Oedipus oder Antigone heissen, ist ihm im- 
mer nur der verkappte Dionysos. Rechtfertigen lässt sich dies 
natürlich nicht mehr durch wissenschaftliche beweise, weshalb 
der Verfasser statt derselben von einer unklaren mystik ge- 
brauch macht, auch hierin seinem vorbilde getreu. 

Es ist nicht sehr erfreulich , wenn ein gelehrter, dem es 
an geist durchaus nicht fehlt, wie mancherlei einzelnheiten 
des buches beweisen, aus blosser Vorliebe für eine falsche 
kunstrichtung sich zu solchen extravaganzen hinreissen lässt; 
noch schlimmer ist es aber, wenn er aus demselben gründe so- 
gar zu ungerechtfertigten angriffen gegen hochverdiente gelehrte 
übergeht. Bekanntlich hat Otto Jahn die ganze nichtigkeit 
und Verkehrtheit des Wagnerschen treibens mit tiefer sach- 
kenntniss und feinem ästhetischem gefühle aufgedeckt, wie mit 
gleichem geschicke kein anderer. Dass ein anhänger Wagners 
hiervon wenig erbaut sein kann, lässt sich denken. Aber diese 
leicht begreifliche und selbst zu entschuldigende Verstimmung 
berechtigt ihn noch nicht, dem geschmackvollsten und gebildet- 
sten philologen rohheit und empfindungsarme nüchternheit vor- 
zuwerfen. 



Nr. 3. 71. Xenophon. 139 

Das gesammturtheil üher Nietzsches buch lässt sich kurz 
dahin zusammenfassen, dass der versuch, die grundlage für eine 
Zukunftsästhetik zu schaffen, welche das nothwendige correlat 
zu der Zukunftsmusik bilden würde, als gänzlich gescheitert 
anzusehen ist. — l — 

71. Ueber die abfassung von Xenophons Hellenica. Von 
H. Nitsche. — 4. Berlin 1871 (Programm des Sophien- 
gvmnasiums). 

Man darf in dem jetzt so lebhaft geführten streite um 
den werth und die gestalt der Hellenica des Xenophon wohl 
auf eine baldige klärung der ansichten hoffen, nachdem nun so 
ziemlich alle möglichen vermuthungen über diese Schrift aufge- 
stellt sind, zu deren Vervollständigung uns neuerdings noch 
der nachweis in aussieht gestellt wird, dass die Hellenica sy- 
stematisch interpolirt seien, vergl. E. A. Richter, Untersuchun- 
gen über interpolationen in den Schriften Xenophon's, vorzugs- 
weise der Anabasis und den Hellenicis. — Aber auch die von 
Niebuhr zuerst angeregte frage über die abfassung dieser schrift 
ist noch nicht durch eine endgültige antwort aus der weit ge- 
schafft : während man auf der einen seite noch immer die un- 
terbrochene abfassung der Hellenica bestreitet, kann man sich 
auf der anderen nicht über die stelle einigen, an der die commis- 
eur zu suchen sei. Dem Verfasser der oben bezeichneten schrift 
gebührt das verdienst, durch seine gediegene, mit urtheilsvoller 
gelehrsamkeit geführte Untersuchung zur lösung dieser Schwie- 
rigkeiten wesentlich beigetragen zu haben , indem er die frage 
nach der einheit oder zweitheiligkeit der Hellenica überzeugend 
dahin beantwortet hat, dass die fragliche schrift aus zwei zu 
verschiedenen Zeiten verfassten theilen bestehe, und dass die 
fuge zwischen beiden abschnitten nach dem ersten capitel des 
fünften bnches zu suchen sei. Eine wunderbare bestätigung erhält 
die ansieht Nitsche's durch die in diesen tagen von E. v. Leutsch 
aufgestellte, frappante hypothese (Philologus bd. XXXIII, p. 
97), der zufolge Kratippus und Xenophon identisch seien, in- 
dem dieser den ersten theil seiner Hellenica unter dem Pseudo- 
nym „Kratippus" herausgegeben habe, denn nach der inhaltsan- 
gabe bei Plutarch (de glor. Athen. I, 1) würde das ende der 
sogenannten fortsetzung des Thucydides durch Kratippus mit 



140 71. Xenophon. Nr. 3, 

dem letzten capitel des vierten buches der Hellenica zusam- 
menfallen. — Nachdem Nitsche im eingange seiner schritt kurz 
den stand der frage erörtert hat, wird in §. 2 durch feine be- 
merkungen über Zusammenhang und Sprachgebrauch der nach- 
weis erbracht, dass Hell. III — V, 1 ein abgeschlossenes ganze 
bilden; wir sind überzeugt, dass Nitsche, indem er nach V, 1 
einen abschnitt macht , durchaus das richtige getroffen bat ge- 
genüber Grosser (Jahrb. f. class. Phil. 95, p. 737 ff.), der die 
beiden folgenden capitel noch zum vorhergehenden zieht, denn 
es ist an der von Nitsche angenommenen stelle offenbar ein 
ruhepunkt in der handlung gegeben durch den frieden des An- 
talkidas (vergl. Freese, über den plan, welchen Xenophon im 
zweiten theile seiner hellenischen geschichte verfolgt. Stral- 
sund. 1865). Dagegen ruht unseres erachtens die chronologi- 
sche bestimmung, nach der die abfassung dieses abschnitts in 
die zeit von mitte 384 bis herbst 383 fallen soll, auf unsiche- 
rer grundlage. Denn wenn Nitsche um den terminus ultra quem 
non zu fixiren sich mit Grosser auf die stelle Hell. IV, 3, 16, 
wo es von der Schlacht bei Koroneia heisst : iyit'ezo oft] ovx 
aXXt} rmv y' icp y rjfjiwv, beruft und daraus folgert , dass diese 
Worte vor der Schlacht bei Leuctra geschrieben sein müssten, 
so ist dagegen einzuwenden, dass in anbetracht der zahl der 
kämpfenden die Schlacht bei Leuctra keineswegs bedeutender 
zu nennen ist als die koroneische (vergl. Schambach , Untersu- 
chungen über Xenophon's Hellenica. Jena. 1871, p. 23 ff.). 
Ebenso hat das was weiter über die behandlung von Phlius 
seitens der Lacedaemonier vorgebracht wird, um die zeitgren- 
zen, innerhalb deren der abschnitt verfasst ist, einander näher zu 
bringen, keine gewähr. Kein unbefangener wird auf die worte 
Hell. IV, 4, 15 ol AaxiSaipiovioi — naoiXaßov eine Zeitbestim- 
mung gründen wollen. Xenophon berichtet einfach über das 
verhalten der Lacedaemonier mit dem bekannten wohlwollen, 
und wir finden nicht, dass er gerade hier „den mund sehr voll 
genommen" ; ja man könnte mit demselben rechte sagen, dass 
hier geflissentlich ihr betragen hervorgehoben wird im gegensatz zu 
ihrer späteren handlungsweise. Auch die erwähnung des todes 
des Pausanias (III, 5, 25) ist wenig geeignet als anhält für 
eine Zeitbestimmung, da nichts natürlicher ist, als dass Xeno- 
phon au seine freiwillige Verbannung nach Tegea die fünf 



Nr. 3, 71. Xenophon, 141 

Worte anschliesst : xa« izsXsvr^as (i&vtoi istsT voacp. Die im Zu- 
sammenhang damit aufgestellte folgerung für das todesjahr 
des Pausanias beruht auf einem kreisschluss. Wir können der 
beweisführung nur insoweit beitreten, als wir zugeben, dass das 
fragliche stück nach dem jähre 385 verfasst sein müsse. Die 
behauptung dass V, 2 — VII ein für sich bestehendes ganze 
bilden ist durch gute gründe, die sich leicht vermehren Hessen, 
gestützt, aber eine in dem ganzen stücke bestimmt und eigen- 
tümlich ausgeprägte tendenz scheint unerweislich ; damit ist 
jedoch nicht ausgeschlossen, dass, wie Nitsche klar darlegt, der 
ton in beiden abschnitten ein verschiedener ist; neue argumente 
dafür siehe bei Schambach p. 25 ff. Während es auch für die 
abfassungszeit dieses theiles an bestimmten, direct beweisenden 
stellen fehlt (wenigstens ist die notiz VI, 4, 37 tmv tavta — ■ 
aQ%ijv i?/f, die einen anhaltspunkt geben könnte, nicht chrono- 
logisch genau fixirbar), wird durch sehr geschickte combinatio- 
nen wahrscheinlich gemacht , dass er im jähre 357 oder 356 
abgefasst ist. Wenn wir nun auch oben die behauptung, dass 
der erste theil 384/83 abgefasst sei, als unerwiesen bezeichne- 
ten, so ist doch, selbst wenn man 384/83 als obere zeitgrenze 
ansetzt, bis zum jähre 357 ein genügend grosser Zeitraum 
vorhanden, innerhalb welches die ausarbeitung des ersten thei- 
les trotz des veränderten tones gesetzt werden kann. Im an- 
schluss hieran versucht nun Nitsche das geburtsjahr des Xenophon. 
festzustellen, ohne sich lange mit der Zurückweisung der früheren 
conjecturen zu beschäftigen, da er eine ganz neue fixirung aus 
zum theil unberücksichtigt gebliebenen stellen für möglich hält. 
Durch eine geschickt angelegte Wahrscheinlichkeitsrechnung (in- 
nerhalb deren mit durchschlagenden gründen die unächtheit 
von Oecon. IV, 17 — 25 nachgewiesen wird) kommt der Verfas- 
ser, indem er das alter des Kritobulos und Eutkydemos annä« 
herungsweise berechnet, zu dem überzeugenden Schlussresultate, 
dass Xenophon's geburtszeit zwischen den jähren 442 und 436 
zu suchen sei; mehr glauben wir hier nicht zugeben zu dür- 
fen, denn wenn weiterhin als das wirkliche geburtsjahr 440 an- 
gesetzt wird, so steht und fällt diese annähme mit der conjec- 
tur Cobets zu Apomn. I, 3, 8, tbv '<4%i»xov liöv, deren un- 
antastbarkeit zu erweisen Nitsche nicht gelungen ist. Nach die» 
ßer excursion kehrt Nitsche zu seinem eigentlichen thema zu- 



142 71. Xenophon. Nr. 3, 

rück und erörtert in §. 8 "Die bücher I. II sind erst nach 
dem frieden des Antalkidas geschrieben; sie setzen zwar den 
Thukydides fort, das material aber verdankt ihm Xenophon 
nicht. Die Hellenica liegen uns nicht im auszuge, sondern im 
original vor". Man kann der scharfsinnigen ausführung, in 
der begründet wird, dass buch I. II erst nach dem frieden des 
Antalkidas verfasst seien, die billigung nicht versagen ; nament- 
lich basirt die darstellung auf einer probabeln zurückführung 
des in diesen büchern enthaltenen Stoffes auf seine quellen, in- 
dem die einzelnen orte, die Xenophon nachweislich in seinem 
späteren leben kennen lernte, aufgezählt werden und an ihnen 
mit rücksicht auf die ausführlichere beschreibung, die ihnen an- 
dern gegenüber zu theil wird, gezeigt wird, dass Xenophon bei 
abfassung dieser partien schon jene auf autopsie beruhenden 
kenntnisse in sich aufgenommen haben musste. Die frage, 
ob dem Xenophon tbukydideisches material vorgelegen habe, 
durfte nach den erörterungen von Büchsenschütz (Philol. XIV, 
p. 516 ff.) als abgethan angesehen werden; gleichwohl verdienen 
die argumente, mit denen Nitsche noch Büchsenschütz's ansieht 
stützt, alle beachtung. So entschieden wir mit dem Verfasser 
die angeführte frage verneinen, müssen wir die andere, ob Xe- 
nophon den Thukydides habe fortsetzen wollen, bejahen. Frei- 
lich darf das wort fortsetzung nicht in dem sinne aufgefasst 
Werden, als habe Xenophon den plan des Thukydides wieder auf- 
nehmen und zu ende führen wollen ; es kam dem Xenophon 
nur darauf an, eine Verbindung zwischen seinem werke und dem 
des grossen meisters, dem ohne zweifei der beifall der Zeitge- 
nossen eine längere dauer verbürgte, herzustellen. Stimmt man 
dem oben angeführten urtheile über die person des Kratippus 
bei (Nitsche schliesst sich p. 37 in dieser hinsieht dem urtheile 
von G. Müller und Schaefer an, dem zufolge Kratippus be- 
deutend später als Thukydides gelebt hat, ohne diese sehr ge- 
wagte behauptung neu zu begründen), so kann in zukunft von 
einem eigentlichen fortsetzer des Thukydides nicht mehr die 
rede sein; denn dass Theopomp diesen namen noch viel weni- 
ger verdient als Xenophon, lehrt eine einfache erwägung: seine 
Hellenica umfassten in zwölf büchern die zeit von Ol. 92, 2 — 
96, 3, also siebenzehn jähre, die sogenannte fortsetzung des 
Thukydides aber ging nicht über das erste buch hinaus, somit 
waren in diesem einen buche sechs ereignissvolle jähre zusam« 



Nr. 3. 71. Xenophon. 143 

mengedrängt, während jedes folgende jähr durchschnittlich ein 
buch füllte; es kann demnach das erste buch unmöglich mehr 
als eine flüchtige aufzählung der dem eigentlichen thema vor- 
ausliegenden ereignisse enthalten haben. Ist nun aber die Vor- 
stellung, als habe Xenophon als fortsetzer des Thukydides auf- 
treten wollen, eine irrige, so fällt damit auch jeder grund weg, 
die beiden ersten bücher als ein für sich bestehendes und ein- 
zeln herausgegebenes ganze anzusehen. Was den anschluss des 
Xenophon an Thukydides anbetrifft , so sind wohl heutzutage 
die urtheilsfähigen einig , dass wir den anfang der Hellenica 
nicht mehr besitzen , wahrscheinlich ging er dadurch verlo- 
ren, dass man (in Alexandria?) um eine ununterbrochene con- 
tinuität mit dem werke des Thukydides herzustellen , die An- 
leitung wegschnitt, ein verfahren für das sich analogien anfüh- 
ren Hessen. Mit wenigen Worten deutet Nitsche seine Stellung 
zu der frage an , ob wir die Hellenica im auszug oder original 
vor uns haben und entscheidet mit berufung auf einen inzwischen 
in den Jahrbb. f. class. Phil, erschienenen aufsatz von Büchsenschütz 
für das letztere-, mittlerweile ist auch Breitenbach in einem auf- 
satze im Rhein. Museum zu demselben resultate gekommen. Dass 
die sache indessen damit noch nicht völlig abgethan ist, lehrt 
Grosser (Jahrbb. f. class. Phil. 1873, hft. 2). Mit den aufstellungen 
Nitsche's lässt sieh nun auch die notiz über die Anabasis des The- 
mistogenes vereinigen, da unter der Voraussetzung, dass Xeno- 
phon den ersten theil der Hellenica lange vor dem jähre 357 
geschrieben habe, sich die hinweisung III, 1, 1 auf jene Schrift 
mit der annähme erklärt, dass die Anabasis des Xenophon noch 
nicht existirte; wenn wir nun die ab fassung dieser schrift mit den 
meisten gelehrten in das jähr 372 oder 370 setzen, so erhal- 
ten wir damit zugleich eine untere zeitgrenze für die abfassung 
des ersten theiles der Hellenica. (Stimmt man dagegen der 
erwähnten hypothese über Kratippus bei, so ergiebt sich auch 
die Anabasis des Themistogenes als eine grosse , mit der man 
nicht mehr zu reebnen braucht.) Nitsche macht ferner im an- 
schluss an Morus darauf aufmerksam, dass Xenophon in den 
Hellenica an verschiedenen stellen offenbar den Stoff für die 
Anabasis aufgespart habe und zieht daraus den schluss, dass 
diese schrift wohl nicht lange nach 380 abgefasst sei, freilich 
kann diese bestimmuug nur dann aufrecht erhalten werden, 
wenn man die behauptung, die Hellenica seien 384/83 geschrie- 



144 72. Valerius Flaccus. Kr. 3. 

ben, für erwiesen ansieht. Eng damit zusammen hängt auch 
die folgerung, dass die Persica des Ktesias vor 380 und zwar 
zwischen 387 — 80 verfasst sein müssten, weil sie Xenophon 
in der Anabasis erwähnt. In den bemerkungen über die Ana- 
basis des Sophainetos bewährt Nitsche den gewohnten Scharf- 
sinn, ohne jedoch durchgängig zu überzeugen. Sehr anspre- 
chend sind noch die auf den zweiten theil der Hellenica ge- 
gründeten combinationen über Xenophon's lebensverhältnisse. 
Zum Schlüsse seiner ebenso anregenden als inhaltreichen schrift 
handelt Nitsche noch über die abfassung folgender Schriften : 
nvvtjysTtxog , nsgi mnmtjg, AaxsbaifiOtiwv nokizeia, Ofxoro/fixo£ a 
'Isgoav , lnna.Qiw.6g) KvQovnaiötta, sowie negl InnixTjg von Si- 
mon. Wir müssen es uns jedoch versagen , an dieser stelle 
den ausführungen des verf. weiter nachzugehen. 

Emil Jungmann. 

72. C. Valeri Flacci Setini Balbi Argonauticon libri octo. 
Edidit Carolus Schenk 1. Cum tabula geographica. 8. Be- 
rolini. Weidmann. 1871. — 18 gr. 

73. Studien zu den Argonautica des Valerius Flaccus von 
Dr Karl Schenkl, wirklichem mitgliede der kaiserl. akade- 
mie der Wissenschaften. Wien. 1871 in commission bei Karl 
Gerold's söhn, 114 s. 8. [Aus dem junihefte des Jahrganges 
1871 der Sitzungsberichte der phil.-hist. -classe der kaiserl. 
akademie der Wissenschaften bd. LXVIIL, p. 271 besonders 
abgedruckt]. 

In nr. 73 stellt Schenkl nach einer kurzen Übersicht über 
die neueren leistungen auf dem gebiete der kritik des Vale- 
rius Flaccus im cap. I die wenigen bekannten daten aus dem 
leben des dichters zusammen und geht dann zu einer längeren 
besprechung des werkes desselben über. Hier handelt vf. nach 
einer kurzen erörterung der arbeitsweise jener dichter des ge- 
lehrten Studiums, die wohl nicht zur begründung der allbe- 
kannten thatsachen aus der Überlieferungsgeschichte des Vergil 
bedurft hätte, hauptsächlich über das fragmentarische des Vale- 
rius, woraus er mit recht wie Thilo schliesst, dass das ganze 
gedieht vom dichter nie vollendet gewesen sein könne. Wie 
weit aber Schenkl in seinen annahmen im einzelnen recht hat, 
ist sehr die frage. Sicher sind gewiss lücken nach II, 328, 



Nr. 3. 72. Valerins Flaccus. 145 

VI, 77 und VIII, 139, was schon früher erkannt war, ebenso 
nach II, 331 ; auch mag nach VIII, 440 gegen ende dieses unferti- 
gen buches etwas ausgefallen sein, während vf. mit recht Thilo 
widerspricht, welcher nach II, 317 eine lücke annahm, wenn 
auch SchenkTs herstellung: sed te, vaga Ceto, Proteaqiie ambi- 
guum Phariis est rumor ab antris, zweifelhaft bleiben muss. 
Ebenso richtig verwirft Schenkl gegen Thilo die lücke nach 
II, 565 und nach II, 656 und nach V, 669, wo das SchenkT- 
sche: fessaque nunc cedam sie (tibi in der ausgäbe) femina? je- 
denfalls dem sinne entspricht; auch den Widerspruch, den Thilo 
zwischen IV, 200 ff. und 279 ff. fand, entfernt Schenkl durch 
heranziehung der lesart des V(aticanus) taciti. Dagegen müs- 
sen wir bei der nach VI, 95 von Thilo angenommenen lücke 
beharren, da die ergänzung des objeets (equorum celeritatem) 
aus habenas unmöglich ist. Das gleiche gilt über die lücke 
nach VI, 571 ; denn brevibus praereptus (ereptus schreibt Schenkl 
mit V.) in annis und v. 570 immoritur primaevus Helix, 
ist identisch und kann nicht auf eine person bezogen werden. 
Sicher wäre nach I, 662 nur die lücke, wenn Schenkl mit 
recht den text uniformirend II, 103, 453, 467, I, 490 ceu 
für cum schriebe. Auch ist naturlich mit Thilo die lücke 
vor VI, 102 festzuhalten. Was Schenkl dagegen sagt, beruht 
nur auf einem starken versehen, indem er gegen Thilo polemi- 
sirt, als habe dieser nach 102 eine lücke angenommen, wäh- 
rend dieser ausdrücklich sagt: ante 102 versum intereidisse pro- 
babilius est (vgl. proleg. p. XLVli: post 101 versum intereidisse 
suspicor). — Weniger glück hat Schenkl mit seiner annähme 
von interpolationen, besonders insofern er aus ihnen Schlüsse 
auf die nichtvollendung der Argonautica zu machen sucht; denn 
wenn auch V, 566 mit Bulaeus zu entfernen ist, so kann die- 
ser vers mit Wagner nur als eine in den text eingedrungene 
parallelstelle betrachtet werden. Dasselbe gilt von VII, 572. 
Aber nicht nur in dieser beziehung, sondern auch in bezug 
auf das zutreffende der angenommenen interpolationen selbst 
müssen wir bedeutende zweifei hegen. So ist die Streichung von 
I, 410 wegen des asyndeton ganz willkührlich, da der vers 
augenscheinlich zu dem sinne der ganzen stelle passt; jeden- 
falls fehlt zwischen 409 und 410 ein vers, der die Verbindung 
herstellte. I, 779 — 84 sind allerdings nicht an ihrem platze j 
Philoh Anz. V. IQ 



146 72. Valerius Flaccus. Kr. 3. 

sie jedoch mit Schenkl einfach zu entfernen, ist zum minde- 
sten unmethodisch, zumal, was Schenkl gar nicht erwähnt, be- 
reits Thilo nicht ohne Wahrscheinlichkeit 781 — 784 hinter 816 
zu stellen vorschlug und daher doch wenigstens nur 779 — 80 
anstoss erregen können. I, 831 — 32 enthält durchaus nicht 
dermassen dasselbe, wie v. 827 ff.; dass in erstem nur ein 
anderer entwurf der letzteren zu sehen ist , wird jeder zuge- 
ben, welcher die stelle unbefangen liest. Ueberhaupt verliert 
Schenkl's urtheil dadurch jeden halt, dass vor v. 831 eine 
lücke überliefert ist. HI, 273 steht allerdings ohne allen Zusam- 
menhang, ist aber mit Thilo nach 310 zu transponiren, wo er, 
wie Schenkl selbst zugiebt , einen passenden sinn herstellt. 
Dass dann „kein satz so zu sagen auf den andern 
klappte" ist kein grund für seine Streichung. Möglich bleibt 
ja immerhin , dass Valerius bei gehöriger durcharbeitung das 
asyndeton beseitigt hätte. V, 308 muss gegen Schenkl gehal- 
ten werden mit der conjectur des Columbus alios für altos; 
die homerische stelle (X, 3 ff.) kann nichts zu gunsten Schenkl's 
beweisen, da Valerius doch kein Übersetzer des Homer ist, 
und man noch dazu nie sicher weiss, ob derartige anklänge 
in den spätem dichtem direct auf Homer zurückgehen oder 
durch andere dichter vermittelt sind (vgl. L. Jeep, quaest. crit. 
cett. p. 23, 2). Auch VI, 238 darf nicht voreilig gestrichen wer- 
den. Der fehler liegt in relinqui. Wollte man das wort er- 
klären , so müsste man es natürlich mit Wagner fassen als ut 
et in hostis corpore fixa relinqui gösset. Eine solche erklärung 
stimmt aber gar wenig mit dem brauch ulanenartiger reiter, wie 
die an unserer stelle geschilderten sind: es gehört an die 
stelle von relinqui ein wort, welches die im vorübergehen von 
Burmann erwähnte bedeutung pro suo loco iterum locatum ma- 
uere wirklich haben kann. Durchaus richtig ist dagegen die trans- 
position IV, 213 hinter 208, ebenso mit der editio Aldina und 
Bononiensis die von V, 426 hinter 406 und mit Meyncke von 
V, 584 — 586 hinter 601 , was wir übrigens nicht weniger für 
einen fehler eines librarius halten , als die andern Verstellun- 
gen. — In cap. H spricht sich Schenkl im anschluss an Thilo 
über die handschriftliche frage aus. Ausführlicher als dieser 
handelt er p. 40 ff. über die Excerpta Parisina (L). Auch hier 
gelangt er zu demselben resultate, wie jener, dass nämlich 



Nr. 3. 72. Valerius Flaccus. 147 

diese Excerpta auf V zurückzuführen sein, indem er die ab- 
weichungen jener von V theils aus dem streben nach eigen- 
mächtigen Veränderungen , theils, soweit sie den text verbes- 
sern, für glückliche conjecturen erklärt. Doch dürfte die zahl 
ersterer sehr gering anzusetzen sein; was aber den andern 
punkt betrifft, so ist I, 330 raucos entschieden keine con- 
jectur für paucos , sondern letzteres ist in V dadurch ent- 
standen, dass der Schreiber p für das alte lange y (so) schrieb. 
Ebenso ist im höchsten grade unwahrscheinlich, dass I, 331 
polumque für cretamque eine conjectur sein soll, wie schon 
Meyncke richtig bemerkte, wenn ein solcher versausgang auch 
bei Statius zweimal vorkommt. Dazu finden sich beide stellen 
des Valerius ebenso im codex des Carrion (C), eine Übereinstim- 
mung, die Schenkl in bezug auf raucos nicht einmal erwähnt hat. 
Wenn Schenkl aber meint , dass die annähme Meynckes , cre- 
tamque sei dadurch entstanden, dass jemand bei dem stürmi- 
schen meere an Kreta sich erinnerte und Creta als glosse 
beischrieb, deswegen unwahrscheinlich sei, weil derartige glos- 
seme sich in V nirgends nachweisen liessen, so beruht dies 
eben auf der adoptirten Thiloschen ansieht über das ver- 
hältniss von V und L, deren unzuverlässigkeit das oben ge- 
sagte bereits andeutet. Sehr ähnlich ist die Claud. E. Pr. II, 
170 in die MSS. eingedrungene glosse sicula für dura, über 
die näheres in Ritachl's Acta I, p. 373 ff. Uebrigens ist dem 
excerptenmacher I, 249 jenes isdem für istem nach Thilo's ap- 
parat mit unrecht von Sckenkl beigemessen ; denn isdem schreibt 
Vaticanus 1613 (P) und nicht Parisinus 7647 (Paris. = L), wäh- 
rend 1 , 579 die richtige Überlieferung des Parisinus a parte 
für aperte mit stillschweigen übergangen ist. I, 593 weisen 
auch die Varianten cohoruis V und coorstum L für cohors jeden 
unbefangenen nicht auf eine abstammung des letzteren aus V, 
sondern auf eine unleserliche stelle in irgend einer andern 
handschrift, aus der beide corruptelen flössen. — Pag. 47 — 
59 behandelt Schenkl die frage von dem werthe des codex C. 
Er entscheidet sich nach längern Untersuchungen gegen Meyn- 
cke für die ansieht Thilo's , dass derselbe keinen werth für 
die kritik habe, indem er (vgl. p. 59) auf einem „von einem 
italienischen gelehrten des saec. XV bearbeiteten text" beruhe. 
Die Orthographie jedoch kann nach den alten angaben nicht als 

10* 



148 72. Valerius Flaccus. Nr. 3. 

fester anhaltspunkt angesehen werden und ebensowenig vermag die 
häufige Übereinstimmung des C mit den Jüngern MSS. einen 
massstab für das alter der handschrift zu geben. So steht z. 
b. der Bruxellensis 5381 , welcher bereits die jüngere recen- 
sion des Claudian enthält, den guten MSS. an alter (saec. XI) 
ebenbürtig zur seite , ja übertrifft sie zum theil darin. Die 
emendationen aber , die Schenkl p. 51 als mit den conjectu- 
ren italienischer gelehrten übereinstimmend angiebt, sind zu 
einfache correcturen, als dass man, vorausgesetzt dass man C 
aus V ableiten müsste, nicht glauben dürfte, dass dieselben von 
verschiedenen leuten in gleicher weise gemacht sein könnten, 
indem sie auf rectificirung der gewöhnlichen lesefehler beruhen, 
wie : longo V\ longe C; vocat] novat ; pueris perfusa] pueri spes lusa 
u. s. w. Der verdacht läge, meine ich, viel näher, dass jene alten 
emendatoren ihre Weisheit irgendwelchen handschriftlichen notizen 
verdanken, als umgekehrt. Uebrigens lautet auch die lesart des 
Angelus Politianus V, 147 rupem nicht rupes, und die des En- 
gentinus V, 460 torum nicht toros , wie Schenkl ungenau an- 
führt. Dass aber zwischen den scholien des Carrion vom jähre 
1565 und den Castigationes von 1566 grosse differenzen, wie 
Schenkl p. 52 angiebt, existiren, kann bei der frühern art Ies- 
arten zu notiren nicht im mindesten das ungünstige urtheil über 
Carrion befestigen. Ganz gleiche erscheinungen bieten die 
Claudianausgaben des Heinsius von 1650, 1665 und der drit- 
ten bearbeitung bei Burmann, wo man , um nur eins anzufüh- 
ren, vergleichen möge Epith. Pall. 28 — 29. Ausserdem hat sich 
entschieden mancher druckfehler bei Carrion eingeschlichen, was 
Schenkl um so sicherer behaupten durfte, da ihm in seiner ausgäbe 
IV, 428 derselbe druckfehler entschlüpft ist (Typhoides) wie dem 
Carrion ebendaselbst. Ob dabei die zahl der Verbesserun- 
gen, die C bringt, grösser oder geringer ist, als die corruptelen 
der handschrift darf wahrhaftig nicht in's gewicht fallen. Ei- 
nen schluss auf Carrion's unzuverlässigkeit wenigstens kann 
man daraus nicht machen, welche Schenkl schon p. 48 ff. 
vergebens (vgl. Meyncke, quaest. Valerian. p. 3 ff.) aus eini- 
gen Übeln notizen über seinen ruf herzuleiten suchte, zumal 
wir an dem codex Darmstadieosis des Censorinus einen prüf- 
etein seiner glaubwürdigkeit im taxiren von MSS. haben. Alle 
diese gründe Schenkl's verlieren um so mehr bedeutung, als 



Nr. 3. 72. Valerius Flaccus. 149 

gerade an den stellen, an denen V lücken hat, wie 1H, 146 — 
185 und VI, 439 — 476 C ebenso das richtige bietet als an 
andern stellen. Endlich weist auch der umstand auf die Zu- 
verlässigkeit des Carrion, dass , wie oben gesagt, I, 330 und 
331 eine Übereinstimmung mit L vorliegt, der bekanntlich schoa 
dem saec. XIII angehört, mithin auf eine ältere tradition hin- 
weist. Somit können wir mit dem urtheile Schenkl's über C 
und L nicht übereinstimmen, müssen vielmehr beide als selbst- 
ständige quellen der emendation anerkennen, wenn auch V 
stets das grösste ansehen bleiben muss. Wie ferner Vaticanua 
1653, den Schenkl näher untersucht hat, mit C in eine classe 
in dem Stammbaume p. 67 gebracht werden konnte, ist uner- 
findlich. Eine grössere Verschiedenheit kann man sich wirklich 
kaum denken, wie folgende beispiele zeigen mögen: I, 17 we- 
gue in Vat.1 enim in C ; 38 timens] tuens ; 49 lacera assiduis 
namque] meque assiduis lacera; 130 sperata sedens] insperato U. 
8. w. — In caput ni bespricht Schenkl eingehend V, indem 
er, wie Thilo proleg. p. xl ff. , den einzelnen gründen der 
fehler dieses codex systematisch nachzugehen sucht. Dies ist 
der abschnitt, in dem Schenkl dem Valerius durch emendirung 
einer menge von kleinigkeiten wesentlich genützt hat. So setzt 
er VI, 241 richtig at für et, H, 284 set für et, VII, 135 ut für 
et, VIII, 434 te für et, indem er der vertauschung gleichlau- 
tender worte nachgeht; ebenso III, 295 talisne für talisue^ 
II, 90 dum für cum, VIII, 265 aethere für aequore. Dazu 
kommen andere sichere correcturen, wie III, 593 viri statt 
viris, VII, 486 natique für nataeque, VII, 20 huc statt 
hunc; auch HI, 469 tendunt statt tendit, VII, 226 repeten- 
tur statt repetuntur u. s.w. ; alles emendationen die keines Worts 
der empfehlung weiter bedürfen. Dagegen fehlt es auch nicht 
an weniger gelungenen vermuthungen. So ist die herstellung 
von I, 19—20 sehr verfehlt, wie schon Bährens Fleck. Jahrb. 
1872, p. 198 bemerkt hat, indem Schenkl mit ganz gekünstel- 
ter annähme einer vertauschung der anfangsworte beider verse 
(seu tu und et) v. 19 ac tu herstellt, so dass also et erst noch 
in ac verwandelt wird, während das so nahe liegende Grronov- 
sche si für seu, wie Baehrens richtig hervorhebt, keinen an- 
stoss gibt. V, 660 ist cui falsch geschrieben für das überlie- 
ferte qui} denn Pallas identificirt sich hier mit den Griechen 



150 73. Valerius Flaccus. Nr. 3. 

und die maria, die für diese nondum nota sind, sind es auch 
für sie. I, 13 schreibt Schenkl Solymoque, um das asyndeton 
au vermeiden (Bährens lieber ac) , während das von Heinsius 
vorgeschlagene versa -Idume, welches das asyndeton in natür- 
licher weise entfernt aufzunehmen ist. — Im vierten capitel be- 
handelt Schenkl noch einige einzelne stellen , von denen nur 
die erste als probe einer nicht glücklichen herstellung hier her- 
vorgehoben werden mag, während die andern noch gründlicher 
im Philologus besprochen werden sollen. I, 833 nämlich ist 
in den worten hie geminae aeternum jportae ohne frage aetemum 
sinnlos. Jedoch sowohl das zuerst vorgeschlagene introrsum 
(= hineinführend), was auch sprachlich bedenken hat, als auch 
das dann vermuthete antrorum sind matt und dem sinne we- 
nig entsprechend. Das gleiche gilt von dem zu willkürlichen 
numero, welches Bährens vorschlägt. Es ist wohl zu schreiben 
infernum als genetivus von inferna (= die unterweit). Den 
schluss des capitels bilden wohl zu beachtende auseinanderse- 
tzungen über richtigere interpunction des Valerius. In einem 
anhange führt Schenkl in grosser Vollständigkeit die nachah- 
mungen einzelner stellen bei Valerius an, dem zum schluss ein 
index der behandelten stellen folgt. 

Gemäss dem wünsche Schenkl's, welcher vor der ausgäbe 
des Valerius nur eine ganz kurze praefatio giebt, haben wir die 
besprechung von nr. 73 der besprechung seiner ausgäbe (nr. 72) 
vorangehen lassen (vgl. praef. p. v). Das urtheil über letztere 
ergiebt sich unmittelbar von selbst, denn die Studien zu Valerius 
Bind ja nur die begründung dessen, was Schenkl in seiner aus- 
gäbe geliefert hat. Lassen wir jetzt auch die handschriftliche 
frage ganz aus dem spiele, die, da L und C nur excerpte sind, 
ja nie eine totula Umgestaltung des textes herbeiführen könnte, 
ßo müssen wir allerdings Bährens a. a. o. p. 204 beistimmen, 
dass zwar manches gute für den Valerius geleistet ist, dass 
aber trotzdem „noch immer eine menge wunder stellen ihres 
emendators harrt", so dass auf diesem gebiete die arbeit auch 
noch nicht annähernd erschöpft ist. Das was wir noch hinzuzu- 
fügen haben, bezieht sich mehr auf äusserlichkeiten. Der appa- 
rat nämlich zeigt, wiewohl er zwar nur ein ausgewählter sein 
soll, zuweilen zu auffallende lücken. So war I, 513 zu er- 
wähnen, dass insedimw nur auf conjectur von Zingerlingius be- 



Nr. 3, 74. Claudianus. 151 

ruht, wahrend V insedibus bietet. I, 579 ist natürlich a parte 
(L) aufgenommen für das fehlerhafte aperte (V) 5 trotzdem keine 
erwahnung davon im apparate. I, 781 — 84 war das Thilosche: 
post 816 collocandi videntur , um so nothwendiger zu erwähnen, 
als Schenkl hier selbst in anderer art bessern will. III, 207 
vermisst man donat C (dagegen vgl. Studien p. 51); V, 540 fehlt 
die lesart von C und L; VI, 102 wäre Thilo zu erwähnen ge- 
wesen; es hätte dann auch den oben p. 145 berührten irrthum 
schwerlich gegeben. VI, 288 ersieht keiner aus dem apparate 
Schenkl's, dass er in V hinter v. 245 steht. I, 331 ist die in 
den Studien p. 17 erwiesene lücke im apparat gleichfalls nicht 
notirt. — Druckfehler stossen nicht selten auf. So gleich in 
den corrigenda muss es heissen in zeile 4 für 428 : 408 ; p. 40 
gehört post cet. auf p. 41; p. 53 steht am rande 345 statt 335, 
p. 102 gehört ein häkchen hinter v. 592 statt hinter v. 604; 
p. 123 muss es am rande heissen 620 statt 520 u. s. w. Sehr 
schätzenswerth ist die von Kiepert beigegebene karte, die be- 
deutend zur klaren anschauung des ganzen zuges beiträgt; in 
gleicher weise ist der hinten angehängte Index Nominum sehr 
dankenswerth. Ludwig Jeep. 

74. Die politischen bestrebungen Stilicho's während sei- 
ner Verwaltung des weströmischen reiches von Dr Edmund 
Vogt. Erster theil. Einleitung und quellen, Cöln 1870. 24 
8. 4. (Programm des Apostelgymnasiums). 

Der Verfasser gibt in dieser schrift, deren zweiter theil 
leider ausfallen musste, weil derselbe, wie die schlussnote lehrt, 
zur mobilen armee einberufen wurde, über die quellen, aus wel- 
chen die geschichte des Stilicho für uns zu schöpfen ist, im 
wesentlichen dasselbe, was er bereits in seiner lesenswerthen 
doctordissertation : De Cl. Claudiani carminum quae Stilichonem 
praedicant fide historica, Bonnae 1863, p, 14 ff. gegeben hatte. 
Ein wesentliches verdienst Vogts liegt in der vernünftigen be- 
urtheilung dieser quellen, indem er darauf hinweist, dass weder 
die schriftsteiler der heidnischen partei, noch die der christli- 
chen für den forscher massgebend sein dürfen: beide geben 
nur ein Zerrbild des Stilicho. Mit recht legt daher der Verfas- 
ser gewicht auf Claudianus und den codex Theodosianus. Letz- 
terer ist natürlich ein ganz objectiver zeuge; ersterer verdient 



152 75. Livius. Nr. 3. 

aber, trotzdem er der erklärte lobredner des Stilicho ist, die 
grösste beacktung wegen ßeines engen persönlichen Verhältnis- 
ses zu seinem beiden und dem hofe, in folge dessen es jeden- 
falls ganz unmöglich für ihn war thatsacben zu „erfinden", 
was man ihm in frühem zeiten so gern schuld gab. Dass 
dieses urtheil begründet ist, hat Ney in den Vindiciae Claudia- 
neae 1865 in gründlicher detailuntersuchung gezeigt. So sehr 
wir nun aucb das urtheil Vogt's über Claudianus als quelle lo- 
ben müssen, so darf ihm, dem , wie wir wenigstens hoffen, zu- 
künftigen Schreiber einer zusammenhängenden geschichte des 
Stilicho, der hinweis nicht vorenthalten werden, eine wie grosse 
Schwierigkeit bei der benutzung des Claudianus als historische 
quelle noch darin meist verborgen liegt, dass der text noch 
mehrj wie viele andere texte auch in bezug auf höhere kritik 
im argen liegt. Eine wie weite tragweite dies auch für beur- 
theilung historischer Verhältnisse hat, kann man ersehen aus beob- 
achtungen, die im Rhein. Mus. 1872, p. 618 ff. und auch schon 
früher von Paul (Glogauer progr. 1857) gemacht worden sind. 

Ludwig Jeep. 

75. De pugna ad Trebiam flumen commissa quaestiones 
criticae. Scr. Rob. Pöble. 8. Halis Saxonum, 1872. 27 ss. 

Nachdem ausser Mommsen , Peter, Voigt , Guillaume, Nie- 
meyer, Cron, Binder, welche der vf. genannter schrift benutzt, 
auch La Roche, Herrn. Müller, Ihne, Leop. Vielhaber über die 
Schlacht an der Trebia geschrieben haben , ist es nachgerade 
unmöglich geworden neues vorzubringen; denn das mögliche 
oder unmögliche ist bereits geleistet, wenn zwar nicht ein berg, 
aber doch die stadt Placentia von dem rechten Trebiaufer auf 
das linke versetzt worden ist. 

Der vf., ein schüler Momnisens, nach dem stile mehr histo- 
riker als philolog, hat die Schlacht selbst nur wenig berührt, 
dafür aber die lokalfragen bezüglich der Stellungen der beiden 
armeen einer nachprüfung unterzogen. Mit recht setzt er nach 
dem gefecht am Tessin beide lager anfänglich auf das linke 
Trebiaufer , lässt dann in folge der desertion der Gallier den 
Scipio auf das rechte übergehen, und die schlacht endlich wie- 
der auf dem linken geschlagen werden. Der entgegengesetzte 
calcül gründet sich meist darauf, dass man das ross am schwänz 



Nr. 3. 76. Tacitus. 153 

aufgezäumt und aus einer von Livius angehängten (caeliani- 
schen) notiz über den rückzug der römischen lagerbesatzung 
(21, 56, 8. 9) falsche rückschlüsse auf die früheren nach Po- 
lybius geschilderten bewegungen gezogen hat. Der andere grund 
des irrthums ist dem vf. verborgen geblieben: er liegt darin, 
dass Liv. 21, 52, 2 eine aus Polybius geschöpfte notiz: quod 
tnter Trebiam Padumqiie agri est etc., wo er von den römischen 
consuln spricht, eingesetzt hat, während in seiner quelle die 
worte fxejaiv iov IIuSov xat toii Tgeßi'a xrL sich an Hannibals 
einnähme von Clastidium anreihen und sich daher auf das west- 
liche Trebiaufer beziehen. Somit bleiben Mommsens worte be- 
stehen, dass die läge des Schlachtfeldes wohl bestritten worden, 
aber nichts desto weniger unbestreitbar sei. 

Einen neuen und richtigen gedanken haben wir p. 13 oben 
gefunden, dass die nach Polybius am Tessin erfolgte gefangen- 
nehmung der 600 Eömer von Livius nicht aus flüchtigkeit, wie 
andere glauben, an den Po verlegt worden sei, sondern nach 
Caelius, den Livius 21, 47, 3 ff. mit Polybius contaminirte. Die 
weitere Verfolgung der Verschiedenheit der beiden traditionen, dass 
sich nach Caelius Scipio nach Placentia zurückzog, nach Poly- 
bius nur in die nähe der Stadt (negi), hätte die Verwirrung bei 
Livius und den neueren noch deutlicher machen können. Wel- 
che Stellung Scipio einnehmen musste , um dem Hannibal die 
Strasse nach Rom zu sperren und den Sempronius abzuwarten, 
sagt der gesunde menschenverstand ; Polybius unterstützt diese 
auffassung in allen theilen , und die paar Widersprüche des Li- 
vius lassen sich erklären , ohne dass man mit Niebuhr an- 
nimmt, Sempronius sei über Genua statt über Ariminum ge- 
kommen. 

Liv. 21, 56, 8 schlägt Pohle vor, die lücke mit sparsorum 
statt mit sauciorum auszufüllen ; unter den druckfehlern bemer- 
ken wir p. 9 z. 6 peditibus statt equitibus. E. W. 

76. Taciteische Formenlehre. Von Dr C. Sirker. Ber- 
lin. Ebeling und Plahn. 1871. 64 s. — 20 sgr. 

Mit dieser Schrift von Sirker wird der cyklus von „ab- 
handlungen zur grammatik, lexikographie und literatur der al- 
ten sprachen" eröffnet, welche die Ebeling -Plahn'sche Verlags- 
buchhandlung herauszugeben beabsichtigt. Wir können, nur 



154 76. Tacitua. Nr. 3. 

wünschen, dass uns durch dieses unternehmen recht bald mehr 
solche specielle arbeiten über einzelne Schriftsteller, von denen 
wir ja jetzt für eine grosse anzahl recht gute kritische ausga- 
ben besitzen, gebracht werden, denn erst so sind die lücken, 
welche die umfassenderen werke von Schneider , Haase , Neue 
u. s w. natürlicherweise in sich bergen, zu beseitigen. Wäh- 
rend die syntax einzelner Schriftsteller schon genaue bearbei- 
tungen gefunden, ist jedoch die formenlehre bis jetzt noch recht 
stiefmütterlich bedacht. Sirker behandelt nun die Taciteische for» 
menlehre und zwar p. 5 — 22 die der substantiva, darin in beson- 
deren paragraphen das genus, sing, und plur. tantum, defectiva, abun- 
dantia, ferner p. 34 adjectiva, p. 40 Zahlwörter, p.42 pronomina, p. 
46 Zeitwörter, p. 63 adverbia. Bei den einzelnen formen ist die 
literatur aus den alten wie neueren grammatikern sehr reichlich 
gegeben , selbst für die allgemeineren erscheinungen , so dass 
ähnliche arbeiten später nur auf Sirker zu verweisen brauchen, 
allerdings hier und da auch wohl ergänzend. Was jedoch die 
citirmethode von Sirker aus den ,, alten" grammatikern an vie- 
len stellen bedeuten soll, sieht gewiss selbst derjenige schwer- 
lich ein, welcher nur die formenlehre von Neue besitzt, ge- 
schweige der, dem die übrigen neueren hülfsmittel zu ge- 
böte stehen. Was soll es z. b. bedeuten, wenn, um nur 
bei den ersten zwei paragraphen stehen zu bleiben, in §. 
1 angeführt wird: cf. Varro L. L. VIII, 38, 73; Prise. 
VI, 1, 6 Keil., (p. 679 P., 222 Kr.); Char. I, p. 107 K. 
(83 P., 60 L.) und in §.2: cf. Prise. VII, 3, 9 K. (32 P 
(muss , wie Neue auch giebt , 732 heissen) , 236 Kr.) — stel- 
len , die wir alle zusammen bei dem auch von Sirker in die- 
sen paragraphen citirten Neue mitsammt dem texte vorfinden?! 
Dass derjenige, welcher sich mit derartigen fragen der formen- 
lehre beschäftigt, wenigstens das buch von Neue besitzt, darf 
doch billigerweise als selbstverständlich vorausgesetzt werden. 
Was die belegsteilen zu den einzelnen stellen anbetrifft, so sind 
sie von Sirker mit grosser Sorgfalt gesammelt und nur wenige 
ungenauigkeiten sind ihm untergelaufen. Es hätte jedoch das 
verhältniss der weniger gebräuchlichen formen zu den gewöhn- 
lichen nicht nur hier nnd da, sondern durchgehends angegeben 
werden müssen, denn erst dadurch gelangen wir zu der richti- 
gen beurtheilung der diction eines Schriftstellers. Sehr zu be- 



Nr. 3. 76. Tacitus. 155 

dauern und fast unbegreiflich ist es, dass dem Verfasser die in 
der Tacitusliteratur epoche machenden abhandlungen von Wölff- 
lin „Jahresbericht" im XXV., XXVI. und XXVII. band des 
Philologus unbekannt geblieben sind: es hätte, abgesehen davon, 
dass Sirker sehr vieles aus diesen arbeiten hätte schöpfen kön- 
nen und häufig eine zuweilen auch berichtigende Verweisung 
auf sie ausreichend gewesen wäre, die schrift von Sirker eine 
weitergehende bedeutung leicht erreicht, indem sie nämlich auf 
die darlegung der allmählichen entwicklung im Taciteischen stil, 
der sich gerade auch in der formenlehre sehr anziehende seiten 
abgewinnen lassen, rücksicht genommen hätte: man vergleiche 
u. v. a. beispielsweise den §. 40 Äbundantia mit der interessan- 
ten darstellung von Wölfflin b. XXV, p. 99 ff. Unbekannt ist 
Sirker von neueren arbeiten z. b. auch die von Unico Zernial über 
den genetiv. Göttingen 1864, der p. 91 de formis genetivi. al- 
lerdings unvollständig, handelte: vgl. Philolog. XXV, p. 133 
und XXVII, p. 117 anm. Nun noch einige einzelheiten. In 
§. 1 muss es statt Neue formenlehre I, p. 63 heissen p. 6 und 
daselbst ist für Caesar und Livius statt „doch nicht weniger 
gebräuchlich auch in dieser Verbindung (pater u.s. w.) ist familiae" 
zu setzen, dass diese Schriftsteller sich immer nur der form fami- 
liae bedienen. — In §. 3 ist zu berichtigen, dass Nipperdey 
in seinen beiden neuesten ausgaben den contrahirten ablativ 
auf is nicht mehr aufgenommen hat: ebenso schreibt Heraeus, 
auch in den §. 10 citirten stellen stets iis. — §.11: nummo- 
rum steht nicht Ann. XV, 5 , sondern XI, 5, 6 (die letzte zahl 
bedeutet die zeile iu der Teubn. ed. von Halm.). Die form 
liberorum noch Germ. 19, 14. H. III, 68, 12. XIV, 59, 3, fer- 
ner deorum (§. 12) nicht sechsmal, sondern mindestens vierzehn- 
mal: es fehlen Germ. 9, 1. 9, 9. 10, 17. 33, 5. H. HI, 82, 5. 
IV, 64, 5. V, 3, 7. Ann. III, 36,6. Bei diesen formen des genet. 
plur. auf um statt orum wäre z. b. für die entwicklung des 
taciteischen stils zu bemerken gewesen, dass in den kleinen 
Schriften die bildung auf orum die allein zulässige ist. Diese 
beobachtung war dann für Agr. 27 zu verwerthen, denn schon 
aus diesem gründe ist die emendation von Rhenanus eine noth- 
wendigkeit. — §. 16 : turrim ausser den drei citirten stellen 
noch XV, 11, 4, wie in §. 17 penatium noch Hist. I, 51, 19. 
Ann. XV, 45, 2 wird nach den ed. von Nipperdey, auch in 



156 77. Geographie. Nr. 3. 

der von 1872, civitatium gelesen, nicht civüatum, welche letztere 
form Sirkermit recht in den kleineren Schriften (Agr. 27 und 29) 
aufgenommen wissen will, voluptatum steht noch Hist. II, 62, 8. 67, 
10. Ann. II, 73, 7. XIV, 14, 11. XV, 36, 16. 48, 11. XVI, 18, 13, wie 
tempestatum Agr. 10, 21. Hist. II, 8, 9. Ann. III, 54, 20. — 
§. 32 : den lokativ domui giebt auch Nipperdey. Der dativ 
steht nicht nur nach Zernial p. 92 anm. 6. Hist. IV, 68, 9, 
sondern auch noch Ann. V, 4, 11. XIV, 7, 13. — Bei ad 
hunc diem (§. 35) fehlen Hist. I, 30, 16 und XH, 42, 12. — 
Der ablativ lauru (§. 40, p. 31) findet sich XV, 71, 3. — 
Mit recht behält Sirker (§. 41) das überlieferte alacrior gegen 
Halm, Nipperdey u. a. bei, dagegen ist die von Sirker (§. 51, 
p. 43) empfohlene conjectur von Latinus Latinius (nicht von 
Dryander, wie angegeben wird) quicum im Dial. 37 mir sehr un- 
wahrscheinlich: vgl. meine bemerk, im Philol. XXXII, p. 723. 
§.54: expleverint Hist. IV, 14, 16: impleverat noch Ann. IV, 9, 
3 und complevere Ann. III, 2, 13 wie adolevere Hist. V, 7, 5 
und adolevisse Hist. IV, 24, 8. Gegen Halm und Heraeus ist 
ohne zweifei richtig (p. 57) von excindere im part. perf. die 
überall überlieferte form mit einem s aufrecht gehalten, wie 
auch Nipperdey in den drei stellen aus den Annalen schreibt, 
während Heraeus doch wohl richtig von abscidere in den Hist. H, 
88, III, 74. 78 auch diese form giebt. dbscindere steht nicht 
Ann. XIV, sondern XV, 69, 11. enisus (p. 61) noch XIV, 
28, 10 und subnixus nicht XIH, 7, sondern 6, 18. §. 62: 
queat noch Ann. HI, 54, 27. Ueber nequibant nach Sirkers 
conjectur XIII, 41 vgl. Philolog. XXVII, p. 147. 

Schliesslich möchten wir den wünsch ausdrücken, dass der 
Verfasser im anschluss an seine eigene und an die Wölfflin'schen 
abhandlungen bald eine ergänzende arbeit in beziehung auf die 
entwicklung des taciteischen Sprachgebrauchs veröffentlichen möge. 

Greef. 

77. Itinerarium Alexandri ed. Didericus Volkmann, 
Einladungsprogramm der landesschule Pforta zum 22. mai 1871, 
4. Naumburg. 1871. 

Wie es sich noch immer gelohnt hat die von Angelo Mai 
zuerst edirten alten Schriftwerke einer genauen revision nach 
den haudschriftea zu unterwerfen, so giebt Volkmann in der 



Nr. 3. 77. Geographie. 157 

ausgäbe des obigen Itinerars einen neuen beweis für diese 
thatsache; denn auch dieser text ist von Mai gar nicht selten 
mit der oberflächlichen leichtfertigkeit entstellt worden, die sich 
über geringere und grössere Schwierigkeiten hinweghilft, sobald 
nur eine scheinbar mögliche lesung gegeben ist. Zwar hat 
nicht der herausgeber selbst die ursprünglich avignoner, jetzt 
ambrosianische handschrift, die einzige, welche das werk erhal- 
ten hat, nachcollationiren können, sondern er verdankt diese 
arbeit den geübten äugen und der gute Studemunds; was aber 
aus einer solchen collation zu machen ist , hat er in allen be- 
ziehungen daraus zu machen gewusst. Die ausgäbe ist jedes 
lobes werth. Der vielfach corrumpirte text ist durch meist 
leichte und gefällige correcturen fast überall lesbar gemacht, 
die noten geben die ab weichungen der handschrift, conjecturen, 
hie und da zur begründung der in den text aufgenommenen 
einzelne parallelstellen. Die prolegomenen berichten über den 
zustand der handschrift, geben reichliche Zusammenstellungen 
der charakteristischen fehlerclassen ihres textes, aus denen das 
maass abzunehmen ist , wie viel etwa bei conjecturen gewagt 
werden kann. Dazu erfahren wir, dass ausser H. Haase's und 
Kluge's einschlägigen abhandlungen noch A. Koch, E. Peiper, 
L. Dilthey und A. Kiessling den herausgeber in freundschaft- 
licher weise durch ihre beihülfe unterstützt haben , worüber die 
noten im einzelnen berichten. 

Eine hauptschwierigkeit für die kritische arbeit am texte 
liegt in der wahrhaft eisernen latinität desselben, in die man 
sich erst mit anstrengung hineinliest, und deren geschnörkelter 
etil an schwierigen stellen oftmals alles nachsinnens spottende 
räthsel aufgiebt. Nicht selten steht daher eine conjectur der 
andern mit ziemlich gleicher Wahrscheinlichkeit gegenüber, feste 
kriterien fehlen da, welche die entscheidung nach der einen 
oder andern seite hin fördern könnten, dem sinn der stelle 
scheint auf mehr als eine weise genügt zu werden. Man wird 
sich indess meist mit dem herausgeber einverstanden erklären, 
der dann gewöhnlich diejenige lesung vorzieht, welche sich 
den überlieferten schriftzügen am nächsten anschliesst. Ueber- 
all aber wird man den eindruck solider arbeit und umsichtiger 
erwägung aller in betracht kommenden gesichtspunkte em- 
pfangen. 



158 77. Geographie. Nr. 3. 

Zu ein paar stellen sei es erlaubt neue vorschlage zu ma- 
chen. Gleich die ersten worte schreibt der herausg. nach Haa- 
se's Vorgang : Dextrum admodum sciens et omen tibi et magisterium 
futurum, domine Constanti, si . . . itinerarium . . , Alexandri . . , 
componerem, während die handschrift ome mit einem strich über 
dem m (also nicht über dem e) und magisterio futurorum bietet. 
Das erstere wort kann danach wohl omine gelesen und der 
handschriftliche text völlig beibehalten werden. — Die Schlacht 
am Granicus wird c. 9 mit den worten eingeleitet: Ita res 
belli audaciane an vero fortuna plus valeat (so nach Haase : die 
handschrift plus sua), haud pronunties exemplo praesentium. Dann 
wird der Übergang über den fluss beschrieben, nach der vom 
herausg. und Dilthey gegebenen lesung in folgender weise: 
Vbi ordo .... incertus ubi solidum vadi, divina fortuna vix ta- 
rnen profundo sese vultu modo liberi dexterisgue emersissent mutuo 
adminiculabundi, mox eis erat scutum levare etc. Die handschrift 
ist hier schwer verdorben, sie giebt : incerta sub soli validi divinae 
fortuna. Im obigen texte tritt der gegensatz zwischen der for- 
tuna und audacia nicht deutlich hervor, auch missfällt der aus- 
druck divina fortuna, endlich fehlt das moment des herabstei- 
gen in den fluss, auf das doch zunächst gewicht zu legen ist. 
Mir scheinen diese Schwierigkeiten beseitigt, wenn man liest: 
Ubi ordo . . . incerta subdoli vadi [vgl. Tac. Hist. 5, 14: loci 
forma, incertis vadis subdola] divinante fortuna, vix tarnen pro~ 
fundo sese . . . immersissent. — In c. 19 scheint mir bei der 
beschreibung Gaza's zu lesen : quod urbs . . . harenis circa per- 
pinguibusve (vgl. die proleg. p. viii) umectis satis subsidiis vallare- 
tur, während der herausg. nach Mai perpinguibus et (die hand- 
schr. ut) schreibt; mir scheint letzteres beiwort unmöglich mit 
harenis verbunden werden zu können. — Bei der gründung 
Alexandria's c. 20 mangelt es an kreide um den strassenplan 
vorzuzeichnen , die architecten sollen daher mehl dazu benutzt 
haben : eximissere solo pingendo paruisne, wie es in der handschrift 
heisst. Das letzte wort ist offenbar corrumpirt, malim o per am 
navasse, fügt der herausg. bei, mir scheint pares fuisse die 
einfachste correctur. 

Mag aber auch hie und da im texte vielleicht eine kleine 
nachbesserung möglich sein, in allem wesentlichen liegt er uns 
in Volkmanus ausgäbe gewiss definitiv gesichert vor. D. D t 



Nr. 3. 78. Cicero. 159 

78. M. Tullii Ciceronis epistolae. Eecognovit D. Alber- 
tus Sadolinus Wesenberg, praeceptor primarius scholae Ca- 
thedralis Viburgensis. 8. Vol. I. Lipsiae. Teubner, 1872. — 1 thlr. 

Von Wesenberg, dessen Verdienste um die kritik der briefe 
Ciceros bekannt sind, erbalten wir bier eine neue recension dersel- 
ben. Die erwartungen, mit denen man einer solcben entgegen- 
sehen musste , sind nicht unerfüllt geblieben , wenn gleich an- 
drerseits mängel darin hervortreten , auf die man kaum gefasst 
sein konnte. Zunächst fällt die nicht geringe zahl der druck- 
fehler auf, die in einer solchen ausgäbe durchaus unzulässig er- 
scheinen. Es sind von mir deren folgende angemerkt: 1, 2, 2 
unter dem text cubierant und cubierunt statt cupierant und cupie- 
runt; 6,20, 3 tu statt tui; 10, 33, 3 hello statt bellum; 12, 44, 
4 a mare statt ad mare; 13, 16, 4 litteras statt litteris; 13, 75 
neminisse statt meminisse; 14, 4 rum statt cum und considecetis 
statt consideretis ; 15, 1, 6 satuti statt saluti; 15, 4, 4 augustiis 
statt angustiis, ebenso 16, 21, 4 ; 15, 10, 1 eorum statt earum; 
16, 15, 10 opertuerat statt oportuerat; 16, 21 in der jahresan- 
gabe 71 statt 710-, ad Quint. fr. 1, 2, 7 in der anmerkung 
magnam statt magnum. Einen noch viel ungünstigeren eindruck 
macht die geflissentliche nichtachtung alles dessen , was in 
Deutschland für eine wissenschaftliche lateinische Orthographie 
geschehen ist. Es soll nicht davon die rede sein , dass hand- 
schriftliche formen wie Laudicea, Haedui, Clytemestra verschmäht 
sind, aber dass neben abiicere, quotidie, intelligere, epistola und 
vielem ähnlichen auch das längst begrabene quum uns nicht er- 
spart bleibt, ist doch zuviel. Wozu nützen denn alle hülfs* 
büchlein, alle Verhandlungen auf philologenversammlungen, wenn 
diese dinge in den ganz eigentlich für den gebrauch der klasse 
bestimmten ausgaben uns immer wieder vorgeführt werden, oder 
wie kann ein gewissenhafter lehrer seinen Schülern bücher em- 
pfehlen , in denen seinen eigenen Vorschriften so geradezu 
entgegengearbeitet wird ? Gern wende ich mich nach dieser 
rüge , die nicht unausgesprochen bleiben durfte , zu dem fort- 
schritt , den die ausgäbe auf dem gebiet der kritik bezeichnet. 
Dieser besteht zunächst in der ausdehnung, mit der das von 
frühern herausgebern geleistete zu seinem rechte kommt. Viel- 
fach ist auf Ernesti zurückgegangen , nicht selten auch auf 
Lambin , der wie keiner im ciceronischen Sprachgebrauch zu 



160 78. Cicero. Nr. 3. 

hause war, ebenso sind die lesarten aus Cratander und den 
älteren ausgaben mehrfach benutzt, nur hätten sie wohl noch 
öfter in als unter dem text platz haben sollen. Die eigenen 
Verbesserungen des Verfassers betreffen zum grossen theil die 
interpunction. Wenn ich gestehen muss öfter nicht einzusehn, 
weshalb ein kolon statt eines semicolons, ein semicolon anstatt 
eines punktes gesetzt ist und dergleichen mehr , so kann ich 
mich nur einverstanden erklären mit der durchgreifenden an- 
wendung der dem briefstil durchaus entsprechenden parenthese, 
die, von den früheren herausgebern vielfach verkannt , jetzt in 
eine menge von stellen licht und deutlichkeit bringt. Weiter ist 
wiederholt mit recht hi und Ms. in ei und eis verwandelt worden, 
wofür man freilich lieber i und is geschrieben sähe. Auch der 
zusatz eines e in den abgekürzten formein s. v. b. e und s. v. 
b. e. e. v. 12, 16; 14, 11; 21; 23, 24; 15, 19 kann nur gebilligt 
werden. Zweifelhaft bleibt der zusatz der copula bei zwei Sub- 
stantiven, wie virtutis, industriae 3, 12, 1; consilio, studio &, 7, 
6; studiis, beneficiis, 7, 5; Studium, diligentiam 12, 15, 6; studio 
diligentia 13, 11, 3 ; luctum, laborem ad Q. fr. 1, 4, 4, da die stel- 
len sich gegenseitig schützen. Anderweitige, vornämlich in kleinen 
nachbesserungen des ausdrucks bestehende änderungen, wie den 
zusatz von et bei folgendem et ; levissime für lenissime und umge- 
kehrt, änderungen der tempora, dieanwendung des conjunctivs und 
des indicativs in nebensätzen abhängiger rede, womit man 
durchweg einverstanden sein kann, übergehe ich, um in kur- 
zem die stellen zu besprechen, in denen die lesart von Baiter 
wieder herzustellen sein wird. 1, 9, 19 verräth die anordnung 
der terenzischen verse : Phaedriam intromittamus commissatum, tu: 
Pamphilam, wenig metrisches gefühl, wie auch 12, 25, 5 in dem 
Andriaverse: nunc hie dies aliam vitam affert, alios mores postulat, 
wunderlicher weise die handschriftliche lesart defert verschmäht 
ist, hier freilich mit Baiter; 3, 10, 11 ist perfecta, ebenso 
wie 13, 6, 4 jperfectum beizubehalten, wie auch Bücheier de pet. 
cons. 22 richtig perßciatur geschrieben hat; 4, 9, 4 ist nach stul- 
tum verkehrt est hinzugesetzt, da offenbar sit gerade wie nach 
duri zu ergänzen ist. 5, 13, 4 wird in omnium desperatione 
durch Caes. Bell, civil. 1, 5, 3 geschützt. Dass 9, 14, 3 
gratulor tibi cum ebenso wie 13, 24, 2 maximas gratias ago cum 
anstatt quod das richtige ist, zeigt Plaut. Truc. 1 , 6, 35 f. und 



Nr. 3. 78. Cicero 161 

an anderen stellen. 5, 8, 5 quod eius fieri possit, durfte auch 
nicht unter dem text quoad vermuthet werden, ebenso wenig wie 
3, 2, 2 quod eius facere potueris und 14, 4, 6 cura , quod potes 
(vrgl. de Pet. cons. 36 quod eius fieri potuerit bei Bücheier). 13, 
1, 2 ist jedenfalls communia nach omnia nothwendig, ebenso 13, 
7, 2 ei nach commune; 13, 66, 1 calamitosum nach talem unerträg- 
lich. 15, 14, 3 ist consequeremur nach utemur unverständlich. 
14, 9 kann an der richtigkeit von ut de Dolabellae wohl kein 
zweifei sein. Ep. ad. Q. fr. 1, 1, 10 setzt Wesenberg certe 
scio mit M, aber was will eine solche vereinzelte stelle besa- 
gen, wenn man 4, 13, 6; 5, 2, 7, wo Wesenberg unrichtig credo 
schreibt; 6, 3, 2; 6, 51; 10, 29; 11, 5, 2; 13, 1, 4; 13, 41; 
14, 19 dagegen halt. Ep. ad Q. fr. 2, 5, 2 durfte die schöne 
Verbesserung Mommsens Exiturus a. d. VIII, mit tilgung des- 
selben wortes 2, 4, 2 nicht aus dem text entfernt werden. 
An diese stellen mögen einige eigene vorschlage sich rei- 
hen, indem ich zunächst auf meine Conjj. Tüll. p. 31 ff. ver- 
weise, die Wesenberg nicht gekannt bat, aber mit denselben Ep, 
ad fam. 1, 9, 20 in proxumis superioribus ; 10, 24, 3 in [faZ/s] ; 
Ep. ad Q. fr. 1, 1, 40 in avaritia und multo fuit; de pet. cons. 
34 in utare frequentia zusammengetroffen ist. Auch propinquo 
te die 16, 3, 2, das er J. Krauss (fälschlich von ihm Krause 
genannt) zuschreibt, findet sich schon N. Rh. Mus. 12, 8, p. 270. 
Weitere vorschlage also sind folgende: 1, 2, 4 agantur omnia 
omni mea\ 1, 7, 10 tu id ut tuis wie 2, 16, 1 te id ut non 
putem; 5, 7, 1 litteris tuis; 5, 19, 2 alterum tribuam timori; 

6, 5, 3 summamque dicendi vir tut em] 6, 17, 1 in litteris tuis; 

7, 1 4 artem deponerem statt desinerem (?); 10, 12, 2 et eas Ut- 
teras ; 10,21, 7 excuso litteris ohne fragezeichen ; 11, 11, 2 con- 
soldbor ine; 12, 20 quodsi ut soles (statt es), cessabis; 13, 71 te 
et (statt et te) facere posse et libenter mea causa facturum esse ; 
13, 29, 1 quae specicm habent aliquam aus habeant'?); 13, 43, 
1 tarnen iam ea aus tarnen mea\ 13, 63, 1 paucis verbis [sed ta- 
rnen] ut, da sed tarnen eben vorhergegangen ist. 14, 19, 1 et 
iam (statt etiam) ante fecissem; 15, 4, 6, ex toto regno coacto 
iis(f); ad Q. fr. 1, 1, 45 singularem in te amorem infinita avidi- 
tas mit Ursinus. 

Schliesslich noch einige worte über die schrift de Petitione 
consulatus, von der bekanntlich schon 1869 die neue ausgäbe von 
Philol. Anz. V. H 



162 79. Griechische geschichte. Nr. $. 

Bücheier erschienen ist. Da Wesenberg dieselbe nicht benutzt 
hat, so können sich beide recensionen gegenseitig ergänzen, 
wiewohl nach meiner ansieht Büchelers arbeit bedeutend höher 
steht. An einzelnen stellen, wie 7 nam (anstatt iarn)... putet op or- 
ter e; 8 cum alios, quos ad tabellam poneret, non haberet; 33 
tum autem, quod equester ordo tuus est, sequuntur Uli; 34 utare 
frequentia hat Wesenberg das richtigere; an vielen anderen 
Bücheier, so steht 3 commonendo für commendando (so schon in den 
conjj. Tüll. p. 34); 4 \ac numero] ; 6 qui volunt; 10 vivo stanti 
ohne -4- (vgl. Cypr. de cath. eccl. un. 18 stantes atque viventes rece- 
dentis soli hiatus absorbuit) ; 1 6 laborem. Petitio magistratus divisa est : 
1 2 qui nequaquam sunt tarn genere quam virtute nobiles ; 44 tarnen 
si ab amicis laudatur (conjj. Tüll. p. 34 f. tarnen ab amicis si 
laudatur). Noch füge ich hinzu, dass 23, wo Bücheier studio- 
rum streicht, vielleicht noch besser dafür studiosorum geschrie- 
ben wird, und 26 in dem handschriftlichen magne aestimare ein 
magni se aestimare zu liegen scheint. H. A. Koch. 

79. De tempore quo templum Iovis Olympiae conditum 
sit disputatio. Scr. Conr. Bursian. 4. Index scholar. hi- 
bern. in Univers. Ienensi habend. 1872. (13 s.). 

In den Verhandlungen der Halle'schen Philologenversamm- 
lung, Leipzig. 1868, p. 70 fgg. , sucht Urlichs die durch 0. 
Müller ausser curs gesetzte ansieht Heyne's wieder zu ehren 
zu bringen, dass die Zerstörung von Pisa und der bau des 
Zeustempels in Olympia erst zur zeit des Pheidias in der mitte 
des fünften Jahrhunderts vor Chr. vor sich gegangen sei. Um 
dieser ansieht ihre hauptstütze zu entziehen, will vf. die worte 
des Pausanias 5, 10: inoiijOij 6 taög xul 76 äyal t ua rtjj 
dn and Xacfivocov, ?;»«x« Iliaav vi Hltlvi xat oaov twv nsniot- 
xeov aXXo aviane.GT)] Uiaaimg noltitm xuOtü.or, durch annähme 
einer ellipse [inotrjOr] — um) kayiQejv, tu ös Xiicfvaa 
Tavru iXt'jcpOt], i/i-ixa Illaav 01 'Hitint — xadtilnr) so ge- 
deutet wissen, dass nur die enichtung des tempels und die 
Schöpfung der Zeusstatue durch Pheidias dem fünften Jahrhun- 
dert, der Untergang der stadt dagegen einer weit früheren zeit 
(Ol. 52 = 572 — 568 v. Ch.) zugewiesen werden kann. Die 
vom vf. angezogenen parallelstellen kommen aber dieser äusserst 
gewagten auslegung nicht zu statten: bei Paus. 10, 21 xovto 



Nr. 3. 79. Griechische geschickte. 163 

insyiyganro (dies war darauf zu lesen), ttq\v rj tovg avv 2vl\a 
zag acniSag xa&sleiv, ist die annähme einer ellipse (xcu avs- 
xsno avti] t] aanlg, tzqIp rj) unnöthig und Paus. 5, 17, ist nach 
Bursians eigner deutung die ergänzung in ganz gewöhnlicher 
weise aus den nächststehenden textesworten zu entnehmen ; 
wogegen die hereinnähme eines satzes von besonderem inhalt, 
für welchen weder die worte der nächsten Umgebung noch (wie 
bei der ellipse von «?>•«*, ihat, noiüv udgl.) die construction des 
textes einen anhält und eine andeutung gibt, eine anomalie in 
sich schliesst, welche willkürlichen erklärungen thür und thor 
öffnen und aus allem alles zu machen gestatten würde. 

Nicht glücklicher ist Bursian in dem versuch, ein andres 
von Urlichs vorgebrachtes argument zu widerlegen. Als zu 
seiner zeit (in ipso) von den Eleern zerstört nennt Herod. 4, 
148 allerdings nur triphylische städte, nicht auch Pisa: eben 
weil er von Pisa zu reden dort keinen anlass hat. Wir wissen 
aber , dass von den sechs hier genannten triphylischen Städten 
nur Lepreon der Zerstörung entging, und gerade die grösste 
unter den fünf andern, die Herodot an erster stelle nennt, Ma- 
kistos war es, welche nach Pausan. 6, 22 an dem aufstand von 
Pisa sich betheiligte und mit ihm auch das Schicksal der Zer- 
störung getheilt hat. Ist nun Makistos erst zur zeit Herodots 
zerstört worden, so folgt, dass auch die Stadt Pisa bis in des- 
sen zeit bestanden hat. 

Eine dritte stelle (Strab. 8, p. 355) , welche gleichfalls 
den Untergang von Pisa mit dem der meisten triphylischen städte 
verknüpft und diese ereignisse in die zeit des letzten messe- 
nischen aufstandes, also in die mitte des fünften Jahrhunderts 
setzt, nennt Bursian zwar unter den belegen, welche für die 
von ihm bekämpfte ansieht aufgeführt worden sind, unterlässt 
aber anzugeben, was er von diesem zeugniss denkt. Was au- 
sserdem ich in der abhandlung über Pheidons Zeitverhältnisse 
im Piniol. 28, 413 unabhängig von Urlichs für die Heyne'sche 
ansieht beigebracht habe, scheint dem vf. ganz unbekannt ge- 
blieben zu sein : im andern falle würden vielleicht auch seine 
aufstellungen über die Olympiaden und über die periode der 
Unabhängigkeit Pisa's eine modification erfahren haben. 

Von allen gegen Urlichs erhobenen einwendungen trifft 
nur das über Paus. 6, 22, 4 gesagte zu: wie diese stelle über- 

11* 



164 80. Archäologie. Nr. 3 

liefert ist, besagt sie allerdings, dass der Untergang Pisa's unter 
dem bruder und nachfolger des aus ol. 48 bekannten Damo- 
phon eingetreten ist. Diese stelle, die einzige stütze der 
ansieht 0. Müllers , steht aber nicht bloss mit den besproche- 
nen Zeugnissen des Herodot, Strabo und Pausanias, sondern 
auch mit einer zweiten des letzteren (5, 16: die rückkebr der 
Pisaten unter eleische botmässigkeit nach dem tode üamophons 
sei auf gütlichem wege erfolgt) in Widerspruch und ich habe 
schon a. a. o. angedeutet, dass sie durch eine lücke entstellt 
sein dürfte, durch welche die ol. 52 geschehene friedliche Un- 
terwerfung der Pisaten mit der über 100 jähre später erfolg- 
ten Zerstörung der Stadt confuudirt worden ist. Hierüber mehr 
bei einer andern gelegenheit. 

Können wir hiernach dem chronologischen theil der schrift 
nicht zustimmen, so drängt es uns um so mehr, dem vf. un- 
sern dank auszusprechen für die in kürze beigegebenen ausein- 
andersetzungen über die statuen und reliefs, welche den tempel 
zierten, über den kunstcharakter des Paionios und sein verhält- 
niss zu Pheidias u. a. 

U. 

80. Die composition der gemälde des Polygnot in der 
lesche zu Delphi. Festschrift zur feier des fiiufundzwanzig- 
jährigen Jubiläums des königlichen archäologischen seminars der 
Georg- Augusts -Universität in Göttingen von W. Gebhardt, 
derzeitigem senior de3 archäologischen seminars. 4. Göttingen. 
1872. 

Es ist ein oft behandelter gegenständ , den der Verfasser 
sich für seine fest schrift erwählt hat, doch ist es ihm gelungen, 
für die Untersuchung eine neue grundlage zu gewinnen. Die 
glückliche beobachtung, dass Pausanias in seiuer beschreibung 
des gemäldes von der eroberung Troja's stets das letzte glied 
einer gruppe oder eines gruppencornplexes mit de y.ui anreibet, 
ist von ihm als mittel benutzt worden, die composition zu zer- 
gliedern; im engen anschlusse an die worte des Pausanias hat 
er sodann versucht , den einzelnen gruppen ihre stelle anzuwei- 
sen. Die ganze composition zerfällt nach Gebhardt in sechs 
hauptabtheilungen, innerhalb deren über einander die einzelnen 
gruppen vertheilt sind. Durch rechnungen und übersichtstabel- 



Nr. 3. SO. Archäologie. 165 

Jen sucht er sodann nachzuweisen, dass zwischen den einzelnen 
theilen die genaueste Symmetrie herrscht. Offenbar ist Geb- 
hardt dem wahren auf der spur gewesen, aber es scheint , als 
ob ein tückischer zufall ihn verhindert hätte, aus seinen metho- 
dischen Untersuchungen die richtigen resultate zu ziehen; denn 
in seiner reconstruction des gemäldes ist die Symmetrie fast 
durchweg am falschen orte vorhanden. Symmetrisch soll- 
ten von rechtswegen diejenigen gruppen sein, welche von ei- 
nem gemeinsamen mittelpunkte gleich weit nach links oder 
rechts abstehen und überdies auf derselben grundlinie sich be- 
finden; aber mit ausnähme der ersten und letzten abtheilung, 
über deren stellang ohnehin kein zweifei sein kann, findet sich 
die Übereinstimmung immer nur zwischen gruppen von unglei- 
chen abständen und verschiedener grundlinie, als wäre das ge- 
mälde nicht eine composition Polygnots, sondern des prinzen 
Pallagonia. 

Man könnte versucht sein zu glauben, bei dem restaura- 
tionsversuche Gebhardts habe eine Verwechslung von rechts 
und links und von oben und unten stattgefunden. Dies ist 
aber durchaus nicht der fall, sondern der fehler liegt zumeist 
in der mechanischen art der Zählung. Erwachsene und kinder 
sind für ihn gleich gewichtvoll, obwohl sonst in antiken grup- 
pen die kleinen kinder gar nicht mitgezählt werden, die thiere 
hingegen, die in der composition oft mehr gewicht als ein 
mensch haben, rechnet er gar nicht mit. Und doch ist klar, 
dass Epeios sammt der Stadtmauer und dem hölzernen rosse 
mehr räum und bedeutung in anspruch nimmt, als etwa der 
kleine Astyanax. 

In derselben strengen anlehnung au den text, wie Geb- 
hardt, aber zugleich auch mit der nöthigen berücksichtigung 
der allgemein gültigen künstlerischen gesetze kommt man zu 
einem andern resultate, das hier, wo eine vollständige Zeichnung 
nicht gegeben werden kann , wenigstens durch mathematische 
figuren veranschaulicht werden mag, in denen zugleich die ver* 
echiedenen formen des gruppenbau's sich erkennen lassen. Die 
erste und letzte abtheilung des gemäldes , die abreise des Me- 
nelaos und die des Antenor, sind hier weggelassen, weil über 
diese beiden stücke in der hauptsache Übereinstimmung der 
meinungen vorhanden ist. Die den figuren eingeschriebenen 



166 



80. Archäologie. 



Nr. 3. 



buchstaben bezeichnen den gang, den Pausanias bei seiner be- 
schreibung genommen hat , die beigefügten Ziffern die personen- 
zahl. 




Pausanias beginnt mit der gmppe der Briseis, Diomede und 
Iphis (a) ; da die höhere Stellung der Diomede ausdrücklich be- 
zeugt ist, so kann an der pyramidalen form der gruppe kein 
zweifei sein. Daneben sind Helena, zwei dienerinnen und der 
herold Eurybates (b) ; die eine dienerin kniet vor ihr, die an- 
dere steht hinter ihr, woraus sich, wenn der herold noch hin- 
zugenommen wird , die in der Zeichnung angedeutete gruppen- 
form ergiebt. lieber Helena sind Helenos, Meges, Lykomedes, 
Euryalos (c); die stelle der sitzenden eckfigur ist gerade über 
Helena. Jetzt steigt Pausanias wieder zur untern reihe herab. 
Neben Heleoa ist die gruppe der gefangenen frauen , Aethra, 
zu welcher Demophon getreten ist, dann Andromache mit 
Astyanax, Medesikaste, Polyxena (d). Nestor mit dem pfeide, 
das sich wälzen will (e) , gehört ebenfalls in diese reihe , aber 
natürlich nicht zu derselben gruppe, sondern er steht isolirt. 
Ueber der gruppe der gefangenen frauen sind Klymene, Kreusa, 
Aristomache, Xenodike (f), und über diesen wieder Dei'nome, 
Metioche, Peisis, Kleodike (g). Daneben ist Epeios mit dem 
hölzernen pferde, dessen köpf über die Stadtmauer ragt (h). 
Dass Epeios ebensowenig, wie unten Nestor, mit der gruppe 
der gefangeuen frauen verbunden werden darf, versteht sich 
wohl von selbst. Hierauf beschreibt Pausanias die gruppe (i), 
Polypoites , Akamas, Odysseus, Kassandra am boden sitzend, 
Aias, Menelaos, Agamemnon. Der weg, den Pausanias nimmt, 
da er nach dieser gruppe erst wieder das pferd des Nestor 
nennt, um von hier aus die Stellung von (k) zu bezeichnen, 



Nr. 3. 80. Archäologie. 167 

lässt für die grösste und wichtigste gruppe keinen andern platz 
zu, als den naturgemässen in der mitte der ganzen composition. 
Kassandra, am altare niedergesunken, bildet unter diesen sieben 
figuren natürlich den mittelpunkt, was auch Gebhardt dagegen 
sagen mag. Wir haben jetzt, nachdem die rechte hälfte und 
die mitte der composition erledigt sind, die correspondirende 
linke hälfte zu betrachten. Neben dem pferde des Nestor ist 
Neoptolemos, welcher den Elasos bereits getödtet hat und den 
Astynoos so eben tödtet, dabei ein kleiner knabe am altar (k). 
Diese gruppe hat zwar weniger menschliche figuren als d, das 
gleichgewicht ist aber durch den altar und durch die ausschrei- 
tende Stellung des Neoptolemos hergestellt. Um zu bezeichnen, 
dass k ebensoviel räum einnimmt als d, ist bei erster figur die 
formel 3 — |— 2 hingeschrieben, entsprechend der 5 in k. Jen- 
seits des altars steht Laodike, dann folgt Medusa auf dem 
erdboden neben einem badegefässe sitzend, und eine alte oder 
ein eunuch mit einem kinde auf dem schoosse (1). Hier, wie 
in dem correspondirenden b, ist der mittlere theil der gruppe 
der niedrigste. Hieran schliesst sich, correspondirend mit a, 
eine pyramidale gruppe m, Pelis auf dem rücken liegend, über 
ihm Eioneus und Admetos. Nach beendigung der untern reihe 
wendet sich Pausanias zur obern reihe. Ueber dem badegefässe 
ist Leokritos (n), über Eioneus und Admetos ist Koroibos, und 
höher als dieser Priamos, Axion und Agenor (o). In dieser 
aufzählung der getödteten Trojaner ist auffällig, dass für n, 
welches als gegenstück zu f vier figuren enthalten sollte, nur 
eine einzige genannt wird; dieser auffallende umstand erklärt 
sich wohl daraus, dass hier im bilde die namen nicht beige- 
schrieben waren. Zuletzt erwähnt Pausanias noch Sinon und 
Anchialos, welche den leichnam des Laomedon wegtragen, und 
dazu nennt er noch den todten Eresos (p). Da bei dieser 
gruppe die mitte eingesenkt ist, so ist für g dasselbe anzuneh- 
men, nämlich so, dass an die sitzenden eckfiguren die andern 
sich anlehnen. Für sämmtliche gruppen die gestalt, welche 
ihnen in der Zeichnung gegeben ist, ausführlich zu rechtferti- 
gen, ist hier nicht möglich , und ebensowenig kann jetzt noch 
der ideenzusammenhang zwischen den correspondirenden thei- 
len nachgewiesen werden. Nur darauf wollte ich noch aufmerk- 
sam machen ; dass die gesammtcomposition, und zwar ohne un« 



168 Bibliographie. Nr. 3. 

ser zuthun, pyramidale gestalt erhalten halt, ein beweis, dass 
Welcker doch recht hatte, als er in solcher gestalt das bild 
reconstruiren wollte. 

Es bleibt nun noch das andere gemälde des Polygnot 
übrig, bei welchem Gebhardt nur durch eine sehr complicirte 
rechnung zu einer art von Symmetrie gelangt ist, von der je- 
doch in der Zeichnung absolut nichts zu sehen ist. Wir müs- 
sen es uns versagen, auf dieses gemälde ebenfalls noch speciell 
einzugehen, da der uns zugemessene räum bereits ausgefüllt, 
wenn nicht gar schon überschritten ist. L, G. 

Biene aiiflageu. 

81. Aristotelis rhetorica et poetica. Ab I. Bekkero a. 1859 ter- 
tium editae nunc iteratae. 8. Berlin. G. Reimer; 18 ngr. — 82. 
P. Virgilii Maronis Opera. Ed. A. ForUger. Ed. 4. P. ITa. 8. 
Lips. Hinrichs; 2 thlr. 10 gr. — 83. A. Forcellini totius latinitatia 
lexicon. Distr. 67. Prati (Brockhaus in Leipzig); 25 ngr. — 84. F. 
TJeberwpg , grnndriss der geschickte der philosophie. 2. thl. 4. aufl. 
8. Berlin. Mittler; 1 thlr. 12 ngr. — 85. A. Schioegler , geschichte 
der philosophie im nmriss. 8. aufl. 8. Stuttgart. Conradi; 1 thlr. 
24 ngr. — • 86. G. H. Letoes, geschichte der alten philosophie. 2. 
aufl. 4. u. 5. lief. 8. Berlin. Oppenheim; ä 20 ngr. — 87. A. 
Schleicher, die Darvinische theorie und die Sprachwissenschaft. 2. 
aufl. 8. Weimar. Höhlau; 8 ngr. — 88. A. F. Pott, etymologische 
forschungen auf dem gebiete der indo - germanischen sprachen. 2. 
aufl. 4. bd. 8. Detmold. Meyer; 6 thlr. 



Neue Schulbücher. 

89. Homers Iliade erklärt von W. Koch. 4. heft. 2. aufl. 8. 
Hannover. Hahn; 10 ngr. — 89. Präparationen zu Homers Odyssee. 
3. gesang. 16. Ccln. Schwan; 3 ! / 2 ngr. — 91 — 93. Freund's schü- 
lerbibliothek zu Sophokles werken. 13. hft. 16. Leipzig. Violet; 
5 ngr.: — zu Horaz werken. 5. heft. 2. aufl. 16. ib.; 5 ngr. — 
zu Cornelius Nepos. 1. hft. 4. aufl. ebendas. 5 ngr. — 94. JB. J3üch- 
senschütz, griechisches lesebuch. 2. aufl. 8. Berlin. Oehmigke; 15 
ngr. — 95. 6. Stier, griechisches lesebuch für das zweite unter- 
richtsjahr. 8. Wittenbei-g. Kölling; 20 gr. — 96. J. F. Haug's 
Übungsbuch zum übersetzen aus dem deutschen ins lateinische für 
mittlere classen. 1. abth. 2. aufl. 8. Heilbronn. Scheurlen ; 15 ngr. 
— 97. W. Kopp, römische kriegsalterthümer für höhere lehranstal- 
ten und weitere kreise bearbeitet. 2. aufl. 8. Berlin. Springer; 
10 ngr. 

Bibliographie. 

Zur ergänzung des Phil. Anz. IV, n. 12 , p. 608 über das Jubi- 
läum des sächsischen königspaars gesagten bemerken wir, dass in 
Petzholdt's N. Anzeig, für bibliogr. 1873 heft 1—3 „die litteratur 
zum goldenen ehejubiläum des königs Johann von Sachsen« angege- 
ben ist. 



Nr. 3. Bibliographie. 169 

Die academische lesehalle in Wien hat einen zweiten Jahresbe- 
richt über das jähr 1872 veröffentlicht. 

Die bisher von Dr Bergmann herausgegebenen philosophischen 
monatshefte erscheinen vom band VIII an unter der redaction von Dr 
Ascherson, Bergmann und Bratuschek. 

Bei Gyldendul in Kopenhagen erscheint: Bibliotheca danica. Ca- 
talogue systematique de la litterature danoise de 1482 jusqu'ä 1830 
cett.: genaues giebt Börsenbl. nr. 26. 

Ueber den schaden , der aus der Vernichtung der stras^burger 
bibliothek der bibliographie erwachsen, hat sich Signouret Souve- 
nirs du bombardement et de la capüulation de Strassbourg. Bayonne 
1872 sehr stark ausgesprochen; daher suchen die sache auf die Wahr- 
heit zurückzuführen Augsb. Allg. Ztg. 1872, beil. zu nr. 352 : und 
Börsenbl. 1872, n. 47. 

lieber die ob. nr. 2, p. 127 erwähnte arbeitseinstellnng der setzer in 
Leipzig giebt genauere nachricht das Börsenbl. nr.19. 26 : ferner stehen 
ebend.nr.29 art.III. IV, welche factisches enthalten, wie auch V— VIII 
in nv. 33. 35. 39. 51. 57. Dagegen bilden ein ganzes nr. 27. 35: die 
arbeiterbewegung und der buchhandel, I: der schluss lautet: »aber 
so viel darf man als ausgemacht annehmen , diese folgen werden 
keine zusammenstürzenden paläste sein, sondern höchstens eine an- 
zahl weinender trauen!« nr. 35 bringt II, beide von A. Schürmann. 

Auch ia Hamburg war ein setzer- strike ausgebrochen: das haupt- 
ergebniss war rückkehr der setzer in die offizinen und anstellung von 
setzerinnen, namentlich in den grossen buchdruckereien. Börsenbl. 
nr. 51: die einführung von solchen wird im Börsenbl. nr. 53 von E. 
A. S. lebhaft empfohlen. 

Die gruudsätze des Berliner Verleger - Vereins finden sich im Bör- 
senbl. nr. 54. 

Die verlagshandlung von G. van Muyden in Berlin veröffentlicht 
einen prospect über eine von Dr Ad. Laiin bearbeitete ausgäbe von 
Moliere's werken mit deutschen einleituugen, commentar und excursen. 

Prospecte sind uns zugekommen von G. Henry Lewes geschichte 
der alten philosophie, 2. aufl., Berlin, Oppenheim; von Dr K. R. Ha- 
genbachs kirchengeschichte, als jetzt vollständig erschienen in 7 bdn, 
Leipzig, Hirzel; Protestanten- bibel neuen testaments unter mitwir- 
kung von Dr Paul Willi. Schmidt und Dr Fr. v. Holtzendorff , Leip- 
zig, Barth ; auswahl aus den kleineren schritten von Jacob Grimm, 
Berlin, Dümmler. 

Verzeichniss und auswahl von büchern aus dem verlag der Die- 
terichschen Verlagsbuchhandlung zu Göttingen, welche bis z. e. 1873 
zu bedeutend ermässigten preisen abgegeben werden. 

Cataloge von antiquaren: antiquarisches bücherlager von Kirch- 
hoff und Wigand in Leipzig nr. 368, classische philologie und archä- 
lologie; verzeichniss von werken aus dem gebiete der classischen phi- 
ologie, der archäologie, der epigraphik so wie der alten geschichte 
aus dem nachlasse des herrn prof. E. Petersen in Hamburg, welche 
zu den beigesetzten preisen von List und Francke in Leipzig zu be- 
ziehen sind ; verzeichniss des antiquarischen bücherlagers der Otto- 
sehen buchhandlung in Erfurt, Altclassische philologie und alter- 
thnmskunde. 

Leipziger bücherauetion, 3. april 1873. Verzeichniss der dou- 
bletten der universitäts - bibliothek zu Leipzig, welche nebst andern 
Sammlungen . . durch H. Härtung in Leipzig versteigert werden 
sollen. 



170 Kleine philologische zeitung. Nr. 3. 

Kleine philologische zeitung. 

Eine sehr wichtige sache, welche namentlich auf den gymnasien 
auf unverantwortliche weise aus falscher vornehmthuerei vernachlässigt 
wird, ist der schreibunterricht : es ist äusserst selten, dass man un- 
ter den studirenden solche trifft, welche eine nur erträglich gute band 
schreiben ; jeder der schriftliche arbeiten der studirenden gelegenheit 
hat zu sehen, wird das bezeugen. Daher ist erfreulich , dass jetzt in 
andern kreisen man anfängt auf die schretbekunst zu achten ; man 
vrgl. Börsenbl. 1873, nr. 1. 2. »das optische verhalten von fractur 
und antiqua«, von Otto Müller: es lenkt das die aufin erksarukeit 
auf diese sache auch wohl in andern kreisen, als für die grade die- 
ser aufsatz geschrieben. 

In Ahrweiler sind bei Neubauten thon - und glasgefässe und mün- 
zen von Valerianus gefunden. Augsb. Allg. Ztg. 1872, nr. 350, beilage. 

Die bnchhandlung Hachetfe in Paris hat sich ein neues verdienst 
erworben durch ausgäbe des buchs: Histoire de la Ceramique, etade 
descriptive et raisonnee des poteries de tous les temps et de tous les 
peuples par Albert Jacquemart , avec 200 fiyures sur Lots et 12 
planches ä Venu forte , par Jules Jacquemart. vol. I: es beginnt 
der vf. mit Egypten: sehr wird das werk in der Augsb. Allg. Ztg. 
1872, nr. 361 empfohlen. 

Dr Bischojf, praktischer arzt in Aleppo, unternimmt im april 
eine reise nach Palmyra: näheres s. in Augsb. Allg. Ztg. 1873, beil. nr. 37. 

Gbttingen. Der am 5. nov. 1872 erfolgte tod des auch als phil- 
hellenen bekannten Dr Adolph Ellissen hat namentlich in Griechen- 
land schmerzlich überrascht. Als beweis dieser theilnahme hat der 
professor an der Universität zu Athen P. Joannu der familie des hin- 
geschiedenen folgende distichen übersandt: 
'Enrnj/ußiof 
(lg Tov cal/LiytjaToy 'Adökrjov 'Elhaeevioy, 
ffWTayftiv vnb tov xn^rjyt]Tov 'PMrtnou "iwdyvov. 
Movo~j] f/urj y iXoftgrjixp odvQOfAivrj inl Tu/jßoig 
ovag vTiia/tg ngiv tvfAtvig fy ßioTw. («) 
"H JV a anoiyö^ivov vvv uiutii Gnvüyovca, 
ct\v no9inva' ägtTtjv, tfilrctT' 'EXXiaaivtf. 
OücT nvTrj junvvt] ff' iJXoy vgtrat, ciXXa xttl 'EXXdg 

av/unao', 5} ff' tffTtgl;' loa Ttxvoioiv tolg' 
Jirjv yt(Q navgot marov vvov, w? o~v, t'frjvav. 
ol nXsovtg ö" oi tao' ig \pöyov b^vngoi,. 
(«) Ztifxtiwcig. Tovto Xiytrcu Ttsgl tov 'Elhöotviov wg xgivttyrog ngo 
nvwv hwv iiotr,[imä Tiva xal fniTv/jßicc tov xadrjytjTov tptXinnov 'icoüv- 
vov. [S. Götting. Gel. Anz. 1865, st. 51.] 

Ueber die reisen Livingstone's sind kurze nachrichten im Staats- 
Anz. 1873, nr. 20. 

München. 21. Januar. Unter den ausgrabungen des Dr Schlie~ 
mann — s. ob. nr.2, p. 125 — nimmt nach der beil. z. Augsb. Allg. Ztg. 
nr. 22 die auffindung eines triglj-phen-blocks von panschem marmor 
2 m. lang, 86 cm. hoch mit reliefdarstellung des Phoebos Apollo auf 
einer quadriga den ersten rang ein. Diesen triglyphen-block hielt 
Dr Schliemann gleich anfangs für ein meisterwerk aus der zeit des Ly- 
simachus aus dem ende des vierten Jahrhunderts v.Chr., während pro- 
fessor Kumanoudis in Athen und Newton, der director des britischen 
museums, meinen, es sei zwischen der zeit des Perikles und Alexai 
ders und somit etwa um 375 v. Chr. in Athen entstanden und nacl 
Troja geschickt worden. Ausser diesem für die kunstgeschichte wicl 
tigen fund glaubt der genannte forscher auch »Ilions grossen thurm« 
aufgedeckt zu haben. 



Nr. 3. Kleine philologische zeitung. 171 

Zürich, 21. januar. Das »Tagblatt v. Bünden«. — Augsb. All- 
gem. Zeitung nr. 25. Staats - Anz. nr. 22 meldet einen interes- 
santen antiquarischen fund aus dem Veltlin: in Stazzona wurde 
ein römischer grabstein von weissem marmor von strassenarbeitern 
drei meter tief in der erde gefunden. Der stein trägt die inschrift 
in lateinischen majuskeln : Pontico Germanif. Pecusae Graici f. Cum— 
munnis, Medussae Graici f. sorori. — Hie siti sunt. In deutscher 
Übersetzung: dem Ponticus, söhn des Germanicus, derPecussa, tochter 
des Graicus, den Camunern, der Schwester Medussa, tochter des Grai- 
cus. Hier liegen sie. — Stazzona hat seinen namen von einer römi- 
schen poststation. Es liegt an einem wichtigen knotenpunkte des Ver- 
kehrs in der mitte des Veltlins, von wo aus Seitenwege nördlich nach 
Puschlav und südlich zu den Camunern im heutigen Val Camonica 
führten. Die namen Pecussa und Medussa haben einen provinzialen 
klang und scheinen eher aus dem etruskischen zu stammen als aus dem 
lateinischen. Dieser fund bildet ein nicht uninteressantes seitenstück 
zu der im jähr 1871 in Trevisio, ebenfalls im Veltlin, gefundenen 
etruskischen inschrift. Diese fände , sowie der keltische gräberfund 
in Mels sind treffende belege für die aufstellungen der neuern ethno- 
graphischen forschungen, welchen zufolge die südlichen Alpenthäler 
Rhätiens in vorrömischer zeit von Etruskern, die diesseitigen hinge- 
gen von Kelten bewohnt waren. 

Freiburg i B., 24. jan. Gestern starb hier der geheime hofrath 
Karl ZM t im 80 lebenswahre, als geschmackvoller alterthumsforscher 
bekannt. 

Einen kurzen überblick über die geschichte der universitäts-bi- 
bliothek zu Strassburg giebt der Reichs-Anz. n. 27 ; vrgl. dazu eben- 
das. nr. 48. 

Der Reichs-Anz. n. 26 enthält ein verzeichniss der personen, wel- 
che sich während des kriegs 1870/71 durch patriotische handlungen 
ausserhalb des kriegsschauplatzes besonders ausgezeichnet haben. 

Im monat mai 1873 wird durch die österreichische regierung aus- 
gerüstet eine expedition abgehen, um die altgriechischen ruinen auf 
der insel Samothrake zu untersuchen , und zwar unter leitnng des 
prof. AI. Conze, den Alois Hauser und G. Niemann begleiten. Staats- 
Anz. nr. 28, beil. 1. 

In J. H. Müllers Zeitschrift für deutsche kulturgeschichte jahrg. 
1 heft 11 und 12 finden sich referate über die Schriften von A. Ho- 
rawitz über Beatus Rhenanus. 

Es geht uns zu: Die hausaufgaben im oberen gymnasium zu 
Stuttgart. Ein circular und eine rede von rektor Dr K. A. Schmid. 8. 
Stuttgart. Karl Kirn. 1873, ss. 20; ein treffliches schriftchen, welches 
zwar zunächst nur einer localen veranlassung seine entstehung ver- 
dankt; der gegenständ aber, auf den es sich bezieht, ist von 
sehr allgemeinem pädagogischem interesse. Es handelt nämlich 
von der unentbehrlichkeit und nützlichkeit , wie von dem umfang 
und dem rechten mass der s. g. hausaufgaben. Es ist im höch- 
sten grade dankenswerth, dass der vf. beides, sowohl das circular 
und die anfrage an die eitern, als auch die besprechung der einge- 
gangenen antworten für weitere kreise veröffentlicht hat. Den kla- 
gen mancher eitern, dass ihre kinder von seiten der schule mit zu- 
viel häuslichen arbeiten überbürdet würden, wird man nicht leicht 
treffender begegnen können, als es hier geschieht. Wir freuen uns 
mit dem vf. über das günstige ergebniss der von ihm angestellten en- 
quete, durch das sich auch andere gymnasien von neuem ermuntert 
fühlen werden, »an dem bestreben festzuhalten, dass die ihnen anver- 
traute jugend auch durch zweckmässige hausaufgaben zu der intellectu- 



172 Kleine philologische zeitung. Nr. 3. 

eilen und sittlichen kraft und Selbständigkeit herangezogen werde, 
die zur erfüllung der sie erwartenden lebensaufgaben erforderlich ist, 

n. 

Seit october v. j. erscheint unter dem titel : »Deutsche Schulge- 
setz -sammluug, centralorgan für das gesammte Schulwesen im deut- 
schen reiche, in Deutsch -Oesterreich und in der Schweiz« eine Wo- 
chenschrift unter redaction des seminarlehrers a. d. Eduard Keller, 
welche die das Schulwesen dieser länder betreffenden gesetze, Verord- 
nungen u. s. w. ohne sonstige zutbat enthält. 

Rom. 26. januar. Dieser tage ist in der Villa Casali an der Via 
Appia ein altes grab von sehr schöner architektur entdeckt worden. 
Es besteht aus drei kammern, welche vier mit bildhauerarbeiten ver- 
zierte sarge aus weissem marmor enthalten. Diese Skulpturen stel- 
len in erhabener arbeit: 1) die Musen, 2) Bacchus und Ariadne, 3) 
eine jagd auf wilde thiere und 4) die thür eines grabmals dar. Man 
nimmt an, dass eine der Musen, deren haupt mit blumen bekränzt 
ist, das bildniss der verstorbenen darstellt , deren Überreste in dem 
grabe ruhen. Man liest auf demselben : Titus Olius Nikephoms. Die 
schritt, der styl der Skulpturen und andere einzelheiten verweisen 
die gräber in die zeit des Septimius Severus. Eine der frauen trägt 
ihre haare nach art der Iulia Mammäa, ein diadem von haaren auf 
hoher stirn , was sehr charakteristisch ist. Reichs-Anz. nr. 29. 

Hanau. 28. januar. Notizen über die bd.IV, n.9 p. 474 erwähnten 
ausgrabungen in unserer gegend gibt Augsb. Allg. Ztg. 1872, beil. 
zu nr. 354, auch Reichs-Anz. n. 32: sie haben kein wissenschaftliches 
interesse , sind auch sonst nicht eben erfreulich. Anderes giebt A. 
Duncker in Augsb. Allg. Ztg. 1873 beil. zu nr. 2. Einen gegenständ 
erläutert genau Philol. XXXIIT, 2, p. 335 sq. 

Berlin. 4. februar, sitzung der archäologischen gesellschaft. E. Cur- 
tius legte der gesellschaft den schluss von prof. Starks inhaltreichen 
briefen über seine reise in Kleinasien und Griechenland (aus der 
»Allg. Ztg« s. unt. p. 175) vor, ferner die altattischen künstlerinschriften, 
die prof. Rhusopulos herausgegeben, dann prof. Conze's Übersicht über 
die neueren erscheinungen in der archäologischen literatur (aus der 
»Oesterreichischen Zeitschrift für gymnasien«) und das verzeichniss 
cyprischer alterthümer aus der Sammlung Pierides, welche in Paris 
zur Versteigerung ausgestellt werden, endlich das nunmehr vollendet 
vorliegende grosse werk von Perrot , Guillaume und Delbet über die 
denkmäler von Galatien, Phrygien, Cappadocien und Pontus. Der 
vortragende erörterte die kunstgeschichtliche bedeutung dieses wer- 
tes, welches die kleinasiatischen Untersuchungen von H. Barth we- 
sentlich vervollständige; er wies darauf hin, dass es durch diese Publi- 
kation, sowie durch das werk von Longperier über das Mitsee Napo- 
leon III. mehr und mehr gelinge, gewisse typische formen der baby- 
lonisch - assyrischen kunst in ihrer Verbreitung nach westen auf dem 
land - und seewege zu verfolgen und dass man dabei den stil der 
weberei und den auf siegelbilder zurückgehenden wappenstil zu un- 
terscheiden habe. — Adler legte den aufsatz von W. Gurlitt und E. 
Ziller über das Theseion zu Athen (in Lützows Zeitschr. für bildende 
kunst VIII, 3, p. 86 ff.) vor und besprach, anknüpfend an seinen 
am Wiuckelmannsfeste v. j. gehaltenen Vortrag über das Theseion 
und dessen doppelten sekos für Herakles und Theseus den werth der 
darin niedergelegten Untersuchungen, bei denen er die wichtige frage, 
ob und wieweit eine plinthe in der postikumthür vorhanden ist oder 
wie dieselbe endigt, leider unberücksichtigt fand. Der vortragende 
führte aus, wie seiner meinung nach die neueren Untersuchungen sei- 
ner hypothese über das Herakleion-Theseion nicht hinderlich wären, 



Nr. 5. Kleine philologische zeitung. 173 

und stützte seine erklärung durch neue gründe, nämlich durch beto- 
nung des umstandes, dass der tempel seit dem mittelalter als The- 
seustempel genannt und bekannt wäre, ferner durch die hindeutung 
auf die kimonische gründungszeit, die noch unter dem eindruck des 
marathonischen sieges sowie der dabei von Theseus geleisteten hülfe 
gestanden habe, und endlich durch hinweisung auf den tempel zu 
Sunion, der (in massen, proportionen, anten- und deckenbildung) mit 
dem Theseion nahezu kongruent sei. Da aber der tempel zu Sunion 
nach Vitruv Arch. IV, 8, der ausführlich erläutert wurde, und den er- 
haltenen resten sicher als ein »doppelheiligthum« zu erkennen sei, 
so wäre also auch das Theseion (ebenso wie der grössere tempel zu 
Rhainnus) ein doppelheiligthum und zwar des Herakles und Theseus. 
Am scbluss besprach er noch die einzelnen tempel , die in der ange- 
führten Vitruvstelle ausser dem tempel zu Sunion erwähnt werden. 
An der debatte, die sich an den Vortrag anscbloss , betheiligten sich 
namentlich Curtius und Hübner. — G. Wolff wies einen bei Brunn und 
Overbeck noch nicht verzeichneten nialer Timotheus beiPsellos (hinter 
de operatione daemonum ed. JSoissonade p. 134) nach; vgl. auch Chori- 
cius ed. Boiss. p. 172. Dagegen seien die schritten über tempel bei 
Bipponion, dort befindliche erzthüren des Dädalos und Praxiteles und 
anderes aus Proklos auszügen über die orakel bei Marufioü chroniche 
ed antichitä di Calubria (Padua 1601) lälschungen; jener Minoritenpa- 
ter habe vielfach namen von schriltstellern und werken für seine be- 
lege erdichtet. — Hübner legte das soeben erschienene 8. heft der 
archäologischen zeitung , ferner die beiden ersten hefte der in Porto 
erscheinenden portugiesischen Archeologia artistica (von freilich sehr 
unarchäologischem inhalt), die beiden neuesten hefte der Revue ar- 
che-ilogique, endlich den dritten theil von Bruee's grossem werk über 
die römischen alterthümer in Nordengland [lapidunum septentrionale) 
vor. Perrot hat der gesellschaft ein exemplar seines jetzt fertig ge- 
wordenen .prachtweikes über Galatien zum geschenk gemacht, wo- 
für ihm der schuldige dank hiermit öffentlich erstattet wurde. Der 
vortragende berührte dann noch kurz einige von A. Philippi in dem 
aufsatz über römische triumphal-reliefs, der der gesellschaft schon 
einmal vorgelegen hatte, aufgestellte behauptungen; zu einem nähe- 
ren eingehen auf diese vielfach anregende, aber andererseits auch 
sehr unzulängliche arbeit, fehlte es an zeit. Wenn die vom Verfasser 
in aussieht gestellte publikation der reliefs vom Claudius -bogen, 
welche in den institutsschnften erfolgen soll, vorliegt, wird im zu- 
zammenhang auf die an dies bisher noch ganz vernachlässigte kunst- 
gebiet sich anschliessenden tragen zurückzukommen sein. — Heyde- 
rnann legte zuerst die durchzeichnung einer Lekythos im Mnseo Ci- 
vico zu 13ologna (nr. 147"J) vor, die er der gütigen vermittelung W. 
Gurlitts und E. Scbulze's verdankte und die von interesse ist, weil 
sie aus derselben fabrik gefälschter bemalter vasen stammt, aus der 
die moderne Leesensehe vasenzeichnung nr. Iü7 herrührt (s. Phil. Anz. 
III, n. 11, p. 562); auf der vase zu Bologna ist dieselbe alte tanzende 
frau dargestellt, die sich bei Leesen findet. Dann besprach er eingehend 
den stattlichen katalog der Sammlung des E. de Meester de Rave- 
stein: 3Iusc'e de JRavestein (Liege 1871. 2 bde. gr. 8), der von dem 
besitzer selbst geschrieben, eiu schönes, bleibendes denkmal seiner 
kunstliebe und gelehrsainkeit ist. Die Sammlung, welche sich auf 
dem schloss Ravestein bei Mecheln befindet, ist ungemeiu reich an 
kleineren bronzen, geschnittenen steinen, münzen und terrakotten, 
die meistens aus Italien stammen; doch sind auch belgisch -römische 
antiken gut vertreten. Aeusserst interessant ist auch die sammluno- 
der verschiedenen marmorarten, welche die alten zu plastik und ar- 



174 Kleine philologische zeitung. Nr. 3. 

chitektur verwandten und in solcher Vollständigkeit wohl nirgends 
zu finden sein möchten. Ein atlas, der hoffentlich nicht zu lange 
auf sich warten lässt, wird den gelehrten die bisher nur theilweise 
(namentlich in den Schriften des römischen instituts) publizirten an- 
tiken noch zugänglicher und bekannter machen. Ferner legte der 
vortragende noch die darstellung des rasenden Lykurgos auf einer 
neuen im September v. j. in Ruvo gefundenen und ins museum Jatta 
gekommenen vase vor, deren bause er der gute Giovanni Jatta's ver- 
dankt, und die schritt von Simone Un ipogeo Messapico (Lerre.1872, 
2 taf.) worin über ein am 30. august v. j. bei Rusce (in der nähe 
von Lerre) gefundenes grabmal mit messapischen inschriften berichtet, 
sowie über die Urgeschichte des alten Kalabrien phantasirt wird. — 
V. Sallet besprach einen kupferstich Dürers (die s. g. eifersucht), 
welcher einen gegenständ aus der giechischen mythologie behandelt. 
Die darstellung des blattes — ein im schooss eines satyrs liegen- 
des weib wird von einem andern weibe, das einen knüttel schwingt, 
bedroht ; daneben steht abwehrend ein nackter mann mit einem 
vorgehaltenen baumstamme ; rechts entflieht ein knabe — wird bis 
in die neueste zeit auf die mannichfaltigste und unverständigste art 
erklärt, doch schon Vasari erkannte darin eine mythologische scene. 
Seit Hausmann nachgewiesen, dass Dürer selbst in seinem tagebuch 
das blatt den »Herkulum« nennt, und seit der vortragende auf den 
Zusammenhang dieses »Herkules« mit einem unstreitig nach dem Dü- 
rerschen bilde kopirten blättchen von H. S. ßeham, den satyr mit 
dem weib im schoosse allein ' darstellend und die beischriften DEI 
ANIRA NESSVS tragend, aufmerksam gemacht hat und wenn man 
erwägt, dass auch Aldegrever die Ceutauren als satyre darstellt, wird 
die annähme fast zur gewissheit, dass auch das Dürersche blatt den 
mythus von Herkules , Nessus und Deianira in einer allerdings noch 
nicht aufgefundenen verderbten, vielleicht mittelalterlichen Version 
darstelle. Herkules spielt hier, wie schon bisweilen im alterthum, 
eine komische und lächerliche rolle, indem er sein untreues weib 
und deren liebhaber gegen angriff schützt. Von einer Zuneigung der 
Deianira zu Nessus scheint die klassische mythologie nichts zu wissen, 
— Reichsanz. nr. 42. 

In Athen sind im monat februar zwei statuen aus der zeit Ha- 
drians gefunden worden, die eine stellt den Asklepios, die andre die 
Hygieia dar: Reichs- Anz. nr. 43. 

Berlin. 15. februar. Heute starb hier der geheime justizrath Dr 
A. Rudorff, bekannt namentlich durch seine arbeiten auf dem ge- 
biete der römischen rechtsgeschichte. 

Weimar. 18. februar. Der professor der aegyptologie in Leipzig, 
Dr Georg Ebers, der seit vorigem herbst in Aegypten weilt, hat 
in dem zu der nekropolis von Theben gehörenden Abd-el- Ausuah 
das grab eines gewissen Amen -em- heb auflegen lassen und in ihm 
eine historische inschrift von grossem und allgemeinem interesse ent- 
deckt. Es wird in ihr der lebenslauf des verstorbenen den nachge- 
borenen niitgetheilt. Amen-em-heb lebte in der XV11I. ägyptischen 
dynastie, etwa im 17. Jahrhundert vor Christus und nahm theil an 
den feldzügen des Pharao Tutines JH., mit dem er den Euphrat über- 
schritt uud vou dem er dekorationeu aller art für seine heldenthaten 
empfing. Viele namen von westasiatischen städten geben künde von 
der ältesten form derselben. Ihre folge giebt wichtige geographische 
fingerzeige. Besonders werthvoll für die Chronologie ist die angäbe 
der regierungsdauer des grossen königs Tutmes III. aut jähr und 
tag, monat und tag. Unter Ameuophis IL, dem nachfolger des Tut- 
nies, war Amen-em-heb ein geehrter hofmann. Reichs- Anz. nr. 47. 



Kr. 3. Auszüge aus Zeitschriften. 175 

Berlin. 24. februar. In der heutigen sitzung der academie der 
Wissenschaften las prof. Bonitz über Platon's Eutyphron. 

Leipzig. 25. februar. Heute starb 79 jähr alt doinherr und pro- 
fessor Dr Gr. Lud. Th. Marezoll, besonders bekannt durch seine arbei- 
ten über römische rechtsgeschichte. 

Berlin. 8. märz. Heute hielt prof. Zeller einen Vortrag über 
nationalität und humanität. Auszüge s. iui Reichs-Anz. nr. 61. 

Hildesheim. 8. märz. Nachbildungen des hiesigen silberfundes, 
ein geschenk des königs , sind im städtischen museuni heute aufge- 
stellt. 

Nach dem Athenaeum "will der custos der manuscripte im Bri- 
tish Museum einen catalog der ältesten dort aufbewahrten manuscripte 
mit facsimiles herausgeben. 

Rom. 8. märz. Im gebiete von Aricia bei Albano hat man eine 
beträchtliche anzahl von vasen , geräthschaften u. s. w. entdeckt von 
denen man meint, dass sie den alten einwohnern Latiums angehören. 
Reicbs-Anz. n. 63 beil. 1. 

Auszüge aus Zeitschriften. 

Augsburger Allgemeine Zeitung 1872, nr. 351, dann beil. von nr. 
352 — 357 : B. Stark, nach dem griechischen Orient. VII (schlussar- 
tikel): aus dem hellenischen königreich und von der heimkehr: be- 
schreibt lebendig die quarantaine in Syra, kommt dabei auf Ka'iris, 
den durch die iuseln vermittelten Zusammenhang zwischen Orient und 
occident, auf den nationalcharacter der jetzigen Griechen; dann folgen 
notizen über die reste des theater in Syra, mit inschrift 'Aoafjudwoov, 
welche auf einen ehreu platz oder auf den namen der ganzen abtheilung 
bezogen wird, darauf beschreibung eines vierwöchentlichen aufenthalts 
in Athen: zuerst gesellschaftliches, Schilderung einer taufe: »merk- 
würdig war dabei das sichere einsetzen des Kyrie eleison von dem 
den priester als sänger begleitenden knaben. Sofort nach schiuss des 
actes jubel und begeisterung vor allen über die von kindern der fa- 
milie hereingetragenen platten von confect aller art und nüssen, die 
unter die festveivainmlung geworfen wurden« : dann Wanderungen in 
Athen, dabei erwähnung einer inschrift, in der die namen der stadfr- 
theile Mehtu und Kode vorkommen; es folgen topographische betrach- 
tungen (nr. 353), so über die sg. nyü$, die vf. als volksversammlungs- 
platz verwirft, dagegen als uralten felsaltar der Kranaer (s. Piniol. 
XXXII1, p, 99 flgg.) bezeugt, er bezieht Paus. 1, 28, 8 auf sie; dann 
über den N vmphenhügel , den Areopag , in dessen nähe E. Curtius 
lang- und quergräben ziehen liess, die manches erläuterten, aber zu 
beistimmten resultaten nicht führten: es werden dann kurz erwähnt 
die Attalos-stoa, die sg. Griganten-stoa, mehrere statuen, ausführlicher 
aber die gräberstrasse, und gelangt der vf. hierauf zur Akropolis (nr. 
356) mit ihrem tbeater, pvopyläen u. s.w., wo wir überall den treff- 
lichen arbeiten der deutscheu gelehrten entgegentreten und schliesst 
nach einem blick auf die autikensamtnlungen im moderuen Athen, 
die eben nicht gut wegkommen, mit angäbe der ausflüge in die wei- 
tern Umgebungen Athens. Auf der rückreise wird nur Bologna be- 
sonders hervorgehoben. — A ddresse der Universität Strassburg an 
prorector prof. Dr Bruch. — Beil zu nr. 352 : notizen über die 
Schenkungen an die strassburger bibliotbek. — Beil. zu nr. 353: 
Roget de ßelloguet: nekrolog: forscher über die älteste geschichte 
der Kelten. — Nr. 354: Norris in London f- — Nr. 354: Asso- 
pios in Athen f. — Nr. 356: gedanken eines Griechen über die 
Laurion- frage. — Beil. zu nr. 359: der chaldäische fluthbericht. — 



176 Auszüge aus Zeitschriften, Nr. 3* 

Künstlerische prachtwerke II (n. I in beil. zu nr. 345), von W. Lübke. 

— Das Winkelmannsfest in Rom: bericht über die am 14. dec. 1872 
gehaltene sitzung des archäologischen instituts, aus dem wir hervor- 
heben den Vortrag von W. Heibig über die in CeiTetri gefundene 
vase des Duris, mit darstellungen aus dem Unterricht der griechi- 
schen jugend; dann aus dem vom prof. Henzen die übersiebt aus den 
neuesten ausgrabungen in Rom, in der er besonders bei den beiden 
grossen marmorreliefs (s. Philol. Anz. IV, n. 11, p. 574) in der nähe 
der säule des Phokas verweilte: sie scheinen die balustraden ei- 
nes engen Zuganges zu irgend einem theile des forum gebildet 
zu haben. Jedes derselben hat auf der rückseite die opferthiere 
der suovetaurilien , auf der Vorderseite sehr figurenreiche, offen- 
bar historische darstellungen und im hintergrunde verschiedene 
tempel und andere gebäude. Die rostra, der ruminalische feigen- 
baum und die statue des Marsyas, welche auf beiden reliefs sich fin- 
den, zeigen dass die handlung auf dem forum vor sich geht. Diese 
scenen sind nach vf. auf die zeit Trajan's zu beziehen : das eine giebt 
eine Verherrlichung der erst von Trajan begründeten alimentenstiftung 

— daher die vor dem sitzenden kaiser stehende , ihm ein kind dar- 
reichende flau, dann der von lictoren umgebene auf den rostris ste- 
hende, zum volke redende kaiser — , das andre stellt die Verbren- 
nung der listen der von Trajan erlassenen stenerrückstände dar. — 
Beil. zu nr. 361. 362: einige bemerkungen zu den »erinnerungen aus 
der Steinzeit. II: nr. I steht in beil. zu n. 338. — Zur archäologi- 
schen literatur , von prof. X. Kraus , bespricht kurz werke von de 
Rossi und Oarucci, die sich auf die katakomben beziehen und macht 
dabei aufsein eignes buch aufmerksam: über die römischen blut-am- 
pullen. — Nr. 362: inhaltsangabe von heft 2 des werkes des berli- 
ner generalstabes über den krieg von 1870/71. — Beil. zu nr. 362: 
die grundlinien des hm von JVlühler: anzeige. — Nr. 363: kurz 
wird aufmerksam gemacht auf das werk: La conquete de Constantino- 
ple par Geoffroi de Villa Hur du in, publice pur Natalie de Wailiy. 
Paris. Didot. 1872, gleichzeitige beschreibung der eroberung von 
Constautiuopel 1204. — Beil. zu nr. 361 — 366: Th. Ziegler kritik 
gegen kritik. I. II. III: bezieht sich auf das buch von Slrauss: 
der alte und der neue glaube: s. ob. heft 1, p. 61. — Nr. 366: 
ultramontane Schmähschriften und heiligea-erscheinungen im Elsass. — 
Die ausgrabung und Wiederherstellung der Krypta unter dem ostchor 
des rnainzer doms: zeigt unter andern, wie weit sich die alte römi- 
sche technik ins mittelalter erstreckt. — Beil. zu nr. 366: eine kri- 
sis des römischen Staats in alter zeit: wendet die zustände im j. 522 
a. u. auf die kämpfe über die kreisverfassung im herrenhaus zu Ber- 
lin an. 

1873. Nr. 1: ein neujahrswunsch, von B. Auerbach: es möge der 
10. mai zum festtag für die Wiedervereinigung Deutschlands bestimmt 
werden. — Beil. zu nr. 1: Ausgrabungen in Troja: s. ob. heft 2, p. 
125. — Nr. 2: ein blick auf die innere politik des deutschen reichs. 

— Beil. zu nr. 2, nr. 13. Beil. zu nr. 13 Lauth, ägyptische reise- 
briefe. 1.11. III. — Unterrichtsreform in Japan. — Nr. 3: die directo- 
ren der höhern englischen schulen wollen die ersetzuug des lateini- 
schen und griechischen Unterrichts durch französisch oder deutsch befür- 
worten. — Beil. zu nr. 7. 8. 9. 10: Fr. v. Loher, vom sprach- und 
Völkerstreit in Ungarn. — Beil. zu nr. 9 : iu Sachen des Strauss'- 
schen buches, von Haber; gegen Ziegler, s.- ob. beil. zu nr.364. — Beil. 
zu nr. 10: Louis Napoleon f- — Kraus, katakomben und christliche 
kunst: anzeige: s. ob. in beil. zu nr. 361. — Erklärung des aus- 
drucks blaustrümpfe. 



Nr. 4. April 1873. 

Philologischer Anzeiger. 

Herausgegeben als ergänzung des Philologus 

von 

Ernst von Leutsch. 



98. Studien zu Valerius Flaccus von Dr Adolph Löh- 
bach. Jahresbericht des progymnasium zu Andernach für 
das Schuljahr 1871 — 72. 17 s. 4. 

Der Verfasser, welcher schon in dem programme von 1869 
schätzenswerthe beitrage zur kritik der Argonautica geliefert 
hatte, bespricht in dieser abhandlung wieder eine ziemliche an- 
zahl von stellen dieses gedichtes, welche er theils zu erklären, 
theils zu verbessern sucht. Seine kritik ist fast durchaus eine 
objective, auf richtigen anschauungen von der Überlieferung des 
textes beruhende, und macht so einen sehr wohlthuenden ein- 
druck gegenüber der ganz unverantwortlichen willkür, mit wel- 
cher neulich in den Jahn'schen Jahrbüchern (1872, 3, p.197 ff.) 
die Argonautica behandelt worden sind. Auffallend ist es, dass 
Löhbach, der doch sonst mit recht auf den codex des Carrion 
(C) kein gewicht legt, VIT, 341 qui nunc est periturus (qui nunc 
est prvnwevus C, qui nunc est crudelis Monac.) schreiben will; 
denn crudelis, die echte lesart, kann man doch nicht so leicht 
preisgeben und jenes periturus lässt sich nur dann denken, wenn 
man von jenem primaevus ausgeht. Um nun gleich diejenigen 
bemerkungen, welche beachtenswerth scheinen, hervorzuheben, 
erwähnen wir I, 535 die richtige erklärung von varios . . . 
reges (ich hatte dafür mit Slothouwer varias . . . leges ge- 
schrieben), wornach darunter die in den verschiedenen perioden 
der geschichte herrschenden Völker (vgl. 543) zu verstehen sind; 
es ist belehrend hiefür Eutil. Nam. I, 83 ff. zu vergleichen; 
ferner die conjecturen meriti I, 797 (obwohl regis tectis sich als 
ein begriff fassen lässt), nam II, 524, cum III, 350, illum statt unum 
VII, 240, invictae VIII, 224; der Vorschlag die verse VI, 572—574 
Philol. Anz. V. 12 



178. 98. Valerius Flaccus. TCr, 4. 

hinter 554 zu stellen, die interpunction proxima, quaegue IV, 
440 , dann der weitere nacbweis für die in meinen Stu- 
dien p. 12 ff. begründete ansieht, dass Valerius sein gedieht 
in unfertigem zustande hinterlassen habe, der aus III, 181 ge- 
zogen wird; denn dieser vers ist an seinem platze allerdings 
befremdlich, obwohl ich ihn deshalb noch nicht der Hylasepi- 
sode zuweisen möchte. Der schroffe Übergang VI, 755 wird 
wohl aus demselben gründe zu erklären sein und möchte ich 
deshalb die conjeetur ad fera Nyctelii paulum ut per cett. nicht 
vertreten. Ganz vortrefflich ist die bemerkung zu III, 208 
ff., dass hier, sowie IV, 507 ff. und 686 ff. nur der aus- 
bruch des Vesuv im august 79 gemeint sein kann, da man 
ja bis zu diesem jähre, insoweit es eine historische Überliefe- 
rung gibt, den vulkan für erloschen hielt. Darnach war 
Valerius um das jähr 80 erst in der ausarbeitung des dritten 
und vierten buebes begriffen, kann also recht wohl bis 86 oder 
87 gelebt haben, wodurch das bekannte nuper des Quintilianus 
eine leichtere deutung erhält. Wir sehen daraus, dass er sehr 
langsam arbeitete; denn 71 war das buch vollendet (vgl. meine 
Studien p. 6 ff.) und 15 oder 16 jähre nachher war der dich- 
ter nur bis in die mitte des achten buches gekommen. 

An anderen stellen kann ich mich mit dem, was der verf. 
bietet, nicht einverstanden erklären. Die conjeeturen me Pe- 
lias, me fata trahunt (I, 200), paratos statt paternos (243), et 
meritos (508), bruma rigens (515), resoluta (II, 536, nicht wie irr- 
thümlich steht, 526; so muss auch gleich vier zeilen nachher 
562 statt 526 geschrieben werden), VII, 119 consedit in und dgl. 
sind überflüssig, da die überlieferte lesart sich ganz gut erklären 
lässt. Um nur eines oder das andere der eben angeführten 
beispiele näher zu beleuchten, heben wir v. 508 heraus, wozu 
vf. bemerkt „an ist nicht haltbar, weil es einen gegensatz 
voraussetzt , welcher zwischen der glücklichen fahrt der 
Argo und den klagen des Sol nicht existirt". Diese auffas- 
sung ist unrichtig. Der Sonnengott, welcher den willen des 
Juppiter recht wohl kennt, stellt sich so, als ob er noch daran 
zweifelte und fragt: „ist dies dein wille, in welchem falle ich 
mich bescheiden müsste, oder kann ich mich darüber ausspre- 
chen". Man sieht, dass an hier ganz passend ist. — Bruma statt 
nube (v. 515) wäre erträglich, wenn es als ablativ gefasst wer- 



Nr. 4. 98. Valerius Flaccus. 179 

den könnte, aber als nominativ ist es doch gar nicht denkbar, 
weil offenbar sona das subject ist; nur für dieses subject passt 
nescia veris, dagegen für bruma nicht, und man wird doch nicht 
nach rigens interpungieren wollen. Allerdings hat der dichter 
die stelle des Lucanus Phars. I, 27 vor äugen gehabt, aber 
dort steht bruma rigens ac nescia vere rernitti, was doch etwas 
ganz anderes ist. Mit mibe wollte der dichter den nebel be- 
zeichnen, der bei grosser kälte die ferne einhüllt. Man muss 
auch nur bedenken, dass die dichter bei ihren nachahmungen 
vieles veränderten und gerade in dieser Umformung der stellen 
der eigenlhümliche reiz für den leser lag. VI, 300 gebe ich 
das von mir vermutbete Cyrnum (Löhbach schlägt natura vor) 
nicht auf; denn gerade die nennung des namens scheint hier 
bedeutend, wo der vater durch die schlachtreihen irrt und den 
namen seines lieblings ruft. 

An anderen stellen, wo der verf. die Überlieferung gegen die 
vorgeschlagenen Verbesserungen zu vertheidigen sucht , möchte 
ich ihm gleichfalls nicht beistimmen, wie z. b. I, 63, wo er externis 
als aus dem sinne des dichters gesprochen fassen will: „aus- 
ländische, d. i. mit einem besonderen grauen umgebene gift- 
kräuter"; I, 524, wo er generös festhalten will, indem er hiezu 
aus dem vorhergehenden Graia stirpe ein Graios ergänzt ; II 
395, wo er natorum tempora zu rechtfertigen sucht mit der er- 
klärung „wann werden unsere kinder so weit herangewach- 
sen sein, dass familie und staat wieder in Ordnung kommen": 
aber es handelt sich hier ja darum , dass sie erst kinder be- 
kommen, und darum wird wohl corpora, was ich vorgeschlagen 
habe, richtig sein. Auch die vertheidigung von quantisque I, 242 
wird schwerlich dieses retten. III, 439 möchte ich jetzt pectora, 
was als der bezeichnende theil für das ganze steht, gegenüber 
der conjectur Löhbachs' corpora, auf die übrigens auch ich ver- 
fallen war, festhalten; tergora, was Löhbach jetzt nach Bäh- 
rens empfiehlt, passt nicht zu prosectaque ; jedenfalls muss aber 
440 partim wegen des folgenden partim geschrieben werden J ). 

1) Ein versehen enthält die bemerkung zu I, 75 , indem nämlich 
superet mit duret verwechselt ist. — In der verzweifelten stelle V, 
670 dürfte meine vermuthung, dass in fas aliquae: fessaque steckt 
(denn auf die übrigen worte in meiner conjectur lege ich selbst kein 
gewicht) doch von werth sein und vielleicht zur vollständigen emen- 
dation führen; man vergleiche nur III, 664 nomine fesso. 

12* 



180 99. Bellum Africanum. Nr. 4. 

Auch manche der hier empfohlenen Interpunktionen lassen 
sich schwerlich ausreichend begründen, z. b. I, 529, wo tempta- 
taque wieder zum folgenden gezogen werden soll. Dem ein- 
würfe, dass dann der satz qui . . . videt keinen sinn gebe, sucht 
Löhbach durch die bemerkung zu begegnen. Mars sehe sich 
durch die rede des Sol im besitze des goldenen vliesses ge- 
sichert. Aber dies können ja die worte: qui vellera dono Belli- 
potens sibi fixa videt, gar nicht bedeuten. Das gleiche gilt von 
den interpunctionen II, 75 ff. aves. cum . . , undas, certatim, 103 
S(j. auro ; sidereos diffusa sinus eadem. 

Sehr scbätzenswerth sind die zahlreichen nachweisungen der 
Vorbilder einzelner stellen aus Vergilius, wodurch die Sammlung 
in meinen Studien p. 103 ff. mehrfach ergänzt wird, aus Ovi- 
dius und Lucanus , ebenso die der nachabmungen von stellen 
der Argonautica bei Statius. 

K. S. 

99. Das bellum Africanum, sprachlich und historisch be- 
handelt, mit kurzer einleitung über titel und Verfasser, sowie 
die fortsetzungen zu Caesar überhaupt. Von Franz Fröh- 
lich. 8. Erugg. 1872. 100 s. 

Wenn im allgemeinen die vortrefflichen prolegomena von 
Nipperdey zu Cäsar die grundlage jeder späteren Untersuchung 
bilden müssen, so hat auch hier die grundausicht über die 
Verfasser des Bellum Africanum und Hispaniense nur einige 
modificationen erlitten, wonacb jene beiden, Offiziere niederen ran- 
ges, die schritten nicht im auftrage des Hirtius, sondern zu ih- 
rem privatvergnügen nach der beendigung des feldzuges ausge- 
arbeitet und den obercommandanten , unter denen sie gedient, 
zugeeignet hätten, wodurch dann weiter dieselben in die bände 
der vertrauten Cäsars gelangt und zur Vervollständigung des 
unvollendeten werkes verwendet worden wären. In entschie- 
denem Widerspruch aber mit Nipperdey und den meisten litte— 
rärbistorikern stellt sich vf., indem er gelegentlich das Bellum 
Alexandrinum nicbt dem vf. des achten buches des Bellum Gallicum 
Hirtius, sondern dem L. Cornelius Baibus zuschreibt, eine hypo- 
these , welche wir zwar durch einige stilistische beobachtungen 
(8, 28. 33. 78 demonstravimus , docuimus, scripsimus, bloss 35 
scripsi; BAlex. 10. 19. 44. 47. 48 docui, scripsi, commemoravi, 



Nr. 4. 99. Bellum Africanum. 181 

etatui) unterstützen, durch andere aber auch zurückweisen könn- 
ten und daher nicht für richtig halten, schon darum nicht, weil 
die Voraussetzung derselben , Baibus habe den stil des vf. des 
achten buches nachgeahmt (warum nicht des Cäsar, an den er 
anscbloss?), nicht gerade glaublich erscheint. 

Dagegen hat vf. entschieden recht, wenn er die titel der 
fortsetzungen als unpassend (BAlexandrinum) oder unsicher 
(BAfricanum, Africum, Afiicae) bezeichnet. Er durfte vielleicht 
noch einen schritt weiter gehen, und den nur auf c. 1 — 33, 
nicht auf 34 — 78 passenden titel BAlexandrinum als aus den 
anfangsworten (hello Älexandrino conflato), welche an BCiv. 3, 112 
(Tiaec initia belli Alexandrini fuerunt) anknüpfen, entstanden be- 
zeichnen, da doch der vf. ebenso gut ein viertes buch de hello 
civili zu schreiben die absieht hatte, als mit der fortsetzung der 
sieben bücher des BGallicum ein achtes, und jene Schlussworte 
Cäsars (3, 112) so wenig auf eine bestimmte buchüberschrift hin- 
weisen, als 1, 30. 4, 16. 5, 4 die bezeichnung BHelvetiorum, 
Germanicum, Britannicum. Was den von Fröhlich vorgezogenen 
titel bellum, Africanum betrifft, so ist derselbe wohl sprachlich cor- 
rect nach des verfs. subtiler Unterscheidung; damit aber noch 
nicht bewiesen, dass der halbgebildete autor gerade diese form 
gewählt habe, da Cäsar selbst BCiv. 2, 31 (was schon Nipp, 
p. 92 anführt) von einem bellum Africum spricht 1 ). 

Der hauptwerth der abhandlung besteht in dem zweiten, 
umfangreichsten theile, welcher die schrift nach der sprachli- 
chen seite untersucht, und auf grund sorgfältiger beobacb- 
tungen eine reihe schöner emendationen und conjeeturen vor- 
legt. Man kann in dem stile zwei verschiedene elemente un- 
terscheiden, die dem vf. geläufige ausdrucksweise (Vulgärlatein), 
und die künstlerisch - rhetorische , zu der er sich zu erheben 
mühe giebt : unvermittelt, wie sie geblieben sind, geben sie der 
darstellung etwas buntscheckiges und unharmonisches. Der vf. 



1) Wenn es Cäsar vergönnt gewesen wäre sein werk selbst zu 
vollenden, so ist sogar wahrscheinlich, dass die beiden titel BGalli- 
cum und BCivile in einen haupttitel rerum suarum (Cic. Brut. §. 263. 
Suet. Caes. 56) oder rerum (a se) gestarum (BG-all. 8. praef.) auf- 
gegangen wären: wenigstens fasste das alterthuin das werk als auto- 
biographie, nicht als historia. Bei Appian Celt. 18 wird zu lesen 
sein: iv rals {(frjutQcus dvayqct^ais (commentarii) iwv Witav egyiay (re- 
rum suarum). 



182 99. Bellum Africanum. Nr. i, 

hat es indessen nicht dabei bewenden lassen, die eigenthümlich- 
keit des autors festzustellen, sondern oft den Sprachgebrauch 
Cäsars oder der bedeutendsten römischen historiker überhaupt 
in vergleich gesetzt, wodurch einzelne excurse eine weiter grei- 
fende bedeutung erhalten haben. Man vgl. p. 18 über magis 
mit dem comparativ, 29 über perfecta auf erunt [ere], 44 über 
gebrauch und Stellung von namque und nam , 54 über die mit 
präpositionen componirten verba, welche bloss eine Verstärkung 
des grün d begriff es enthalten, 58 über bildungen wie errabundus. 
Von emendationen heben wir hervor c. 20 milites als glossem zu 
stipendiarii zu streichen; 26 dirui delerique statt deserique nach 
c. 20; c. 38 facile für facere; c. 50 adversarii statt dbusi, 88 
das comma vor omnes zu setzen, nach analogie von 37. 63; 
19 Buthroto statt Brundisio; c. 20 praeter ea pauea, quae war 
das pronomen zu tilgen, nach c. 95. 

Da es dem vf. am wenigsten gelungen ist, das vulgäre 
in der spräche nachzuweisen, so mögen hier einige nachtrage 
folgen, damit nicht aus dem stillschweigen der schluss gezogen 
werde, als sei es der lexicalischen forschung unmöglich in die- 
ser richtung weiter vorzudringen. Wie pulcher in der Umgangs- 
sprache durch das in den romanischen sprachen erhaltene bcllus 
vertreten ist, so finden wir auch im BAfricanum oft durch magnus 
das bei Cäsar seltene grandis ersetzt (18. 24. 34. 42. 48. 
76. 79) und durch aliquantus (21. aliquantumnumerurn)] parvus 
durch minutus (27. 29. 51. Hisp. 5: vgl. minutatim 31. 78, 
minor, minimus, Terent. Andr. 369 pisciculos minutos, Cic. ad Att. 
16, 1, 3 navigia minuta, Vitr. 7, 5 minutum theatrum) und durch p au' 
cus (67 pauco numero) und zwar grade in Verbindungen wie 
minuta proelia, wofür Cäsar 2, 30. 5, 50 parvula proelia sagt. 
Für „ausgezeichnet" schreibt der vf. des BAfricanum mirabi- 
lis 10. 13. 22. 31. 37. 69, welches bei Cäsar und seinen fort- 
setzern ganz fehlt , (Hirtius admirandus) , oft auch das bei Cä- 
sar verhältnissmässig seltenere mirificus. 

Zu den von Nipperdey p. 18 gesammelten vulgären deminu- 
tivformen fügt vf. uurichtig sagulum, insofern diese form (der liebe 
mantel, vgl. lectulus, sella = sedecula) auch von Cäsar, Livius u. 
a. gebraucht wird; unbesprochen aber blieb villa (9. 26. 40. 65. 
67. 91 bis), welches wort bei Cäsar und seinen fortsetzern fehlt 
und sich der bedeutung nach als deminutiv zu vicus (vicula) 



Nr. 4. 100. Grammatik. 183 

präsentiert. Aus der vergleichung von c. 26 villas exuri, agros 
vastari mit Cäsar 3, 29 (vastatis agris, vicis aedificiisque incensis 
und ebenso 2, 7. 4, 4) möchte man schliessen, dass der vf. 
unter villa nicht nur einzelne häuser, sondern ganze, mit mauern 
umschlossene gehörte (c. 40) und complexe mehrerer Wohnun- 
gen versteht, woraus sich das französische vüle besser ableiten 
lässt. 

Unter den verben finden wir beispielweise curro mit Sipp- 
schaft für ire, venire; porto für fero, z. b. 69 sarcinas compor- 
tare für das cäsarianische conferre; einen ausgedehnten gebrauch 
von porrigere (4. 17. 30. 42. 60. 78) und dirigere; convulne- 
rare neben vulnerare, se fugae commendare 34 statt man- 
dare (BGall. 1, 12 und oft), consuefacere für adsuefacere, die 
archaistische wendung sauciis f actis c. 70, wie bei Cato frg. 83 
Peter., Sisenna fr. 36; unter den adverbien konnten citatim, 
catervatim, cumulatim , minutatim, ordinatim u. a. in bezug auf 
Vulgarismus oder archaismus näher untersucht, hercule, meher- 
cule 12. 16 als bei Cäsar und seinen fortsetzern fehlend be- 
zeichnet werden u. s. f. 

Der dritte theil der dissertation führt aus, dass das BAfrica« 
num von Plutarch im leben Cäsars direct (entgegen der an- 
sieht Peters), von Dio Cassius indirect, von Appian gar nicht 
als quelle benutzt worden sei. Auch diese Untersuchung be- 
stätigt unser gesammturtheil , dass wir, einzelne mängel und 
versehen abgerechnet, eine ebenso fleissige als wackere erst- 
lingsarbeit vor uns haben. 

E. W. 

100. Studien zur griechischen und lateinischen grammatik 
herausgegeben von Georg Curtius. Fünfter band. 8. Leip- 
zig. Hirzel. 1872. 442 ss. — 2 thlr. 20 gr. 

Diesen neuen band der Sammlung eröffnen „Beiträge zur 
stammbildungslehre des griechischen und lateinischen" von Gu- 
stav Meyer (p. 1 — 116): der vf. geht aus von den bekannten, 
von den verschiedenen forschem in der abweichendsten weise 
erklärten Zusammensetzungen, bei denen das zweite glied in 
abhängigem verhältniss zum ersten steht, und sucht dem ersten 
theile nomina mit suffix as, a, ti und i zu vindicieren. Den 
Schwerpunkt seiner Untersuchung legt er indessen in den nach- 



184 100. Grammatik. Nr. 4. 

weis, dass in der griechischen wie in der lateinischen Wortbil- 
dung ein sehr ausgedehnter Übergang aus der consonantischen 
in die vocalische declination stattgefunden habe, indem sich 
consonantische stamme im auslaut mit einem vocal erweiterten, 
und dass man das o bzw. i, das am ende des ersten gliedes 
von Zusammensetzungen erscheint, nicht für einen bindevocal 
zu halten habe, der hier wie sonst keine berechtigung hat, 
sondern entweder für den hier bewahrten auslaut eines ur- 
sprünglich vocalischen Stammes oder für eine solche vocalische 
Stammerweiterung. In einem „Nachtrag" p. 335 — 338 wird 
auf analoge erscheinungen im prakrit und in der verbalbildung 
hingewiesen. 

Die zweite grössere arbeit des bandes sind sehr sorgfältige 
Untersuchungen über die griechische metathesis von Justus Sie- 
gismund (de metathesi graeca cajpita duo, p. 117 — 217). Den 
grund der metathesis sieht der vf. in einem gewissen übereilen 
im aussprechen besonders der liquiden und nasale, wodurch 
diese vor dem vocal anticipiert werden , dem sie eigentlich fol- 
gen sollten. Es lässt sich nicht leugnen, dass erscheinungen 
der späteren vulgärsprachen diese auffassung begünstigen, wie- 
wohl man für die ältere zeit gern an der Benfey'schen ansieht 
fest hält, wonach die metathesis ihren ursprupg verdankt einer 
vocalisierung der in den liquiden enthaltenen stimme (ra ara 
ar<* arj. Nur liquiden und nasale werden von der metathesis 
betroffen, und zwar letztere weitaus seltener; dabei werden die 
liquidae vor den vocal gesetzt (eine besonders im slawischen 
häufige erscheinung), selten und nur in späten beispielen der 
vocal vor die liquida. In §. 4 wird die metathesis des q, in 
§. 5 die des X besprochen; das etymologische material ent- 
nimmt der verf. fast durchweg Curtins und Fick, ohne eigene 
combinationen zu machen, eine mässiguug, die da, wo es sich um 
eine nach sicheren resultaten ausgehende lautgeschichtliche Un- 
tersuchung handelt, gewiss nur zu billigen ist. Eine beraer- 
kung möchten wir uns zu xQutvta p. 148 erlauben, das auch 
von Maurophrydes Kuhn Z. VII, 353 nicht genau aufgefasst wor- 
den ist; der nasal des Stammes xgav erklärt sich aus dem ver- 
wachsen des nasalsuffixes mit der wurzel kar, die ursprünglich 
mit 6uffix nu flectiert wurde (ved. krnömi d. i. kar-nü'ini, 
später karömi). In §. 6, wo der vf. die nur in einzelnen for- 



Nr. L 100. Grammatik, 185 

men stattfindende metathesis behandelt, kommt er auch zur be- 
sprechung der dative nargaat u. s. w., die er meiner meinung 
nach richtig aus metathesis (für narag - ai) erklärt ; Brugmann in 
demselben bände p. 330 kämpft für synkope und binde -vocal 
(nwiEQ-a -oi) ; aber wie g vor sich ein a entwickeln konnte, 
so konnte es auch ein stimmhaftes a bewahren , und die an- 
nähme eines bindevocals hat hier wie überhaupt in der flexion 
keine berechtigung. Die fälle, wo die Versetzung der liquida 
mit einer affection des vocals verbunden ist, werden §. 7 be- 
handelt ; hier scheint uns die auseinandersetzung über xgitoi p. 
179 an einer gewissen Unklarheit zu leiden. Die durch meta- 
thesis entstandene wurzel y.gt liegt noch vor in xfi-xpT-xct xgi - 

ro-g y.Qi-ai-g; einstige nasalflexion dieser wz. wird erwiesen 
durch das lateinische cer-no, dessen identität mit xgiva freilich 
nicht so gross ist, als auf den ersten anblick scheinen könnte; 
denn die länge des T und das aeolische xgiww weisen deutlich 
auf einen untergegangenen Spiranten hin. Wir haben uns den 
Vorgang so zu denken, dass der nasal der praesensbildung mit 
der wurzel verschmolz, so dass man kqiv als neue wurzel be- 
trachten und mit neuem praesensstammbildungssuffix , wohl ja, 
flectieren konnte. Aus diesem nghjco entstand durch assimila- 
tion XQivvta und daraus durch schwinden des einen * und ersatz- 
dehnung (d. h. nach Job. Schmidts unzweifelhaft richtiger auf- 
fassung, durch Verschmelzung von tv zum nasalvocal und daraus 
hervorgehende längung des i) xgivco , nicht, wie Curtius auch 
hier will, durch epenthese. §. 8 behandelt die seltene nach- 
Stellung der liquida (z. b. 'jägzaqjsgvqg aus 'AgTctqgtvtjg Aeschy- 
los, altp. — frana), §. 10 die metathesis der nasale, §. 11 
Wurzelvariation durch metathesis; in der erklärung dieser er- 
scheinung p. 206 schwankt der verf. zwischen synkope und 
metathesis umher, augenscheinlich verwirrt durch die Voraus- 
setzung graeco - italischer formen, mit deren ansetzung man doch 
vorsichtiger sein muss , besonders seit Joh. Schmidts letztem 
buche über die Verwandtschaftsverhältnisse der indogermanischen 
sprachen. Metathesis im aulaut und metathesis von liquidae 
und nasalen mit consonanten schliesst die interessante und 
ergebnissreiche Untersuchung. 

Von den übrigen beitragen heben wir die miscellen des 



186 101. Grammatik. Nr. 4. 

Herausgebers p. 218 und 241 ff. hervor, der uns auch durch 
den Wiederabdruck seines kieler programms de aoristi latini re- 
liquiis 431 ff. eine sehr willkommene gäbe gebracht hat; 
möchte es ihm gefallen auch seine andern kleineren Untersuchun- 
gen durch eine Sammlung allgemeiner zugänglich zu machen. — 
Einen beitrag zu dem noch leider so ungenügend bearbeiteten 
ionischen dialekt gibt die arbeit von Wilhelm Ermann de ti- 
tulorum ionicorum dialecto (251 — 310), während sich Nie. Chalkio- 
pulos aus Lokris in seiner abhandlung : de sonorum affectionibua, 
quae pereipiuntur in dialecto neo -locrtca p. 339 ff. an die grössere 
arbeit von Deffner im vorigen bände Neograeca anschliesst. Ety- 
mologisch ist der beitrag von Brugmann p. 220, onomatolo- 
gisch Angermann die römischen männernamen auf a, sprach- 
physiologisch Brugmann zur physiologie der r-laute in den in- 
dogermanischen sprachen p. 311 ff.; interessant ist endlich auch 
der aus dem englischen übersetzte aufsatz : Ueber wesen und 
theorie der griechischen betonung (p. 407 ff.) von dem leider im 
november vorigen Jahres zu New - Haven verstorbenen profes- 
sor Hadley, einem der bedeutendsten Vertreter der Sprachwis- 
senschaft jenseits des oceans. Gustav Meyer. 

101. Dr G. E. H. Raspe, Grammatische kleinigkeiten 
(programm der domschule zu Güstrow) 1871. 4. 23 s. 

Es sind verschiedene fragen aus dem gebiet der griechi- 
schen und lateinischen syntax, die hier, zum theil mit recht 
lebendigem Sprachgefühl behandelt werden: I) der genetiv 
bei den verben des sagens im griechischen. „Es 
gibt eine anzahl von stellen bei griechischen dichtem und pro- 
saikern, insbesondre bei Sophokles, in denen zu den verben 
des sagens ein genetiv in der art gesetzt erscheint, dass man 
zweifelhaft sein kann, ob dieser casus unmittelbar von dem ver- 
bum des sagens abhängt oder von etwas andern — zum theil 
auch, ob eine anakoluthische fügung anzunehmen ist oder nicht". 
Der vf. geht von der bekannten stelle bei Soph. 0. T. 700 
C(irö — KoiovzoQ) old ptoi ßeßovisvxojg s%ei aus und gelangt 
durch betrachtung der andern stellen: Trach. 1122, Philoct. 
439, Electr. 317, Ai. 1236, Trach. 928 und 0. Col. 355, un- 
ter hinzunahme von Hom. Od. XI, 174. 494. 506. XV, 347 
zu dem resultat, dass der genetiv hier überall zu dem 



Nr. 4. 101. Grammatik. 187 

verbum des sagens gehört: „1. das subject des neben- 
Satzes wird in den hauptsatz gerückt, dadurch zu einem objec- 
tivum des verbums des hauptsatzes umgewandelt, und erscheint 
im genetiv, um sich zunächst nur ganz allgemein als den ge- 
genständ vorzuführen, von welchem die rede ihren stoff ent- 
nimmt oder entnehmen soll ; der abhängige satz enthält dann 
die specielle angäbe dessen, was über diesen gegenständ ge- 
sagt wird oder gesagt werden soll"; „2) der genetiv ist nicht 
aus wegrückung aus dem nebensatz in den hauptsatz ent- 
standen , da anstatt eines abhängigen satzes ein nominalob- 
ject (Ai. 1236) oder ein pronominalobject (Trach. 928) ge- 
treten ist, oder das object in passiver construction als sub- 
ject des satzes erscheint (0. C. 355), oder endlich das verb 
des sagens absolut (ohne accusativ des inhalts) steht, (Philoct. 
441 noiov 8s tovzov nXfjv y* '(Idvootag igsig) 11 . Wenn aber 
der vf. dabei zu 1 behauptet, es mache für den gedankenin- 
halt keinen unterschied ob der genetiv oder der accusativ stehe 
und Sophokles habe (abgesehen vom hiatus) 0. T. 700 ebenso 
gut sagen können: eym — Kqsovtu, oid poi ßsßovXtvxdäg «#£«, 
so verkennt er die wesentliche differenz zwischen der anwen- 
dung des genetivs und der des accusativs doch in höchst auf- 
fallender weise. Er gesteht zwar zu, dass „dem accusativ 
eine andere anschauung zu gründe liege, insofern dieser den ge- 
genständ bezeichne, über welchen hin sich die rede verbreitet"; 
indem er aber zur begründung der eben erwähnten behauptung 
(Sophokles habe a. a. o. ebenso gut sqoj Kotovra sagen kön- 
nen) stellen wie Phil. 573 d).Xu top 8 s (xqi (poüaov ttg iaiiv 
und O. T. 740 iov 8s Aä'iov cpvaiv x'iv stys cpod^s anführt, 
übersieht er gerade den gruud , aus dem in den beiden letzten 
fällen der accusativ steht, während 0. T. 700 und in ähnlichen 
stellen der genetiv gebraucht wird. Wo die aussage die ganze 
person an sich, ihr dasein, umfassen soll, da wird das in den 
hauptsatz als object zu qiQiiaov , ggü^s gezogene subject des 
nebensatzes in den accusativ gesetzt (und verhält es sich in 
dieser beziehung mit röiSs fxoi cpodaov ilg iativ schlechthin 
nicht anders als wie mit ol8a zovtov ibv uv8qh Sang iazlv)] 
soll aber etwas von der person , eine thätigkeit , läge, zu- 
stand u.s.w. gesagt werden, so stellt der dichter das in den 
hauptsatz gezogene subject des nebensatzes in den genetiv: 



188 101. Grammatik. Nr. 4« 

sqoo Kgiovrog, olä [tot ßeßovlsvxcog s%ei oder iT\g fir t TQog tJxoo rijg 
sp>ig (fgdamv iv oig tvv iaziv xta. Schon daraus ergiebt sich 
zugleich, dass die behauptung des vf. zu 2 : „darnach kann man 
also griechisch sagen: 1) igä Kgiovrog ola — s'^ct, 2) iom 
Koeovrog 7«5f, 3) sgä Kgsovrog schlechtweg" — in dieser ab- 
stracten fassung unhaltbar ist. — Unter II M)j ov mit 
dem particip, werden Herod. II, 110; VI, 9. 106, Soph. 
0. C. 258. 0. T. 13, und ausführlicher 0. C. 221 besprochen. 
„In allen diesen stellen hat sich mit der negation des haupt- 
satzes die Vorstellung oder auch das flüchtige gefühl eines hin- 
derns, abwehrens, widerstrebens verbunden; diese Vorstellung 
schwebt auch noch im participialsatz vor und kommt zu ihrem 
bloss andeutenden ausdruck in dem zur negation hinzutretenden 
prohibitiven /*/;". — Nr. III handelt vom Nominativus äbsolutus 
und Infinitivus historicus. Sehr sinnreich stellt der vf. beide 
neben einander: „wie der griechische nominativus äbsolutus 
(vielleicht auch plasticus zu nennen, denn es liegt etwas pla- 
stisches in dieser redeform: sie ist nicht aussage, sondern 
darstellung) die schranken der grammatischen gesetze durch- 
bricht, so thut es auch der lateinische infinitivus historicus, denn 
in ihm erscheint die organische Verbindung des prädicats mit dem 
subject formell aufgehoben, indem er der temporal- modal - und 
personalbeziehungsformen entkleidet den verbalbegriff absolut 
hinstellt. Und wie der absolute nominativ in seiner emancipa- 
tion von den gesetzen der satzfügung darstellen will, so 
will hier das prädicat in seiner emancipation von der gewalt 
des subjects die aufmerksamkeit vorzugsweise auf sich 
richten". — IV ist überschrieben: lam — cum. „Es gibt ein 
doppeltes lam — cum, 1) das rhetorische, spannende, 
welches zwei handlungen oder ereignisse derartig in beziehung 
zu einander bringt , dass die mit cum eingeführte überraschend, 
fördernd, hemmend, entscheidend in einen moment der im haupt- 
satz dargestellten fällt, oder in dem moment ihres abschlus- 
ses, unmittelbar nach ihr, eintritt, Liv. III, 18, 8; 60,9. II, 10, 
10 etc.; 2) das logische, welches einfach angibt, dass die 
erste handlung (oder das erste ereigniss) bereits eingetreten 
oder vollendet war, als die zweite eintrat, Liv. XXII in. IX» 
23, 13 etc" — Unter V wird ausführlich über accusativ-ap- 
positionen in Sätzen, wie Cic. Or. 16, 52 hoc mihi quae* 



Nr. 4, 102. 103. Lateinische grammatik. 189 

rere videbarß, quod genus ipsius orationis Optimum iudicarem: rem 
difficilem, dii immortales atque omnium difficillimam, gehandelt. 
Zuletzt bespricht der verf. VI das Cum temporale und stellt 
die regel auf: „wird das im nebensatz dargestellte ereigniss 
als ein völlig eben so selbständiges gedacht wie das im baupt- 
satz dargestellte, so bleibt der indicativ; der conjunctiv tritt 
ein, wenn das nebenereigniss auch als nebenbestimmung des 
hauptereignisses gedacht wird". „Wenn Cicero sagt Zeno- 
nem cum Athenis essem audiebam frequenter, so versteht es sich 
— meint der vf. — dass dafür auch eram gesetzt werden konnte; 
es geschah nicht, weil Cicero seinen aufenthalt in Athen nicht 
als etwas gewichtiges, auf das der leser wohl achten möchte, dar- 
stellen wollte — das essem ist gleichsam ein conjunctiv der be- 
scheidenheit". Sollte nicht vielmehr Cicero mit cum Athenis 
essem haben sagen wollen: es verstand sich von selbst, dass ich 
bei meiner anwesenheit in Athen auch dort die namhaften 
damaligen philosophen und unter diesen den Epikureer Zeno 
(Fin. B. et M. I, 5, 16) hörte. 

Was übrigens die correctheit des drucks betrifft, so lässt 
diese mitunter viel zu wünschen übrig. Fehler wie p. 1 ^ap» 
&sv (statt tjfiuQtsv) und ganz unten rovto (statt toviov) , (p. 4 
Od. 11, 106 (statt 5u6), p. 5 eiaäv (statt eintov), p. 8 der 
parodos (statt die parodos), p. 10 oifioyh (statt oifimyij) durf- 
ten doch, zumal der verf. nach seiner eigenen Versicherung (p. 
20) bei diesen kleinen abhandlungen hauptsächlich seine Schü- 
ler im äuge hat, auf keinen fall uncorrigirt bleiben. 

n. 

102. 1) Lateinische schulgrammatik von Latt mann-Mül- 
ler. 3. aufl. Göttingen. Vandenhoeck u. Euprecht. — 1 thlr. 5 gr. 

103. 2) Kurzgefasste lateinische grammatik von Lattmann- 
Müller. 3. aufl. Göttingen Vandenhöck und Euprecht. 8. 
1872. - 24 gr. 

Wenn *) die Verfasser die Überzeugung aussprechen , dass 
die lateinische grammatik nicht blos als dienende magd für den 
zweck des lateinschreibens und der interpretation der schrift- 
steiler in der schule anzusehen sei, sondern auch als selbstän- 
diges bildungsmittel verwerthet werden müsse, und wenn sie 

1) S. Philol. Anzeig. IV, nr. 11, p. 539. — Die redaction. 



190 102. Lateinische grammatik. Nr. 4. 

daraus folgern, dass die syntax eingebend auf unseren bildungs- 
anstalten zu betreiben sei, so wird ihnen jeder lehrer nur gern 
beipflichten. Denn , wie ein erfahrener pädagog mit vollem 
rechte sagt, die syntax gerade einer fremden spräche, in ihrer 
steten beziehung zu der muttersprache, muss dem schüler die 
erforderliche schärfe und geschmeidigkeit in der anwendung der 
denkgesetze geben. Daher kann auch ein systematischer Unter- 
richt in der grammatik auf unseren höheren schulen nicht ent- 
behrt werden; es mag möglich sein, die schüler auf dem wege 
der baren empirie rascher zu einer bestimmten beherrschung 
und verwerthung des Sprachschatzes zu befähigen, allein die 
entwickelung ihres Verstandes wird bei einem solchen verfah- 
ren ungebührlich vernachlässigt. 

In einem punkte unterscheiden sich die obigen gramma- 
tiken wesentlich von den übrigen (z. b. Zumpt, Schultz): sie 
enthalten vieles, was diese bieten, nicht. So fehlt die wortbil- 
dungslehre, und mit vollem recht, wie mir scheint; denn sie 
steht doch blos zum prunk in den grammatiken und wird äu- 
sserst selten oder nie benutzt. Auch die adverbia, conjunctio- 
nen und präpositionen sind nur kurz behandelt, die interjectio- 
nen gar nicht; wer näheres darüber wissen will, wird auf das 
lexikon verwiesen. Desgleichen ist das ganze gebiet der synta- 
xis ornata, als zur Stilistik gehörend, weggelassen worden ; nur 
von den negationen handelt ein kurzer abschnitt. Auch die 
prosodie und metrik sind ausgemerzt, blos dem römischen ge- 
wicht, geld, mass und kalender ist ein kleines plätzchen in der 
neuen aufläge vergönnt worden. Allerdings gehören bemerkun- 
gen über Stilistik und metrik nicht eigentlich zur grammatik, 
auch könnte ja für jene in einem besonderen hülfsbüchlein, für 
diese in einem anhang zu Phädrus oder Ovid gesorgt sein ; 
doch tritt dabei der übelstand ein, dass zu viele bücher dem 
schüler in die hände gegeben werden müssen, um dies zu ver- 
hüten, wäre es doch wünschenswerth, wenn die grammatiken 
die „üblichen zuthaten" , wenigstens die syntax ornata, in ihren 
bereich zögen. 

Durch weglassung dieser zuthaten haben natürlich die Ver- 
fasser viel räum gewonnen, um ausführlich, bis zu einem gc 
wissen grade erschöpfend die einzelnen erscheinungen der h 
teinischeu syntax zu besprechen und eingehend zu begründei 



Nr. 4. 102. Lateinische grammatik. 191 

so widmen sie z. b. der conjunction cum 16 Seiten, Schultz und 
Zumpt nur 4 — 5 Seiten. 

Während am Schlüsse der vorrede zur schulgrammatik gesagt 
ist, dass dieselbe für gymnasien dienen solle, betont die vorrede zu 
2., dass letztere da, wo man auf möglichste kürze besonderes gewicht 
lege, als das einzige lehrbuch für das ganze gymnasium benützt wer- 
den könne; zu diesem zwecke hat auch 2. in ihrer dritten aufläge 
eine bedeutende erweiterung erfahren. Für realschulen reicht 
sie in dieser fassung allerdings völlig aus; ob auch für gymnasien, 
darüber lässt sich streiten. — Auf p. 1 — 107, also in der gan- 
zen formenlehre und im ersten cursus der Satzlehre, der eine 
übersichtliche lehre vom einfachen satze bietet, entsprechen sich 
1 und 2 gänzlich ; in den übrigen §§ des zweiten und dritten 
cursus ist der text vom 2. fast überall wörtlich dem texte 
von 1 entlehnt. Die kürzere fassung von 2 (2 = 304, 
1 = 423 seifen) ist dadurch gewonnen, dass ausführliche ent- 
wickelungen, viele anmerkungen so wie beispiele in derselben 
weggelassen sind , z. b. in §. 58, welcher vom abl. absolutus 
handelt, enthält 1 zu anmerkung 2 die erweiterung über die 
ausnähme von der hauptregel, nach welcher blos dann der abl. 
absolutus stehen soll, wenn der nebensatz ein subject hat, wel- 
ches im hauptsatz nicht vorkommt. Zu anm. 3, die in 2 einge- 
klammert am Schlüsse steht, fügt 1 noch zwei beispiele hinzu. — 
§. 149 ist die erscheinung , dass hinter den verbis des fürch- 
tens ne = „dass", ut = ,,dass nicht'* steht, in 1 weitläufiger 
erörtert als in 2, wo die stelle über die analogen verba „sor- 
gen, besorgen" fehlt. Die am Schlüsse eingeklammerten worte: 
„ut in diesen Sätzen als fragewort zu betrachten, ist schon we- 
gen seiner in fragesätzen üblichen bedeutung nicht angemessen" 
fehlen in 2, doch auch für 1 scheint mir die bezugnahme auf 
eine andere erklärungsweise dieser construktion überflüssig, da 
es für den schüler doch blos darauf ankommt, eine erklärung 
als überhaupt gültig hinzunehmen , der lehrer aber das übrige 
von selbst wissen soll. Auch scheint die gegebene begründung 
nicht ganz stichhaltig, da ja ut = quomodo ziemlich häufig, 
auch bei Cicero, sich findet; der haupteinwand, der sich gegen 
jene erklärung geltend machen lässt, ist vielmehr der, dass, 
wenn auch ut auf obige weise sich erklären liesse, ne noch 
lange nicht dadurch erklärt wäre. Ferner stehen statt der 



192 102. Lateinische grammatik. Nr. 4 f 

neun beispiele , die 1 bietet, in 2 blos sechs ; auch ist in 1 die 
Übersetzung der beiden ersten weggeblieben. Zu anm. 2, 1 
enthält 1 ein beispiel mehr, ebenso zu 2, drei; die in 2, 2 
enthaltene bemerkung, dass Verla timendi selten den acc. c. in- 
finitivo regieren, fehlt in 2 ganz. Ebenso fehlen zu anm. 3, 2 
die vier letzten beispiele. Das darin vorkommende wort „Urbani- 
tät" wird besser ins deutsche übertragen und durch „form der 
höflichen Umgangssprache" ersetzt. — Was §. 158, A über 
die bedeutung von quin, gesagt ist, wird in 2 ganz übergangen; 
richtig ist die erklärung , dass quin nicht aus dem ablativ qui, 
sondern aus dem flexionslosen stamme des relativs und ne zu- 
sammengesetzt ist. So viel möge genügen, um das verhält- 
niss der beiden grammatiken zu einander zu kon- 
statieren. 

Die zahl der belegst eilen für einen jeden einzelnen 
fall ist eine grosse und dient dazu, die regel nach allen seiten 
zu beleuchten und reichliche gesichtspunkte zu eröffnen ; nur 
ist manchmal des guten zu viel geschehen. So z. b. werden 
zu cum historicum 13 sätze angeführt, in der Schulgrammatik 
gar 20, die eine volle seite einnehmen. Von jenen 13 Sätzen 
könnten 6 und 7 recht gut fehlen, da sie dem fünften entspre- 
chen. Die sätze zeigen in der mannichfaltigsten weise, wie der 
satz mit cum bald am anfang, bald in der mitte, bald am 
Schlüsse der periode steht; wie imperfekt und plusquamperfekt 
sich verbinden; wie im hauptsatze meist das perfekt, seltener 
des präsens historicum oder imperfekt gesetzt wird. Gut ist 
die einrichtung, dass die belegsteilen mit angäbe des ortes, wo 
sie verzeichnet sind, citirt werden; auch für die kurzgefasste 
grammatik wäre dies durchaus wünschenswerth. Letztere bietet 
manchmal andere belege als die schulgrammatik. Dass einzelne 
stellen, die zur beleuchtung der regeln am geeignetsten sind, 
mit den in anderen grammatiken angeführten übereinstimmen, 
ist nicht zu vermeiden ; dass die belegstellen insgesammt aber 
nicht daher entlehnt, sondern vermittelst sorgfälliger lectüre 
selbständig zusammengetragen sind, davon zeugt jede seite. 

Die anordnung der syntaktischen regeln, die auf genauer 
einhaltung eines zu gründe gelegten Systems fusst, bietet dem- 
gemäss in vielerlei hinsieht neues. So sind die sätze mit quin 
ganz richtig unter die relativsätze gestellt, die mit quod unter 



Nr. 4. 102. Lateinische grammatik. 193 

die causalsätze, die verba impediendi und timendi unter die final- 
sätze ; quo, welches sonst eine allein stehende regel füllte , ist 
unter die Zwecksätze eingereiht worden. Die eintheilung der 
nebensätze, die gruppirung der casusregeln ist in vielen punk- 
ten von der gewöhnlichen abweichend. Sehr instruktiv um das 
wesen des abl. absolutus erkennen zu lassen, ist, dass derselbe als 
satztheil mit adverbialer bestimmung nicht beim particip, son- 
dern unter dem ablativ behandelt ist. Dagegen missfällt mir, 
dass die impersonalia: pudet, piget, paenitet, taedet, miseret, decet 
und dedecet, interest und refert als zusatz zur casuslehre ange- 
fügt sind, während sie doch einfacher unter dem genetiv bzw. 
accusativ besprochen werden könnten. 

Für viele fälle sind neue und treffende namen erfun- 
den, welche das wesen des zu erörternden punktes scharf bezeich- 
nen; so für die verba iudidalia, für den accusativus verbalis und 
adverbialis, den ablativus separativus und sociativus sowie originis, 
für cum inversum; neu ist ferner die beziehung der coincidenz, 
sowie die Wahrnehmung, dass der conjunctivus zunächst für 
den gebrauch im hauptsatze geschaffen ist und seine, 
erst durch die weitere entwickelung der spräche und des satz- 
baus entstandene, Verwendung im nebensätze also aus jenem ab- 
geleitet werden muss, feiner die lehre vom selbständigen, 
bezogenen und abhängigen gebrauch der tempora. 

In der vorrede betonen LM ., dass sie den durchgreifen- 
den gebrauch der mustergültigen prosa wiedergeben wollen, 
modiöciren dies aber an einer anderen stelle dahiu , dass man- 
che bemeikuugen über seltenere ersch>inungen auch in einer 
Schulgrammatik nicht fehlen dürften. Ueber das maass des auf- 
zunehmenden können freilich die meinungen sehr auseinander 
geben; ich habe im folgenden einige punkte, wo änderungen 
oder erweiterungen nöthig scheinen, zusammengestellt. — §.4 
anra. fehlen unter den verbis, die auxiliär gebraucht werden kön- 
nen : festinare Cic. Ep. ad Att. 3, 26. cessare ibid. 11, 11. instare 
Liv. 24, 46. curare Cic. Tusc. 5, 31. parare Ep. ad Att. 14, 21. 
cogitare p. Mil. 20. p. Sulla 24. — §. 26, anm. 1 vermisse ich die 
bemerkung, dass der dativus ethicus bei Cicero fast nur in Ver- 
bindung mit ecce vorkommt: Cic. Ep. ad Att. 2, 8. — §.30 anm. 
1 ist die bei Livius öfter (Liv. 1 , 54, 9. 33, 46. 8. 45, 30, 
2) vorkommende redensart divisui esse nicht erwähnt. — §. 33 
Philol. Anz. V. 13 



194 103. Lateinische grammatik, Nr. 4. 

könnte hinzugefügt werden, dass der genetivus qualitatis biswei- 
len in Cicero's briefen eine freiere Verwendung findet: ad Fam. 
7, 1. 13, 77. 9, 26. 13, 29. — §. 45 anm. 1, c steht die re- 
densart interdicere cui aqua et igni „verbannen" unter dem all, 
separativus ; sie ist also von den verbis induere, donare u. s. w. (§. 
29, anm 3), mit dem sie sonst zusammengestellt zu werden pflegt, 
getrennt. — §.49, anm. 2 fehlt: seltenersteht statt des ablativs der 
Zeitbestimmung die präposition ad, im deutschen durch „über" zu 
übersetzen, um den endpunkt des Zeitabschnitts deutlicher zu 
bezeichnen: Cic. Ep. ad Att. 12, 46.Tusc. 1, 37. — §.86 anm. 1 
vermisse ich unter den redensarten, die, weil sie den auxilären 
verbis entsprechen, mit dem infinitiv verbunden werden, in animo 
est, stat, certum est, deliberatum est, iudicatum est mit den beleg- 
stellen: Cic. Ep.Fam. 11, 14. Nep.Att.21. Cic. p. Eosc. Am. 11. 
Ep. ad Att. 15, 5. Fam. 7, 32. — Zu §.86, anm. 2 fehlt unter den 
verbis, die, vom gewöhnlichen Sprachgebrauch abweichend, den 
infinitiv regieren: fugere: Cic. Att. 10, 8. p. Mur. 5. de orat. 
3, 38. — Zu §. 88, 2. Unter den adjectiven und verben, die den 
dat. gerundii zu sich nehmen, ist nicht verzeichnet: destinatus, 
Liv. 1, 55, 7: itaque Pometinae manubiae, quae perducendo ad 
culmen operi destinatae erant, vix in fundamenta suppeditavere. — 
In §. 113, 2 gefällt mir die fassung der regel nicht: „nicht 
selbsterlebte ereignisse stehen bei memini im inf. perfecti", 
weil der ausdruck missverstanden werden kann. Denn (ich be- 
spreche das beispiel) Cicero hat doch zu der zeit gelebt, als Marius 
nach Afrika floh, wenn er auch nicht selbst zeuge de9 ereig- 
nisses gewesen ist. Schärfer und klarer ist die gestaltung der 
regel bei Schultz §. 393, anm. 1. — §.126 anm. vermisse 
ich die bemerkung: dagegen muss der conjunktiv nothwendig 
stehen, wenn die worte nicht aus dem sinne des erzählers, son- 
dern der gerade handelnden person angeführt sind : Liv. 1, 
59, 6: ubi eo ventum est, quacunque incedit armata raulti- 
tudo, pavorem ac tumultum facit. rursus ubi anteire primäres civi- 
tatis vident, quid quid sit, haud temere esse rentur. — §.151, 
3 ist die erscheiuung , dass hiuter dignus u. s. w. der infinitiv 
gesetzt wird, mit recht unbeachtet gebliebeu, da derartige sel- 
tene licenzen des poetischen Sprachgebrauchs in eine 
grammatik nicht gehören; diesem prinzip gemäss hätten auch die 
anmerkungen 30, 2. 51, 2 wegbleiben sollen. — §.157 anm. 5 



Wr. 4. 103. Lateinische grammatik. 195 

sagen LM. zum Schlüsse: in Cicero's briefen öfter quod (eius) Jacere 
poteris neben imperativ oder f utur : so Cic. Ep. Att. 10, 2. 11, 12. 
Farn. 3, 2. Hier oder unter quoad muss die bemerkung ange- 
fügt werden, dass in diesem sinne auch quoad gebraucht wird : 
Cic. Ep. Farn. 3, 2. 5, 8 (an welchen beiden stellen freilich auch 
die Variante quod existirt), de inv. 2, 6. Liv. 39, 45. — Zu §. 
163 und 165 wiederholt sich die bemerkung, dass donec (bis) 
mit dem ind. perfecti verbunden werde, mit dem unterschiede, dass 
dort der gebrauch auf Cicero beschränkt, hier auf die Schrift- 
steller vor Livius erweitert wird. Unter den beispielen zu 163 
konnte, um einen inf. historicus im hauptsatze zu bieten, hinzuge- 
fügt werden: Liv. 1, 54, 10 : sensus malorum publicorum adimi, 
donec orba consilio auxilioque Gabina res regi Romano sine ulla 
dimicatione in manum tr aditur. 

Auf p. 1 der vorrede sagen die Verfasser: ,,in der syntax 
hat eine consequentere und durchgreifendere berücksichtigung 
der gesichtspunkte, welche ein sichereres und tieferes verständ- 
niss der sprachformen und der spracbgeschichte an die band 
geben, zu einer behandlung geführt, welche nicht nur auf eine 
ziemliche anzahl einzelner Spracherscheinungen, sondern auf 
ganze partieen der syntax ein neues licht zu werfen geeignet 
sein möchte". Ich betrachte demgemäss die lehre vom abla- 
tiv (p. 136 — 160). Die rein mechanische aufzahlung der ab- 
lativarten ist völlig über den häufen geworfen und eine aus 
den gesetzen der logik und der Sprachvergleichung sich erge- 
bende statt jener aufgestellt. Richtig ist an diesem casus der 
grundsatz durchgeführt, dass die spräche anfangs eine mehrheit 
von casus hatte, deren luxus man später abwarf und aufs noth- 
wendigste zurückführte; dass neben den sinnlichen anschauungen 
als grundbegriffen des casus bald auch rein geistige mitwirkten ; 
dass durch Substitution eines casus für einen andern der loca- 
tivus und instrumentalis in den ablativus übergingen. Von drei 
sinnlichen grundanschauungen ausgehend, gewinnen die Verfasser 
den abl. localis (wo ? ), den abl. separativus (woher ?), den abl. so- 
ciativus (womit?). Aus dem localis entwickelt sich der abl. tem- 
poris ; aus dem separativus der abl. originis und mensurae\ aus 
dem sociativus der abl. modi , qualitatis und instrumenti. Ein 
nothbehelf ist nun, dass als vierte hauptart noch der abl. cau- 
sae aufgestellt wird; dies kommt daher, weil er sich in seiner 

13* 



196 103. Lateinische grämmatik. Nr. 4. 

geistigen Übertragung oft weit von der sinnlichen grundanscb.au- 
ung entfernt, dass dieselbe nicht mehr mit Sicherheit zu bestim- 
men ist und verschiedene auffassungen möglich sind. So ist 
z. b. der satz amore pugnandi in exercitu remansit auf einen 
abl. origini 8 zurückzuführen, amicitiam non spe mercedis ex- 
petendam putamus auf einen abl. mensurae, crescit inopia 
omnium longa ob sidione auf einen abl. instrumenta. Es 
ist aber praktisch nicht ausführbar, wenn man unter jeder die- 
ser Unterarten den abl. causae verzeichnen wollte, daher die be- 
trachtung derselben als einer besonderen hauptart nicht zu um- 
gehen. — Aus gleicher rücksiebt haben LM. in der schluss- 
bemerkung zu §. 46 die construktion der verba privandi und 
inopiae sowie complendi und copiae zusammengeworfen ; denn die 
von ihnen aufgestellte erklärung, die construktion der ersteren 
werde auf letztere übertragen, ist unstatthaft. Mit grösserem 
rechte wird der ablativ bei letzteren als sociativus und zwar als 
instrumentalis aufgefasst; daher müsste die regel, wenn einmal 
die anordnung streng durchgeführt werden sollte, getheilt wer- 
den. — Dasselbe schwanken ist beim ablativus pretii der fall, 
der sich als abl mensurae oder instrumenti erklären lässt. — 
Auch dass die regel §. 59 die vorher einzeln aufgeführten de- 
pouentia noch einmal zusammenfasst, ist eine conivenz an den 
praktischen schulgebrauch ; der ablativ bei utor, fungor, fruor, 
vescor wird als instrumenti (bei fruor , vescor vielleicht besser als 
separativus) erklärt , bei laetor und glorior als instrumenti oder 
originis, bei dignor als mensurae, bei patior uad nitor als loci. — 
Trefflich ist in §. 56 zu anfang die Unterscheidung des mittels, 
des persönlichen Urhebers und der mittelsperson , sowie beim 
abl. causae die von causa, propter, ob. — Trotz mancher Un- 
ebenheiten ist die eiutheilung besser als die bei »Schultz, der blos 
zwei hauptformen aufstellt , den instrumentalis und den localis, 
unter welchen letzteren auch der separativus gerechnet wird. 

„Sowie das buch jetzt vorliegt", sagen die Verfasser, ,,hat 
es seine definitive gestalt erhalten , und Veränderungen werden 
nicht weiter eintreten , insofern nicht der fortschritt der Wis- 
senschaft solche unbedingt fordern sollte. Nur werden wir be- 
müht sein, in einer etwaigen späteren aufläge einige inkonse- 
quenzen in der Orthographie der belegstellen zu beseitigen". 
Möchten die Verfasser danu auch die herkömmliche Schreibweise 



Nr. 4. 104. Mythologie. 197 

quum über bord werfen! Druckfehler habe ich nur sehr wenige 
gefunden wie p. 118: gm., p. 136: der drei sinnlicher, p. 204: 
acco m odata. 

Mein gesammturtheil über die vorliegenden grarama- 
tiken fasse ich dahin zusammen: sie sind eine auf selbständiger 
forschung beruhende arbeit, welche in anordnung des Stoffes, 
in beobachtung des Sprachgebrauchs und in mannichfaltigkeit der 
belegstellen vieles neue und gute bietet. 

C. Härtung. 

104. Die religiöse seite der grossen Pythien. Ein beitrag 
zur delphischen heortologie von Dr Ludwig Weniger. Er- 
ster theil. Programm. 4. Breslau. 1870. 

Diese gelehrt und gewandt geschriebene abbandlung bildet ei- 
nen abschnitt aus einer „erschöpfenden darstellung des delphischen 
festjahrs", die der vf. demnächst erscheinen zu lassen beabsichtigt. 
Sie beschäftigt sich mit der „mythischen grundlage" der grossen 
Pythien, um über die denselben zu gründe liegende religiöse 
anschauung ins klare zu kommen. Hauptsächlich auf den ho- 
merischen hymnus gestützt kommt der vf. zunächst zu dem re- 
sultate, dass der cult des Apollon Delpbinios von Kreta aus in 
Krisa gegründet sei. Er schreibt diesem einen von der übli- 
chen auffassung des hellenischen Apollon völlig verschiedenen 
character zu und erklärt ihn für eine uralte seegottheit, dem 
sich orientalische elemente aus dem culte des Melkarth und 
der Astarte beigemischt hätten. Allerdings scheint es unzwei- 
felhaft, dass der krisäische cult in enger beziehung zu dem 
kretischen gestanden hat, aber wenn man nun einmal in dem 
homerischen hymnus die „älteste Stiftungsurkunde" desselben 
sieht, so darf man auch nichts weiter aus dieser entnehmen, 
als was sie ausdrücklich sagt, dass nämlich der gott kretische 
männer aus Knosos zu dienern seines schon bestehenden hei- 
ligthums bestellt habe. Nehmen wir an, dass zu irgend einer 
zeit einmal eine Wanderung den cult nicht von Kreta nach 
Krisa, sondern umgekehrt von Krisa nach Kreta getragen habe, 
und wie es hellenische sitte war , die colonie sich längere zeit 
hindurch bei dem muttercult durch theorien betheiligt , auch 
tempeldiener gestellt habe, so würde sich die entstehung jener 
tradition des hymnus vollständig erklären, ohne dass wir nö- 



198 103. Mythologie. Nr. 4. 

thig hätten den Ursprung des cultes ausserhalb des griechischen 
festlandes zu suchen. 

Weiterhin behandelt der vf. die sage von der drachentöd- 
tung, die „den mittelpunkt und die grundlage einer menge von 
heiligen gebrauchen bildete, unter denen die festfeier der gro- 
ssen Pythien den ersten rang einnahm. Als „sichere" ergeb- 
nisse seiner Untersuchungen stellt der vf. p. 26 folgende sätze auf: 

I. in den ältesten zeiten des heiligthums von Parnassos 
fand dort ein cultus der Gaia statt , veranlasst durch das /iar- 
rsiop xdötiov des dampfenden felsenspalts ; 

II. Python der drache ist das syinbol dieses erdorakels ; 

III. die legende von der ankunft des knosischen Delphinios 
bezeichnet das von Kreta -Krisa ausgehende eindringen eines 
apollinischen cultus mit ursprünglich solarisch -mariner natur, 
doch stark vorhandener beimischung musisch -man tisch er de- 
mente; 

IV. wenn die sage berichtet , dass Apollon den Python 
tödtet, so besagt das nichts anderes als: das uralte chthoniache 
orakel wurde zu dem apollinischen der spätem auffassung , sei 
es durch einfache Verdrängung des erstem oder durch eine 
theokrasie beider. Und zwar geschah dies eben von Kreta- 
Krisa aus durch das überhandnehmen des Delphiniosdienstes, 
der so viel verwandtes mit dem der pythischen erdprophetie 
besass, dass die letztere allmählich sich verlor oder geradezu 
durch eine cultusreform beseitigt wurde. 

Mir scheinen sämmtliche vier puncte nicht nur sehr un- 
sicher, sondern geradezu falsch zu sein. Dass Gaia vor Apol- 
lon inhaberin des orakels gewesen sein soll, sagt allerdings die 
Überlieferung, in der aber nichts weiter zu sehen ist als ein 
explicativer oder ätiologischer mythus jungem datums, der auf 
die aus tiefem erdspalt emporsteigenden begeisternden dämpfe 
hindeutet, was schon Diod. XVI, 26 richtig eingesehen hat. 
Ohnehin ist Gaia selbst eine sehr junge göttin, der erst die 
theologische speculation die Stellung zugewiesen hat, welche sie 
in der theogonie einnimmt. Der zweite satz stützt sich auf die 
unbewiesene und durchaus unstatthafte annähme, dass Ilv&oav 
etymologisch = Tvqxav sei. Gegen den vierten satz muss gel- 
tend gemacht werden, dass cultusveränderungen als inbalt so 
alter mythen voraussetzen nichts andres heisst als zu einem 



Nr. 4. 105. Mythologie. 199 

längst verlassenen und widerlegten Standpunkte in der mytho- 
logh zurückkehren. Die wahre bedeutung des drachenkampfes 
wird man nur erfassen , wenn man seine blicke auf den nah 
verwandten mythus von Kadmos richtet und auch die drachen- 
kämpfe, von denen die deutsche mythologie weiss, zur verglei- 
chung heranzieht. Es wird sich daraus, um es kurz zu sagen, 
ergeben, oass der drache, den Apollon tödtet, ein symbol sei- 
nes eigenen unterweltlichen selbst ist, von dem er sich befreien 
muss, ehe er seine Wirksamkeit auf der oberweit beginnen kann. 
Eben darum heisst auch der drache Ilv&cov , um diesen seinen 
Zusammenhang mit dem Apollon Ilü&iog anzudeuten. Das die- 
sen kämpf feiernde fest ist von haus aus ein frühlingsfest ge- 
wesen , hat jedoch diese bedeutung im bewusstsein des volkes 
früh verloren und sich die Verlegung auf Spätsommer gefallen 
lassen müssen, weil namentlich die grossen Pythien später 
zwecken dienten, für welche diese Jahreszeit die angemessenste war. 

H. D. M. 

105. Die poesie der Orestessage. Eine Studie zur geschichte 
der kultur und dramatik von Dr Ferdinand Hüttemann, 
gymnasiallehrer in Braunsberg. 4. Zwei theile, Braunsberg 1871 
und 1872. Commissionsverlag bei A. Martens (Ed. Peter). 

Von der ersten erwähnung der sage bei Homer und ihrer 
weitern ausbildung bei Agias von Trözene, Xanthus, Stesicho- 
rus von Himera, Pindar u. s. w. geht der Verfasser über zu den 
tragikern, deren verschiedene auffassung und behandlung des 
gegenständes in gründlicher und geistvoller weise besprochen 
wird. Es wird zuvörderst der ideale charakter der äschylei- 
schen dramatik dargelegt, mit dem sich naturgemäss eine man- 
gelhafte individualisirung der handelnden personen verbindet. 
Spiel und gegenspiel finden hier gewissermassen noch innerhalb 
der götterweit statt , Orestes ist nicht viel mehr als ein Werk- 
zeug in den händen Apollo's. Sophokles, der auf psychologi- 
sche motivirung und wirkliche dramatische bewegung ausgeht, 
sieht sich genöthigt, weil bei Orestes die that von vorn herein be- 
schlossen ist, Elektra zur hauptperson zu machen, wodurch erst 
eine dramatische entwicklung möglich wird. Da aber die aus- 
führung der that schliesslich doch allein dem Orestes zufällt, so 
kommt hierdurch ein ähnlicher dualismus in die tragödie, wie 



200 106. Alte geschiente. Nr. 4, 

bei Aescliylus durch die thätige theilnahme Apollo's. In cle- 
sem dualisums liegt die berechtigung für Euripides, eine reue 
lösung der aufgäbe zu versuchen. Der erwähnte anstoss is: bei 
ibm glücklich besaitigt, die Charaktere sind menschlicher gewor- 
den und die handlung natürlich motivirt, dafür ist aber andrerseits 
bei ihm die dramatische bewegung abgeschwächt und die idea- 
lität der Charaktere verloren gegangen. Diese flüchtige skizzi- 
rung deutet ungefähr den gang an, welchen der Verfasser bei 
seiner Untersuchung eingeschlagen hat. Vom griechischen drarna 
wendet er sich schliesslich noch zu den deutschen bearbeitun- 
gen der Orestessage, zu Göthe's Iphigenie, zu der Elektra von 
G. Konrad und der von H. Allmers. Vielleicht wäre es gut 
gewesen, bei beurtheilung der griechischen tragiker genauer zu 
unterscheiden zwischen den mangeln, die dem Stoffe selbst an- 
haften, und denen, für welche der dichter allein verantw örtlich zu 
machen ist; indessen soll durch diese ausstellung die gediegene 
arbeit des Verfassers keineswegs herabgesetzt werden. L. G. 

106. Der gebrauch der Schrift unter den römischen köni- 
gen. Von Modestow. 8. Berlin. Calvary. 1871. VI und 
136 ss. — 1 thlr. 

Der vf. ist professor in Kiew (früher in Kasan) und hat die 
vorliegende schrift zuerst in russischer spräche herausgegeben. 
Zu der gegenwärtigen deutschen bearbeitung ist er durch den 
wünsch einiger befreundeter deutscher gelehrten, insbesondere 
des prof. Gerlach in Basel, wie er in der vorrede sagt, ermu- 
thigt worden. Den inhalt bilden die sämmtlichen , nach seiner 
meinung in die zeit der römischen könige zurück zu versetzen- 
den aufzeichnungen, insbesondere die Leges regiae, die commen' 
tarn, die foedera regum, die priesterlichen auf Zeichnungen (den 
annales maximi ist ein besonderes capitel gewidmet) und die 
lieder der Arvalbrüder und der Salier. Er stellt die nacbrich- 
ten bei den alten über diese aufzeichnuugen zusammen und 
sucht aus ihnen zu beweisen , dass sie in ältester zeit nieder- 
geschrieben seien, um damit zugleich den beweis zu liefern, 
dass die schrift bei den Römern in der frühesten königszeit in 
gebrauch gewesen. Ein besonderes (das erste) kapitel hat er 
der entstehung des lateinischen alphabets gewidmet, um auch 
hieraus weitere beweisgründe für seine ansieht abzuleiten. 



Nr. 4. 107. Alte geschichte. 201 

Der verf. ist mit den deutschen gelehrten arbeiten von 
Niebuhr, Schwegler, Mommsen, Henzen u. a. wohl bekannt, wie 
aus den häufigen anführungen derselben hervorgeht. Er befin- 
det sieh aber in directer Opposition gegen den „skepticis- 
mus, welcher in der Wissenschaft bei allen fragen über die rö- 
mische geschichte um sich gegriffen hat" (p. 98). Die überlie- 
rungen über die älteste zeit sind ihm also geschichte, und dem- 
nach kommt es ihm nur darauf an, notizen über jene auf- 
Zeichnungen bei den alten zu finden, die ihm sofort als Zeug- 
nisse gelten. So beweist er also z. b. in bezug auf die annales 
maximi, dass diese bis in die zeit des königs Numa zurückrei- 
chen (obgleich er sich hierüber hier und da etwas zweifelhaft 
äussert). Wenn sich stellen finden, wonach sie schon mit der 
gründung der Stadt und mit Eomulus begonnen haben müssten, 
so begnügt er sich, diese, aber auch nur eben diese als unhaltbar 
zu bezeichnen, da er ja bei seinem glauben an die tradition an- 
nehmen muss, dass die pontifices erst von Numa eingesetzt 
seien ; weitere folgerungen werden daraus nicht gezogen. Eben 
so wenig wird hinsichtlich der Leges regiae berücksichtigt, dass 
nach allgemeiner tradition die aufzeichnung von gesetzen zu- 
erst durch die decemvirn geschehen ist. Man fühlt sich bei 
der lectüre des anspruchlosen buches wie aus dem gewirr und 
dickitht der kritik in ein stilles, ruhiges thal versetzt, wo noch 
glaube und Unschuld wohnen ; einen gewinn für die Wissenschaft 
wird man kaum darin finden. 



107. Studien zur geschichte der griechischen lehre vom 
staat von Dr Hermann Henkel. 8. Leipzig. Druck und 
verlag von B. G. Teubner. 1872. 168 ss. — 1 thlr. 6 gr. 

Der inhalt dieser auf grund besonnener forschung und mit 
durchsichtiger klarheit verfassten schrift zerfällt in drei beson- 
dere abschnitte, von denen der erste (p. 1—38) die politische 
literatur der Griechen behandelt und nicht nur ein verzeichniss 
der erhaltenen, sondern auch der verlorenen politischen werke 
der Griechen und der von griechischer Wissenschaft abhängigen 
Römer bis auf das byzantinische Zeitalter herab enthält und 
in chronologischer reihenfolge die auf dem gebiete der staats- 
theorie entstandenen produkte der vorsokratischen schulen, der 



202 107. Alte geschickte. Nr. 4. 

sokratiker, cyniker, megariker, Piatons, Aristoteles, der akade- 
miker, peripatetiker, stoiker, epikureer, eklektiker, neupythagoreer, 
neuplatoniker und einiger keiner bestimmten schule angehörigen 
Philosophen und rhetoren verzeichnet. Bemerkenswerth in die- 
sem abschnitt erscheint mir unter andern, dass der verf. mit 
Cobet den xenophontischen Ursprung der AttxtSuifjioitoav no\i- 
rsia anerkennt, dagegen die autorschaft der 'd&qvaicov noh- 
rsi'a Xenophon abspricht und die möglichkeit aufgiebt, die per- 
son des verf's mit Sicherheit zu ergründen. Ausserdem vertritt 
der verf. die von Oncken (in der Staatslehre des Aristoteles p. 
194 ff.) angefochtene echtheit der vier ersten bücher der platoni- 
schen Ncfxoi und einer partie des fünften buches und gründet seine 
beweisführung auf die einschläglichen stellen der aristotelischen 
politik, bei welcher gelegenheit sich eine Inkonsequenz von Sei- 
ten Onckens herausstellt, die der verf. unabhängig von Suse- 
mihl's Untersuchung (in Jahn's Jahrbb. CHI, p. 131) entdeckt 
zu haben gesteht. 

Der IL abschn. (p. 38 — 120) behandelt die griechische lehre 
von den Staatsformen und zwar in vier kapiteln die vorplato- 
nische, platonische, aristotelische und nacharistotelische theorie. 
Den reigen der vorplatoniker eröffnet Herodot, der bei gelegen- 
heit der erzählung von der berathung der persischen grossen nach 
des magiers stürz seine ansichten über die drei schon frühzei- 
tig in dem bewusstsein der Griechen unterschiedenen staatsfor- 
men mittheilt. Das gebiet der ethischen und socialen probleme 
betritt zuerst die sophistik und betont mit einschneidender 
schärfe die berechtigung des individuums dem Staat gegenüber 
und will den menschen auf grund seiner angebornen freiheit 
über die beengenden formen des staatsbürgerthums erhoben wis- 
sen. Das politische ideal der sophistik ist die tyrannis. Auch 
die kyniker und kyrenaiker wirken zersetzend und auflösend 
mit ihrer speculation , indem die einen die natürliche und die 
andern die geistesfreiheit durch den gesetzes- und rechtsstaat 
nicht verkümmert haben wollen. Nach Sokrates ist die herr- 
scherkunst die höchste aller künste, der inbegriff der tugend 
und glückseligkeit, beruht aber, wie alle tugend, auf dialekti- 
schem wissen, auf theoretischer einsieht. Auf der grenzscheide 
der philosophie und rhetorik bewegt sich Isokrates; er hält die 
traditionelle Unterscheidung der drei hauptformen fest, der mo- 



Nr. 4. 107. Alte geschiebte. 203 

narebie, Oligarchie und demokratie. Die monarchie, obgleich 
die älteste und unter umständen vorzüglichste grundform ist 
nicht mehr verträglich mit dem entwickelten freiheitssinn der 
Griechen. Die demokratie bekommt den Vorzug vor der Oligar- 
chie, weil es Isokrates für unnatürlich halt , die mehrzabl der 
minderzahl unterzuordnen und diejenigen zurückzusetzen, die 
der zufall mit einem mangel an glücksgütern bedacht. Das 
resultat ist, dass die echte demokratie nur den tüchtigsten und 
intelligentesten männern die leitung der Staatsgeschäfte überlas- 
sen soll und dass überhaupt viel weniger gewicht auf die form 
der Verfassung, als auf die art der regierung zu legen sei. Für 
Piaton haben die im Politikos niedergelegten ansichten nur 
transitorischen oder präliminarischen werth ; die entwickelung 
dieses dialogs gipfelt in dem ideal eines Staatsmannes. Dage- 
gen ist die aristokratie der wissenden, der philosophen, der kar- 
dinalpunkt des in den büchern de Republica entworfenen ideal- 
staates und die gliederung in drei stände nebst der rücksichts- 
losen f orderung einer guter- und weibergemeinschaft und einer 
Öffentlichen erziehung der beiden ersten stände die grundlage, 
auf der sich das seltsame gebäude platonischer Staatstheorie mit 
unverkennbarer anlehnung an dorische , insonderheit spartani- 
sche Staatsformen erhebt. Dass Universum, Staat und mensch in 
dem platonischen System gleichartige gliederung zeigen und dass 
die drei stände in korrespondenz mit der dreitheilung der 
menschlichen seele treten, hat der verf. mit recht hervorgeho- 
ben. Aber nebenher würde vielleicht der nachweis von der 
entstehung des platonischen idealstaates als einer nothwendigen 
consequenz seiner metaphysik, als einer folge des schroffen 
dualismus zwischen ideen- und erscheinungsweit nicht uninter- 
essant gewesen sein. Der idealstaat mit seinen forderun- 
gen schimmert auch durch die komposition des letzten plato- 
nischen werkes, der gesetze, hindurch , obgleich sich der philo- 
soph in diesem werke bemüht, den realen Verhältnissen der hi- 
storisch gegebenen Wirklichkeit möglichst gerecht zu werden. 
„Er betritt den boden der erfahrungsweit und setzt dem trans- 
cendententalen ein historisches ideal zur seite." Freilich wäre 
es nicht überflüssig gewesen , wenn der verf. die änderung der 
politischen theorien erklärt hätte durch den Umschwung, wel- 
chen das ganze platonische System in dieser letzten periode 



204 107. Alte geschiente. Nr. 4. 

erfahren, durch die reform der ideenlehre, durch das hinneigen 
zu dem pythagoreismus und die dadurch bedingte aufnähme 
des mathematischen als einer Vermittlung zwischen ideen- und 
Binnenwelt. 

Aristoteles fand recht gut den wunden fleck der platoni- 
schen theorie, das ignoriren des individuums und seiner berech- 
tigten bedürfnisse (vgl. Lewes, Gesch. d. alten phil. p. 391). 
Und wenn auch das aristotelische System das wahre wesen der 
dinge in die form verlegt und in die begriffliche erkenntniss 
das wahre wissen, so sieht es doch in den eiuzelwesen das 
wahrhaft wirkliche und bringt die schöpferische Wirksamkeit, 
die es der form viudicirt, mit der erscheinungsweit in die in- 
nigste Verbindung (vgl. Zeller, Phil. d. Griechen II, 2, p. 633). 
Die glückseligkeit der Staatsbürger und die freie bethätigung 
der tugend , das sind die obersten zwecke des aristotelischen 
Staates, die durch erziehung und Unterricht, durch einsieht und 
Willensstärke erreicht werden sollen. Den fortschritt der aristo- 
telischen gegen die platonische theorie hat der verf. in klaren 
zügen gekennzeichnet. Unter den nacharistotelischen denkern 
werden Zenon, die neupythagoreer Hippodamos und Archytas, 
Dikäarchos , Polybios und Cicero und endlich die geringen mo- 
dificationen erwähnt, welche die Staatstheorie durch Tacitus, 
Philo und Plutarchos erfahren hat. 

Der III. abschnitt (p. 121 — 168) behandelt die anfange 
der griechischen Staatswissenschaft, und zwar im ersten kapitel 
die sophistische und die kynisch-kyrenaische lehre vom Staat, 
das zweite Sokrates , das dritte Xenophon und Isokrates und 
endlich das vierte Hippodamos und Phaleas. Auch dieser ab- 
schnitt ist mit sorgfältigem fleisse gearbeitet und führt mit 
grosser genauigkeit aus, was der verf. zum scbluss resumirt, 
dass nämlich „die griechische staatsdoctrin sich in zwei haupt- 
richtungen einer revolutionären oder restauratorischen bewegt, 
an welche Piaton widerlegend oder fortbildend anzuknüpfen sich 
berufen sah". 

Endlich sei es mir noch vergönnt, zu den von dem verf. 
citirten stellen einiges zu bemerken, worauf ich vielleicht später 
ausführlicher zurückkommen kann. In dem citat auf p. 68, 
Legg. IX, p. 857 E ist nicht mit dem überlieferten text zu lesen 
nuiötvtt jovg noXi'zag, aXX 1 ov ro^o&nei, sondern rzaidsvei tovs 



Nr. 4. 108. Griechische geschichte. 205 

TtoXi'rag, aXV ovnco vov&srti. Auf p. 92, anm. 21 verwirft der 
verf. den überlieferten text von Arist. Polit. V, 9, 21 und liest 
mit Spengel nach beseitigung von uXiyag^ia, xai so: naaäv bXi- 
yoxQOficaTÜTt] rä>v noXiTEtööv tau tVQctpvig: den Superlativ will 
er wegen jruaäv haben , obgleich an dem comparativ niemand 
anstoss finden wird, der in naatüv den gen. comparativus sieht. 
In der auf p. 123 citirten stelle aus Legg. X, 889 E ist in 
den Worten: xut drj xut tu xuXa. cpvati pie* utXa slvcu, vo/jq> Ss 
8Ttoa, anstatt aXXu meiner ansieht nach aaXä zu lesen. Ausser- 
dem hält in der aus Legg. TV, 714 B. (auf p. 127 anm. 20) 
citirten stelle: o'vxs. yao ngog [/o*] noXsttov ovrs ngbg ugsrrjv 
oXr t v ßXinEiv 8hv q-aai tovg iopiovg, aXX t]ti^ uv y.udtßTi]y.vla rj 
noXizsln, TuvTrj Seh ro QVfMpsgoVj onwi x. r. X. } Madvig (Adv. 
Crit. I, 44) das zweite 8tlf mit recht für verderbt. Doch kann 
ich seinem vorschlage, £j?«*v zu lesen, nicht beistimmen, son- 
dern halte uiith für die richtige Schreibung. 

C. Liebhold. 

108. Studien zur altspartanischen geschichte. Von Gustav 
Gilbert. 8. Göttingen, Vandenhoeck und Kuprecht's verlag. 
1872. gr. 8. 196 s. — 1 tblr. 2 gr. 

In Fieckeisens Jabrbb. 97, p. 1 — 9 stellt Gurt Wachsmuth 
die vermuthung auf, das spartanische doppelkönigthum sei aus 
einem comproniiss hervorgegangen, mittelst dessen zwei einan- 
der benachbarte, unter eigenen königen stehende gemeinden in 
einen synoikismos zusammengetreten seien, die eine, achäischen 
Stammes, von Agiaden geführt, habe die akropolis, die andere, 
Dorier unter den Eurypontiden , die höhen von Neusparta be- 
wohnt. Diese (nach uusrer ansieht haltlose) hypothese zu 
grund legend, ausführend und erweiternd gelangt die oben be- 
zeichnete schritt zu einem neuen und jedenfalls originellen auf- 
bau der älteren geschichte von Sparta. 

In den ersten zeiten der dorischen ansiedluug spielten auch 
einwanderer aus Lemnos eine rolle in Lakonien, leute von un- 
bekannter abkunft, welche bald als Pelasger bald als nachkom- 
men von Argonauten, also Minyer, griechische nationalitat be- 
anspruchten. Der vf. nimmt sie als Minyer und da mit ihrem 
auszug aus Lakonien auch der Kadmeier Theras verknüpft 
wird, von welchem sich das Aegidengeschlecht ableitete, so fin- 



206 108. Griechische geschichte. Nr. 4. 

det er nicht nur, dass dieser selbst ein Minyer gewesen (wie 
die Minyer sich zu den Kadmeiern verhalten haben, gibt er 
Dicht an, verwendet aber den Theras nebenbei auch als Kad- 
meier), sondern auch , dass neben den bereits aufgezeigten ge- 
meinden Agiadai und Eurypontidai noch eine dritte, Aigeidai, 
westlich von der akropolis gegen den Taygetos hin existirt 
habe, bestehend aus Minyern, regiert von Theras und seinen 
nachkommen-, aus dem synoikismos dieser drei flecken sei die 
stadt Sparta erwachsen, welche so bis zum ende des ersten mes- 
senischen krieges nicht zwei , sondern gleichzeitig drei könige 
gehabt habe, Agiaden, Eurypontiden und Aegiden. Die „un- 
verwerflichen spuren des Aegidenkönigthums" werden „nachge- 
wiesen": insofern nach Pausanias 4, 7, 11 in einer schlacht 
jenes krieges der Aegide Euryleon das centrum führte, während 
die könige Polydoros und Theopompos auf den flügeln befeh- 
ligten ; und sofern nach Paus. 3, 3, Polemarchos, der mörder 
des Polydoros, aus einem nicht unrühmlichen hause gewesen 
und ihm ein noch zu Pausanias zeit vorhandenes mnema gesetzt 
worden ist. In diesem Polemarchos „erkennt" vf. einen Aegi- 
den, und zwar „vielleicht den letzten Aegidenkönig". 

Auch in den gentilsacra der drei stamme weiss vf. be- 
scheid. Achäischer stammgott war, wie schon Gerhard (in sei- 
ner weise) gezeigt hat , Zeus ; dorischer nicht , wie 0. Müller 
wollte, Apollon, sondern (warum ? „diese ansieht" wird „durch 
einige beispiele erhärtet" p. Qo, wie sie für jeden andern stamm 
auch zu geböte stünden) abermals Zeus. Da nun zu Herodots 
zeit die könige das priesterthum des Zeus Lakedaimon und Zeus 
Uranios bekleidet haben , und Lakedaimon nach vf. die alte 
achäische herrenburg war, so findet er, dass Zeus Lakedaimon 
Schutzpatron von Agiadai, und Zeus Uranios stammgott der 
Dorier von Eurypontidai gewesen ist. Bei den Minyern von 
Aigeidai kommt vf. fast in Verlegenheit durch den reichthum 
seiner forschung3tnittel. Hier sollte man nämlich Poseidon als 
Schutzherrn erwarten: „denn Aigeus ist nach 0. Müller ein po- 
seidonischer name; aber der schon mehr vergeistigte dienst der 
Athene scheint sich doch besser für einen gentilcult geeignet 
zu haben". Aus dieser Verlegenheit hilft ein „beweis": schutz- 
göttin des [Minyers ?] Kadmos , von welchem Theras stammt, 
war nämlich Athene Onga, was vf. daraus schliesst, dass deren 



Nr. 4. 108. Griechische geschichte. 207 

altar und agalma in Theben für ein weihgeschenk des Kadmos 
gehalten wurde. Die hauptsache ist wohl, dass vf. diese göttin zu 
seiner auffassung der lykurgischen rhetra braucht, weiter unten 
wird dann wieder Poseidon in die Stellung eines Minyerschutz- 
gottes eingesetzt. 

Für die gesetzgeberische thätigkeit des Lykurgos verlieren 
wir den darlegungen unsrer schritt zufolge jeden geschichtlichen 
anhält (p. 118); derselbe ist weiter nichts als der lichtgott 
Apollon Lykeios, heroisirt als schutzgott der von Terpandros 
eingeführten Verfassung. Die grosse lykurgische rhetra ist 
nach vf. jener vertrag, durch welchen die drei gemeinden sich 
im synoikisirten Sparta vereinten. Zeus Syllanios und Athena Syl- 
lania, die gottheiten welchen die rhetra ein heiligthum zu errichten 
vorschreibt, sind Zeus Sellanios (d. i. Hellenios) und die Athena 
Sellania (Hellenia), jener eine Verschmelzung des Zeus Lakedai- 
mon mit Zeus Uranios [und doch waren die könige in späterer 
zeit noch priester der geschiedenen culte] , diese die bisherige 
schutzpatronin von Aigeidai. Die Verfassung ferner, welche 
durch diese rhetra begründet wurde, war eine demokratie: 
denn die gerusia ist dazumal bloss geschäftsführender aus- 
schuss der Volksversammlung gewesen, wenn wir dem vf. glau- 
ben schenken, und bestand nicht, wie man bisher glaubte, aus 2 
königen und 28 geronten, sondern aus 3 königen und 27 ge- 
ronten. Der phylen, welche sammt den oben jetzt eingerichtet 
wurden (qvläi; q>vXd%avta aai aißng ojßä^avza sagt die rhetra), 
waren nach dem vf. neun: er gewinnt sie durch zusammenwer- 
fen der erhaltenen localen phylennamen Pitane, Limnai, Me- 
soa, Kynosura (diese bei Pausanias) und Dyme (bei Hesycbios) 
mit den namen der militärischen lochoi bei Schol. Arist. 
Lysistr. 454: Edolos, Sinis, Arimas, Ploas und Messoages (schol. 
Thukyd. 4, 8 Messoates). Dass der scholiast diesen lochen 
bestimmt die füufzahl beilegt , verschlägt dem vf. nichts. In- 
dem er aber voraussetzt, dass jede in 3 oben getheilt gewesen 
sein wird, so ergibt sich ihm die zahl von 27 oben; mithin 
war von den angenommenen 27 geronten jeder der Vertreter 
einer von den so gefundenen 27 oben. Bestätigung: im zweiten 
jahrh. v. Chr. (also ein halbes Jahrtausend nachdem das drei- 
fache königthum in ein zweifaches und die 27 geronten in 28 
verwandelt worden waren) finden wir bei dem Karneenfest, ei- 



208 108. Griechische geschickte. Nr. 4. 

nem abbild des lagerlebens, neun zelte errichtet, in deren jedem 
neun tage lang neun männer als Vertreter von drei phratrien speisten. 
Schon zur zeit des tripelkönigthums gab es dem vf. zu- 
folge innerhalb der spartanischen Vollbürgerschaft (o/aoioi) noch 
einen besonderen adel. Da nämlich Thukydides für seine zeit 
von nQmzoi avÖQsg, Aristoteles von xalul xayaöo/, aoioroi und 
deren merkmal, der agszrj spricht und durch reichthum hervor- 
ragende männer vielfach im späteren Sparta nachweisbar sind, 
so erhellt, dass das adelige, aristokraten gewesen sein müssen ; 
für die frühere zeit ersetzt vf. den nachweis derselben durch 
Wendungen wie „gewiss auch", „ich sehe nicht ein , wesshalb 
nicht", „wie soll man sich sonst denken, dass". Mit hülfe die- 
ser aristokraten wusste könig Theopompos dem demos das ihm 
in der grossen rhetra gewährleistete recht der letzten entschei- 
dung zu nehmen und auf die gerusie als Vertretung des adels 
zu übertragen. Dies der zweck seiner zusatzrhetra. Ferner 
war, so fährt vf. fort, durch den synoikisinos es möglich ge- 
worden, Amyklai und die andern gemeinden Lakouiens der Stadt 
Sparta unterthan zu machen. Erst jetzt also, nach dem er- 
werb von so viel land, entstand die agrarische frage; zu Ly- 
kurgs zeit war diese einfach deshalb nicht möglich , weil nach 
der verbreitetsten meinung er ja vormund des Cbarilaos genannt 
wird. (Warum nicht eiufaclier , weil er ein gott war?) Jetzt 
also nahm der demos durch assignation am gruudbesitz des 
Staates theil, indem er unveräusserliche leben bekam, während 
der adel freies eigenthum, allodialbesitz, hatte. 

Durch könig Theopompos wurde aber nicht bloss die ari- 
stokratische Verfassung , sondern auch das ephorat eingeführt, 
welches man „verkehrter weise" als eine concession an den 
demos aufzufassen pflegt. Er war es endlich auch, der im 
Verein mit köuig Polydoros das doppelkönigthum an die stelle 
des dreifachen setzte. Die Chronologie des ersten messenischen 
krieges behandelt nämlich vf. so, dass das ende desselben nahe 
an die zeit der gründung von Tarent herabrückt. Die Parthe- 
nier aber, welche diese Stadt von Sparta aus gründeten, wird 
man, wie vf. meint, als Minyer nehmen dürfen, ja „der Cha- 
rakter dieser Stadt war viel mehr minyeisch als dorisch, denn Ta- 
ras war söhn des Poseidon, des hauptgottes [vgl. oben] der 
Minyer" ; wozu noch einige andere eben so schwer wiegende 



Nr. 4. 108. Griechische geschichte. 209 

argumente kommen (p. 190 sq.). Die stasis, welche Terpan- 
dros beschwichtigt haben soll, bestand in den parteikämpfen 
zwischen den Minyern und den zwei andern stammen um die 
politische gleichberechtigung. Durch ihn kommt ein neuer 
compromiss zu stände : die Versöhnung der gegensätze erfolgt 
durch abschaffung des Minyerkönigthums und auswanderung 
der widerstrebenden Minyer nach Tarent ; die religiöse weihe 
gibt Terpandros durch einführung des Karneenfestes, indem er 
an stelle von Zeus Sellanios und Athena Sellania den vorher 
bloss minyischen Apollon Karneios zum obersten staatsgott 
erhebt. 

Dies die leitenden unter vielen, durch ihren inhalt ebenso 
wie durch die art der begründung überraschenden gedanken 
der schrift , welche einer eingehenderen besprechung und beirr« 
theilung zu unterziehen um so weniger nöthig sein dürfte , als 
vf. selbst — trotz der vielen, so sicher auftretenden Wendun- 
gen wie „darum denn auch", ,, daher denn auch", ,,deshalb denn 
auch" udgl. — im grund seines herzens seinen entdeckungen 
doch nicht recht zu trauen scheint. Wenigstens beschliesst er 
die darlegung einer für die ganze schrift sehr massgebenden 
these (die ungeschichtlichkeit des Lykurgos betr.) mit dem cha- 
rakteristischen geständniss, dass sie weder den anspruch auf 
gewissheit noch auf Wahrscheinlichkeit mache (p. 120). Neh- 
men wir zu dieser , auch sonst z. b. in wiederholten , inneren 
Widersprüchen sich verrathenden eigenen Unsicherheit des vf. 
die unbeholfenheit des ausdrucks und das saloppe der ganzen 
ausdrucksweise, so wird leicht ersichtlich, dass der vf. es ver- 
säumt hat, seinen gährenden ideen die zur reife nöthige zeit 
zu lassen. An leistungsfähigkeit hätte es ihm offenbar nicht 
gefehlt. Das oben angeführte lässt immerhin eine gewandte 
combinationsgabe erkennen und , wo jene grundgedanken 
der schrift nicht einwirken, finden sich ausführungen genug, die 
ein treffendes urtheil bekunden. So die polemischen partien, 
z. b. gegen 0. Müllers lehre von dem dorischen Charakter des 
Apollodienstes, gegen Peter über Phylarch als quelle des plu- 
tarchischen Lykurg, gegen Triebers Verdächtigung der grossen 
rhetra, gegen Flügel über die benutzung des Ephoros durch 
Herakleides, gegen Schäfer über die ephoren. Viel gelungenes 
oder wenigstens ansprechendes enthalten cap. 1 über die ein- 
Philol. Anz. V. 14 



210 109. Komische geschickte. Nr. 4. 

heimische tradition der Spartaner, c. 4 die äussere geschichte 
bis auf könig Charilaos und c. 6 über die tradition des Ly- 
kurg (besonders was die textkritik und erklärung der lykurgi- 
schen rhetra betrifft). 

Fg. 

109. W. Ch. Ihne, Komische geschichte, dritter band, 
Leipzig. 1872. VIII u. 368 s. — 1 thlr. 15 gr. 

Die jetzt erschienene fortsetzung dieses Werkes enthält die 
äussere geschichte der zeit nach dem zweiten punischen kriege 
bis zum fall von Numantia, also von 200 bis 133 v. Chr. 5 die 
innere geschichte ist einem weiteren bände vorbehalten. Der vf. 
hatte früher erklärt, dass er die ganze römische geschichte in drei 
bänden zu umfassen gedenke; diese absieht hat sich ihm nunmehr 
als unausführbar erwiesen, worüber er sich in der vorrede — 
wahrscheinlich auf veranlssung eines ungerechtfertigten deshal- 
bigen Vorwurfs — entschuldigend äussert. Wir sind weit ent- 
fernt, in diesen Vorwurf einzustimmen; indess scheint es doch 
als ob der vf., wenn er in dieser weise fortfährt, eine grosse 
anzahl von bänden würde liefern müssen. Es wird ihm wahr- 
scheinlich ergehen wie nach der bekannten stelle im eingang 
des 31. buches dem Livius , der, je weiter er in seinem werke 
vorschritt, sein ziel sich in immer weitere ferne entrücken sah. 

Der vf. erzählt die äusseren ereignisse der bezeichneten 
zeit hauptsächlich, wie sich von selbst versteht, dem Polybius 
und Livius folgend, mit einer ausführlichkeit, die auch kleinre, 
unerheblichere dinge nicht fallen lässt und die an das in- 
teresse eines grösseren publikums, für welches er schreibt, wohl 
allzugrosseansprüche machen dürfte. Seine darstellung ist indess, 
wie in den früheren bänden, klar und fliessend und nicht selten 
durch beurtheilende betrachtungen oder hinweisungen auf ana- 
logien aus anderen theilen der geschichte (besonders der eng- 
lischen) belebt. Man wird mit diesen betrachtungen sich meist 
in Übereinstimmung finden ; insbesondere wird man ihm recht ge- 
ben, wenn er im gegensatz gegen Mommsen die römische politik 
dieser zeit so cbarakterisirt, wie sie war, nämlich nicht nur 
rücksichtslos gegen alles fremde, sondern auch lauernd, hinter- 
listig und treulos, wiewohl er hierin hie und da sogar etwas 
zu weit gehen dürfte. Weniger überzeugend ist es z. b., wenn 



Nr. 4. 109. Kömische geschichte. 211 

er den könig Perseus in Widerspruch mit den quellen im gün- 
stigsten lichte darstellt, und noch weniger, wenn er den Has- 
drubal, welcher bei der letzten katastrophe von Karthago eine 
hervortretende rolle spielt, den „letzten Karthager im besten 
sinne des worts" und den ,,repräsentanten der intensiven kraft, 
Zähigkeit, Vaterlandsliebe und unerschöpflichen Vielseitigkeit sei- 
nes volks" nennen zu müssen glaubt. Wenn Polybius ihn, wie 
bekannt, ganz anders darstellt, so vermuthet der verf. , dass 
der grund hiervon in einer „persönlichen rancüne" zu suchen sei. 
Es kann nicht unsere absieht sein, über die anordnung des 
Stoffes etwas zu bemerken, die sich in dieser partie der römischen 
geschichte von selbst ergiebt, und eben so wenig würde es an die- 
ser stelle angemessen sein, bei einzelheiten zu verweilen, die etwa 
anlass zu ausstellungen geben möchten. Dagegen glauben wir zum 
schluss noch mit einem worte die handhabung der kritik von Seiten 
des vf. berühren zu sollen. Wir finden sehr häufig, dass er ge- 
gen Valerius Antias, gegen Appian, Orosius, Justin, aber auch 
gegen Livius und zuweilen auch gegen Polybius polemisirt. 
Was die erstgenannten Schriftsteller anlangt, so dürfte die po- 
lemik zum grossen theile unnöthig sein , da ihre fehler und 
mängel allgemein bekannt sind; dass er bei Livius wiederholt 
darauf aufmerksam macht, dass er aus Patriotismus manches 
verschwiegen oder verhüllt habe, ist gewiss eben so richtig als 
anerkennenswerth; wenn er aber dem Polybius dienstbeflissenheit 
gegen die Römer schuld giebt und ihn deswegen öfter bekämpft, 
scheint uns ungerechtfertigt. Beruht doch des verf. ungünstige 
darstellung der römischen politik selbst fast ausschliesslich auf 
Polybius und dessen berichten undurtheilen! Von neueren arbeiten 
werden fast nur Mommsens römische geschichte und Kissens „Un- 
tersuchungen" berücksichtigt, die erstere, wie man bei der oben 
erwähnten Verschiedenheit der grundansicht nicht anders vor- 
aussetzen wird, lediglich, um gegen sie zu polemisieren. Es 
geschieht dies durchweg in der gebührenden anständigen und 
rücksichtsvollen weise, zuweilen jedoch nicht ohne eine gewisse 
scharfe. Wenn z. b. Mommsen sagt, es könne „nur von der 
verächtlichen Unredlichkeit oder der schwächlichen Sentimenta- 
lität verkannt werden , dass es mit der befreiung Griechen- 
lands den Eömern vollkommen ernst war'', so bemerkt Ihne da- 
gegen treffend, dass gerade Sentimentalität „sonderbarer weise" 

14* 



212 110. Bömische geschickte. Nr. 4. 

denen vorgeworfen werde, „die an eine gefühlspolitik der Kö- 
rner nicht glauben wollen" (p. 63). 

110. Pfitzner, das geburtsjahr Jesu Christi. 4. Pro- 
gramm des gymnasiums in Parchim. 1873. 20 s. 

Der verf. ist durch Zumpts scbrift über denselben gegen- 
ständ (vgl.Phil. Anz. II, 6, p.301) veranlasst worden, sich ebenfalls 
mit der lösung der vielbestrittenen frage zu beschäftigen, und 
zwar in apologetischem interesse für Lucas und mit dem resul- 
tat, dass das j. 749 d. st. das wahre geburtsjahr sei. Jene 
apologetische tendenz äussert sich in der art, dass der verf. 
nicht sowohl untersucht , ob Ev. Luc. 2 , 2 gegenüber den 
Schwierigkeiten, die namentlich Josephus macht, zu halten sei, 
sondern einfach sagt: wesshalb soll Lucas nicht beanspruchen 
dürfen, dass seine angaben in dem ausgleichungsprocess mit 
Josephus a priori als haltbar angenommen und zwischen ihm 
und dem jüdischen geschichtschreiber gerade so verfahren werde 
wie zwischen zwei andern Schriftstellern, deren angaben im Wi- 
derspruch zu stehen scheinen? (vgl. p. 13). Für die Würdigung 
dieses standpuncts sowie für die art, wie der vf. mit dem stern 
der magier, der flucht nach Aegypten und andern momenten der 
evangelischen geschichte operirt, werden wir ihn an die theo« 
logen verweisen dürfen. Von philologischer seite ergibt sich 
nur insofern ein interesse an solchen ausgleichungsversuchen, 
als sie beanspruchen, eine einrichtung der römischen Verwaltung 
in neuer weise klar zu stellen, wie dies der fall war mit der Piniol. 
XXII, p. 720 erwähnten abhandluug. Dies thut der vf,, indem er 
(p. 12) die reihenfolge der Statthalter Syriens so darstellt: „I. 
C. Sentius Saturninus von 9 v. Chr. ; 2. P. Qninctilius Varus 
von 6 v. Chr. ; 3. Quirinius von 5 v. Chr. ; 4. P. Quinctilius 
Varus von 4 v. Chr." „Diese auf grund der positiven nach- 
richt des evangelisten Lucas verbürgte einreihung des Quiri- 
nius als Statthalter von Syrien widerspricht im gründe auch nicht 
den angaben des Josephus". Auf diese weise wird allerdings 
die Schwierigkeit, dass bei Josephus Varus sowohl i. j. 748 als 
750 v. Chr. Statthalter von Syrien ist, gehoben, aber wie! 
Dem Varus hatte die Schätzung nicht gelingen wollen, so wird 
denn nach einem jähr Quirinius als der rechte mann dafür 
eingeschoben ; dieser bringt im sommer des jahrs 749 das von 



Nr. 4. 113. Römische altertbümer. 213 

Saturnmus schon vorbereitete geschäft (Tertullian. adv. Marc. 
4, 19) zu stände und überlässt dann wieder i. j. 750 dem Varus 
die Statthalterschaft. Ganz schön, aber credat Judaeus Apella. 

111. Samuel Herrlich, de aerario et fisco Romanorum 
quaestiones. Dissertatio inauguralis. 8. Berolini 1872. 47 SS. 

Die fragen, welche der verf. in dieser Th. Mommsen ge- 
widmeten abhandlung zu beantworten sucht, sind zum theil 
mehr juristischer, als philologisch -historischer art. Es gilt dies 
besonders von dem ersten abschnitt: de iure aerarii populi Eo- 
mani (p. 5 — 18), in dem der vf. die rechtliche Stellung des aera- 
rium nach Bruns' vorgange als eine nur in gewisser hinsieht 
privilegirte characterisirt. Es schliesst sich daran ein Excur- 
sus de actoribus sive syndicis munieipiorum (p. 18 — 20). Der 
zweite theil: de fisco imperatorum Eomanorum (p. 21—25) be- 
handelt in ziemlich oberflächlicher weise einige die Verwaltung 
des kaiserlichen fiscus betreffende fragen. Von höherem werthe 
ist der dritte abschnitt: de advocato fisci (p. 25 — 46), der mit 
benutzung des inschriftlichen materials eine eingehende Untersu- 
chung über diese von Hadrian eingesetzte advocatur in ihren 
verschiedenen entwickelungsstadien bietet; mit den resultaten 
derselben wird man sich im allgemeinen durchaus einverstanden 
erklären können. 

Von einzelnheiten wäre mancherlei zu berichtigen; so die 
behauptung (p. 22), dass das aerarium p. E. schon unter M. 
Aurel zu einer städtischen kasse herabgesunken sei, was kei- 
neswegs vor Alexander Severus geschehen und erst für die zeit 
Aurelian's bezeugt ist; ferner (p. 22), dass unter Tiber die ab- 
gaben aus senatoriseben provinzen zum theil in den fiscus ge- 
flossen seien, was fälschlich aus einer missverstandenen stelle 
des Tacitus (Ann. 2, 47) gefolgert wird. Ebensowenig kann 
ich mich mit der vertheidigung der vulgat- lesart in der vita 
Getae c. 2: ex formulario (die handschriften haben: formularia) 
forensi einverstanden erklären, noch mit der datirung der bei 
Maffei, Mus. Veron. 462 und Philostrat. Vitt. Sophist. II, 
29 genannten advocati fisci (p. 28), die beide nicht in den an- 
fang des dritten, sondern unzweifelhaft noch in das zweite Jahr- 
hundert zu setzen sind. Auch von dem gebrauche falscher 
inschriften hat sich der verf. nicht ganz frei gehalten: so sind 



214 112. Archäologie. Nr. 4. 

die aus Fabretti angeführten (anrn. 89 und 108), in denen pro- 
curatores caducorum sich finden, sämmtlich falsch und dieser ti- 
tel, wie 6chon Eichhorst (quaestiones epigraphicae p. 19) nachge- 
wiesen hat, nirgends in echten inschriften bezeugt. 

Trotz dieser und ähnlicher irrthümer zeugt die abhandlung 
von Sorgfalt und verständiger kritik und besonders die darstel- 
lung der advocati fisci kann als recht gelungen bezeichnet wer- 
den; leider ist die schrift durch eine grosse menge druckfehler 
entstellt. O — d. 

112. Supplement zu den 6tudien über den bilderkreis von 
Eleusis von Carl Strube. Herausgeg. von H. B r u n n. 8. 1872. 

Die Zeichnungen der drei vasenbilder, welche in dem vorlie- 
genden heftchen veröffentlicht werden, hatte der verf. der schon 
im philologischen Anzeiger bd. II, h. 10, p. 524 besprochenen 
Studien von einer italienischen reise mitgebracht. Vermuthlich 
waren sie bestimmt die beigäbe eines umfangreicheren nachtra- 
ges zu bilden, zu dem Strube auch sonst weitere materialien 
gesammelt. Sein tod — er fiel im kämpfe vor Metz — ver- 
eitelte diesen plan und so sind diese blätter, die Brunn unter 
benutzung einiger in den papieren seines früheren Schülers ge- 
fundenen aufzeichnungen mit einem kurzen text begleitet hat, 
das gedächtnissmal eines jungen gelehrten geworden, dessen ge- 
diegene erstlingsschrift das beste versprach. 

Bei weitem das wichtigste der hier veröffentlichten vasen- 
bilder ist das dritte von dessen existenz die gelehrte weit schon 
seit E. W. Visconti unterrichtet war, ohne dass es bis dahin 
gelungen wäre eine Zeichnung zu erhalten. Es enthält die ein- 
zige bis dahin bekannte sichere darstellung der anodos der 
Kora. Wenn uns nun diese schöne composition einerseits zu 
dem geständniss nöthigt, dass einfacher und durchsichtiger der 
Vorgang überhaupt nicht dargestellt werden konnte, so werden 
wir andrerseits jetzt um so mehr überzeugt sein, dass Strube 
mit recht die Stephanische beziehung einer berühmten Kertschen 
vase [Compte - Rendu pour 1859 pl. 1) auf diesen gegenständ 
bestritten hat. Kora ist auf dem jetzt bekannt gemachten bild 
wirklich ßteigend dargestellt. Die erhobene band und der ge 
öffnete mund drücken characteristisch das staunen über di 
überwältigende Wirkung des solange entbehrten lichtes aus. 



Nr. 4. 112. Archäologie. 215 

Tafel 1 giebt dann die bilder eines prachtvollen stamnos 
der früheren Campanaschen Sammlung mit rothen figuren im stren- 
gen stil. Die Vorderseite stellt den sehr häufigen auszug des 
Triptolemos dar, dem nach heroischer weise der abschiedstrunk 
gereicht wird. Die deutung der einschenkenden frauengestalt 
auf Demeter, die der hinter dem wagen stehenden als Kora 
wird für unser gefäss unzweifelhaft zu recht bestehen bleiben, wenn 
auch durch eine seitdem bei Capua gefundene prachtvolle vase 
des Hieron bewiesen ist, dass Brunn mit unrecht das entschei- 
dende moment für diese benennung der figuren in ihrer Stellung 
zur hauptfigur erblicken wollte. Hier heisst nämlich, wie wir aus 
der im Bulletino delV Instituto von 1870 p. 41 gegebenen beschrei- 
bung ersehen, die einschenkende Persephone {<l>EPO<l>ATTÄ), 
während Demeter {/1EMETPE) mit fackel und ähren hinter dem 
wagen erscheint. Gesichert ist ferner wohl Hekate und auch gegen 
Keleos und Hippothoon, die nach massgabe eines vasenbildes 
in der Elite Ceramogr. III, 62 so genannt sind, wird kaum 
etwas eingewandt werden können. Sehr zweifelhaft scheint 
es uns dagegen trotz der scheinbar vermittelnden Stellung der 
einen fackelhaltenden figur , ob die rückseite in so nahen Zu- 
sammenhang mit der Vorderseite zu setzen ist, wie Brunn an- 
nimmt. Die Verkündigung der hohen bestimmung, zu der nach 
den rathschlägen der götter Triptolemos berufen ist, scheint uns 
in der that ein zu untergeordneter moment, als dass wir ihn 
überhaupt dargestellt erwarteten. Die geberde des entsetzens 
welche die supponirte Metaneira macht scheint vielmehr darauf 
hinzuweisen, dass die botschaft des Hermes ihre person viel nä- 
her angeht. Welchen mythus der maier im äuge hatte, lässt sich 
bei dem mangel an Charakteristik allerdings nicht mehr feststel- 
len. Was das an zweiter stelle publicirte figurenreiche bild ei- 
nes unteritalischen krater des neapolitanischen museums be- 
trifft, so ist von Strube richtig erkannt worden, dass jede be- 
ziehung auf die familie des Triptolemos als attischen heros hier 
wegfällt. Wenn er jedoch in der weiblichen gestalt , die ihm 
einen kränz reicht, seine unsterbliche mutter Polyhymnia er- 
kennen will, so scheint uns das kaum mehr als ein blosser ein- 
fall. Wenn dieser gestützt werden sollte, so konnte das nicht 
durch die von Brunn eingeschlagene ausschlussmethode, sondern 
nur durch eine im weitesten umfang angestellte Untersuchung 



216 113. Numismatik. — Theses. Nr. 4. 

geschehen , theils über die quellen , denen die unteritalischen 
vasenmaler ihre sujets entlehnen, theils über die natur des gan- 
zen figurenapparates, mit denen sie den kern der composition 
zu umgeben pflegen. Ob man dabei auf die orphische poesie 
— der Brunn wohl mit recht jene tradition über die mutter des 
Triptolemos zuweist — stossen würde, ist doch wohl sehr zwei- 
felhaft; uns scheint vielmehr wahrscheinlich, dass man für diese 
figur, die in ihrer beziehung zu Triptolemos den abschied 
vom heimathlichen boden ausdrücken und durch den kränz den 
gedanken an das glückliche gelingen der fahrt nahe legen soll, 
überhaupt keinen bestimmten namen suchen darf. 

113. Le crocodile de Nimes. Par W._Fröhner. 8. 
Paris 1872. 

Das schriftchen enthält eine sorgfältige und gelehrte Unter- 
suchung über die wohl mehr dem numismatiker von fach als 
dem archäologen bekannten münzen der römischen colonie von 
Nemausus, deren revers das auf dem titel genannte thier neben 
der kröne (?) eines palmbaumes zeigen. Eine genaue Unter- 
scheidung aller in betracht kommenden typen führt zu dem 
resultat, dass der Zeitraum, in dem diese münzen geprägt sind, 
nicht, wie man bisher annahm, drei sondern achtzehn jähre 
724 — 742 u. c. umfasst. Dass der revers eine anspielung auf den 
ägyptischen feldzug (723) enthält, an dem die von Octavian in 
Nemausus angesiedelten Veteranen theilnahmen , ist durch die 
p. 13 gegebenen nachweise ausser allen zweifei gesetzt. Nur 
geht der verf. sicher zu weit, wenn er, anstatt die erfindung 
der sehr verständlichen Symbolik demjenigen zuzuschreiben, wel- 
cher den Stempel schneiden liess, anzunehmen geneigt ist, dass 
wir hier die nachbildung eines zur erinnerung an die glück- 
liche expedition in Nimes „ wahrscheinlich als weihgeschenk 
aufgestellten ehernen palmbaums und eines ausgestopft mitge- 
brachten crocodils" vor uns haben. Man ist versucht den Ver- 
fasser zu fragen, ob er das wirklich alles ernstes gemeint habe? 

Theses 

quas ... in academia Fridericiana Halensi . . . d. VII m. Martii 
publice defendet Aemilius Walter: I. Hom. IL I, 19. 64. 395 digamma 
retinendum est. IL Aesch. Agam. 1287 sqq. legendum est: Im ßgö- 
Ttia nQccyfxat'. tvTv^ovvra fiiv 2xid ng av tq^kuv, il dt dvaiv/tj, Bokcüg 
iyQüiOffoJV anüyyog wXtotv ygayqv. III. Soph. Antig. VV. 904 — 91t 



Nr. 4. 114 — 125. Neue auflagen und Schulbücher. 217 

tamquam interpolati removendi sunt ex editionibus. IV. Quint. I. 0. 
X, 1, 104 iure Halmius Cremutii nonien restituit; falso autem präe- 
cedentia verba » superest . . intelligitur « ad eundem referuntur. V. 
Tac. Ann. II, 33 verba »erat . . . promere« recte Nipperdeius ab inter- 
prete interposita censuit. VI. Homoioteleuton quod proprie dioimus 
et nomine et re Germanorum est inventio. 

Neue auflagen. 

114. Homer's Odyssee. Erklärt von J. U. Fähsi. 1. bd. 6. aufl. 
besorgt von W. C. Kayser. 8. Berlin. Weidmann; 18 gr. — 115. 
Homer's Odyssee. Für den schulgebraucb erklärt von K. E. Ameis. 
1. bd. 2. heft. 5. aufl. besorgt von C. Hentze. 8. Leipzig. Teubner; 
12 ngr. — 116. Sophokles. Für den schulgebraucb von G. Wolff. 
3. thl. Antigone. 2. aufl. 8. ebendas.; 15 gr. — 117. Thukydides. 
Erklärkt von J. Classen. 1. bd. 2. aufl. 8. Berlin. Weidmann; 25 
gr. — 118. Xenophons Anabasis. Erklärt von C. Mehdantz. 1. bd. 
3. aufl. 8. Berlin. Weidmann; 15 gr. — 119. T. M. Plautus, aus- 
gewählte komödien. Für den schulgebrauch erklärt von J. Brix. 
1. bd. Trinummus. 2 aufl. gr. 8. ebendas; 12 ngr. — 120. Cice- 
ro's rede für C. Plancius. Für den schulgebrauch erklärt von E. 
Kvpke. 2. aufl. 8. Leipzig. Teubner; 12 gr. — 121. T. Livi ab 
urbe condita libri. Erklärt von E. Weissenborn. 8 bd. 2. aufl. Ber- 
lin. Weidmann; 25 ngr. — 122. L. O Broker, Untersuchungen über 
die glaubwürdigkeit der altrömischen Verfassungsgeschichte. 2. ausg. 
8. Hamburg. Gröning; 1 thlr. 

Neue Schulbücher. 

123. 124. Freund, Schülerbibliothek. 1. abth. Präparation zu 
Sophokles werken. 14. heft. 16. Leipzig. Violet; 5 ngr. — zu Sal- 
lust's werken. 4. heft. 3. aufl. ebendas. — 125. R. Kühner, Übungs- 
buch enthaltend deutsche uud griechische Übersetzungsstücke zur er- 
lernung der formenlehre und syntax. 2. aufl. 8. Hannover, Hahn; 
15 ngr. 

Bibliographie. 

Weitere nachrichten über die arbeiteinstellung der setzer in 
Leipzig finden sich im Börsenbl. nr. 64; ferner nr. 74. 

Eine biographie von Ambmise Firmin Didot von 0. Mühlbrecht 
steht im Börsenbl. nr. 70 : sie stand zuerst in der Leipziger illustrir- 
ten zeitung: es ist sehr unrecht, dass bei der herausgäbe von IT. 
Stephani Thesaurus Dübner nicht genannt ist, der auch bei andern 
Unternehmungen Didot's rechte hand gewesen. 

Sehr beachtenswerth ist der aus der » Gegenwart« im Börsenbl. 
nr. 76 aufgenommene artikel von H. W. Eras: »der gewerkverein 
der buchdruckergehülfen und herr Brentano« : professor Brentano in 
Breslau vertheidigt die massnahmen der gehülfen. 

Mauke's verlag (Hermann Dufft) in Jena versendet einen pro- 
Bpect über: Lexicon zu den reden des Cicero mit angaben sämmtlicher 
stellen von H. Merguet, welches 40 lieferungen a 5 bogen zum preise 
von 20 sgr. für jede lieferung umfassen soll : jedes jähr werden sechs 
lieferungen erscheinen. Es ist das gewiss ein sehr zeitgemässes un- 
ternehmen. Der prospect enthält p. 4 auch angaben über andre neue 
philologische Unternehmungen dieser firma. 

Im märz ist ausgegeben: verzeichniss empfehlenswerther karten- 



218 Bibliographie. Nr, 4. 

werke für lehr - anstalten aus dem verlage von Dietrich Reimer in 
Berlin; ferner: verlags - bericht von L. Heimanns verlag (Erich Ko- 
schny) in Berlin, worin über die daselbst erseheinende philosophische 
und historisch -politische bibliothek das nähere angegeben. 

Im laufe des monats märz ist die probenummer der » Wissen- 
schaftlichen Monatsblatter « erschienen, welche von Dr Karl Hopf und 
Dr Oscar Schade, professoren an der Universität Königsberg, heraus- 
gegeben werden sollen, in jedem monat ein »ungleich starkes heft, 
abonnementspreis 20 sgr. pro semesterx : es sollen diese blätter »ob- 
jectiv gehaltene besprechungen hervorragender und interessanter novi- 
täten bringen«, und zwar, wie die probenummer zeigt, sehr kurze 
und aus allen fächern : als motiv für diese gründung giebt der pro- 
ßpect p. 1 an, dass sich in Königsberg das bedürfniss fühlbar gemacht 
habe »die daselbst vorhandenen wissenschaftlichen kräfte mehr zu 
vereinigen, in bewegung zu setzen und mit auswärtigen kräften in 
berührung zu bringen « : es lässt sich das sehr wohl begreifen, aber 
es fragt sich, ob die herausgeber den richtigen weg dafür betreten 
haben. Mir erscheint es verfehlt, dass man die ganze Wissenschaft 
umfassen will : denn da weder einer noch zwei jetzt dies vermögen, 
dürfte das eindringen der partei, auch das der unkenntniss kaum zu 
vermeiden sein : scheint doch das diese probenummer schon zu beweisen ; 
denn die anzeige über Rutilius Namatianus p. 9 ist nicht gerecht 
gegen Zumpt, s. Phil. Anz. III, p. 122, die über Nitzsch's annalistik 
doch wohl zu freundlich, s. ob. nr. 2, p. 117: am auffallendsten ist 
p. 15 bei der besprechung der metrischen ansichten von Lehrs das 
schweigen über Böckh, der doch erst Lehrs zum zweifeln an G. Her- 
mann's system gebracht hat, noch auffallender , dass Rossbach und 
Westphal von Lehrs abhängen sollen, während sie doch selbst auf 
Böckh weiter fortzubauen offen und dankbar aussprechen: s. Ross- 
bach Rhythmik vorr. p. VII. Dies ein bedenken : ein andres ist, 
dass anzeigen der art, wie sie die probenummer giebt, bei der jetzt 
üblichen art der Versendung der novitäten durch die buchhändler 
selbst überflüssig erscheinen; endlich dürfte der räum zu klein sein: 
jetzt glauben das die herausgeber mir wahrscheinlich nicht; aber 
schon gegen das ende des ersten Jahrgangs werden sie mir recht ge- 
ben. Es ist dies geschrieben, um wo möglich die herausgeber zu 
nochmaliger prüfung ihres plans zu veranlassen und sie somit vor 
enttäuschung zu bewahren: es will mich auch bedünken, als bedäch- 
ten sie nicht, wie sie in unsrer so eitlen zeit nur dann freunde fin- 
den werden, wenn sie Verfasser wie Verleger der anzuzeigenden bü- 
cher immer recht derb zu loben verstehen : das scheinen sie aber 
doch nicht zu wollen. — F. v. L, 

Cataloge von antiquaren : Antiquarisches vezeichniss 117 von Fe- 
lix Schneider in Basel, nur griechische und lateinische classiker; ca- 
talog 116 des antiquarischen bücherlagers von Fried, Wagner in 
Braunschweig, auch classische philologie. 

Kleiue philologische zcitung. 

Bei Muraz in "Wallis sind keltische und römische gräber gefun- 
den, in denen Statuetten heidnischer gottheiten u. a. sich befanden: 
Augsb. Allg. Ztg. nr. 65. 

Im Levant Herald hat Frank Calvcrt, ein durch v. Hahn schon 
bekannter in der nähe der Dardanellen ansässiger Franzose, einen 
ausführlichen bericht unter 25. Januar über die in neuerer zeit veran- 
stalteten ausgrabungen in der ebene von Troja erstattet, bei denen 
er meist selbst betheiligt war : es ist aber nichts neues darin enthal- 



Nr. 4. Kleine philologische zeitung. 219 

ten, wird aber vielen interessant sein: die Augsb. Allg. Ztg. giebt 
den artikel in der beil. zu nr. 66. 

Archäologische gesellschaft in Berlin, 4. märz. Brandis legte die 
beiden werke von F. Schröder » die assyrisch - babylonischen keilin- 
schriften« und »die keilinschriften und das alte Testament« vor und 
machte auf deren grosse bedeutung aufmerksam, da in ihnen zum 
ersten mal in Deutschland von einem auf der höhe seiner Wissenschaft 
stehenden Orientalisten eine umfassende darstellung der assyrisch-ba- 
bylonischen schritt und spräche , sowie der gegenwärtigen ergebnisse 
der bisher fast nur in England und Frankreich betriebenen forschung 
dargeboten wird. Insbesondere wurde die behandlung des linguisti- 
schen theils sehr anerkannt, bei der behandlung des schriftsystems 
nur eine Untersuchung über die Ursachen der polyphonie vermisst. — 
Adler legte zwei von ihm in Athen gefertigte Zeichnungen vor : zu- 
erst ein relief - bruchstück von pentelischem marmor, von der akro- 
polis, eine Nike mit heiliger binde darstellend, welche einen tiefer ste- 
henden mann kränzt, von dem nur noch der köpf erhalten ist. Die Stel- 
lung beider figuren, besonders der verschiedene masstab, weisen dar- 
auf hin, dass die Nike auf der hand eines grösseren, verloren gegan- 
genen götterbildes stand. Die anmuth in der bewegung sowie die 
vorzügliche gesammtcomposition der Nike lassen auf ein ausgezeich- 
netes originalwerk schliessen, dessen replik verstümmelt uns vorliegt. 
Mit rücksicht darauf, dass die Nike keinen kränz, sondern eine binde 
trägt, würde die vermuthung statthaft sein, dass das götterbild ein 
olympischer Zeus war und vielleicht eine replik der chryselephanti- 
nen statue im hadrianischen olympieion zu Athen. Dann legte der 
vortragende die Zeichnung (in natürlicher grosse) zweier auf der Akro- 
polis vorhandener alterthümlicher (echt archaischer) terracottenbüsten 
vor, welche, weil sie ohne rückseite sind , wahrscheinlich als stirnzie- 
gel gedient, jedenfalls eine architektonische Verwendung gefunden 
hatten. — Heydemann besprach die darstellung des sog. Schildes des 
Scipio im C abinet des Medailles et Antiques zu Paris (Chabouillet Ca- 
tal. (jeneral et raisonne nr. 2875) und erkannte in ihr — mit A. (x. 
Lange (Welcker Zeitschr. für kunst p. 490 ff.) im gegensatz zu Win- 
ckelmann — nicht die rückgabe der Briseis und Versöhnung zwischen 
Achill und Agamemnon, sondern vielmehr die wegführung der Briseis 
aus dem ersten buch der Ilias ; und zwar sei der dem herold mit 
der trompete voranstehende mann, falls Chabouillet (1. c. p. 459) 
wirklich recht habe, dass er einen pilos trage, Odysseus an stelle des 
zweiten von Homer erwähnten heroldes. Sollte die annähme des pi- 
los aber irrig sein — und Millins genaue Zeichnung (Mo?i. inedits I. 
pl. 10) scheint dafür zu sprechen, — so ist in dem betreffenden 
manne Agamemnon selbst zu erkennen, der sich, wie er gedroht hatte 
(Ilias I., 185), Briseis selbst holt: eine Wendung der sage, für die 
auch ein vasenbild des Hieron (Mon. dell' Inst. IV, 19) als stützender 
beweis angeführt werden kann. Dann theilte der vortragende mit, 
dass E. de Meester de Raveslein der gesellschaft ein exemplar seines 
in der vorigen sitzung besprochenen katalogs zum geschenk gemacht 
hat, wofür ihm öffentlich der schuldige dank erstattet ward. — Cur- 
tius legte der gesellschaft vor: den von Egger verfassfen Rapport 
fait au nom de la commission de l'ecole francaisr d'Athenes über die ar- 
beiten der schule 1869 — 72, und die erste zusammenfassende arbeit 
über die ausgrabungen auf dem Palatin , den guida del Palatino von 
Visconti und Lanciani. Sodann besprach er den durch Mahmud- Beg 
aufgenommenen plan von Alexandria nach der von Kiepert darüber 
veröffentlichten abhandlung »zur topographie des alten Alexandria« 
und erörtert dann einen von C. Hamann entworfenen Stadtplan von 



220 Kleine philologische zeitong. Nr. 4, 

Philadelphia mit einer skizze des anliegenden Tmolos. Ferner gab 
er aus briefen des Dr Hirschfeld mittheilung über die neuesten ent- 
deckungen auf dem boden von Athen und die dort gefundenen thon- 
platten, welche zur Wandverkleidung in gräbern gehört haben. Er 
legte die farbigen abbildungen ähnlicher thongemälde aus gräbern 
von Caere vor, welche dem Musde Napoleon III. angehören, und ein 
gleichfalls aus Caere stammendes bruchstück des hiesigen antiqua- 
riums, worauf in sehr altem stil mann und frau, einander die hand 
reichend, mit einem zwischen ihnen schwebenden vogel dargestellt 
sind. Endlich zeigte er eine ebenfalls dem antiquarium angehörende 
kleine bronze, welche einen den kränz sich aufsetzenden Amor dar- 
stellt. — Reichs-Anz. nr. 68. 

Königsberg i. Pr. Am 7. märz c. feierte hier professor Karl 
Lehrs sein 50jähriges doctorjubiläum. Die philosophische facultät 
würdigte in dem erneuerten doctordiplom den Jubilar treffend in fol- 
genden schönen worten: summo philologo. librorum vere immortalium 
auctori. qui munere j)rofessoris qicum in schola Fridericiana tum in hac 
academia paene per L annos tanto studio tantoque successu functus est : 
ut inter praeceptores de hac provincia optime meritos numerandus sii. 
quem locum etiam tum deserere noluit quum ante hos XXIV an?tos in 
Godofredi Hermann'i cathedram vocaretur : cui innumeri et ab ipso et 
ab eius discipulis instituti debent quod humanitatis artibus politi sint: 
veritatis libertatis pulcritudinis amatori. cuius comitatem et 
modestiam magnitudo meritorum minuere non potuit. Zahlreich waren 
die beweise der anerkennung, Verehrung und liebe, die dem gelehr- 
ten, dem lehrer und freunde von nah und fern zugingen: der kron- 
prinz des deutschen reichs, rector der Universität, sandte einen tele- 
graphischen glückwunsch ; oberpräsident von Hörn , curator der Uni- 
versität, überbrachte den rothen adlerorden zweiter classe ; Vertreter 
ehemaliger schüler des Jubilars überreichten die Urkunde über ein 
von diesen begründetes und ihrem verehrten lehrer zu freier Verfügung 
gestelltes Stipendium Lehrsianum (stammcapital 1500 thaler) »als 
ein dauerndes zeichen der Verehrung« ; deputierte der Universität, 
der Studentenschaft — ein festlicher aufzug war abgelehnt worden — , 
des provinzial-schulcollegiums, des collegium Fridericianum , dem 
Lehrs vom j. 1825 bis zum j. 1845 als lehrer angehörte , sowie der 
beiden anderen gymnasien der stadt bezeugten dem Jubilar in war- 
men worten ihren herzlichsten dank für seine langjährige überaua 
segensreiche Wirksamkeit. Dasselbe geschah in schriftlichen glück- 
wünschen von mehreren Unterrichtsanstalten der provinz und vielen 
privaten, auch von der leipziger philosophischen facultät; deren 
schreiben lautet folgendermassen : 
Hochgeehrter herr! 

Der tag, an dem eine der ersten zierden, wie der ehrwürdigen Al- 
bertina, so der klassischen philologie Deutschlands, vor einem halben 
Jahrhundert den öffentlichen eintritt in die gelehrtenwelt vollzog, 
kann nicht verfehlen die unterzeichnete facultät mit den theilneh- 
mendsten empfindungen zu erfüllen. 

Wenn eine so rühm - wie segensreiche thätigkeit, mit hingebender 
treue geübt im dienste der streng wissenschaftlichen forschung und er- 
kenntniss , der wohlthätigen heranbildung des nachwachsenden ge- 
schlechts, der lebendigen förderung ächter humanität, dankbar huldi- 
gende anerkennung von allen seiten hervorrufen wird , so wollen 
Sie, verehrter herr Jubilar, auch unserer genossenschaft die warme be- 
theiligung an einem so allgemein menschlichen interesse freundlich 
vergönnen und dieselbe auch persönlich eine gute statte bei Sich fin- 
den lassen. 



Nr. 4. Kleine philologische zeitung. 221 

Möge Ihnen die "wohlverdiente gunst aller guten götter noch 
lange die jugendliche gedanken - und Willenskraft frisch erhalten, 
der wir bisher so hellleuchtende erfolge verdankten , und den glänz 
eines arbeitsvollen rnannesalters mit einem so heitern wie erfüllungs- 
reichen lebensabend krönen. 

Q. D. 0. M. ß. V. ET. F. F. F. Q. E. I. 
Leipzig, zum 7. märz 1873. 

Die philosophische facultät der Universität. 
Dazu fügen wir die in klassischem inschriftenstil geschriebene von 
Fr. Ritschi dem Jubilar gewidmete votivtafel: 

KAROLO LEHRSIO | Regimontano | Vniversitatis Albertinae de- 
ooriatque ornamento singulari | eximio eximii praeceptoris et discipulo 
et aemulo|Aristarcheaevirtutis interpreti atque vindicivere Aristarcheo] 
MOPQUüClN ESHrHClN KPICIN cum graecarum tum latinarum litte- 
rarum | veterum magistrorum exemplo | laetissima eademque fructuo- 
sissima consortione socianti | sfrenueque iuventutis institutione | ad 
futurae aetatis usum saeculi vitio in dies periclitantem | salutariter 
propaganti | tarn luculenter sustentatos honores quinquagenarios | No- 
nis Martiis a. CIOIOCCCLXXIII | ex animo gratulatur | multorumque 
annorum salutem prosperitatem duraturamque hilaritatem | arnicis« 
sime exoptat I FR1DERICVS R1TSCHELIVS | olim Bonnensis, nunc 
unus e Lipsiensibus si fas est dicere yga/aficamolc. 

Beide Zuschriften aus Leipzig konnten nicht gedruckt überreicht 
werden: der jammervolle setzer- und druckerstrike nöthigte zu hand- 
schriftlicher mittheilung. Ausser diesen ehrenbezeugungen sind noch 
folgende festschriften dem Jubilar von coJlegen und schülern dedicirt 
worden: Ludwig Friedländer Ueber die entstehung und entwick- 
lung des gefühls für das romantische in der natur. Leipzig, S. Hir- 
zel (45 s.); H. Jordan Incertorum scriptorum origo gentis Romanae 
et de viris inlicstribus urbis Romae über. S. Aureli Vicioris et incerti 
de Caesaribus libri cum commentariis. Leipzig, Breitkopf und Härtel 
(unter der presse) ; Dr Richard Arnold t (gjnnnasiallehrer in Elbing) 
die chorpartien bei Aristophanes scenisch erläutert. Leipzig, B. G. 
Teubner (196 s.); Hermann Raumgart [gymnasiallehrer in Königs- 
berg) Pathos und pathema im aristotelischen Sprachgebrauch. Zur 
erläuterung von Aristoteles' definition der tragödie dargelegt. Kö- 
nigsberg, W. Koch (58 s.); Dr Otto Carnuth (gymnasiallehrer in Ol- 
denburg) De Etgmologici magni fontibus. Berlin , gebr. Bornträger 
(36 s.); Dr Hans Flach (gymnasiallehrer in Elbing) die Hesiodische 
theogonie mit prolegomena. Berlin, Weidmannsche buchhandlung 
(105 s.) ; Dr. Eduard Kammer (gymnasiallehrer in Königsberg) ein- 
heit der Odyssee und ausführliche Widerlegung der ansichten von 
Lachmann -Steinthal, Köchly, Hennings und Kirchhoff. Leipzig, B. 
Teubner (unter der presse) ; Dr Arthur Ludwich (gymnasiallehrer in 
Königsberg) beitrage zur kritik des Nonnos von Panopolis. Königs- 
berg, C. Th. Nürnberger (144 s. 4. Gratulationsschritt des Collegium 
Fridericianum) ; Dr H. Merguet (realschullehrer in Gumbinnen) lexicon 
zu den reden des Cicero mit angäbe sämmtlicher stellen. Erster band. 
Jena, Mauke (unter der presse). — Mit welcher jugendfrischen ela- 
sticität, mit welcher heiteren laune der liebenswürdige greis die vie- 
len äusserungen inniger liebe und Verehrung entgegennahm und zu- 
letzt noch im freundeskreise bis zu später abendstunde unermüdet 
mit herzerfreuendem humor zu erwidern wusste: das wird uns we- 
nigstens immer unvergesslich bleiben, die wir mit wahrhaftiger liebe 
unserem lehrer anhängen und denen auch seine »Zehngebote für clas- 
ßische philologie« ins herz geschrieben sind. [^4.2/.] — Wir fügen, in 
der meinung, dass unsern lesern das nur angenehm sein wird, noch ei- 



222 Kleine philologische Zeitung. Nr. 4. 

nige notizen aus des Jubilars leben hinzu, welche wir den wissen- 
schaftlichen monatsblättern — s. ob. p. 218 — nr. 1, p. 14 figg. ent- 
nehmen, welche daselbst ebenfalls einen bericht über dieses Jubi- 
läum gegeben. Karl Lehrs ist zu Königsberg am 14. januar 1802 
geboren, bezog ostern 1812 das Friedrichs -collegiuni daselbst, wo 
Grotthold, Jacob, seit 1816 der aus dem felde zurückgekehrte K. 
Lachmann vorzugsweise einfluss auf den jüngling übten. Von mi- 
chaelis 1818 bis ostern 1823 studierte er unter Lobeck und Lach- 
mann philologie, hörte aber auch Herbart und andere, ward am 7. 
märz 1823 auf grund einer dissertation über die declination im epi- 
schen dialecte promovirt: sie ist, obgleich sie früher als preisauf- 
gabe gekrönt war , doch nicht gedruckt. Bald nach der promo- 
tion vertrat Lehrs in Da.nzig am gymnasium ein halbes jähr einen 
nach Italien gereisten lehrer , blieb aber noch ein zweites halbes 
jähr Privatunterrichts halber daselbst: hier ward mit Meineke freund- 
schaft geschlossen, die erst durch den 1870 erfolgten tod Meineke's 
gelöst worden. Es folgte ein jähr am gymnasium in Marienwerder; 
aber schon 1825 kam der junge doctor an das Fridericianum zu Kö- 
nigsberg, an welchem er dann in den drei obern classen mit inniger 
lust und reichem segen ununterbrochen volle 20 jähre gelehrt hat. 
Daneben hielt er seit 15. october 1831 durch die schritt Quaestionum 
Aristarchearum specimen habilitirt , an der Universität Vorlesungen, 
ward unter dem 16. december 1835 extraordinarius, aber erst 1845 
professor Ordinarius : er soll eben kein liebling des damaligen curator 
gewesen sein : er schrieb zum antritt dieser professur ein programm 
de Asclepiade Myrteano. Nun aber gab er die Stellung an der schule 
auf, um mit ganzer kraft den anforderungen der uuiversität zu ge- 
nügen; wie theuer und werth ihm sein Wirkungskreis an dieser war, 
zeigte sich 1848, wo er um Gr. Hermann zu ersetzen einen glänzen- 
den ruf nach Leipzig erhielt; er schlug ihn aus und »so einfach 
waren damals noch die sitten unter den professoren 
oder so uneigennützig war dieser, dass er den glänzen- 
den ruf nicht einmal zur erhöhung seines hiesigen ma- 
geren gehaltes benutzte«. Wie Lehrs an seiner stelle als leh- 
rer wirkte, davon zeugt ja dieses sein doctor -Jubiläum: was er der 
Wissenschaft gewesen ist, weiss jeder philolog: möge ihm vergönnt 
sein , den bisherigen leistungen noch weitere — eine quellenunter- 
suchung über Pindar soll handschriftlich vollendet sein — glänzende 
in frische und kraft hinzuzufügen ! 

Das Börsenblatt nr. 59 bringt auszüge aus Büchner's »aus den 
papieren der Weidmannschen buchhandlung« bd. IL 

Pfahlbauten im Sternberger see werden nach Dr Zittel genau 
beschrieben in Reichs-Anz. nr. 69. 

Neue Veröffentlichungen aus Göthc's nachlass verzeichnen Reichs- 
Anz. nr. 70, Augsb. Allg. Ztg. beil. zu nr. 32. 

Ueber das neueste werk von Beule, Fouilles et decouvertes, re- 
sumees et discoutees en vue de Ihistoire de l'act äussern sich Augsb. 
Allg. Ztg. beil. zu nr. 74 und Reichs-Anz. nr. 71 folgendermassen: 
das erste buch ist Griechenland und Italien gewidmet: Beule beginnt 
mit einem tagebuch über die ausgrabungen auf der Akropolis von Athen. 
Er veröffentlicht die zur zeit seiner ausgrabungen tag für tag, stunde 
für stunde, über die verschiedenen wechselfälle seiner Unternehmung 
gemachten aufzeichnungen. Am 20. februar 1852 schrieb er: »Meine 
tage vergehen auf der Akropolis, d. h. auf diesem mit tempeln und 
weihgeschenken bedeckteu plateau, das die citadelle von Athen war. ... 
Da die läge der propyläen, des tempels der unbeflügelten Victoria, des 
parthenon, der tenipel der Minerva Polias und des Neptun sicher 



Nr. 4. Auszüge aus Zeitschriften. 223 

fest steht, so muss man die Strassen, die thore, die pforten, die deko- 
rationsgruppen, die votivsäulen, die mauern der verschiedenen heilig- 
tbümer, die spuren der Pelasger, die zuerst den berg besetzt und ge- 
ebnet batten, den tempel der brauroniscben Diana, den tempel der 
Minerva Ergane , den der Ceres , den der Roma und des Augustus, 
den platz der beiden Minerva -kolosse, der eine von elfenbein , der 
andere von bronze, wiederfinden«. Von grosser bedentung waren 
namentlich seine ausgrabungen an den propyläen , erbt dadurch ge- 
wann man klarbeit über dieses gebäude , das früber durcb eine ba- 
stion Mobammeds II. fast unkenntlich war. Der rest des bandes ent- 
hält abhandlungen über den tempel der Juno in Argos, forschun- 
gen über Delphi, die insel Thasos, den Olymp und Akarnanien, 
dann über die in Italien von 1846 bis 1866 gemachten entdeckungen, 
über Etrurien und die Etrusker, die gemälde von Orvieto, die bau- 
ten der flavischen familie. Im zweiten bände beschäftigt sich Beulo 
mit den ruinen von Cyrene , der vase der Berenice , dem Serapeum 
und den ausgrabungen Mariette's, der grossen Sphinx, mit Ninive 
und der assyrischen kunst, mit den entdeckungen Newtons in 
Kleinasien, namentlich mit dem grabe des Mausolus, den denkmä- 
lern von Ephesus und einem edikt Diokletians, sowie den alterthü- 
mern des Bosporus. Von grossem interesse sind auch die im zwei- 
ten bände veröffentlichten briefe Beule's, über die ausgrabungen in 
Carthago 1859. Auf dem gebiet von Carthago wurden zu verschie- 
denen zeiten ausgrabungen veranstaltet , theils durch die carthagi- 
sche gesellschaft, theils durch Nathan Davis; dieselben haben manche 
interessante stücke in die museen des Louvre, von Kopenhagen und 
von London geliefei't, deren funde jedoch fast alle der römischen 
und späteren zeit angehören und keinen bestimmten aufschluss 
über die phönizische kunst und architektur geben. Die Cartha- 
ger haben niemals die grosse kunst gepflegt, wohl aber waren sie 
geschickte goldarbeiter und Juweliere, graveure in stein und metall, 
ihre kunstwerke mussten sich daher besonders durch den reichthum 
der Ornamentik auszeichnen. Von den mauern Carthago's wissen wir, 
dass sie 30' dick, 45' hoch waren und drei etagen hatten. Zu ebener 
erde waren 300 elephanten untergebracht, im ersten stock 4000 
pferde, im zweiten 24,0ü0 Soldaten. Der hafen konnte eine flotte 
von 350 galeren mit 42,000 kombattanten und 105,000 matrosen 
aufnehmen. In Byrsa, der citadelle Carthagos , begann Beule 
seine ausgrabungen. Er deckte einige der mauern auf vom 
gründe bis zu einer höhe von 15'. Diese mauern sind von kolossalen 
unregelmässigen blocken, ähnlich den archaistischen mauern Grie- 
chenlands und Etruriens, ohne mörtel aufgebaut. Auch über den 
ganzen plan der mauern, ihre fortifikatorische einrichtung gewährten 
erst die entdeckungen Beule's wichtige aufschlüsse. Weitere ausgra- 
bungen machte er in der nekropole Carthago's und in dem hafen die- 
ser merkwürdigen handelsstadt. 

Auszüge aus Zeitschriften. 

Archäologische Zeitung. Unter mitwirkung von E. Curtius her- 
ausgegeben von E. Hübuer. Neuer folge bd. V heft 1 u. 2. Berlin. 
E. Schuhe, über die giebelgrnppe des capitolinischen Jupitertempels 
(biezu taf. 57), p. 1. — Derselbe, der tempel des Hercules an der 
porta trigemina (hiezu taf. 58), p. 9. — F. Matz, Sarkophag aus 
Patras (hiezu taf. 59), p. 11. — G. Hirschfeld, nachtrage zu den at- 
tischen künstlerinschriften (hiezu taf. 60. 61), p. 19: enthalten theils 
bisher unbekannte, theils ungenügend bekannte inschriften; sehr zu 



224 Auszüge aus Zeitschriften. Nr. 4. 

beachten. — H. Wittich zum ephesischen Artemision , p. 29. — C. 
Lüders, der westfries der cella des parthenon in seinem jetzigen zu- 
stande, p. 31. — H. Heydemann berichtet über: deux peintures de 
vases grecs de la necropole de Kameiros, Paris 1871 fol., p. 35, ein von 
TV. Frühner edirtes heft, in dem er zwei im britischen museuni be- 
findliche vasen erläutert : Heydemann macht dazu bemerkungen und 
nachtrage. — H. Heydemann, teller aus Kameiros, p. 38: mit einem 
holzschnitt: ist ein terracottenteller, der bei den Salzmann'schen aus- 
grabungen in Kameiros gefunden. — Sitzungsbericht der archäologi- 
schen gesellschaft in Berlin, p. 39. — Festsitzung des archäologi- 
schen Instituts in Rom, p. 44. — Miscellen : E. Hübner, zur madrider 
Sapphoherme , p. 47 : bezieht sich auf taf. 50. — E. Hübner, zum 
grabstein des Antipatros von Ascalon in Athen , p. 47. — JE. Hüb- 
ner, ausgrabungen in der Saalburg, p. 47, giebt nach dem in Wies- 
baden erscheinenden Rheinischen Courier nachricht über einen Saal- 
burg -verein, der ausgrabungen u. s. w. unter leitung des oberst von 
Cohausen und baumeister Jacobi veranstalten will. 

Heft 3. B. Graser, ein bronze-buchbild eines antiken fahrzeuges 
aus Actium (hiezu taf. 22), p. 49. — E. Curtius, die geburt des 
Erichthonios (hiezu taf. 63), p. 51. — Derselbe, neue funde in Ilion 
(hierzu taf. 64), p. 57 : bezieht sich auf eine schon vielbesprochene 
von Dr Schlieniann gefundene roetope : s. unt. heft 5. — H. Wit- 
tich, die pyramidenmaasse des Plinius, p. 60. — H. Heydemann, 
vier Wandgemälde aus Stabiä, p.63. — jÖem>/Je,Adonia (?) auf einer 
vase aus Ruvo, p. 65. — Derselbe , die wuth des Lykurgos, p. 66. — 
Derselbe, antiken des grafen Wilh. v. Pourtales iu Berlin, p. 68. — 
Fr. Wiese/er, das heerd- und feuersymbol bei Vulcanus, p.69, mit ei- 
ner entgegnung von Friedländer, p. 71. — E. Curtius, die säulenre- 
liefs von Ephesos (hierzu taf. 65. 66), p. 72. — Sitzungsberichte der 
archäologischen gesellschaft in Berlin, p. 75. — Miscellen: K. War- 
mann, pompejanische anmerkungen, p. 78. — ß. Bergan, die soge- 
nannte riesensäule im Odenwalde, p. 80. — E. Hübner, alterthümer 
aus der provinz Posen , p. 81. — Derselbe, römische inschrift aus 
Frankfurt am Main (s. Philol. XXXIII, 2, p. 369). 

Augsburger allgemeine zeitung 1873: Nr. 11. Ludwig Napoleon Boua- 
parte: nekrolog. — Beil. zu nr. 11 : zur frage Überbestand und berechti- 
gung unserer humanistischen schulen: knüpft an die schrift von Sürgel 
an: s. Phil. Anz. IV, nr. 12, p. 597. — Beil. zu nr. 12: physiologie des 
menschlichen denkens, anzeige des buches gleichen titeis von Jessen. 
— Beil. zu nr. 15. nr. 16: die Falk'schen gesetzentwürfe. — Beil. 
zu nr. 16, zu nr. 18. 19: zu nr. 21: Bamberger, reminiscenzen an Na- 
poleon III. I. II. III. IV. — Kurze naturwissenschaftliche bemerkun- 
gen zu hrn Hubers kritik von Strauss' neuestem buche, von K. Sem- 
per. — Die verurtheilung des Dr Sydow in Berlin. — Beil. zu nr. 17: 
das preussische Staatsgrundgesetz und die kirche. — Beil. zu nr. 19. 
20. 21. Waldemar Kuden, ein ausflug in die Abbruzzen. — Nr. 
21: Gramont, Beust und Andrassy. — Beil. zu nr. 22: zu den 
ausgrabungen Schlieinanns : s. ob. nr. 2, p. 125. 



Berichtigungen. 

In heft 2, p. 124 sind z. 24 nach »u. s. w.« die worte aus z. 27. 
28 zu setzen : » dazu excurse . . . Lehrs.« Ebendas. z. 29 ist statt 
Graecae zu schreiben: phä, Lipsiensis. 



Nr. 5. Mai 1873. 

Philologischer Anzeiger. 

Herausgegeben als ergänzung des Philologus 



von 

Ernst von Leutscli. 



126. Versuch einer erklärung der aspiraten nebst beleuch- 
tung gewisser grundsätze der neueren Sprachforschung. Von 
F. W. Culmann. 48 ss. 8. Leipzig, Fleischer. 1871. — lOngr. 

127. Versuch einer erklärung der Zahlwörter der indoger- 
manischen stamme nebst beilagen über indogermanische Wort- 
bildung. VonF. W. Culmaan. 93 ss. 8. Leipzig, Fleischer. 1872. 

128. Das geheimniss des spiritus asper. Eine mittheilung 
aus der schrift : Versuch einer erklärung der Zahlwörter. Von 
F. W. Culmann. 23 ss. 8. Leipzig, Fleischer. 1872. 

Im jähre 1790 erschien von dem Holländer Lennep ein 
buch, das sein Verfasser dazu bestimmt hatte, in das bisherige 
dunkel des etymologisierens klarheit zu bringen, die praelectio- 
nes aeademicae de analogia linguae graecae. Diese analogia, mit 
der der Verfasser die ludibria seiner Vorgänger endgültig zu 
beseitigen meinte, geht aus von der berechnung der denkbar 
einfachsten urverba, als die sich «co sco im oco va ergeben; 
daraus entstehen durch vor- oder einsetzung von consonanten 
ßdoj yda> ußu) uyoo u. s.w. Als sechsundzwanzig jähre später 
Bopp sein conjugationssystem schrieb und im anschluss daran 
sich die vergleichende Sprachwissenschaft entwickelte, warf man 
diese und ähnliche träumereien über sprachschöpfung und sprach- 
entwickelung ohne ein wort darüber zu verlieren einfach in die 
rumpelkammer der geschichte der grammatik, in die nur mitun- 
ter ein gelehrtes äuge einen wenig erquicklichen blick thut. 
Sonderbar muthete es uns daher an , als wir auf jeder seite 
der oben namhaft gemachten brochuren die geister der urverba 
des seligen Lennep in unheimlich neuer Verkörperung herum- 
spuken und auf den grabhügeln der bisherigen sprachwissen- 
Philol. Anz. V. 15 



226 126—28. Grammatik. Nr. 5. 

schaftlichen resultate einen fröhlichen todtentanz aufführen sa- 
hen. Der Zauberlehrling, der die geister gerufen, ist, irren wir 
nicht , pfarrer in Bischweiler im Elsass , dem seine seelsorge- 
rische thätigkeit noch so viel zeit übrig lässt um auf die Sprach- 
wissenschaft einen umgestaltenden einfluss auszuüben. Er hat 
die traurige entdeckung gemacht, dass das, was „unter dem na- 
men von wurzeln auf dem markte der Sprachforschung erscheint, 
nichts anderes sind als etymologische nothbehelfe, wie man de- 
ren so manche in ermangelung tieferer einsieht in das wesen 
der Wortbildung erfunden hat". Die nothwendige „tiefere ein- 
sieht" steht nun aber glücklicher weise Culmann zu geböte 
und setzt ihn in den stand ,,den meistern und jungem der in- 
dogermanischen Sprachwissenschaft" die interessante mittheilung 
zu machen, dass der ganze Wortschatz der indogermanischen 
sprachen (zu denen, wie wir beiläufig auf p. 73 der zweiten 
schrift erfahren , nicht nur das semitische , sondern auch das 
finnische, esthnische, ungarische, baskische gehören) auf ein „ur- 
oder elementarverbum" zurück geht, das, „wie die analyse je- 
des indogermanischen wortes bezeugt", kein andres als das ein- 
fache d oder aha (sk. ah got. ahan deutsch ahen gr. ativ, cf. 
Lennep) gewesen sein kann. Aha! wir können unser freudiges 
erstaunen über diese endliche lösung eines längst gesuchten pro- 
blems unmöglich besser ausdrücken als durch anwendung dieses 
indogermanischen urverbs. Nachdem wir in einer poetisch ange- 
hauchten Charakteristik dieses urverbs erfahren haben, dass sein 
„lebenathmender vocal gewissermassen den seelischen kern oder 
keim aller Wörter" bildet, werden uns weitere einblicke in die 
werkstätte indogermanischer Sprachbildung gestattet und wir sehen, 
wie aus diesem verbum ,,urverben zweiter instanz" hervorgingen 
durch Vorschlag der einfachen consonanten, vierzehn an zahl, näm- 
lich vaha baha paha daha taha saha haha jaha gaha haha laha 
maha naha raha. Durch gegenseitigen anschluss dieser vierzehn 
seeundären urverba an einander und an das eigentliche urver- 
bum , das „organisch ablautet" in aja aga aha und „redupli- 
ciert" agga anga anha sammt agha acha acha absetzt, entstanden 
sammtliche andere verben, hauptwörter, adjeetiva, pronomina, 
praepositiouen u. s.w. Auch in die bedeutung jener seeundären 
urverben verräth Culmann eine „tiefere einsieht"; vaha haha paha 
sind propulsiv lebensrege, unbestimmt voranbewegend, daha taha 



Nr. 5. 129. Lateinische grammatik. 227 

saha objectiv, gleichsam ziel- wie stossweise dahin bewegend, 
jaha und gaha impulsiv, betreibend, in gang setzend; haha at- 
tractiv , herzubewegend u. s. w. Man sieht , an mannigfacher 
nuancierung eines begriffs Hess die spräche unsrer Urväter nichts 
zu wünschen übrig. Eine menge speciellerer mittheilungen aus 
dem indogermanischen lexicon (wie sahnaivaha schneien, sahai- 
väiara Sondga , saharavaha ygacpsiv u. s. w.) müssen wir leider 
übergehen, da wir einerseits von dem werthe des papiers einen 
höheren begriff haben als Culmann , andrerseits demjenigen, 
der seinen nerven vielleicht die heilsame erschütterung eines 
aaßsazog ysXoog gönnen will, durch weiteren auszug nicht vor- 
greifen wollen. Und so scheiden wir denn von dem Verfas- 
ser mit dem wünsche, dass er recht bald müsse finden möge 
um, wie er (p. 73) versprochen , verschiedene dunkle punkte 
der indogermanischen Wortbildung in „einer ausführlicheren be~ 
leuchtung" zu zeigen. Gustav Meyer. 

129. Historische syntax der lateinischen spräche von Dr 
A. Drager. Zweiter theil. Erste hälfte. Leipzig, B. G. Teub- 
ner. 1872. p. 147—322. gr. 8. — 24 gr. 

Dem ersten bände des Dräger'schen werkes, über welchen 
in diesem Anzeiger IV, 544 — 551 berichtet worden (vgl. auch 
die anzeige IV, 321 ff.), ist überraschend schnell die erste ab- 
theilung des zweiten bandes gefolgt, welche in vier abschnitten 
A. subject und prädicat, B. ellipse des prädicates, 
C. tempora und modi und D. (unvollständig) die form 
der directen frage behandelt. Auch hier empfängt der le- 
ser den eindruck, dass ungewöhnlich viele arbeit und hinge- 
bung in dem buche verborgen ist ; aber die gestellte aufgäbe 
ist so gross, dass selbst jenes hohe mass von thätigkeit zu ih- 
rer lösung noch nicht genügt. So waren von dem ersten theile 
nicht nur gar manche Vorzüge zu rühmen, sondern auch zahlreiche 
mängel zu rügen; beides gilt auch für die bis jetzt erschienene 
Fortsetzung des buches. Allerdings stehen wir in diesem zwei- 
ten theile wirklich auf dem boden der syntax, aber das prädi- 
cat einer historischen darstellung kann man dem buche nicht 
ohne erhebliche einschränkung ertheilen. Zwar konnte der 
Weitumschriebene kreis der lectüre des vfs. , worüber in der 
vorrede zum ersten theile schlicht und wahr rechenscbaft ge- 

15* 



228 129. Lateinische grammatik. Nr. 5. 

geben ist, wenn auch nicht zu einer bis ins detail vollständi- 
gen und abschliessenden darstellung , so doch für eine die histo- 
rische entwicklung der syntaktischen erscbeinungen in ihren 
grundzügen nachweisende, bahnbrechende arbeit genügen — 
vorausgesetzt, dass der vf. gleich anfangs bei seiner lectüre den 
umfang seiner aufgäbe überblickte. Dies aber scheint mit nich- 
ten der fall zu sein; sonst wäre es kaum möglich, dass bei 
wirklich wichtigen partieen jede mittheilung über den usus ein- 
zelner, nicht unbedeutender autoren fehlt, die docb, wie andere 
capitel des buches zeigen, vom vf. für manche punkte genau 
durchgearbeitet worden sind. Zwar fehlt es auch im ersten 
theile nicht an ähulichen äusserungen wie hier z. b. p. 207: 
„ob spätere prosaiker obiges nachgeahmt haben, ist bisher nicht 
untersucht worden", oder p. 212: „indess fehlt es darüber an 
beobachtungen" — äusserungen , die um so auffallender sind, 
als man von dem herausgeber der Annalen und des Agricola 
wenigstens über den gebrauch bei Tacitus aufschlüsse erwarten 
durfte. Aber es ist uns doch aus dem ersten theile kein bei- 
spiel erinnerlich, wie es hier §. 126 „tempusfolge nach praete- 
ritis, die von praesentibus abhängen" vorkommt. Auf den elf 
Seiten dieses paragraphen sind Quintilian und Sallust einmal, 
Livius zweimal genannt (ausserdem aus dem ciceronischen 
briefwechsel Caelius zweimal, Pollio, Pompejus und Sulpicius 
je einmal) ; keine dieser erwähnuugen umfasst mehr als zwei 
bis drei zeilen. Alles andere behandelt den usus des einzigen 
Cicero, auf welchen sich auch Keusch im Elbinger Programm 
1861 beschränkt hatte. Und das nennt man ,, historische Syn- 
tax"! So etwas erklärt sich nur daraus, dass das mit kundi- 
ger band entworfene werk fertig gemacht wurde, bevor es voll- 
endet war. Denn nicht nur die ungleiche auswahl , sondern 
auch die gruppirung und fassung des Stoffes macheu eher den 
eindruck einer excerptensaramlung als den eines durchgearbei- 
teten , für sicheren und leichten gebrauch geordneten buches. 
Bald sind die autorennamen gesperrt gedruckt, was die über- 
sieht erleichtert, bald ist es nicht geschehen; wiederum wechselt 
gesperrte und cursivschrift , wodurch das gleichartige auf den 
ersten blick als verschiedenes sich darstellt. Citirt wird bald 
nach paragraphen, bald nur nach capiteln; im Nepos ist bald 
die nummer der biographie, bald der name des feldherrn an- 



Nr. 5. 129. Lateinische grammatik. 229 

gegeben. Neue abschnitte treten uns entgegen, wo wir uns 
darüber wundern , während sie anderwärts fehlen, wo man sie 
erwarten durfte; z. b. p. 207 steht Virgil in demselben abschnitt 
mit Sallust; gleich darauf beginnt für Properz ein neuer ab- 
schnitt. Doch das sind die äusserlichkeiten , die sich bei dem 
drucke der folgenden bände leicht bessern lassen; den inneren 
mangeln des buches in den noch zu erwartenden theilen abzu- 
helfen, ist schwerer, — jedoch vielleicht nicht unmöglich. Der 
vf., der ein schätzbares material sich gesammelt hat, muss auch 
die lücken desselben selbst am besten erkennen. Möge er die 
fortsetzung seines buches, das doch bestimmt ist eine wichtige 
stelle in der grammatischen litteratur einzunehmen , lieber so 
lange verzögern, bis es ihm möglich sein wird, seine Sammlun- 
gen in entsprechender weise zu ergänzen. 

Als beweis für das gesagte mögen hier noch einige bemerkun- 
gen das capitel über die tempora und modi betreffend hinzugefügt 
werden. P. 207 werden für den Wechsel des präsens mit dem per- 
fect zwei beispiele aus Sallust angeführt; aber Jug. 13, 6 schreibt 
Jordan nach guten handschriften das präsens, und Cat. 41 , 5 haben 
sich Linker und Jordan (allerdings gegen die handschriften) für das 
präsens entschieden, so dass beide stellen nicht als sichere belege ei- 
nes perfectum nach einem präsens angeführt werden durften. Aber 
für den Wechsel beider tempora in umgekehrter folge bietet Sallust 
eine auswahl von beispielen, vgl. Badstübner de Sali, dicendi genere 
comm. p. 33 sq. Doch sind unter den daselbst citirten stellen Jug. 
12, 4 und 26, 3 zu tilgen. Denselben gebrauch weist aus Justinus 
nach Fischer, de elocutione Justini p. 46. — P. 212 wird Sali. Jug. 
46, 4 als beispiel dafür angeführt, dass Sallust »gegen die logische 
anordnung der sätze« die tempora nach einem historischen präsens 
vertausche; aber Sallust hat auch umgekehrt »nach Cicero's gebrauch« 
zwischen präsens und Präteritum gewechselt, Cat. 32, 2. — P. 215 
ißt unter den für die repräsentation durch den conj. präsentis in in- 
directer rede aus Sallust aufgeführten belegen Cat. 41, 5 als bestrit- 
ten zu streichen. — P. 229 Hessen sich aus Sallust ausser der citir- 
ten stelle noch andere belege für das sogen, perfectum consuetudinis 
heranziehen: Cat. 11, 3. 51, 2. Jug. 85, 49. — P. 230 ist zu §. 128 
»über den sogenannten aoristischen infinitiv des perfect« zu verglei- 
chen Dietze, de sernwne Caloniano p. 27 sq. Wie unstatthaft übri- 
gens jene von Dräger adoptirte bezeichnung ist, da dieselbe auf einer 
unrichtigen parallele beruht, ist längst von Gr. Curtius ausgesprochen; 
8. Zeitschr. f. d. gymn.-W. I 4. heft, p. 102. — P. 235 sollte das 
als beleg für den gebrauch des plusquaniperfects statt des perfects 
angeführte dixerai Sali. Cat. 50, 4 entweder gestrichen, oder doch 



230 129. Lateinische grammatik. Nr. 5. 

als bestritten bezeichnet werden, da Roschers conjectur dixit höchst 
■wahrscheinlich das allein richtige getroffen hat. — P. 240 lassen 
die bei anführung der stelle von Nepos Milt. 5, 2 gebrauchten worte : 
» so wird man mit Nipperdey valeret schreiben « — nicht erkennen, 
dass selbst die beste handschriftliche gewähr für das auch von Halm 
aufgenommene valeret spricht. Das beispiel war also hier gar nicht an- 
zuführen, wo es sich um belege für den conj. perfecti nach einem histo- 
rischen tempus handelt. Auch sonst lässt sich bei der wähl von be- 
legen namentlich aus Nepos die nöthige vorsieht vermissen : p. 248 
wird aus Epam. 2, 2 dimiserit aufgeführt, während Nipperdey Spioi- 
leg. crit. p. 49 dimisit als das ursprüngliche erwiesen hat , wie auch 
Halm schreibt. Sonach wäre dieses beispiel gleichfalls zu beseitigen. 
Ebenso ist p. 253 aus Epam. 8, 3 fuit ohne bedenken als beleg auf- 
genommen, obschon Madvig, Fleckeisen und Halm diese lesart ver- 
worfen haben. Auch p. 273 ist das aus Epam. 4, 6 für den conj. 
imperfecti citierte beispiel zu entfernen, indem sowohl Nipperdey als 
Halm nicht possemiis, sondern nach Fleckeisen possumus lesen. — P. 
255 werden partieipia de conatu nur aus Cicero und Livius mitge- 
theüt. Vgl. auch Sali. ep. Mithr. 6 ei subvenientem Antiochum »den 
Antiochus, der jenem zu hülfe kommen wollte« (Cless). — P. 257 
liess sich für das futurum von volo im nebensatze anführen Sali, 
ep. Mithr. 3. 4. — P. 267 sagt der vf. , für den infinitiv des fut. 
II im passiv mit fore fehle es sehr an belegen. So möge aus 
Sallust hier stehen Jug. 28, 4: quae deliquisset munita fore sperabat. 
— P. 269 fehlt unter den aus Sallust zu entnehmenden beispielen 
für habere mit partic. perf. passivi die stelle Cat. 58, 1 compertum 
ego habeo. — P. 271 wird mit recht angenommen, dass das imper- 
fectum poteram bei vorschwebender hypothese nicht nur von der ge- 
genwart, sondern auch von der Vergangenheit gebraucht werde. Mad« 
vig hat die letztere beziehung nicht erwähnt; dagegen ist sie mit 
beispielen belegt bei Johansen , de usu modorum in verlis debere 
sqq. p. 47. — P. 274 konnte das aus Cic. de Div. n, 43, 91 ange- 
führte debebant präciser erklärt werden nach F. Schultz, Gr. §. 336 
anm. 1. — Der p. 279 besprochene gebrauch des conjunetivus »zur 
bezeichnung der wiederholten handlung in temporal- und bedingungs- 
sätzen« findet sich schon zweimal bei Sali. Jug. 14, 10 hostis nullus 
erat, nisi forte quem vos iussissetis ; 58, 3 sin Numidae propius adees» 
sissent, ibi vero virtutem ostendere (inf. hist.). An beiden stellen hat 
freilich Jacobs eine andere Interpretation versucht. — P. 290 — 295 
wird über die attraction der tempora und modi, wenn man von drei 
stellen aus Seneca's briefen und einer livianischen stelle absieht , mit 
ausschliesslicher beachtung des ciceronischen Sprachgebrauchs gehandelt. 
Da ist doch die frage berechtigt , ob und wie weit jener gebrauch 
auch auf andere autoren sich erstreckt? — P. 295 f. lassen sich die 
angeführten beispiele eines imperfects als potentialis der vergangen- 



Nr. 5. 130. Rhythmik und metrik. 231 

heit nach einem präsens ergänzen aus Hannwacker, zur lehre von 
den bedingungssätzen p. 23. — P. 297 ist umsonst eine erklärung 
der lesart viderem bei Cic. in Pis. 41, 99 versucht. Man lese videbo 
(oder viderof). — P. 298 wären beispiele für den in prosa seltenen 
gebrauch des imperat. präsentis im sinne eines imp. futuri erwünscht; 
vgl. Liv. YI, 12 übt videris , in/er, dissipa. — P. 299 ist es auffal- 
lend, dass für die keineswegs ungewöhnliche concessive bedeutung 
des imp. futuri lediglich auf ein wenig bekanntes schulprogramm 
verwiesen wird, während der vf. in anderen fällen den wesentlichen 
inhalt solcher Specialuntersuchungen excerpirt und in seine darstel- 
lung verarbeitet hat. Unter den beispielen für die periphrastische 
ausdrucksweise des negativen imperativs durch wo^'vermisst man sol- 
che für die auffällige, aber durchaus nicht vereinzelte Verbindung 
noli velle; vgl. Cic. p. Mur. 25, 50. p. Cael. 32, 79. Phil. VII, 8, 25. 
Die poetischen Umschreibungen des imperativ durch fuge, mitte, parce 
u. a. werden vom vf . gar nicht beachtet. — P. 304 werden belege für den 
gehäuften gebrauch historischer infinitive bei Sallust beigebracht; dass 
Sallust auch gern einzelne historische infinitive setzt, lässt sich aus der 
darstellung des vfs nicht erkennen. Eine vollständige Sammlung der 
hierher gehörigen beispiele bietet Koziol in seiner schrift über die be- 
deutung und den gebrauch des hist. infinitivs bei Sallust; aus derselben 
quelle Hess sich auch eine genauere erklärung dieser grammatischen 
eigenthümlichkeit schöpfen, als die p. 302 gegebene andeutung ist. — 
Schliesslich sei hier noch auf die befremdende thatsache hingewiesen, 
dass der vf. p. 313 f. eine reihe von beispielen für nonne aus Plautus 
und Terenz anführt , ohne der überzeugenden abhandlung von A. 
Spengel, die partikel nonne im altlateinischen — mit einem worte 
zu gedenken. Und doch musste auf das ergebniss dieser schrift, dass 
nonne sowohl dem Plautus als Terenz fremd sei , selbst dann hinge- 
deutet werden, wenn der vf. damit nicht übereinstimmen sollte. 

130. Leitfaden in der rhythmik und metrik der classischen 
sprachen für schulen. Von Dr J. H. Heinrich Schmidt. 
Leipzig, Vogel. 1869. gr. 8. XIX. 206 s. — 1 thlr. 

Der alte streit um die gleichtaktigkeit in den dichtungen 
und den sie begleitenden künsten der alten wird noch immer 
fortgeführt. Nun man erst die lehre von der ausgleichung der 
vierzeitigen mit den dreizeitigen füssen hatte — weil nämlich 
jene nach Dionys den dreizeitigen takten sehr nahe wären, 
wagte man den sprung aus dem „sehr nahe" ein „durchaus 
gleich" zu machen, — so glaubte man nicht locker lassen zu 
dürfen bis das genaueste gleichsetzen der kleinen zusammenge- 
hörigen theile fertig wäre. Waren frühere bestrebungen dieser 



232 130. Rhythmik und metrik. Nr. 5. 

art wie Apels als mit den nacbrichten der alten nicht überein- 
stimmend , alles nach eigenen und neuen grundsätzen einrich- 
tend zurückgewiesen , so setzten Rossbach und Westphal noch 
einmal an, indem sie mit hülfe des gedankens von der eu- 
rythmischen entsprechung der theile eines grösseren gan- 
zen und mit hülfe der überall her durch fleiss und auch 
durch kühnes zusammenbringen aufgesuchten reste alter leh- 
ren über taktlehre rüstig ausglichen ohne die drei - und mehr- 
zeitigen längen zu sparen , vor welchen Boeckh , er welcher 
auf diese reste zuerst hinwies, gewarnt hatte. Ihm stand, um 
von den dionysischen irrationalen füssen ausgehend die bahn 
der ausgleichung zu betreten , offenbar besonders die thatsache 
entgegen, dass die alten durch mischung des taktvollen , des 
dem takte sich fügenden mit takthärten nicht, wie unsere mu- 
sik ganz selten, fast nie, sondern unzählig oft gerade etwas 
erreichen wollten — unantastbar durch aneinanderstossen gu- 
ter takttheile in dochmien, kretikern, in den als abwechslung 
des regelmässigen ganges unzählig vorkommenden antispasten. 
Trauten nun schon viele dem mit fleiss aber oft kühn aufge- 
richteten unterbau alter Überlieferung in Rossbach und West- 
phals fast durchweg nach ausgleichung strebender lehre über die 
alten verse und Strophen nicht recht, so konnte in der that das 
ganze ausgleichungsstreben nicht leicht einen grösseren stoss er- 
halten als durch J. H. Heinrich Schmidts Compositionslehre 
u. s. w., indem er dasselbe mit vielfach richtiger ausserachtlas- 
sung der oft durch künstelei verbundenen und gemachten alten 
lehren nach eigenen meist an sich nicht unvernünftigen grund- 
sätzen auf die spitze treibt. 

Diese meine wenigen beobachtungen glaube ich besser an den 
die grundsätze des ganzen wiedergebenden leitfaden als an das 
grosse auf fleissige betrachtung der texte zum theil etwas weit 
sich verbreitende werk anzuschliessen. Ich weise weniger auf 
Unrichtigkeiten nach meiner eben ausgesprochenen anschauung 
hin als auf das, was in dem buche mit sich selbst nicht stimmt. 

Im ersten „buche" von der lautlehre wird mit recht der 
werth guter ausspräche betont. Eine eigenthümliche Vorstel- 
lung ist hier, weil unsere deutschen dichter sich nicht die mühe 
gegeben haben lang und kurz zu scheiden, vielmehr eins gele- 
gentlich für das andere setzen, unsere deutschen silben alle für 



Nr. 5, 130. Rhythmik und metrik. 233 

lang zu erklären. Alle für kurz zu erklären wäre ebenso rich- 
tig. Er hat eigentümliche belege dafür, wie dass man selbst in 
„glaube" die letzte silbe lang zu sprechen „ylaußq" geneigt sei. 
Da kann man doch nur an einen scherz, in welchem es ,,glau- 
beeV statt ,, glauben" heisst, sich erinnern. P. 5 heisst es vom 
griechischen : ,, geschärfte silben sind durchaus lang, wenn sie 
auf einen consonanten schliessen, <m'p - ysiv , aiÖQ-yr}". Nein, 
ist zu sagen, nur wenn auch die folgende silbe mit einem con- 
sonanten anfängt, wie z. b. mto-i]v zeigt. P. 8 „Man sprach 
me-ni-ri'aeide" ist eine grille, die mit dem eben erwähnten 
versehen zusammenhängt; es muss heissen me-nin- u, s. w. 
Wie der vf. ganz von den neueren takten ausgeht, ist es ihm 
zuwider, dass die alten den takt mit dem auftakte anfangen 
sollten; diesen sondert er stets vorne ganz ab, erklärt nur 
seine grosse von dem folgenden takte bedingt. Aber die fol- 
gen hiervon sind bedenklich, wie z. b. dass der iambische tri- 
meter zum Schlüsse noch eine ,, achtelpause" [\ haben muss, 
dass also hier aus achtzehn neunzehn zeiten werden. Oder 
soll ich diese ganz neue pause, nicht aber die erste silbe 
vorne zählen? An des vfs stelle hätte ich hier keine pause 
gesetzt, den takt unvollständig als durch den auftakt zu ergän- 
zen gelassen , gerade wie es in unserer notenschrift zu gesche- 
hen pflegt. Doch auf p. 32 bei gelegenheit der ioniker macht 
er es gerade so. Noch ein anderes wunderliches kommt durch 
diese abgeschnittenen auftakte heraus. P. 29 heisst es, die 
daktylen haben manchmal auftakt wie im Agamemnon szi yaQ 
u. s. w., seien aber darum keine anapaesten. Wäre es möglich, 
wenn den anapaesten ihr auftakt doch auch abgeschnitten wird? 
Doch den unterschied erfahren wir p. 30, nämlich dass solche 
daktylen nicht v v — , die auflösung der betonten länge haben 
könnten. Wir müssen uns also nun schon noch merken, dass 
Tyrtaeos, welcher diese auflösung (Tanzk. p. 107) noch nicht 
hatte, in daktylen, nicht in anapaesten seine marschlieder dich- 
tete. Doch sind es p. 40 echte anapaesten. Ueber die frage 
wegen der rhythmischen Setzung der katalexen von versen mit 
auftakten habe ich ein andermal geredet. Der vf. ist hier in 
ungleichmässigkeit. P. 30 hat er (wie ich glaube, richtig) die 
zweizeitige pause zum Schlüsse von paroemiakern, sonst aber 
(z. b. p. 40 auch paroimiaker) nach Westphal den schluss ' — ' — 



234 130. Rhythmik und metrik. Nr. 5. 

und i— — ; man vgl. besonders p. 114. 115, wo auakreooteen 
mit zwei kürzen vorne als auftakt nichts dreizeitiges vor dem 
schlösse haben, Söts fxoi Xvgtjv 'Ofxt'iQov^ — — A, wohl aber 
eben solche verse mit einsilbigem auftakte, rj yt} piiXaiva nivsi 
i — | — A u. s. w. P. 37 spricht vf. seine neigung für solche 
dehnungen aus; wir machten „gern" in dieser weise aus drei 
takten vier, „es rieselt klar und wehend" | < — > | — A. Ist es 
aber deshalb bei den alten richtig? Unentschiedenheit zeigt 
sich übrigens öfter, wie wenn es p. 33 heisst: 4, 6 iamben 
„am besten" in dichoreen zu theilen. Es versteht sich nach 
meinen einleitenden worten, dass hier jedes aneinanderstossen 
von iamben und trochaeen durch eine dreizeitigkeit an der ent- 
scheidenden stelle beseitigt wird. Auf die spitze getrieben, wie 
ich sagte, erscheint das ausgleichungsstreben , wenn nicht nur 
bei jeder gelegenheit lyrische verse mit jenen „fallenden" 
Schlüssen versehen werden, sondern auch p. 39 der hinkende 
trimeter gegen seinen namen um eine silbe zu lang wird v \ — v | — 
v\ — v | — v 1 1 — , | — d; damit man es glaube ist das schema gleich 
doppelt gesetzt. So wird auf der folgenden seite durch denselben 
kunstgriff der hinkende trochäische tetrameter aus einem kata- 
lektischen zu einem akatalektischen. Ueber die sog. dorischen epi- 
triten, sowie über des vfs responsion und responsion der pausen 
und über vollständiges gleichsetzen kyklischer und dreizeitiger 
füsse hat Brambach vortrefflich in den rhythmischen Untersuchun- 
gen (8. Heidelb. Jahrb. 1872 n. 52. 53) gesprochen. Das kühnste 
stück von ausgleichungslehre scheint mir auf p. 44 zu sein, 
dass der einem daktylos gelegentlich antistrophisch entsprechende 
tribrachys (vgl. m. de dactyl. Eur. versibus) der daktylos mit auf- 
gelöster länge und zusammengezogenen kürzen sei; damit dies 
bequemer auszusprechen sei, nicht als ein anapaest herauskomme, 
sei die letzte der drei silben statt lang kurz, aber nur metrisch, 
rhythmisch sei sie doch lang. Was uns kein Dionysios hat er- 
halten wollen, das lernen wir also nun durch Schmidt; jener sagt: 
die länge ist manchmal um ein unberechenbares kürzer als zwei 
Zeiten (muss heissen, sagen Schmidt p. 47 u. a. , ganz gleich 
einer kürze) ; dieser setzt hinzu : und die kürze manchmal gleich 
einer länge. Denn ebenso setzt er auch — i>, den trochaeus, 

gleich zwei vierteln. P. 45. 46 v v v = v v v (so erklärt vf. 



Nr. 5. 130. Rhythmik und metrik. 235 

logaoeden) ist wohl ein druckfehler statt = v v v. Starker 
glaube gehört wie schon zur gleichsetzung der trochaeischen di- 
podien und kretiker, so zur annähme solcher ioniker, — v — vv 
= — — v v. Jener annähme kurzer längen verwandt ist 
die annähme p. 50 von daktylen (Agam.) als trochaeen mit 
halbirten kürzen (zwei sechzehnteln). Ein wortstreit, bei dem 
der vf. noch dazu im unrecht, ist es, wenn p. 51 steht „ganz 
verkehrt ist es an kyklische proceleusmatici zu denken und 
ein trimeter wie v — v — vvvvv — v — v — [des komikers 
Piaton ovzog xz/.] wäre nicht zu theilen : v ■ — v\ — v | vvv v\ 
—— v I — v — , sondern v • — v\ — w J w v | — v\ — v — ". Denn 
vvvv wird doch in dem letzten richtigen betont und das nennt 
man ja gerade einen prokeleusmatiker , nicht aber vv vv. Bei 
der allgemeinen ausgleichung wundern wir uns nicht hier auch 
p. 54 v. — zu finden, wo i — nicht zu der übrigen messung 
passt. Dass der vf. mit den auftakten es sich so leicht macht, 
rächt sich noch durch eine Oberflächlichkeit p. 62 ff. Das theilen 
der dipodien tripodien u. s. w. der alten , ganz ähnlich wie bei 
den zeiten der kleinen versfüsse, nach mehr oder weniger schwer 
betonten abschnitten ist ihm etwas spitzfindiges und werthloses, 
da gewiss jeder nach seinem eigenen gefühl sich seinen ictus 
gesetzt habe, unbekümmert um solche regeln (auch hier die so 
üblen folgen der Vermischung von wirklichem takt und dekla- 
mationskünsten). So kann es ihm denn das gewissen nicht be- 
unruhigen zu sehen, wie hier im grossen es auch leichter betonte 
stücke vor den schwerbetonten , also nachbilder jener kleinen 
auftakte giebt : werden die auch abgesondert, nicht mitgerechnet? 
Ich glaube die richtung und das wesentlich neue dieser 
rhythmik gegeben zu haben und übergehe der kürze halber 
die anwendungen, wie besonders in dem Schlussabschnitte, wel- 
cher die lyrischen „partien" des Aias und der Antigone behan- 
delt, so wie schon anderweitig besprochenes. So viel, denke 
ich, wird klar: wenn man so Ordnung schafft, entsteht nicht, 
wie der vf. öfters verheisst, regel und Sicherheit, sondern Will- 
kür und schrankenlosigkeit. Bei dieser dehnbarkeit der wer- 
the müsste es noch vieles geben , was eben so berechtigt 
wie dieses hier wäre. Dass dieses buch also nicht, wie es 
auf dem titel heisst, für schulen ist, brauche ich nicht erst zu 
sagen. Dass ich die Vorzüge, wie hindrängen auf ganze Zeilen, 



236 131. Metrik. Nr. 5. 

keine bruchstücke, übersähe, wird nach dem gesagten keiner 
behaupten. Noch will ich zwei Zurechtweisungen des Horaz 
hervorheben. In seiner bekannten sapphischen strophe soll 
die dreimal wiederholte elfsilbige zeile zwei fehler haben; er- 
stens die stehende irrationale länge im ersten doppeltrochaeen, 
zweitens den (fast) stehenden einschnitt hinter der länge des ky- 
klischen daktylen, indem derselbe zerrissen werde. So scheint 
der vf. die herrliche wunderkraft des einschnittes (caesur) ge- 
rade durch schneiden zu verbinden nicht zu kennen. Oder 
meint er nur, ein „kyklischer" fuss gerade sollte nicht durch 
caesur getheilt und also in der zeit verlängert werden? Da 
würden sich doch bespiele dagegen finden. Wenn aber Horaz 
durch die länge die erste trochäische dipodie von der folgenden lo- 
gaödischen tripodie ein für allemal sonderte, so weiss ich keinen 
grund des tadeis: dipodie und tripodie passen ja zusammen. Eben 
so spricht sich der vf. über die irr. länge in der ersten alcaei- 
sehen zeile etwa in der mitte und über das stehende wortende 
an dieser stelle aus. Er nennt es nach der gewöhnlichen art 
eine theilung oder diaeresis. Die terminologie : dipodia trochaica 
gravis praemissa anacrusi und ordo logaoedicus daetylicus simplex du- 
pliciter trochaicus catalecticus rührt von Boeckh her-, es war aber 
namentlich zu anfang ein mehr bequemer als die sache erschö- 
pfender ausdruck, wie Boeckh selbst zugab. Ich empfehle zur 
Überlegung , ob wir hier nicht ebenfalls eine caesur haben , also 
eine iambische dipodie und eine logaödische reihe — — v — | 
— || — vv — v — . H. Buchholts, 

131. Griechische metrik. Von Dr J.H. Heinrich Schmidt. 
8. Leipzig. 1872. 680 ss. — 4 thlr. 10 gr. 

Vorstehendes buch bildet den vierten band des grossen 
vierbändigen werkes, die kunstformen der griechischen poesie, 
und hängt im inhalt eng mit dem vor einigen jähren erschie- 
nenen „Leitfaden in der rhythmik und metrik" zusammen. Es 
ist nicht das erste mal, dass ich mich mit diesen arbeiten 
Schmidts beschäftige; ich habe dieselben nicht blos gelegentlich 
berührt, sondern ihnen auch bereits zwei mal in den blättern 
für das bayerische gymnasialschulwesen, bd. VI, p. 36 — 42 und 
bd. VIII, p. 116 — 124, eingehende recensionen gewidmet. Den 
beifall Schmidts habe ich mir dadurch nicht erworben, was ich 



Nr. 5. 131. Metrik. 237 

begreiflich finde bei einem manne , der allein in dem gebiete 
der rhytbmik und metrik das scepter zu schwingen beansprucht 
und daher ungern den nachweis liest, dass er in den Ecclesia- 
zusen des Aristophanes v. 890—2 (s. bd. II, p. CCCLXVIII) 
die gewöhnlichsten jambischen trimeter nicht erkannt hat. Er 
bezeichnet mich desshalb in dem neuesten bände als einen re- 
censenten ohne inneren beruf und drückt seine Verwunderung 
aus, wie leute von meinem schlag noch über metrik zu schreiben 
wagen. Ich bin nun keineswegs gewillt mich dem machtgebot 
von Husum zu fügen, habe aber doch anfangs trotz der freund- 
lichen einladung der redaction der bayerischen gymnasialblätter 
die besprechung des vorliegenden bandes abgelehnt. Denn mir 
ist es bei recensionen zunächst darum zu thun, beitrage zur 
besprochenen disciplin zu liefern und somit dem Verfasser des 
recensirten buches selbst einen dienst zu leisten, bei Schmidt 
habe ich jede hoffnung aufgegeben, ihn durch meine darle- 
gungen zu überzeugen , und wenn ich daher einer erneuerten 
einladung hiemit nachkomme, so thue ich es nur, um meine 
Stellung zu dem buche zu begründen und die geneigten leser 
über die methode des Verfassers aufzuklären. 

Aus einzelnen fehlem und Schnitzern lässt sich noch kein 
unbedingtes urtheil über die bedeutung eines werkes ableiten. Aber 
bei einem buche, das so viele bestrittene grundsätze aufstellt und 
nur obenhin begründet, wird der recensent nicht den Vorwurf 
kleinlicher nörgelei verdienen, wenn er zunächst an einzelnen 
fällen die genauigkeit und wissenschaftliche umsieht des Ver- 
fassers prüft. Sehen wir uns nun die parodie des Agathon in 
den Thesmophoriazusen v. 101 — 129 an, der Schmidt einen 
eigenen abschnitt unter dem titel „verfall der classischen 
kunst" widmet und prüfen die sonderung der verse des chors : 

tnofiai x).r,£ov6ct ctuvt)v 

yövov 6\fii£ovaa Aatovg, 

ceßofiat ylaiä t" 1 uvaaGav 
ttl&agiv ts fiaiio' vpimv 

UQtJSIl ßoÜ ÖOXtfACp. 

Es gehört wahrlich nicht viel Scharfsinn dazu, um auf den er- 
sten blick zu erkennen, dass wir es hier mit respondirenden perio- 
denzu thun haben; schon der gleichklingende eingaDg macht den 



238 131. Metrik. Nr. 5. 

verständigen leser darauf aufmerksam. Haben wir es aber hier 
mit Strophe und antistrophe zu thun , so entsprechen sich an 
zweiter stelle die versformen 

vv — — — v — — und vv — v — v — — 
Dadurch wird der kenner noch mehr in der sich ohnehin auf- 
dringenden vermuthung bestärkt, dass die beiden ersten verse 
in strophe und antistrophe gebrochene ionische dimeter vv — 

v — v — — sind, die vortrefflich zum charakter des süss- 

lichen Agathon und des göttlichen preisgesangs passen. Was 
thut aber Schmidt? er erkennt nicht die responsion, er erkennt 
nicht den ionischen rhythmus; er hilft sich mit wiederholter 
dreizeitiger messung. Ich selbst aber habe nicht zuerst das 
wahre sachverhältniss aufgedeckt; Schmidt hätte nur nicht so 
vornehm die leistungen anderer ignoriren, sondern die ausga- 
ben von Fritzsche und Enger aufschlagen sollen und er hätte 
sich vor so schmählichen irrthümern bewahrt. 

Mehrmals, p. 124 und 474, kommt Schmidt auf die verse 
der Alcestis 989 = 1000: 

neu &eö)v oxouoi y&ivovtii nctidsg iv &avd.zqp. 
xai tig doxfiiav xilev&ov ifißctiftav toS 1 igst. 
zu sprechen, indem er für dieselben geradeso, wie in band III, 
p. XXII, das Schema: 

V | V | V | V, || V | — vv A ^ 

aufstellt, und demnach in dem ersten fuss einer trochäischen 
tetrapodie einen spondeus einem reinen trochäus entsprechen 
lässt und anotioi zweisilbig zu lesen befiehlt. Dass einer ein 
mal aus versehen zu solch ungeheuerlichen annahmen seine Zu- 
flucht nimmt, ist noch verzeihlich; aber rein unbegreiflich ist 
es, wie ein metriker bei dreimaliger behandlung derselben stelle 
nicht merkt, dass allen Schwierigkeiten durch die messung: 

v — vv — v — v| — v — vv — 
einfach aus dem wege gegangen werden kann. Aber die eu- 
rhythmie, höre ich Schmidt rufen ; nun , darauf erwiedere ich 
einfach mit einem elementarsatz der logik, dass eine hypothese 
erst aus sicheren thatsachen erwiesen werden muss und nicht 
zur grundlage eines beweises dienen darf. Ich selbst habe in 
meinen Prolegomena zur Anthologia graeca carminum byzantino- 
rum p. civ sq. gezeigt, dass ich mich der annähme eines sym- 
metrischen baues der Strophen durchaus nicht verschliesse, 



Nr. 5. 131. Metrik. 239 

wenn sich derselbe einfach und ungezwungen gibt; aber gewalt- 
same abweichungen von der regelrechten prosodie können durch 
die hypothese der eurythmie mit nichten begründet oder nur 
entschuldigt werden. Mich wenigstens , und ich bin der Zu- 
stimmung der meisten , wenn nicht aller meiner leser sicher, 
kann die eurythmie nicht einmal dazu bestimmen , den vers in 
den Troad. 1303: 

üofufis UgtaftS) av pav 6).6nevo? uraqsng a(pt\.og 
mit Schmidt bd. III, p. cdxc und bd. IV, p. 225 im durch- 
gängigen Widerspruch mit den accenten iambisch statt tro- 
chäisch zu messen. Aber mit der prosodie nimmt es Schmidt 
ohnehin nicht so genau , wenn nur seine neuen grundsätze zu 
rechte kommen. So lässt er p. 361 es auf sich beruhen, wenn 
M. Wilms, de personarum mutatione p. 19, den vers des Ari- 
stophanes Ach. 1023: 

AI. nödtv ; rE. ol7jo 0v).?ig ilaßov oi Boicötioi, 
um die zerschneidung der beiden kürzen der aufgelösten länge 
zu vermeiden, folgeudermassen umstellt: 

dJ. nödiv; rE. 4)v\qg an" 1 ekaßov oi BoitOTtot, 
dass im trimeter an zweiter stelle auch bei den komikern kein 
spondeus stehen kann, ficht ihn so wenig an, wie es Wilms 
angefochten zu haben scheint, dessen schrift ich leider nicht 
einsehen konnte. 

In der weise mache ich mich anheischig in jedem Paragra- 
phen des buches dutzende von fehlem gegen die prosodie, 
grammatik, texteskritik nachzuweisen ; hier ist natürlich zu ei- 
ner solchen ausführlichkeit nicht der ort, ich begnüge mich 
daher damit, noch einige allgemeine gesichtspunkte zu be- 
rühren. 

Schmidt ist ein mann von vielen ideen , selbständigem ur- 
theil und ausgedehntem wissen; seine spräche hat nichts von 
der langweile trockner gelehrsamkeit und besticht durch fri- 
sche, geistreiche darstellung. Von diesen Vorzügen hat er auch 
in dem vorliegenden bände wieder schöne beweise geliefert. 
Seine Unterscheidung des dentalen und gutturalen q verdient 
alle beachtung, seine einwendungen gegen Westphals terpandri- 
sche composition sind auch mir ganz aus der seele gesprochen, 
seine vergleichung der griechischen harmonien mit irländischen, 
polnischen, amerikanischen singweisen ist überaus belehrend, 



240 131. Metrik. Nr. 5. 

über den grund der unterschiedenen betonung von no8i und 
jiödu, von Xdftßavs und laße erinnere ich mich nicht etwas zu- 
treffenderes gelesen zu haben; kurzweg auch in dem letzten 
bände seines Werkes bringt der verf. so vortreffliche gedanken 
vor, dass man sich nur ungern in Opposition zu ihm setzt. 
Wenn aber trotzdem die fachgenossen zum grossen theil in 
ßcharfablehnender haltung verbleiben, so hat dieses wesentlich 
darin seinen grund, dass Sehmidt weder an sich eine strenge 
Selbstkritik übt noch auf die einwürfe seiner gegner eingeht. 
Ich will dabei weniger betonen, dass die redselige, fast ge- 
schwätzige breite, die Unbestimmtheit im citiren, die Vernachläs- 
sigung der handschriftlichen Überlieferung, die alles überhu- 
delnde eilfertigkeit im vierten bände dieselbe, wie in den vor- 
hergehenden geblieben ist; denn diese eigenschaften scheinen 
eben Schmidt bereits zur zweiten natur geworden zu sein. 
Aber das hätte man doch erwarten sollen, dass er die ein- 
würfe, welche Brambach in seinen Metrischen Studien zu So- 
phokles gegen den grundpfeiler seiner lehre, gegen die euryth- 
mie, erhoben hatte, ernstlich zu widerlegen suchen würde. 
Brambach hat nämlich besonders darauf hingewiesen, dass verse, 
die nur in der anzahl der tacte gleich sind , im übrigen aber 
durch die form der einzelnen füsse, sowie durch den bald feh- 
lenden, bald vorausgeschickten auftact sich wesentlich von ein- 
ander unterscheiden, auch durch die responsionsbogen noch 
keine eurythmie zu schaffen geeignet sind. Statt nun auf 
diesen einwand einzugehen, ergiesst sich Schmidt in masslo- 
sen Schmähungen gegen einen mann, der ihm in der ruhigsten 
weise entgegen getreten war. Um ferner mir ja nicht zugeben 
zu müssen, dass ich mit recht die unbestimmte fassung seiner 
regeln getadelt habe, lässt er avtch im vierten bände p. 127 
bei der regel vocalis ante vocalem corripitur die Sonderstellung 
des daktylischen rhythmus und der tactsenkung bei Seite und 
gibt der regel eine möglichst unbestimmte und sachwidrige fas- 
sung. Dafür erhalten wir alle paar Seiten ausfälle des Unwil- 
lens über die plackereien gelehrter mittelmässigkeit und aus- 
rufe selbstgefälliger Zufriedenheit über das gelingen des eige- 
nen werkes. Schmidt gönne ich gern jenes hochgefühl, aber 
peinlich berührt mich in der ganzen sache die Stellung des re- 
censenten des Leipziger Centralblattes. Gerade einem manne 



Nr. 5. 132. Metrik. 241 

wie Schmidt, gegenüber, der die in unfruchtbare gelehrsamkeit 
und pedantische kleinmeisterei sich verwirrende philologie re- 
formiren will, hatte die kritik die aufgäbe auf die nothwendig- 
keit wissenschaftlicher genauigkeit und sorgfältiger detailfor- 
schung zu dringen. Statt dessen hat ein mann von der bedeu- 
tung von Lehrs es für gut befunden nur die lichtseiten des Werkes 
hervorzukehren, und so wesentlich dazu beigetragen, dass sich 
Schmidt in seine fehler capricirte und so immer mehr die män- 
gel seiner methode hervortreten Hess. 

W. Christ. 

132. Ueber metrische und rhythmische Schlüsse. Von Dr 
A. Vogel mann. 8. Programm des gymnasiums in Ellwangen 
1872. 

Ausgehend von der modernen musik , in der zwar nicht 
immer, aber doch in der regel die schlussnote auf das gute 
takttheil fällt, betrachtet der Verfasser die Schlüsse der antiken 
compositionen nach eben diesem gesichtspunkt. Das resultat 
der betrachtung ist, dass auch im alterthum in der überwiegen- 
den mehrzahl von fällen der schluss auf einer ictussilbe [&egiq) 
erfolgte. Wo dasselbe nicht auf den ersten blick der fall zu 
sein scheint, lässt sich doch meist ein umstand geltend machen, 
der zu gunsten jener behauptung entscheidet. Dahin gehört 
vor allem die dehnuug der vorletzten silbe, jenes einfache mit- 
tel, das auch bei unsern Chorälen so oft angewandt erscheint. 
Es wird für die alcäische Strophe in anspruch genommen, so 
wie für alle horazischen Strophen, die nicht von selbst auf eine 
ictusform schliessen. Im ionicus a minori, z. b. Soph. El. 824, 
lässt der verf. mit Gottfr. Hermann die beiden längen als &e- 
cig - silben betrachten. Für eine anzahl von metren , wie na- 
mentlich für den heroischen hexameter , in denen keines der 
vorgenannten mittel statt haben kann, macht dagegen Vogel- 
mann auf den nebenton aufmerksam, der allerdings der dritten 
more des daktylus im gegensatz zur vierten ohne zweifei zu 
vindiciren ist. Die zahl der dann noch übrig bleibenden ans- 
nahmen ist verschwindend gering. Das musikstück §. 100 des 
Anonymus braucht gar nicht in betracht zu kommen ; denn es 
hat musikalisch betrachtet gar keinen schluss ? es enthält nur 
combinationen, die unter den vier tönen eines tetrachords mög 
Philol. Anz. V. 16 



242 132. Metrik. Nr. 5. 

lieh sind, wenn man stets mit dem grundton beginnt. Der 
lateinische trochäische octonarius bildet allerdings eine aus- 
nähme; aber mit recht weist der verf. darauf hin, dass dieses 
metrum lediglich zur declamation , nie zum gesang bestimmt 
war. Eine auffällige ausnähme bleiben die reinen daetylen Alc- 
man's (fr. 45), für die Vogelmann kyklische messueg in West- 
phal'scher weise geltend machen möchte, so dass der vierten 
more doch einiges gewicht zufiele. Die sache ist freilich nicht 
ohne bedenken. 

An der hand Brambach's betrachtet endlich der verf. die 
Schlüsse sämmtlicher sophokleischer Strophen. Da 23 von selbst 
auf der tonsilbe schliessen, für 67 andere von Brambach deh- 
nung der paenultima angenommen ist, bleiben nur etwa 15 
fälle übrig, die alle einzeln besprochen werden. Für viele von 
diesen stellen hat Brambach nun nicht in seinen „Metrischen 
Studien" dehnung statuirt , thut es aber in den „ Sophoklei- 
schen Gesängen" und ein blick auf die eurythmische com- 
position der Strophen bestätigt dann meist die letztere auffas- 
sung. Es kann also für die altgriechischen so gut wie 
für die modernen compositionen als regel angenommen wer- 
den , dass jede strophe auf einem gut betonten takttheil 
schliessen soll. Von Strophen , an denen die eurythmie jenen 
ausweg mit dehnung der vorletzten silbe einzuschlagen verbietet, 
bleiben nur übrig: Antigone 363. Philoktet. 863 und vielleicht 
Aias 914. Dagegen schliesst Antigone 818 nach Schmidt's auf- 
fassung auf eine &E<stg. Nicht ganz sicher ist Vogelmann , ob 
er hier dem adonius eine dehnung der paenultima vindiciren solle. 
Dieser vers mit seinen scheinbar zwei takten durchbricht manch- 
mal die Symmetrie in höchst auffälliger weise, z. b. Aias 1204, 
Antigone 811. Wir möchten glauben, dass er in all seinen Sil- 
ben gedehnt wurde. Wie Händel in vielen chören die Schlusstakte 
adagio nimmt , wie Graun am Schlüsse seines chores „Freuet 
euch alle, ihr frommen" s /2 misst statt 3 /4, so wird der versus 
Adonius an den angeführten stellen so wie Antigone 140 vier 
takte statt zwei beansprucht haben. Wenn er, wie im könig 
Oedipus 896, einen anftakt hat, so ändert das natürlich gar 
nichts , und die Worte dvgcorvfiog A'i'ag in der gleichnamigen 
tragödie 914 können durch solche dehnung nur gewinnen. In 
der sapphischen strophe bilden fünf takte einen vers ; da wird 



Nr. 5. 133. Homeros. 243 

auch der adonius so viel betragen müssen; die vorletzte silbe 
dauert zwei takte. 

J. 

133. Das fünfte lied vom zorne des Achilleus, nach Karl 
Lachmann und Moriz Haupt aus A und E der Ilias 
herausgegeben von H. K. B enicken. 8. Halle. 1873. (X, 
104). — 15 ngr. 

Kaum wird der protestantenverein von dem heftigen angriff 
kenntniss erhalten, den die vorrede gegen ihn richtet. Die 
schrift *) selbst steht durchaus auf dem bekannten standpunct 
Lachmann's und Haupt's. Die ausführungen die sich auf die 
spräche beziehen beurtheile ich ähnlich, wie einst Hoffmann 
(Piniol. 3, 210) Geist's hieher gehörigen nachweisungen , dass 
nemlich eine eigenthümlichkeit in bezug auf Sprachgebrauch 
anzuerkennen ist, aber dass sie nicht nothwendig auf späte ent- 
stehungszeit, wie sie (p. 6) der vf. annimmt, führe. Einiges ist 
kaum so auffallend, wie vf. es aufstellt, so rijXvyhco im dual neben 
dem sonst vorkommenden singular (p. 13), die form visig als vocativ 
(p. 14), die von imxai als plural (p. 10) ; äXXoriQoaaXXog ist ein 
glücklich gebildetes wort für einen seltenen begriff (p. 11), ähnlich 
nannaQw (p. 9), 1%c6q götterblut ist, wenn gleich auch von 
Duentzer (ges. Abb. 256) beanstandet, ein singuläres wort das 
keinen masstab abgeben kann für das alter des dichters, der 
in die läge kam es zu gebrauchen. Zu yortjsig vergleicht vf. 
nicht, wie G-oebel (Adi. auf ug p. 5) es thut, avnaQiaa^sig und Sev- 
ÖQrjeK;; bei dem dual ptc. aXovre, der E 487 (nicht 481) zum 
plural gesetzt ist, nicht die ähnlichen stellen J407. 7/371. W 
413 und, wenigstens nach Zenodot's erkläruug, A 567 (s. 
Lehrs inZeitschr. f. A.W. 1834, p. 144. Geist ib. 1837, p. 1254), 
sondern betrachtet die sache einfach als eigenthümlichkeit des 
fünften liedes. In der hauptsache wiederholt der vf. die gründe 
von Lachmann und Haupt, sogar bis auf Haupt's scherze vom 
stehlen des götterwagens (p. 27), den er mehr behaglich als 
geschmackvoll weiter ausführt. In der Pylaemenes -frage steht 
ref. zu seiner freude auf der seite derjenigen, welche vf. (p. 
24) als die einsichtigen bezeichnet, hält aber den gegensatz 

1) Vrgl. ob. nr. 1, p. 14 flg. — E. v. L. 

16* 



244 134. Homeros. Nr. 5. 

„übelwollende" für einen logischen fehler. Der ausdruck die 
„denen sonst alles eins ist" stammt von Haupt (Zus. 100), nicht 
von Lachmann, wie vf. (p. 26) annimmt. Dagegen hat zwar 
Lachmann (Betr. p. 20) E 206 — 8 als bedenklich bezeichnet, 
Haupt hat sie aber wenigstens Zus. p. 109 noch beibehalten. 
Hat er sie, wie vf. angiebt, verworfen, so ist das an einer an- 
dern stelle geschehn und dem ref. unbekannt geblieben. Die 
gründe Lachmann's und Haupt's werden weiter ausgeführt, doch 
eigentlich nur wo es polemik gegen Köchly oder Düntzer gilt. 
Des ersteren abhandlung erscheint dem vf. (p. 39) als eine an- 
regende und fördernde, ihm selbst macht er aber (p. 31. 4) 
den Vorwurf der unkritik und unwissenschaftlichen arbeit. Auch 
von Düntzer, von dem er p. 51 mit lob und anerkennung spricht, 
bezweifelt er p. 67 (vgl. p. 75), ob man überhaupt bei ihm von 
gründen reden dürfe. Im ganzen geht vf. mit Haupt darauf 
aus zu beweisen, dass sein fünftes lied eine fortsetzung von B 
sei, unabhängig von JT und A ; er entfernt also die beziehun- 
gen auf diese Zwischenstücke. Köchly stellt einzelne lieder 
her, deren stücke aus ihrem zusammenhange gerissen und hie 
und da verstreut sein. Düntzer will nachweisen, dass ein ein- 
ziges gedieht von T bis H sich erstrecke. Es kommt vor, dass 
die eine partei eine lücke im Homer annimmt, in welcher das 
erforderliche gestanden habe und eine stelle athetirt, in welcher 
etwas anderes steht, und dass die gegenpartei diese annahmen 
nicht anerkennt, für sich aber ähnliches in anspruch nimmt. 
Noch eine möglichkeit ist vorhanden, von Grenz im Sorauer 
programm 1870 angedeutet, aber noch nicht ausgeführt, dass 
Haupts ansprechendes fünftes lied zwar im anschluss an B, aber 
auch mit kenntniss von T und A gedichtet sei, dass somit die 
beziehungen auf r und A nicht nothwendig aus E zu entfernen 
seien und doch E eine gewisse Selbständigkeit behauptet. 

Giseke. 

134. Gutsche, W. 0., quaestiones de homerico hymno 
in Cererem. 8. Halle. 1872 (41 s.). 

Vf. nimmt stillschweigend an, dass die Orphiker den Bak- 
chos zu den eleusinischen weihen zugesetzt hätten, und glaubt 
dass das gedieht, weil es den Bakchos noch nicht kenne, vor 
dieser erweiterung abgefasst sei: eine argumentativ a eilentio, 



Nr. 5. 134. Homeros. 245 

welche im Widerspruche steht mit der weitern, wahrscheinliche- 
ren annähme, dass der hymnus im interesse der Keleiden ge- 
dichtet sei. Wenn die Keleiden mit der bakchischen seite nichts 
zu thun gehabt haben, würde der dichter dieselbe also aus die- 
sem gründe nicht berührt haben. Ueberhaupt aber ist kein 
dichter verpflichtet mit der erschöpfenden Vollständigkeit eines 
gelehrten einen stoff in seiner gesammtheit darzustellen, viel- 
mehr erwählt er sich mit künstlerischer freiheit einen ihm be- 
liebenden theil und lässt bei seite was ihm nicht passt: dieser 
dichter hatte den raub der Köre mit seinen folgen darzustel- 
len, nicht den Bakchos. Im irrthum ist der vf., wenn er p.12 
ohne weiteres annimmt, der raub sei auf Kreta geschehen. 
Allerdings erzählt die noch unbekannte göttin sie komme aus 
Kreta, aber das ist homerische weise, dass wer seine abstam- 
mung verheimlicht, sich einen Kretenser nennt. Vielleicht hat 
es schon in alter zeit eine anschauung gegeben , welche sich 
später in den lügen der Kretenser zuspitzte. Der hymnus er- 
wähnt zwei localitäten, das nysische feld (v. 17) und die hohle 
der Hekate (v. 25). Letztere lag in Samothrake und so wird 
dieses Nysa, so gut wie Z, 133, in Thrakien am Pangaion lie- 
gen. Eben dahin weist die Eumolpossage. Dort bewahrte der 
fluss Zygaktes (Appian. b. c. 4, 105) das andenken an den raub. 
Von dort ist Demeter nach Attika gekommen und also höchst 
wahrscheinlich schon in Verbindung mit dem Bakchosdienst, der 
von eben daher kommend, in Mittel -Griechenland auf heftigen 
widerstand stiess, ganz wie der Demeterdienst von Eleusis 
sich erst durch den krieg mit Athen festsetzte. In der er- 
wähnung von Nysa liegt eine erwähnung des Dionysos, über 
welche vf. nicht so stillschweigend hätte weggehen dürfen. — Bei 
den stellen, in denen die alten kenntniss der hymnen zeigen 
(p. 28), vermisst man Aristoph. Eq. 1016 wo Kleons orakel: 
Ta%Ev i% ädvroio diu zginödcov eqitCucop, eine deutliche anspielung 
auf Hom. hymn. Ap. 443 ig ö' udvzov xazedvas 8iä tginöScov 
$Qizi'[icov enthält, was neben Thukydides ein fernerer beweis dafür 
ist, dass die Attiker wenigstens den Apollohymnus benutzten. Dass 
auch der Demeterhymnus etwas attisches an sich trägt und von einem 
Attiker gedichtet worden, ist wahrscheinlich ; weiter können wir 
aber nicht gehen. Was zur charakterisirung von versbau und 
spräche beigebracht wird ist wenig und bekanntes. Die verdopp - 



246 135. Aeschylos. Nr. 5. 

lung in äyciogoov (p. 16) erklärt sich aus (a)ot'a). Vf. sagt causa 
non in aperto est. äla> hat nicht nur Cp 388 (p. 17), sondern 
noch O 252. K 532 langes «. In dem kritischen anhang zieht vf. 
die dativform uficpoiv der überlieferten äfiqsco (v. 15, cf. v. 1. 
<P 162) vor. Will er gegen die handschrift ändern? Vs. 64 
billigt er Peerlkamps &sdv &eog. 

Giseke. 

135. Otto Hense, kritische blätter. Erstes heft. Ae- 
schylus Choephoren. Miscellen. 8. Halle 1872. 86 s. — 10 gr. 

In dem zweiten theile der abhandlung bietet der Verfasser 
einige sehr beachtenswerthe emendationen zu griechischen und 
lateinischen Schriftstellern. So wird der schluss von Corn. Nep. 
Chabr. I in folgender weise verbessert : ex quo factum est, ut 
postea iis statibus in statuis ponendis uterentur (quibus) athletae 
ceterique artifices, cum victoriam essent adepti. In Marius Victori- 
nus p. 1 1 1 K. : hoc quoque cognatum aeolico generi metrum esse in 
dubium non venu, quod primo spondeo et dactylis quattuor subsistit, 
nisi quod huic interdum ultimus creticus est, ut 

ad plenius venit Alpibus aeria nive 
cui ad implendum hexametrum spondeus deest — wird ad plenius in 
at Pleias emendiert. Richtig ist gewiss auch die herstellung 
von Eur. fr. 363 N. (Stob. Flor. 121, 15), 
sya de lovg xuXwg ie&t'i]x6iag 
£ijv qp«7fu fiäXXov iov ßXsnovtog ov (für ßXinsiv lovg /itj) xuX<äg, 
sehr beachtenswerth der Vorschlag in Eur. fr. 793 (Stob. Ecl. 

n, i, 2) 

oang yccQ av%u &£<ap inlaraa&ai ks'qi, 

ovdev ii [idXXov oidev ?] ttbi&si Xsycov, 
zu lesen «; neC&siv Xecov. Eine kritische schrift muss man nach 
dem beurtheilen , was darin gutes geleistet ist , und wo so 
treffliche emendationen vorliegen, muss man die arbeit schätzen 
und anerkennen, wenn man auch mit anderen und zahlreichen 
emendationsversuchen nicht einverstanden sein kann. Als eine 
sichere emendation kann man kaum eine einzige von den ver- 
muthungen, welche zu den Choephoren vorgebracht werden, be- 
zeichnen. Wenn es z. b. p. 37 zu v. 131 heisst: „der kun- 
dige bedarf jetzt nur der erinnerung, dass der dichter schrieb: 
ndieo, inoixieiQov r 1 eps 



Nr. 5. 135. Aeschyloa. 247 

cpTjvov (für qiilov) z" 1 ' ÖQtazrjv nag drä^ofisv 86fioig u , 
so hat zwar auch Hermann apd^oftev dopotg für richtig gehalten; 
aher weder ist der dativ döpotg am platze noch passt dvct^o- 
fisv: die rückführung kann Elektra vom vater erflehen [äval-ov 
ig 86(xovg), nicht aber in irgend einer weise von sich erwarten. 
Ebenso entschieden wird p. 12 eine conjectur zu v. 42 vorge- 
tragen: „man hat mit Sicherheit herzustellen ^oölv 8 s %Üqiv 
a%uQi7ov xtL", und diese herstellung wird als bestatigung für 
die änderung von Casaubonus in v. 23 %oäv (für %oäg) ttqo- 
nofATzög betrachtet. Wir können die änderung von zoiävSs in 
%oüv 8s nur für eine höchst unnütze und unglückliche conjektur 
halten. Unglücklich ist auch die änderung von oiyorzt v. 71 
in vooovvti. Die ganze behandlung der parodos erregt man- 
cherlei bedenken. V. 35 soll negl cpoßcp glossem sein: dieser 
acht äschyleische ausdruck (vgl. v. 547 dfxcpl zciQßsi) sieht nicht 
wie die bemerkung eines grammatikers aus und die emen- 
dation des ersten verses zooog yuQ 6q&6&qi% cpoßog ist 
nichts weniger als sicher. In nsgl cpoßm muss man nur die be- 
statigung dafür suchen , was man von vornherein vermuthen 
kann, dass in zogog yug yoißog 6q&6&qi% eine noch nicht ge- 
fundene lesart verborgen ist. Für die erklärung von v. 57 ff. 
schliesst sich Hense der auffassung von Heimsoeth an, wel- 
che nur nicht im texte des Aeschylus gesucht werden darf. 
Wegen des „anonymen" ug, welches an und für sich auf Kly- 
tämnestra hinweisen soll, möge man Ag. 449 zd8e oTyd zig 
ßav^si nachsehen. Wie können gedanken zusammenkommen 
wie „statt der unnahbaren herrscherhoheit ist die furcht einge- 
zogen", und „glücklich sein, darauf ist das ganze streben gerich- 
tet"? Und das soll in den Worten: (poßslzai 8e zig' zo ö' sv- 
zv%slv z6b' > iv ßgozoig ösog ze xai ösov reXsov liegenl Dass der 
versuch v. 61 ff. (besonders im anschluss an die auffassung 
Heimsoeths von zovg ö' äxQazog e%ei. i>v£) zu erklären als miss- 
lungen bezeichnet werden darf, zeigt allein der satz p. 24: 
„auch das frauengemach giebt kein heil und alle ströme ver- 
möchten die blutbefleckte mörderhand nicht rein zu waschen" 
— hier wird nur negativ ausgedrückt, was oben positiv ange- 
droht war: zovg 8" uxQazog e%ei vv% tl . Mit den Worten zovg ö' 
axQazog b%ei vv"8, soll „der endlich gewaltsam eintreffende schlag 
der Dike" bezeichnet werden und diesen Worten, welche die 



248 136. Sophokles. Nr. 5. 

strafe angeben, soll der gedanke, dass nichts die schuld verber- 
gen kann, gleichstehen! Man sieht, hier fehlt es noch an 
gründlicher Überlegung. Immerhin aber steht diese behand- 
lund der parodos zehnmal höher als die „geistreiche" misshand- 
lung, welche diese partie in den Symbola philol. Bonnensiwm erfah- 
ren hat. — Beachtung verdient der Vorschlag v. 230 avunBroov- 
[tevov für av^/^hgov reo ato (doch sehr unsicher) und v. 239 
7TQoaav8uv ö' '&<sx > avaynal(6v o' ö/x)iäg narsga zu schreiben. 

136. Sophokles erklärt von F. W. S chneidewin. Er- 
stes bändchen: allgemeine einleitung. Aias. 6. aufl. besorgt 
von August Nauck. 8. Berlin. 1871. 201s. — 15 ngr. 

Im jähr 1855 gab Schneidewin das erste bändchen seines 
Sophokles (Aias. Philoctetes, bereichert mit der allgemeinen 
einleitung) in 3. aufläge heraus. Demnächst sollte das vierte 
bändchen, die Antigone, in dritter aufläge erscheinen: Schnei- 
dewin starb darüber hinweg (ll.jan. 1856) und E. von Leutsch 
besorgte die correctur der Antigone wie des Agamemnon. A. 
Nauck wurde nach dem wünsche Schneidewins von der ver- 
lagshandlung mit der fortsetzung des Sophokles betraut und 
hat die sämmtlichen bändchen wiederholt bearbeitet. Im jähr 
1869 ist die Antigone, im jähr 1871 der Aias und Philoctetes, 
welche jetzt zweckmässig auf zwei bändchen vertheilt sind, 
1872 der Oed. Tyrannos in 6. aufläge erschienen; vonderElectra 
und dem Oed. Coloneus liegt die 5. aufläge vor (1869. 1870), von 
den Trach. die 3, (1864). Die grundsätze seiner fortsetzung hat 
Nauck im vorwort zur 5. aufläge des 1. bändchens näher erörtert. 
Da die zusätze Naucks nur in dem kritischen anhange, nicht 
im commentare von dem eigenthume Schneidewins gesondert 
sind, so besteht begreiflicher weise, wie man sich oft überzeu- 
gen kann, eine ziemliche Unklarheit darüber, in wie weit diese 
ausgaben des Sophokles Schneidewin oder Nauck angehören. 
Es dürften darum einige notizen darüber, die durch verglei- 
chung der 3. und 6. aufläge des Aias gewonnen sind, den zahl- 
reichen benutzern und Verehrern dieser ausgaben nicht unwill- 
kommen sein. 

Wer Naucks sonstige arbeiten kennt, wird von vornherein 
geneigt sein die textkritik, welche in den noten oder im an- 
hange gegeben ist, als das werk Naucks zu betrachten. 



Nr. 5. 136. Sophokles. 249 

In der that beruht das bedeutendste verdienst , welches sich 
Nauck um Sophokles erworben hat, in der kritischen behand- 
lung des textes, und zwar ein wirkliches und grosses verdienst. 
Mag man auch in der annähme von corruptelen und interpo- 
lationen manchmal ein hyperkritisches und unberechtigtes ver- 
fahren erblicken und änderungen wie Ai. 1813 rov in Isxovg 
ysymza doginovov voüov (für tov £x ÖOQog ysyära nolsiiiov vo- 
■&ov) nur für scharfsinnige lusus ingenii halten , immerhin muss 
man Nauck zugestehen , dass er auf zahlreiche schaden der 
Überlieferung aufmerksam gemacht und eine ungesunde inter- 
pretation corrupter stellen beseitigt, dass er an vielen stellen 
eine glückliche und treffliche emendation gefunden hat. Wer 
das nicht zugesteht , der möge z. b. auch die „conservative" 
ausgäbe des Euripides von Klotz , welche für die kritik oder 
erklärung des Euripides kaum etwas nennenswerthes geleistet 
hat, der mit kühnen textänderungen ausgestatteten ausgäbe von 
Nauck, welche aber für die kritik und damit auch für die In- 
terpretation des Euripides epochemachend geworden ist, vorzie- 
hen. Manche werden vielleicht die kritik von Schulausgaben 
ferngehalten wünschen und namentlich die Verdächtigungen der 
textworte in den anmerkungen missbilligen und da solche no- 
ten, soviel wir gesehen, sämmtlich Nauck angehören, darin 
eine unvortheilhafte änderung der Schneidewinschen arbeit er- 
blicken. Es kann sich bloss fragen,, ob die bemerkungen rich- 
tig seien oder nicht: im übrigen dürfen auch dem schüler nicht 
steine für brod geboten werden. 

Was den commentar betrifft, so darf man sagen, der ei- 
gentliche Charakter dieser Sophokles -ausgaben, die feinen ästhe- 
tischen bemerkungen, die sinnige und geschmackvolle interpre- 
tation des Zusammenhangs und der wähl des ausdrucks, die 
sachlichen notizen, alles das ist das werk von Schneidewin. In- 
sofern ist der charakter der Schneidewinschen arbeit erhalten 
und die fortsetzung Naucks verhält sich dazu als nachbesse- 
rung und ergänzung, wie sie etwa Schneidewin selbst bei neuen 
auflagen vorgenommen haben würde. Nur in einer beziehung 

— abgesehen von den schon erwähnten noten kritischen inhalts 

— hat Nauck die arbeit Schneidewins wesentlich verändert. 
Schneidewin ging oft zu weit und entdeckte eine absieht oder be- 
ziehung, die man bei unbefangener betrachtung nicht finden kann. 



250 137. Plautus. Nr, 5. 

Solche noten hat Nauck weggelassen. Er hätte vielleicht noch 
weiter gehen und manches andere der art beseitigen dürfen. 
Dazu scheinen uns die bemerkungen zu Ai. v. 106, v. 172 (zu 
TavQonoXa), v. 200, 408 (anspielung auf die dixQazeTs 'AtqeT- 
dat), 490, 589 u. a. zu gehören. Eine änderung hätte wohl 
auch die anmerkung über vvv v, 151 bedurft, über Innovaifiag 
v. 232 (die hirten reiten auf pferden wie so häufig in Italien), 
über äcpoßoiq &?]qgI v. 366 (den gegensatz bilden nicht cpoßeQoi 
driQtg, sondern nur av8qsg), über avrodaTJ v. 700 (avzodarj be- 
zieht sich bloss auf die tanzerregende innerliche freude und be- 
geisterung), über ovttsq ova iyoo v. 1237 (Agamemnon bestrei- 
tet die besondere auszeichnung und tapferkeit des Aias und 
behauptet , er habe an allen gefahren theil genommen, die Aias 
bestanden). — Nur an wenigen stellen dürfte die bessere er- 
klärung Schneidewins durch eine schlechtere ersetzt worden 
sein, so v. 206, 576 (Nauck oo^ für aXXij), 955, 1136 f., 
1366. Auch die erklärung von iv roiads toig xaxolöiv v. 532 
kann ich nicht für richtig halten. Die richtige giebt v. 546 
veoaqiayTJ fiov z6v§& TzgoaXBvaaav cpövov an die hand. Die be- 
merkung v. 649 über 6 dewog ogxog ist nur zum theil richtig; 
der sinn ist allgemein (ovösv iariv dnoofiorov). Durch änderung 
des commentars hat sich in die anmerkung zu v. 986 ein klei- 
ner widersprach mit der note zu v. 1003 eingeschlichen. — 
Obwohl der commentar wesentlich das eigenthum von Schnei- 
dewin ist, so darf man die arbeit Naucks in dieser beziehung 
doch nicht gering anschlagen: fast jede seite zeigt nachtrage 
und berichtigende oder ergänzende zusätze; die litteratur ist 
gewissenhaft benützt; überhaupt ist alles gethan um diese aus- 
gäbe des Sophokles, welche sich so grosser anerkennung und 
Verbreitung erfreut, zu vervollkommnen und brauchbarer zu 
machen. W. 

137. Hermanni Adolfi Kochii Emendationes Plautinae 
(gratulationsschrift des collegiums der Schulpforte zu Gr. Bern- 
hardy's fünfzigjährigem doctorjubiläum) . Numburgi 1872. 4. 14 s. 

Gleich die erste der von Koch behandelten stellen Aul. 
prol. 12 fordert zu einer bemerkung heraus; wie hier vf. über- 
sehen hat, dass auch Lorenz Piniol. XXX, p. 586 A den vers 
für unecht erklärt, so hat er es sich noch mehrfach entgehen 



Nr. 5. 137. Plautus. 251 

lassen, dass die bei ihm vorgetragenen vermuthungen in jüng- 
ster zeit bereits von anderer seite geäussert waren: so hat 
Most. 1047 (p. ix) schon Müller, Pros. p. 574, qua maris qua 
feminas conjicirt, Men. 350 (p. xi) ders. in Fleckeisen's Jahrb. 
1861, p. 264 und Pros. p. 558, hos aliquos viginti dies — - übri- 
gens wird wohl auch Merc. 542 zu schreiben sein sequere sis: 
Jiu[ii]e me diem unum oravit , nicht wie neulich vermuthet wor- 
den: sequere sit Jiac me: diem unum oravit — , Ps. 1191 (p. xv) 
derselbe nachtr. p. 140 vero serio hoc, MGI. 679 (p.xn) schlug 
schon Bücheier Lat. declin. p. 30 ad ollas artis vor; auch ßud. 
II, 7, 20 ist das p. xvi vermuthete ni längst von anderen ge- 
funden, vgl. ausser Kiessling Fleckeisen's Jahrb. 1868, p. 434, 
Müller Pros. p. 435 A besonders Lorenz Piniol. XXVIII, p. 
185 sqq. Hätte Koch die vermuthung der beiden letzteren: in 
mari quia [semel] elavi , ni hie in terra iterum eluam , gekannt, 
so hätte er sich vielleicht gehütet zu vermuthen: In mari quod 
elavi, hie in terrad iterum ni eluam. Merc. 308 Decide Collum 
stanti, falsum loquar schrieb schon Bergk im Hall, progr. zum 
2. august 1862, p. 5. 

Der eifer, immer neue belege für altlateinisches d im aus- 
laute ausfindig zu machen, hat ihn noch an einer anderen stelle 
irre geleitet. Stich. 478 geben BCD Alium convivam quaerito 
in hunc diem, das schon von Pylades mit richtigem gefühle vor 
in eingeschaltete tibi bietet der Ambrosianus, ausserdem steht in 
dieser handschrift noch über dem letzten buchstaben von quaerito 
TA : unde apparet, sagt nun Koch p. xvn, hie exstare duarum recensio- 
num vestigia, quarum altera habehat „quaerita tibi u > altera „quaerito" 
id est „quaeritod in hunc diem", quod novum exemplum accedit im- 
perativis in d exeuntibus sqq. , eine beweisführung fürwahr , über 
die weiter kein wort zu verlieren ist. Auch bei Terenz Ph. 
664 wird a. a. o. ohne weiteres petitod angenommen , als ob 
für diesen die Verwendung derartiger formen sich schon von 
selbst verstände, wäre sie auch wirklich für Plautus erwiesen, 
was sie ja keineswegs ist. Auch mit den übrigen versuchen 
des Verfassers, verschollene formen aufzustöbern, steht es nicht 
besser. Most. 978 hatte der archetypus der Palatinen agio 

i 
für aio, jedenfalls entstanden aus ago\ nach Koch p. ix ist hier 
die von Corssen angenommene grundform von aio erhalten: 



252 137. Plautus. Nr. 5. 

wahrscheinlich wird er in nächster zeit nun auch an den stel- 
len , wo agis für ais verschrieben ist , ersteres als alte form 
in schütz nehmen. Im Miles ist bekanntlich der Vetus zum 
theil höchst liederlich geschrieben und steht er an zahlreichen 
stellen CD in der wiedergäbe des archetypus erheblich nach. 
Bei dieser Sachlage sieht, wer nicht auf antiquitäten jagt, in den 
Ceteris des B MGI. 660 weiter nichts als ein versehen für das 
untadelige Cedo tris der anderen handschrifteu ; Koch erklärt 
p. xn dieses ceteris als cettris = cedo tris, mit dem bemerken: 
eiusmodi verborum coagmentationes apud Plautum multo latius patere 
quam vulgo putatur, haud pauca sunt quae probare videantur. Men. 
384 haben die Palatinen mit einem naheliegenden Schreibfeh- 
ler obvolvit für oboluit und MGI. 41 praevolat für praeolat\ für 
Koch sind diese formen in verein mit dem neapolitanischen 
vuoglio = oleum grund genug zu der vermuthung (p. x), dass 
es eine alte form volere für olere gegeben und Plautus diese 
hier und anderwärts gebraucht habe. Gleich in dem Miles- 
verse widerstrebt die sonstige Überlieferung : Curämque adhi- 
bere, ut praiolat mihi quod tu velis, der form praevolat; doch 
ist dem leicht abzuhelfen durch Streichung der worte mihi und 
tu, welche mit einer vocum mihi et tu sono elatarum molestia po- 
tius quam elegantia begründet wird. Doch dieses immerhin et- 
was bedenklichen mittels hätte es gar nicht bedurft ; Koch hätte 
nur an sein ulis für velis denken und damit einen neuen beleg 
auch für derartige formen gewinnen sollen. Einen solchen beleg 
und gar für ein olo statt volo ist Koch gar nicht abgeneigt in 

v 
der lesart des Vetus Pers. 332 dis olentibus zu sehen, trotzdem 
ACD das in B übergeschriebene v an richtiger stelle geben ; 
auch das olui des D für volui ^d. II, 8, 1 wird herangezogen, 
wo minder scharfsinnige freilich meinen werden , dass wie häu- 
fig in dieser handschrift der erste buchstabe der scene für den 
rubricator weggelasssen ist, vgl. II, 1, 1 elim für velim , eine 
stelle, die sich eigentlich Koch für seine zwecke nicht hätte 
entgehen lassen dürfen. Dieses haschen nach verschollenen 
formen ist wirklich ebenso fieberhaft, als der von einem be- 
kannten gelehrten mit demselben ausdrucke bezeichnete eifer, bei 
Plautus für alle möglichen formen länge der endsilbe zu erweisen. JL 
So conservativ sich Koch hier der Überlieferung gegen- 



Nr. 5. 137. Plautus. 253 

über zeigt, bo wenig respect hat er anderwärts vor derselben; 
denn an einer anzahl von stellen nimmt er änderungen vor, 
wo eine solche ganz und gar überflüssig ist. Wir wollen uns 
an drei beispielen genügen lassen. P. xi wird Men. 876 Iamne 
tsti abierunt quaeso ex conspectu meo für quaeso plane geschrieben 
mit dem bemerken : quaeso, quod Brixius rede observavit esse 
hortantis (addere poterat etiam indignantis) ferri non potest; 
der gebrauch von quaeso ist aber ganz und gar kein so be- 
schränkter, es ist an der in rede stehenden stelle ebensowohl 
am platze als z. b. Asin. 630. 735. Men. 910. Most. 552. MGI. 
1306. Ps. 1080. Eud. 1269. Stich. 552.— P.xiv schreibt Koch 
Merc. 573 Perverse facies. — Quödne amemt — Tantö minus, 
für das letzte wort magis ; allerdings ist man ja berechtigt, 
weiss für schwarz und schwarz für weiss zu schreiben, wenn 
der sinn es erheischt: hier aber liegt gar keine nothwendig- 
keit zu einer solchen änderung vor ; man ergänze aus dem vor- 
hergehenden einfach facies zu minus, so ist alles in Ordnung. 
Ebendaselbst vermuthet vf. Pseud. 251 : 

luppiter te 
Perddt, quisquis\ — Te volo [ego\. — At vös ego [nolo] 

dmbos ; 
abgesehen davon dass dies ein ganz abscheulicher bacchi- 
scher tetrameter ist , zumal im vergleiche mit der überliefer- 
ten versform und den übrigen bacchischen versen dieser par- 
tie, ist an der Überlieferung: luppiter te Perddt, quisquis es. — 
Te volo. — At vos ego dmbos, gar nichts zu ändern , wenn man 
sich nur die mühe giebt , sie zu verstehen : das te volo des 
Pseudolus ist zweideutig, da es die ergänzung luppiter perdat 
zulässt; so fasst es der leno auf und antwortet daher At vos 
ego ambos sc. volo luppiter perdat. — Auch wo wirkliche Verderb- 
nisse vorliegen, sind Koch's vorschlage mit wenigen ausnahmen 
nicht sonderlich einleuchtend. Selbst die vermuthung Epid. IT, 
2, 98 (p. vm) quod velis velle. — Et sapis et placet, wird wohl au- 
sser ref. noch anderen nicht als certa emendatio erscheinen. Was 
nur das p. xii Rud. III, 4, 4 vermuthete Tua legirupa una hie 
nobiscum dis te facere postulas bedeuten soll? Ob wohl Koch 
zu der p. ix gebilligten vermuthung Men. 236 Mare superum- 
[que] omne Graeciamque exoticam einen einzigen sicheren beleg 
für eine solche Stellung des que bei Plautus beibringen kann? 



254 138. Lucilius. Nr. 5. 

Recht gefällig dagegen ist vermuthet p. ix Most. 1165 suppli- 
ci[mi] habeo satis, p. xv, Ps. 1241 at ego iam intus. 

138. C. Lucili saturarum reliquiae. Emendavit et adnota- 
vit Lucianus Mueller. Accedunt Acci (praeter scaenica) 
et Suei carminum reliquiae. 8. Lipsiae in aedibus B. G. Teub- 
neri. 1872. — 3 thlr. 

Nachdem lange zeit vergeblich aus dem nachlasse Carl 
Lachmanns eine ausgäbe des Lucilius erwartet worden, liegt 
eine mit wünschenswerther akribie gefertigte Sammlung dieser 
schwer verderbten fragmente durch Lucian Mueller vor, welcher 
durch langjährige beschäftigung mit lateinischen dichtem und 
mit dem in erster linie für die Überlieferung in betracht kom- 
menden grammatiker Nonius zur herausgäbe vorzüglich geeignet 
war. An die vorausgeschickten Quaestiones Lueüianae, in welchen 
über die Ordnung und metrische form der dreissig bücher Luciliani- 
scher satiren, über die benutzung des Satirikers im späteren al- 
terthum, über die leistungen auf dem gebiete der Lucilianischen 
kritik seit dem Wiederaufleben der Wissenschaften und über die 
zahlreichen handschriftlichen hülfsmittel des neuen herausgebers 
sowie über die zu billigenden grundsätze in der handhabung 
der kritik berichtet wird (p. vn bis xlvi), schliesst sich der 
scharfsinnig berichtigte abdruck der erhaltenen fragmente mit 
unter dem texte stehendem kritischen apparat. Es folgen Te- 
stimonia de Lucilio und ein Commentarius in Lucilium, in welchem 
der erklärung bedürftige stellen besprochen bezw. besserungen 
gerechtfertigt werden und als commentar zu den Testimonia in 
knapper form über das leben des dichters gehandelt wird: die- 
ses gewinnt eine von der bisherigen Vorstellung ganz abwei- 
chende gestalt durch eine geniale vermuthung Moriz Haupt's 
(p. 289), wonach Hieronymus in folge einer Verwechslung 
ähnlich lautender consulnamen die geburt des Lucilius in das 
jähr 607 statt des jahres 574 gesetzt hat. Beigegeben sind 
die auf dem titelblatt genannten fragmente des Accius und des 
Sueius. Angehängt sind sorgfältige indices, welche Emil Baeh- 
rens und G. Götz angefertigt haben. 

Da bisher die kritischen beitrage neuerer forscher zu Lu- 
cilius in den verschiedensten Zeitschriften zerstreut waren und 
die vorhandenen fragmentsammluugen durchaus ungenügend wa- 



Nr. 5. 138. Lucilius. 255 

ren, so wird es dem grösseren philologischen publikum erst 
durch diese ausgäbe möglich, sich ein annähernd treues bild 
von der litterarischen bedeutung und der kunst des Lucilius 
zu machen, wenn schon es nicht möglich ist, den gedankengang 
einer Satire genügend vollständig zu übersehen. Man erkennt 
vielfach namentlich in den im iambischen und trochäischen nu- 
merus abgefassten büchern den engeren ansckluss an die älte- 
ren komiker, speciell an Plautus (vgl. z. b. ausser allbekanntem 
XXVII, 27 mit Plaut. Truc. II, 6, 53 fg.). Genaue kennt- 
niss der sprachlichen eigenthümlichkeiten der archaischen ko- 
miker ist daher Voraussetzung für die möglichkeit einer glück- 
lichen kritik im Lucilius. Es ist selbstverständlich, dass die 
Müller'sche ausgäbe trotz manchem vortrefflichen, das sie bietet, 
nicht als abschliessend gelten kann; sie bildet aber eine tüch- 
tige grundlage für weitere forschungen, und den vereinten be- 
mühungen vieler wird es vielleicht gelingen, die zahl der schein- 
bar heillos verderbten stellen bedeutend zu verringern. Ich füge 
einige winzige bemerkungen bei : 

Lib. I vs. 8 : Vettern cum primis, fieri si forte potesset: hier ist 
cumprimis wohl in dem unter anderen auch von Placidus p. 448 
(ed. Mai) angegebenen sinne als etwa gleichbedeutend mit inprimis 
zu fassen, wie es nach der Überlieferung der palatinischen hand- 
schriften auch von Plaut. Truc. III, 1 , 15 angewandt ist: 
Eü'adicarest certum cumprimis patrem, Postid locorum matrem. 

III, 18 ist Dicarchitum schon vor Müller von Robert Un- 
ger Analect. Propert. (Halle 1850) p. 8 gefunden. 

IX , 4 konnte wohl Jung's {de satira Romana, programm 
gymn. Neisse 1862, p. 14) Vorschlag erwähnt werden: A pri- 
mum brevi' syllaba [erat; qua re geminarunt, Vti qui\ longa [vel- 
leni\ ; nos [dein] tarnen unum etc. 

Oft, wo die Überlieferung, wie das metrum zeigt, lücken- 
haft ist, lässt sich schwer entscheiden, ob das von Müller zu- 
gesetzte einschiebsei das rechte getroffen hat. Z. b. ist XIV, 
4 das von Müller ergänzte iam in dem verse: Carpathium mare 
transuectus cenaM Rhodi \iam\, durch dessen hinzufügung der 
vers aus einem iambischen senar zu einem dactylischen hexame- 
ter umgestaltet ist, natürlich nur beispielsweise vorgeschlagen ; 
man könnte ebenso wohl an cras oder dgl. denken. — XIV, 
17 ist das von Müller durch conjectur hergestellte nonne zwei- 



256 138. Lucilius. Nr. $. 

felhaft, da das archaische latein diese partikel erst allmählig auf- 
genommen hat und zunächst nur dann angewandt zu haben 
scheint, wenn der auslautende vokal in den anfangsvokal des 
nächsten worts elidirt wurde (z. b. XXX , 32 ; vgl. auch A. 
Spengel im programm des münchener Ludwigs - gymnasiums 
1866/67). — Auch ob Lucilius, wie Müller aus conjectur er- 
gänzt, en geschrieben hat, ist zweifelhaft (IX, 68 schreibt ei- 
ern) ; vgl. auch 0. Ribbeck beitrage zur lehre von den lateini- 
schen partikeln (Leipzig 1869) p. 29 fgg. — Zu XXVI, 52 
war Ribbeck im Corollarium zu den Tragic. fragm. p. lxxi zu 
beachten. — XXVI, 85 ist es zweifelhaft, ob der wegen der Ver- 
bindung eines cretischen mit einem iambischen worte unerträg- 
liche septenarausgang dextra conficis tibi der vulgate mit Müller 
durch die Umstellung conficis dextra tibi zu beseitigen ist oder 
ob August Luchs das richtige getroffen hat, als er (vgl. meine 
Studien auf dem gebiete des archaischen lateins I, p. 13) vor- 
schlug dextera tibi conficis. — XXVI, 96 fg. sucht Müller die 
Überlieferung : si miserantur se ipsi uide ne illorum causa superiore 
loco conlocauit, durch folgende Umstellungen in das maass tro- 
chäischer septenare zu zwängen: 

— v - — v — v — si miserantur se ipsi, vide, 
Causam illorum superiore conlocarit ne loco: 
allein die dadurch erreichte Stellung der conjunction ne scheint 
unerträglich. Es war wohl, wenn man keine conjectur wagen 
wollte, anzusetzen: 

Si miserantur se ipsi, vide ne — v — causam loco 
(oder vide ne causam — v — loco) 

Superiore conlocarit. — v — v — v — 
Das schwierige fragment XXVIII, 1 fgg. ist von Müller nicht 
glücklich behandelt ; weiter gefördert hat das verständniss Luchs 
(Studien I, p. 11 fgg.). — XXVIII, 11 Submittas alios, siquos 
possis, censeo, muss wohl, wenn censeo statt des handschriftlichen 
censeas richtig hergestellt ist, vor censeo Personenwechsel nach art 
der ausdrucksweise der Plautinischen komödie angesetzt wer- 
den. — In dem Zwiegespräch XXVIII, 43 „Piscium magnam 
atque altilium vim interfecisti". — „At nego", hat Müller gewiss 
unrichtig^ aus dem ut der Codices hergestellt; Lucilius schrieb 
offenbar „Haut nego". — XXVIII, 61 hat Müller mit seiner con- 
jectur : Tantae se emporiis merces et faenera tollent, schwerlich das 



Nr. 5. 139. Asconius. 257 

richtige getroffen; da die bandschriften tanti se temporis mon- 
tes et faetera tollent überliefern , so mag etwa Tanti se empo- 
riis montes trans (oder super) aethera tollent das ursprüng- 
liche gewesen sein. — XXIX, 66 (Muell.) Deierat enim [se] 
scribse et pöst non scripturum, scheint zu schreiben : Deierat ni- 
mium scripsisse et pöst non scripturüm. Die auslassung des pro- 
nomen ist wohl durch den gebrauch der älteren archaischen 
dichter zu entschuldigen. — XXIX, 73 Ni rediret ad se atque 
illam exterminaret miserulam, ist vielleicht als Schlusswort midie- 
rem anzusetzen, obgleich die Müller'sche verinuthung dem hand- 
schriftlichen miseram etwas näher steht. — Dass XXX, 23 die 
von Müller gebilligte conjectur Lachmanns : Sed tarnen hoc dicas 
quid rest, si noenu molcstumst unmöglich ist, weil in derartigen 
indirekten fragesätzen der conjunctiv nothwendig erfordert wird, 
mithin auch an quid id est (mit Schneider) nicht zu denken ist, 
sondern: Sed tarnen hoc dicas, quid sit , si noenu molcstumst (die 
Codices geben quid est, si) geschrieben werden muss, hat Eduard 
Becker (in meinen ,, Studien" I, p. 169) bewiesen. — Zu 
lib. ine. 108 vgl. Thesaur. nov. latinit. (Mai. Class. auet. t. VIII) 
p. 534: dicitur squarrosus quasi squamis corrosus / unde Ennius'. 
squarrosa et inconpeta rostra. — Zu lib. ine. LXXIX und LXXX 
vgl. Osann gloss. lat. spec. 1826 p. 5 n. 14 und 22. — P. 64 
z. 7 v. u. ist appellari statt quod verschrieben; p. 231 z. 6 
ist zu lesen obscurum, 

W. Studemund. 

139. Adolf i Kiessling de Asconii codice Pistoriensi 
disputatiuneula. (Vor dem Index Scholarum in univ. litt. Gry- 
phisw. per sem. aest. 1873 — habendarum.) 4. Gryphiswaldiae 
1873. — 10 ss. 

Diese abhandlung eröffnet die aussieht auf eine wesentlich 
verbesserte ausgäbe der commentare des Q. Asconius zu Cice- 
ro's reden, die A. Kiessling und E. Scholl vorbereiten. Bisher 
schien als grundlage für die textgestaltung nur die abschrift 
gelten zu können, welche Fr. Poggio während seines aufent- 
halts bei dem constanzer concil im j. 1416 von einer im klo- 
ster St. Gallen gefundenen sehr verstümmelten und seitdem ver- 
schwundenen handschrift genommen hatte. Auch Poggio's abschrift 
ist selbst nicht mehr vorhanden, sondern nur die erste ausgäbe 
Philol. Anz. V. -17 



258 139. Ascom'us. Nr. 5. 

vom j. 1477 und mehrere junge handschriften , die aus ihr ab- 
geschrieben waren. Aber Poggio selbst sagt, dass er alles in 
St. Gallen gefundene velociter abgeschrieben habe (Poggii epi- 
stolae. Ed. de Toneliis 1, p. 26), und die beschaffenheit des 
textes spricht sehr dafür, dass viele fehler desselben auf rechnung 
dieser velocitas zu setzen seien. Es galt daher womöglich von 
Poggio unabhängige abschriften der St. Galler handschrift auf- 
zufinden und schon Melius, (s. Ambrosii Traversarn vita p. 45), 
dann wieder Madvig, (de Q. Asconii commentariis p. 25 f.), 
hatten darauf hingewiesen, dass eine handschrift in der stadtbi- 
bliothek von Pistoia, geschrieben von der band des Sozome- 
nus, canonicus in Pistoia und professor der literae humaniores 
in Florenz, eines angesehenen geschichtschreibers jener zeit, der 
mit Poggio in Constanz gewesen , eine unmittelbar von der St. 
Galler genommene abschrift sei. Diese vermuthung hat sich 
vollständig bestätigt : nach der vergleichung der handschrift in 
Pistoia durch R. Scholl zeigt Kiesslings vorliegende abhand- 
lung in überzeugender weise, dass Sozomenus die schwer leser- 
lichen züge der St. Galler handschrift bisweilen nicht richtig 
fasste, aber immer mit der grössten Sorgfalt wiederzugeben be- 
müht war. Es erhellt, dass Poggio zwar manchmal richtiger 
las, aber häufig willkürlich änderte, wegliess, zusetzte, nament- 
lich lücken, die in der offenbar zum theil zerstörten handschrift 
vorhanden waren, entweder einfach nicht bezeichnete oder nach 
gutdünken füllte. So lässt sich p.6, 8 Or. die lücke nach dem, 
was in S (d. i. Sozomenus abschrift) erhalten ist, mit Scholl jetzt so 
ergänzen : C. enim Mario [L. Valerio] coss. id senatum decre[visse, qui] 
coss. ante consu\la\tum Ciceronis [XXXVII annis fuerint\. Sedhie — . 
Nur ist wohl annis zwischen coss. und ante zu setzen , da auch 
nach diesem coss. in der handschrift eine lücke angegeben ist und die 
nach Ciceronis nicht so viel fasst, als Scholl vermuthet. — P.6 
giebt Kiessling ein langes verzeichniss von lücken, die S p. 57 
bis 70 angiebt, Poggio nicht bezeichnet. So hat S 61, 11 
nicht praefecturas, sondern praeferat und Kiessling stellt deshalb 
richtig her : apud duas [urnas gratiam ei pe\pererat. Statt «r- 
nas ist es wohl einfacher partes zu lesen. P. 68, 5 hat S 
nicht quae per cos annos quibus haec significabantur populo latae 
erant, sondern statt quibus haec eine lücke: glücklich vermuthet 
daher Kiessling p. 7 : quae per eos annos [ab eis qui] gratifica- 



Nr. 5. 140. Archäologie. 259 

bantur populo latae erant. Noth wendige zusätze in S sind p. 
3, 7 ducenti (so Scholl für ducendi) zwischen equites und dedu- 
cendi, p. 14, 24 L. vor autemCrasso, p. 19, 19 necessitudine zwischen 
zw und Cn. Pompei. — Ferner bestätigt S p. 19, 2 die vermuthung 
von Rau: a. d. IUI. Non., und p. 41, 23 durch sein iudicissimus die 
Verbesserung desselben gelehrten iudicii summus. Trefflich werden 
endlich p. 77, 16 durch Porciam für ponam, p. 66, 3 durch 
wZ£m de/ensa est für altera defensa est (nur dass «cm vor ultra 
hinzuzufügen ist) fehler des textes beseitigt. P. 48, 11 giebt 
S de ei für caede et und dies hat Kiessling p. 10 auf die her- 
stelluag de cuius diei periculo suo geführt. P. 81, 5 hat S 
iectum für eiectum, und Kiessling stellt die stelle her, indem er 
lectum schreibt und die worte von eontemptissimuni an Asconius 
zutheilt. Diese beispiele zeigen zur genüge , welchen gewinn 
die vergleichung der handschrift in Pistoia gebracht hat und 
mit wie grossen erwartungen wir der neuen ausgäbe des Asco- 
nius entgegenzusehen berechtigt sind. 

H. S. 

140. Athena und Marsyas. Zweiunddreissigstes programm 
zum Winckelmannsfest der archäologischen gesellschaft zu Ber- 
lin. Von G. Hirschfeld. 4. Mit 2 tafeln. Berlin. 1872. 
In commission bei W. Hertz (Bessersche buchhandlung). 

Auf einer in Attika gefundenen, jetzt zu Berlin befindli- 
chen vase ist in rothen figuren auf schwarzem gründe die scene 
dargestellt, wie Marsyas die von Athene weggeworfenen flöten 
aufzunehmen sich anschickt, also derselbe gegenständ, der schon 
aus einer attischen münze (bei Bröndsted) und einem relief (bei 
Stuart) bekannt ist. Mit hülfe dieser drei genannten stücke 
versucht es der Verfasser, eine statue des Lateran, welche von 
Benndorf und Schöne für einen tanzenden satyr erklärt worden ist, 
von Stephani für einen trunkenen satyr, nach Brunns vorgange 
als Marsyas nachzuweisen. Hierin wird man dem Verfasser 
unbedenklich beistimmen können. Wenn er aber diesen Mar- 
syas für den Überrest einer gruppe erklärt, diese sodann für 
eine copie des von Pausanias 1 , 24 , 1 beschriebenen werkes, 
und letzteres schliesslich mit einem bei Plinius erwähnten werke 
des Myron identificirt, so scheint uns dies denn doch zu kühn. 
Bei Pausanias heisst es, dass Athene den Marsyas schlägt, wo- 

17* 



260 141. Archäologie. Nr. 5. 

von in den von Hirschfeld mitgetheilten bildwerken nichts zu 
sehen ist; und wenn man auch die conjektur nzootiaa für nat- 
ovaa wollte gelten lassen , so würde selbst dadurch noch keine 
Übereinstimmung erreicht sein, da Athene auf dem vasenbilde 
wie auf der münze und dem relief eine durchaus ruhige hal- 
tung hat. Betrachtet man ferner die worte des Plinius im zu- 
sammenhange (fecit et canem et discobolon et Persea et pristas et 
Satyrum admirantem tibias et Minervam\ so muss man sogar die 
Minerva für ein ganz selbständiges werk halten, will man nicht 
mit Hirschfeld den accusativ Minervam von admirantem abhän- 
gen lassen. Doch auch in diesem fall muss zugegeben werden, 
dass ein satyr, der die Minerva bewundert und ein satyr, den 
die Minerva schlägt oder scheucht, zwei verschiedene dinge 
sind. Lässt man hingegen die Minerva hinweg, für welche auch 
neben der statue des Lateran kein rechter platz ist , so kann 
man auf die letztere die worte des Plinius sehr wohl anwen- 
den. Die zurückweichende bewegung des satyr erklärt sich 
nicht, wie Hirschfeld will , aus der furcht vor Minerva ; viel- 
mehr drückt sich das erstaunen über die beseelte flöte , die 
sprechen kann, bei dem affenraenschen in so übertriebener weise 
aus. Da überdies Brunn in dieser statue etwas vom style des 
Myron findet, so ist es nicht unwahrscheinlich, dass sie eine 
copie des von Plinius erwähnten werkes ist, nur darf man die 
auf der Akropolis zu Athen befindliche gruppe nicht mit jener 
einzelstatue vermengen. 

L. G. 

141. Die feier des königlichen geburtstages in Preussen. 
Die Verdienste des preussischen königspaars um die erforschung 
des klassischen bodens. Reden zur feier des geburtstages Sei- 
ner Majestät des Königs auf der Universität zu Breslau am 
22. märz 1869 und 1870 gehalten von M. Hertz. 4. Bres- 
lau, druck von Grass, Barth und comp. (W. Friedrich). 

Hertz spricht den grundsatz aus, dass eine festrede am 
geburtstage des königs nicht beliebige wissenschaftliche themata 
behandeln dürfe , welche zur person des gefeierten in keinem 
verhältniss ständen, sondern dass sie vielmehr ihrem gauzen In- 
halte nach der bedeutung des tages entsprechen müsse. Dass. 
es einem manne von geschmack nicht behagen kann, am ge~ 



Nr. 5. 141. Archäologie. 261 

burtstage des königs über eine neuentdeckte käferart reden zu 
hören, ist begreiflich; ob aber bei strenger durchführung jenes 
grundsatzes den festrednern nicht zuletzt die themata ausgehen 
werden, dies möchte doch auch zu bedenken sein. Jedenfalls 
hat Hertz in den beiden vorliegenden reden seine absieht' mit 
geschick und erfolg durchgeführt, und damit den vielen, wel- 
che alljährlich an öffentlichen anstalten festreden zu halten ha- 
ben, zwei musterhafte beispiele geboten , musterhaft nicht nur 
nach inhalt und form , sondern auch in der gesinnung. Inso- 
fern haben die beiden reden auch für manchen philologen ein 
näheres interesse, und dies rechtfertigt ihre besprechung im phi- 
lologischen Anzeiger, wozu wenigstens die erste rede sonst kei- 
nen anlass bieten würde. Dieselbe schildert nämlich die ver- 
schiedenen Stimmungen und Verhältnisse, unter denen der kö- 
nigliche geburtstag seit anderthalb Jahrhunderten, namentlich 
aber unter den drei letzten regierungen in Preussen gefeiert 
wurde, und lässt von diesem originellen Standpunkte aus einen 
lehrreichen blick auf die geschichte des preussischen Staates 
thun. Die zweite rede berichtet über mehrfache förderungen, 
welche die archäologischen forschungen auf griechischem und 
römischem boden durch den jetzigen kaiser und seine gemahlin 
gefunden haben. Zwar waren die Unterstützungen nicht immer 
sehr reichlich zugemessen, denn Curtius musste, als er im jähre 
1862 in Athen war, schliesslich zu eigenen mittein seine Zu- 
flucht nehmen, indessen ist man in Deutschland nicht verwöhnt 
und nicht unbescheiden, und weiss schliesslich auch mit gerin- 
gen mittein immer noch viel zu erreichen. Wenn übrigens 
Hertz am Schlüsse seiner rede den neuaufgefundenen senatsbe- 
schluss erwähnt, wonach am geburtstage des kaisers den göt- 
tern Mars , Neptun und Apollo opfer gebracht werden sollten, 
als den beschützern der landmacht, der Seemacht und der künste 
des friedens, so können wir dabei den wünsch nicht unterdrü- 
cken , dass im neuen kaiserreiche die opfer für Apollo künf- 
tig etwas reichlicher ausfallen und nicht gar zu sehr hinter 
Mars und Neptun zurückbleiben mögen. L. G. 

142. C. L. Grotefend, chronologische anordnung der 
athenischen silbermünzen. 8. Hannover 1872. 

Der titel ist dahin zu beschränken, dass nur die späteren 



262 142. 143. Numismatik. Nr. 5. 

münzen, die des sogenannten neuen stils, besprochen und clas- 
sificirt sind. Die kleine 23 Seiten lange schritt hat das ver- 
dienst, dass sie verschiedene irrthümer in dem grösseren werk 
von Beule les monnaies cCAthenes (Paris 1858) aufdeckt. Der 
Verfasser unterzieht nämlich die darin aufgestellten sätze einer 
genauen prüfung und setzt, da sie sich unhaltbar erweisen, an- 
dere an die stelle. Vortrefflich ist namentlich die auseinander- 
setzung über die magistratsnamen und die Symbole ; deutsche 
gründlichkeit zeigt sich dabei , wie auch sonst , dem französi- 
schen vorurtheil gegenüber in hellem lichte. Die gewonnenen 
richtschnuren beruhen auf triftigen gründen, was sich von Beu- 
le's anordnung nicht sagen lässt ; vieles ist aufgeklärt, manches 
der aufklärung wenigstens näher gebracht. Letzteres gilt be- 
sonders von der anfangszeit des neuen stils, die Beule* hundert 
jähre zu früh ansetzte; nach Grotefend p. 14 sind die ersten 
der betreffenden münzen um 220 v. Chr. geprägt. Wann die 
prägung aufhörte , bleibt auch jetzt noch unentschieden ; p. 2 
ist darüber nur bemerkt , dass die reihe der athenischen mün- 
zen in die zeit der ßömerherrschaft in Griechenland und Asien 
nur eben hinein zu reichen scheine. Demnach empfehlen wir 
die schritt der aufmerksamkeit aller derer, welche sich für diese 
Studien interessiren. 

R. Suchier. 

143. Catalogue de m^dailles du Bosphore Cimmerien. Pa- 
ris. 8. 1872. 

Kataloge zu münzversteigerungen sind für die numismatik 
besonders wichtig, wenn sie gewissenhaft abgefasst sind und von 
allem, was nicht alltäglich ist, eine genaue beschreibung geben. 
Es sind dann wahre fundgruben, worin die Wissenschaft weiter 
forschen kann. So auch der vorliegende katalog, der zur auf- 
stellung eiues noch wenig bekannten gebietes viel werthvolles 
material liefert. Die darin verzeichnete Sammlung, im mai 
1872 bereits in Paris versteigert, gehörte Julius Lemme zu 
Odessa, der fünfzehn jähre sein augenmerk darauf richtete, die 
münzen des alten bosporanischen reichs zusammen zu bringen, 
was ihm auch bei ausdauerndem eifer und günstigen umstän- 
den so gut gelang, dass keine einzige Sammlung, wie es in der 
vorrede heisst, mit der seinigen wetteifern konnte. Als beweis 



Nr. 5. 143. Numismatik. 263 

ist angeführt, dass allein von Panticapäum etwa vierzig un- 
edirte stücke vorkommen. 

Die sämmtlichen münzen sind beschrieben, nicht bloss ober- 
flächlich, was dem katalog bleibenden werth verleiht. Da zu- 
gleich zwei tafeln abbildungen beigefügt sind, gewährt er schon 
ein ganz anschauliches bild von den münzverhältnissen jener 
für uns so entlegenen gegend; für besitzer des Hauptwerks von 
Köhne le rnusee KotcTioubey ist er ein unentbehrlicher nachtrag. 

Vorangestellt sind die münzen von Panticapäum, mit recht, 
weil die offenbar ältesten münzen mit guadratum incusum dort- 
hin gehören. Interessant ist die Wahrnehmung, dass die ein- 
wohner immer nur II ANTIK AD. AITQN genannt sind, während 
doch diese namensform, wie aus Pape's Wörterbuch der griechi- 
schen eigennamen zu ersehen, weder auf inschriften, noch bei 
einem Schriftsteller vorkommt. Es folgen sodann zahlreiche 
münzen von Olbia, darunter der einzige bis jetzt bekannte goldstater 
dieser stadt. Nr. 157 ist eine bronzemünze mit AA zum er- 
sten mal für eine von Alopecia (mit beigefügtem fragezeichen) 
erklärt. Mehrere marken und münzen mit APIX (nr. 158 — 
161) sind nicht wie bisher der stadt Olbia, sondern dem bei 
Strabo Aqqr\'fpi^ bei Ptolemäus "Agiyoi genannten volk zugewie- 
sen. Zu nr. 162, einer bronzemünze mit IIAT2, ist als Über- 
schrift nur PAUS gesetzt und dabei bemerkt: Nous connais- 

sons plusieurs peuples dont le nom commence jpar ces lettres, mala 
aucun d'eux rCliabitait le voisinage de la Pakts Meotide. Mehrere 
Völker sind das doch nicht, sondern nur eins am Kaukasus, 
das bei Stephanus von Byzanz üavGÜQxai, bei Herodot III, 92 
IJavaixai heisst. Bei nr. 163., tessera mit QT (was bisher ir- 
rig, wie behauptet wird, OT gelesen sei), wird an die thracische 
hafenstadt Thynias gedacht. Alles das sind vermuthungen, 
ebensowenig zu widerlegen als zu beweisen. Dann folgen mün- 
zen von Phanagoria, drei unedirte vom volk der Sindi (stadt- 
name Sinda vielleicht vorzuziehen, s. Pape's Wörterbuch v. 2iv- 
dixog hftTjp), zwei von Dioskurias, wohin auch zwei verschie- 
dene bronzemünzen mit KA12APESIN und mit ArPinnE&N, 
beide mit dem köpf der Livia, verlegt sind. Eine beigefügte 
anmerkung giebt die gründe zu dieser neuerung an; dieselben 
sind nicht grade zu verachten , berechtigen aber keineswegs 
dazu, der stadt ohne weiteres (wie bei der Überschrift gesche- 



264 143. Numismatik. Nr. 5. 

hen) den namen Agrippias Caesarea beizulegen. Danach kom- 
men zwei silbermünzen ohne schrift, Kolchis zugewiesen, eine 
von der stadt Istros und nr. 185 eine räthselhafte sübermünze 
mit EMINAKO, auf tafel I abgebildet (bei der beschreibung ist 
das „gravie" vergessen). Eine wunderliche erklärung ist dazu 
versucht : sui könnte = sifiL und Naxo der anfang eines (noch zu 
findenden) stadtnamens sein. Zwar ist vorausgeschickt: II ne 
serait pas impossible, nach unserer kenntniss der numismatik aber 
müssen wir sagen: es ist unmöglich. Die antiken münzen ge- 
ben sich mit keiner oratio recta ab, höchstens mit participien 
wie Sarmatia devicta, signis receptis u. dgl. 

Den schluss machen die münzen der könige, von Leukon 
II c. 240 v. Chr. an his zur zeit Constantins. Nr. 194 ist 
ein roi inconnu hinzugekommen, von dem aber nichts weiter zu 
sagen , als dass sein monogramm mit B beginnt ; die münze 
(ohne köpf) hat doppelschlag und ist wahrscheinlich schlecht, 
sonst wäre sie wohl abgebildet. Nr. 201 ist zu den bronze- 
münzen des Asander bemerkt , der köpf sei wahrscheinlich nicht 
der des Alexander , denn er habe keine ahnlichkeit mit dem 
auf den goldmünzen. Zu diesem grund kommt noch ein an- 
derer, der wohl entscheidend ist; Asander heisst- nämlich auf 
den münzen von bronze noch nicht ßuatlevg wie auf dem sta- 
ter nr. 203, sondern nur uqicov. Nr. 204 — 207 ist die zahl 
IB u. a. vor das wort ETOTC gesetzt, während das umge- 
gek ehrte allein richtig ist, wie ein blick auf die abbildung von 
nr. 205 und vergleichung der alexandrinischen münzen lehrt. 
Eheskuporis I nr. 209 — 211 ist wohl nur durch ein versehen, 
der chronologischen Ordnung entgegen , hinter Polemon II ge- 
kommen; ebenso ist Eheskuporis VII nr. 291, der an den schluss 
des ganzen gehörte , an falsche stelle gerathen. Uebrigens ist 
das verzeichniss der königsmünzen sehr reichhaltig und schätzbar. 

Die abbildungen sind in der französischen einfachen weise, 
nett und sauber. Die köpfe der kaiser Augustus , Tiberius 
und Claudius auf den goldmünzen nr. 209 und 219 sind zwar 
denen auf römischen münzen sehr unähnlich , wahrscheinlich 
fällt dies aber weniger dem Zeichner in Paris zur last als dem 
alten bosporanischen graveur, wie ja überhaupt aus begreiflichen 
gründen die portraitähnlichkeit in den von Korn fernen ländern 
nicht gross ist. R. Suchier. 



Nr. 5. 144—155. Neue auflagen und Schulbücher. 265 

Theses 

quas ... in academia Friderica Guilelma Bonnensi . . . d. II. m. Maii 
defendet Joannes Froilzheim : I. C. Iulius Caesar infra locum, ubi ho- 
die Bonna sita est, bis Rbenum transiit. IL Ära Ubiorum non Ger- 
manico cuidam nuniini, sed Caesari Augusto dedicata erat. III. Ta- 
citum Gernianiae terras adiisse non affirmaveris. 



Neue auflagen. 

144. Sophokles. Deutsch von /. C. E. Donner. 7. aufl. 8. Leip- 
zig. Winter; 2 thlr. — 145. R. Klotz, handwörterbuch der lateini- 
schen spräche. 5. abdruck. 1. lfrg. 8. Braunschweig. Westermann; 
4 ngr. — 146. G. F. Puchta, Vorlesungen über das heutige römische 
recht, herausgeg. von A. T. Rudorff. 6. aufl. 8. Leipzig. Tauchnitz; 

Neue Schulbücher. 

147. W. Freund . . . präparation zu Sophokles. 15. heft. 16. 
Leipzig. Violet ; 5 gr. — 148. G. Curtius griechische schulgramma- 
tik. 10. aufl. bearbeitet von B. Gerth. 8. Prag. Teinpski; 28 ngr. 
— 149. K. W. Krüger, griechische Sprachlehre für schulen. 1. thl. 
2 heft. 5. aufl. 8. Berlin. Krüger; 1 thlr. — 150. Halm, elemen- 
tarbuch der griechischen syntax. 2. cursus. 6. aufl. 8. München. 
Lindauer; 16 ngr. — 151. J. Saupe, hauptregeln der griechischen 
syntax für mittlere gymnasialklassen. 2. aufl. von E. Frohwein. 8. 
Gera. Kanitz ; 7Va n g r - — 152. Ciceronis epistolae selectae tempo- 
rum ordine compositae. Für den schulgebrauch herausgegeben von 
K. F. Süpße. 7. aufl. 8. Carlsruhe. Groos; 1 thlr. 3 ngr. — 153. 
Freund . . . präparation zu Cicero's werken. 2. heft. 3. aufl. 16. 
Leipzig. Violet; 5 ngr. — 154. TV. Freund . . . präparation zu Li- 
vius römischer geschichte. 3. aufl. 16. Leipzig. Violet; 5 ngr. — 
155. W. Freund, tafeln der griechischen, römischen und deutschen 
literaturgeschichte. 8. Taf. 1. griechische literaturgeschichte. Leip- 
zig. Violet; 5 ngr. 

Bibliographie. 

Zur arbeitseinstellung der setzer in Leipzig. XIII. XIV. XV : Bör- 
senbl. nr. 76. 80. 92. Dazu auch ebendas. nr. 82 zu vergleichen und 
nrr. 84. 92. 98. 

Auf die anklagen, 'welche Joh. Scherr Hammerschi. u. Histor. 1, 
p. 456 gegen die deutschen Verleger gerichtet hat, wird mit treffen- 
den gründen in Börsenbl. nr. 80 geantwortet. 

Ein auszug aus dem aufsatz von H. Uhde über Elisabeth Campe 
geb. Hoffmann steht im Börsenbl. nr. 95. 

Ein verzeichniss der in ihrem verlag erschienenen » unter rieh ts- 
bücher, compendien und Wörterbücher « versenden Friedrich Vieweg 
und söhn und erklären sich bereit directoren von lehranstalten bei 
einführung frei - exemplare zu gewähren. 

Von den » mittheilungen der Verlagsbuchhandlung ~B. G. Teub- 
ner in Leipzig« ist nr. 1 für 1873 erschienen aus deren ersten ab- 
theilung: »notizen über künftig erscheinende bücher « wir hervorhe- 
ben: Dionysii Halicar nassen sis Romanarum antiquitatum libri qui su- 
persunt. Emendavit Ad, Kiessling. Vol. I: es ist dies eine grö- 



266 Bibliographie. Nr. 5. 

ssere mit vollständigem kritischen apparat versehene und auf vier 
bände berechnete ausgäbe, dabei prolegomena und quaestiones Diony- 
siacae, »welche die frage nach den quellen des Schriftstellers so wie 
einzelne sprachliche wie stilistische eigenheiten desselben eingehend 
erörtern und die vorgenommenen änderungen rechtfertigen werden«, — 
ferner A. Schäfer, abriss der quellenkunde der griechischen geschichte 
bis auf Polybius, zweite ergänzte und verbesserte aufläge; — Läb- 
ker reallexicon des classischen alterthums für gymnasien. Vierte 
aufläge . . besorgt von Dr A. Eckstein: es wäre doch wohl mehr als 
wünschenswerth, dass statt neuer aufläge die Verlagshandlung darauf 
bedacht nähme, an die stelle dieses überall mangelhaften buches ein 
neues, besseres treten zu lassen; — Q. Horatii Flacci carmina. Rec. 
Luc. Mueller : elegante miniatur- ausgäbe. — Zu der Bibliotheca 
scriptorum Gr. et Rom. Teubneriana gehörig: M. Iuniani Iastini epi- 
tomae historiarum Pompei Trogi ex rec. Franc. Ruehl. Accedunt 
prologi in Pompeium TrogumabAlf. a Gutschmid recensiti et emen- 
dati: Rühl selbst giebt das nähere dieser ausgäbe an und bemerkt, 
dass unmittelbar nach der Vollendung dieser ausgäbe eine grössere 
derselben Schriftwerke in angriff genommen werde, welche den kri- 
tischen apparat mit kritischen noten enthalten solle ; demselben werke 
wird beigefügt sein eine neue Sammlung der fragmente des Pompejus 
Trogus, ausführliche prolegomena und indices. — Aus den Schulausgaben 
mit deutschen anmerkungen ist angekündigt: P. Ovidii Nasonis Fa- 
storum IL VI. Für die schule erklärt von Hermann Peter: der aus- 
gäbe wird ein zweiter besonders verkäuflicher theil hinzugefügt, »wel- 
cher ergänzungen und ausführungen des unter dem text stehenden 
commentars so wie einzelne kritische erörterungen und die in der 
Oxforder ausgäbe von 1827 vergrabenen coniecturen Bentley's zu den 
Fasten enthalten wird«. Wir begrüssen diese neuerung um so leb- 
hafter, als im Phil. Anzeiger von anfang an (s. bd. I, p. 130) darauf 
gedrungen, dass den Schulausgaben auf selbständiger arbeit des her- 
ausgebers beruhende wissenschaftlich werthvolle beigaben nicht feh- 
len dürften: hoffen wir, dass diese ansieht trotz vornehmen ignori- 
rens und trotz der angriffe infallibel sich dünkender schulmänner 
(s. Ph. Anz. III, p. 594) sich immer mehr zum besten unsrer Wissen- 
schaft bahn breche. 

Die Fr. Lintz'sche buchhandlung in Trier kündigt an , dass das 
längst erwartete werk: »Der dorn zu Trier in seinen drei hauptperio- 
den , der römischen , der fränkischen , der romanischen , beschrieben 
und durch XXVI tafeln erläutert von domkapitular von Wilmoicsky«, 
demnächst erscheinen werde, dabei wird die vorrede und der inhalt 
mitgetheilt, aus welchem letztern wir folgendes hervorheben: Römi- 
sche periode. Abtheilung I. Die läge des baudenkmals in der an- 
tiken stadt. Die bodenschichte worauf dasselbe steht. Das verschie- 
denartige baumaterial , das für dasselbe verwendet ist. Der Charak- 
ter der bauanlage: ihres Vorplatzes, ihrer facade, ihres innern. Er- 
gebniss aus den eigenthümlichkeiten des monumentes für seine bau- 
zeit, seinen gründer und seine bestimmung. Der bau, ein werk des 
kaisers Valentinian I: eine grossartige halle für die öffentliche ge- 
richtspflege. Geschichtliche begründung dieser bestimmung, bestäti- 
gung derselben durch eine im mauerwerk aufgefundene münze. Die 
dauer des gebrauchs der Valentinianischen gerichtshalle und die Ursa- 
che ihrer schnellen entbehrlichkeit. Die gründe ihrer Umwandlung 
für den christlichen eult. Die Zerstörung des iunenbaues beim brande 
der stadt durch die Franken, und die dauer des nichtgebrauches nach 
demselben. Abtheilung II. Nähere beschreibung der bauanlage und 
ihrer veränderten einrichtung vom IV. bis VI. Jahrhundert: ergebniss 



Nr. 5. Kleine philologische zeitung. 267 

der Untersuchungen in den jähren 1843—1858: es wird das ausgeführt 
in zwei abschnitten : 1) die fränkische periode , das baudenkmal in 
der marovingischen und karolingiscben zeit; 2) romanische periode, 
das baudenkmal im 11. 12. 13. Jahrhundert. — Der subscriptions- 
preis ist auf 25 thlr berechnet. 

Cataloge von antiquaren : Alfred Coppenrath in Regensburg, Anti- 
quarischer anzeiger, nr. 55: Mayer und Müller in Berlin, verzeich- 
niss einer Sammlung von werken . . . die zu beigesetzten preisen 
verkauft werden, Cat. 2; Antiquarisches verzeichniss 121 von Felix 
Schneider in Basel , Zeitschriften , pädagogik , Universitätsgeschichte, 
Philosophie : dass. verzeichniss 122 neue sprachen und orientalia ent- 
haltend. 



Kleine philologische zeitung. 

Im SenJcenherg^schen museum in Frankfurt a. M. ist die Dr Ros- 
selsche Sammlung von artefacten aus den schweizer pfahlbauten auf- 
gestellt: näheres über sie giebt Reichsanz. 73. 

Aarau. 12. märz. Nachdem das »Neue schweizerische museum, 
Zeitschrift für die humanistischen Studien und das gymnasialwesen in 
der Schweiz« mit seinem 6. Jahrgang im jähre 1866 eingegangen war, 
stellte sich für den verein schweizerischer gymnasiallehrer, welcher 
sich im jähre 1861 in Aarau constituirt und die herausgäbe des mu- 
seum beschlossen hatte, bald das bedürfniss heraus, ein organ zu be- 
sitzen, wodurch es der öffentlichkeit, den behörden und den Mitglie- 
dern, der zunft der paedagogen und weitern kreisen, die sich für 
das gymnasialwesen interessiren , nachrichten gebe von seinen Ver- 
handlungen und von dem schweizerischen gymnasialwesen. So ent- 
standen folgende publicationen : 

1) Zusammenstellung der gymnasiallehrpläne der deutschen Schweiz, 
der bedeutendsten deutschen Staaten und Frankreichs nebst paeda- 
gogischen thesen von prof. Dr Uhlig in Aarau und prof. Dr Burch- 
hardt- Brenner in Basel, in Aarau 1868; 

2) Verhandlungen des Vereins schweizerischer gymnasiallehrer 
an der (IX.) lehrerversammlung zu St. Gallen, Aarau 1869; 

3) Zweites, drittes und viertes jahresheft des Vereins schweizeri- 
scher gymnasiallehrer zu Bern, zu Ölten und zu Frauenfeld , Aarau 
1870, 1871, 1872. Sämmtlich in commission bei H. R. Sauerländer in 
Aarau. 

Den Vorläufer bildet die unter 1) genannte schrift. Sie enthält 
thesen von Vertretern der historisch -philologischen und der mathe- 
matisch-naturwissenschaftlichen fächer aufgestellt, bestimmt die grund- 
lage zu bilden für berathungen über die wünschbare einrichtung des 
lehrplans der schweizerischen gymnasien, mit besonderer berücksich- 
tigung der frage inwiefern eine beschränkung der fächer oder inner- 
halb der einzelnen fächer wünschbar sei. Nachdem in vier paragra- 
phen zweck und aufgäbe des gymnasialunterrichts bestimmt und als 
statistische grundlage für die weitern thesen eine Zusammenstellung 
der lehrpläne von 17 gymnasien der deutschen Schweiz — von 7 ta- 
bellarisch, von den übrigen summarisch — ferner, derjenigen von 
Preussen (1856) Oesterreich (1854) , Bayern (1854), Stuttgart (1867), 
der französischen Lycees (1865) und der englischen obern schule in 
Eton (1861) — dazu gehört die generaltabelle am schluss — gege- 
ben ist, wird im folgenden zunächst umfang und ziel der einzelnen 
gymnasialfächer bestimmt, und zwar von religion, philosophischer 
Propädeutik, deutsch, latein, griechisch, französisch, geschichte und 



268 Kleine philologische zeitung. Nr. 5, 

geographie , mathematik, naturgeschichte, physik, hebräisch, englisch, 
italienisch, zeichnen, gesang, turnen und militärübungen mit festse- 
tzung des minimum der Stundenzahl, berechnet für ein gymnasium 
von sieben lehrcursen ; ferner wird ein entwurf eines normallehrplans 
mitgetheilt, und schliesslich die frage berührt, inwiefern es zulässig 
sei realschulen als vorbildungsanstalten für gyrnnasien zu verwenden. 

Die discussion über diese thesen, welche der lehrerversainnilung des 
Vereins in St. Gallen zur berathung vorlagen, ist enthalten in der unter 
2 genannten schrift. Den anfang derselben machen die auf die einzelnen 
aufstellungen bezüglichen beleuchtungen der beiden referenten, Uhlig 
und Burckhardt, und um die hierin berührten punkte dreht sich 
dann auch hauptsächlich die debatte: behandlung und ausdehnung 
des naturwissenschaftlichen Unterrichts , zulässigkeit der chemie als 
Unterrichtsfach am gymnasium. Anhangsweise in ergänzung der Zu- 
sammenstellung der lehrpläne (1) ist die tabellarische Übersicht der 
lehrpläne von sieben gyrnnasien der deutschen Schweiz gegeben. 

Die unter 3 angeführten publicationen bringen nicht mehr nur 
das protocoll der Verhandlungen über pädagogische fragen, sondern auch 
die auszüge oder den Wortlaut von vortragen wissenschaftlichen in- 
halts und nachrichten über entstehung und geschichte schweizerischer 
gyrnnasien. Besprechungen über fragen der gymnasialpaedagogik 
finden sich im zweiten heft : auszug aus einem Vortrag des Dr Bäb- 
ler in Bern über den deutschen Unterricht als mittelpunkt des Unter- 
richts am gymnasium, und die discussion über denselben, aus welcher 
wir hervorheben die voten von Dr Uhlig, jetzt lyceumdirector und a. 
0. professor an der Universität in Heidelberg, und von prof. Dr Schwei- 
zer-Sidler in Zürich; im dritten: thesen über die disciplin der schüler 
ausserhalb der schule, besonders in bezug auf wirthshausbesuch, ver- 
einswesen, convicte , aufgestellt und begründet von rector Hunziker 
in Aarau, und die manches piquante enthaltende discussion über die- 
selben; ferner thesen über das maturitätsexamen aufgestellt und ein- 
gehend begründet von Dr Dziatzko , damals in Luzern , jetzt oberbi- 
bliothecar in Breslau ; im IV. die discussion des grössern theils der 
von Dziatzko aufgestellten thesen über das maturitätsesameu, deren 
vertheidigung durch H. Uhlig geführt wurde , noch eine besprechung 
des lehrplans der zürcherischen gyrnnasien mit bezug auf den ent- 
wurf des neuen unterricbtsgesetzes. Von wissenschaftlichen vortragen 
enthält heft II nur kurze auszüge : weil. Dr Zündel in Bern über den 
einbrach fremder Völker in Aegypten zur zeit des Pharao des Exo- 
dus, und Dr Bachmann in Bern über die geologischen entwickelungs- 
phasen der gegend von Bern ; III. : einen Vortrag des prof. Dr W. 
Vischer in Basel über die antiken büsten des Apollon und Herakles 
in Basel (s. Philol. Anz. bd. IV, nr. 3, p. 151 flg.) und des H. Krippen- 
dorf in Aarau über Photographien auf collodiano ; IV. : einen Vortrag 
von Dr Haag in Frauenfcld über einige nutzanwendungen der ver- 
gleichenden grammatik für die schule. — Die geschichtlichen nach- 
richten über schweizerische gyrnnasien betreffen erste folge in II: die 
schulen von Aarau, Altdorf, Bern, Chur, Einsiedlen, Frauenfeld, St. 
Maurice, Neuenburg, Pruntrut, Schaffhausen, Winterthur, Zürich; 
zweite folge in III: Engelberg, St. Gallen, Samen, Solothurn, Zug; 
dritte folge in IV: Basel, Luzern, Schwyz. Einen überblick über die 
thätigkeit des Vereins von 1861 — 1S70 giebt die begrüssungsrede 
des Vorsitzenden an der Jahresversammlung in Ölten, des Dr Uhlig, 
im III. heft. 

Die sämmtlichen publicationen, deren inhalt hier kurz vorgeführt 
ist, enthalten mancherlei, was die beachtung auch der gymnasialleh« 
rer und schulbehörden Deutchlands verdienen dürfte. — H. Wz. 



Nr. 5. Kleine philologische zeittmg. 269 

München, 16. märz. In den räumen des kunstvereins hat die firma 
»Franz Steigerwalds neffe« zwei glasvasen, welche copien von in gräbern 
zu Pompeji gefundenen, und für die Weltausstellung in Wien bestimmt 
sind, ausgestellt: nach der Augsb. Allg. Ztg. Beil. nr. 78, die sie nach 
Zahn's werk näher beschreibt, sind sie der höchsten beachtung würdig. 

In Pompeji sind in der mitte des märz in dem vestibul eines 
kleinen hauses zwei skelette gefunden, davon eines, das einer frau, 
ein schweres goldnes armband von ungewöbnlicber form trug. Im 
garten fand man die Statuette eines philosophen von terracotta: im 
gartenhäuschen aber eines nebenhauses die wohlerhaltene kolorirte 
marmorstatue einer Venus, von etwa einem meter höhe, der nur zwei 
finger der rechten hand abgebrochen sind. Die haare sind gelb ge- 
malt, die augenbrauen und die ränder der augenlieder schwarz, das 
gewand, welches über den linken arm herabhängt und die beine be- 
deckt, ist aussen gelb mit rothen bändern, im innern derselben sind 
spuren von blauer färbe. Die linke hand, welche einen apfel hält, 
stützt sich auf ein kleines figürchen, dessen gewandung gelb, grün 
und schwarz bemalt ist. Die nackten theile sind nicht bemalt: Reichs- 
anz. nr. 74. Beil. zur Augsb. Allg. Ztg. nr. 85. 

Wien. 19. märz. In Wien soll eine »orientalische academie« 
errichtet werden, deren plan die N. Fr. Pr. bringt und von der 
Augsb. Allg. Ztg. nr. 81 reproduzirt wird. So flickt man an den 
Universitäten herum, und legt auf das alte zeug oder an dasselbe neue 
und andersfarbige läppen und sieht nicht, dass dadurch allerdings 
etwas sehr buntes, aber durchaus nichts haltbares entsteht. 

München. 21. märz. Dieser tage fand die aufführung der Anti- 
gone des Sophokles statt, bei vollem hause: die darstellung war vor- 
trefflich, aber der erfolg kein grade zu erfreulicher: es wurde wenig 
geklatscht. Es bespricht dies die beil. zur Augsb. Allg. Ztg. nr. 80 
des näheren und stellt beachtenswerthe betrachtungen über den ge- 
genwärtigen zustand des drama bei uns an. Ueberall kla.gen über 
das publicum, überall tadel: wo steckt denn der grund davon? Will 
man denn überall nicht sehen, dass unser gesammtes unterrichts- 
wesen der durchgreifendsten reform bedarf? 

London. 24. märz. Nach der Levant Times ist kürzlich in der 
nähe des dorfes Iris auf Kreta eine antike statue der Venus gefun- 
den: sie soll in das neugegründete museum von Konstantinopel ge- 
schickt werden. 

Ueber den römischen votivaltar des Gellius in Seligenstadt, des- 
sen inschrift bei Brambach. Corp. Inscr. Rhen. n. 1406 zu lesen, hat 
A. Duncker in den nächstens erscheinenden Hanauer Blättern der Ver- 
gangenheit und gegenwart, nähere nachweisungen gegeben, von denen 
in Reichsanz. nr. 77 ein kurzer auszug steht: auf ihm findet sich der 
name des Geta, des braders des Caracalla, ausgekratzt, was Duncker 
aus Dio Cass. LXXVII, c. 12 des weitern erläutert. 

London. 26. märz. Die society of Antiquaries in London hatte 
an den schatzkanzler mit dem gesuche sich gewandt, auf Staatskosten 
die erforschung der gräber um Troja vornehmen zu lassen. Der 
schatzkanzler lehnt das in einem vom Reichsanz. n. 78, Augsb. Allg. 
Ztg. n. 94 und 95 mitgetheilten sarkastisch gehaltenen briete ab : se 
lordschaft meint, es würde dabei nichts herauskommen , was für das 
grosse publicum von interesse wäre, ferner aber, dass die reichen in 
England für dergl. geld selbst haben würden und müssten. Der Prä- 
sident der Society, lord Stanhope, hat freilich dagegen replicirt, aber 
doch dem öffentlichen spott nicht entgehen können : die Times mei- 
nen, man Bolle taucher nach den Dardanellen schicken, um die goldne 



270 Kleine philologische zeitung. Nr. 5. 

rauchpfanne und den goldnen becher und den säbel, die Xerxes nach 
Herod. VII, 54 in den Hellespont geworfen, heraufschaffen zu lassen; 
oder nach Eion, von dessen mauern der Perser Boges sich mit fami- 
lie und ganzem vermögen in den Strymon gestürzt habe. 

Heidelberg. 25. märz. Die stadt dehnt sich aus und so müssen 
die kirckhöfe aufgehoben und verlegt werden : so kommt denn auch 
das grab von J. H. Voss in gefahr vernichtet zu werden. Es ist 
durch einen rothen Sandstein mit folgender inschrift bezeichnet: »hier 
ruht seit dem 1. april 1826 nächst dem am 20. oct. 1822 vorange- 
gangenen geliebten söhne Heinrich Voss, das was der erde angehört 
von Johann Heinrich Voss geboren den 20. februar 1751. Diesen 
stein setzte Ernestine Voss, 40 jähre lang seine lebensgefährtin. Hier 
wird auch ihr staub ruhen. Sie ruht nun hier, geboren am 31. Ja- 
nuar 1756, gestorben am 10. märz 1834«. Hoffentlich wird, wenn es 
die stadt nicht von selbst thut , die universtät veranlassen , dass für 
zweckmässige erhaltung des grabes und steines sorge getragen werde : 
gerade die gegenwart mahnt daran: der 29. märz 1826 ist der todes- 
tag des »nie genug zu schätzenden Voss«. Vrgl. Augsb. Allg. Ztg. 
Beil. zu nr. 86. 

Berlin. 1. april: sitzung der archäologischen gesellschaft : nach 
erwähnung neuerer Schriften ward von E. Curtins näher eingegangen 
auf Doell, verzeichniss der Sammlung Cesuole und das beim dorfe 
Atienu gefundene heiligthum näher beschrieben. Trendelenburg be- 
richtet über einen in Pompeji gefundenen leider sehr zerstörten 
Erotenfries, Engelmann von der reise Conze's — s. ob. n. 3, p. 171. 
— nach Samothrake, legte auch die Photographie eines kopfes der 
Hygieia und abbildung zweier in Centocelle bei Rom gefundenen mo- 
saike an. Auf anlass des buches von Dumont, Inscriptions ceramo- 
graphiques de Qrece sprach Brandis von den rhodischen, thasischen, 
knidischen und olbischen thonhenkel - inschriften, Jordan von einem 
im Bulletino archeologico Municipale lieft 1 (Rom 1872) publicirten 
grundrisse von gebäuden darstellenden mosaik, Adler, über die aus- 
grabungen Wood's in Ephesos und erläuterte den von diesem aufge- 
stellten grundriss des Artemision daselbst. Vrgl. D. Reichsanz. nr. 91. 

Frankfurt a. M. 2. april. Das osterprogramm unseres gymna- 
sium enthält die Statuten der grossartigen Kbnigswerter'schen studien- 
stiftung von 300000 gülden: einen auszug daraus theilt die Augsb. 
Allg. Ztg. nr. 95 mit. 

London. 3. april. Nach der Times ist dem vice-könig von Ae- 
gypten eine adresse überreicht und von ihm sehr freundlich aufge- 
nommen worden, in welcher gebeten wird, die altägyptischen denk- 
mäler , tempel u. s. w. vor der Verewigungssucht der reisenden aus 
dem westen in schütz zu nehmen, eben so auch reparaturen vorneh- 
men zu lassen : die etwaigen kosten könnten wie in Pompeji u. s. w. 
durch ein eintrittsgeld gedeckt werden: Augsb. Allg. Ztg. n. 96. 

München. 6. April. Der künig von Baiern hat das ehrenprotec- 
torat für den Münchener alterthumsverein huldvoll angenommen. 

München. 15. april. Aus der von dem Hermann -denkmal-co- 
mite ausgeschriebenen concurrenz für eine lateinische inschrift an 
der basis des denkmals ist folgende von prof. Ferrucci in Pisa ver- 
fasste als preisgekrönt hervorgegangen: 

Heic tibi romano rubuerunt sanguine valles 

Duxque datus trina cum legione neci, 
Hostibus heic terror post saecula multa resurgo 
Vindex germani nominis Arminius. 



Nr. 5. Auszüge aus Zeitschriften. 271 

Auszüge aus Zeitschriften. 

Augsburger Allgemeine Zeitung 1873: Beil. zu nr. 23: ein ca- 
talanisches thierepos : schliesst an einen aufsatz Hofmanns in den 
Abhandl. der k. bayer. acad. d. wiss. zu München 1872 an. — Nr. 
24: zur Sydowschen angelegenheit. — Beil. zu nr. 24. 25: Schel- 
lings leben von Kuno Fischer. — Beil. zu nr. 25. 26. 27: zur ge- 
schichte der geistlichen spiele in Deutschland. — Auch ein wort über 
Louis Napoleon : bezieht sich auf ob. nr. 16. — Beil. zu nr. 26: der schul- 
zwang in Ungarn. — Nr. 29. 31 : die Gramontschen enthüllungen und die 
deutsche politik. I. IL — Beil. zu nr. 29. 30. 32: die Laurionfrage. Von 
B. v. Cotta. I. IL III. IV. — Zur sache Sydow und für Würtemberg. 

— Beil. zu nr. 30: pfahlbauten in der nähe von Leipzig. — Nr. 
34: zur pädagogischen literatur: gegen die schrift von Beck in Gies- 
sen. — Beil. zu nr. 37 : Dr Bischoffs reise nach Palinyra. — Nr. 
38: protest des preussischen episcopats gegen die Falk'schen ent- 
würfe. — Beil. zu nr. 38: George Sand über Napoleon III. — Nr. 41 : 
Conze's mittheilung über die reise nach Samothrake: s. ob. nr. 3, p. 171 
und p.270. — Nr. 42: Stipendium für geschichte in München. — Beil. 
zu nr. 42. 46. 49 : zur Orientierung über die weit : anzeige von J. J. 
Baumann, philosophische orientirung über die weit. I. IL III. — Ko- 
stümkunde von H. Weiss: anzeige. — Nr. 43. 46. 49. 51. 56: denk- 
schrift des preussischen episkopats. 1. IL III. IV. V. — Beil. zu 45 : 
fund antiker statuen in Athen : s. ob. n. 3, p. 174. — Beil. zu 51. 
52: zur orientirung über die descendenzlehre. — Beil. zu nr. 52: 
die verse des h. Augustinus über die bibel: sie stammen aber vom 
Basler Werenfels: beil. zu nr. 81. — Beil. zu nr. 54. 55. 80. 81. 82. 
86. 88: ägyptische reisebriefe von Lauth, IV. V. VI. VII. VIII. — 
Nr. 55. Beil. zu nr. 59: zur italienischen nekrologie. — Beil. zu 
nr. 56. 63. nr. 76. beil. zu nr. 77: die schimmelkirchen zu Haledau. 
Commentar zu Tacitus Germania. Von Dr Sepp , I. IL III. — Nr. 
58: Ebert's entdeckungen in Egypten: s. ob. n. 3, p. 174. — Beil. 
zu nr. 58. 59: geschichte der stadt Rom im mittelalter von Gregoro- 
viüs : anzeige. — Nr. 59 : Marezoll f — Nr. 60 : religion und Wis- 
senschaft : staat und kirche : anzeige des buchs von Zeising eine gott- 
und Weltanschauung u. s. w.: wird empfohlen. — Beil. zu nr. 61: 
Heinrich Kurz, nekrolog. — Beil. zu nr. 65: Reumont's geschichte 
der stadt Rom: bemerkungen des vfs gegen anzeigen in der Allge- 
meinen zeitung. — Beil. zu nr. 66: die ausgrabungen auf der ebene von 
Troja: s. ob. nr. 4, p. 218. — Nr. 77: Fürst Bismark und hr. v. Müh- 
ler. — Beil. zu nr. 77: briefe aus Sicilien : vrgl. nr. 46. — Nr. 78: 
Max von Ring, als alterthumsforscher im Elsass bekannt, f. — Beil. 
zu nr. 78: pompeianische vasen: nachbildung derselben: s. ob. p. 269. 

— Beil. zu nr. 80 : Schleich , glossen zum strikewesen. — Beil. zu 
nr. 80: Sophokles in München: s. ob. p. 269. — Nr. 80: der deut- 
sche episkopat. — Nr. 67: mädchen-lyceum in Graz. — Die uni- 
versitätsbill für Irland. — Beil. zu nr. 67 : das k. bayerische armee- 
korps im kriege 1870/71. — Africanisches forschungswerk: bespricht 
deutsche Unternehmungen nach Africa. — Zur Imitatio Christi: wird auf 
das autograph in Brüssel aufmerksam gemacht. — Nr. 68 : Beil. zu nr. 68. 
nr. 70. 73: die universitätsbill für Irland. — Beil. zu nr. 68: Ulrici's na- 
turrecht: anzeige. — Nr. 70: erste Versammlung der Societe pour la con- 
servation des monuments d' Alsace nach dem kriege. — Nr. 71: Baker' s 
expedition am obern Nil. — Nr. 43: weiblicher doctor in Leipzig. 

— Beil. zu nr. 73. 74 : vulkane und erdbeben : bericht über das 
buch von Poulett Scrope über vulkane. — Beil. zu nr. 75 : die neuen 
funde in Moab. — Anzeige des buchs von Beule, Fouilles et 



272 Auszüge aus Zeitschriften. Nr. 5. 

decouvertes resumees et discutees en vue de Vhistoire de l'art, in dem die 
die ausgrabungen in Karthago betreffenden stellen besonders zu be- 
achten sind: s. ob. nr. 4, p. 222. — Beil. zu nr.-81: die lateinischen ge- 
dieh te des professor Werenfels in Basel nach dessen Opuscula, 3 bde. 
Basel 1782. — Beil. zu nr. 82: staat und kirche in theorie und pra- 
xis. — Beil. zu nr. 84. 85 : H. Ullmann , Fr. von Sickingen : einge- 
hende anzeige. — Roma sotterranea: anzeige von Kraus' werke. — 
Beil. zu nr. 85: ein beitrag zur geschichte des Gaudeamus igitur. — 
Beil. zu nr. 86: kurze anzeige von G. Volkmar , über die römische 
pabstmythe: der vf. weist nach, dass Petrus nur zwischen 60 — 64 p. 
Chr. in Rom gewesen sein könne, also in einer zeit, wo in Rom die 
christliche kirche längst bestanden habe. — Nr. 87 : schulrath J. C. 
v. Held zu Baireuth f — Beil. zu nr. 87: Fr. Schlie, eine griechi- 
sche metope : bespricht eine von Schliemann in Ilium gefundene me- 
tope und sucht sie in die römische zeit zu setzen, während Schlie- 
mann u. a. sie in die zeit der attischen kunst setzen wollen: vrgl. 
Archäol. Ztg. bd. V, heft 3, p. 57. — Nr. 89: der historiker Ama- 
dee Thierry zu Paris f- — Beil. zu nr. 89 : ein spanisches werk über 
Sprachwissenschaft : ausführliche anzeige von : El estudio de la filolo- 
gia en so relacion con el sanskrit for D. Francisco Garvia Ayuso. 
8. Madrid. 1871, 376 s. - Nr. 90: Piloty's Thusnelda. — Beil. 
zu nr. 92: der index lectionum der Universität Wien: wird eben nicht 
glimpflich besprochen. — Beil. zu nr. 93. 91: neue beitrage zu den 
Streitfragen der entwicklungslehre. I. — Beil. zu nr. 94: zeitbetrach- 
tungen. — Beil. zu nr. 95. 96: die Araber in Sicilien: anzeige des 
buebes von 31. Amari, storia del Musulmani di Sicilia. I — III. Fi- 
renze, 1854—72. — Beil. zu nr. 96: zur Jugendgeschichte des feld- 
marschalls von Moltke. — N. 97: zur literatur der christlichen 
kunst. — Beil. zu nr. 101. 102. nr. 111. beil. nr. 112. nr. 118: Ae- 
gyptische briete von Lauth, IX. X. XI: das königliche theater: Aby- 
dos. — Beil. zu nr. 102: das alter des menschengeschlechts. — Mit- 
theilung von Benndorf's erklärung der im berliner museum befindli- 
chen bronzestatue , »der betende knabe« genannt: Benndorf fasst 
sie als einen vor dem kämpfe in der palästra die götter um den 
sieg anflehenden knaben. — Beil. zu nr. 105. 106: Tylor , anfange 
der kultur. I. II. — Beil. zu nr. 107: Hassler in Ulrn f. — Nr. 109. 
Beil. zu nr. 121: nachrichten von dem Africa- reisenden Nachtigal. — 
Archäologischer fund in Rom : s. ob. nr. 3, p. 1 74 und unt. nr. 6. — Beil. zu 
nr. 114: papyrus Ebers. Das buch vom bereiten der arzeneien für alle 
körpertheile von personen : giebt die geschichte der erwerbung dieses 
hieratischen papyrus und den inhalt. — Die hohe frau von Milo: 
ausführliche anzeige von WGrW. des buches gleichen titeis von V. 
Valentin. — Kurze anzeige des buchs von A. v. D umreicher : die Ver- 
waltung der Universitäten seit dem letzten Systemwechsel in Oester- 
reich. — Nr. 115: Wolfgang Menzel f- — Beil. zu nr. 115: fest- 
sitzung des archäologischen instituts in Rom: s. unt. nr. 6. — Beil. 
zu nr. 117: zur literatur über Tacitns Germania: kurze anzeige von 
Holtzmami's von Holder herausgegebenen germanischen alterthümern. 
— Das k. antiquarium in München. — Beil. zu nr. 119: Friedrich 
Wilhelms IV briefwechsel mit Bunsen : sehr zu beachtende anzeige von 
L. v. Ranke's buche. — Beil. zu nr. 120. 121 : kurze angäbe von 
neuerdings in der Pfalz gefundenen römischen alterthümern. — Beil. 
zu nr. 121: Wuttke's geschichte der schritt und des schriftthums : an- 
zeige dieses buches. 



Nr. 6. Iuni 1873. 

Philologischer Anzeiger. 

Herausgegeben als erganzung des Philologns 



Ernst von Lentsch. 



156. Jubeo und seine verwandte. Altbactrisch yaozhdä = 
sanskritisch yaud oder yaut , beide beruhend auf einer grund- 
form *yavas-dhä; altbactrisch yaozhdaya = lateinisch *jousbe — 
in joubere, jübere, beruhend auf einer grundform *yavas-dhä 
mit affix aya. Von Theodor Benfey. 4. Aus dem sechzehn- 
ten bände der abhandlungen der königlichen gesellschaft der Wis- 
senschaften zu Göttingen. 1871. — 20 gr. 

Erwartungsvoll begrüsst man eine monographie, wie die 
vorliegende, in welcher Th. Benfey, „im kleinsten punkte die 
höchste kraft" zu sammeln scheint. Haben sich doch am 
verbum iubeo die etymologen seit Jahrhunderten immer und 
immer wieder versucht, und zwar namentlich seit gründung 
der Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung mit erneutem 
eifer, zahlreicher anderweitiger behandlungen gar nicht zu ge- 
denken. Der gegenständ ist also einer Untersuchung auf 44 
quartseiten nicht unwürdig. Indessen dem eigentlichen ergeb- 
nisse dieser weitschichtigen Specialstudie wird man nicht bei- 
pflichten können. 

Fassen wir zuerst Benfey's ansieht mit seinen eignen Wor- 
ten (p. 44) kurz zusammen: „Jubeo steht für ursprünglicheres 
jousbeo, zusammengesetzt aus jous und einer ableitung auf aya 
von dem grundsprachlichen verbum dhä, mit Übergang des dh 
in b. In der grundsprache würde die Zusammensetzung yavas- 
dhaya gelautet haben; dieses ist wiedergespiegelt im altbactri- 
schen yaozhdaya, welchem lateinisches jousbe für jousbeje genau 
entspricht. Diese basis auf grundsprachliches aya ist im La- 
tein, wie in vielen andern fällen, auf das praesens und die da- 
mit zusammenhängenden formen beschränkt. Im perfectum 
u. s. w. liegt die Zusammensetzung mit dem primären verbum 
Philol. Aaz. V. 18 



274 156. Grammatik. Nr. 6. 

dJid zu gründe, welche sich im altbactrischen yaozhdä erhalten 
hat; allein im latein ist, wie in den indogermanischen sprachen 
vielfach und in diesem fall auch speziell im sanskrit , das aus- 
lautende d eingebüsst, so dass die basis jousb entstand, entspre- 
chend dem sanskritischen yaui yaut und *yot, dort wie hier für 
ursprünglicheres yavas-dh. Das stumme s ward später vor 
dem tönenden laute, hier b, eingebüsst, also joubeo; dafür dann 
jubeo. Doch wie s in eisdem für idem , msc. , noch zwischen 
144 — 105 vor Chr. erscheint, so fand auch die einbusse in 
jousb erst zu einer zeit statt, wo perfect, particip u. s. w. schon 
gebildet waren. Jenes war, nach analogie von sorp-si zu sor- 
beo, aus jousb durch si gebildet und lautete also ursprünglich 
vielleicht jousb - si , dann durch theilweise assimilirung des tö- 
nenden b an das stummes, jousp-si; das particip knüpfte, nach 
analogie von labor lapsus , das affix to mit Übergang des t in 
s an, so dass auch hier jousp - sus entstand. Sowohl in jouspsi 
als jouspsus fiel das p zwischen den beiden s dann aus". So 
Benfey. 

I. Die beiden s haben also nach Benfey gemeinschaftlich 
die ausstossung des p, behufs erleichterung der ausspräche , be- 
wirkt. Est ist aber eine thatsache, dass im perfekt 
bis gegen die Ciceronische zeit hin nur ein s vor- 
handen war; über das particip lässt sich nichts bestimmtes 
sagen. 

In den ersten 80 jähren nach einführung der consonanten- 
verdoppelung, von dem noch in die Ennianische zeit fallenden 
dekret des L. Aemilius Paullus an, das 1867 in Spanien aufge- 
funden wurde (C. Inscr. L. II, n. 5041), bis zum agrargesetz 643 
d. st. (C. Inscr. L. I, n. 200), begegnen wir, abgesehen vom S. C. 
de Bacchanalibus , welches überhaupt noch keine consonanten 
verdoppelt, dem perfekt und den davon abgeleiteten formen, 
iousi, iusi, iuserit U.S.W, vierzehn mal, einmal im Repetundenge- 
setz dem particip iusei, kein einzigesmal einer form dieses ver- 
bums mit ss. Das ioussimus iousierunt der plumpen falscher, 
welche die genuesische tafel bei anfertigung des schiedsrichter- 
ßpruchs inter Asylianos et Aenetos ac Patavos benutzten (C. Inscr. 
L. V. * 121), kommt natürlich eben so wenig in betracht, wie 
ihr dreimaliges iossuimm. 

Für die nächsten sechzig jähre mangeln uns freilich alle 



Nr. 6. 156. Grammatik. 275 

inschriftlichen anhalt9punkte sowohl für iusi als für iussi. Die 
lücke wird aber hinlänglich ausgefüllt durch das bestimmte 
zeugniss des Quintilian in der bekannten stelle I, 7, 21, wo 
er berichtet, dass sowohl Cicero als Virgil, wie ihre noch er- 
haltenen handschriften auswiesen , caussae cassus divissiones ge- 
schrieben hätten; atqui paulum anteriores, fährt er fort, etiam 
illud, quod nos gemina s dicimus, iussi , una dixerunt. Gewöhn- 
lich denkt man bei paulum superiores an die periode vor En- 
nius, wie denn auch Eitschl Mon. epigr. tr. p. 3 und p. 34 
alle Verdoppelung schon für die zeit, wo man noch ou schrieb, 
anzunehmen scheint: IOVSSI. Aber jene auslegung von pau- 
lum superiores: die Römer, die ein ganzes Jahrhundert früher 
lebten, wäre doch wohl eine sehr freie, und ausserdem begreift 
man nicht, warum Quintilian denn gerade das eine iusi aus der 
uozahl der Wörter , in denen es sich überhaupt um einfache 
oder doppelconsonanten handelt, herausnähme und es den obi- 
gen drei beispielen einer wieder ziemlich abgekommenen Schrei- 
bung gegenüberstellte. Die einzig mögliche interpretation sei- 
ner worte ist vielmehr diese: es ist auffallend, dass man kurz 
vor Cicero das perfect von iubeo noch mit einfachem s schrieb. 

Wurde aber noch so lange nach Ennius iusi geschrieben, 
so hat auch Ennius selbst so geschrieben, und es ist nicht blos 
so geschrieben, sondern auch so gesprochen worden. Denn es 
ist ganz unglaublich, dass man, nachdem man in so vielen an- 
dern Wörtern sich der doppelconsonanten zu bedienen angefan- 
gen, sie im perfect u. s. w. von iubeo so lange zeit hindurch 
verschmäht hätte , wenn man ein verschärftes s gehört hätte. 
Anders ist es in zeiten , wo die Schreibweisen schwanken, wo 
eine neuere auftaucht und mit der altern um die herrschaft 
streitet; da ist gewiss die ältere Schreibweise die wahrere be- 
zeichnung der gleichzeitigen ausspräche. Das gilt in unserm 
falle in betreff der lex Rubria vom j. 705 und der lex Iulia mu- 
nicipalis vom j. 710 (C. Inscr. L. I , n. 206 und 205, Ritschi 
XXXIII— XXXIV und XXXII). Die lex Rubria hat viermal 
iussum, die lex Iulia in iuset iuserit viermal ein einfaches s. 
Von da an begegnet man nur mehr der Schreibung iussi ius- 
sum; auf inschriften kenne ich nur eine einzige ausnähme: C. 
Inscr. L. V, n. 215 iusit; iussit findet sich unzählige male. 

Nun kann es zwar mit der phonetischen Ursache, weshalb 

18* 



27 6 156. Grammatik. Nr. 6. 

so lange nur ein s gesprochen wurde, immer noch eine besondere 
bewandtniss haben, denn es lässt sich nachweisen, dass die 
Ennianische und die nachklassische periode ein doppeltes s nach 
langem vokal im allgemeinen nicht vertrugen; aber dieser 
umstand dürfte der Benfey'schen hypothese kaum zu gute kom- 
men. Denn dass die beiden s zuerst das zwischenstehende p 
verdrängten und dann zu einem s verschmolzen sein sollten, 
das wäre doch eine zu künstliche annähme, der man, so lange 
sie sich nicht wenigstens durch eine einzige analogie stützen 
lässt, den glauben versagen müsste. Einstweilen sieht man nicht 
ein, weshalb die spräche nicht einfach das erste s, das schon 
in unvordenklicher zeit als schliessendes s einen schwachen laut- 
lichen werth gehabt haben müsste, ausgestossen und iupsi iu- 
jpsum gebildet hätte, wenn überhaupt ein dhd oder be dem per- 
fectum zu gründe läge-, ein umstand, der auch Corssen's neueste 
ansieht widerlegt (Aussprache II. aufl. bd. II, p. 1027): iussi 
sei gleich iushipsi von iushibeo, die beiden s hätten sich vereinigt. 

IL Benfey's hypothese ist aber auch für das präsens be- 
denklich. Denn wenn zur zeit der constituirung des italischen 
sprachzweigs, Vorbildung des speeifisch lateinischen perfects und 
partieips , ein jusbeje, jusbe bereits existirt hätte , so bliebe es 
unerklärlich, dass die perfectbildung u. s. w. ohne jegliche ein- 
wirkung jenes angefügten verbums, das ja mit dem ersten be- 
standtheile bereits zu einem ganzen verwachsen gewesen wäre, 
hätte erfolgen können. 

III. Andere nehmen kein praesens jousbeo zu hülfe, son- 
dern halten sich an die historischen formen ioubeo iubeo; dem- 
gemäss statuiren sie auch keine ausstossung des b, sondern des- 
sen assimilation. Se schon Priscian I, 44 Keil -Hertz: B 
transit in s: iubeo iussi. Von neuern sei hier nur Bopp (Ver- 
gleich, grammatik II. ausg. bd. I, p. 172) erwähnt. Dieser an- 
sieht stände die Schreibung iusi iousi, wofern man nur dabei 
eine länge ausspricht, an und für sich nicht im wege. Aber 
eine assimilation von b zu « lässt sich im lateinischen nicht 
nachweisen; scribo , nubo, glubo, labor verhärten die media vor 
e; repo, saepio , depo bewahren die tenuis. Eine begründung 
jener grossen lautlichen abweichung versucht nur Curtius, 
wenn er (Bildung der tempora und modi p. 306) sagt: die assi- 
milation von b und s hat wenigstens in der sehr häufigen des 



Nr. 6. 156. Grammatik. 277 

verwandten v ihr analogon, z. b. liberassem für liberavsem. Aber 
es müsste erst bewiesen werden, dass die spräche das doppelte 
8 früher in den contrahirten , als in den nichtcontrahirten for- 
men eingeführt, dass sie also gleichzeitig liberassem gebildet und 
liberavisem bewahrt hätte. Eine Scipionengrabschrift , die des 
flamen dialis (Mommsen n. 33, Ritschi XXXIX F) , die man 
gewöhnlich ohne zwingende gründe gegen ende des VI. jahrh. 
setzt, deren buchstabenformen aber eher auf den anfang des 
VII. hinweisen, hat nicht blos licuiset , sondern auch superases, 
und zwar neben terra und essent. Anderes material ist zur zeit 
noch nicht vorhanden. 

IV. Somit bliebe die annähme noch immer unvermeidlich, 
dass dem perfekt und particip ein veraltetes, einfacheres ver- 
bum iousere oder iousere zu gründe liege ; ausserdem wäre noch 
festzuhalten , dass das jetzige praesens erst auf lateinischem 
sprachboden entstanden und auf IOV-S und ein zweites latei- 
nisches wort, am wahrscheinlichsten habeo {-hibeo, wie praefhij- 
beo, deßijbeo, manubiae), wie auch Corssen in den Kritischen bei- 
tragen p. 241 noch glaubte, zurückzuführen sei. Allerdings sind 
auch diese analogieen nicht vollkommen zutreffend, die Unzu- 
länglichkeit der bisherigen andern erklärungen wird aber durch 
diese einwendung nicht beseitigt. 

Die Verkürzung des u in dem nur positionslangen iussi ius- 
sunt und die Ursache dieser nachträglichen Verdoppelung des s 
lassen sich nur im Zusammenhang mit andern erscheinungen 
aus dem gebiete der gemination besprechen, was ich demnächst 
im Philologus zu thun gedenke. 

V. Die bedeutung unseres verbums beschränkt sich 
in der gesetzessprache bekanntlich nicht auf befehlen ; schon 
den alten hat sie Schwierigkeiten gemacht. Die excerpte 
aus Festus besagen: iubere ponebatur pro dicere, quod valet 
interdum pro decernere , ut: populus iussit. Bei der wieder« 
gäbe des SC. de Bacchanalibus, worin es zweimal (z. 9 und 
18) mit zulässig erklären zu übersetzen ist, sagt Livius dafür 
permittere (XXXIX, 18). Die verschiedenen formalen deutungen 
bei den neuern involvirten ebenso verschiedene hypothesen über 
die ursprüngliche bedeutung. Benfey übersetzt das angeführte 
sanskritische und baktrische wort p. 23 Verbindung machen, ver- 
binden ; iubere p. 44 : recht setzen, als recht hinstellen (legem), ver- 



278 157. Musik. Nr. 6. 

fügen, zu recht bestellen, wählen (regem, tribunos), in bezug auf je- 
mand als recht hinstellen, dann einerseits berechtigen (iussus possi- 
derej, andrerseits verpflichten , befehlen. Auch gegen das erste 
glied dieser reihe liesse sich bei der „entwickelung der arten", 
an welche die Sprachvergleichung uns gewöhnt , um so weniger 
etwas einwenden, als auch darnach die construktion mit dem 
acc. c. infinitivo hinlänglich verständlich wäre, aber — dielautge- 
setze sind wenigstens für das perfekt und particip — minder 
dehnbar. Scaliger's und Corssen's erklärung ius habere, für 
recht halten, für recht erMären, ratum habere und Corssen's frü- 
here auffassung des dem perfekt zu gründe liegenden verbums 
iousere rechtsverbindlich machen passen auch. Zum austrag kann 
der streit wohl nur auf dem formalen gebiete kommen. 

W. Weissbrodt. 

157. Des Anicius Manlius Severinus Boetius fünf bücher 
über die musik, übertragen und erklärt von Oscar Paul. 
8. Leipzig, Leuckart. 1872. — 5 l /s thlr. 

Die lösung der vielen schwierigen probleme, welche die 
uns überlieferte musikalische theorie der alten bietet, kann ne- 
ben anwendung der philologischen methode vielfach der tech- 
nisch-musikalischen kenntniss nicht entrathen; diese betrachtung 
hat den herausgeber obiger schrift, der nicht philologe ist, ver- 
muthlich geleitet, als er es unternahm, t einen der alten quellen- 
schriftsteller über musik in deutscher Übertragung und mit 
deutschem commentar zu veröffentlichen. Boetius, der im 
sechsten Jahrhundert seine fünf bücher de institutione musica 
als einen theil seiner behandlung der mathematischen discipli- 
nen herausgab, erschien ihm dazu besonders geeignet, weil er 
das in den griechischen quellen vorhandene material sorgfältig 
gesammelt habe, weil er , ; den musikalischen ausdruck seiner 
zeit repräsentire ", und zur fortpflanzung der griechischen theo- 
rie auf das mittelalter wesentlich beigetragen habe. Da uns 
die griechischen quellen des Boetius, namentlich Ptolemaeus, 
zum grossen theil noch selbst zugänglich sind, so möchte man- 
cher den wünsch gehabt haben, zuerst diese zum vollen Ver- 
ständnisse gebracht zu sehen, aus denen doch die auschauung 
des griechischen Systems unmittelbar und sicherer zu gewinnen 
war. Indessen werden wir bei dem regen eifer , der sich jetzt 



Nr. 6. 157. Musik. 279 

auch diesen Studien zugewandt bat, jeden beitrag, wenn er aus 
eingebenden Studien hervorgebt, gern empfangen. Der Ver- 
fasser hat sich wie es scheint mit Boetius eifrig beschäftigt, 
da er sich wie er mittbeilt , einen ausgedehnten handschriftli- 
chen apparat zu demselben verscbafft bat und ihn auch latei- 
nisch herausgeben will. Wie bekannt, hat Friedlein vor eini- 
gen jähren auf grund neuen materiales den text des Boetius 
herausgegeben. 

Der Übersetzung geht eine einleitung voraus , in welcher 
die literarischen nachricbten über Boetius zusammengestellt wer- 
den, dann aber auch schon mebreres technische (die tonfolge 
in den geschlechtern u. a.) berührt (wir dürfen sagen : vorweg- 
genommen) wird. Die etwas gezierte art, in welcher von an- 
deren forschem gesprochen wird, lässt den laien in philo- 
logischen dingen erkennen. Noch weniger erfreulich ist die 
polemik , die hier und an vielen späteren stellen des buches 
gegen den verdientesten und besonnensten forscher auf diesem 
gebiete, Friedrich Bellermann, geführt wird; unerfreu- 
lich besonders darum , weil sie sich vielfach an äusserliche und 
unwesentlicbe dinge haftet und das bewusstsein der eingreifen- 
den förderung dieser Studien durch Bellermann, ohne welche 
Paul selbst seine arbeiten kaum würde unternehmen können, 
zu wenig erkennen lässt. 

Die Übersetzung liest sich fliessend und strebt vf. sichtlich 
nacb bequemer deutscher darstellung, nach Verwischung des ein- 
drucks der Übertragung. Fragen wir aber daneben, wie es mit einer 
genauen wiedergäbe der gedanken und angaben des Schriftstellers 
steht, und ziehen zu diesem bebufe den lateinischen text zu, so 
werden wir schon auf den ersten Seiten sehr bedenklich; und je 
weiter wir fortschreiten, desto mehr werden wir an dem sorgsamen 
Studium des Originals, an der genauen kenntniss anderer quellen, 
an dem richtigen verständniss allgemeiner gedanken sowohl wie 
technischer mittheilungen, ja vielfach an der kenntniss des la- 
teinischen irre. So spricht Boetius I, 1 von den arten, wie 
man die Sehkraft erklären könne: adest enim cunctis mortalibus 
Visus, qui utrum venitntibus ad visum figuris, an ad sensibilia ra* 
diis emissis efficiatur , inter doctos guidem dubitabile est: Paul 
übersetzt „ob diese nun durch figuren, welche zu gesicht kom- 
men, oder dadurch, dass strahlen auf die sinneswerkzeuge 



280 157. Musik. Nr. 6. 

gerichtet sind , hervorgebracht wird". Er hat den sinn des 
zweiten satztheiles völlig umgekehrt. Boetius will die existenz 
einer weltharmonie darthun : (I, 2) qui enim fieri potest , ut tarn 
velox caeli machina tacito silentique cursu moveatur; Paul ,,wie 
könnte es denn sonst geschehen, dass die ma seh ine des him- 
mels so schnell und in so schweigsamem laufe bewegt wird" ? 
Durch verkehrte beziehung des velox ist wieder gerade der ent- 
gegengetzte sinn in die stelle getragen. In demselben capitel 
heisst es von den bahnen der gestirne: alii \cursus\ excelsiores 
alii feruntur, „man hält einige bahnen für niedriger, andere 
für höher". Es war leicht zu sehen, dass feruntur buchstäblich 
zu nehmen ist. Cap. 3 heisst es: velut si conum, quem turbinem 
vocant, quis diligenter extomet, , .gleichwie wenn jemand ei- 
nen kegel, den man gewöhnlich kreisel nennt, sorgfältig aus- 
schmückt". Der Übersetzer fand wohl extomare (drechseln) 
nicht in seinem lexicon und hielt es für einen fehler statt exor- 
nare. I, 34 vergleicht Boetius die aufgäbe des rechten musikers, 
d. i. des mit wissenschaftlicher kenntniss ausgerüsteten, mit ande- 
ren thätigkeiten , bei denen die geistige leitung über der tech- 
nischen ausführung steht: quod scilicet in aedificiorum bello- 
rumque opere videmus , in contraria scilicet nuneupatione voca- 
buli. Eorum namque nominibus vel aedificia inscribuntur vel dueun- 
tur triumphi etc. Paul: „dies sehen wir sowohl bei ausführung 
schöner kunstwerke, als auch durch die Wortbezeichnung"! 
Es bedarf keines weiteren wortes über solche missverständnisse, 
und es fällt dann weiter nicht auf, wenn attonitus „durch Zu- 
fall hinzugeführt", offensus „geöffnet", titubare gar nicht über- 
setzt wird. Schlimmer noch sind solche fehler bei einem, der 
über die musicalische theorie „forscht", wenn sie auch in tech- 
nischen dingen vorkommen. I, 3 Idcirco definitur sonus percus- 
sio aeris indissoluta usque ad auditum, „deswegen wird der klang 
als unaufgelöster luftstoss, welcher bis zum ge- 
hör dringt, definirt". Der Übersetzer musste in jenen Worten 
die definition des tones bei den Pythagoräern erkennen (Ni- 
com. p. 6 nlijhg atQog ä&Qvntog hi'xqi äxoiji,') und sehen, dass 
indissolutus, ungebrochen, zu usque ad auditum gehört. Ueber 
den einfluss der Zahlverhältnisse auf die consonauzen heisst es 
I, 5 obtinere igilur maiorem ad consonantias potestatem videtur mul- 
tiplex, consequentem autem superparticularis , „in betreff der conso- 



Nr. 6. 157. Musik. 281 

nanzen scheint also das vielfache und in der folge auch das 
übertheilige die grössere herrschaft zu behaupten". Es 
heisst vielmehr so : „es scheint , dass auf hervorbringung der 
consonanzen das vielfache grösseren einfluss habe, diesem zu- 
nächst aber das übertheilige''. Alles also, worauf es ankommt, 
ist hier missverstanden. Alle bedeutung spricht Boetius auch 
der Wahrnehmung nicht ab : I, 9 quasi admonitionis vicem tenet 
auditus: Paul ,,den Wechsel der erinnerung halt gewissermassen 
das gehör fest" ! I, 28 : Consonantiam vero licet aurium quoque 
sensus diiudicet, tarnen ratio perpendit: Paul ,,der gehörsinn hat 
die berechtig ung, die consonanz zu beurtheilen, doch steht 
die berechnung höher! I, 21 bei erklärung der tongeschlech- 
ter: enarmonium vero quod est, magis coaptatum est, Paul ,, das en- 
harmonische ist noch mehr zusammengesetzt". Der forscher in 
den antiken musikern musste wissen, dass mit coaptare das grie- 
chische ugfio&iv wiedergegeben wird. Wir brauchen diese bei- 
spiele nicht zu vermehren ; wir könnten eine menge ungenauer 
wortübertraguugen , mangelhafter auflösungen der sätze durch 
unkenntniss der bedeutung der conjunctionen , vielfacher weg- 
lassungen u. dgl. anführen; es genügen die obigen um zu zei- 
gen, dass der Übersetzer weder des lateinischen hinlänglich kun- 
dig, noch im sprachgebrauche der musiker genügend fest, noch 
überhaupt sorgfältig genug sich gezeigt hat, um als berufener 
Übersetzer eines lateinischen musicalischen Schriftstellers betrach- 
tet zu werden. Für die zu erwartende lateinische ausgäbe er- 
weckt dies ein übles vorurtheil , auch wenn nicht verschiedene 
male des vfs Unsicherheit in kritischen dingen schon in der Über- 
setzung stark hervorträte. So giebt er z. b. dem ganzen werke 
schon einen unrichtigen titel; derselbe war, wie Friedlein 
nach der guten Überlieferung schreibt, de institutione musica, 
von der musicalischen Unterweisung. Auch gehört hierher die 
frage nach den Überschriften der einzelnen capitel, welche er 
sich wohl hätte vorlegen können. Nach unserer Überzeugung 
rühren dieselben nicht vom Schriftsteller her , weil viele ab- 
schnitte mehr enthalten wie die Überschrift sagt, andere zu klein 
an umfang sind, um ausgedehnte Überschriften zu rechtfertigen, 
und mehrfach der eine abschnitt sich ganz unmittelbar an den 
vorherigen mit ausschluss jeder Unterbrechung anschliesst. Um 
einiges einzelne zu nennen , so übersetzt Paul I, 1 (Friedl. p. 



282 157. Musik. Nr. 6 

185) die lesart pacatissime ,,auf die friedlichste art", wo Fried- 
lein nach der guten handschrift pacatissimae [mentisj liest , und 
ähnlich vorher statt (Friedl. p. 180 maximae permutationes) die 
schlechtere lesart maxime. Die handschriftliche Schreibart e für 
ae scheint ihm nicht bekannt zu sein. C. 3 (Friedl. p.190) über- 
setzt er die unsinnige lesart einiger handschriften rarusque, während 
es rarosque [pulsus\ heisst. C. 6 gibt er die worte: ea namque 
probantur coaptationi consent anea, so wieder: „das wird zur ver- 
gleichung für vernuDftgemäss erachtet", und folgt also der 
schlechten lesart comparationi. C. 20, wo von der allmählichen 
Vermehrung der saiten die rede ist, heisst es bei Boetius: para- 
mese quidem vocata est sola, quae post mediam collocdbatur, welche 
nach der fiiarj , der mittleren, gesetzt wurde: die schlechteren 
handschriften bei Friedlein lesen medium, ohne sinn ; danach 
übersetzt Paul: „paramese wurde nun eben bloss mit dem ei- 
nen namen benannt, als sie hinter die mitte gesetzt wurde". 
Abgesehen von dieser Unklarheit in handhabung der kritik, tritt 
soviel wir erkennen, trotz seines rühmens kenntniss einer an- 
deren und besseren Überlieferung nicht hervor. Ein kölner 
codex, aus dem er p. 26 ein facsimile mittheilt, stimmt dem- 
nach mit der schlechteren familie bei Friedlein, welche dieselbe 
tabelle enthält. 

Der Übersetzung ist ein ausführlicher commentar beigege- 
ben, der aber keineswegs den zweck verfolgt, von kapitel zu 
kapitel die Schwierigkeiten des Boetius zu erklären und seine 
mittheilungen im einzelnen auf ihre quelleu zurückzuführen, 
sondern nur , neben kurzer Zurückweisung auf den inhalt der 
kapitel, an geeignet scheinenden stellen eine masse materiales 
zusammenzutragen, was bei jedem anderen Schriftsteller in glei- 
cher oder ähnlicher weise geschehen konnte, am besten aber 
überhaupt nicht in commentare, sondern in systematische hand- 
bücher gehört. Dahin rechnen wir die langen erörterungen 
über pythagoräische zahlenlehre, die weitläufige darstellung über 
die instrumente der alten, die mittheilungen über die Schwin- 
gungsgesetze nach Helmholtz und manches andere, wobei man 
den Boetius völlig aus den äugen verliert ; wenn auch manches 
nicht ohne fleiss zusammengestellt ist und auch einzelne paral- 
lelen mit neuer theorie sich als interessant erweisen. Im all- 
gemeinen aber ist es bei ungemeiner Weitschweifigkeit (nament- 



Nr. 6. 158. Homeros. 283 

lieh durch die in endloser menge wiederholten tabellen) dem 
Ieser schwer gemacht, den inhalt des commentars sich recht 
nutzbar zu machen, und man weiss vielfach nicht recht , ob er 
ihn mehr für philologen oder musiker bestimmt hat ; erstere 
können das meiste auch anderweitig finden. Wie wenig er sich 
in den grenzen des commentars hält, zeigt noch die beigäbe 
einer vollständigen (ebenfalls nicht sehr gelungenen) Überse- 
tzung der pseudo • euclidischen Introductio , sowie des ganzen 
abschnitts über die thetischen und dynamischen tonbenennun- 
gen bei Ptolemaeus , obgleich zu letzteren Boetius gar keine 
nothwendige veranlassung bot. In der benutzung der letzteren 
ist er, von einzelnen abweichungen abgesehen, gauz in den fes- 
seln der Westphalschen theorie, und hat eingehenden Widerle- 
gungen, wie der Zieglerschen, keine beachtung geschenkt. Da- 
gegen bietet ihm dieser abschnitt wiederum gelegenheit zur fort- 
setzung jener unerquicklichen polemik gegen Bellerraann, aus 
dessen familie er sich noch dazu persönlich angegriffen glaubt. 
Das unternehmen, Boetius zu übersetzen und zu erklären, 
war gewiss ein verdienstliches ; wir können uns aber nicht zu 
der anerkennung entschliessen, dass es hier in die richtige hand 
gekommen sei. Man wird die Paulsche Übersetzung nur mit 
der grössten vorsieht und nur mit beständiger Zuziehung des 
Originals benutzen dürfen. 

158. Sammlung der parallelstellen zum ersten buche der 
Odyssee. Aus dem nachgelassenen manuscript des Parallel-Ho- 
mer von J. E. Ellendt herausgegeben. 8. Königsb. 1871. 

Der Ellendtsche Parallelhomer *) wird in seinem ganzen 
umfang nicht erscheinen: theilweise Veröffentlichungen werden 
kaum allgemein zugänglich und selbst für den glücklichen, der 
sie alle besitzt, höchst unbequem zu gebrauchen sein. Das beste 
ist oft ein feind des guten und vielleicht wäre eine gekürzte 
ausgäbe, wenn auch nicht ganz so bequem, doch brauchbar. 
Es werden erstens die wörtlichen entlehnungen zu bezeichnen sein ; 
sind es ganze verse, so genügt die stelle ; sind es stücke, so müs- 
sen die anfangsbuchstaben der betreffenden worte beigegeben wer- 
den, ohne weitere bezeichnung wenn die versstelle gleich ist ; ist 
sie verschieden so bezeichnet | vorder stelle den versanfang; da- 
1) S. Philol. Anz. IV, nr. 8, p. 385. 



284 159. Nonnos. Nr. 6. 

hinter den scbluss; sonst tritt ein stern hinzu. Hierauf zwei- 
tens mit cf. die ähnlichen stellen ohne wörtliche anführung, da 
genaueres forschen doch zum nachschlagen nöthigt. Endlich drit- 
tens die anaS, und anavmq sigypsvcc, letztere durch das beigesetzte 
citat kenntlich und wenn die wortform eine andere ist, durch 
cf. kenntlich gemacht. Die drei spalten werden durch punctum 
getrennt, sonst nur komma angewandt. So würde der anfang 
von a im Königsberger programm 1871 folgende gestalt an- 
nehmen: 

« 

1. ixoi 's. Movaa \ B 761. nolvigoTiog x 330. 

2. i, jtr. i 165. nläyi&ri A 351. cf & 120. saegasv (c. 
aug.) 

3. cf o 492 i 128. 

4. ov x. &v(ji6v | £244 v 90 (cf). v 59 y 345 N 8 W 769. 
cf x 458 o 487, v 263 321 II 55 2 397, S2 7. 

5. cf. xal vöaiov x 15. uQvvfisvog Z 446 cf. A 159 £553. 

6. «. o. eo? ß 23 £ 324 379 x 291 # 265 351 587 A 
255 M 432 P 697. igQvaaro T 194, i. rc £? x 246 £ 142 
cf i 409. 

7. acp. a o. d 409, d. o. x 437. cf. a 34 x 27 cf. x 317 
416, ^ 67. 

8. v. ol 177 104. 'Tu. 'H. cf. ^ 176, 133 346 374. 

XUlÜ i'jGÜlOV. 

9. a. o Tolatv | 72 383, r. ^ap a 168 £ 253, a 354, y 
253 £ 220 t 311 466 ? 571. 

10. &ecc &. A. E 815. cf. E 348 H 24. a^ofo»-. 

159. Henr. Tiedke, Quaestionum Nonnianarum speci- 
men. Dissert. inauguralis. 8. Berolini. 1873. 58 s. 

Beiläufig wird Nonnos immer noch berücksichtigt; aber 
solche beiläufige berücksichtigung ist der richtigen beurtheilung 
des dichters und zumal der herstellung seines textes nur wenig 
förderlich gewesen. Nonnos will studiert sein ; seine beiden 
gedichte sind Studien, und wer in seinem urtheil über den dich- 
ter und über einzelne stellen in seinen gedichten nicht irre ge- 
hen will, muss diese in allen ihren durchaus eigenthümlichen 
zügen durchforscht, sich mit ihren eigenheiteu in spräche und 



Nr. 6. 159. Nonnos. 285 

technik genau bekannt gemacht haben. Dazu gehört freilich 
mehr als bei einem anderen Schriftsteller unermüdliche ausdauer: 
sie wird aber auch reichlicher als irgendwo durch sichere und 
merkwürdige ergebnisse belohnt. Das beweist das vorliegende 
schriftchen, dessen verf. die zur behandlung eines in vieler be- 
ziehung so schwierigen dichters nothwendigen eigenschaften in 
hohem grade überall bekundet. Was wir hier über die cäsu- 
ren bei Nonnos und seinen nachahmern Tryphiodoros, Musaios 
und Kolluthos (andere, wie Christodoros , Johannes von Gaza, 
Paulus Silentiarius, sind nicht berücksichtigt) erfahren, über die 
diäresen (der ausdruck caesura semiseptenaria p. 2 und ähnli- 
che sind unstatthaft, schon wegen der diaer esis bucolica p. 2 
u. ö.), über die positionslänge und den spondeus an gewissen 
versstellen, über spracheigenthümlichkeiten und besondere kate- 
gorien von fehlem in den texten des Nonnos, ist in dieser sorg- 
samen ausführlichkeit und erschöpfenden darlegung völlig neu 
und, wie zu erwarten war, für die textkritik von nicht gerin- 
ger bedeutung. Denn das ist ja eben die dankbare seite an 
diesem dichter, dass eine jede derartige gründliche Untersuchung 
zu praktisch für die textkritik verwerthbaren resultaten führt. 
Eine anzahl der von dem verf. gefundenen emendationen ist 
evident: Dionys. 7, 345 og^azog annslötiQ nsQidsdoofAsv [s'vya- 
Itov oder E'uiov~\ svvijv (p. 13). 24, 264 xal rjjpaia SäxEP 
avaacrj statt auirrj fXETi'dcoy.Ev (p. 10). 43, 128 zElsaag ezeqov 
tvnov (p. 11). 48, 500 Tzors novj 7t6ts &slyszai Avgr\ (p. 13). 
Metab. H 19 nowila Dav/Aaza dei^ov ogm^Eva nägzvQi (st. 
Oav(xara) xößfim (p. 30). K 129 äyicp oqtQtjyiaoazo dsaftw st. 
6ec![aco (p. 33). A 220 xwqijq ö' ivtog ixavev (p. 30). M 163 
xatsyQUCpE ■dsamöi ßt'ßXca st. cpcovi] (p. 31). P 71 qvztJqu st. Iv- 
TtjOa (p. 48). 2 32 ftirvr&adiov %ciqiv oXßov st. egyov (p. 50). 
(p 37 6%vg oQoiöag st. iyyvg (p. 7), u. a. Uebersehen ist, dass 
147 (.lE&inEi fiE Xa&lqQOi'og mog liAäadhjg st. y.sXai6qiQOvog 
(p. 56) und T 108 dvuöj st. (xv&m (p. 31) schon von Hermann 
(Ztschr. f. d. AW. 1834. p. 997 und 1001) gebessert war. B 
102 (p. 36) und E 98 (p. 45) hat Gottfr. Kinkel in seiner klei- 
nen schritt „die Überlieferung der paraphrase des evangeliums 
Johannis von Nonnos. I. heft. Zürich 1870" bereits das rich- 
tige, und ebenso de Marcellus in seiner ausgäbe der Metabole 
(Paris. 1861) an folgenden stellen: E 130 (Tiedke p. 34), TV 



286 159. Nonnos. Nr. 6. 

140 (das.), 2 115 (p. 49), T 101 (p. 31) und 159 (p. 44). 
Beide bücber sind dem verf. unbekannt gewesen: was er p. 34 
über die gleichen versausgänge bei Nonnos sagt, würde wahr- 
scheinlich nicht mit J 96 f. belegt sein, wenn er gewusst hätte, 
dass hier Marcellus v.rjfASQTti dvftco st. (iv&cp offenbar richtig 
corrigirt hat. Wie selbst eminente kenner des Nonnos , nicht 
völlig vertraut mit seinen subtilen metrischen gesetzen, zuwei- 
len nicht das rechte trafen , mag man ersehen aus dem , was 
der verf. über 25, 532 (p. 8 u. 3 0), 36, 284 (p. 8) und 48, 
909 (p. 6 u. 10) bemerkt; mit recht vertheidigt er die Über- 
lieferung 15, 368 (p. 33) und 31, 193 (p. 26) und die conjec- 
tur Falkenburg's 42, 416 (p. 13). Auch auf das missglückte 
Nv^fcii ' j4^abQvä8sg , isgyg naga nv&^tva ddcpvrjg 17, 311 
ist aufmerksam gemacht: eine solche Verlängerung einer kur- 
zen silbe ist bei Nonnos unerhört. Wenn Köchly bemerkt: po- 
terat etiam Quöiv^g, so habe ich gegen diesen letzteren Vorschlag 
einzuwenden, dass das wort guditög dem Nonnos unbekannt 
ist. Von den p. 38 angeführten beweisstellen wird 2, 473 ovo' 
vyobv axonia) vscpog so%iaai>, zu streichen sein: s. meine beitrage 
zur kritik des Nonnos p. 8. Auch das, was p. 46 über eli- 
sion gelehrt ist, wird sich nach den Beitr. p. 16 ff. modifizie- 
ren und ergänzen lassen. Uebrigens freue ich mich auf anderem 
wege als der verf. über einige punkte zu übereinstimmenden 
resultaten gelangt zu sein: so über vnodgrjg imtsv (1. vnorgi- 
fccxsv) Z 186 (Beitr. p. 125 und Tiedke p. 28), über d&ya 
vaJixbv eXvgev äxayjxt'i'ov o|h ösoiAcp T 201 (Beitr. p. 115 und 
Tiedke p. 25), über e%si nQOTe'gijv naoaxomv 29, 330 (Beitr. 
p. 71 und Tiedke p. 24). Die letztere stelle hatte mir veran- 
lassung gegeben über die versausgänge bei Nonnos einiges zu 
sammeln; eine nachher angestellte umfassendere Untersuchung 
führte wieder zu neuen interessanten resultaten. So hat sich 
z. b. ergeben , dass die von mir Beitr. p. 79 vorgeschlagene 
Underung Alaxog egya nähig öeSaqfte'vOQ tvnahtftoio 37, 555 
ebenso unzulässig ist wie die bei Tiedke p. 3 ijvxofiog Maoi'tj, 
Xqiotoio ds daii'Vftf'voio M 13 und in der ausgäbe Köchly's tyxvov 
UftaXloyögov oyxov elvae dvyaxgoyövov xaudzoio 5, 193 äfttjTt)g 
daldijgog nedioio 26, 244 und fiitQfiugvytjp ftgexTetgav aftaXloiöxov 
nsdioto 38, 249. Alle diese conjecturen nämlich widerstreiten 
dem bis jetzt noch gar nicht beachteten durchaus feststehenden 



Nr. 6. 160. Eratosthenes. 287 

gesetz, dass Nonnos nur solche genetiv formen auf -oio in 
die letzte versstelle zuliess, bei deneu wort- und versa c- 
cent zusammenfallen: urgumzoio 'HoiSavolo 'Ianszoio Ksls- 
oio, viqstoio 'OpftOfiEvoto no7a(Aclo TivQszoTo'fixsavoto. Ein ähnliches 
gesetz habe ich Beitr. p. 79 für die accusativformen der dritten de- 
clination auf -a nachgewiesen : Nonnos schliesst seinen hexameter 
wohl mit dijioTijia Ai&iomja ' A).xvo7ju ßaöilqa Boyt/a 8uizv[xo- 
t>>ja ijytfioilja t]Vio%ija ijneoonJja ioiza &uv6vTct löiju xufiöiza u. a., 
aber nie mit y.uxtnrjTa agtja nöXr^a (pas&ovra i&eXovza xntoarioiTa 
u. a. Dasselbe gesetz hat der dichter bei den übrigen kurzen 
casusendungen dieser declination beobachtet. Wie weit er es 
auch auf verbalformen ausgedehnt hat, wäre noch zu untersu- 
chen; die participia wenigstens behandelt er ganz wie die no- 
mina, und auch das steht fest, dass Nonnos nie einen vers mit 
einer form wie 'idqatv (Marcellus zu T 153) oder äptcpaydaa^eg 
(interpolation P 85) geschlossen hat, ja nicht einmal mit silxs, 
welches Tiedke p. 47 anm. A 119 für slxet vorschlägt. 

Arthur Ludwich. 

160. Eratosthenis carminum reliquiae. Disposuit et explica- 
vit Ed. Hiller. 8. Lips. Teubner. 1872. — 1 thlr. 

Diese neue ausgäbe der eratosthenischen gedichtsfragmente 
bildet eine schätzenswerthe bereicherung unserer kenntniss der 
alexandrinischen poesie. Treffliche kritische methode — über- 
all fast sind die lesarten der besten handschriften nach neuen 
collationen gegeben — gründliche Vertrautheit mit der einschla- 
genden literatur , den sprachlichen und metrischen eigenthüm- 
licbkeiten jener zeit, sowie sorgsamsten fleiss in der exegese 
findet man hier verbunden und machen diese Vorzüge das vor- 
liegende werk jedem unentbehrlich, der sich mit grammatischen 
Studien überhaupt und mit alexandrinischer poesie insbesondere 
beschäftigt. Wir erhalten einen neuen einblick in das poeti- 
sche schaffen jener grammatiker , die wissenschaftliche Studien 
und dichterische thätigkeit mit einander verbanden , besonders 
in der art der mythenbehandlung, wie sie die verschiedenartig- 
sten demente vereinigten und sich der Umbildung der mythen 
durchaus nicht enthielten. 

Ist die zahl der fragmente auch nicht vermehrt — ein be- 
weis, wie sorgfältig Bernhardy gesammelt hatte — so ist doch 



288 160. Eratosthenes. Nr. 6. 

der fortschritt gegen dieses gelehrten, säramtlicbe eratostheni- 
sche fragmente umfassende arbeit auf keiner seite zu verken- 
nen; so gleich zunächst in der Inhaltsbestimmung des eratosthe- 
nischen Mercurius. Unbeirrt durch irgend welche vorgefasste 
meinung kommt Hiller über dieses vielbestrittene gedieht durch 
induetion zu dem Schlüsse , dass es enthielt die erzählung von 
der kindheit Mercurs, seine Jugendstreiche, den raub der stiere, 
die erfindung der leier, den besuch des himmels, den Mercur 
selbst erzählte — dies ist bei der betrachtung der betreffenden 
fragmente stets festzuhalten (p. 64 sqq.). In der deutung und 
anordnung der meisten bruchstücke ist Hiller beizustimmen, zwei- 
felhaft bleibt natürlich, wie bei jeder derartigen Untersuchung 
vieles. Nicht zu billigen scheint die behandlung von fragment 
XI (p. 21). Dass die verse nicht local zusammengehören, ver- 
steht sich von selbst; wie man aber aus: agdov' au) ydg (.täl- 
lov inwdivovoi, (JidgifAvai, herauslesen will, dass die sorgen zur 
lösung von Schwierigkeiten beitragen, sieht man nicht ab. Treff- 
lich dagegen ist die behandlung der schwierigen stelle aus der 
armenischen Philoübersetzung, bei der den verf. prof. Grilde- 
meister unterstützte (fragment XVI), trefflich die erklärung von 
fr. XIH, wo Hiller richtig mit Sturz llaQH£t>iaxog liest, eben so 
von fr. XVIII, das allein einen passenden sinn gibt, wenn man zu 
hsrfxs, a^cof, nicht 'EQfAtjg als subjeet nimmt. Auch die von 
Bernhardy als identisch mit dem letzten theil des Mercurius be- 
haupteten xaTaoisQiönoi — als voller titel wird p. 69 xaiälo- 
yog xaraaTSQiGiiäv vermuthet — werden p. 69 als besondere, 
in prosa verfasste schrift dem Eratosthenes mit recht zugesprochen 
(s. Suidas s. v. ^Egcczoa&h'ijg, wo xaiaotsQiGLiovg gesicherte con- 
jeetur ist, und Achill. Tat. p. 146); freilich muss nach der 
bei Achilles Tatius erhaltenen erzählung ihr inhalt von den 
der uns überlieferten, längst als pseudoeratosthenisch bezeichne- 
ten naraarsQia(io[ verschieden gewesen sein. 

Als zweites gedieht des Eratosthenes führt Hillcr an die 
'Ai'izQirüg, welches gedieht den titel 'Hai'oöog (s. Göttling, He- 
Biod. p. xv) getragen haben soll: der inhalt stimmt, indem das 
betreffende gedieht die ermordung des Hesiod und die bestrafung 
seiner mörder enthalten zu haben scheint. Der emendationsver- 
such p. 86 beim Schol. ad Nie. Ther. 472 statt sl toi oace 
zu lesen $x ti ol ugöe , ist gewiss zu billigen : als grund 



Nr. 6. 160. Eratosthenes. 289 

aber dieses fragment zur Anterinys zu ziehen, wird man ge- 
wiss nicht gelten lassen , dass es beim scholiasten zu Nicander 
steht, der jenes gedieht noch zweimal citirt, sonst nichts von 
Eratostbenes. Frgt XXIII aber gehört sicherlich nicht zum Hesiod : 
denn bei einer so wunderbaren fortschaffung ist sicher nicht 
an eine Verwesung zu denken, während Bernhardy's meinung, 
das fragment auf Icarius zu beziehen, durchaus wahrscheinlich 
ist, wenngleich sie der gewöhnlichen tradition (Preller Gr. M. 

I, p. 551) widerspricht. Dass Erigone dessen leiche selbst 
fand, deuten stellen wie Pollux V, 42 ''Eöet^s (rrj 'Hgiyovy 6 
nvcov) ibv 'Ixaglov vexgov an. 

Das dritte gedieht, aus dem fragmente angeführt werden, 
ist die Erigone, in elegischem versmaass abgefasst. Fragm. 
27 und 28 sind sehr unsicher, fragm. 30, das Meineke (Anall. 
alex. p. 277) zum 'Hguxl.tjs des Parthenius zieht , will Heller 
p. 102 wie Bernhardy p. 154, Bergk comm. crit. II, 5, Anall. 
alex. I, p. 16 dem Eratosthenes vindiciren. Während aber 
Bernhardy die stelle im Etym. Magnum durch annähme einer 
lücke nach 'Egaroa&tirjg zu heilen meinte, Bergk entweder Um- 
stellung oder verwandelung von avgoaiäöa in aigoc%ä8og a'ivvzo 
empfiehlt, will Hiller so lesen: algoa^äg r\ ayi.ns.lot;' ii£(i,vqroi.i 
TlaQ&e.viog iv 'HgcwXei. ahgoa^üSa ßötgvv 'IxagicoviTjs (oder nach 
Haupts emendation 'IxagiojvivTjg) 'Egaroadivtjs .... de iv 
im&alttfitq) ro y.aru ßötgvv xlrjfitt. Die conjeetur ist gewiss 
sehr ansprechend, hat aber ausser der seltsamen art des citi- 
rens das bedenkliche , dass das so eratosthenisch gewordene 
fragment wie schon Bergk sah, gar nicht die im Etym. Magnum 
gegebene bedeutung haben kann. Neu und scharfsinnig ist p. 
106 Hillers ansieht über fragm. XXXH (Hygin. de astron. 

II, 4) ; Hiller nimmt nämlich an, dass der vers von der quelle 
Hygins falsch verstanden und auf die askolien bezogen wor- 
den sei, und zwar deswegen, weil er an einer stelle gestan- 
den habe, wo der Zusammenhang seinen sinn nicht erklären 
konnte. Ich glaube man muss beistimmen , nur dass an der 
lesart Bursians 'Ixugtoi festzuhalten ist, was wenn der vers 
wirklich im proömium stand, keinen anstoss erregen kann. Zu- 
dem ist die form ja durch Stephanus von Byzanz verbürgt. Der 
vers besagt also : dort brachten die Ikarier zuerst bockopfer 
dem Dionysos dar. 

Philol. Anz. V. 19 



290 161. Sophokles. Nr. 6. 

In sprachlicher beziehung sind hervorzuheben die bemer- 
kungen des vf. über den pluralischen gebrauch von niv p. 11, 
wo die Übereinstimmung mit Zenodot zu betonen ist, über gx»- 
Qictfiog p. 10, das ein vortreffliches beispiel bietet für die ety- 
mologischen Spielereien der Alexandriner, über die sitte jener 
dichter, verwandte Wörter gleichbedeutend zu brauchen (p. 63), 
über ßavvog (p. 99), über ygrjpog (fragm. XXXIII), über äno- 
fiätrsaOai p. 117, über ävQoa%ug (fragm. XXX). Im rhetori- 
schen und metrischen wird Übereinstimmung besonders mit Cal- 
limachus gezeigt (s. p. 10. 19). Sachlich wichtig sind die er- 
örterungen über den i'ovlog (p. 23 sq.), über die eratostheni- 
sehe ansieht vom kosmos (p. 40 sqq. 51 sqq.). 

Angefügt ist der pseudo - eratosthenische brief über die 
Verdoppelung des kubus wegen des entschieden unächten epi- 
gramms, das unter des Eratosthenes namen gehend denselben 
gegenständ behandelt. R. E. 

161. The Trachiniae of Sophocles eritieally revised, 
with the aid of Mss. nowly collated, and explained byFrede- 
rik H. M. Blaydes, M. A. London and Edinburgh. Williams 
and Norgate 1871. 323 und XV. 8. 

Diese prachtvoll ausgestattete ausgäbe der Trachinierinnen, 
des fünften Stückes von Sophokles, welches der Verfasser bearbeitet 
hat, verdient vollkommen das gleiche lob , das Nauck im Vor- 
wort zur sechsten aufläge des Philoktetes der ausgäbe des Phi- 
loktetes (London 1870) gespendet hat. Sowohl gedanken und 
Sentenzen als auch grammatische construetioneu und sprachli- 
che eigenthümlichkeiten werden durch die reichhaltigste Samm- 
lung von parallelstellen erläutert. Man findet ferner die ver- 
schiedenen ansichten kritischer und exegetischer art, welche 
über einzelne stellen vorgebracht worden sind , sorgfältig und 
genau zusammengestellt und kann so leicht eine übersieht über 
die bisherigen leistungen gewinnen. Endlich hat der text die 
gründlichste und eingehendste prüfung erfahren. In der revi- 
sion des textes liegt der hauptwerth der ausgäbe, soll er we- 
nigstens nach der absieht des Verfassers liegen. Sehr anspre- 
chend sind die Verbesserungen zu v. 381 tqaiv' 1 mg (für iq-oi- 
vei vgl. v. 267), zu v. 506 nuyxovn' ine^qX&o» (für nayxövnä t 
§%tj\dot), zu v. 590 otÜTtoi' fyco 'reo niartcog (für ovzmg fyei f i] 



.Nr. 6. 161. Sophokles. 291 

niazig dag), zu v. 728 ogyfj nsneigog ijg (für ogyfj ns'nsiga ztjg), 
zu v. 1014 ov %£gct zgetysi (für ovx dnozgsxpsi ; vielleicht ov% 
äXa TQt/ipei nach 0. R. 1411 &aXäaaiov ixglxpaz'', Aesch. Prom. 
582 nvgi fis qsXQov tj %&ov\ xdXvipov tj novzioig ddxeGi dbg ßo- 
gdv, Eur. Androm. 847 ff.) Mit recht hat Blaydes in v. 400 — 
404 die Ordnung der handschriften beibehalten. Der beweis da- 
für, dass diese Ordnung allein richtig ist, liegt in der Stel- 
lung von av 8s v. 403. Würde dieser vers nach v. 400 ste- 
hen, so wäre ig zC 8s 8q av die erforderliche Stellung. — An 
anderen stellen werden bloss vorschlage der emendation, ge- 
wöhnlich zugleich mehrere, die bald mehr bald weniger wahr- 
scheinlich sind, oft sich sehr weit von der Überlieferung entfer- 
nen, dargeboten. Hierin dürfte bei allem glänzenden Scharfsinn 
und aller gewandtheit in der hatidhabung der spräche die minder 
zweckvolle seite des werkes gefunden werden. Der verf. hat von 
der handschriftlichen Überlieferung eine sehr geringschätzige Vor- 
stellung; bei jedem vierten oder füüften verse bringt er besse- 
rungen und vorschlage zu einer anderen lesung; jede Unregelmä- 
ssigkeit, oft die gewöhnlichste, bietet ihm anstoss und anlass zu 
änderungen des textes ; auf diplomatische wahrscbeinlichkeit der 
änderung wird oft wenig rücksicht genommen. Niemand wird 
z. b. v. 453 oog iXtvOegco tytvSei xaleia&ai xtjg ngoGSGziv ov 
xaXfj für verdorben halten: Biaydes bemerkt dazu: But the ex- 
pression sounds a stränge one. Qu. xXtjÖov 1 ov xaXrjv e%ei (or ovx 
l^et xaXtp). Or — y' tat* ovsiÖog ov xaXov. Or ßd^tg iazlv ov 
xaXr\. Orthus: xpsvötl xkvtiv ngoanGzi ßd%tg ov xaXtj. — V. 548, 
wo die Überlieferung lautet: u>v dqiagnd&tv yiXei 'Oy&aXfidg 
dv&og, zk>v 8 1 vjzexzginsi nö8a, steht qiiXsl nag QaXsgbv av&og 
im texte: daneben heisst es in der note : I toould propose: äv 
dqiagnd^eiv qiiXsl dv&oj ÖQsnea&ai. Or oov cpiXst nag zig ßgo- 
tmv (or qulovaiv dgGsveg) äv&og dginsa&ai. Or äc Ögsneiv 
nag zig qiiXei zo &dXX6v (or zo ftaXsgbv) av&og. Or av dcpag 
nag zig cpilsi av&og dgsnsaOai u. s. f. (vgl. unter addenda p. 
297 sqq.). — Zu vs. 555 heisst es p. 298: ix v£ggov might 
easily have joassed into äg%ulov. Der sinn gestattet die än- 
derung ix NtGGov doßev (für ag%aiov nozi) gar nicht, weil 
o zov SaGVGzegvov nagä Nsggov qi&lvovzog ix (poväv dvei- 
X6[i7]v darauf folgt. Leichthin sind unsichere vermuthungen 
in den text aufgenommen. Das vs. 145 aufgenommene: %<a- 

19* 



292 161. Sophokles. "Nr. 6. 

%cbgotg iv' ov tyvxog viv ist sehr passend, kann aber unmöglich 
in der Überlieferung %c»goioiv avzov xai viv enthalten sein. Zu 
nozi v. 380 wird angemerkt : hardly right. Qu. tote. Or V «&». 
Or &afid. Or zgoqrj. Or anogd. Or ngbg ov. — Or nag' cp. — Davon 
steht anogd im text. V. 517 ist x B Q^' unzweifelhaft richtig: 
Blaydes hat Sogbg ohne weiteres in den text gesetzt; ebenso 
v. 738 '%etQyaa[isvov für Gzvyovfisvov, v. 781 (ieazbv für Xsvxop 
u. a. Für neu zag anaidag slg zb Xombv ovaCag v. 911 denkt 
Blaydes an rag avdvdgovg — svygovag (or Tjfiegug), an tag 
dvoXßovg — Tjixf'gag, an nal zotig andtogag — ixyovovg. Wie 
kann eine frau die eben im sinne hat ■ sich das leben zu neh- 
men idg avdvdgovg dg zb Xombv svcpgtvag beklagen? Kein 
vorsichtiger kritiker wird wagen die Unregelmässigkeit v. 1238 
dvrjg oö° mg soixsv ov vsfieiv ifiol qi&ivovzi fioigav zu entfernen; 
Blaydes zählt die nicht seltenen fälle einer gleichen Unregel- 
mässigkeit auf, hält sich aber doch für berechtigt sieben con- 
jecturen vorzubringen und eine davon ov vsptl nazgi in den 
text aufzunehmen. V. 803 erkennt Blaydes zoaavz' iwaxTj- 
xpavzog (sc. avzov) mit darauf folgendem &epzsg (Tqps als richtig 
an, sieht sich aber doch veranlasst hinzuzufügen : Qu. sniaxtj- 
xpavza 8tj 'v (iiam ozgazqj: dagegen vgl. z. b. Eur. Hei. 58 avv dt- 
dgi yvövxog [zov dvdgog). — Sehr gern wendet Blaydes das be- 
denkliche mittel der Umstellung vonworten an, z. b. v. 815, wo iäz' 
dqtfgastv nicht den geringsten anstoss bietet, Blaydes aber an- 
merkt : Qu. I« 0qp' dcpigneiv, ea viv tsgjteiv, or egneiv iäze oq>\ Bei 
den fünf änderungen , welche an der wahrscheinlich gesunden 
stelle v. 1112 w zXijpov 'EXXdg, nsv&og oiov eiaogäj | Qovaav 
vorgenommen werden, läuft auch eine unrhythmische oder doch 
bedenkliche änderung mit unter: olov ergo' (oder <j') tiaoow. Ebenso 
ist v. 903 das überlieferte iv&a (i?j zig siatdot richtig, während 
das von Blaydes vermuthete iv&a firj zig uv actf töoi gramma- 
tisch unrichtig ist. — Man darf an dieser kritischen thätig- 
keit von Blaydes keinen anstoss nehmen , da sich alle diese 
herstellungsversuche als das darbieten was sie sind, nicht als 
unumstössliche emendationen. Doch muss dagegen der Stand- 
punkt festgehalten werden, dass es uns nur auf ermittelung 
des ursprünglichen textes ankommt und dass da, wo eine solche 
ermittelung nicht möglich scheint , alle wissenschaftliche thätig- 
keit ihr ende hat. Alle blossen Möglichkeiten, die keinen bo- 



Nr. 6. 161. Sophokles. 293 

den mehr in der Überlieferung haben, sind für die Wissenschaft 
werthlos. — Die collation der pariser handscbriften, welche 
Blaydes eigens für seine ausgäbe gemacht hat, scheint, wie 
leicht zu erwarten, für die herstellung des textes keinen ge- 
winn gebracht zu haben. — In einer wesentlich kritischen 
ausgäbe, wie die von Blaydes ist, hätten wir eine gründlichere 
und aufmerksamere berücksichtigung der schoben erwartet. 
Wenn wir zu der sinnlosen lesart v. 526 tyca 8s [tu.'trjQ fih 
ola ygägco das scholion haben : iya, qp^a/V, ivdia&etatg cöaei ptj- 
7t]Q Xiyeo. syw nagziaa tu. noXXa t« zs'Xt] Xs'yco eav ngayudzcov, 
so muss jeder sehen, dass hier zwei ganz verschiedene schoben 
verbunden sind, welche einen ebenso verschiedenen text zur 
vorläge hatten. Es gilt also die einfache regel, dass das scho- 
lion, welches der überlieferten und offenbar verdorbenen lesart 
folgt (hier syco, (prjaiv, . . i^qirig Xeym), das jüngere und werth- 
lose ist und das andere von der überlieferten lesart abweichende 
zum ausgangspunkt der emendation gemacht werden muss. Zu- 
dem ist der gedanke , welcher durch das scholion angedeutet 
ist, der gegensatz der gewissheit nach vollbrachter that zu dem 
bangen harren des mädchens ((Xeivov dfifis'vsi v. 528) während 
des kampfes, womit der hörer ermahnt wird, nicht die thatsa- 
chen leicht anzuhören, sondern sich in den zustand des ban- 
genden mädchens zu versetzen, so geeignet und so trefflich, 
dass man nicht begreift, wie noch eine ungewissheit über die 
bedeutung des scholions oder über die ächtheit der verse 527 — 
530, die zu dem gedanken nothwendig gehören, obwalten könne. 
Demnach kann keine rede mehr sein von der an und für sich 
bedeutungslosen änderung syco 8s fiazgog xXvovca <p£>«£a>, welche 
Blaydes in den text gesetzt hat. Das richtige hat allein Härtung 
gesehen, welcher nach jenem scholion iym 8s iä zegpaz' ola 
yga^co geschrieben hat. Ueberlieferung und metrum verlangen 
nur, dass ^.äzrjg (xlv in (xdv zs'gfxaz i verwandelt werde : iyco 8s 
puv isQuai* ola cpgd£a. Der scholiast hat olu mit nagslaa. zä 
noXXä erklärt ; dies ist, richtig , wenn darunter die verschiede- 
nen momente des kampfes verstanden werden. — Ebenso ist 
z. b. in v. 1262 cog mijaqxov zsXitog atxovaiov sgyov das scho- 
lion: oo g ini%agzov afia xa\ dxovaiov ngdyy,a ytaqovaa, höchst 
beachtenswerth und spricht nicht sehr für die gewöhnlich aufge- 
nommene änderung zsXsova\ wenn nicht etwa das scholion selbst 



294 161. Sophokles. Nr. 6. 

verdorben und für %cogov6ct gelesen werden muss £y%eiQovoa. 
Auch iu diesem falle ist vielleicht atiXXovd für rsXswg zu 
schreiben. — Da der scholiast zu der heillos verderbten stelle 
v. 661 tag nsi&ovg nay^oiat^ ovyxga&elg inl ngoq>äaei Orjgog 
bemerkt:: leinst xb ninXo^ 3 so ist es kaum statthaft ninXco in 
den text aufzunehmen. Vielleicht kann aus dem scholion 8id 
ro Tov Nsoaov yÜQixaxov entnommen werden, dass in dem un- 
brauchbaren 7vay%QiaT(p enthalten ist näg /<£, womit wir das 
nöthige Substantiv gewinnen. — Dagegen ist es bedenklich, 
aus dem scholion zu v. 243 : dvoysvsig (die correctur elytvstg 
ist wohl richtig) ydg doxovoiv sirat , et (itj dga /as oqxzXXovaiv 
Ott xax avzdg avpirpogni' zovzsaziv , st firj dga Sid ztjv zvyr\v 
vnsdvo-av zov ofazor, zu schliessen, der scholiast habe ein syno- 
nymum von svyevsTg statt oixTgai gelesen. Blaydes hält la&Xai 
oder iQ^axal für die einfachste und wahrscheinlichste änderung ; 
man sieht aber nicht ein, wie daraus olxigat werden konnte; 
xsdvai hätte noch einen schein der Überlieferung an sich. Al- 
lein der zusatz öia zrjv tvyriv vTttdvaav top olxzov zeigt, 
dass auch der scholiast olxzgai gelesen hat, und den ge- 
dankenzusammenhaug, iu welchem oixrgat steht, erkennt man 
aus v. 298 — 302 [olxzgai cog l£ svysvsazdzcov doiXai ysvöfxsvai), — 
Mit recht ist v. 866 $/«t rtg övx uatjftov dXXd övgzv^ xmxvzov 
efoco der unrichtige gegensatz zwischen darjpiov und dvazvp] 
hervorgehoben und das scholion: ov uixgbv, dXXd fxiya xui • £%d- 
xovötov , als beweis dafür angeführt , dass ursprünglich etwas 
anderes da gestanden. Aber die vermuthungen diuqart], fidXa 
(or xa'i) aayt], xdfACput'f], dXX'' dyav aacptj erklären die Überliefe- 
rung nicht. Es ist wahrscheinlich Övo&goov für dvatv^}] zu 
schreiben. — Manchmal wünschten wir die textkritik metho- 
discher gehandhabt. So wird eine methodische kritik durchaus 
verlangen in v. 602 sich mit der trefflichen emendation von Wun- 
der zovde ravavcpTj zu befriedigen, zumal dieselbe ihre be- 
stätigung im scholion ia%vovgyri , XsTtzovcptj zusammengehal- 
ten mit Hesychius , Photius, Suidas findet. V. 205 ff. dürfte 
die rücksicht auf poetischen ausdruck es als gerathen er- 
scheinen lassen von 6 fisXX6vvfiq>og auszugehen und dazu in 
döpotg das geeignete Substantiv zu suchen. Das kann aber 
kaum azöXog gewesen sein , woran Blaydes unter anderem 
denkt. Das von mehreren aufgenommene öopog 6 /AeXXovvficpog hat 



Nr. 6. 162. Sophokles. 295 

eben sowenig einen sinn als Ööpog räv [tEXXovvftqHov. Wenn 
Aesch. Ag. 594 yvvaixtioi vo/xot bXoXvypibv . . sXuaxov das rich- 
tige ist, dürfte es auch hier avoloXv^äroo vöfiog . . 6 fA.sXXovv[x- 
cpog („jungfrauengesang") geheissen haben. — Unter den er- 
klärungen hebe ich die zu v. 1071 jtoXXolatv in many respects 
hervor. Die erläuterung zu tioXXo'igiv wird durch das folgende 
oang cüff7« -ats gegeben. Für unrichtig halte ich die erklärung 
von Xsyog v. 27, von iö y su tzqÜggsiv v. 92 (zu to act rightly 
passt absolut intl rzvüoizo nicht), von dW uxäßavrog . . ßo- 
gia v. 112 (der genetiv gehört zu xvuaza), von rtjg £(x?jg %£gög 
v. 603 (der genetiv gehört zu dägtjjxa, aber nicht im sinne „das 
meine hand gegeben", sondern im sinne „das meine band ge- 
arbeitet hat"). V. 178 ist der genetiv ovußaivsi "/gövov tov vvv 
nugövzog ebenso zu fassen als wenn es hiesse f.az\ oder rvy%d- 
vei ouaa tov vvv nagövjo* "ignvov. V. 675 gibt das vielfach 
behandelte ugy^za (Jyomv dgyTjTu) einfach die Wirkung zu s^giov 
an („ich salbte das kleid schimmernd weiss"), vgl. v. 764. Vs. 
810 hat allein der scholiast die richtige erklärung von ngo'v- 
ßaXeg: 7t g 6 i s g a trjv üt/niv äneggixpag; ngb hat hier dieselbe 
bedeutung wie Aesch. Prom. 239 in ngo&f'fAevog, — Dass die 
auffassung : all tvhich error s of the copyists (i/ro/t fta&^aezai und 
dgl) had their origin in the pronunciation of the modern Greeh, 
(zu v. 615) zu beschränkt ist, zeigen die inschriften. — Doch 
wir wollen unsere bemerkungen nicht fortsetzen. Das gegebene 
wird genügen zu zeigen , welch anregende , fleissige arbeit wir 
in diesem neuen werke von Blaydes besitzen. W. 

162. Die Antigone des Sophokles. Ein beitrag zur Anti- 
gone-litteratur August Boeckh zum todtenopfer. Von Leopold 
Seligmann. 8. 1869. 172 s. — 1 thlr. 

„Inmitten des hellenischen culturlebens , das einst unter 
Griechenlands azurnem himmel der sinnende mensch geschaffen, 
wo die phantasie eine ganze götterweit auf den Olympos zu 
zaubern im stände war, wo der sänger auf der lyra seelenvoll 
der thaten der alten beiden gedachte, der dichter die höchsten 
irdischen ziele verkündigte und der denkende geist die letzten 
fragen der menschheit vor seine schranken bannte, sehen wir 
vor allem zwei ideen bedeutsam und gewaltig gleich zwei leit- 
sternen hervorleuchten; um sie concentrirt sich das reichhaltige 



296 163. Lysias. Nr. 6. 

griechische geistesleben , sie bilden die beiden brennpunkte in 
dem, was der dichter schuf, der redner vortrug und der weise 
lehrte, sie erscheinen als zwei sittliche mächte, deren jede für 
sich ihren antheil an dem leben der Griechen eifersüchtig wahr- 
nimmt, und welche beide die Sorgfalt für ihre interessen jedem 
individuum gebieterisch auferlegen, das sind die ideen der fa- 
milie und des Staates". Mit dieser behauptung beginnt der 
systematische theil des buches (p. 110). Wem sie gefällt, der 
möge die schritt lesen; wer darin nur Unklarheit und schwulst 
des gedankens sieht, der hat nach unserer meinung den Cha- 
rakter des ganzen buches erkannt, das allerdings ein beitrag 
zur Antigone-litteratur ist, aber ohne schaden für das ver- 
ständniss der Antigone ungelesen bleiben kann. Es enthält im 
grund genommen nichts weiter als eine verwässerung der von 
Boeckh aufgestellten ansieht über den grundgedanken der An- 
tigone. Im übrigen offenbart der Verfasser nur sinn für die 
Hegel'sche construetion , nicht für die historische entwicklung 
der tragödie trotz des historischen theils der schrift, welcher 
„eine einleitung zum griechischen draraa" giebt und die ver- 
schiedenen ansichten, welche über die Antigone laut geworden 
sind, unter andern die von Gruppe, Klein, E. Wagner und Ei- 
nette Homberg behandelt und kritisiert. Gelegentlich wird in 
diesem theile Boeckh gegen den Vorwurf hartnäckigen festhal- 
tens an angenommenen meinuugen vertheidigt. Neues dürfte 
darin nur die ableitung des Wortes tragödie „von zQiiyog bock 
lind oldico oder olddco = singen" (p. 13) enthalten. Zum lobe 
des buches sei gesagt, dass es gut und geschmackvoll geschrie- 
ben ist. 

W. 

163. De quibusdam locis XX orationis Lysiacae scr. Dr. 
Hoff meist er. 4. Stargard. (schulprogramm) 1872. 

Dass diese rede nicht von Lysias sei ist schon vielfach 
ausgesprochen worden , und Hoffmeister macht mit recht gel- 
tend, dass dieses sich auch sofort aus dem mangel an disposition 
ergebe. Entscheidend aber ist, denke ich, der umstand, dass 
die rede nur wenige jähre nach Vertreibung der Vierhun- 
hundert, also spätestens ins jähr 406 fällt, während Lysias 
sich damals noch nicht, sondern erst seit 403 als logograph 



Nr. 6. 163. Lysias. 297 

bethätigte. Dass sie aber weder eine deuterologie noch im ein- 
gangs verstümmelt ist, muss man zugeben. Daraus folgt jedoch 
nicht dass sie eine blosse fiction sei, wie Hoffineister mit dem 
ausdruck qui orationem habuisse fingitur andeutet; im gegentheil 
führen die darin enthaltenen thatsachen zu der annähme , dass 
ßie wirklich gehalten, wenigstens für den Vortrag geschrieben 
wurde, wie auch Herbst „die schlacht bei den Arginusen'' p. 76 ff. 
unbedenklich annimmt, während Hoffmeister den Verfasser wieder- 
holt einen Uro nennt, so dass man glauben könnte, er bezeichne 
damit das Übungsstück eines schülers der rhetorik. Allerdings 
enthält die rede manch seltsames, lacken in der beweisführung, 
weniger geschickte Verbindung der gedanken , was zwar wohl 
theilweise aber keineswegs überall auf spätere corruption des 
textes zurückgeführt werden kann. 

Hoffmeister behandelt im programm nur die ersten sechs 
Paragraphen und weist darin scharfsinnig viel anstössiges nach, 
ist hier aber bisweilen auch zu weit gegangen. Gleich §. 1: 
„Mich dünkt ihr sollet nicht zürnen dem manne der 400", 
alka Tolg egyoig ivicov, missbilligt er spCcov, dem wenigstens noch 
ttizäv beizufügen war. Aber dieses uvz&v, nämlich der 400, 
versteht sich von selbst, und der Sprecher, dessen greiser vater 
Polystratos selbst einer der 400 gewesen war, redet natürlich 
von dem ganzen collegium nicht mit höchster erbitterung, son- 
dern begnügt sich mit ivicov. Im folgenden: oi /jsv ytio imßov- 
Xevactvzeg ijaar uvicHv , oi ö' tva (atjzs ttjv nöliv (irßsv xaxov 
igydaaivTO f*Tj&' vpäv ju^SfV«, äXX evioi ovrsg üarß.&ov eig ib 
ßovlevz/jQiov, ist zwar qaav unmöglich , weil für beide subjecte 
eiarjX-dov prädicat sein muss , weswegen ich vyilv für ?jcsav 
schreibe, aber im zweiten gliede, wo man, wie Hoffmeister be- 
merkt, oi 8' ov% 'Iva ri — tj erwarten sollte, findet doch der 
text einige entschuldigung, weil die absieht beider vorangestellt 
wird: sie traten in den rath, die einen mit schlimmen absich- 
ten gegen euch, die andern um weder dem Staate noch einzel- 
nen schlimmes zuzufügen, sondern mit wohlwollenden gesinnun- 
gen (also um zum guten zu rathen). Eine grosse Unklarheit 
deckt Hoffmeister §. 2 auf. Im §. 1 war von den 400 die 
rede, von denen einer Polystratos war. Nun folgt §. 2 olzog 
yag i)Qsdt] (isv vno täv (pvXezüv. So sollte man glauben, er 
sei von den genossen seiner phyle unter die 400 gewählt wor- 



298 163. Lysias. Nr. 6. 

den. Das ist aber falsch, da die 400 von den probulen (Thucyd. 
VIII, 67) gewählt wurden, von den phylen aber, von jeder ei- 
ner oder zwei xazaXoysig, welche die 5000, die den dijfiog reprä- 
sentiren sollten, zu wählen hatten, wie man aus §. 13 ersieht 
(vgl. Herrn. Staatsalt. §. 157, 11). Nun ist es aber dem Spre- 
cher darum zu thun , dass sein vater volksfreundlich war, und 
als schlagenden beweis dafür führt er an, dass er von den ge- 
nossen seiner phyle (als xaraXoyEv'i) gewählt wurde. Jetzt 
zeigt sich, dass das störende yäg sich auf einen ausgefallenen 
satz beziehen muss etwa von folgendem inhalt: neu. ort toiov- 
rog, nämlich sttovg, fjv f yvcoasa&s ixd&sv. So ist der weitere 
verlauf klar, und an f*h> nach gQs&r] und dem ihm entspre- 
chenden dV in xarrjyoQovat 8s avzov nicht mit Hoffmeister an- 
stoss zu nehmen. Allerdings könnte man dann statt algsüetg 
wegen avzov erwarten algs&svTog, allein hier bat Hertlein durch 
einsetzung von 6 vor aigsOsig trefflich geholfen , indem so ein 
contrast entsteht etwa wie: was? er sollte nicht volksfreundlich 
sein! er der gewählt wurde von den genossen seiner phyle, die 
über sich selbst, d. h. über die mitglieder ihrer genossenschaft 
wohl am besten urtheilen können, wo Hoffmeister auch an ksqi 
aquäv aviäv unnöthig anstoss nimmt. — §.3 ist allerdings ov- 
rng 8s unerträglich , weil von Polystratos nicht im gegensatz 
zu einem anderen die rede ist. Dem aber wird abgeholfen durch 
ovTog 5?/, da auf das vorausgehende nothwendig bezug zu neh- 
men ist: „dieser also", nämlich der so gewählte. Polystratos aber 
war damals ein greis von wenigstens siebenzig jähren. Ich sage 
wenigstens, damals wird er über achtzig gewesen sein. Denn wenn 
es §. 10 heisst , in siebenzig jähren habe er sich gegen das 
volk in nichts verfehlt, so kann man die jähre der kindheit doch 
nicht unter den siebenzig- verstanden denken. Jetzt folgt pas- 
send die frage : weshalb sollte er nach Oligarchie gestrebt 
haben? Etwa weil er das kräftige alter hatte (womit ver- 
muthlich auf schwäche seiner stimme hingedeutet wird) mit re- 
den etwas durchzusetzen, oder um im vertrauen auf seine kör- 
perstärke einem von euch gewalt anzuthun ? An der formi- 
rung der Satzglieder können wir nicht so viel anstoss nehmen, 
und wenn Hoffmeister sagt : fretns ülorum (der 400) potentia ta- 
lia committere putandus est, so ist was das reden betrifft schon 
darauf geantwortet und das körperliche gewaltüben ist gerade nur 



Nr. 6. 163. Lysias. 299 

als absurde annähme hinzugefügt. Eichtig ist aber des vf. tadel 
§. 4, wo er sagt claudicant verba rj zäv naCÖmv. Aber das clau- 
dicare hört auf, wenn wir interpungireu to vfiSTsgov. r\ zmv naC- 
8av ; (nämlich tiexa), wo dann freilich statt ö ph yug zu schrei- 
ben wäre alV 6 (xh yug. §. 5 bringt Hoffmeister selber die 
richtige Verbesserung mit einsetzung von xat vor oliyag. Be- 
treffend dann die thatsächlichen Verhältnisse in §. 5, so wer- 
den dieselben als allbekannt nicht einzeln erwähnt, aber so viel 
ist klar: der vater wurde für keine der beamtungen, die er 
unter den 400 führte, wohl aber für anderes (§. 12 und 13) 
verklagt, weswegen der söhn sagen darf, keiner könne nach- 
weisen on ov xaläg tjq£sv, verurtheilt aber wurde er, wie es 
in bausch und bogen vielen geschab , weil er unter den 400 
gewesen war, und um eine beträchtliche summe gebüsst (§. 18). 
Jetzt ist er von sykophanten , die auf den rest seines Ver- 
mögens speculiren, zum zweitenmale verklagt und wird zu- 
dem noch atimie gegen ihn beantragt, die auch wie der ver- 
vermögensverlust seine drei söhne mitbetreffen würde (§. 35. 
36). Bei diesem ungeregelten verfahren in stürmischen zeiten 
begreift es sich, dass Polystratos nicht dazu kam als beste recht- 
fertigung sv&vvag buvvai über seine äg%ai, und da er den Verhand- 
lungen der 400 nur acht tage lang beiwohnte (§. 10), dann 
aber die agxv in Oropos übernahm, so konnte der söhn (§. 6) 
behaupten, dass der vater weder die staatsinteressen schädigte 
[rjQovdcoxe) noch eine Verfassungsänderung herbeiführte. Hoff- 
meister sucht die vulgate ovzs ngoidaxa v, a ) sztgav TtoXirsiav 
xaTtOTtjoe dadurch aufrecht zu erhalten, dass er nv rs. trennt, 
damit sich rs auf v.ai beziehe. Das ist aber syntaktisch un- 
möglich und eher mit Taylor ovrs statt '/,al zu schreiben. 

Der Verfasser der rede ist allerdings in der anordnung des 
Stoffes nicht geschickt und man muss mancher scharfsinnigen be- 
merkung Hoffmeisters recht geben, aber darum ist es doch 
keine fingirte schulrede, in welcher ohne zweifei die anordnung 
geschickter ausgefallen wäre, sondern sie ist für den wirklichen 
fall geschrieben. Da Hoffmeister viele andere fehler in den 
folgenden §§ ein andermal zu behandeln in aussieht stellt, 
so füge ich als beisteuer noch folgende eigne emendationsvor- 
schläge hinzu. §. 7 statt ol 8s ov% vtisfisivav lies ot ovi vniyihi- 
vav (sondern Athen verliessen), wo dann 6 ö° ^yovfxevog richtig 



300 164. Lucretius. Nr. 6. 

folgt. §. 8 sl v/xiv fisv svvot rjaav, ixsivoig (den 400) de ovx 
änrndärovzo ist oi statt et zu lesen, so hat man nicht nöthig 
mit Scheibe ovx in [ttj zu verwandeln. §. 9 dürfte wohl zu 
lesen sein mors nmg ov Qadi'cog [teiiort] vfilv r\ noXCzsia; §. 12 
ovo' slatjveyxsv avtco to aoyvotov : es ist von einer geldbusse 
die rede, zu der Polystratos dem Phrynichos keinen beitrag 
leistete, also zo zu streichen. §. 16 schreibe ich: drjXoi vpiv 
oiog tjv, og, e'i nsg n. §. 19 nach sl fiev fy'vog zig sX&cov scheint 
sv noi/jöag oder Xe'ycov sv noirjoai ausgefallen und dann statt 
öooasze ijfiäg avzovg zu schreiben Scoaezs iftäg sv noii\aavzag 
oder auch noiqaaGiv. §. 23 schlage ich vor oacov sdsi oidsfiiag, 
worauf cod. X mit oacov ov de (nag zu führen scheint. Mit 
recht schreiben §. 34 Westermann und Scheibe nach Hirschig 
rovg ts naldctg öf' avzöv statt vulg. xai avzöv. dann wird aber 
auch consequeut §.35 geschrieben werden müssen TjfASig de zbv 
nazsga zovzovl oV ftfuäg (statt neu fjfiäg) i^aizovfxs&a , weil sich 
die söhne in kriegszügen verdient gemacht haben. Kurz vor- 
her aber tilgt Kayser tjpäg nach i^aizovvzai mit recht. 

R. Rauchenstein, 

164. Lucrez im verhältniss zu Catull und späteren. Nebst 
beitragen zur kritik und erklärung des Lucrez. Von Dr Ju- 
lius Jessen. 4. 24 s. Programm der Kieler gelehrtenschule. 
1872. 

Bekanntlich liegt über dem leben des Lucrez, mit aus- 
nähme der beiden äussersten punkte desselben völliges dunkel 
und auch die äussere geschichte seines gedichtes ist, ebenfalls 
mit ausnähme zweier in demselben enthaltenen fingerzeige bis- 
her ein räthsel geblieben. Combinationen irgend welcher art, 
wodurch ein wenn auch nur schwacher lichtstrahl auf dichter 
oder gedieht geworfen werden könnte, sind deshalb dankbar zu 
begrüssen. Eine solche ist von Munro insofern aufgestellt, als 
er nachzuweisen versucht, dass das gedieht des Lucrez einen 
nachahmer in Catull gefunden habe. Liesse sich die behaup- 
tung fest begründen, so gewännen wir damit einen zuverlässi- 
gen anhält für die zeit nicht nur der herausgäbe des lucrezi- 
schen lehrgedichts , sondern auch der abfassung derjenigen ge- 
dichte des Catull, welche dem Lucrez nachgeahmt sein sollen. 
Leider aber besteht die behauptung Munro's, wie Jessen gründlich 



Nr. 6. 164. Lucretius. 301 

und mit berücksichtigung aller einschlagenden momente erweist, 
die probe nicht. Die scheinbaren entlehnungen, welche Munro 
im 64 gedieht des Catull aufzählt, erklären sich aus der gleich- 
heit der Sprachmittel und des poetischen Sprachschatzes jener 
zeit, die einestheils mit den überkommenen Schöpfungen früherer 
dichter bei ihren Studien wirthschaftete, also aus denselben ge- 
meinsam und ohne bewusste benutzung des einen durch den 
andern entlehnte, anderntheils bei dem lebendigen austausche 
der dichtergesellschaften (mag nun Lucrez denselben ange- 
hört haben oder nicht) bestimmte formen und ausdrücke schuf, 
an die sich die einzelnen dichter je nach ihrer grösseren oder 
geringeren Selbständigkeit mehr oder weniger anlehnten. Den- 
noch müsste es allerdings wunder nehmen, wenn sich entschie- 
dene ähnlichkeiten mit dem lucrezischen gedichte nur in jenem 
einen gedichte des Catull fänden , in den andern aber nicht ; 
allein Jessen beweist mit vollkommener klarheit, dass sich de- 
ren auch in den übrigen liedern Catull's eine leidliche anzahl 
nachweisen lassen, und er hätte in beziehung auf andere Über- 
einstimmungen beider dichter diese anzahl mit benutzung von 
M. Haupt's Observatt. critt. pag. 12. 16. 17. 35. 36 noch ver- 
mehren können. Wenn trotzdem Jessen, indem er das resultat 
seiner kritik der Munro'schen behauptung zieht, nicht so weit 
geht, jegliche beziehung der beiden dichter auf einander ent- 
schieden in abrede zu stellen, sondern sich darauf beschränkt, 
die nachahmung des Lucrez durch Catull nur für die episode 
des Theseus und der Ariadne im Epithalamium Thetidos, wie sie 
Munro behauptet , positiv abzuweisen , im übrigen eine solche 
als nicht nachweisbar, ja als höchst zweifelhaft zu bezeichnen, 
so wird jeder besonnene angesichts der höchst trümmerhaften 
Überlieferung der älteren römischen litteratur dem nur beistim- 
men können *). 

Deutlicher ist, wie Jessen von p. 15 an nachweist, der 
einfluss des Lucrez auf die Schriftsteller der augusteischen zeit. 
Für Horaz ist die parodirende nachahmung (Sat. I, 6, 4) des 

l) Auf p. 12 macht Jessen auf eine reminiscenz aus Vergil (Aen. 
I, 37) bei Petron (de bello civ. 82 und 83 p. 158 Buch.), die bisher 
nicht bemerkt wurde, aufmerksam. Wenn er aber ebendaselbst mens 
animi bei Catull und Lucrez anführt, so konnte der gedanke an eine 
nachahmung von Seiten des ersteren schon mit Schömann's bemer- 
kung (opusc. acad. IV, 356) entschieden beseitigt werden. 



302 164. Lucretius. Nr. 6. 

Lucrez (III , 1039) , auf welche ten Brink (Mnemosyne IV, 
181) aufmerksam machte, vergessen. Was ferner über ein bis- 
her übersehenes citat aus Lucrez bei Boetius (Arithmet. II, 1) 
bemerkt wird (Jessen will die stelle als glosse ausscheiden), dar- 
über lässt sich rechten, wie denn Jessen selbst verschiedene mög- 
lichkeiten einräumt. Wenn von mehrfachen erwähnungen des 
Lucrez oder aus Lucrez bei Tertullian geredet wird, so ist mir 
nur die eine de anima 5, welche Jessen anführt, bekannt, und 
diese ist von der art, dass der verdacht einer interpolation schon 
aus sprachlichen gründen nahe liegt. Zum schluss (p. 17 — 21) 
wendet sich Jessen zu Arnobius, bei welchem unter sämmtli- 
chen uns erhaltenen Schriftstellern die nachahmung des Lucrez 
am evidentesten hervortritt. Er geht aus von meinem artikel 
„Arnobius und Lucrez" (Philolog. XXVI, 362, nicht XXVII, 
wie bei Jessen verdruckt ist) und kritisirt zunächst die dort 
ausgesprochene ansieht, dass das Studium des Lucrez für Arno- 
bius der vermittelnde Übergang vom heidenthum zum christen- 
thum geworden sei. Bei dieser gelegenheit wird mit vollem 
recht bemerkt, dass die von mir angezogene stelle des Hiero- 
nymus für den epikuraismus des Arnobius nichts beweise. Al- 
lein selbst wenn man dieses zeugniss zunächst fallen lässt, so 
bleibt doch nicht minder sicher die behauptung stehen , dass 
Arnobius in der Zwischenzeit zwischen seinem entschiedenen 
heidenthum und seinem Übergang zur christlichen lehre ,,auch 
philosophische Studien getrieben , und zwar sich häuptsächlich 
der epikuräischen philosophie hingegeben habe" ; denn dass er 
diese philosophie nur aus Lucrez kennen lernte, das kann doch 
bei seiner ganz entschiedenen nachahmung desselben nicht 
ernstlich bezweifelt werden. Ich sage „in der Zwischenzeit". 
Denn wenn Jessen in den worten des Hieronymus eine plötz- 
liche bekehrung des Arnobius angedeutet finden will, so weist 
doch das compelleretur auf ein entschiedenes sträuben des apo- 
logeten gegen das bekenntniss des christenthums hin, und dass 
wiederholte träume ihn endlich zur gläubigkeit brachten , lässt 
sich doch schwerlich eine plötzliche bekehrung nennen , wie 
denn auch Jessen selbst die träume als vermittelung zum über- 
gange anerkennt. Und wenn nun dieses schwanken bei Arno- 
bius herrschte, so war es doch so lange ein schwanken zu gun- 
sten des epikuraismus, bis die träume den ausschlag für das 



Nr. 6. 164. Lucretius. 303 

christenthum gaben. Ferner erklärt Jessen seine Übereinstim- 
mung mit mir in dem punkte , dass , wenn Arnobius von sich 
sagt, er sei nuper noch beide gewesen, damit nicht gemeint sei, 
er sei es noch ganz vor kurzem gewesen. Nun meldete sich 
aber Arnobius sicherlich, sobald sein sträuben durch die träume 
überwunden war, alsbald bei dem bischofe zur aufnähme in die 
gemeinde und schrieb, als er von diesem abgewiesen wurde, si- 
cherlich im dränge des neulings bald darauf seine bücher ad- 
versus nationes (wie schon elucubravit bei Hieronymus andeu- 
tet), und zwar gewiss das erste buch , in dem sich die frag- 
liche stelle findet, zuerst. Jessen würde also bei seiner ansieht 
nuper doch wohl im sinne der nächsten Vergangenheit auffassen 
müssen. Was endlich gegen meine combination der umstand 
bedeuten soll, dass Arnobius nicht den Epicur, sondern Aesculap, 
Baccbus und Hercules mit Cbristus vergleicht, will mir nicht ein- 
leuchten. Einestheils nämlich ist, wie Jessen selbst zugesteht, die 
lobrede auf Christus bei Arnobius der lobrede auf Epicur bei Lucrez 
entschieden entlehnt, anderntheils erscheinen die genannten göt- 
ter bei Arnobius und Lucrez ganz in derselben weise : der eine ver- 
gleicht dieselben mit Epicur, der andere mit Christus, beide aber 
so, dass sie gegen die Verdienste ihrer gefeierten in den hinter- 
grund treten. Also abermals eine nachahraung der lobrede auf 
Epicur zum zweck einer lobrede auf Christus. Schreibe man 
das immerhin auf rechnung der masslosigkeit des rhetors Ar- 
nobius. Um desto weniger, sollte ich denken, hätte man grund 
zu der ansieht, welche Jessen halb zweifelnd ausspricht, dass 
dieser Arnobius den straffen und einfachen, körnigen und flos- 
kellosen Lucrez mehr als stilmuster als wegen des epicuräi- 
sehen inhalts studirt, der homo confusus, wie ihn* Hieronymus 
nennt, den streng ordnenden denker zum muster für seine dar- 
stellung gewählt habe. Gern gebe ich zwar Jessen zu, dass er 
mit seinen gegengründen meine ansieht zu einer blossen com- 
bination herabgedrückt hat. Allein wie man die vorliegenden, 
höchst auffälligen thatsachen anders vereinigen könne als durch 
die annähme, dass Arnobius vor seinem christenthum anhänger 
der epicuräischen philosophie gewesen, gestehe ich nicht einzu- 
sehen. Der christliche neuling, vollends der durch träume trotz 
seinem widerstreben zum christenthum genöthigte, konnte doch 
nur dann die lucrezische lobrede auf Epicur auf Christus über- 



304 165. Martialis. Nr. 6. 

tragen, wenn er den ersteren als eine grossartige, verehrungs- 
würdige persönlichkeit ansah , und vollends in einem buche, 
welches die abneigung des bischofs gegen den neubekehrten 
früheren Verfolger der christlichen lehre zu beseitigen bestimmt 
war. Dagegen will es nichts besagen , dass Arnobius hie und 
da (ich hatte bereits selbst p. 366 auf diesen punkt ausdrück- 
lich hingewiesen) seine abweichung von einigen lehren Epicurs 
scharf äussert: er war ja eben Christ geworden und hatte das 
von seinem neuen glaubensbekenntniss , so weit er dasselbe 
kannte, entschieden abweichende, wie die zufällige entstehung 
der weit, die Sterblichkeit der seele, abzulehnen. — Neue nach- 
weise von nachahmungen des Lucrez durch Arnobius nebst ei- 
ner reihe conjecturen zu dem letztern , freilich meistens schon 
von frühern bearbeitern gemacht, schliessen diesen abschnitt. — 
Zu den nachahmern des Lucrez hätte , wie nächstens im Philo- 
logus erscheinende andeutungen zeigen werden , auch Minucius 
Felix gerechnet werden können. Die letzten seiten nehmen 
verbessungsvorschläge nebst einigen gelungenen erklärungspro- 
ben ein. — Die freunde des Lucrez wie des Arnobius werden 
mit dem referenten dem Verfasser der vortrefflichen gelegenheits- 
schrift dank wissen. 

Ernst Klussmann, 

165. De personis a Martiale commemoratis. Dissertatio 
inauguralis. Scr. Paul Griese. 8. Gryphiswaldiae. 1872. 37 pp. 

Der von Mommsen verfasste index Plinianus, den sich der 
Verfasser dieser schrift zum muster genommen , hat in ausge- 
zeichneter weise gezeigt, wie werthvoll solche arbeiten für das 
verständniss. der Schriftsteller und für die geschichte der zeit, 
welcher dieselben angehören, sein können. Aber allerdings wird 
die bedeutung derselben eine sehr verschiedene sein , je nach- 
dem die genannten personen ein grösseres oder geringeres in- 
teresse verdienen und Martial kann, wie der Verfasser selbst be- 
merkt, in dieser hinsieht den vergleich mit Plinius auch nicht 
entfernt aushalten, da die mehrzahl derselben den unteren schich- 
ten der römischen gesellscbaft angehört und nur verhältniss- 
mässig wenige hervorragende persönlichkeiten in seinen poe- 
sien uns entgegentreten. Es kommt hinzu, dass Martial nach 
seinem eigenen zeugniss in der regel fingirte namen gebraucht 



Nr. 6. 165. Martialis. 305 

hat, um sich mit seinen bissigen angriffen nicht persönliche 
Unannehmlichkeiten zuzuziehen, und da es nur in den seltensten 
fällen möglich ist, mit einiger Wahrscheinlichkeit die wahren na- 
men zu eruiren, so entziehen sich dieselben vollständig histori- 
scher benutzung. Schon aus diesen gründen würde die vorlie- 
gende arbeit keine grosse bedeutung beanspruchen können ; es 
wäre jedenfalls zweckmässig gewesen, wenigstens noch den 
gleichzeitigen Statius heranzuziehen, da vielfach hochgestellte 
personen bei beiden als gönner der dichter auftreten, wie 
dies Friedländer (Sittengeschichte 3, 396 ff.: die gönner und 
freunde des Martial und Statius) auch gethan hat. Wenn 
sich der verf. trotzdem veranlasst sah , einen personalindex 
nur zu Martial zu liefern, so würde man mindestens erwarten, 
neue aufschlüsse über die schon von anderen besproche- 
nen persönlichkeiten von ihm zu erhalten : aber bis auf ver- 
schwindend wenige eigene vermuthungen , die theilweise sogar 
sicher verfehlt sind (wie z. b. die zurückführung der Petiliana 
regna XII, 57 auf den Schreiber L. Petil(l)ius, auf dessen 
acker a. 573, also fast 300 jähre bevor Martial sein zwölftes 
buch verfasste, die untergeschobenen Schriften des Numa gefunden 
wurden), beschränken sich die gegebenen notizen auf das, was 
schon von Mommsen, Friedländer oder in der Pauly'schen En- 
cyclopädie zusammengestellt ist. Selbst sehr naheliegendes ist 
übersehen , wie die wichtige inschrift des berühmten wagenlen- 
kers Scorpus (Gruter 337), in der sein voller name: Flavius 
Scorpus (er war ohne zweifei von Domitian freigelassen wor- 
den) und die ungeheure zahl seiner siege, 2048, aufgeführt ist. 
Auch gegen die anordnung liesse sich manches einwenden; dass 
die reges et imperatores von den privati getrennt sind, ist ge- 
wiss zu billigen , wie es auch Mommsen in seinem index ge- 
than hat ; aber es ist dann eigenthümlicb, unter den privati den 
Iulus filius Aeneae zu finden. Ferner wäre es meines erach- 
tens durchaus nothwendig gewesen, die unzweifelhaft fingirten 
namen von den echten zu sondern und über die verschiedenen 
kategorien derselben, die meistentheils keineswegs zufällig ge- 
wählt sind, wie Afer, Bithynicus, Ponticus, Sabellus oder Oporinus, 

Chirnerinus u. a. m. einige erläuternde worte vorauszuschicken. 
Einzelne versehen wären mehrfach zu berichtigen, wie 

beispiels halber: Cinna, Cinnamum se appellari voluit, die sa- 
Philol. Anz. V. 20 



306 166. Sallustius. Nr. 6. 

che gerade umdreht, da Cinna der römische name ist, Cinnamus 
den freigelassenen kennzeichnet (vgl. VII, 64: tonsor Cinnamus 
dominae munere /actus eques , der wahrscheinlich identisch ist); 
jedoch ist es zeit abzubrechen und das gesagte dürfte genügen, 
um darzuthun, dass eine solche arbeit in keiner weise geeignet 
ist, den mangel eines onomasti'cum zu den Schriftstellern der 
kaiserzeit weniger fühlbar zu machen. o — d. 

166. De Sallustio imitatore Thucydidis Demosthenis alio- 
rumque scriptorum Graecorum. Dissertatio philologica quam 
. . defendet auctor Silvius Dolega. 8. Vratislaviae (1871). 
IX u. 59 pp. 

Das verhältniss des Sallustius zu seinen griechischen mu- 
stern verdiente eine zusammenfassende Untersuchung, nachdem 
bisher nur gelegentlich darüber gehandelt worden war und le- 
diglich die beziehung zu Thucydides eine eigene betrachtung 
gefunden hatte. Aber auch hier war noch manche arbeit zu 
thun, denn Ebersteins Schrift de Sallustio Thucydidem imitante 
(Lund 1811. 18 pp. 4) ist ganz ungenügend; Poppo aber in 
seinen prolegomena zur grösseren ausgäbe des Thukydides ist 
in der annähme entlehnter gedanken und structuren entschieden 
zu weit gegangen. Hiegegen verfährt der vf. vorliegender 
schrift mit besonnener Überlegung; seine darstellung hat daher, 
obwohl sie nicht durchaus correct geschrieben ist, sondern an 
Wiederholungen, Unklarheiten, germanismen und grammatischen 
irrthümern leidet, im wesentlichen das richtige getroffen. Sie 
behandelt ihren stoft in drei abschnitten: 1. Quatenus consilium 
dispositioque librorum Sallustii pendeant ab opere Thucydideo. Hier 
ist gezeigt, wie das prooemium der Historien , die einflechtung 
von reden und excursen in die erzählung auch der kleinen 
Schriften auf eingehendes Studium des griechischen meisters 
hinweisen. Ui ber die tendeuz der prooemien des Catilina und 
Jugurtha ist keine aufklärung gegeben; vrgl. hierüber Philol. 
Anz. IV, 241. — II. Quas sententias locosque Sallustius ex Graecis 
ecriptoribus transtulerit quatenusque in rhetorico genere dicendi ad 
Thucydidem ee applieaverit , quaeritur. Dieser ausführlichste ab- 
schnitt gibt ausser zahlreichen das einzelne betreffenden nach- 
weisen die belege dafür, dass Sallust in den reden des Catilina 
an Thucydides , in jenen der Historien mehr an Demosthenes 



Nr. 6. 166. Sallustius. 307 

sich anschliesst , während die rhetorischen partieen des Jugur- 
tha verhältniss massig am originellsten sind und nur die erzäh- 
lenden theile dieser schritt öfter an Thucydides erinnern. Bis- 
weilen sieht der vf. parallelen, wo ref. keine zu finden vermag, 
z. b. Cat. 6, 6. 20, 2 u. s. w. ; umgekehrt vermisst ref. nachweise 
von entlehnungen , die vom vf. weder hier noch im folgenden 
abschnitt angegeben werden z. b. Jug. 79, 6. 84, 1 u. s. w. 
Ganz lückenhaft sind die angaben des vfs. über analoge stellen 
bei Isokrates und Xeuophon ; und des Polybius wird gar nicht 
gedacht, obgleich sich mehrere schlagende parallelen finden, von 
denen eine, XV, 32, 4, sogar zur emendation von Cat. 46, 2 
verwendet worden ist-, vgl. Wiedemann Philol. XIX, 155. Hie- 
nach ist auch die Schlussbemerkung des vfs. p. 59 über den ge- 
ringen ertrag der betrachtung solcher analogieen für die textkritik 
des Sallust zu modificieren. Auf kritik einzelner stellen ist der 
vf. nur im III. abschnitt eingegangen, der betitelt ist: Quatenus 
Sallustius in structura verborum Graecos scriptores imitatus sit, 
quaeritur. Auch hier zeigt sich besonnenes urtheil sowohl in 
der abwägung einzelner discrepanzen als auch in der bevorzu- 
gung der in P repräsentirten handschriftenklasse gegenüber der 
in V gebotenen Überlieferung. Was aber die p. 52 f. ausge- 
sprochene ansieht über cod. Nazarianus betrifft, so hat inzwi- 
schen Nipperdey im Jenaer Lectionskatalog für das sommerse- 
mester 1872 p. 16 das richtige dargelegt. — Die der abhandlung 
vom vf. vorausgeschickte einleitung stellt die Zeugnisse der al- 
ten über das slhp'i^tiv des Sallust zusammen. Die herbeizie- 
hung von Sueton. Gramm, ill. 10 in diesen Zusammenhang beruht 
jedoch nachweislich auf falscher interpretation des vfs. ; die stelle 
(Reiffer scheid p. 109) lautet: Quo magis miror Asinium credidisse, 
antiqua eum (sc. AteiumJ verba et figuras solitum esse colligere Sal- 
lustio; cum sibi sciat nil aliud suader e quam ut noto civilique et 
proprio sermone utatur , vitetque maxime obscuritatem Sallusti et 
audaciam in translationibus. Das letzte wort soll hier nach dem 
vf. „Übersetzungen" bedeuten; aber dass vielmehr fAS7uqoQaC 
gemeint sind, lehrt sowohl der Zusammenhang der stelle selbst 
als auch der rhetorische Sprachgebrauch überhaupt. Es han- 
delt sieb nicht um drei dinge, wie der vf. meint, sondern um 
zwei, antiqua verba et figuras: auf ersteren begriff bezieht sich 
obscuritas und der gegensatz hiezu notus civilisque sermo) auf 

20* 



308 167. Griechische geschichte. Nr. 6. 

figuras bezieht sich der begriff translationes mit seinem gegen- 
satze proprius sermo. Was nun über diese punkte gemeint sei, 
erhellt aus der vergleichung mit Cic. de orat. III, 38, 152 ff.: 
Tria sunt igitur in verbo simplici, quae orator adferat ad illustran- 
dam atque exornandam orationem: aut inusitatum verbum (den an- 
tiqua verba entsprechend) aut novatum (davon spricht Sueton 
nicht) aut translatum (vgl. figuras). Inusitata sunt prisca fere 
ac vetustate ab usu cotidiani sermonis (notus civilisque sermo sagt 
Sueton) iam diu intermissa (daher die von Sueton erwähnte ob- 
scuritas). — Tertius ille modus transferendi verbi late patet, quem 
necessitas genuit inopia coacta et angustiis, post autem iucunditas 
delectatioque celebravit. — Ergo liae translationes quasi mu- 
tuationes sunt, cum quod non habeas aliunde sumas. Illae paullo 
audacior es, quae e. q. s. Es ist klar, dass auch an der 
fraglichen stelle bei Sueton die dem proprius sermo entgegenge- 
setzte audacia in translationibus dasselbe bedeutet, was Cicero 
mit translationes audaciores ausdrückt d. h. pi£7acpoQut. Vgl. für 
das epitheton Quintil. I. Or. VIII, 6, 11 audaci et proxime peri- 
culum translatione und für den gegensatz zu proprius Quint. 1. c. I, 
5, 51 Propria sunt verba, cum id significant, in quod primo deno- 
minata sunt \ translata , cum alium natura intellectum , atium loco 
praebent. Also nicht vor Sallust's „gewagten Übersetzungen" 
wurde Asinius von Ateius gewarnt, sondern vor dessen „küh- 
nen metaphern". 

167. De ephoris Spartanis. Dissertatio inauguralis, quam 
— scripsit Carolus Fr ick. 8. Gottingae. 1872. 32 s. 

Der verf. dieser abhandlung erwirbt sich ein besonderes 
verdienst durch die treffende kritik , welche in derselben an 
den verschiedenen bis jetzt über die anfange der ephorie 
aufgestellten meiuungen geübt wird. Festhaltend als ergebniss 
der neueren forschung, dass in Lykurgs Verfassungswerk die 
ephoren noch keine oder nur eine untergeordnete stelle gefun- 
den und auch nach ihrer einsetzung oder hebung durch könig 
Theopompos noch lange der macht fülle entbehrt haben, welche 
ihnen in späterer zeit zukam, sucht verf. die aufgäbe und Stel- 
lung zu ermitteln, welche dieser köuig ihnen zugewiesen hatte. 
Die meinungen dass die ephoren anfangs marktherren (0. Mül- 
ler), Statthalter der fünf landkreise (A. Schäfer) oder Vorsteher 



Nr. 6. 167. Griechische geschiente. 309 

der stadtquartiere (Stein) von Sparta gewesen seien, werden 
mit guten gründen zurückgewiesen, die ächtheit der rhetra des 
Theopompos und Polydoros bei Plutarch Lyk. 6 gegen Trieber 
siegreich vertheidigt, die beantwortung der frage aber durch 
vergleichung dieser rhetra mit der thatsache, dass Theopompos 
zugleich begründer der ephorie gewesen, und beider momente 
mit den einschlägigen angaben des Piaton und Aristoteles zu 
gewinnen gesucht. 

Da durch die erwähnte rhetra die gültigkeit der in der 
Volksversammlung gefassten beschlüsse von der billigung der 
gerusia abhängig gemacht, durch die einführung (oder erhöhung) 
der ephoren dagegen dem volk, aus dessen mitte dieselben hervor- 
gingen , ein machtzuwachs verschafft worden ist, so hat Arnold 
die von K. F. Hermann weitergeführte ansieht ausgesprochen 
dass Theopompos für die einbusse, welche das volk durch seine 
und seines mitregenten rhetra erlitten hatte , demselben durch 
aufrichtung der ephoren einen ersatz geboten habe. Hiegegen 
macht vf. mit recht geltend, dass die ephorie schon ol. 5, 4 
(besser hätte er gesagt: um ol. 5, 4, da alle bloss aus den randno- 
tizen des eusebischen kanon bekannten datirungen eine abwei- 
chung von mehreren jähren zulassen), also vor der zeit des Poly- 
doros, dessen vater Alkamenes zu anfang des ersten messenischen 
krieges (ol. 9, 2) noch könig war, aufgekommen und somit äl- 
ter ist als die rhetra der zwei könige. Weitere folgerungen 
aus dem wahren zeitlichen und ursächlichen verhältniss, wel- 
ches zwischen beiden massregeln besteht, zu ziehen hat der 
vf. unbegreiflicher weise unterlassen. 

Nach seiner eigenen ansieht waren die von Theopompos 
in Sparta eingesetzten ephoren ungefähr das, was in Rom die 
volkstribunen: Vertreter und beschützer des demos, d. i. einer 
art plebs, deren mitglieder nur ein beschränktes bürgerrecht 
und kleinere ackerloose besassen, auch des connubiums mit den 
vollbürgern (Spartiaten) entbehrten. Ihre absieht, gleiche rechte 
mit den höherstehenden zu erlangen hätten sie nach verschiede- 
nen versuchen endlich im zweiten messenischen krieg erreicht, 
ebenso sei es den ephoren gelungen, allmählich die leitung der 
Volksversammlung an sich zu reissen. 

Von alle dem können wir in den quellen nichts entdecken. 
Die Minyer, von deren vorübergehendem auftreten in Lakonien 



310 168. Römische geschichte. Nr. 6. 

Herodot erzählt, für die wissenschaftliche betrachtung eine un~ 
bekannte grosse, liefern dem vf. das material zu den plebeiern, 
deren seine volkstribunen benöthigt sind. Herodot lässt sie 
nach der dorischen Wanderung in Lakonien ein- und bald 
nachher, lange vor Lykurg und noch länger vor der zeit des 
Theopompos, wieder ausziehen-, aber nach dem vf. waren sie 
schon vor den Doriern im land und verliess dasselbe nur ein 
verhältnissmässig geringer theil von ihnen. Herodot gibt an, 
dass sie nicht bloss theil am land und aufnähme in die phylen, 
sondern auch das connubium mit den ersten häusern von 
Sparta erlangt haben ; der vf. behauptet das gegentheil. Das 
alles bloss desswegen, weil ihm nun einmal feststeht , dass die 
aufgäbe der neuen ephorie darin bestand, den demos gegen 
die könige und optimaten zu schützen. Denn wie er ganz 
richtig bemerkt, vollbürger bedurften keinen schütz, schutzbe- 
dürftige aber können bloss halbbürger gewesen sein. 

Woher hat aber vf. dies sein axiom von der schutzbedürf- 
tigkeit des demos und der schützerpfiicht der ephoren? woher 
die optimaten? die zwei philosophen, aufweiche er sich allent- 
halben beruft, geben weder sonst etwas in diesem sinne noch 
an den von ihm citirten stellen : Plat. Legg. 3, 692 a ö 8s tqi- 
tog acoTrjQ vfiXv eri anagyäaav xai &v(iovpisvriv tfjv dgx'l" ögmv 
olov ipdliov ive'ßalsv avr7] zrjv täv icpögcov dvvctfiiv, und Arist. 
Pol. 5, 9, 1 Sta to «| ttQXV'* 7e ***> ^ l '° PSQV 8taigsdrjvai jijv 
agpjv xai ndXiv Qsonofxnov [xeTgidaarzog roTg ts dlXotg xal rtjv 
tmv iqtoQwv MQxfy iTtixaraoTrjöavTog. Der demos in Sparta, 
von welchem Aristoteles hie und da spricht, ist die gesammt- 
heit der bürgerschaft, vgl. besonders Pol. 2, 6, 15 ol 8s xaXol 
xaya&oi Sia tr^v yegovaiav , a&Xov ydg avrij rtjg dgsrtjg iartp' 6 
dTjfiog 8iu rtjv iqtoQstav, xa&iaiaTai ydg s£ dnäviosv. Dass end- 
lich der ausdruck »aXol xdya&o] nicht den stand der optimaten, 
sondern individuell und moralisch die besten und tüchtigsten 
bezeichnet, beweist ausser dgszij auch die fortsetzung dieser 
stelle und der schluss von Pol. 4, 6. U. 

168. Die feldzüge der Eömer in Deutschland unter den 
kaisern Augustus und Tiberius. Von Gustav Hertzberg. 8. 
Halle. 1872. Waisenhausbuchhandlung XI u. 307 s. — 1 thlr. 

Das vorliegende buch bildet das siebente bäudchen der 



Nr. 6. 168. Römische geschichte. 311 

rühmlichst bekannten „darstellungen aus der römischen geschichte 
für die Jugend und für freunde geschichtlicher lectüre", die 0. 
Jäger herausgiebt. Es schliesst sich würdig Hertzbergs frühe- 
ren populären bearbeitungen von abschnitten der alten geschichte 
an und wird sich unter dem ihm bestimmten leserkreise sicher- 
lich viele freunde erwerben. Gerade die periode der römi- 
schen kaiserzeit , in welche durch die lectüre des Tacitus die 
schüler der obersten classen unserer gymnasien näheren ein- 
blick zu erhalten pflegen , findet hier ausführliche behandlung. 
Der primaner, dessen Standpunkt das Studium der über jene 
zeit erschienenen rein wissenschaftlichen Schriften in der regel 
noch nicht angemessen ist, empfängt mit diesem buche einen 
ebenso angenehmen als zuverlässigen führer durch ein hochin- 
teressantes gebiet. 

In der einleitung setzt der vf. die neugestaltung der rö- 
mischen heeresverfassung durch Augustus, die stärke der dama- 
ligen legion, die Stellung ihrer Offiziere, die höhe des soldes 
u.s.w. auseinander, schildert dann das verhältniss der legio- 
nen zu den übrigen truppengattungen, der besatzung der baupt- 
stadt und den auxiliaren und hebt die fehler und Vorzüge die- 
ses wehrsystems hervor. Das erste capitel gibt einen überblick 
über die auswärtige politik des Augustus, entwickelt die noth- 
wendigkeit von dessen krieg gegen die noch unbezwungenen 
stamme der Mittel- und Ostalpen und schliesst mit einer an- 
schaulichen Schilderung der bezwingung dieser Völker, der Rhä- 
tier, Vindeücier und Noriker durch Drusus und Tiberius. Im 
zweiten capitel werden die Verhältnisse des kaiserlichen Rom zu 
den Germanen bis zu Drusus feldzügen entwickelt, der cultur- 
zustand der deutschen stamme und ihre politische läge den 
Römern gegenüber erörtert. Der folgende abschnitt enthält die 
darstellurjg der feldzüge des Drusus und Tiberius in dem lande 
zwischen Rhein , Main und Elbe bis zum tode des Drusus. 
Ueberall haben hier, wie in den folgenden capiteln, auch in 
den geographischen partien die neuesten forschungen berück- 
sichtigung gefunden. Das vierte capitel, „Tiberius und Marbod" 
überschrieben, schildert zunächst die einwirkung der römischen 
cultur auf die deutschen Völkerschaften, dann die gründung des 
grossen Markomannenreichs durch Marbod, die feldzüge des 
Domitius Ahenobarbus und Sentius Saturninus, die kluge poli- 



312 168. Römische geschickte. Nr. 6. 

tik der Römer dem Markomannenkönige gegenüber. Wir er- 
klären uns hier im übrigen mit den ausführuDgen des vf. ein- 
verstanden , nur seine behauptung auf p. 140, Theo der ich 
der Ostgothe sei an seiner unkenntniss römischer staatskunst 
zu gründe gegangen, möchten wir für gewagt halten. Im wei- 
teren verlaufe des capitels wird Tiberius feldzug bis zur Elbe 
und sein grossartig angelegter aber durch den pannonisch - dal- 
matischen aufstand nicht zur vollständigen durchführung ge- 
langter operationsplan gegen Marbod erzählt. Nachdem der vf. 
dann der bewältigung der erwähnten gewaltigen empörung, 
„deren jäher ausbruch so bedeutungsvoll für die Unabhängigkeit 
der Deutschen geworden ist", so weit es der gegenständ des 
buches erlaubt, beachtung geschenkt und die erfolgreiche orga- 
nisatorische und diplomatische thätigkeit des Saturninus in Ger- 
manien sowie dessen ersetzung durch Quintilius Varus berührt 
hat, führt er uns am schluss des capitels bis zum eintritt der 
katastrophe im teutoburger walde. Die specielle darstellung 
der berühmten schlacht mit ihren veranlassuugen und folgen 
nimmt den grössten theil des fünften capitels ein. Hier ver- 
dient namentlich die gelungene Charakteristik Armins hervor- 
gehoben zu werden. Im gegensatz zu den herkömmlichen Schil- 
derungen dieses helden, die seiner glänzenden Verdienste hal- 
ber seine schwächen zu übersehen pflegen, betont der vf. mit 
recht, dass wir „die krystallklare Siegfriedsnatur, die sich eine 
phantastische betrachtung der altdeutschen geschichte so gern 
in diesem manne gedacht hat", bei Armin nicht suchen dürfen. 
Neben den strahlenden heldentugenden Siegfrieds „zeigt er auch 
züge, die an den grimmen Hagen gemahnen. Er erinnert in 
dem kämpfe der list auch an mehr als einen jener Germanen 
der Völkerwanderung , an den höfen von Constantinopel und 
Ravenna, die den Römern so sehr gefährlich wurden, weil sie 
auch dann noch, wenn sie täuschen wollten, die methode und 
die manieren treuherziger biederkeit mit gefährlicher naturwahr- 
heit festzuhalten verstanden". Als kampfplatz des letzten tages 
der Varusschlacht nimmt Hertzberg nach v. Wietersheims 
Vorgang den Dörenpass an. Mit dem wiedererscheinen des 
Tiberius am Rhein , der Schilderung von dessen vorsichtigen 
Operationen, seiner rückkehr nach Rom im j. 12 und der Er- 
nennung des Germanicus zum oberfeldherrn des rheinheeres 



Nr. 6. Theses. — Neue auflagen. 313 

schliesst das fünfte capitel. Das sechste und letzte hat die 
kämpfe zwischen Germanicus und Arminius zum inhalt. Die 
zweite der grossen Weserschlachten verlegt der vf. nach den 
ansichten v. Ab en dro th s (Terrainstudien zu dem rückzuge des 
Vavus und den feldzügen des Germanicus. Leipzig 1862) und v. 
Wietersheims (Abhandlungen d. kön. säcbs. ges. d. wiss. 
phil.-hist. classe I, p. 429 ff.) auf das linke flussufer in die 
gegend von Minden. Ob indessen in dieser Schlacht die nie- 
derlage der Germanen eine so vollständige war, wie der vf. 
p. 2S6 annimmt, lässt sich bestreiten. Die unmittelbar hinter 
der Schilderung des von den legionen angerichteten blutbades 
folgenden worte des Tacitus Ab. exe. div. Aug. H, 21: equites 
ambigue certavere, und die militärischen massregeln des Germa- 
nicus nach der schlacht sprechen wenigstens nicht für einen 
glänzenden sieg. Bewährte forscher, wie C.Peter „Geschichte 
Korns" in, 1, 171 haben diesen daher schon längst bezweifelt. 
Die römische waffenehre war gerettet, mehr hatte Germanicus 
gegen den verzweifelten landsturm der Germanen nicht errei- 
chen können. — Der ,,schluss a stellt den ausgang der drei 
glänzendsten heldengestalten jenes Zeitraums, des Germanicus, 
Armin und Marbod in wirkungsvollem gegensatze einander ge- 
genüber. 

A. Duncker. 

Theses 

quas ... in alma literarum universitate Gryphica ... d. III. m. Maii.» 
publice defendet Albertus Wodrig Pomeranus : IL C. Valeri Argonau- 
ticon libri ab ipso poeta perfecti atque absoluti sunt; III. Hör. Od. 
1, 2, 39 scribendum puto: Acer et Maurum peditis cruenti | Voltus 
in hostem ; IV. Eurip. Androm. 398 legendum puto : chäg ri ravia dv- 
go/uca, in d' Iv noolv \ Ovx ££st«Cw xul koyi£o/xat, xaxü; V. Ibid. v. 
1139 legendum puto: ro Tgwixov ntjdtjfxa nrjdqßag nidot | XwgtZ xtL; 
VI. Lysiae or. XVIII, 10; inttdi] di xüyiaia tjk&ov tlg ttjv ctxady/utnxv 
Anxtda>,fx6vt,oi xul Jlavßaviag xtL et Xenoph. Hell. 11, 4, 30 6 ds 
HavGaviuq lerquxontdivauxo ptv lv xw 'Ahnidco xaXovfxivixi ngbg tw 
JIuquuI difyov fx ay xtQ a s xxl. inter se pugnant , videturque Lysias 
per errorem lapsus esse. 



Neue auflagen. 

169. C. Peter, Zeittafeln der griechischen geschiente. 4. aufl. 4. 
Halle. Waisenhaus; 1 thlr 10 gr. — 170. E. Dühring , kritische ge- 
schichte der philosophie von ihren anfangen bis zur gegenwart. 2. 
aufl. 8. Berlin. Heimann; 2 thlr 20 gr. — 171. J. C. F. Bahr, ge- 



3J4 Bibliographie. Nr. 6. 

schichte der römischen literatur. 4. bd. enthaltend die christlich - rö- 
mische literatur. I. Die christlichen dichter und geschichtschreiber. 
2. aufl. 8. Carlsruhe. Müller; 1 thlr 12 gr. 

Neue Schulbücher. 

172. G. Weller, lateinisches lesebuch aus Livius. 8. aufl. 8. 
Hildburghausen. Kesselring; 15 ngr. — 173. JE. Cauer , geschichts- 
tabellen. 18. aufl. gr. 8. Breslau. Trewendt; 6 ngr. — 174. W. 
Kopp , römische staatsalterthümer und religionsalterthümer. 2. aufl. 
gr. 16. Berlin. Springer; 12 ngr. — 175. W. Kopp, römische pri- 
vatalterthümer. 2. aufl. gr. 16. Berlin. Springer; 16 ngr. — 176. 
E. Berger, anleitung zum übersetzen aus dem deutschen ins lateini- 
sche für untere und mittlere gymnasialklassen. 4. aufl. 8. Claus- 
thal. Grosse; 16 ngr. — 177. M. Seyffert, materialien zum überse- 
tzen aus dem deutschen ins lateinische. 8. Leipzig. Heine; 2272- 

Bibliographie. 

Beiträge zur geschichte des deutschen buchhandels finden sich 
im Börsenbl. nr. 116. 

Definitive beendigung des buchdrucker-strikes in Leipzig am 
12 mai : s. Börsenbl. nr. 1 14. 

Ueber eine in Florenz erscheinende ausgäbe der Opera di Nic- 
colo Machiarelli berichtet die Augsb. Allg. Ztg. Beil. zu nr. 128. 

Ueber die cantatemesse der buchhändler berichtet das Börsenbl. 
nr. 114, d. h. von dem guten essen und trinken in Leipzig und von 
den vielen bei tische vorgekommenen überflüssigen reden. Wichti- 
geres berichtet dagegen Augsb. Allg. Ztg. Beil. nr. 133. 

Eine bedeutende auction wird die am 14. Juli von List und 
Francke in Leipzig abzuhaltende sein von der kostbaren bibliothek 
des moskauer bibliophilen Serge Sobolewslci: der katalog hat eine 
Albert Cohn unterzeichnete vorrede , welche eine Übersicht des rei- 
chen inhalts desselben giebt. 

Das bibliographie-institut in Hildburghausen kündigt als vollen- 
det in seinem verlage erschienen an: Meyers handlexicon des all- 
gemeinen wissens, in einem bände, 4 thlr 15 gr. : »während die con- 
versations-lexica darauf ausgingen, das viele so ausführlich als mög- 
lich zu bringen, sei hier die aufgäbe »so viel als möglich, aber das 
viele so kurz als möglich«. 

Der antiquar Edwin Tross in Paris hat vor einigen monaten das 
einzige auf pergament gedruckte exemplar der ed. princeps des Ho- 
raz entdeckt; jetzt im mai soll er bei einer italienischen familie eine 
bisher völlig unbekannte um 1470 auf pergament gedruckte ausgäbe 
von Ciceronis epistolae ad Familiäres entdeckt haben, die mit zahlrei- 
chen und wichtigen Varianten \ersehen sei : auf dem ersten blatte 
finden sich die gemalten wappen der familie Martinengo. Vrgl. 
Augsb. Allg. Ztg. nr. 141, p. 2156. D. Reichsanz. nr. 124. 

Die dissertationen , programme cett. (4500 stück) aus der biblio- 
thek des weiland professor Bahr in Heidelberg hat die buchhandlung 
von E. Carlebach eben daselbst an die Library of the Trinity Col- 
lege in Cambridge verkauft. 

Eine sehr beachtenswei'the erscheinung ist folgende: »Illustrirter 
Verlagsbericht, Jubiläums - catalog von Otto Spamer zu Leipzig. Zwei 
abtheilungen. Seinen freunden , mitarbeitern und geschäftsgenossen 
am Jahrestage des 25jährigen bestehens seiner firma gewidmet von Otto 
Spamer. Leipzig. Ausgegeben im dezember 1872«. Versendet ist das 



Nr. 6. Bibliographie. 315 

ganze im mai 1873; die erste abtheilung 98 s. 8, die zweite 114 a. 
8, die zweite mit wirklich schönen Illustrationen versehen. Die erste 
abtheilung enthält einen lehrreich und hübsch geschriebenen rückblick 
auf den entwicklungsgang der Verlagsbuchhandlung während 25 jäh- 
ren , der die entstehung, den Zusammenhang und die fortführung der 
bei 0. Spamer erschienenen kinder -Jugend -haus- und volksschriften 
so wie der prachtwerke sammt den kaufmännischen und technisch- 
chemischen, gewerblichen lehr- hand- hülfs- und Wörterbüchern er- 
zählt : es zeigt sich da, welche kenntnisse, aber auch zugleich welche 
energie und ausdauer ein mann aufwenden muss, um in unserer so 
bewegten und von so verschiedenen und scheinbar sich feindlich ent- 
gegenstehenden interessen, die doch zusammenwirken müssen , durch- 
furchten zeit ein nur dem nutzen und frommen des Vaterlandes 
dienendes ziel wirklich zu erreichen. Die bücher haben es auch 
nicht allein fertig gebracht: handel mit persischem insecten - pulver, 
kölner wasser, diversen kosmetika, bleistiften, druckerschwärze u.s.w. 
mussten das in dem schweren jähre 1848 durch bücher geschaffene 
deficit decken : sie deckten es, aber dafür erschwerte der dunkel der 
collegen , denen durch insectenpulver ehrlich zu bleiben nicht stan- 
desgemäss erschien , das aus innerm triebe von neuem begonnene 
buchhändlerische geschält; mit welchem erfolg es von neuem auf- 
genommen ward , lehrt die zweite abtheilung, welche den Ver- 
lag verzeichnet: I. Kinder- und Jugendschriften; p. 1 — 56; II. all- 
gemeine bildungsschriften und festgeschenke , p. 57 — 76; III. fach- 
schriften, p. 77 — 96; volksthümliche prachtwerke und encyklopädi- 
sche Unternehmungen , p. 97-108: worauf register und ankündigun- 
gen noch folgen: freilich darin nicht viel philologisches: doch p. 71 
steht Sokrates büste; auch sonst ist das classische alterthum berück- 
sichtigt, p. 69, und eben so auch im verzeichniss der künftig erschei- 
nenden werke. Deshalb machen wir schliesslich von neuem darauf auf- 
merksam, welche masse echt nationalen und daher des edelsten Stof- 
fes grade für volksthümliche schritten in der geschichte der classi- 
schen philologie und des höheren Schulwesens in Deutschland unbe- 
achtet daliegt; grade aus wahrer und liebevoller Schilderung der gross- 
artigen, in der stille und ohne anspruch auf lautes lob Jahrhunderte 
hindurch zur erziehung deutscher jugend von trefflichen und gelehr- 
ten schulmännern aufgewendeten arbeit würde den immer von neuem 
und namentlich jetzt — z. b. im Elsass — in unsre entwicklung hem- 
mend eingreifenden bureaukratischen gelüsten ein festerer dämm ent- 
gegengestellt werden, als durch Streitschriften und ohne nachhaltige 
Wirkung vorübergehende artikel politischer Zeitungen. 

Versandt wurde: verlagsbericht von L. Heimann's verlag (Erich 
Koschny) in Berlin , der über die philosophische wie die historisch- 
politische bibliothek berichtet; von Karl Hoffmnnn in Stuttgart lite- 
rarischer bericht über die übersetzungs - bibliothek griechischer und 
römischer classiker. 

Cataloge der antiquare: Bibliotheca philologica: nr. 36. Anti- 
quarisches verzeichniss von Ernst Carlebach in Heidelberg, enthaltend 
die hinterlassene bibliothek des oberbibliothekar der Universität Hei- 
delberg geh. hofrath professor Dr J. J. F. Bahr; Nr. 55. Antiquari- 
scher anzeiger von Alfred Coppenrath in Regensburg; Nr. 243. K. F. 
Kühler's in Leipzig antiquarische anzeige -hefte. Bibliothek des hm 
professor Ladewig in Neubrandenburg; Catalog 116 des antiquarischen 
bücherlagers von Friedrich Wagner in Braunschweig; Antiquarisches 
verzeichniss 121. 122 von Felix Schneider in Basel, philosophie, päda- 
gogik und orientalische und neue sprachen enthaltend; Nr. 102 ver- 
zeichniss von antiquarischen büchern der buch- und antiquariata 



316 Kleine philologische zeitung. Nr. 6. 

handlung W. Weber in Berlin ; 38. antiquarischer anzeiger der WeU 
fer'schen buchhandlung (Oscar Roesger) in Bautzen. 

Kleine philologische zeitung. 

Rom, 16. april. Bei ausgrabungen aut dem esquilinischen hügel 
hat man über 2509 jähr alte Überreste des alten agger des Servius 
Tullius entdeckt, peperin-quadern, welohe ohne verband von mörtel 
auf einander stebeu; das bis jetzt ausgegrabene hildet einen halb- 
kreisförmigen thurm mit zwei Seitenflügeln, von denen jener einen 
durchmesser von 8 meter hat, diese sind 33 meter lang und 2 meter 
hoch. Vrgl. Augsb. Allg. Ztg. nr. 109. D. Reichsanz. nr. 96, beil. 1. 

Rom, 19. april. In der festsitzung des archäologischen institutsam 
18. april sprach Visconti über eine marmorne, mit reliefs geschmückte 
ara mit der Inschrift : [Jöoog 2nßuti(j) düügov, Henzen über die inschrif- 
ten zweier iüngst auf dem Esquilin gefundener marmorner trapezo- 
phoren, Heibig über einen prachtvollen kessel. S. Augsb. Allg. 
Ztg. beil. zu nr. 115. 

Notizen über Fr. Ad. Trendelenburg giebt nach Bratuschek's 
buch über diesen D. Reichs-Anz. n. 104. 

x Buchdruckergedanken über Orthographie « : unter diesem titel 
werden im Daheim und im Börsenbl. nr. 104 vorschlage zur Verein- 
fachung gemacht. 

Die Ri forma berechnet dass in den kloster - bibliotheken Italiens 
gegen 7 — 800000 bücher und gegen 308000 raanuscripte aufbewahrt 
würden und fragt bei gelegenheit des auf aufhebung der klöster ge- 
richteten antrags in dem italienischen Parlamente die regierung, 
welche Vorkehrungen sie zur würdigen aufbewahrung dieses Schatzes 
zu treffen gedenke. Vrgl. D. Reichsanz. nr. 120. 

Unter dem titel: »über den lehrermangel, eine gefahr für das deut- 
sche volksieben « ist von Schneider (bei Fricke in Halle erschienen) 
ein Vortrag edirt: die gefahr fühlt man auch auf Universitäten, wo 
grade unter denen, die sich dem schulfach zu widmen gedenken, die 
oberflächlichste art von studiren immer mehr um sich greift. 

Wie ungarische zeitungen berichten ist Max Müller von dem 
Unterrichts -minister in Ungarn darum angegangen worden, ein urtheil 
über den werth des griechischen als gegenständ des gymnasial-unter- 
richts abzugeben: man ist eben in Ungarn darüber nicht im klaren: 
wie dies schwanken entstanden , zeigt in einem sehr unterrichtenden 
artikel die Augsb. Allg. Ztg. beil. zu nr. 122. Max Müller hat nun in 
einem gar eigenthümliche redensarten enthaltenden briefe von der 
einführung des giüechischen — abgerathen : hoffen wir, » schliesst die 
Allg. Ztg. 1. c.« , dass die wenig erfreuliche Parteinahme Müllers ge- 
gen das griechische keinen einfluss üben wird auf die künftige ge- 
staltung uusrer (d. h. der ungarischen) gymnasien: wir müssten 
sonst über diesen unbedachten schritt des verehrten mannes das schärfste 
tadelsvotum aussprechen«. 

Am 24. april ist zu Berlin auch eine Africanische gesellschaft 
nach dem Vorgang von Dresden, München, Halle, Hamburg u. s. w. 
gebildet, über die das genauere aus D. Reichsanz. nr. 105 zu ersehen. 

London, 28. april. Der vom Daily Telegraph nach Assyrien ge- 
sendete George Smith berichtet, dass er mehr als 80 Inschriften ent- 
deckt habe ; eine von Merodach Baladan , söhn des Milihu , enkel des 
Kurigatzu, königs von Babylon um 1300 a. Chr.; eine noch ältere 
handelt von triumphen des königs Vulnirari, und erwähnt auch an- 
dere könige; auch tafeln aus der zeit des Nebuchadnezar u. a., die 



Nr. 6. Kleine philologische zeitung. 317 

alte babylonische legenden, eine sprichwörtersammlung und astrolo- 
gisches enthalten. Nach seinen nachgrabungen in Nimrud sei der 
süd - pallast von viel grössern dimensionen als man früher angenom- 
men und im innern sehr geschmückt. Genaueres s. in Augsb. Allg. Ztg. 
beil. zu nr. 129. D. Reichanz. nr. 112. Weiteres bringt aber erst- 
genannte zeitung in der ausserord. beil. zu nr. 145, wo es heisst: Der 
»Daily Telegraph« bringt heute einige einzelheiten über die gemach- 
ten fünde des hrn. George Smith, der auf veranlassung der directum 
dieses blattes eine wissenschaftliche reise nach Assyrien unternom- 
men hat. Der wichtigste fund ist ein etwa 3' hoher, 1, 1' 9" weiter 
und 1, 2" dicker gedenkstein. Die eine seite desselben stellt dar eine 
anzahl wunderbarer mythologischer fignren nebst emblemen von göt- 
tern und dämonen und dazu das bild eines im bau begriffenen thur- 
mes, der an die Birs Nimrud erinnert. Auf der andern seite befin- 
den sich drei schriftcolumnen von zusammen 115 zeilen , welche eine 
land- Schenkungsurkunde an einen pnester von dem babylonischen 
könig enthalten. Der priester verpflichtet sich dafür zur Verrichtung 
gewisser ceriinonien , und eine Sammlung von fluchen wird über die 
nichterfüllung dieser Verpflichtungen ausgesprochen. Dieser stein ist 
darum von grosser Wichtigkeit weil er zwei könige nennt , die bisher 
noch gar, nicht bekannt waren. Bis jetzt kannte man nur fünf assy- 
rische könige und ihre annähernde regierungszeit, nämlich: Kara-In- 
das 1420 v. Chr.; Burna-buriyar IL 1400; Kara-Kardar, söhn des 
vorigen, 1380; Nazibugas, ein Usurpator, 1370; Kuri-galzu, söhn des 
Burna-buriyar, 1360. Nun kommen noch hinzu: Mili-sihu II, söhn 
des Kuri-galzu, 1340; und Merodach Baladan I., 1320 v. Ch. Abgesehen 
von seiner historischen bedeutung , ist der stein noch wichtig durch 
den autschluss den er uns über die religiösen anschauungen des Vol- 
kes gewährt. Das in der Inschrift erwähnte grundstück wird von 
dem könig Merdach-Baladau dem Nabu-nadin-ahi geschenkt für ei- 
nige lobgesänge zu ehren des königreiches und der es unterstützen- 
den götter. Diese hymnen wurden wahrscheinlich , wie andere uns 
bekannte, auf tafeln geschrieben und recitirt, oder von den priestern 
bei verschiedenen gelegenheiten gesungen. Wir haben hier demnach 
eins der ältesten beispiele von der dichtkunst gewährtem königlichen 
schütze, und Nabu-nadin-ahi ist demnach der älteste uns bekannte 
poeta laureatus. Der zweite von Smith angekaufte monolith ist 20" 
lang und 9" breit und enthält 80 zeilen in keilschrift. Neben einer 
anzahl höchst ausdrucksvoller fluche enthält die inschrilt einige auf- 
schlüsse über die dunkelste periode in der assyrischen geschichte. 
George Smith fährt dann fort eine ganze reihe seiner neu gefundenen 
schätze aufzuzählen. Eine inschrift enthält gebete des babylonischen 
königs Amil-urgal an die götter Babylons Bei oder Merodak und Li- 
rat-banit, Babylon und dessen tempel , könig und volk zu segnen. 
In einem gebete sagt Amil-urgal : » o Bei , deine sitze sind Babylon 
und Borsippa, deine kröne ist der weite himmel«. Ein fragment gibt 
eine anzahl kurzer spräche, wie die des hebräischen königs Salomo, 
wenn sie auch nicht so viel Weisheit enthalten. Eine anzahl von 
steinen aus den zeiten des Arsaces, Darius, Kambyses, viele nament- 
lich aus der zeit Nabonidus werden ferner aufgezählt. Weitere nach- 
richten werden demnächst in aussieht gestellt. 

Ueber die entdeckung von hühnengräbern bei Strassburg und 
Braunhain giebt der D. Reichs-Anz. nr. 106 einige auskunft. 

Rom, 1. mai. Der »Seismograph« kündigt einen nahen aus- 
bruch des Vesuv an. — Als wenn das eine Vorstellung irgend eines 
proiessors der natürlichen magie wäre! 

Strassburg, 1. mai. Heute feierte die strassburger Universität 



318 Anszüge aus Zeitschriften. Nr. 6. 

den Jahrestag ihrer Stiftung : einiges nähere theilt der D. Reichsanz. 
nr. 108 mit. 

Leipzig, 5. mai. Der von professor Ebers in Leipzig nach Deutsch- 
land gebrachte ägyptische papyros ist vom könig von Sachsen gekauft 
und der Universitätsbibliothek einverleibt worden: s. ob. nr. 5, p.272 
und D. Reichsanz. nr. 110. 

Mainz. 12. mai. Es sind hier einige römische gräber aufgedeckt. 
D. Reichsanz. nr. 116. 

Es ist ob. nr. 5, p. 270 der Inschrift von Ferrucci gedacht, wel- 
che das bei Detmold zu setzende Hermannsdenkmal zieren soll: jetzt 
bringt die Augsb. Allg. Ztg. in der ausserordentl. beil. zu nr. 145 
von Bändel selbst die nachricht, dass eine stelle des Tacitus auf das 
denkmal gesetzt werden soll : es ist also von Ferrucci selbst oder 
seinen freunden eine lüge verbreitet. 



Auszüge aus Zeitschriften. 

Augsburger Allgemeine Zeitung 1873: Beil. zu nr. 124: Aegyp- 
tische reisebriefe, von Dr Lauth. XII: das Fayüm und Saggarah. — 
Max Müller und sein studium des griechischen: s. ob. p. 31b. — Beil. 
zu nr. 24 : feier des ersten geburtstages der Universität Strassburg. 

— Karajan in Wien f. — Zangemeister oberbibliothekar in Heidel- 
berg. — Nr. 127: der Jesuitenorden. — Beil. zu nr. 127: der pa- 
pyros Ebers ist für die Leipziger Universitätsbibliothek erworben wor- 
den. — Beil. zu nr. 130: K. E. v. liaer, zum streit über den Dar- 
vinismus. — Nr. 131: die preussischen kirchenpolitischen gesetzent- 
würfe und die protestantische Orthodoxie. — Vorlesung der Anti- 
gone des Sophokles von Natalie Köhler in Augsburg. — Nr. 133; 
Aegyptische reisebriefe, von Lauth. XIII. — Nr. 134: die congrega- 
tion der redemptoristen. — Nr. 135: das Sendschreiben des preussi- 
schen episcopats vom 2. mai 1873. — Beil. zu nr. 135. 136: zeitbe- 
trachtungen. — Beil. zu nr. 136. 137. 143: eine geschichte der re- 
ligionen des alterthums. I. II. III: schliesst an das buch von C. F. 
Thiele an: Vergelijkende geschiedenis van de Egyptische en Mesopo- 
taniische godediensten. Amsterdam. Kampen. 1872. — Die bestat- 
tung Karl des Grossen: die gewöhnlich geltenden ansichten seien 
falsch. — Beil. zu nr. 137: des Celsus »wahres wort«: besprechung 
zugleich der schrift von Th. Keim: Ȋlteste Streitschrift antiker 
Weltanschauung gegen das Christenthum v. j. 178 n. Ch. 8. Zürich. 

— Beil. zu nr. 138. 139: die spräche der Afghanen. — Beil. zu nr. 
140: eine neue Übersetzung von Ovids Metamorphosen ; belobende an- 
zeige der in Berlin jüngst erschienenen Übersetzung von TV. v. T., 
d. h. W. von Tippeiskirch, zugleich mit einem blick auf die älteste 
von Georg Wickram aus Colmar in Mainz 1545 gedruckte. — Beil. 
zu nr. 141. 142. 144: Stülpet, die entwicklung des gelehrten alter- 
thums. 1. IL — Nr. 142. Die Lazaristen. — Die Universität Zü- 
rich. — Beil. zu nr. 142: Wolfgang Menzel: nekrolog. — Notizen 
über Waddington, bei gelegenheit seiner ernennung zum unterriuhts- 
minister. — Nr. 144: das bevorstehende ende der dictatur im Reichs- 
land. — Beil. zu nr. 144: antwort auf prof. Huber's »ethnographi- 
sche berichtigungen«. — Ausserord. beil. zu nr. 145: assyrische ent- 
deckungen: s. ob. p. 317. — Hermann -denkmal und seiue inschrift: 
s. ob. p. 318. 

JEphemeris epigraphica, corporis inscriptionum Latinarum supple- 
mentum I, 1873, fasciculus quartus: p. 229 — 240: II. Jordan: de 



Nr. 6. Auszüge aus Zeitschriften. 319 

sacris quibusdam in hemerologio fratrum Arvalium commemoratis, über 
das der Ops Opifera dargebrachte opfer, wonach bei Plin. N. H. 
11, 1, 74 die auch der handschriftlichen Überlieferung entsprechende 
lesart: Opi Opiferae herzustellen sei; über den tempel des Volca- 
nus in circo Fluminio, auf den Cic. in Verr. 2, 61, 151 bezogen wird; 
über den Zusammenhang der opfer am 23. august: Quir(ino) in colle 
und Voik(ano) [in] comd(io) und über die gründungstage der tempel 
überhaupt. — P. 241 — 254: Ditteti ber g er de tctucis Atticis ad res 
Unmanus spectantibus n. 6 — 12: in Athen gefundene griechische in- 
schritten, die vornehmen Römern dedicirt sind; von besonderem in- 
teresse nr. 8, betreffend den aus Juvenal bekannten und für seine 
Chronologie wichtigen consul d. j. 127 Aemilius Juncus, der hier als 
prätorischer legat erscheint. Zugleich geht daraus hervor dass die 
Wiederherstellung des in der inschriit erwähnten rathes der 500 vor 
dem j. 126 durch Hadrian erfolgt sein muss. — P. 255—269: R. 
Sc ho ene Felicis Feliciuni Veronctisis optuscuium ineditum : eine kleine 
abhandlung, die in einer vaticanischen handschrift sich befindet, von 
dem bekannten veronenser in.-chriftensammler Felix Felicianus, die 
älteste anweisung die buchstaben nach dem muster der alten latei- 
nischen inschriften zu formen. Beigefügt ist eine schon publicirte 
ganz ähnliche etwas jüngere anweisung von Lucas Paciuolus, der un- 
zweifelhaft die schritt des Felicianus gekannt und stark benutzt hat, 
wie dann wieder Paciuolus dem A. Dürer nachweislich vorgelegen 
hat; auf taf. 2 sind die iormen der buchstaben nach Felicianus, auf 
tat". 3 einige nach Paciuolus und Dürer dargestellt. In der schrift 
des Felicianus stehen am schluss einige anweisungen über behandlung 
des papiers, bereitung von tinte und ähnliches. — P. 270 — 298: 
Th. Mommsen obseruatioties epiyraphicue nr 13 — 15, behandelt zuerst 
eine im jähr 1863 in Smyrna gefundene und von Bergmann und Gel- 
zer veröffentlichte inschriit, die für die geschiente der könige von 
Pontus in der frühen kaiserzeit von Wichtigkeit ist; Mommsen weist 
nach, dass die in der inschriit genannte Autonia, die frau des Py- 
thodorus und mutter der Pythodons , der frau des Polemo, die äl- 
teste tochter des triumvir M. Antonius sei. Es schliessen sich 
daran einige bemerkungen über Cleopatra tochter des Antonius 
und der Cleopatra und frau des Juba und den könig von Cap- 
padocien Archelaus. — P. 278 — 2y8 wird ein Senatusconsul- 
tnm über die Thisbaeer aus d. j. 584 = 170 commentirt, das in 
griechischer spräche abgefasst , vor etwa zehn jähren in Boeotien an 
der stelle des alten Thisbae gefunden und von Foucart im vergange- 
nen jähre in Paris publicirt ist. Das document ist von höchster 
Wichtigkeit für die geschichte jener zeit und insbesondere für die 
haltung Boeotiens im kriege gegen Perseus ; aus dem musterhaften 
reichhaltigen commentar Mommsen's sei hier nur der nachweis her- 
vorgehoben , dass Polyb. 27, 5, 3 statt Grjßas zu lesen sei: flioßug, 
obgleich schon Livius (42, 46) bei Polybius die falsche lesart vorge- 
funden hat. Ebenso ist Liv. 42, 63: lhebas in Thisbas zu verändern, 
wodurch historische Widersprüche in seiner darstellung beseitigt wer- 
den. Der text der inschrift ist auf taf. I in majuskeln publicirt. 
[Vrgl. Philol. XXXIII, hett 3]. Den schluss des heltes (p. 299—315) 
bilden ausführliche indices zu dem ersten bände der Ephemeris. 

Gottingische gelehrte unzeigen, 1873, st. 6: Conti popotari veneziani 
raccnlti da Dom. G. Bernoni. Veneziu: anzeige von Liebrecht: an- 
knüpfungspunkte an das alterthum werden nicht hervorgehoben. — 
De JErasmi Roterodami siudäs irenicis. Dtss. . . , defendet PA. Wo- 
her. Faderborn. 1872: anzeige von L. Geiger. — Emil Knorr, 
entstehung und entwicklung der geistlichen Schauspiele in Deutsch- 



320 Auszüge aus Zeitschriften. Nr. 6, 

land und das passionsspiel in Ober -Ammergau. Leipzig 1872: an- 
zeige von E. Wilken, mit rechtfertigungen seiner eignen schrift über 
diesen gegenständ. — St. 7: D. Franc. Garcia Ayuso, el studio de 
la filologia en su relation con el sanskrit. 8. Madrid. 1871: enthält 
nach dem ref. Jolly eine art encyclopädie der Sprachwissenschaft: 
wird sehr empfohlen. — St. 3 : Dissertation critique sur le poeine La- 
tin du Ligurinus, attribue ä Günther, par G. Paris. 8. Paris 1872: 
ausführliehe anzeige von Pannenborg : vrgl. Phil. Anz. II, n. 5, p. 266 
flcr. — St. 9 : griechische reliefs aus athenischen Sammlungen , her- 
ausgegeben von Richard Schöne. Leipzig. 1872: ausführliche anzeige von 
Fr. Matz. — St. 10 : Anselm der Peripatetiker nebst andern beitragen 
zur literaturgeschichte Italiens im 11. Jahrhundert, herausgegeben 
von E. Dümmler. 8. Halle. 1872: eingehende anzeige von Dr Pan- 
nenborg. — Des Anicius Manlius Severinus Boetius fünf bücher über 
die musik aus der lateinischen in die deutsche spräche übertragen 
und mit besonderer berücksichtigung der griechischen harmonik sach- 
lich erläutert von Oscar Paul. 8. Lpzg. 1872: beachtenswerthe an- 
zeige von E. Krüger, der zunächst zeigt, wie lückenhaft unser wis- 
sen von der alten musik sei, dann fehler in der Übersetzung nach- 
weist, endlich die erklärung bespricht und auch hier manches be- 
richtigt [s. ob. p. 278]. — St. 13: die religiösen, politischen und 
socialen ideen der asiatischen culturvölker und der Aegypter in ihrer 
entwicklung dargestellt von Carl Twesten. Herausgegeben von prof. 
Dr M. Lazarus. 8. Berlin: Dümmler. 1872: anzeige von H. E., der 
sehr viel auszusetzen findet und namentlich den einfluss der Aegyp- 
ter auf Mose's gesetzgebung verwirft. — L'empire grec au dixieme 
siede. Constantin Porphyrogenete par Alfred Ramb aud. 8. Paris. 
1870 : anzeige von F. Hirsch , der den guten willen des vfs zwar 
anerkennt, die leistung im ganzen aber als eine schwache bezeichnet. 
Die pädagogik des Johannes Sturm historisch und kritisch be- 
leuchtet von Ernst Laas, bd. I. Berlin. Weidmann ; anerkennende 
anzeige von L. Geiger. — St. 14: Lettres assyriologiques ; seconde Se- 
rie. Etudes Accadiennes par Fr. L enormant. 2 voll. 8. Paris. 
1873: und: Essai sur la propagation de l 'aiphabet phenicien dans fan- 
den monde par Fr. L enormant. Developpement d'un memoire cou- 
ronnee par Vacademie des Inscriptions et belies lettres. T. I. Livr. 8. 
Paris. 1872: anzeige von H. E., der die Untersuchungen des vfs im 
erstem werke sehr anerkennt und andeutet, wie auf ihnen weiter zu 
bauen sei: das zweite werk ist auf fünf bände berechnet, so dass man 
ietzt noch nicht viel von ihm sagen kann. — Sulla ricostiluzione 
della scuola di paleograßa ed arte critica diplomatica negli archivi di 
stato di Torin o cenni storici e proposto di Gau denzio Claretta. 8. 
Firenze. 1872: anzeige von Fl. Tortuul, die zwar wie das buch nicht 
eigentlich philologischen inhalts ist, aber vielfache berührungspunkte 
bietet und allgemeines interesse in ansprach nimmt. — St. 16: Rap- 
port sur une mission archeologique dans le Temen, par M. Joseph Ha- 
levy. 8. Paris. 1872: anzzeige von H. E. — St. 17: die einheit 
des menschengeschlechts. Anthropologische studien von P. M. Rauch. 
8. Augsburg: ausführliche besprechung von H. Ihering. — Des Clau- 
dius Rutilius Namatianus heimkehr übersetzt und erläutert von Ita- 
sius Lemniacus. 8. Berlin. 1872: anzeige von H. Sauppc, der Al- 
fred von Reumont als den Übersetzer und herausgeber belobt. 

Nachrichten von der kbn. gesellsch. der wiss. zu Göttingen 1873. nr. 
3: J. B. Listing, über unsre jetzige kenntniss der gestalt und grosse 
der erde: vrgl.' Philol. XXXI, p. 698 flgg. 



ffr. 7. Mi 1873. 

Philologischer Anzeiger. 

Herausgegeben als ergänzung des Philo-logus 



von 

Ernst von Leutsch. 



178. Die rhetorik der Griechen und Römer in systemati- 
scher Übersicht. Von Richard Volkmann. Berlin. 1872, 
Ebeling et Plahn. 8. VI und 505 s. — 3 thlr. 18 ngr. 

In vorliegendem werke des bekannten forschers über rhe- 
torik erhalten wir nicht etwa eine neue aufläge, sondern eine 
vollständige Umarbeitung des 1865 von ihm erschienenen : ,,Her- 
magoras oder demente der rhetorik", wie auch der titel selbst 
ein anderer und das neue buch fast um die halfte stärker ge- 
worden ist als das alte. Nach der vorrede beabsichtigte der 
vf. ursprünglich diesem systematischen theile eine historische 
darstellung der entwicklung der rhetorik beizufügen, fand aber 
alsdann, dass dies besser für ein besondres werk aufgespart 
bleibe, welches hoffentlich in nicht zu langer zeit erscheinen 
wird. Immerhin ist schon jetzt der historischen entwickelung 
der einzelnen lehren eine weit grössere aufmerksamkeit gewid- 
met als in dem früheren werke. In der anläge im grossen und 
ganzen konnte keine änderung eintreten, aber schon die ein- 
zelnen paragraphen beider bücher decken sich keineswegs, und 
so viel sich auch wörtlich übereinstimmendes findet, so sind 
doch auf jeder seite grosse und kleine änderungen, zusätze, Um- 
stellungen angebracht, und somit der besitz der „rhetorik" für 
jeden der sich mit diesen Studien beschäftigt auch neben dem 
„Hermagoras" eine unerlässlicbe nothwendigkeit. 

Bei der massenhaftigkeit des materials kann es ja freilich 
nicht fehlen, dass auch jetzt noch manches zu bessern, manches 
zuzusetzen wäre, und die so ausserordentliche Unzulänglichkeit 
unsrer Überlieferung bringt es mit sich, dass über viele punkte eine 
andre ansieht als die des vf.'s möglich ist. Zum beleg dafür will 
Philol. Anz. V. 21 



322 178. Ehetorik. Nr. 7. 

ich im folgenden auf einiges derartige hinweisen. — Ueber den 
begriff no)uzixog Xöyog (p. 5 vgl. 477) konnte hinzugefügt wer- 
den dass derselbe schon bei Isokrates sich findet, so adv. Soph. 9, 
20 im gegensatz zu den egideg; vgl. Euag. 10 zäv ovoftdtap 
zoTg nnXizwoig gegensatz %fa'oig, xaivoig, fAeraqiOQaig. „Staats- 
rede" heisst der ausdruck allerdings Antid. 46, wo die in je- 
nen stellen mit eingeschlossenen gerichtsreden den nolm-Aol 
xal 'EXXrjvixol löyoi vielmehr entgegenstehen. — Die defini- 
tion der rhetorik als nsidovg s n ta z t) ny , die Sextus Empiri- 
cus dem Isokrates beilegt (s. p. 6) , kann von diesem nicht 
sein; denn er geht im gegensatz zu der angeblichen miaz/ t fjijj 
der dialektiker nur auf hervorbringung richtiger 861~ai aus und 
nimmt auch für sich nicht mehr in anspruch : Antid. 184 tw 
l*et> yag sldevai nsQilaßHv avzovg (zovg xaigovg) ov% oiöv t' 
iözif in\ yao anävzmv zäv ngay^ccTav diaqisvyovai tag eniffzt]- 
fiag. — Nach §. 9 hätte Isokrates so wenig wie Anaximenes 
die epideiktische beredsamkeit in den kreis seiner betrachtung 
gezogen, was vielmehr erst Aristoteles gethan: wie ist das möglich, 
wo er selbst fremde enkomien kritisirte (Busiris uud Helena) und 
eigne als muster daneben stellte ? — P. 16 wird dem Dionysios 
der ausdruck naqaantvi] zugeschrieben, „wofür die alten evgeatg 
sagten". Aber auch Dionysios gebraucht die bezeichnung ev- 
Qsaig, z. bsp. Lys. 16. — P. 25 sucht Volkmann die lehre 
von den atdasig als vor Isokrates aufgestellt zu erweisen, mei- 
ner meinung nach nicht mit erfolg , und er selbst bezeichnet 
p. 31 als richtig die bemerkung Spengel's: Aristotelis aetate 
ozaostg nondum erant a praeceptoribus compositae et digestae, res 
ipsae vero dudum usitatae. Gewiss war alles längst in der pra- 
xi9 da — dies und nicht mehr beweist auch das vom vf. p. 32 
angezogene beispiel der rede gegen Agoratos — ; aber die aus- 
bildung der theorie erforderte erstlich mehr philosophische bil- 
dung als sie das Zeitalter vor Isokrates hatte, und zweitens 
müssten dann doch bei Aristoteles und Anaximenes sich spuren 
davon finden. Volkmann stützt sich darauf, dass die statuslehre 
nur auf das genus iudiciale passe , gleichwohl aber allgemein für 
alle drei genera aufgestellt würde, was sich nur so erkläre, dass 
sie erfunden wurde zu einer zeit wo die techuiker sich auf die 
gerichtsrede beschränkten, also vor Isokrates. Mir scheint dies 
durchaus nicht zwingend; die gerichtsrede blieb auch nachher 



Nr. 7. 178. Rhetorik. 323 

die hauptsache für die techniker, und Volkmann sagt selber (p. 
26) , es ergäbe sich dass die lehre nur durch Unachtsamkeit oder 
verkehrtes streben nach analogie auf die beiden andern genera 
übertragen sei. — P. 86 ist die wiedergäbe von Aristoteles 
ansichten über die theile der rede nicht richtig. Jener sagt (III, 
13, p. 148 Sp.), dass prothesis und beweis die nothwendigen, pro- 
oemion, prothesis, beweis, epilog die gewöhnlichen theile seien ; 
wenn hier die erzahlung fehlt, so ist das sicher schuld der 
Überlieferung. Die rhetoren aber zu Aristoteles zeit stellten 
nicht etwa, wie Volkmann sagt, diese vier oder fünf theile auf, 
sondern noch andre dazu, die Aristoteles zurückweist: ja ngog 
70v atTidiHOv, inävoöog , avTinaqaßolr\. — Die vm-^aiosaig als 
redetheil fp. 87) , muss mit ia nobs rbv üvzidtxov identisch 
sein ; wenn Fortunatian sie als ein verschweigen definirt, so ge- 
hört doch ein solches nie unter die redetheile. — Ein dichter- 
citat (p. 290) auch bei Lysias frg. 182. — Beim epilog p. 
213 ff. war die erwähnte ävTinagaßoh'] nicht zu übergehen 
(Arist. Rh. HI, 13, 19), d. h. die vergleichende gegenüberstellung 
der eignen und der gegnerischen rechtsgründe ; beispiel Jsae. 7, 
43. — P. 223 widerspricht Volkmann der bemerkung des Quin- 
tilian, dass nu&og und r t &og bisweilen nur graduell verschieden 
seien, ut amor nü&og, Caritas tjöog; nach Volkmann ist der un- 
terschied stets generell. Aber als was soll man denn die Caritas, 
oder die 8tä&8Gig nartQwv ngbg rovg Tvaldag nach Anonym. Seg. 
(p. 225), anders bezeichnen, denn als ethos? und wiederum ist 
es klar dass der ausdruck dieser Caritas nach umständen leicht 
pathetisch wird, z. b. bei Isaeus in der zweiten rede und sonst. — 
Bei der paronomasie (p. 408) wird nach Quintilian referirt, dass 
sie fehlerhaft sei wenn die pointe auf eine Verschiedenheit der 
quantität hinauslaufe, z. b. amari iucundum est si curatur ne quid 
insit amari. Hier ist aber gleiche quantität, und Quintilian (IX, 3, 
69) sagt vielmehr: aliter quoque voces aut eaedem diversa in 
significatione ponuntur aut productione tantum vel correptione mu- 
tatae, quod etiam in iocis frigidum e. q. s,, und dann das bei- 
spiel. — In der stelle des Theophrast über die antithesen (p. 
413 f. s. Dionys. Lys. 14) ist alles in richtigkeit , sowie man 
tovifov statt bloss auf die antithesen, mit denen das erhaltene 
beginnt, auf die gorgianischen figuren im allgemeinen bezieht, 
indem von parisa und paromoia (tu ioov xat tu o [aoiov) vorher 

21* 



324 178. Rhetorik. Nr. 7. 

die rede gewesen sein wird. Diese beiden figuren tadelt nun 
Tbeophrast, während er die antithese gelobt haben wird, gleich 
Aristoteles. Dass im zweiten theile des fragments, nach tov- 
703V ds, an antithesen nicht gedacht wird, geht daraus hervor, 
dass die angezogenen beispiele keine einzige solche enthalten. — 
P. 454 f. sucht Volkmann die lehre von den drei stilarten, wie 
sie Theophrast aufgestellt, auf die Isokrateer zurückzuführen, 
dem Theophrast aber die aufstellung des begriffs der deivorTjg 
als einer angemessenen benutzung von allen dreien beizulegen, 
und zwar habe schon dieser den Demosthenes als Vertreter der 
dsivoTTjg hingestellt. Davon bin icb keineswegs überzeugt: bei 
Aristoteles wird nur deshalb Demosthenes ignorirt, weil er nicht 
die eigentliche kunstmässige Xe^ig , die ygacpixi], sondern die 
aymviatiy.1] vertritt, und darin mochte allerdings Theophrast 
seinem lehrer gefolgt sein. Für die ygacpmi] li£,tg ist auch die 
lehre von den drei ^agayzrjgsg ursprünglich allein aufgestellt, 
und dafür passte sie zu Theophrast's zeit so gut wie vorher, 
da sich hier nach Isokrates nichts neues entwickelte. Uebrigens 
hätte Volkmann den unterschied in der auffassung des ptaog 
%uQaxTt'jQ, der sich zwischen Dionysios und Cicero zeigt, deut- 
licher hervorheben müssen ; jenem ist es eine blosse mischung, 
le%ig (xtxrr) xul auvOszog in tö>v Svbip (de Demosth. 3) , diesem 
ist das medium genus ein floridum und seine besondre Wirkung 
das delectare. Dass übrigens Dionysios' lehre von der dreifa- 
chen art der composition zu der von den Stilgattungen nicht passt 
ist nicht so wunderbar, wie der vf. p. 460 meint: dem ^«y«x- 
7rjQ l<s%v6g des Lysias ist auch das eigentümlich , dass seine 
composition scheinbar gar nicht künstlich ist , also unter keine 
der drei arten fällt. Vgl. meine Attische bereds. p. 386. — 
Noch erwähne ich, dass bei der anführuug meiner ansieht über 
die zeit des isokratischen Euagoras (p. 275 anm.) ein druck- 
fehler sich eingeschlichen hat: nicht nach der Antidosis, son- 
dern vor derselben muss jene rede verfasst sein. 

Mit obigen bemerkungen wollte unterzeichneter auch seiner- 
seits kleine beitrage zur sache liefern ; mit dem urtheil über 
des vf.'s werk haben sie nichts zu thun. Möge letzteres über- 
all die verdiente anerkennung und das wünschenswerthe Stu- 
dium finden. 

F. Bloss. 



Nr. 7. 179. Aristophanes. 325 

179. De scaena Acharnensium Aristophanis , quae paro- 
dum sequitur. Vor dem index lectionum der berliner Univer- 
sität im winter - semester 1872/73. 

Die bedeutung dieser abhandlung von Moritz Haupt 
liegt weniger in den einzelnen , wenngleich immer werthvollen, 
so doch nicht immer ganz neuen ermittelungen, als vielmehr in 
der allgemeinen grundanschauung vom wesen der attischen 
bühne , von welcher die ganze schrift getragen wird , und in 
dem wege der Untersuchung, den sie betritt. 

Seit dem tode Gr. Hermanns gewinnt auf dem gebiete der 
scenischen alterthümer die richtung unter den forschem mehr 
und mehr an geltung, welche von modernen Verhältnissen aus- 
gehend eine möglichst grosse anwendung macht von äusseren 
darstellungsmitteln bei der aufführung griechischer dramen. Der 
einzig dastehenden idealität der antiken tragödie und komödie, 
die erhaben sind über räum und zeit, wird fast gar keine rech- 
nung getragen, sondern alles auf die „illusion" der Zuschauer 
und ihre äugen, nichts auf ihre dem dichter willig folgende 
phantasie berechnet. Wir erinnern den leser nur an die pro- 
legomena von Julius Richter vor seinen ausgaben der Wespen 
und des Friedens, in welchen die eben bezeichnete ansieht of- 
fen ausgesprochen und vertreten wird. Hoffen wir, dass die- 
ser dem hellenischen geist widerstrebenden richtung durch den 
vorliegenden aufsatz Haupts ein dämm entgegengesetzt werde. 
Es sind aber die beiden wichtigsten grundsätze, welche aus 
Haupts erörterungen hervorleuchten, folgende: 1) nihil fere fit in 
Graecorum tragoediis comoediisque , quin fieri simul iudicetur ora- 
tione, und 2) tarn efficax erat poetarum oratio ac veluti regnabat, 
ut plane ei parerent epeetatores crederentque quae dici audiebant, 
etiamsi adparatui multa ad veritatis imitationem deessent (p. 5). 

Die scene in den Acharnern nach der parodos hat den 
gelehrten darum so grosse Schwierigkeiten hinsichtlich der er- 
klärung bereitet, weil wir in ihr Dikaeopolis auf dem lande 
die Dionysien feiern sehen (wie aus vs. 250 rä xaz 1 äygovg 
Aiovvaiu. und namentlich aus den Worten des Dikaeopolis 267 
ig zov S?inov sl&cov unzweifelhaft hervorgeht), während die ko- 
mödie sonst ganz und gar in der Stadt spielt, das proskenion 
die städtischen häuser des Dikaeopolis, Euripides und Lama- 
chos darstellt, ja Dikaeopolis bei vs. 201 f. mit dem aussprach: 



326 179. Aristophanes. Nr. 7. 

eyco 8s noXtpov xal xaymv anallaysig 

«£oj t« x«r' dygovg eloicov diovvam, 
in dieses sein haus eingetreten war , aus welchem er nunmehr 
vs. 237 herauskommt und sich plötzlich auf seinem landgut 
befindet. Denn dass tlaicov 202 nichts anderes als domum in- 
trans bedeuten könne, müssen wir Haupt glauben. Wir bemerken 
bei dieser veranlassung, dass hiernach Ernst Droysen in seiner bon- 
ner dissertation v. j. 1868 Quaestiones de Aristophanis re scaenica bei 
gelegenheit der von ihm veranstalteten und im übrigen recht nütz- 
lichen Zusammenstellung des gebrauchs der ausdrücke slatt'rai, 
slaiQXEG&ai, E&Qxta&ai, sioäyeiv, slacpsQstv url. bei Aristophanes 
keine Ursache hatte an unserer stelle eine abweichung von der 
gewöhnlichen bedeutung des wortes slaiivai zu statuiren, und kein 
recht dazu p. 10 folgendermassen zu übersetzen: domum (i. e. 
rus) ibo ibique Dionysia agam. Auch möchten wir noch warnen 
sich von der conjectur J. M. v. Gent's in der Mnemosyne III, 
p. 234 iatimv statt tlaiuiv bestechen zu lassen. — Das beregte 
scenische problem hat man nun bald durch die annähme, Di- 
caeopolis feiere die ländlichen Dionysien ausnahmsweise wegen 
des krieges in der Stadt (Schönborn), oder die bühne stelle 
stadt und land zugleich vor (Böckh), oder (was Haupt unbe- 
rücksichtigt lässt) es finde decorationswechsel statt (Geppert, 
E. Droysen) zu lösen gesucht: annahmen, welche alle viel be- 
deutendere Unzulänglichkeiten herbeiführen , als die vorgeblich 
gelöste ist. Haupt löst das räthsel höchst einfach und natür- 
lich, indem er sagt: statuendum est, Aristophanem a spectatoribus 
postulasse ut crederent, se quae ruri fierent audire et videre , satis 
admoniti Mio quod Dicaeopolis dicit eazq) a hei noooHnov ig 
top öijfiov iX&tov äafierog, pariterque ut mox in urbe se esse cre- 
derent neque anxie omnia inter se conpararent. Freilich wird da- 
mit manchem der knoten nicht entwirrt sondern zerhauen zu 
sein scheinen, aber nur demjenigen, welcher niemals unbefan- 
genen sinnes die zahlreichen beispiele beim komiker beachtet 
hat, in denen die gleiche credulitas } wie Haupt sich ausdrückt, 
vom publikum gebieterisch gefordert wird. Haupt erwähnt p. 
5. 6. 9 einige derselben. Auf das wort des dichters glauben 
die Zuschauer zu anfang der Wolken (und — können wir hin- 
zufügen — auch der Wespen, Ekklesiazusen und der Lysi- 
strata) dass nacht sei, während die bühne von heller sonne 



Nr. 7. 179. Aristophanes. 327 

beschienen wird. Bei der an unserer stelle der Ächarner stattfin- 
denden phallischen procession wird die tochter vs. 257 f. er- 
mahnt auf ihre goldenen Schmucksachen zu achten, damit die- 
selben ihr nicht in dem grossen gedränge gestohlen würden: 
in Wirklichkeit hat gar kein gedränge statt, und der ganze fest- 
zug besteht aus Dikaeopolis , seiner tochter und zwei sklaven. 
Wir wollen hier zu den von Haupt beigebrachten fällen einige 
hinzufügen, welche gleichfalls darthun, wie viel der einbildungs- 
kraft des zubörers zugemuthet wird, und wie gerade die pointe 
in vielen stellen des dichters verloren geht, wenn wir ohne 
jene rechnen und alles eigentlich und sinnlich verstehen. Wenn 
Dikaeopolis im beginn unseres stücks vs. 41 von dem drängen 
und stossen der zur ekklesia strömenden bürger spricht: 

ovk TjyoQsvov; zoT^' ixsh 1 ovyoo 'Xsyov 

slg T7jv TTQOsÖQiav nÖig uvtjq oöözi^etai, 
so hat man durchaus keine berechtigung an einen so gar grossen 
schwärm die bühne überfluthender Statisten zu denken, sondern 
auch hier trifft das zu, was Haupt p. 9 mit rücksicht auf die 
vorhin besprochene stelle anmerkt: atque omnino Aristophanes ex 
ficta pompae magnificentia eorumque quae solemniter fiebant irnita- 
tione ridicula captavit. Im Frieden wird dem diener von Try- 
gaeos geboten vs. 962 roig dsazatg gims läv xoi&mv. Hier 
wird dem witz die spitze abgebrochen , wenn wir anneh- 
men, der diener habe wirklich gerste in den zuschaueraum ge- 
streut. Vielmehr ist der Vorgang folgender. Auf jenen befehl 
des Trygaeos thut der diener nichts oder macht nur die ent- 
sprechende handbewegung , ohne in Wahrheit zu werfen , und 
sagt gleichwohl: iöov. Ueber sein benehmen verwundert fragt 
Trygaeos: eScoxag qdq ; Ja wohl, antwortet der diener und 
weist Trygaeos auf den männlichen samen hin, den er obscön 
rmv &E03(xh(üv xgt&ij nennt. Denn = aneofia ist xoi&tj, nicht 
= aldoiov tööv avdomv, wie der scholiast will. Ebenso ist na- 
türlich auch das 971 erwähnte vöcog z o a ov tovi in Wirklich- 
keit keines und wird in ironischer weise vom diener also be- 
zeichnet. Auch die Schrecknisse, welche Dionysos und Xanthias 
beim eintritt in die unterweit in den Fröschen erblicken, der 
axotog aal ßogßogog vs. 273 und namentlich die "E^inovaa 293 
sind nichts als phantasiegebilde, und gänzlich verkehrt ist hier 
Fritzsche's note zu vs. 290: ceterum mihi item ut Beckio placet 



328 180. Plutarchos. Nr. 7. 

non mentitum esse Xanthiam, sed potius machinae cuiusdam ope 
tale quiddam in scena exliibitum, quod in varias formas mutari vi- 
deretur. Erscheint etwa, wenn „ der herr der ratten und der 
mause, der fliegeu, frösche, wanzen, lause" eine ratte herbeiruft 
um das pentagramma anf der schwelle zu Fausts studirzimmer 
fortzunagen, auf unseren bei weitem realistischeren bühnen wirk- 
lich eine solche? Diese beispiele entsprechen genau den von 
Haupt angeführten, und es wäre dankenswerth , wenn jemand 
eine zusammenfassende beurtheilung aller hierher gehörigen un- 
ternehmen wollte. Vgl. dazu auch Woldemar Ribbeck zu Ar. 
Ritter p. 14 anm. 42, p. 239 u. 299, Acharner p. 205. 

Die übrigen einzelnen bemerkungen Haupts sind theils 
exegetischer theils kritischer natur. Zur ersten klasse ge- 
hört die Übersetzung von drädog 245 mit porrige im gegen- 
satz zu einer irrthümlichen auffassung Elmsleys, ferner die er- 
klärung von xarayiyaQztcsai 275 p. 8: figurate dicitur xatayi- 
yaotiaai quod Latinis est conprimere , estque illud verbum ad eam 
tov yiyuQzov significationem referendum, qua non acini nucleum de- 
notat sed massam expressarum uvarum. Hinsichts der zweiten klasse 
trifft Haupt meist mit andern kritikern wenigstens zum theil zu- 
sammen; so mit Fr. A. Wolf, wenn er vs. 242 noowco'g z6 
ngoa&sv liest anstatt nooid* ig zo nQna&sp bei Bergk und 
Meineke; so mit Dobree in der allerdings fast in Vergessenheit 
gerathenen Umstellung des verses 203 hinter 200. Auch bei 
gelegenheit der Umstellung von vs. 244 — 246 hinter vs. 275, 
die Haupt vornimmt, stimmt er theilweise Hamaker zu. Doch 
ist der unterschied zwischen Haupt und seinen Vorgängern in 
diesem wie im vorigen fall im einzelnen noch immer ein recht 
beträchtlicher. R. A. 

180. Plutarchi Chaeronensis Moralia ex recensione. R. 
Her eher i. Vol. I. 8min. Lips. Teubner. 1872. — 18 ngr. 

Hercher verweist in der in wunderlichem latein geschriebenen 
Vorrede dieses bandes auf eine grössere ausgäbe der Moralia Plu- 
tarchs, in der er die lesarten der handschriften die er seiner re- 
cension zu gründe gelegt, genau angeben wird ; vor der band 
hat er die lesarten der von ihm bevorzugten Codices, sowie seine 
und auch anderer plutarchischen forscher emendationen ohne 
angäbe der gründe und quellen in den text aufgenommen. In 



Nr. 7. 180. Plutarchos. 329 

folge dieses Verfahrens lässt sich jetzt kaum ermitteln, ob diese 
ausgäbe einen wirklichen fortschritt in der Plutarchliteratur 
bezeichnet oder nicht — denn bei allen ihren Vorzügen bie- 
tet sie dem sie mit vergleichung anderer bis jetzt als gut an- 
erkannter Plutarchausgaben lesenden des räthselhaften so viel, 
dass er sie nicht eher zu gebrauchen den muth haben wird, 
als bis er jene grössere ausgäbe mit dem rechenschaftsbericht 
kennen gelernt hat , von deren erscheinen wir wünschen, dass 
es sich nicht allzu lange verzögere. Um ein vorläufiges ur- 
theil zu gewinnen habe ich die scbrift de adulatore et amico, 
wie sie Hercher bietet , genau mit andern ausgaben verglichen. 
Zur sache selbst übergehend muss ich wohl zunächst die 
coosequenz Hercher's hervorheben, mit welcher er eine einmal 
von ihm als richtig angenommene Schreibweise mancher Wörter 
durchführt. So lesen wir z. b. neunzehnmal formen der verba 
yiyvsa&ui und yiyvwGxeir, die sonst bei Plutarch immer in der 
form yhsadai und yircoaxeiv erschienen, in ersterer weise ge- 
schrieben; allein es scheint doch bedenklich, diese formen so 
ohne weiteres zu adoptiren und die bis jetzt gebräuchlichen dem 
Zeitalter des Plutarch bei weitem angemesseneren, ohne weitres zu 
entfernen; in allen älteren ausgaben vor Hercher's ausgäbe, die 
mir zur band waren, im Hütten, in der Didotschen und Tauch- 
nitzischen ausgäbe steht yhea&ui ; auch in den meisten ausga- 
ben der Vitae, so auch in der neuesten von Blass; wie man 
z. b. im Themistocl. II, 1. II, 5. Aristid. I, 2. XXIV, 4 und a. 
a. o. mehr sehen kann ; allerdings hat auch Hercher in seiner 
textausgabe des Aristides und Cato major yiyvo^ai geschrie- 
ben, z. b. p. 22, 8. Dieser, wie gesagt, ganz consequent durch- 
geführten änderung in der bis jetzt gebräuchlichen Schreibweise 
steht eine andere zur seite, welche die formen des verbum 
xaico betrifft ; hier schreibt Hercher auf einmal die altattische form 
xat», s. p. 139, 1 und 165, 10; ferner ist bei Hercher stets 
die form u^Qi zu finden (118, 24. 159, 7), während bis jetzt 
äxQi und a%Qig abwechselten; so steht z. b. bei Sintenis im 
Aristid. X, 4 uiqiq und Hercher schreibt an derselben stelle 
aXQi in seiner ausgäbe; diese änderungen sowohl, als auch die 
nun noch zu besprechenden könnten doch den verdacht rege 
machen, dass Hercher unseren Boeoter Plutarch jetzt noch zu 
einem attischen schriftsteiler stempeln wolle ; zu dieser an- 



330 180. Plutarchos. Nr. 7. 

nähme führt z. b. die Schreibweise der worte bmaviov statt 6n- 
ravslov (116,8), 'EnafisivmvSag statt der bis jetzt allgemein bei 
Plutarch gebräuchlichen 'Enafiivoovdug (120, 26), der accusativ 
plural. von ßaailsvg in der form zovg ßaaiXmg statt ßaaiXeig 
(p. 134, 4) ; bis jetzt waren beide formen nebeneinander zu fin« 
den z. b. im IV. bände der Sintenis'schen textausgabe der 
Vitae: rovg ßaaiUlq 7, 32. 109, 5. 113, 2. 116, 30. 117, 20 
und 26; ebenso zovg inmlg ibid. 99, 18. 141, 31. 145, 32. 
319, 13. 321, 17. 343, 6 u. s. f.: dagegen zoxsccg III, 72, 
14, innmg III, 35, 21, daneben achtmal innüg, wie im II b. 
zweimal ßaadslg , im Illten viermal; zu dieser kategorie ge- 
hören ferner ä&q>ov statt a&aov 153, 9 — ixxadijgai statt des 
späteren ixxu&äQat 147, 21 — dann schreibt Hercher stets pa- 
Xctxßofiai statt der form [iaX&axi£o[iai, so 141, 16 und fiaXa^v 
statt mit & 135, 23; — bei dem wort äßelr^gCa ist die form 
äßeXTsgta vorgezogen, 134, 23. 151, 2. 166, 21 — auch für 
impeXsia&ai die sniptiXea&ai 163, 16: statt &agasco liebt er 
öaggioa, 157, 24 und 26: alle diese änderungen, so äusserlich 
t und nebensächlich sie auch erscheinen, machen nur den eindruck 
des gesuchten atticismus. — Konnten wir hier also entweder 
gar nicht oder doch nur nicht in der consequenz beistimmen, 
so müssen wir dagegen als sehr anzuerkennende probe von con- 
sequenter befolgung einmal für richtig erkannter Schreibweise 
hervorheben, dass Hercher apostrophirt, wo sonst ein, aller- 
dings erlaubter, hiat entstehen würde; so bei ovSe vierzehn- 
mal, bei 8s 37, bei fitjts 7, bei ovrs 5, bei rovto 2, bei mats, 
Iva, javia je einmal. — Die form der krasis wendet er bei 
Tavavrla, raXXa, xavtd je einmal an; für idv schreibt er stets 
a», warum denn? 127, 25. 139,6. 152, 17. 155, 8. 161,13 — 
ovzco schreibt er vor consonanten, obgleich auch da sich oft 
ovTcog in älteren ausgaben fand, 113, 16. 137, 7. 140, 1. — 
Weniger consequent will es mir erscheinen, wenn Hercher 
153, 17 hvtivaovv und gleich darauf 154, 25 rjvtirovv schrieb; 
warum nicht auch hier tjvtipaovv oder oben bvtivovv, da diese 
form auch gebräuchlich ist. — Als ein nicht geringes verdienst 
erkennen wir ferner an, dass Hercher in der bisher besproche- 
nen schrift an mehr denn zehn stellen durch richtige inter- 
punction den text theils verständlicher gemacht, theils aber 
auch geradezu verbessert hat. Wenden wir uns nun zu 



Nr. 7. 180. Plutarchos. 331 

den anderen änderungen in dieser ausgäbe , so bemerken wir 
zuerst einige Verbesserungen an solchen stellen, die Plutarch in 
seinen text als fremdes eigenthum aufnahm ; so z. b. p. 113, 
15 gestützt auf Bergk Poet. lyr. 1122, 15 (Hercher schreibt 3) 
innozQoq(av ov Zuxvi&m für Xuxv&q> — p. 114, 19 nd.g ö' avry 
Xäoizeg statt nuou <5' avzf t nach Hesiod. — p.116, 1 ov nvg ov 
aidugo^ nach einem fragment des Eupolis statt aidrjoog und 
dergleichen mehr. Vielfache textesänderungen hat Hercher durch 
Umstellungen herbeigeführt: so p. 123, 27 tm xugxttcp /aüXXov 
7J zw xoXaxi statt zco xöXuxi tj zw xagxivcp. — 126, 6 zglxpag 
ixaietv statt ixmsiv zgi'xpag. — 133 , 10 6 ydg edoug eixmv 
statt ö ydg eixeop sdgag. — 135, 20 gonaXov ov azißagov xo- 
fit^cov statt gvnaXov xofit^cov ov azißagov. — 137, 9 ua^n/xs- 
vot xai tffzogiag statt xai lazoglag fxa^ö/xsvot. — 145, 22 xai 
xgavyr/v xai 8ta8gn^/jv statt xai 8ia8gofxt]v xai xgavyrjv. — 
ibid. 30 fisydla nu&rj statt nd&rj fttf'dXtt. — 153, 16 zig iariv 
ovzog statt zig ovzög iariv. — 160, 27 „ab Ö' ovx o.ueivov u elnev 
„lnoii](sag av il statt ab 8s Einer ovx aftetvov dv E7zoirjaag. — 
169, 6 oacp fif'ytarov xai xgdziazöv iaztv statt oaq> fx?yiaz6v tan 
xai xgdziazöv. — Daran reihen wir Verstärkungen einzelner 
verba durch composition mit praepositionen : 132, 27 dnodexö- 
UEvog. — 137 10 an ozvunaviQovzog. — 139, 28 ngoas nßa- 
Xovzsg und 168, 3 u so tazausrovg. Und umgekehrt, Verein- 
fachung von verbis compositis durch weglassung von präpositio- 
nen: 129, 18 'lagd^sig statt iy%agd%ug. — 132, 17, xsXsiaag 
statt nagaxsXsvaag. — 133, 18 vne^iazdusvoi statt vns^aviazd- 
ftsvoi. — 134, 2 nvv&avousvov statt 8ianvpüuvo/xEvov. — 139, 
9 slaops'govaa statt inEieqtegovaa. — 140, 26 qpgovovvzi statt aco- 
opgovovvzi, (gehört eigentlich nicht hierher). — 148, 25 egyu- 
arjzai statt E^sgydar^zai. — 155, 15 avviazdvza statt cvvavi- 
azdvza. — 164, 25 nagaßdXco^iEv statt di'ztnagaßdXwusv. 

Zahlreicher sind die stellen, an denen Hercher ein oder 
zwei Wörter eingeschoben hat, womit wir uns, vorausgesetzt, dass 
diese einschiebsei eben auf festem boden stehen, ganz einver- 
standen erklären, da in der that der sinn der sätze dadurch 
bedeutend verbessert oder der text in richtigerem griechisch her- 
gestellt wurde: so p. 112, 18: sl de 8sj üeiov. — 116, 8: ovo' 
dXiaxszcu axidr xazafiszgöjv ztjv im zo deinvov. — 122, 22: 
ovzcag ixeivog dxgaaiag ytyvszai fiifiTjztjg. — 125, 13: i) ov 



332 180. Plutarchos. Nr. 7. 

8rjXov. — 138, 14: 6 x6Xa% zäv nXovaicov zivd tov dvsXsv&e- 
gmzazov. — ibid. 23: xal navovgyov xal cpvXdzzsG&ai. — 139, 
8: ndgsGziv sv&vg fiszd naggqGiag. — 140, 24: Ttagaxivsl 
xal xoiXiav iysigsi. — 148, 19: zovg dXq&ivobg ä X sxzgv 6 v ag. 
• — 149, 1: 8 i.8kg 7i oj v ozt. — ibid. 7: ngoGxvvovixsvov xal 
xazaGzoXi^bfisvov xal dvanXazzöpiEvov. — 154,3: ro etii8e- 
%iov xal 70 aGtsiov. — ibid. 9 : iv ipov gv zavza ßiXziov slSrjg 

— 163, 25: dvsXsiv zbv naziga xal z a%v fi szay v övz o g. — 

165, 1: rö sTt'govg iivaivslv. — ibid. 29: mansg iargog Sgtpv 
fi 8 v qidguaxov. 

Andrerseits versuchte Hercher durch weglas sun gen ein- 
zelner Wörter eine bessere textesbeschaffenheit an folgenden stellen 
herzustellen: 112, 14: 6 ydg ... iazi [xal) 8t' svvciav. — 116,2: 
oiiSe zag iv Kvjrgq) (ydg). — 117, 16: ^aigsiv (z e) zoTg avzolg. 

— 118, 14: 8id&EG xv (z s) xai. — 123, 11: tuninrovzEg (f) dX- 
XtjXoiv. — 126, 10: fisyaXvvoov (dsl) xai, — ibid. 17: av ndXiv 
EJtiGTQOCprjg Suzai (xai), — 129, 16: xal (paXdgiSog ojfiözqza fxiGO- 
novqgiav {xai 8i,xaioGvvqv) ngogayogsvcov. — 130,6; av [aev svna- 
QV(f,ov zwog (rj) äygoixov Xdßqzai. — 131, 16: orav 8s ga&i)(i.otg 
[xal) GftoXaGzaig. — 133, 23: xal dva%a)g)jGEig (avzäv) s^sXsy^eiv. 

— 134, 11: bnov (xal) Qtjzoga xal. noirjTrjv. — 140, 8: nsgl 
zo ßaXavslov (ovzoi) xai. — ibid. 21: novrjgdg (zivag) tjSv- 
na&eCag. — 147, 2: ovzoog b cpilog (xal z o iov z og) — 152, 
17: av 8s (xal) 8rj. — 154, 16: ovzs ydg coqtsXel (z ov z cov) 
zb Xvnrigöv. — 156, 10: naggqGtat,0(iiva>v (zmv) cpCXcov. — 157, 
24: «jwa 8s &aggslv (eqp') savzq}. — 162, 1: xoXoveiv zov 
'j4Xi!-avSgov. — ibid. 12: 8ib Sei (g q>6 8 g a) yvXdzzsGdai. — 

166, 7: sixrtvov (nsgl) zb ijnag. 

Eichtigere constructionen und dem sinn entsprechendere 
lesungen bietet Hercher an folgenden stellen: 112, 12: zbv «£oo- 
&ev av o'iszat, schon von Erasraus vorgeschlagen. — 113, 22: 
dg av fxdXiGta nsgicpcogog ovGa fitj ßXdnzr] fi?}8s SiaßdXXij 
zrjv cpiXiav. — 130, 16: TigoGt'xovzag avzolg. — 132, 12: 
nol ydg xaza(piycof*£v; — 135, 24: zavzd. — 143, 10: 8« fitj 
y sysvijz ai . — 145, 13: "r\v ydg b sXsyiog. — 146, 21: Xß> 
xelvov. — 148, 28: bxeXsvgev. — 150,7: »/) Aia statt i8icc. — 
151, 15: inizi&svai zyv xogoovida zq> Gvyygd/tfiazi. — 153, 19: 
olg av GWfl. — 156, 25: noislv. — 160, 8: ngoGsxziov avzq>. 

— ibid. 13: tytyovxsq. — 162, 13: tovg fit], — 163, 1: 



Nr. 7. 180. Plutarchos. 333 

ngoaä aa i. — ibid. 8: s'qp' $>■ — 166, 4: ro avve%sg iov cpi- 
Xairiov und irsgov 8L — 168, 6: n s g tq-sgeiv. — 169, 
10 : 7i s cp v x c. 

Aber viele stellen scheinen noch sebr zweifelhaft; wenn 
auch die von Hereber aufgenommenen lesarten einen ganz 
guten sinn geben, so geschah dasselbe doch auch bei den bisher 
festgehaltenen: so p. 113, 21: negl avtijvtf). — 117, 12: t^ßa- 
Icöv, statt ifißdkkmv, (ebenso tempuswechsel : 121, 18: uezaßalö- 
fistog. — 139,28: ngoatfißalövzsg. — 142,11: öovg.) — 118, 5: 
XQWfiaai statt vXrjftaai. — 119, 17: 6 [asv ydg a>tog statt ni&rj- 
xog (?!) — 127, 13 xai zo nghg %dgiv s%ovcav dxgatov xzX. — 
ibid. v. 27: « v \xr\ vvv \nsv ruvza .... qtaCvtovtai. — 131, 20: 
t]dt] 8e xai Qr'jTQQog tCTtv o i xoXaxsia Sisavgav qitlöaoqiov. — 
132, 14: £<V uxovaag oxi uv snirj. — 134, 22: svtj&sg toCvvp 
.. rö, im singular, statt plural. — ibid. 25 ist Bions ausspruch 
aus der dritten person in die zweite versetzt, daher dreimalige 
Veränderung der verbalformen. — 137, 26: zoioitovg statt tov- 
tovg. — 139, 3: avzwv vnegoTzzoog statt avtoöv vnsgonzixmg. — 
141,14: il^st und xsisvaei statt praesens. — 142, 25: öegpozE- 
gov toi diovTog statt izoipozsgov zäv ösovtcov. — 143, 17: cvv- 
E^ogiiä ri/v im&vftiav statt des dativs. — 144, 19: avvt]S6(Jis- 
vov statt avraiadavufAevov. — 145, 28: i ji avzw. — 146, 5: 
ij dt] xai statt o. — 147, 4 : a^iol und Ttagairshat statt u^imv und 
nagaizricQat. — 148, 24: xvr)aavzog statt xviaavzog. — 155, 1: 
avazrjgäg xa) nlrjxzixäg lnnnolt]zn statt avaztjgd xa] noliuxd ne- 
aoiijTai. — ibid. 16 : zw Avaicp statt Avotcp. — 159, 10: ngoogio&bi 
statt 8ic6giaßo3. — 160, 10: ngoGtindv (Reiske : ngoaqtgsiv. 
Haupt Hermes VII, 296: ti Ö' 'inog tintlv'). — 161, 11: cpdö- 
vixov statt qiiXoveixov (ebenso 164, 26). — ibid. 28 oi/xai 8s xai 
KXslzog ov% ovzco 7iag(6$vje statt KXslzov naoo^vvai — 162, 3: 
indzatsv statt itzoiTtjOsv, — 166, 14: eozai statt iaziv. — 167, 
15: äqiiGTuprvoig avzov itSiSövat statt d(fiaza}Aivovg avzovg. — 
168, 1 : r\ 8e n\r\xzixr) statt ngax.7iY.ri. — Man sieht aus allem 
diesen, dass mit dieser ausgäbe, trotz des unverkennbar ihr zu 
gründe liegenden Studiums ohne nachweis der quellen noch nicht 
viel gewonnen ist. Und so gern wir ihre Verdienste auch an- 
erkennen, wie ja oben schon gezeigt ist — wir fügen noch hinzu 
dass die quellen, aus denen Plutarch in seine schrift anderer ci- 
tate aufnahm, unter dem text sorgfältig angegeben — ; so fin- 



334 , 181. Piaton. ,Nr. 7. 

det sich doch meist neben dem guten wieder etwas unbeque- 
mes; so eine andere capiteleintheilung in der hier besprochenen 
schrift (also jetzt drei verschiedene): es sind auch hierfür die 
gründe unbekannt geblieben. — Druckfehler finden sich 126, 
17 av statt av f 134, 2: avv&avovfisvov statt nvv&avopsvov, 151, 
steht cap. 26 statt 27, p. 164, 6 qvx statt ovx. Ein endgül- 
tiges urtheil also muss man auf spätere zeit verschieben. 

H. Heinze. 

181. Das materiale princip der platonischen metaphysik. 
Von prof. Dr. Gustav Schneider. Gera. 1872. 21s. 4. 
(Programm des Geraer gymnasiums). 

Es giebt von der platonischen materie bekanntlich drei 
verschiedene auffassungen. Nach der einen, subjectiv- ideali- 
stischen, welche von H. Eitter vertreten ward, aber von Zel- 
ler bereits zur genüge widerlegt worden ist, wäre dieselbe 
als blosses erzeugniss einer verworrenen Vorstellung anzusehen; 
nach der zweiten , am meisten verbreiteten erscheint sie dage- 
gen wesentlich als dasselbe wie die aristotelische materie der 
vier niederen demente, als der allgemeine, abstracte, aller for- 
men entbehrende , aber für alle gleich sehr empfängliche stoflf; 
die dritte, von Zeller geltend gemachte endlich erblickt in ihr 
den blossen räum. Im gegensatz gegen diese dritte annähme 
vertheidigt Schneider mit vielem Scharfsinn die zweite. Wenn 
er aber jene dritte als eine idealistische bezeichnet, so ist dies 
irreführend, weil nur sehr annäherungsweise richtig, denn es 
kommt ja ganz darauf an, wie man sich den leeren räum den- 
ken will. Oder war es etwa auch eine idealistische auffassung, 
wenn die atomiker neben das volle oder den stoff noch das 
leere als ein zweites, eben so reales princip stellten, indem sie 
behaupteten, obwohl jenes als das seiende zu bezeichnen sei, 
sei doch das nichtseiende um nichts minder als das seiende? 
Allerdings aber entspricht es einer anschauungsweise wie der 
platonischen, welche im gegensatz zum stofflichen und materiel- 
len das intelligible für das allein wirkliche erklärt, aufs beste, 
wenn selbst die stoffliche seite in den erscheinungsdingen nicht 
auf einen wirklichen urstoff zurückgeführt , sondern, um mit 
Zeller zu reden, zur blossen form der materialität, zur blossen 
räumlichkeit verflüchtigt wird, so dass selbst dies zweite prin- 



Nr. 7. 181. Piaton. 335 

cip der dinge sich der natur des ersten und eigentlichen, der 
intelligiblen Wesenheit oder der ideen, bis zu einem gewissen 
grade annähert. Nur in diesem sinne ist daher die bezeich- 
nung dieser dritten auffassung als einer idealistischen gerecht- 
fertigt, allein gerade in diesem sinne kann Schneider jenen aus- 
drucke nicht gemeint haben, da er ja sonst zugeben müsste, dass 
eben diese auffassung am meisten mit der innersten eigenthüm- 
lichkeit der platonischen Weltanschauung übereinstimmt. Wenn 
nun aber Piaton selbst seine materie als fitTuXufxßupop anogw- 
iarä nr\ rov vorjrov (Tim. 51 A) bezeichnet, so kann damit zwar 
nicht eigentlich, wie Schneider (p. 8) will, ,,ein theilhaben an 
der idee" gemeint sein, da die materie ja vielmehr dasjenige 
an den dingen in sich begreift , was eben nicht auf die ideen 
zurückgeht x ) , sondern nur eine gewisse Verwandtschaft zwi- 
schen beiden entgegengesetzten factoren , eine „seltsame" ge- 
meinschaft der materie mit dem charakter des unsinnlichen und 
intelligiblen, welcher der idee eigenthümlich ist 2 ); aber passt 
dies wohl besser auf die materie als wirklichen urstoff oder als 
blossen räum ? Man sollte denken , die antwort könnte nur 
für letzteres ausfallen. Nun nennt aber obendrein Piaton sel- 
ber seine materie (Tim. 52 A) ausdrücklich zonog und yßqa. 
Trotzdem sollen wir nach der warnung Schneiders (p. 12) uns 
hüten mit diesen namen unsere moderne Vorstellung vom räume 
zu verbinden, da eine eigentliche Untersuchung des raumes uns 
zuerst bei Aristoteles begegne u. s. w. Indessen hatten doch 
nicht bloss, wie gesagt, die atomiker, sondern auch schon die 
eleaten den räum dem stoff als das nichtseiende und leere dem 
seienden und vollen gegensätzlich gegenübergestellt, und da die 
platonische ideenweit als das nach Piaton wahrhaft seiende zu 
dem eleatischen sein in nächster beziehung steht, indem jene 
nach Piatons eignen ausdrücklichen erklärungen im Sophisten 
und Parmenides eine auf grund der sokratischen begriffslehre er- 
folgte Umbildung von diesem ist, so ist schwer abzusehen, warum 
sich nicht Piaton für sein anderes princip sogar geradezu an 

1) So dass in folge dessen die dinge zwar wirklich an den ideen 
theil haben , aber auch eben nur theil haben. 

2) Falls man nämlich nicht lieber eine ganz andere erklärung 
billigen will, wie sie Zeller Phil. d. Gr. II a. p. 486 , anm. 2 und ich 
selbst Plat. Phil. II, p. 407 (s. jedoch ebendas. p. 408) gegeben ha- 
ben. Dann ist aus der obigen stelle für die vorliegende frage über- 
haupt nichts zu schliessen. 



336 181. Piaton. Nr. 7. 

diese eleatische einssetzung des nichtseienden mit dem leeren 
angeschlossen haben könnte. Hätte er es aber nicht gethan, 
wie will man dann sein wiederholtes dringen im Timäos darauf 
begreifen, dass im Weltall niemals leere, unausgefüllte räume 
sein dürfen ? Dass er aber seine materie wirklich als das ab- 
solut nichtseiende betrachtet hat, lesen wir zwar nicht aus- 
drücklich in seinen schritten, jedoch übereinstimmend versichern 
es uns seine schüler Aristoteles und Hermodoros , und wenn 
wir bei ihm selber die bestimmte erklärung finden, dass die er- 
scheinungsdinge oder das werdende dasein ein mittleres zwischen 
sein und nichtsein sei, welches durch die in entsprechender 
weise zwischen wissen und nichtwissen mitten inne stehende 
Wahrnehmung, Vorstellung und meinung aufgefasst wird wie das 
sein durch die erkenntniss und das nichtsein durch keins von 
beiden, so hat Zeller (Phil. d. Gr. IIa, p. 412 f. 474) mit 
recht bemerkt, dass dies der sache nach auf dasselbe hinaus- 
kommt. Im Tiinäos ist dieser negativen erklärung über die 
unerfassbarkeit der materie auf beiden wegen nur noch die po- 
sitiver lautende hinzugefügt, dass wir uns ihrer durch einen 
bastardschluss [fö&og loyia/xog) denkend bemeistern , eine be- 
stimmung , die sich nach der richtigen bemerkung Schneiders 
fjp. 8) mit jener andern, die ihr das unogäzatä ny u?zu).ai.i- 
ßdvstv tov voqzov beilegt, vollkommen deckt 3 ). Wollte man 
aber tonng und x^Q a aucü wirklich lieber, wie Schneider (p. 
12) empfiehlt, durch „ort", „platz", „stelle" übersetzen, immer 
bleibt es doch wahrlich sonderbar, dass Piaton diese namen ge- 
wählt haben sollte, wenn ihm doch nicht der räum zugleich 
für den stoff, sondern umgekehrt der stoff zugleich für den 
räum gegolten hätte , um so mehr da eiae höchst interessante 
stelle im Philebos (p. 54 B. C ystiattog ivsxa . . . nuaav vXtjv 
naQari&na&ai mäair) deutlich zeigt , dass es ihm sprachlich 
nahe genug lag, wenn er wirklich den urstoff im sinne hatte, 
für diesen bereits den aristotelischen kunstausdruck vlt] auszu- 
prägen. Sprachliche Verlegenheiten können also diese Sonder- 
barkeit nicht erklären. Den von mir (Plat. Phil. II, p. 405 ff. 
vgl. p. 334 f. 352.) versuchten nachweis, dass auch der ganze 
Zusammenhang der betreffenden erörterung im Timäos (p. 47 E — 

3) Vorausgesetzt dass die obige deutung der letzteren worte die 
richtige ist. 



Nr. 7. 181. Piaton. 337 

53 C) dafür spreche, in der platonischen materie den blossen 
räum zu erkennen, hat Schneider ganz unbeachtet gelassen. 
Und doch ist es gewiss zur entscheidung einer so schwierigen 
frage dringend erforderlich, nicht bloss die vereinzelten haupt- 
stellen, sondern den ganzen Zusammenhang, in welchem sie ste- 
hen, genau ins äuge zu fassen. Von ausnehmender Wichtigkeit 
für diese entscheidung ist es endlich , ob Piaton wirklich , wie 
bisher allgemein und schon von Aristoteles angenommen wurde, 
die vier physikalischen demente aus blossen mathematischen 
körperchen und weiterhin sogar aus blossen flächen als atomen 
zusammensetzt. Von allen bisherigen Vertretern der meinung, 
als lehre Piaton ein wirklich stoffliches Substrat, unterscheidet 
sich Schneider vortheilhaft, indem er anerkennt, dass beides 
sich nicht miteinander verträgt. Er versucht daher (p. 16 f.) 
eine andere erklärung: Piaton wolle nur sagen, gott habe die- 
sem stofflieben substrat die mathematischen gestalten der ele- 
mente angebildet. Allein Piaton lehrt bekanntlich ausdrücklich, 
wie dies auch schon Zeller an der von Schneider (p. 13) ange- 
zogenen stelle (a. a. o. p. 513) hervorgehoben hat, dass der 
Übergang von feuer, wasser und luft in einander nur durch die 
auflösung derselben in ihre elementardreiecke und das wieder- 
zusammentreten der letzteren bald zu tetraedern, bald zu Ok- 
taedern und bald zu ikosaedern, d. i. bald zu feuer-, bald zu 
luft- und bald zu wassermolecülen möglich sei, und dass ein 
Übergang aus einem dieser drei elemente in erde und umge- 
kehrt desshalb nicht stattfinden könne, weil die molecularkör- 
perchen der erde, die kuben. andere elementardreiecke haben. 
Deutlicher kann es doch kaum gesagt sein, dass alle diese mo- 
lecularkörper nicht bloss durch ihre flächen begrenzt, sondern 
geradezu auch aus denselben zusammengesetzt sein sollen. Wenn 
aber Piaton einmal glaubte, dass feuer und erde mit allen ih- 
ren physikalischen eigenschaften aus einer Verbindung blosser 
mathematischer figuren entstehen könnten, so ist in der that 
nicht zu begreifen, welche Schwierigkeit aus dieser entstehungs- 
weise sich ihm dagegen ergeben haben sollte, vom feuer und der 
erde die Sichtbarkeit und tastbarkeit der weit herzuleiten, wie 
er Tim. 31 B thut, und in wie fern in dieser stelle mit Schneider 
(p.ll) eine „zwingende nothwendigkeit" dafür gefunden werden 
Philol. Anz. V. 22 



ZB8 181. Piaton. Nr. 7. 

kann, dass er die materie für ein stoffliches Substrat gehalten 
habe. 

In der deutung der vier gattungen im Philebos kommt 
Schneider mit Zeller überein, indem beide unter am« die idee, 
unter jt&quq das mathematische, unter äneiQOv — und zwar mit 
recht — die materie, unter dem aus nsgag und untignv ge- 
mischten die sinnenweit verstehen. Schneider bringt aber in 
dieser hinsieht durchaus nichts neues bei , was mich bewegen 
könnte von meinen abweichenden ansichten abzugehen , nach 
denen afoia vielmehr die idee des guten, nfgag aber die ideen- 
weit ist. Letzteres, sagt er (p. 14), sei unmöglich wegen der 
immanenz des nsgag und der transscendenz der ideen. Allein 
steht denn etwa die letztere so unbedingt fest? Oder behaupten 
nicht vielmehr, um von meiner Wenigkeit zu schweigen, so be- 
deutende forscher wie Zeller, Deuschle und Eibbing, dass Pia- 
tons eigentliche Weltanschauung vielmehr die inhärenz der dinge 
in den ideen sei? Wenn man, wie doch Schneider und Zeller 
mit recht thun, festhält, dass Piaton auch im Philebos keine 
anderen prineipien kennt als idee und materie, so muss auch 
das mathematische, da es doch keins von beiden ist, aus beiden 
gemischt sein (und das um so mehr, wenn auch die physikali- 
schen körper aus mathematischen figuren bestehen sollen), und 
nicht kann es dem einen von beiden, nämlich der materie oder 
dem aneigor, als sein gegensatz gegenübergestellt werden. Fer- 
ner sind auch hier die historischen ankuüpfungspunkte zu be- 
achten. Die bezeichnungen nigug und unstQov sind eine anleh- 
nung theils an Anaximandros, namentlich aber an die Pytha- 
goreer : auch bei diesen letzteren aber sind beides die letzten 
prineipien alles daseins wie form und stoff, idee und materie *). 
Die gewissermassen mathematische auffassung der ideen als des 
begrenzenden kann aber im Philebos um so weniger auffallen, da 
eich hier ja auch die sonst nicht vorkommende bezeichnung 
derselben als svädt-g oder ftorüdeg findet, in welcher manche 
sogar, freilich wohl mit unrecht, eine spur der späteren, pytha- 
gorisirenden form des platonischen Systems haben erblicken 
wollen, und in weleher ein gewisser keim und ansatz zu ihr 
in der that zu erblicken ist. Daraus folgt aber natürlich 

4) Ausserdem s. meine bemerkungen im Philologus Suppl. II, p. 
231 f. bes. anm. 31. 



Nr. 7. 182. Aristoteles. 339 

nichts gegen die ächtheit dieses dialogs , zu deren gunsten 
Schneider manches treffende beibringt, wie z. b. dass Aristote- 
les die bemerkung Pbys. III, 4. 203 a, 3 f., Piaton habe das 
unbegrenzte (ro aneigov) an sich zum princip gemacht, nur ent- 
weder aus dieser schrift oder aus Piatons mündlichen lehren 
habe entnehmen können (p. 7). S. freilich auch Staatsm. 273 D. 
Auch nach meiner erklärung stimmt der lehrgehalt des Philebos 
vollständig mit dem des Timäos überein, und nirgends steht, wie 
dies schon von verschiedenen seiten gezeigt ist, die verwerfende 
kritik Schaarschmidts auf so schwachen füssen wie gerade hier. 
Da aber Schaarschmidt selbst anerkennt, dass der Philebos p. 15 
JB vrgl. p. 14C auf den Parmenides zurückblickt, so ergiebt sich 
schon daraus, dass auch der letztere nur von Piaton selbst 
herrühren kann. 

Schon vor der weltbildung soll nach der darstellung im 
Timäos die primäre materie in die secundäre , ein chaotisches 
gemenge aller vier demente , übergegangen sein. Schneider (p. 
6) findet hierin mit recht eine unhaltbare Vorstellung, hält dies 
aber doch für Piatons wahre meinung, obwohl, wie er einräumt, 
„die darstellung im Timäos oft eine poetische ist". Allein 
wenn man dies zugiebt, so ist nicht abzusehen, was sich prin- 
cipiell gegen den von mir gemachten, von Schneider ausser acht 
gelassenen versuch einwenden Iässt, die secundäre materie als 
eine in dem eigenthümlichen gange der darstellung dieses dia- 
logs wohlbegründete, ja von ihm nothwendig geforderte mythi- 
sche fiction begreiflich zu machen. Fr. Susemihl. 

182. Die methode der aristotelischen forschung in ihrem 
Zusammenhang mit den philosophischen grundprincipien des Ari- 
stoteles dargestellt von Dr Rudolf Eucken, ord. prof. d. 
phil. zu Basel. 8. Berl. Weidmann, 1872. VI u. 185 s. — 
1 thlr. 10 gr. 

Der verf. behandelt in dem ersten abschnitt ,,die geschichts- 
auffassung des Aristoteles und seine Stellung zur geschichte". 
Die wichtigsten grundzüge seiner allgemeinen philosophischen an- 
schauung, die leitenden principien in der ethik und politik, der 
rhetorik und poetik habe Aristoteles von Plato entlehnt , so 
dass er auf diesen gebieten ohne rücksicht auf seinen Vorgän- 
ger nicht gewürdigt werden könnte. Indessen habe er Plato 

22* 



340 182. Aristoteles. Nr. 7. 

nicht selten missverstanden, und überhaupt seien seine geschicht- 
lichen angaben mit vorsieht zu benutzen, weil sie öfter gefärbt 
seien durch das medium der ihm eigenthümlichen Weltanschau- 
ung (p. 12). In der politik bestehe die grosse des Aristote- 
les darin, dass er das hellenische zum allgemein - menschlichen 
zu gestalten und zu vertiefen suchte. Der zweite abschnitt be- 
handelt den einfluss der aristotelischen erkenntnisstheorie auf 
die wissenschaftliche forschung. In dem ersten kapitel (über 
die grundzüge dieser theorie) wird besonders der nachweis ge- 
führt, dass Aristoteles zwar die beschränkung der Wissenschaft 
auf die form mit Plato theile, aber doch insofern in einen be- 
wussten gegensatz zu ihm trete, als er der form durchaus nicht 
eine vom stoff getrennte existenz zuerkenne. Deshalb sei die 
an die einzelwesen, denen ausschliesslich realität im strengsten 
sinn zukomme, geknüpfte sinnliche Wahrnehmung die grundlage 
aller erkenntniss und deshalb die induktion, das aufsteigen vom 
einzelnen zum allgemeinen, die uns recht eigentlich zukommende 
erkenntnissart. Da aber die Wissenschaft bei dem einzelnen 
nicht stehen bleiben könne, sondern es mit dem allgemeinen zu 
thun habe , so bestehe ihre vornehmste aufgäbe in der erfor- 
schung des grundes. Und die erkenntniss des wesens falle mit 
der des grundes zusammen (p. 27). Aber das nächstliegende, 
nicht das entferntere allgemeine sei als der eigentliche grund 
des dinges zu betrachten, Indessen wolle Aristoteles keine jen- 
seits der erfahrung liegende quelle der erkenntniss annehmen, 
sondern er nehme nur allgemeine prineipien an, die die Ver- 
nunft unmittelbar von der Wahrnehmung des einzelnen aus 
finde. So zeige sich überhaupt die eigenthüuilichkeit seiner 
richtung in dem streben, einzelnes und allgemeines, sinnliche 
Wahrnehmung und thätigkeit möglichst gleichmässig zu ihrem 
rechte zu verhelfen. Das zweite kapitel beschäftigt sich mit 
dem objeetiven charakter der aristotelischen erkenntnisstheorie 
und seinem einfluss auf die wissenschaftliche forschung. Der 
verf. verkennt in diesem abschnitt nicht, dass die philosophie 
des Aristoteles einen vorwiegend synthetischen charakter habe, 
dass jedoch eine scharfe analyse, namentlich bei erörterung der 
grundbegriffe, öfter vermisst werde. Zu tadeln sei, dass Aristo- 
teles bei erörterung der grundpriueipien ihre realität eigentlich 
als gegeben voraussetze. Der einheit der weit lasse er eine 



Nr. 7. 182. Aristoteles. 341 

einheitliche Weltanschauung entsprechen , z. b. in der Schilde- 
rung von der entstehung des Staates (Polit. I). Und weil der 
gesichtspunkt , ob eine disciplin mehr oder weniger dem prak- 
tischen gebrauch diene, ein massstab für ihre werthschätzung 
sei, so werde die metaphysik an ihre spitze gestellt, weil sie 
durchaus keinen zweck ausser sich habe (Met. 982 b. 24). Die 
Übereinstimmung des wissens und seins habe einen bedeuten- 
den einfluss auf die gestaltung der aristotelischen philosophie 
gehabt. Die Überzeugung habe hemmend auf ein kritisch - ana- 
lytisches verfahren gewirkt, aber die Objektivität des Standpunk- 
tes die forschung auch mannigfach gefördert (p. 42). Daran 
schliesst sich ein drittes kapitel über das allgemeine und besondere 
in der aristotelischen forschung. Der verf. weist darin unter 
andern nach, dass der philosoph das ungleichartige durch die 
einheit der thätigkeit und des Zweckes zu verknüpfen suche. 
Die richtung auf das besondere sei die stärkere. So sei es 
das charakteristische der aristotelischen forschung (im gegen- 
satz zu Plato), dass sie überall die eigenthümlichkeit der dinge 
zum ausdruck bringe und auf sie den höchsten werth lege. 
Weil es ferner dem Aristoteles darauf ankomme, die resultate 
der forschung als nothwendig nachzuweisen, lege er einen grossen 
werth auf die definition. Die methode, a priori die arten zu be- 
stimmen und sie damit als nothwendig zu erkennen, wiege in dem 
grade vor, je mehr eine disciplin einer rein formalen behand- 
lung fähig sei, also am häufigsten in der logik. Daher könne 
auch seine methode nicht als rein induktive charakterisirt wer- 
den. Daran schliesst sich ein excurs über die mathematik als 
Vorbild der wissenschaftlichen forschung (p. 57 ff.). Der dritte ab- 
schnitt behandelt die zweckidee und ihren einfluss auf die forschung 
des Aristoteles und zwar das erste kapitel die allgemeine be- 
deutung des Zweckes (p. 67 ff.). Es wird an den versuchen, 
die realität des Zweckes nachzuweisen, bemängelt, dass Aristo- 
teles den eigenen Standpunkt immer schon als bekannt voraus- 
setze. Als den gegensatz zum zweck bezeichne er die noth- 
wendig wirkende Ursache, den mechanischen kausalnexus der 
frühern forscher , aber sobald er an die beweisführung komme, 
setze er an die stelle des nothwendigen das zufällige \ro avfi- 
ßeßijxcg]. Als mittel der Verwirklichung des Zweckes diene die 
materie, und in dem einzelwesen, welches beide demente schon 



342 182. Aristoteles. Nr. 7. 

verbunden in sich hat , sieht Aristoteles die wirkende Ursache, 
welche bewegung und leben in dem Stoffe hervorruft. Das 
verhältniss des Zweckes und der form der materie sei kein 
ganz festes ; aber die Stellung der entwickelung zum wesen 
werde immer gleichmässig aufgefasst. Das nothwendige und 
allgemeine werde dem zwecke untergeordnet. So wolle der 
philosoph die erziehung nicht auf das zum leben erforderliche 
beschränken, sondern darüber hinaus auf das schöne richten. 
Das zweite kapitel bespricht das verhältniss des Zweckes zum 
besondern und allgemeinen. Da die form dem individuum ge- 
genüber das allgemeine in den dingen bilde, so sei alles rein 
individuelle gleichgültig und daher von der zweckbetrachtung 
ausgeschlossen. Eine ausnähme mache der philosoph bei der 
frage wegen der relativen ähnlichkeit der kinder. Auch die 
durchgehenden zwecke würden möglichst in den dingen selbst ge- 
sucht. Die theorie, dass der niedere theil um des höhern willen 
da sei und dass der zweck des höhern theils mit dem des gan- 
zen zusammenfalle , führe zu bedenklichen konsequenzen. So 
bringe er es in der physiologie und ethik zu keiner wahren 
Vereinigung des intellectuellen und des willens , weil er diesen 
jenem unbedingt unterordnen wolle. Im ganzen und grossen 
sei die anwendung der zweckbetrachtung bei Aristoteles eine 
immanente, und nur an einzelnen stellen sei ihm das entgegen- 
gesetzte verfahren vorzuwerfen. Das dritte kapitel handelt 
vom zweck als norm in den einzelwesen und als kraft in den- 
selben. Aristoteles wolle durch die zweckbetrachtung eine ob- 
jective norm der dinge finden, aber das hier zu gründe lie- 
gende problem sei nicht vollständig von ihm gelöst. Selbst 
der cirkelbeweis sei nicht vermieden , weil die scharfe analyse 
der grundbegriffe fehle (p. 92 ff.). Schwierig sei in folge der 
zweckbetrachtung auch die frage, wie das hinter dem zweck 
zurückbleibende oder das von ihm abweichende in seinem rela- 
tiven werthe aufzufassen sei. Ein allgemeines kriterium für die 
höhe der stufe sei ferner die summe der lebensthätigkeit. Der 
mensch sei der letzte zweck der natur , der ihr eigentlich bei 
der bildung aller organischen wesen vorschwebe. Für die nie- 
deren stufen bringe dies die gefahr eines fremden massstabes 
mit sich. Trotz der von den erscheinungen scheinbar unabhän- 
gigen norm sei der zweck doch nicht etwas von den dingen 



Nr. 7. 182. Aristoteles. 343 

getrenntes, sondern erweise sich als in ihnen wirkende kraft. 
Deshalb könne auch der philosoph im gegensatz zu Plato 
seine volle aufmerksamkeit der mannigfaltigkeit der erschei- 
nungen zuwenden. Das vierte kapitel weist nach, wie Ari- 
stoteles den zweck als thätigkeit gefasst habe oder die thä- 
tigkeit als den eigentlichen zweck der dinge. Alles, was 
die thätigkeit fördere, erscheine als gut , was es hemme, 
als übel. Auch das ungleichartige sei verbunden durch die 
Verwandtschaft des Zweckes. Bei diesem streben nach erkennt- 
niss der thätigkeit seien unrichtige resultate nicht ausgeblieben, 
z. b. auf dem gebiete der ethisch- politischen und in der zoolo- 
gischen forschung, wo das anatomische und physiologische nicht 
scharf von einander geschieden sei. Das fünfte kapitel setzt 
auseinander, wie der philosoph den zweck als grenze, mass und 
bestimmendes behandelt habe. Die annähme einer unendlichen 
grosse werde bekämpft , die von dem beharren der kräfte be- 
hindert u. s. w. Selbstverständlich begrenze der zweck auch 
die zu seiner realisirung nöthigen mittel ; überall erstrebe er 
nicht nur eine bestimmte, sondern auch eine möglichst einfache 
zahl. In dem mittleren [ro niaov) als dem der Verwirklichung 
des Zweckes am meisten förderlichen sieht Aristoteles überall 
das beste. So solle der Staatsmann in der gemässigten Staats- 
verfassung (noliTEta im engern sinn) die mitte zwischen den 
politischen gegensätzen zu halten suchen. In allem sein er- 
scheine das bestimmte und geordnete zugleich als das gute; 
aber die Unbestimmtheit des stoffs sei ein grund, weswegen die 
zwecke nicht rein durchgeführt werden könnten. Diese Über- 
zeugung sei für die metbode der aristotelischen forschung von 
grosser bedeutung gewesen (p. 120). In dem vierten ab- 
schnitt über „das verfahren des Aristoteles bei der naturerklä- 
rung" (welcher in drei kapiteln die grundsätze bei der natur- 
erklärung, ferner die vornehmlichsten hemmnisse derselben und 
endlich das thatsächliche verfahren des Aristoteles bei der na- 
turerklärung behandelt) , hebt der verf. unter andern hervor, 
dass der philosoph überall die Widersprüche zu erklären und zu 
lösen bemüht sei, die zwischen seiner theorie und den thatsa- 
chen obwalten, dass es ihm aber trotz der forderung, dass die 
erklärung sich auf eigentliche gründe und nicht auf willkürli- 
che annahmen stützen solle, passirt sei, dass er subjektive maxi- 



344 182. Aristoteles. Nr. 7. 

men bisweilen als objektiv gültige gesetze angesehen habe. 
Und ferner sei es auch in der naturbetrachtung weniger schuld 
der leitenden principien, wenn der philosoph bisweilen auf eine 
falsche bahn geführt werde, als die schuld seiner sonstigen ver- 
fehlten grundanschauungen. Ausserdem habe dem Aristoteles 
bei der unvollkommenheit der damaligen hülfsmittel das be- 
wusstsein gefehlt , dass durch schärfere beobachtung eine ganz 
andere anschauung der dinge gewonnen werden könne. Nicht 
übersehen ist die ansieht des philosophen von der nachahmung 
des überirdischen seins durch das irdische und die dadurch be- 
dingte theilnahme am wahren sein. Hier war es vielleicht am 
platze, auf den platonischen begriff der xoivtavta mit den ideen 
hinzuweisen. Daran schliesst sich der nachweis von der Unmög- 
lichkeit einer einheitlichen naturerklärung , von der Unmöglich- 
keit einer anwendung der mathematik auf die naturwissenschaf- 
ten und die erst dadurch erfolgte erhebung derselben zu einer 
exaeten Wissenschaft. Kurzum das streben nach einer syste- 
matischen erklärung der dinge habe im verein mit der Über- 
zeugung von der Objektivität und zulänglichkeit unserer erfah- 
rung den philosophen zu manchen irrthümern geführt. So habe 
z. b. auch die aus der teleologischen anschauung gezogene fol« 
gerung, dass jede bewegung ein bestimmtes ziel haben müsse, 
die einsieht in die beharrlichkeit und gleichmässige wirkung 
der naturkräfte gehemmt. Es sei sogar vorgekommen , dass 
Aristoteles einzelne beobachtungen, denen zufällig abnorme Ver- 
hältnisse zu gründe lagen, zu leicht verallgemeinert und so 
sätze aufgestellt habe, die auf diese weise einen zu grossen um- 
fang, eine ungebührliche tragweite erhalten hätten. Verfehlt 
sei ferner die annähme einer durchgehenden analogie der au- 
ssenwelt mit dem menschen und der von der kunstthätigkeit 
entlehnte massstab für die thätigkeit der natur. Und weil 
endlich Aristoteles sehst in den naturwissenschaftlichen diseipli- 
nen die definition oft an die spitze gestellt und erst nachträg- 
lich durch die erfahrung begründet habe, so fehle seinem ver- 
fahren auch hier der genetische charakter , den er auf andern 
gebieten mit solchem eifer bewahre. 

In der charakterisirung des speeifisch aristotelischen Stand- 
punktes ist mit ausnähme einer flüchtigen bemerkung in der 
vorrede nicht eindringlich genug hervorgehoben, dass sich in 



Nr. 7. 182. Aristoteles. 345 

ihm das speculative denken und ein für seine zeit exacter em- 
pirisraus verbindet und gegenseitig durchdringt (vrgl. Zeller, 
Phil. d. Griechen II, 2, p. 116 und 632), dass Aristoteles die 
allgemeinen Voraussetzungen der socratischen begriffsphilosophie 
theilt , dass er die lehre seines Vorgängers von den ideen als 
selbständigen existenzen oder Wesenheiten einerseits mit erfolg 
widerlegt, anderseits aber doch der form die ursprüngliche Wirk- 
lichkeit und dazu noch die produktive kraft beigelegt hat , alle 
Wirklichkeit ausser sich zu erzeugen. Daher betrachtet er 
auch den stoff nicht als „das nichtsein", sondern als öviafiig, 
als „das nochnichtsein", der form. Ausserdem wäre es wün- 
schenswerth gewesen , eine erklärung der aristotelischen funda- 
mentalbegriffe vorangehen zu lassen und diese begriffe im laufe 
der darstellung möglichst viel zu handhaben. Neben der that- 
sache endlich, dass es dem Aristoteles gelungen ist , die grund- 
züge des platonischen Systems reiner und vollständiger durch- 
zuführen, konnten ausser den mehrfachen gegensätzen auch un- 
verkennbare anklänge an dieses System erwähnt und wo mög- 
lich mit stellen belegt werden. Dahin gehören die partien des 
Philebus , wo von der idee als grenze und mass die rede ist, 
dahin gehört die konstruktion der weltseele im Timaeus. Denn 
abgesehen von dem mythisirenden anflug der letzteren stelle 
lässt der philosoph doch unbestritten eine mischung der hete- 
rogensten , von ihm sonst mit ängstlicher Sorgfalt auseinander 
gehaltenen Substanzen, der äfifQiötog und [asoigt/j oiiaict vor 
sich gehen (p. 35 A f.). Dazu kommen noch stellen aus an- 
dern dialogen, z. b. Soph. 248 E., aus denen, weil sie ebenfalls 
vom Standpunkte der entwickelteren ideenlehre geschrieben sind, 
hervorgeht, dass Plato durchaus nicht beabsichtigte , die unbe- 
weglichkeit seiner ideen so schlechthin und schroff zu behaup- 
ten. Im gegentheil wird den ideen nicht nur insofern eine 
art bewegung vindicirt, als sie unter sich in die mannigfachsten 
beziehungen treten, sondern auch insofern, als sie die fähig- 
keit des erkanntwerdens haben müssen (tijv ovaiav 8i\ xatä rbv 
Xoyov jovtov yiyvcoaaofjit'iTjv vnb Tijg yvaaecog , x«# 1 ogov yiyvco- 
gxetui , xaza zoanvzov xivsTa&at 8tä tÖ näa^stv xr?., wo ich es 
vorziehe mit Madvig, Adv. Crit. p. 382 ein 8 ei hinter 8rj ein- 
zuschalten). Nicht weit vorher (p. 247 E) wird die idee als 
zweckmässige kraft erwähnt (rtfo^a* yäg oqov 6q(^siv tol orra, 



346 183. Griechische philosophie. Nr. 7. 

toi* sanv ovx a\Xo n nl>]v Svva/itg) wo ich für die ersten 
worte die Verbesserung vorschlage: 7i&sfiai yao zov oqov oqi- 
^ovta z« ovza, cog iativ xr/L. 

Abgesehen davon, bekenne ich gern dass das vorliegende 
werk einen werthvollen und anregenden beitrag zur kenntniss 
des aristotelischen Systems geliefert hat. C. Liebhold. 

183. Entwickelung des gottesbegriffes in der griechischen 
philosophie. Göttinger Inauguraldissertation von C. M. ße- 
chenberg. 8. Leipzig 1872. 82 s. 

So wohlthuend auch die wissenschaftliche und religiöse 
wärme berührt, mit welcher Rechenberg seinen gegenständ be- 
handelt und so wenig man das eingehende Studium verkennen 
kann, welches er demselben zugewendet hat, so fehlt es doch 
seiner arbeit noch sehr an klarheit und reife, und es lässt sich 
nicht behaupten, dass die fragen, mit denen sich dieselbe be- 
schäftigt, eine- wesentliche förderung durch sie erfahren haben. 
Ueber seine behandlung der pythagoreischen theologie spricht 
sich der Verfasser selbst am Schlüsse derselben zweifelnd aus, 
er hätte aber aus Zellers auseinandersetzung lernen sollen, dass 
er unzweifelhaft derselben elemente eingemischt hat, die dem 
alten pythagoreismus fremd sind. Für die lehre des Xenopha- 
nes wird unbedenklich die bekannte pseudo- aristotelische Schrift 
mit verwendet. Was Empedokles von Apollon gesagt hat (s. 
Zeller Phil, der Gr. 3. a. I, p. 662, anm. 2), bezieht der verf. 
fälschlich auf den sphäros. Er bleibt dabei , dem Prodikos 
mit Welcker eine ausnahmestellung unter den Sophisten einzu- 
räumen, und will es nicht wort haben , dass dessen naturalisti- 
sche erklärung des götterglaubens nichts anderes als der baare, 
blanke atheismus sei. Obwohl Sokrates grundsätzlich über diese 
frage gar nicht speculirt hat, weiss es doch Eechenberger mit 
Franz Hoffmann ganz genau , dass gott nach ihm die weit 
wirklich geschaffen und nicht aus einer unerschaffenen materie 
gebildet habe. Dies führt denn natürlich auch bei Piaton zu 
verhängnissvollen consequenzen, die es unserm verf. fast als 
ein curiosum erscheinen lassen, dass ich einerseits die Verwandt- 
schaft der platonischen weltbildungslehre mit der orthodox-christ- 
lichen Vorstellung einer Schöpfung aus nichts hervorgehoben 
und doch anderseits dem Platou einen entschiednen, wenn a uch 



Nr. 7. 183. Griechische philosophie. 347 

etwas verhüllten dualismus zugeschrieben habe. Oder wie kommt 
es denn, dass dies nichts der platonischen materie dennoch jene 
so gar sehr reale schranke für die Vollkommenheit der erschei- 
nungsweit und ihren so gar sehr realen unterschied von den ideen 
ausmacht? Die inhärenz der übrigen ideen in der höchsten 
oder der gottheit habe auch ich behauptet, aber es ist mir al- 
lerdings unbegreiflich , dass jemand die sehr ernsthafte frage, 
wie sich mit derselben das fürsichsein jeder idee verträgt, ge- 
radezu als eine müssige behandeln kann. Bei Aristoteles ge- 
steht Eechenberger selbst den offenbaren dualismus zwischen 
gott und der materie zu und räumt ein, dass Aristoteles dem 
erstem geradezu jede „willensäusserung zur letzteren und über- 
haupt zum endlichen" abspricht, findet aber fraglich, ob die 
ansieht des Aristoteles so zu halten ist, und schliesst sich 
von hier aus zweifelnd der meinung von Brentano (Psychol. des 
Ar. p. 198 f. 234 ff.) an, dass die die planeten bewegenden gei- 
ster und überhaupt alle kraftthätigen formen von gott geschaffen 
seien, ja er dehnt dies dahin aus, dass wohl die materie selbst 
„von ewigkeit her in bestimmter weise von gott stamme". 
Wie dies aber von den grundvoraussetzungen des aristotelischen 
Systems aus möglich sein und wie diese „bestimmte weise" ir- 
gendwie genauer gedacht werden könnte, darüber fehlt jeder 
versuch einer erklärung, und ich zweifle auch sehr daran, ob 
sich selbst nur der versuch einer solchen anstellen lässt. So 
lange aber dieser noch mangelt , fehlt eben damit derartigen 
hypothesen auch jeder schatten einer wissenschaftlichen berech- 
tigung. Dass die ansieht des Aristoteles über das verhältniss 
gottes zur weit unhaltbar ist, wird niemand bestreiten, dass 
sich eben desshalb auch wieder Vorstellungen bei ihm finden, 
welche derselben widerstreiten, ist sehr natürlich, aber sache der 
historischen kritik ist es nur, letzteres aus ersterem begreiflich 
zu machen, nicht aber, die grundlehre des Aristoteles dadurch 
gewinnen zu wollen , dass man diese ihr widerstrebenden Vor- 
stellungen im gefolge von allerlei wirklichen oder vermeintli- 
chen consequenzen , sei es nun so zuversichtlich wie Brentano 
oder so zweifelnd wie Rechenberger thut, ohne weiteres an ihre 
stelle setzt. Wie weit dabei mein hochverehrter verstorbener 
lehrer Trendelenburg in einem privatbriefe an Brentano seine 
Übereinstimmung mit dessen behauptungen ausgesprochen ha- 



348 184. Lysias. Nr. 7. 

ben mag oder nicht, das kann für mich an diesem urtheil nichts 
ändern, denn amicus Plato, sed magis amica veritas. 

Wenn der Verfasser künftig an beschränkteren aufgaben 
seine kräfte übt , wird es ihm sicher in der folge gelingen et- 
was vollendeteres zu leisten. Fr. Susemihl. 

184. Des Lysias rede gegen Evander mit kritischen be- 
merkungen herausgegeben von P. ß. Müller (Merseburger 
programm 1873). 25 ss. 4. 

Der durch frühere werthvolle beitrage zur kritik des Ly- 
sias wohl bekannte Verfasser liefert auch in diesem programm 
viel dankenswerthes. Es enthält auf neun Seiten den text der 
rede XXVI, nach den ansichten des vf. constituirt, und unter 
dem text Varianten mit sowohl eigenen als auch vorschlagen 
anderer, dann folgen auf acht Seiten rechtfertigende erläuterun- 
gen der aufgenommenen lesarten und in einem anhang emen- 
dationen zu einigen andern reden. In den meisten fällen wird 
man ihm beistimmen müssen. So wenn er 26 §. 1 vor tjyov- 
fisvo<; nach seinem frühern Vorschlag, um das überlieferte noii\- 
aua&ai nicht ins futurum zu verändern , ovx av einsetzt , und 
eben so §. 13 «£>' ovx av , so dass diaxsio&ai und ijyrjaaa&ai 
nicht in futura zu verwandeln sind. Ferner schreibt er §. 1 
richtig ivtmv avrovg statt sviovg avjöjv, weil nicht so viel dar- 
auf ankam, ob einzelne buleuten Evanders vergehungen verges- 
sen hätten als darauf, dass sie von diesen schweren vergehun- 
gen einige gänzlich vergessen hatten, wie Müller ovo' dvafAvt]- 
arrjasadai richtig erläutert. §. 3 änderte zuerst Scheibe oixovo- 
[iev in axovco per , Müller aber in axovco fisX\siv y was möglich 
ist. Aber richtiger scheint mir \xiv nach vmg zu versetzen, 
also axovco vnso (asv tojv — • xaDjyoQovftetcov (so nämlich Mül- 
ler nach Baiter statt cov — xaiijyo^oifAsv) , so dass nun lt%£tt> 
Si den gegensatz giebt zu 8icr ßoaxecov ano\oyi']oea&ai. §. 6 : 
6 XQÖvog in ö xqÖvoq ovx iy^toon mit Müller zu tilgen ist nicht 
nöthig , aber richtig will er roö' statt ?«$*. §. 7 schreibt er 
recht gut coazs uqxcov ysvsa&ai statt des leereu coazs ytviadai. 
Dann wird aber iv tq> inavrcp als archontenjahr durch rw ge- 
nug bezeichnet, und avrov oder mit Müller oXcp hineinzusetzen 
scheint nicht nöthig. §.10 verdient sein xai tl ps« den Vor- 
zug vor der vulgate ei [*bv 8tj. Dass dann fuj /aotop — dXXd xat 



Nr. 7. 184. Lysias. 349 

zu streichen sei hat er überzeugend dargethan. §.11 hat er 
Dryanders conjectur zaizijg de rJjg u<j%i]g ä^i,ov/xevog a^toi mit 
recht aufgenommen, aber in tov änavta iqovov mit Müller 
sntiTa vor "fcoüvov einzusetzen, scbeint entbehrlich. §. 13 orav 
yivcavtai iv ixsi'voig zoig ftgövoig behalt Müller im text. Scheibe's 
auch von mir gemachte conjectur Ifiüg za>v avzmv ahiovg tjyrj- 
aua&at oaa ysyivrjrai iv ixsi'voig zoig iQtvoig scheint nothwen- 
dig. Denn es kann bei dieser Sorglosigkeit in der dokimasie 
das nämliche wieder kommen, was damals geschah , und ihr 
wäret am nämlichen schuld. §. 16 mg ix tovtcov (nämlich räv 
VQxoav nal ovv9/]xdöv) 7iQ(jaXt]ip(')(AEvov avro) (so vermuthe ich statt 
olvtov) doxt/uaatug Tovg iv aarei fistiavtag , als ob er für sich 
gewinnen werde als solche, die ihn in der dokimasie approbi- 
ren, diejenigen jetzigen rathsglieder, die damals in der stadt 
geblieben waren. §. 8 dia f/ev zovg roiovtovg ist doch undeutlich, 
weil so eben §.17 die schuldlosen bürger bezeichnet waren und 
es sich auf die §. 16 erwähnten roiaüza i^afiUQTÖvzceg bezie- 
hen muss. Man könnte vermuthen diu fisv zovg zotavza i<;a- 
fiäQTOvtag oder wenigstens diu [asv zovg zoiovzovg oiovg sl- 
nov. Mit recht hat Müller §.19 des Stephanus nnd Scheibe's 
zum theil auf cod. X sich stützendes o aXoyov doxsi aufge- 
nommen, §. 21 og avzcn unoloyijazTui. getilgt und §. 24 mit 
Kayser fxvüg Xaßeöv geschrieben. — Der anhang enthält meh- 
rere schätzbare emendationsvorschläge zu andern reden. Or. 1 
§ 21 empfiehlt er statt zcop ngng gjtt' mnoXoyripiivtov Taylors ngog- 
(OfivXoyi](x£pwv. 3 §. 4 tilgt er in nig unaaiv i^nodiav i(io\ ysyi- 
vrrtai das unpassende unuaiv und setzt dafür nuaiv vor vfilv 
ein, cag iy<x> nüaiv vfAiv anodst^oo, welches er als formelhaft mit 
vielen beispielen belegt (bei dieser gelegenheit emendirt er auch 
trefflich Isä. 2 §. 45 anuiai znig up&QConoig statt unuai, da 
das gesetz, wie sich dort weiter ergiebt , nicht allen , sondern 
nur den kinderlosen die adoption gestattete). 3 §. 39 corrigirt 
er das seltsame im6y.i\\pao&ai eig vfiäg sehr gut in ima-A^xpa- 
adui dtiaug vfiäg, aber wenn er dann statt orav igaci aal uno- 
oztQteiTut cor iniftvfAOvöi will orav anoTvy^arooöiv äv sgäoi xzi., 
so möchte ich lieber orav igwvzsg unoategärzai xzs. Unnöthig 
setzt er 10, §. 7 ov negi zä>v ovofxuTav diaqiigea&ui akXu ztjq 
zovTav diuioidg nach opoftuzcov ein uvtmv ein „an und für sich". 
Es genügt „nicht um worte, sondern um diebedeutung dieser strei- 



350 185. Demosthenes. Nr. 7. 

ten". 22 §. 7 will er nach dem constanten und mit vielen 
beispielen belegten sprachgebrauche der redner wohl richtig 8td 
[AaxQozeQcav tlneiv statt xai (ian.Q(')ttQOv tijielv. 25 §. 33 8ia 
zovg ex Utiguicög mv8i>vovg. Das unhaltbare mtSvvnvg ist mehr- 
seitig als ein glossem gestrichen worden, aber Müller trifft das 
richtige mit Öta rovg in ITsigatäg axtvSvvwg. Auch 27 §. 2, 
wo naQüt. zwv adixovvTmv falsch ist, weil die unschuldigen ge- 
meint sind , weswegen Frohberger nuQix. rcöv ovx dömovvimv 
wollte, emendirt Müller des Lysias sprachgebrauche gemäss 
naget, zodi' fit]8tv ddixovvToap. — Noch ist zu bemerken, dass 
sich besonders auf den letzten Seiten viele grobe druckfehler 
finden. 

R. Rauchenstein. 

185. De Demosthene Isaei discipulo dissertatio. Scr. P. 
Hoffmann. Berolin. 1872. 67 s. 

Die absieht vorliegender dissertation ist nachzuweisen, dass 
die Überlieferung des alterthums Demosthenes habe den Unter- 
richt des Isaeus genossen, falsch sei, und dass jener diesen nur 
in seinen Schriften studirt habe. Der vf. verfolgt somit ein 
ähnliches ziel wie ungefähr gleichzeitig A. Laudahn in seinem pro- 
gramm über den einfluss des Isaeus auf die demosthenischen vor- 
mundschaftsreden; s. Phil. Anz. IV, nr. 7, p. 341 : doch hatLaudahn 
den gegenständ sowohl tiefer erfasst, als auch sorgfältiger sich vor 
einem zuviel in seinen behauptungen gehütet. Denn wenn De- 
mosthenes des Isaeus Schriften studirte, wie Hoffmann zugibt 
(p. 54 ff.), so ist es doch rein wunderbar, dass er sich nicht 
auch um den persönlichen Umgang mit dem manne bemüht und 
nöthigenfalls auch geld bereitwillig dafür angewandt hätte. Auch 
ist die tradition von der persönlichen Verbindung beider män- 
ner eine zu constante, zu entschieden auftretende, als dass sich 
mit argumenten wie aus dem stillschweigen des Aeschines et- 
was ausrichten Hesse ; es ist gar nicht einmal richtig , was der 
vf. behauptet, dass Dionysios im Isaeus sich hierfür aufHermip- 
pos beriefe, sondern dieser wird von dem rhetor nur dafür ci- 
tirt, dass die lebensverhältnisse des Isaeus unbekannt seien, 
während Demosthenes' Schülerschaft bei Isaeus gleich in den ein- 
gangsworten der Schrift als anerkannte thatsache hingestellt 
wird. Vgl. Laudahn p. 3 f. Ob freilich ein eigentlicher un- 



Nr. 7. 186. Demosthenes. 351 

terricht anzunehmen ist und nicht vielmehr die annähme eines 
solchen Verkehrs, wie Demosthenes selbst ihn später mit Jüng- 
lingen wie Aristarchos pflegte, ausreicht , ist eine andre frage ; 
denn die nähern berichte des Pseudoplutarch von den 10000 
drachmen honorar u. s. w. sind freilich wenig glaubwürdig. In 
seinem §. 2 (von p. 32 an) sucht Hoffmann die meinung eini- 
ger alten zu widerlegen, dass Isaeus die vormundschaftsreden 
für Demosthenes verfasst. Die Verkehrtheit derselben sowie der 
andern meinung, dass jener dabei wenigstens als dtoyßojzij^ thä- 
tig gewesen, hat Laudahn glänzend dargelegt; Hoffmann's be- 
weis trifft in der hauptsache bloss die erstere ansieht, die ei- 
gentlich von vornherein unhaltbar ist. Er führt ihn theils aus 
dem abweichenden Sprachgebrauch — sorgfältig werden alle 
worte und Wendungen der reden aufgezählt die sonst dem Isaeus 
fremd sind — , theils aus gewissen fehlem die dem Isaeus nicht 
zuzutrauen, wobei indessen des vf's kritik wenig zutreffend ist; 
endlich und hauptsächlich daraus , dass der hiatus in den vor- 
mundschaftsreden weit mehr vermieden ist als in den gleichzei- 
tigen des Isaeus. Dieser beweis ist mit aller ausführlichkeit 
dargelegt, wird aber doch den bisher nicht überzeugten schwer- 
lich überzeugen, indem es eine eigenthümliche forderung an den 
redner ist, in allen seinen werken sorgfältig auf den bestimm- 
ten procentsatz von hiateu acht zu geben. — Der vf. zeigt 
durchweg fleiss und belesenheit sowie Unabhängigkeit des ur- 
theils; den beweisen indess mangelt vielfach die nöthige schärfe, 
indem er sie auf unsicherem boden aus ungenügendem material 
sicher herzustellen meint, und äusserst lästig ist die breite mit 
der bekanntes wie unbekanntes, selbstverständliches wie fragli- 
ches gleichmässig auseinandergesetzt wird. 

B. 

186. De oratione xar« dioivaodägov inscripta, quae inter 
demosthenicas est quinquagesima sexta. Scr. G. A. C. Sc hwarze. 
Doctordissertation. 4. Göttingen 1870. 22 s. 

Die abhandlung stellt sich das ziel, die von Baiter und 
Sauppe lediglich ausgesprochene, von A. Schäfer (Demosth. u. 
seine zeit bd. III, p. 307 ff.) noch wenig vollständig begründete 
athetese der rede gegen Dionysodoros durch allseitigen nach- 
weis sicherzustellen. Im ersten abschnitt (p. 14) setzt der vf. 



$52 186. Demosthenes. Nr. 7. 

die sprachlichen gründe dafür auseinander, mit sorgfältiger be- 
obachtung des deraosthenischen Sprachgebrauchs ; im zweiten 
sucht er die behandlung der sache als des Demosthenes unwür- 
dig zu erweisen. Eigentlich entscheidende argumente werden 
nicht vorgebracht*, an manchem nimmt auch der vf. mit unrecht 
anstoss, wie an ra ngos rovg aXlovq ntitgcty^ivu „das mit den 
andern vereinbarte", vgl. Isae. 6, 27. Im ganzen ist aber der 
stil der rede ein demosthenischer, und ebenso die behandlung 
im allgemeinen geschickt und weder weitschweifig noch verwor- 
ren. Wenn man aber von einer rede des Demosthenes unter 
allen umständen Vollendung nach inhalt und form verlangt, so 
muss man freilich die vorliegende ebenso wie z. b. die gegen 
Phormion und Apaturios ihm absprechen; gewiss gab es da- 
mals viele Sachwalter in Athen , die von Demosthenes gelernt 
hatten und ihn nicht ungeschickt nachahmten. Benseler's be- 
weisführung, die sich auf allzu häufigen hiatus gründet, lässt der 
vf. auf sich beruhen; gegen A. Schäfer, der (p. 313) aus der 
Chronologie die Unmöglichkeit einer abfassung durch Demosthenes 
zu erweisen glaubt, legt er die chronologische möglichkeit über- 
zeugend dar. Soweit wird man den ausführungen des vfs wenigstens 
nicht widersprechen wollen •, aber er schiesst über sein ziel hin- 
aus, wenn er im dritten abschnitt (p. 21 ff.) erweisen will, 
dass die rede aus der fälschung eines rhetors herrühre. Reden 
über solche bestimmte, obscure fälle haben die rhetoren über- 
haupt nie gefälscht, und hier kann weder das fehlen der Zeugnisse 
noch der umstand dass nicht der eigentliche contrahent, der 
im vertrage genannt war, sondern ein stiller compagnon der 
Sprecher ist, das geringste dafür beweisen : gerade von solchen 
anomalien würde sich ein falscher fern gehalten haben. Uebri- 
gens ist auch beides keineswegs so anstössig: der Sprecher ist 
mitbetheiligt und jedenfalls redegewandter als sein genösse, 
welcher natürlich die klage mit unterzeichnet hat ; die Zeug- 
nisse aber waren theils überflüssig, wie für den beiderseits an- 
erkannten contrakt , theils schwer zu beschaffen, wie über das 
in Aegypten und Rhodos geschehene. — Natürlich erklärt 
Schwarze nur den schluss der rede, in dem Demosthenes als 
fürsprecher aufgerufen wird , für eine dem falscher bequeme 
fiktion. Mir scheint die art, in welcher der obscure Sprecher 
den Demosthenes als einen freund ohne weiteres in anspruch 



Nr. 7. 187. Dionysios von Halicarnass. 353 

nimmt, auf einen andern naraen den träger desselben namens 
zu weisen; jedoch mag, wie der vf. nach Schafer vermuthet, 
dies anlass geworden sein die bisher namenlose rede unter De- 
mosthenes' werke zu setzen. 

B. 

187. Dionysii Halicarnassensis scriptorum rbetoricorum 
fragmenta collegit, disposuit, praefatus est Car. Theod. Roess- 
ler. Doctordissertation. 8. Leipzig. 1873. 43 s. 

Die mit grosser Sorgfalt verfasste schrift ist in ihrem ein- 
leitenden theile (p. 1 — 13) wesentlich eine recension von des 
ref. doctordissertation: de Dionysii Halicarnassensis scriptis rheto-. 
ricis (Bonn 1863), von der ihre ergebnisse in folgenden punk- 
ten abweichen. P. 3 ff. bestreitet Roessler dass die schrift 
über Demosthenes schon frühzeitig mit der negi oviütaeag in 
angriff genommen sei, wie ich aus der stelle der letzteren p. 
118 R. : vmo top sziowdi poi 8?]\ov7ai Gaytategov, folgern zu 
müssen glaube. A. G. Becker und nun auch Roessler verste- 
hen dies 8ij%ovzai als „wird gezeigt werden", und letzterer 
leugnet entschieden dass es heissen könne „ist gezeigt": aber 
das präsens wird doch beim citiren von Schriften überall für das 
Präteritum gebraucht: „Cicero sagt", 6 quXoßoyog ygayei (ad 
Amm. I, 6), dylot &i).oxoqos (ebend. 9) u. s. w. — P. 7 f. 
will Roessler nicht zugeben, dass die schrift über Demosthenes 
in unmittelbarem anschluss an die über Lysias Isokrates Isaeus 
geschrieben sei : er meint aus denselben Schlussworten der schrift 
über Isaeus, aus denen ich dies gefolgert, das gegentheil schlie- 
ssen zu müssen. Diese Schlussworte bilden einerseits einen 
Übergang, daher meine behauptung; andrerseits setzen sie das 
folgende dem vorigen als einen neuen abschnitt des gesammt- 
werkes entgegen, daher die meinung des vfs. — P. 9 ff. be- 
spricht Roessler die sogenannte Ars rhetorica, deren ersten theil 
er als eine reihe von briefen des unbekannten Verfassers an den 
Echekrates auffasst, die dann von letzterem insgesammt heraus- 
gegeben seien. Diese zum theil schon von Schott aufgestellte 
ansieht stützt sich auf das prooemium von c. D ; ich kann ihr 
auch jetzt nicht beitreten. Dagegen wenn dann Roessler die 
abhandlungen de oratione figurata (fragm. VIJI und IX) als echte 
Schriften des Diouysios gegen mich in schütz nimmt, so mag 
PhiloL Anz. V. 23 



354 188. Plautus. Nr. 7. 

er recht haben, indem die gründe für die unechtheit nicht aus- 
reichend und die ähnlichkeit im stil nicht zu verkennen ist; 
vgl. auch Rieh. Volkmann Ehetorik p. 79 anm. Mit recht be- 
merkt ferner Eössler p. 12, dass für die existenz einer zusam- 
menhängenden teebne des Dionysios, nicht bloss einzelner tech- 
nischer Schriften, die worte Qumtilian's III, 1, 16: multa Dio- 
nysius, nicht beweisend seien. — Die fragmentensammlung von 
p. 14 an ist sehr schätzbar und verdienstlich; ich bemerke nur ; 
dass Roessler das fragment bei Tzetzes schob ad Chil. VI, 7: 
aytevezai to GTopa t(ä dqfioadhei (p. 17 unter der schrift n. 
T. d(jx> ^r.) von der stelle desselben autors Chil. VI, 35 ff. 
(p. 20 unter der schrift n. d)ifxoo&.) nicht hätte trennen und 
die letztere gar nicht als fragment des Dionysios hätte anführen 
dürfen. Jene behauptung des Dionysios, die vielleicht Aeschi- 
nes' scheusslichen anschuldigungen entgegengesetzt war, sucht 
Tzetzes durch die in Demosthenes' reden vorkommenden obseö- 
nitäten zu widerlegen ; diese scheine , sagt er dann ironisch, 
Dionysios für wohlgerüche zu halten, ovgnsq 6 diovvaio^ aqä- 
fiaza vofii^si. J. Blass. 

188. Observationes in locos nonnullos Stichi Plautinae. 
Scr. Darnmann. Programm des gymnasiums zu Graudenz. 
Graudenz. 1870. 12 s. 4. 

Von einem eigentlichen gewinne für Plautus ist bei dieser 
arbeit nicht zu reden. Ganz unbrauchbar ist gleich der mit 
dem canticum des Stichus vorgenommene restitutionsversuch; wer 
dem dichter solche verse zumuthen kann : Fuisse Penelopam, Sed 
hie, soror, dsside, Dum multa volo tecum — es sollen nämlich cata- 
lectische iambische tripodien sein — , lasse doch lieber seine band 
von plautinischer metrik. Die im anschlusse an die Überliefe- 
rung von v. 73 gegebenen notizen über auslassung der formen 
von esse bei Plautus bieten nach Brix auseinandersetzung im 
Hirschberger programm 1854 nichts neues. Völlig werthlos 
Bind ferner die vorgeschlagenen emendationen. Jeder der mit 
plautinischer art einigermassen bekannt ist, muss sofort sehen, 
dass die zu v. 84 vorgetragene vermuthung: 

Adsimulabo , quasi quam eulpam ad eise admiscrint. [Ita] 
Perplexabiliter cett., 
von anderen gründen abzusehen, schon wegen des versausganges 



Nr. 7. 189. Tibullus. 355 

auf zwei iambischo wortformen und der Stellung des ita nicht 
richtig sein kann. Zu v. 230 wird vermuthet : Vendö: eulaliaa 
mdlacas crapuldrias und eulalias — crapularias erklärt als nugas de- 
licatas, quales fieri solent in crapulal Vs. 288 soll geschrieben wer- 
den: Quid Pinacium lascivibundum tdm lubenter cürrere: ob nun 
verf. das im ernste für latein hält? Vs. 393 glaubt verf., der 
sich für beibehaltung der form Pamphüippus entscheidet , trotz- 
dem es ihm noch nicht gelungen sei , eine ähnliche namensbil- 
dung aufzufinden — dass Stratippocles und Theodoromedes ganz 
entsprechende bildungen sind, hat er sich also entgehn las- 
sen — , die lesarten beider handschriftenklassen in folgender 
weise vereinigen zu dürfen: Vidistin virum sororis Pdmphilip- 
pumt — Nori. — N6n adest; die choriambische messung von 
Pamphüippum begründet er damit , dass Phüippus von Plautus 
immer mit verkürzter paenulüma gebraucht werde — bekannt- 
lich ist dies nur richtig von der münze, als personenname hat das 
wort stets die vorletzte silbe lang — , die verschiedene messung des- 
selben namens mit dem nebeneinanderbestehen von formen wie 
Philolachem und PhilolacJietem! Zu v. 583 schliesslich schlägt 
verf. vor: o sperate Pamphüippe, opes oder opis rnea für Pamphi- 
lippe o spes mea, also wieder mit einem fehlerhaften versschlusse. 

189. De versuum in duobus Tibulli carminibus ordine im- 
mutando. Scr. Schneider. 4. Gleiwitz 1872. 

Nach einer längeren einleitung über die anziehungskraft 
dichterischer Schöpfungen gelangt der Verfasser auf sein eigent- 
liches thema und verheisst, an zwei bis jetzt noch unangetaste- 
ten stellen gegen die autorität sämmtlicher handschriften das 
richtige herstellen zu wollen. Zwar Lachmann habe die an- 
nähme von Umstellungen arg verpönt, aber schon Scaliger habe 
dieselben vielfach vorgenommen, und in neuerer zeit hätten 
Haase und Kitschi für die neue anordnung einzelner elegien 
reiches lob geerntet. 

I, 3 ist die erste der von Schneider angefochtenen ele- 
gien; v. 83 — 94 sollen hinter v. 52 eingeschoben werden. Dis- 
Ben's erklärung, „der dichter habe plötzlich kraft seiner phanta- 
sie jeden todesgedanken aufgegeben und denke wieder an die 
rückkehr", wird verworfen. So, wie Schneider stellt , gewinnt 
er drei wünsche: 1) Juppiter möge ihn schützen; 2) Delia 

23* 



356 188. Tibullus/ Nr. 7. 

solle ihn mit der gewohnten liebe empfangen; 3) wenn er 
sterben müsse, so möge sie (Delia, nicht Juppiter) ihm ein 
schönes monuraent setzen. — Ich gebe zu, dass dadurch man- 
che Schwierigkeit beseitigt wird ; doch wie kann Delia, die v. 9 
eben sehr vermisst wird, ihm im fremden land ein denkmal auf 
seinen Überresten errichten, sie, die ja nicht weiss, wo er ge- 
storben ist? Nach meiner ansieht ist nichts umzustellen, son- 
dern der gedankengang folgender: Schone, o Juppiter, mich, 
den frommen dichter! Doch wenn einmal mein stündlein ge- 
kommen ist und mein grabstein mir gesetzt ist mit folgender 
inschrift — , dann möge mich Venus ins Elysium führen. (Um 
diesen sinn Zugewinnen, ist fac — stet in et — stat, sed — ducet in 
fac — dueat zn verwandeln.) Hinter v. 82 aber ist ein distichon 
ausgefallen, das etwa folgenden gedanken enthielt: ,,doch wozu 
hege ich diesen gedanken? vielleicht komme ich noch mit dem 
leben davon". Daran knüpft sich in logischer folge der schluss- 
gedanke: Du, Delia, bleibe mir bis zu meiner rückkehr treu! 

Für die sechste elegie des ersten buchs verlangt Schneider 
folgende reihenfolge: 1 — 14. 77 — 86.73 — 76.15—42. Auch in 
diesem gedichte lässt sich die althergebrachte Stellung verthei- 
digen, wenn man folgenden gedankengang annimmt: „Amor ist 
schlimm, Delia ist treulos. Freilich ich selbst trage schuld 
daran. Doch du, o gatte, hüte sie wenigstens und verzeihe 
mir, dass ich sie so angelehrt habe. Weichet, ihr Verführer! 
So will es die gottheit , welche der Delia für das gegentheil 
strafe androht. Doch diese möge gelind sein, der mutter zu 
liebe! Ich werde ewig die Delia lieben und nie dieselbe schla- 
gen, wenn sie nur keusch und treu ist. Sei dies um so mehr, 
Delia, da du weisst, welche strafe die treulosen frauen trifft". 
Daran schliesst sich der in so vielen elegien Tibulls wieder- 
kehrende und oft mit at tu eingeleitete schlussgedanke : „doch 
wozu hege ich solche unnützen bef urchtungen ? Uns möge dies 
fern bleiben und lieber andere treffet! ! Wir beide wollen uns 
bis ins greisenalter lieben". — ■ Dieser gerlanke schliesst sehr 
treffend das gedieht und darf daher nicht in die mitte des- 
selben versetzt werden. Mancher Sprung und mancher lockere 
Zusammenhang der gedanken ist eben dadurch zu erklären, dass 
leidenschaftliche liebe der grundgedanke des ganzen ist. 

Zum schluss noch eine kurze kritische bemerkung. In VI, 



Nr. 7. 190. Propertius. 357 

16 bietet quoque gar keinen sinn; unstreitig ist duce zu lesen 
d. i. der dichter bietet sich zum führer und Wegweiser an, der 
den mann der Delia auf deren ranke und schliche aufmerksam 
machen will. 

C. Härtung. 

190. De quarto Propertii libro. Scr. Richard Voigt. 
Diss. inauguralis. Helsingfors 1872. 

Gegenüber den vielfachen versuchen der letzten jähre, das 
fünfte buch der elegien des Properz diesem elegiker abzuspre- 
chen, bezw. eine arge Verwirrung der tradition durch interpola- 
tionen, transpositionen und lücken nachzuweisen, betont die 
vorliegende dissertation nicht nur seine echtheit, sondern ver- 
sucht auch alle durch jene mittel angestrebten emendationen 
als unnöthig abzuweisen. Wenn nun auch unbedingt zugegeben 
werden muss, dass die athetesen Heinrichs und Carutti's — wie dies 
schon Luetjohann in seinen Commentationes Propertianae,l£.ie\ 1869 
nachgewiesen — sowie viele der vorschlage, die dieser selbst, 
Eschenburg, Boot, Peerlkamp und andere gemacht haben, unbe- 
rechtigt seien, so wird doch mit einer sich principiell auf den aller- 
conservativsten standpunct stellenden kritik die interpretation die- 
ses buchs wenig gefördert, das unbedingt zu dem schwierigsten 
der ganzen augusteischen literatur gehört. — Dass in unsern 
handscbriften interpolationen vorliegen, kann nach so evidenten 
fällen wie V, 5. 55. 56 und 9, 42 niemand leugnen, dass trans- 
positionen (cf. V, 1, 35. 85) vorzunehmen und lücken (cf. c. I. 
IV) zu statuiren seien, gibt selbst Müller zu. Wenn Voigt 
durchaus die berechtigung dieser freilich letzten und gewissen- 
haftest anzuwendenden mittel bestreitet, so scheint es als ob ihm 
die Schwierigkeit des betreffenden dichters noch nicht klar ge- 
worden sei. Zu oft lässt er sich bei seinen conservativen be- 
mühungen auch unbekümmert um den Zusammenhang des vor- 
liegenden gedichtes durch vergleichung von gedichten ähnlichen 
inhalts (s. bes. p. 96) bestimmen, ohne zu bedenken, dass gerade in 
der darlegung des gedankenganges der dichter nur aus sich selbst 
erklärt werden könne. — Was einzelnes anlangt, so wendet sich 
der vf. zunächst gegen die schon oft besprochene Lachmann'- 
Bche theilung in fünf bücher. Ohne irgendwie neues von be- 
lang vorzubringen, zeigt er 6ich hier mit der einschlagenden 



S58 190. Propertius. Nr. 7. 

neueren Hteratur wohl vertraut, während ihm die ältere — so 
z. b. das in gleichem sinn geschriebene programm von Fürste- 
nau, Rinteln 1845 — unbekannt scheint. Nimmermehr aber 
kann die erneuerung jener abgeschmackten meinung, die schon 
Nobbe in seinen Observatt. in Prop. , Lips. 1817 vorgebracht 
hat, dass nämlich in der bekannten stelle Sat mea, sat magna est, 
si tres sunt pompa libelli, tres eine unbestimmte anzahl bezeichne, 
als eine Widerlegung der Lachmannschen ansieht betrachtet wer- 
den sowenig als die behauptung Hertzbergs von einer späteren 
einfügung des betreffenden gedichtes ; in dem noto libro (III, 
18 (24), 1), wird nur zurückgewiesen auf das erste buch [Cyn- 
thia monobiblos). Gleich unrichtig aber ist die polemik gegen 
die theilung von III, 4 und 5 (13), die nicht nur Gruppe, son- 
dern auch Haupt und Müller für nothwendig erachten. Die 
übelsten folgen aber hat dies unbedingte festhalten an der tra- 
dition in der behandlung der elegien des letzten buches selbst: 
denn dass z b. c. I nur bis v. 12 reiche, scheint selbst Krahner 
in seiner trefflichen abhandlung Philol. XXVI zuzugeben und 
bis hierher ist Luetjohann entschieden beizustimmen. Treffen- 
der ist die kritik gegen Eschenburgs Verwerfung von V, 1, 
33 — 36; fest zu halten dagegen Müllers Umstellung, die auch 
durch die läge der erwähnten orte , worauf noch niemand ge- 
achtet, empfohlen wird. Mit der behandlung von n und HI 
kann man sich einverstanden erklären, c. IV aber — hier musste 
Krahners programm über die sage von der Tarpeja (Neubran- 
denburg 1858) berücksichtigt werden — ist mit Müller vor 
v. 35 eine lücke anzunehmen, um das Sic dieses verses zu er- 
klären. Die schwierige fünfte elegie wird p. 62 — 75 einer ein- 
gehenden besprechung unterzogen. Wenn auch hier schon vor 
Brouckhusius geäusserte ansichten (p. 65) als neu aufgestellt und 
eine schon von Hertzberg gegebene erklärung von v. 29 — 
mora ist gewiss wegen v. 30 die einzig richtige lesart; ira passt 
nicht wegen v. 31 — als eigene gegeben, auch v. 11 entschie- 
den missverstanden wird — denn stantia currenti dauere aqua 
kann nur heissen : festes mit fliessendem wasser auflösen, nicht : 
festes in flüssiges verwandeln — so ist gewiss hier das unpassende 
von Luetjohanns Umstellungen mit geschick erwiesen. Die sechste 
elegie aber ist von Voigt sowenig als den übrigen erklärern 
richtig aufgefasst, da das compositionsschema, das an einem an- 



Nr. 7. 191. Iuvenalis. 359 

dem orte nachgewiesen werden soll, nicht erkannt ist : auch 
über die zeit — zu v. 55 s. Mommsen Mon. Anc. p. 92 — 
ist noch genauer zu handeln. Bei besprechung von 7, 23 war 
zugleich auf den gebrauch von at ille hinzuweisen; in el. 8 be- 
ziehen sich v. 2 und 19. 20 sicher auf verschiedene Situatio- 
nen, so dass eine Umstellung unnöthig, während die von 7, 35. 
38 vor v. 73 nicht nur durch v. 71 trefflich motivirt, sondern 
auch durch den engen Zusammenhang von v. 34 und 39 ge- 
boten ist. Auch in elegie 10 billigen wir die transposition, die 
Dilthey mit den vier letzten versen vornimmt, als allein dem 
propertianischen gebrauch entsprechend. Die Peerlcampschen 
und Bootschen verschlimmbesserungen in elegie XI werden mit 
recht übergangen und Luetjohanns versuch beseitigt. 

Die schwierigsten fragen aber, die sich an das fünfte buch 
knüpfen, werden nicht berührt: dass in ihm die verschiedensten 
demente zusammengestellt sind, die sich auch äusserlich — im 
metrum — unterscheiden, musste hervorgehoben, die abhängig- 
keit von Callimachus — die abhandlung von Rauch über die 
fragmente der Aetia, Eastatt 1860, ist übersehen — erörtert 
und das verhältniss zu Ovid, wozu p. 23 sich anlass bot — 
das material dazu steht bei Zingerle, Ovid heft I, Innsbruck 
1869 — näher beleuchtet werden. Ebensowenig wird die frage 
nach dem datum und der art der herausgäbe berücksichtigt; 
das beste an dem buche sind die erörterungen über den inhalt 
der einzelnen gedichte und gelegentliche sprachliche excurse. 

R. E. 

191. Die dritte satire Juvenals in deutscher Übersetzung 
von H. Schmauser; k. gymnasialprofessor an der k. bayeri- 
schen Studienanstalt zu Bayreuth; einladung zu den schluss« 
feierlichkeiten des Jahres 1870/71. Bayreuth 1871. 4. 26 s. 

Der Übersetzer bestimmt seine arbeit „weniger dem ur- 
theile der fachgenossen", als er mit derselben „dem deg gebil« 
deten publikums ein culturgeschichtliches bild aus der römi- 
schen kaiserzeit vor äugen führen will". Wie das bestreben, 
weitern kreisen das verständniss des classischen alterthums zu 
erschliessen, nur zu billigen ist, so entziehen sich derartige ver- 
suche nicht der kritik der fachgenossen; nur berufenen kann 
zugestanden werden jene aufgäbe zu übernehmen. Der über- 



360 191. Iuvenalis. Nr. 7. 

setzer hat die 322 verse des Originals in 349 deutsche hexa- 
meter gebracht, — ein beweis, dass er die breite nicht gemie- 
den, um so weniger als er drei verse ausgelassen (104 und 
135. 136); dagegen die vier verse 172 — 175 in drei verse 
zusammengedrängt. Die Übersetzung ist also ziemlich frei, 
der ausdruck aber gewandt, die verse im ganzen leicht und ge- 
fällig; gelungen z. b. der abschnitt der raufscene auf der Strasse 
des nachts, 278 ff.; doch begegnet da der hexameter (296) : 
„wo ist deine Station? in welchem winkel dein bethaus?". 
In dem vers (278): „da kommt ein trunkener krakeeler: hat 
keinen heut' er geschlagen" kommt wohl der fehler auf rech- 
nung des setzers, ebenso 8: „alter gebäude und tausend gefah- 
ren der unbarmherzigen"; und beider gelegenheit sei auch der 
störende druckfehl er erwähnt v. 31: „die contractlich erstehen 
der tempel und flüsse und häfen | und der cloaken entleerung". 
Welchen text der vf. zu gründe gelegt, sagt er nicht; es zu 
wissen, kann auch nicht nöthig scheinen, da er nach der vulgate 
seinen text selbständig aufstellt, besonders indem er alle etwas 
bedenklichen und derben stellen abschwächt ; so übersetzt er 94 : 
„die einfach gekleidete Doris", so dass er wohl pullo dem nullo 
cultam palliölo vorzieht; ebenso lässt 112 die Übersetzung kaum 
schliessen, ob er aulam oder aviam liest, zumal da 17, 107 und 
108, 123 ganz farblos gegeben, 135 und 136 sogar übersprun- 
gen sind. Der vf. mag seine gründe gehabt haben, dass er die 
derbheiten unterdrückte, zumal wenn er bedachte, dass die ar- 
beit auch seine Schüler in die hände bekommen ; aber wenn er 
dem gebildeten publikum ein culturbild vorführen will, so ist 
doch bedenklich der reproduction feigenblätter aufzusetzen, wo 
das original characte ristische nuditäten zeigt. Der Über- 
setzung vorauf geht auf p. 7 eine einleitung zur einführung in 
das thema der Satire und mit Inhaltsübersicht; sie ist zum theil 
wörtlich der v. Siebold'schen ausgäbe entnommen. Zum schluss 
folgen auf acht Seiten 46 anmerkungen zu verschiedenen stel- 
len, die einer wirklichen erläuterung bedürfen ; an auswahl und 
inhalt ist weiter nichts auszusetzen ; mir fällt nur auf, dass, wenn 
doch die arbeit für ein weiteres publikum bestimmt ist, eine 
reihe von loci classici aus Griechen und Römern in der Urspra- 
che gegeben sind. Schief ist endlich die erklärung von libia 
venalibus 187 : die kuchen seien in solcher menge gebacken 



Nr. 7. 192. Sallustius. 361 

worden, dass sie nicht aufgezehrt werden konnten, und werden 
nun von den haussclaven gegen ein trinkgeld an die dienten, 
die als freunde des hauses anspruch darauf hätten, verschenkt; 
vielmehr denke ich ist der kuchen die sportula, die dem bei 
solchem anlass die aufwartung machenden dienten mit fug und 
recht zukommt; die unsitte will, dass dieser dem das geschenk 
verabreichenden sclaven ein trinkgeld giebt , so dass er den 
kuchen gewissermassen. kauft ; man denke an die contributionen, 
die seitens der dienerschaften bei uns von hausfrauen und ga- 
sten bei gesellschaften, taufen und dergleichen erhoben zu wer- 
den pflegen. H. Wz. 

192. De ratione quae inter Sallustianos Codices Vaticanum 
nr. 3864 et Parisinum nr. 500 intercedat commentatio — scri- 
psit F. Chr. Th. Dieck. 8. Halis Saxonum. 1872 (Ienenser 
Doctordissertation). 

Ein schätzbarer beitrag zur handschriftenfrage Sallusts, die 
bekanntlich durch Jordans verfahren den Pariser codex 500 
auf Unkosten aller andern, besonders des Vaticanus 3864, aus- 
schliesslich zu bevorzugen in ein neues Stadium getreten. Der 
vf. tritt den beweis an, und hat ihn durchgeführt, dass beide 
manuscripte zwar gut, wenn auch vielerorts fehlerhaft seien, V 
aber als fehlerfreier und relativ besser den vorzug vor P ver- 
diene. In behandlung desselben gegenständes ist zum nämlichen 
ergebniss gelangt A. Weinhold in der in diesem Anz. 1872, p. 349 
besprochenen abhaodlung; doch ist der weg, den die beweisfüh- 
rung geht, bei beiden nicht der gleiche, doch eben so sicher zum 
ziele führend in der hauptsache bei Dieck, wie bei Weinhold ; bei 
diesem ist sie erschöpfender, bei jenem nicht minder zwingend 
als bei diesem •, der letztere besitzt umfassendere kenntniss des 
sallustianischen Sprachgebrauchs und der einschlägigen littcratur, 
und bat die sache methodischer angegriffen, als der erstere, und 
wo im einzelnen die meinungen abweichen, wird man öfter dem 
ersteren beistimmen; aber jener hat seinerseits mit so wirksa- 
men mittein in den kämpf eingegriffen, dass der sieg zu gun- 
sten des Vaticanus nur um so unbestrittener und ausser allen 
zweifei gestellt bleibt. 

Der gang der Untersuchung ist folgender: ehe auf die ver- 
gleichung von V und P eingetreten wird, werden zwei vorfra- 



362 192. Sallustius. Nr. 7. 

gen berührt, betreffend das verhältniss von V zu dem Berner 
excerptencodex , und die correcturen und Varianten in P : die 
Verwandtschaft jener handschriften wird nachgewiesen aus den 
gemeinschaftlichen lesarten und fehlem beider , aus den abwei- 
chungen derselben der Vorzug von V vor B, und der Ursprung 
aus einem beiden gemeinsamen archetypus ; die correcturen 
in P werden verschiedenen händen zugeschrieben, die auffal- 
lende, wenn auch nicht ausnahmslose Übereinstimmung einer an- 
zahl Varianten mit lesarten von V constatirt, und benutzung 
des archetypus von VB vermuthet ; weit mehr befriedigt hier Wein- 
holds behandlung, welcher gezeigt hat, dass man auch die frage, 
ob die Varianten schon im archetypus von P gestanden haben, 
lösen kann. Genug aber, dass der verf. alle correcturen von 
zweiter hand in P nicht in berücksichtigung zieht, indem er P 
dem V gegenüberstellt. Die vergleichung wird nun so durch- 
geführt, dass zunächst die augenscheinlichen Schreibfehler von 
P und V aufgesucht werden — es sind deren 104 in P gegen 
35 in V — ; sodann diejenigen stellen besprochen , wo P und 

V abweichende lesarten bieten , die von vornherein nicht sinn- 
los, doch in dem einen oder andern als verdorben sich heraus- 
stellen; auch hier spricht die quantität und qualität der fälle zu 
gunsten des V, obwohl der verf. mit unrecht an zwei stellen 
diesen sogar hintansetzt (lug. 31, 25 amittatis, Cat. 52, 33 
atque hominibus verwirft). Ferner prüft der verf. diejenigen 
stellen , welche die willkürlich und absichtlich bessernde hand 
eines abschreibers verrathen, und wo die eingeschwärzte lesart 
gegen den sinn oder gegen den lateinischen oder den sallustia- 
nischen Sprachgebrauch verstösst; er findet deren acht in V, 
28 in P. Hier hätte der verf. besser seine Stellung gegen Jor- 
dan praecisiren sollen, und betonen, dass er die correcturen in 

V nicht der thätigkeit eines revidierenden redactors zuschreibt, 
sondern den mehr zufälligen halucinationen eines stellenweise 
gedankenlosen abschreibers, dass jenes viel für P gelte ; abgesehen 
davon waren einige stellen unter die vorige gruppe zu ordnen. 
Meist trifft Diecks auffassung mit derjenigen Weinholds zusam- 
men; bisweilen nicht, z. b. lug. 31, 10, wo mit diesem dem V 
zu folgen: honores — praedas ; 102, 8. wo mit jenem nach V 
bona cepisses, 85, 5 nach P bene facta rcipublicae zu schreiben (vgl. 
Schultze de archaismis Sali. p. 72) ; wenn endlich der verf. Cat. 



Nr. 7. 192. Sallustius. 363 

52, 7 die lesart: conquestus surn dem P zuschreibt, so beruht 
dies auf der irrigen angäbe bei Dietsch ; wie Jordans und meine 
collation zeigt. 

Nunmehr kommt zur spräche die abweichende Wortstellung 
an sechsundzwanzig stellen , und auch hier wiederum fällt die 
entscheidung zu gunsten des V aus; aber wo Dieck nicht in 
Übereinstimmung mit Weinbold sich befindet, mag er für V oder 
P sich entcheiden, so ist des letztern begründung die triftigere; 
also lesen wir mit diesem nach V Cat. 51, 35: atque Tiaec ego, 
52, 2 : longe alia mihi, lug. 85, 23 : neque mala neque bona, nach 
P Cat. 33, 1: neque cuiquam nostrum, 51,45: hanc ego, dagegen 
lug. 14, 11: in meo regno nach P mit Dieck gegen Weinhold 
(s. ob. IV, p. 351); endlich geht Dieck zu weit, wenn er lug. 24, 
9 : scripsi des V als einzig richtig hinstellt gegen scribo des 
P; mit recht hält Weinhold beides für an sich möglieb, und 
wird jenes zu bevorzugen sein von demjenigen herausgeber ; wel- 
cher V als der relativ bessern quelle folgen wird. Dass sie 
dieses sei, sucht der vf. noch besonders an vier stellen nachzu- 
weisen, wo in V glosseme noch deutlicher erkennbar sind; näm- 
lich lug. 35, 10 fehlt in V ac vor multarum in Übereinstimmung 
mit Priscian ; lug. 31, 14 hat V idem cupere, P eadem cupere, 
während dies glied in Donatus' citat fehlt; da Cat. 52, 35 urbis 
in V fehlt, hält er mit Hertz auch intra moenia atque für ein- 
geschwärzt ; endlich wird Cat. 20 , 7 die lesart des V : boni 
atque strenui nobiles atque ignobiles gegen Jordans emendations- 
versuch nach P geschützt (s. ob. IV, p. 352). Zuletzt stellt der 
vf. diejenigen abweichungen in P und V einander gegenüber, 
wo die lesarten an sich gleich gut sind; bei diesen untersucht 
er, welche leichter als aus der andern entstanden nachgewiesen 
werden kann: wo die entsebeidung möglich, setzt er diese nach; 
wo sie unmöglich , bevorzugt er die vom Vaticanus gegebene. 
So geht er 31 stellen durch, und zwar folgende; Cat. 20, 2. 6, 
14; 35, 1. 6; 51, 9. 10; 52, 12. 36; 58, 21. lug. 14, 1. 3. 
9. 11. 12. 15. 24; 24, 2. 3. 10; 85, 2. 3. 11. 14. 23. 26. 
29. 30. 35. 39; 102, 8. Auch hier trifft Dieck mit Weinhold 
meist zusammen ; über einiges, was dieser kurz abgetban , ver- 
breitet sich jener einlässlicher, so über lug. 24, 2 : saepe vos ora- 
tum mitto mit V ohne ad vor vos; aber wenn auch zugegeben 
werden muss , dass Sallust das supinum mit einem objeetsaecu- 



364 193. Dictys. Nr. 7. 

sativ verbindet, so folgt dieses noch nicht notbwendig für diese 
stelle, da die Verbindung mittere ad so geläufig ist, und V der- 
gleichen kleine lücken hat; z. b. lug. 85, 3 simul ohne et, 102, 
8 prineipio ohne a, wo zwar mit unrecht der vf. gerade V 
folgt. Desgleichen sollte er lug. 85, 14 obiciuntur des V nicht 
dem obiectantur von PC vorziehen , da dieses sowohl sallustia- 
nisch als archaisch ist (vgl. Schultze 1. c. p. 67. 74), noch 14, 
24 emori dem mori. Endlich ist es mehr als gewagt Cat. 20, 
14 für illa illa ohne en einzustehen als lesart des V, da 
diese angäbe Jordan nicht hat ; aber wenn es sogar in V wirk- 
lich feblt, so möchte ich eher wie eben und anderswo eine 
kleine lücke voraussetzen, als es entbehren. 

Endlich wird die frage berührt der gemeinsamen quelle 
der beiden handschriften , mit rücksicht auf PV gemeinsame 
fehler; es lässt sich aber daraus nichts aufstellen, was den ar- 
chetypus einer genauer bestimmbaren zeit zuwiese, als den ersten 
Jahrhunderten nach Cbr. Wenn endlich der verf. noch aus 
Dietscb' apparat zwei in VP gleichlautende corruptelen anführt, 
wo Jordan schweigt, so ist um so weniger daraus etwas zu 
folgern, als P zwar lug. 31, 22 wirklich alterna hat (s. m. 
abh. de fide cod. Par. 1576 p. 1 n), aber Cat. 52, 36 bloss 
Vulturci, so auch V nach Forchhammers collation bei Linker. 
Wichtiger ist die folgerung aus der auch von Jordan u. a. 
aufgestellten vermuthung , dass die excerpten zu schulzwecken 
als musterbeispiele zur Übung in Stilistik und rhetorik angelegt 
worden : es sei dies eher eine gewähr für unverfälschtere Über- 
lieferung in V, zumal da spuren älterer Orthographie erhal- 
ten sind. 

H. Wz. 

193. Dictys Cretensis ephemeridos belli Troiani libri sex. 
Recognovit Ferdinandus Meister. 8. Lipsiae in aedibus 
B. G. Teubneri. MDCCCLXXII. XV & 154 pp. — 15 gr. 

Seit der umfassenden bearbeitung des Dictys von Dede- 
rich, welche vor vollen vierzig jähren erschien, ist nichts nen- 
nenswerthes für diesen autor geleistet worden. Eine neue re- 
cognition des textes war daher um so erwünschter, da Dede- 
rich kein reiches handschriftliches material zur Verfügung hatte. 
Aber auch der apparat, den Meister seiner arbeit zu gründe 



Nr. 7. 193. Dictys. 365 

legte, ist wenn auch zuverlässiger, so doch nicht bedeutend er- 
weitert, so dass die frage nahe liegt, ob denn der neue her- 
ausgeber sich in Paris, Leyden, in der Vaticana und sonst nach 
anderen handschriften umgesehen und nichts gefunden hat, 
worüber man gern eine andeutuug in den prolegomenen läse, 
oder ob er mit den nächsten besten Codices sich begnügend eine 
auf diese sich beschränkende constituierung des textes bei ei- 
nem scbriftsteller letzten rauges für hinreichend erachtet hat. 
Scharfe bestimmtheit aber ist überhaupt den inhaltvollen mit- 
theilungen des editors in seiner einleitung nicht gerade nach- 
zurühmen. In kurzen andeutungen weist diese zunächst auf 
die haupttheile der ephemeris hin, welche in den ersten fünf 
biichern das bellum Troianum erzählt, während das sechste buch 
eine compendiöbe erzählung der idrsTOL enthält. Vorausgeschickt 
ist dem werke ein prologus und diesem eine im ganzen densel- 
ben inhalt darbietende, in einzelheiten aber mehrfach abwei- 
chende Epistola L. Septimii ad Q. Aradium Rufum, welche jedoch 
gerade in der besten handschrift fehlt. Diese namen könnten 
einen anhaltspunkt für die ansetzung des vorliegenden werkes 
ins vierte Jahrhundert unserer Zeitrechnung abgeben, wenn nicht 
mit Mercier die epistola für ein späteres duplicat des prologus 
zu halten wäre. Hiefür entscheidet sich wenigstens der ber- 
ausgeber gegen Perizonius. Bedenken bleiben freilich immer- 
hin; denn manches im prologus sieht doch eher einer Verbesse- 
rung der epistola ähnlich, wie wenn jener ausführt: terrae mo- 
tus facti cum multa, tum etiam sepulchrum Dictys ita patefecerunt, 
während die epistola einfach von conlapso per vetustatem sepulchro 
spricht. Auch steht ein punkt des prologus mit einer angäbe 
des ersten buches im Widerspruch, nemlich die erzählung, dass 
das werk ursprünglich in punischer spräche verfasst und erst 
auf befehl des Nero in Graecum sermonem übersetzt worden sei, 
während I, 16 nur von punischer schrift die rede ist, in 
welcher der griechische name Agamemnon aufgezeichnet wurde. 
Die epistola vermeidet diesen Widerspruch, indem sie zwar ähn- 
lich wie der prologus von litteris Punicis spricht, aber nicht von 
einer griechischen Übersetzung, sondern nur von einer Umschrei- 
bung litteris Atticis redet und ausdrücklich beifügt : nam oratio 
Graeca fuerat. Eine entscheidung ist hier schwierig. In der 
Würdigung der ephemeris selbst aber hat Meister unzweifel- 



366 193. Dictys. Nr. 7. 

haft der richtigen ansieht sich angeschlossen, indem er sich für 
die annähme entscheidet, dass das vorliegende werk ursprüng- 
lich lateiuisch abgefasst war, worauf die mit gesuchten archais- 
men und poetischen floskeln ausgestattete spräche, sowie die 
nicht auf phraseologie allein beschränkte, sondern auf die ge- 
danken selbst ausgedehnte nachahmung des Sallustius deutlich 
hinweist. Schon Vossius (de hist. latinis) hat sich dahin ausge- 
sprochen und bestimmter noch Mercerius (ed. 1618) mit den 
Worten : multa indicia sunt, Latine scripsisse nostrum, non ex Graeco 
vertisse, et habere a Graecis ti\v vXijv , a Latinis multas dictiones 
expressas, praeeipue a Sallustio. Auch die griechische wieder- 
gäbe einzelner partieen aus Dictys bei Joannes Malalas zeigt, 
dass den Byzantinern ein lateinischer text vorlag. Der angäbe 
des werkes , das sich ausdrücklich für eine Übertragung aus 
dem griechischen ausgibt, was noch theilweise in den neuesten 
handbüchern der literaturgeschichte gläubig berichtet wird, ist 
also nicht mehr glaube beizumessen als der anderen mitthei- 
lung, das der Verfasser Dictys als genösse des Idomeneus persön- 
lich am trojanischen kriege theil genommen habe. 

Von den vier handschriften, deren collationen dem herausge- 
ber vorlagen , ist die älteste und beste ein Sangallensis s. XI 
(X?) , dessen lesarten (G) alle unter dem texte angegeben wer- 
den. Aus dem Bernensis s. XIII (B), der neben vielen verse- 
hen auch manche willkürliche lesart bietet, sind ausgewählte 
Varianten in der adnotatio mitgetheilt. Dasselbe verfahren ist 
auch bei dem Vratislaviensis s. XIII (V), soweit derselbe erhal- 
ten ist, und dem Berolinensis s. XIII (P) eingehalten worden. 
Einen Argentoratensis und einen sehr jungen Sangallensis kennt 
der herausgeber nur aus den ausgaben von Obrecht und Dede- 
rich. Natürlich haben auch die alten ausgaben , unter denen 
die von Mercerius weitaus die bedeutendste ist, beachtuug ge- 
funden. Zu gründe liegt dem texte Meisters codex G, mit 
welchem B verwandt erscheint; ebenso findet zwischen P und 
V eine nähere Verwandtschaft statt. Diese beiden handschrif- 
ten enthalten einen vielfach verbesserten text und sind darum hie 
und da mit nutzen, aber nie ohne die erwägung zu gebrauchen, 
dass ihre lesarten den werth von conjeeturen haben. Insbesondere 
ist in V manche emendation späterer gelehrten vorweggenommen; 
im zweiten buche z. b. findet sich bereits in V die besserung 



Nr. 7. 193. Dictys. 367 

von Vinding exceptam cap. 19, von Wopkens inconsulte 21, von 
Orelli iam iamque 26, von Perizonius paratus 31, von Obrecht 
mole sua 43 u. s. w. Der herausgeber hat selbstverständlich nur 
selten solchen lesarten eine stelle im texte gegönnt und ist 
auch sonst mit der aufnähme fremder und eigener vermuthun- 
gen sparsam gewesen. Neben etwa einem dutzend conjecturen 
des herausgebers zum ersten und zweiten buche, die in der ad- 
notatio mitgetheilt werden, sind nur wenige in den text gesetzt: 
I, 17 quis , 21 tri, 22 mare mit recht, während die schwere 
stelle II, 25 durch die änderungen des herausgebers nicht ge- 
heilt ist. Mangelhaft ist an der arbeit des herausgebers be- 
sonders die unter dem text fortlaufende adnotatio critica. Bei 
einem autor wie Dictys erscheint allerdings eine ausgewählte 
Variantenangabe aus den geringeren handschriften genügend, 
nicht aber eine lückenhafte und vielfach unklare , wie die der 
vorliegenden ausgäbe. Beispiele, aufs geradewohl herausgegrif- 
fen, mögen den beweis liefern: zu p. 3 v. 20 lautet die note: 
aiax GB, Mercerus : Oeax. Hier fragen wir notbwendig, wie in 
P steht. Gibt P Oeax, so musste das als eine stütze der auf- 
genommenen conjectur von Mercerus angemerkt werden; hat 
aber P Aiax , warum schreibt dann der herausgeber zu dieser 
lesart GB und nicht, wie er sonst zu thun pflegt, libri? — P. 
8, 17 an timore G 2 , vulgo poenarum metu. Was bedeutet vulgo? 
Ist darunter auch GiBP gemeint , so verlangen wir es zu wis- 
sen; sind aber nur die ausgaben zu verstehen, dann vermissen 
wir die angäbe der handschriftlichen lesart. — P. 13, 3 qui- 
bus et P om. G nos quis. Wie steht in B ? — Solche be- 
denken ergeben sich fast auf jeder seite. Und doch konnte 
diesen so leicht begegnet werden ; der geringe räum, der hiezu 
erforderlich scheint, hätte durch die beschränkung der sonsti- 
gen breite in der adnotatio unschwer sich gewinnen lassen. Zu 
p. 10, 31 ist angemerkt: Mer cerus non male proposuit et 
fera. Natürlich non male, sonst dürfte die conjectur gar nicht 
erwähnt werden. — P. 14, 13 Phalidis corr. P num rede, 
magnopere quaeritur. Wäre etwa weniger gesagt, wenn es 
hiesse: Phalidis Pf — p. 26, 26 ut quisque Vinding ius Jru- 
stra locum temptans. Wenn der herausgeber die conjectur 
unnütz findet, warum erwähnt er sie ? Die ganze note liess 
sich ersparen. Doch genug hierüber. 



368 193. Dictys. Nr. 7. 

Versuchen wir lieber selbst noch ein scberfleia zur emen- 
dation des Dictys beizutragen. Zweites buch cap. 2, 8 quod 

ei iam tum a parentibus coeptum cum eo societatis ius perseverabat. 
Auf a parentibus coeptum könnte sich iam beziehen; aber tum 
weist auf die beziehung zu perseverabat als die richtige hin. 
Man lese daher quod ei et iam tum . ., perseverabat. — 6, 7 hi 
. . . Aesculapii filios venire ac vulneri mederi iubent , quv inspecta 
cura propere apta dolori medicamina inponunt. Die argumente, 
wodurch Dederich die sonderbare Verbindung inspecta cura recht- 
fertigen will, sind nicht beweisend. Ich schlage vor : qui in- 
specto cura propera e. q. s. Zu inspecto ergänzt sich vulneri 
aus dem vorausgehenden; die vertauschung von propere und pro- 
pera findet sich in G auch cap. 17, 14. — 14, 26 sed Chry- 
ses . . . utriusque exercitus offensam metuens , quisque partium ad 
eum venerat, cum Ms se adiunctum esse simuldbat. Mag immerhin 
quisque bei Dictys für quicunque stehen können, so scheint doch 
der satz nicht lateinisch zu sein , wenn wir nicht vor quisque 
den ausfall eines relativums annehmen: quarum quisque par- 
tium ad eum venerat, cum his e. q. s. — 15, 18 igitur a cunctis 
Graecis veluti publicum funus eius crematum igni, aureo vasculo sepul- 
tum est. Unmöglich kann funus zugleich „leichenbegängniss", 
wie die Verbindung mit publicum fordert, und „leiche" bedeuten, 
worauf crematum und sepultum hinweisen. Es ist vielmehr zu 
lesen: igitur a cunctis Graecis — veluti publicum funus — cor- 
pus eius, crematum igni, aureo vasculo sepultum est: vgl. 2, 9 
idque (eius cruentum corpus) igni crematum, quod superfuerat, pa- 
trio more sepeliit. 32, 1 corpora suorum cremata igni sepeliunt. — 
17, 10 Ceterum Achilles haud contentus eorum, quae gesserat, Cili- 
cas aggreditur. Sonst findet sich contentus bei Dictys nicht mit 
dem genetiv construiert; sollte nicht auch hier der ablativ 
gloria vor Cilicas ausgefallen sein? — 20, 6 his actis fidem 
pacti, quod cum Polymestore intercesserat , traditumque Polydorum 
refert. In den vorausgehenden Sätzen sind TJlixes et Diomedee 
grammatisches und logisches subject; das pactum, auf welches 
hier angespielt wird, war in cap. 18. erzählt worden. Da ist 
es gewiss nicht einmal einem Dictys zuzutrauen , dass er das 
subject zu refert zu setzen unterlassen hätte. Ich setze daher 
den namen Aiax ein, wie es 18, 5 heisst; 7k'« actis Aiax. — 
24, 17 dein a circumstantibus refectus paulisper erigitur: atque 



Nr. 7. 194. Grammatiker. 369 

ire in consilium cupiens ab regulis cohibitus est. Es bedarf wohl 
nur einer andeutung, dass atqui ire zu lesen ist. — 26 , 23 
egregie hercules actum nobis est könnte nur im sinne von n£noay,~ 
7ia ijuiv, wie Perizonius wollte, verstanden werden. Da dies 
aber dem zusammenhange widerspricht, so ist wohl actum de 
nobis est zu schreiben. — 33, 27 dein perfecto sacrificio paula- 
tim vis mali leniri visa, neque amplius adtemptari corpora et eo- 
rum qui antea fatigabantur tamquam sperato divinitus levamine re- 
laxari. Muss nicht, wenn divinitus bedeutung gewinnen soll, 
tamquam ins p er ato divinitus levamine gelesen werden? Vgl. I, 
20, 22 insperabile cunctis remedium. — 46, 27 dein reliqui duces, 
ut quisque locum ceperat , caedere singulos et ubi conferti steterant, 
bini aut amplius congregati impetu suo dissolvere. Der gegensatz 
von ubi conferti steterant und singulos zwingt uns zu der an- 
nähme , dass auch bini aut amplius congregati seinen gegensatz 
im vorausgehenden gehabt habe. Dictys hat wahrscheinlich 
geschrieben: caedere singuli singiäos. — 47, 6 Troiani ex muris 
respectantes. Längst ist vermuthet worden: despectantes ; es 
scheint aber richtiger rem spectantes zu lesen. 

Es übrigt noch die bemerkung, dass Meister seiner ausgäbe 
einen Index latinitatis p. 114 — 137 und einen Index nominum et 
verum p. 138 — 154 beigefügt hat, wofür ihm in Dederichs ausgäbe 
trefflich vorgearbeitet war. Der druck der ausgäbe ist leider 
nicht ganz correct ; wir verbessern beispielsweise auf den ersten 
Seiten: p. 1, 5 vetustatem ; 2, 3 litterarum; 8, 4 genuisse; 8, 30 
aderant. In den noten ist p. 4, 2 in, p. 9, 8 gratia irrthüm- 
lich cursiv gedruckt. 

194. He'nrici Keilii quaestionum grammaticarum p. 
III. De Marii Plotii Sacerdotis libro de metris. Im Index 
scholarum in universitate Halensi per hiemem a. 1872/73 ha- 
bendarum. 11 s. 4. 

Der vf. erörtert zunächst das verhält niss der unter dem na- 
men des Marina Plotius Sacerdos überlieferten metrik zu den 
zwei büchern M. Claudii Sacerdotis artium grammaticarum, in- 
dem er die Zusammengehörigkeit dieser grammatischen Schrif- 
ten als durch die neueren Untersuchungen über den gegenständ 
festgestellt bezeichnet, diese Untersuchungen aber durch eine ein- 
gehende behandlung einer seiner ansieht nach für die frage 
Philol. Anz. V. 24 



370 194. Grammatiker. Nr. 7. 

sebr in betracht kommenden, aber bisber entweder gar nicbt oder 
docb nicht binreicbend in dieser beziehung gewürdigten stelle auf 
p. 30 der Wiener Analecta grammatica (Claud. Sac. I, §. 101) 
ergänzen will. Ref. batte diese stelle in seiner schritt de Probis 
grammaticis desshalb nicht berücksichtigt, weil ihm ihre Überlie- 
ferung eine zu wenig sichere zu sein schien, als dass man aus 
ihr für oder wider die Zusammengehörigkeit der zwei bücher 
artium grammaticarum mit der metrik folgernngen ziehen könne. 
Denn wie der vf. die ähnlichkeit des an der stelle angeführten 
griechischen beispiels övog ovog äns&uve tivi iivi {tavaicp mit 
dem lateinischen in der metrik c. 6, 7 p. 283 Gaisf. und die 
Übereinstimmung des über die anwendung eines proceleusmaticus 
statt eines dactylus gesagten mit p. 300 f. der metrik betont, 
so könnte man auf der andern seite hervorheben, dass, was 
von der anwendung eines anapaestus in metro proceleusmatico, ubi 
omnes breves esse debent, gesagt wird, wenig mit der theorie der 
metrik übereinstimmt , wonach das metrum proceleusmaticum nur 
eine Spielart des anajoaesticum ist (c. 2, 5 und c. 6), und dem 
vf. weiter entgegenhalten , dass der metriker Sacerdos doch 
kaum, wie er ihn thun lässt, den nach seiner ansieht ganz le- 
gitimen anapaest am ende des verses oiog .... Qavdr^ (c. 6, 7) 
in eine linie hat stellen können mit dem von ihm angenomme- 
nen asynartetischen gebrauch eines proceleusmaticus im daetylischen 
metrum. Hielt aber ref. die stelle schon früher für äusserst 
bedenklich, so hat er nunmehr die Überzeugung gewonnen, dass 
der grösste tbeil von §. 101, der ganze abschnitt Sed hi versus 
.... positis eine interpolation ist. Der grammatiker handelt 
in §. 101 von der eetasis, der Verlängerung kurzer silben metri 
causa, nachdem er in §. 100 von der entgegengesetzten er- 
scheinung, der Systole, gesprochen hat. So wenig nuu in §. 
100, wo nur der begriff der Systole bestimmt und ein beispiel 
dafür gegeben wird, etwas vermisst wird, ebensowenig waren 
§. 101 nach bestimmung des begriffs der eetasis und anführung 
zweier beispiele weitere erörterungen nöthig. Und der anfang 
der auf die beispiele folgenden auseinaudersetzung gibt sich schon 
durch die ihn einleitende partikel sed als von jemand herrührend 
zu erkennen, der anderer ansieht war als Sacerdos, wie denn auch 
in der that eine ganz verschiedene auffassung folgt, welche die nach 
Sacerdos metri causa verlängerten kürzen für einfache kürzen 



Nr. 7. 194. Gramm atik er. 371 

nimmt und die verse als nicht prosodisch, sondern metrisch eigen- 
thümlich, als atit£<paXoi ansieht, wobei übersehen wird, dass sich 
die erscheinung, von der die rede ist, durchaus nicht bloss am 
anfang eines verses findet. In den weiter folgenden sätzen 
werden andere metrische, nicht prosodische erscheinungen her- 
angezogen. Ausserdem spricht auch der äusserst verwirrte zu- 
stand dieser sätze, den der vf. durch gewiss in allem wesent- 
lichen richtige abänderungsvorschläge zu beseitigen sucht , für 
die annähme einer interpolation, wie auch der oben nachgewie- 
sene mangel vollständiger Übereinstimmung des hier gesagten 
mit der metrik sich sehr einfach erkiärt, wenn wir annehmen, 
dass wir es hier nicht mit dem grammatiker selbst, sondern 
mit vom rande in den text geralhf j nen bemerkungen eines an- 
dern, der die metrik kannte, zu thun haben. 

P. iv f. handelt der vf. von dem verschieden überlieferten 
namen des grammatikers. Er entscheidet sich für die Überlie- 
ferung der handschriften der metrik Marius Plotius Sacerdos. 
Wenn sich der vf. dabei auf den vers : Non me Musarum comi- 
tem Marium non laudo , der in der metrik c. 3, 13, p. 252 
als beispiel angeführt wird, stützt, so kann sich ref. von der 
beweiskraft dieses verses nicht überzeugen, da er bei einem 
grammatiker, der einen seiner namen so häufig anwendet und 
berücksichtigt, einen einmaligen gebrauch eines andern unwahr- 
scheinlich finden muss. Sollte nicht eine beziehung zu Verg. 
Ecl. IX, 35 f. anzunehmen und V avium für Marium zu schrei- 
ben sein? Für Musarum comitem ist Verg. Aen. IX, 775 zu 
vergleichen. 

Von p. v bis p. x beschäftigt sich der vf. mit den zum 
theil von dem grammatiker selbst gebildeten griechischen und 
lateinischen versen , welche im dritten buch des Sacerdos als 
beispiele der einzelnen versarten dienen. Zunächst werden hier 
aus zwei leydener handschriften emendationsvorschläge Jos. Sca- 
ligers zu den von den abschreibern arg mitgenommeneu grie- 
chischen beispielen mitgetheilt. Hieran schliesst sich eine aus- 
führliche erörteruug der mannigfachen Verstösse gegen die me- 
trischen gesetze, welche sich besonders in den lateinischen bei- 
spielen finden. Der vf. hätte hierbei den §. 84 des ersten 
buchs, der von der synaloephe handelt, und den abschnitt de 
structuris am ende des zweiten bucli3 mit grossem nutzen her- 

25* 



372 195. Griechische alterthümer. Nr. 1. 

anziehen können. Wenn er p. vn f. und x an der stelle c. 3, 
7, p. 250 nicht mit L. Müller im Rh. Museum bd. 27, p. 284 
f. eine interpolatioo annimmt, sondern dem grammatiker selbst 
eine molossische messung der worte fecit et bei folgendem vo- 
cal zutrauen zu können glaubt, so wird man den zahlreichen 
fällen nicht viel weniger schlimmer art gegenüber schwerlich 
umhin können, ihm beizustimmen. 

Der vf. schliesst seine abhandlung mit dem nachweis, dass 
Sacerdos in seiner metrik öfter in versen redet, als die heraus- 
geber bemerkt haben. Ref. glaubt, dass der grammatiker auch 
seine letzten sätze über das iambische, ionische und paeouische 
metrum als verse hat angesehen wissen wollen. 

J. Steup. 

195. Die festzeit der attischen Dionysien. Von Otto Gil- 
bert. Göttingen, Vandenhoeck und Ruprechts Verlag. 1872. 
gr. 8. IV. 176 s. — 1 thlr. 

Ausser den grossen städtischen Dionysien , deren festzeit 
im elapbebolion feststeht, unterscheidet man gewöhnlich drei 
bedeutendere Dionysosfeste in Attika: die ländlichen Dionysien, 
abgehalten an verschiedenen tagen des Poseideon in den einzel- 
nen demen, ferner die Lenäen im gamelion , endlich vom 11 — 
13 anthesterion die Anthesterien , bestehen aus den Pithoigia, 
Choes und Chytroi. Dieser von Böckh Abhandl. d. Berl. Akad. 
1816 — 17 begründeten auffassung tritt der vf. obengenannter 
Schrift entgegen und sucht zu erweisen, dass die Lenäen nur 
ein theil oder eine andere benennung der Anthesterien , diese 
selbst aber ursprünglich das demosfest des ältesten Athen, und 
somit von den ländlichen Dionysien im gründe nicht verschie- 
den gewesen seien. Dem entsprechend verlegt er die dramati- 
schen darstellungen der Lenäen auf den tag der Chytroi, wel- 
cher früher mit dem der Choes (12. anthesterion) zusammen- 
gefallen sei; die ländlichen Dionysien werden von ihm in den 
gamelion und das erste drittel des anthesterion gesetzt. 

An den zahlreichen und bestimmten Zeugnissen , welche 
Böckh für seine Unterscheidung und anordnung der genannten 
feste beibringt, hat vf. ihr, im vergleich mit Aristophanes und 
Thukydides, welche gegen dieselben sprechen sollen, spätes Zeit- 
alter auszusetzen; lässt aber unerklärt, wie es kommt, daßs so 



Nr. 7. 195. Griechische alterthümer. 373 

viele Schriftsteller aus einer zeit, in welcher religion und cul- 
tus der Athener noch keine wesentlichen änderungen erlitten hat- 
ten, über wichtige und allgemein bekannte feste der berühmtesten 
hellenischen stadt übereinstimmend irren. Er beginnt die dar- 
legung seiner eignen ansieht mit einer breiten , hie und da in 
abenteuerlichen behauptungen sich ergehenden auseinanderse- 
tzung über Hesiods lenaion (Op. et D. 502 ff., dort als ein grim- 
mig kalter monat geschildert) und kommt schliesslich zu dem 
richtigen, wenn auch nicht eben neuen ergebniss, dass derselbe 
dem attischen gamelion entspreche. Er gibt daher Böckh zu, 
dass die Lenäen eigentlich dem gamelion angehörten, aber nur 
für die früheste zeit. Die bekannte vermuthung, dass dieser 
monat auch in Attika früher, wie bei den Ioniern fortdauernd, 
lenaion geheissen habe, nimmt er, gegen seine gewohnheit, 
ohne weitere begründung als festgestellte thatsache und erkennt 
in der umnennung, welche den namen gamelion an die stelle 
des lenaion gesetzt habe , einen bestimmten beweis dafür, dass 
gleichzeitig mit ihr die Lenäen aus diesem monat weg (in den 
anthesterion) verlegt worden seien. Wie wenig triftig dieser 
beweis ist, lehrt der umstand, dass auch der erste attische mo- 
nat seinen namen (aus kronion in hekatombaion) verändert, 
das Kronienfest aber trotzdem seinen platz in demselben be- 
halten hat. Noch schlimmer für die ansieht des vf. von der 
identität der Anthesterien und Lenäen ist, dass in dem ioni- 
schen kalender allezeit die monate poseideon, lenaion und an- 
thesterion auf einander gefolgt 6ind : worin doch allein schon 
die grundverschiedenheit der beiden feste ausgesprochen und 
zugleich ein dem thukydideischen an alter mindestens gleich- 
stehendes zeugniss enthalten ist. Der vf. schweigt hierüber 
ebenso wie über die Verlegenheit, welche der name des monats 
anthesterion bei seiner ansieht, dass die mit den Anthesterien 
identischen Lenäen ursprünglich dem gamelion- lenaion ange- 
hört haben, verursachen muss. 

Die schon berührte äusseruug des Thukydides steht 2, 15: 
to iv ACpvais Aiqvvgov [isqov), qj t« ag^aiorega /Jiovvata tri 
dcodexärri noistrai iv fMjn 'Av9&arriQimvi. Hier bezieht der vf. 
das pronomen <w sprach - und sinnwidrig auf legov 6tatt auf 
/Jiorvöov und kommt dadurch zu allerlei grundlosen behauptun- 
gen. Zuzugeben ist, dass die zweizahl, welche der comparativ 



374 195. Griechische alterthümer. Nr. 7. 

voraussetzt, sich schön erklären würde , wenn neben den gro- 
ssen Dionysien des elaphebolion nur noch ein, bald Anthesteria 
bald Lenaia genanntes, städtisches Dionysosfest bestanden hätte; 
diese deutung verträgt sich aber mit allem , was wir sonst in 
dieser sache wissen, nicht und es ist noch mehr als eine erklä- 
rung des agiaiönga neben ihr möglich, z. b. die bisher ange- 
nommene, welche jedenfalls mit den thatsachen im besten ein- 
klang ist, vgl. Hermann GA. §. 57 ; 26. Die Anthesterien (ftia- 
qu) rj/ifgai (, anoqi(jä8t<;) gelten dem finstern cult des chthonischen 
Dionysos, die Lenäen dagegen dem des weingottes. Diesen 
seiner doctrin verderblichen unterschied möchte der vf. dadurch 
aus dem wege räumen, dass er Arminia von lijpoi sarg ableitet; 
aber in der zurückführung der Lenäen und des Dionysos Lenaios 
auf Irjvng kelter stimmt das ganze alterthum überein und die Grie- 
chen mussten doch wohl selbst am besten wissen, ob sie in 
letzterem den chthonischen oder den keltergott verehren. 

In den Acharnern des Aristophanes spielt die handlung 
zuerst an den ländlichen Dionysien, dann an den zwei monate 
späteren Choes, hat also wie von Böckh und allgemein ange- 
nommen wird, keine zeitliche eiuheit. Der vf. postulirt örtliche 
und zeitliche einheit und sucht die stärksten fälle einer abwei- 
chung durch besondere erklärungen von der hier geschehenen zu 
unterscheiden; die noch ärgere Störung der illusion , die ab- 
weichung von der einheit der person und des aktes in v. 1150, 
wo Dikaiopolis sich in den dichter Aristophanes verwandelt, 
und 504, wo von der aufführung des Stückes an den Lenäen die 
rede ist, beirrt ihn so wenig, dass er hierin sogar einen beweis 
von der identität der Anthesterien und Lenäen zu erkennen 
im stände ist. Entblödet er sich doch auch nicht, von v. 268 
is tov 57jfiov iXdwv die Übersetzung: „auf dem wege nach dem 
demos" zu geben, durch welche er den einwand, dass auch die 
örtliche einheit nicht festgehalten ist, beseitigt glaubt. 

Die gebotene rücksicht auf den räum erlaubt uns nicht, 
auf alle vom vf. behandelten stellen einzugehen und die bemü- 
hungen, welche er aufbietet, um dieselben seiner hypothese gefügig 
zu machen, zu beleuchten ; es mag genügen , einiges hervorzu- 
heben, das sich kurz abmachen lässt. Bei den folgerungen, 
welche p. 145 ff. durch vergleichung der Inschrift C. I. 145 
mit Rang. 842 gewonnen werden, ist ein wichtiger factor , die 



Nr. 7. 195. Griechische alterthümer. 375 

bedeutung der präpositiou in den Worten nagd (ivarygCcov xal 
TtXez&v ganz ausser acht gelassen; p. 143 wird das fehlen der 
Anthesterien neben den Lenäen bei Deraosth. Mid. 4 als ein be- 
weis der identität beider angesehen, da gerade von den Anthe- 
sterien es feststehe, dass an ihnen niemand habe verhaftet wer- 
den dürfen, der text (,u/} i^ttvai fA,i'jie ivsyvgdaat fxijzs Xafißdvsiv 
sregov hnjov fjijSe röJv vnegtjfAfQCov iv zavzuig zaig i/fAsgaig) spricht 
aber gar nicht von Verhaftungen. Dieselbe beobachtung und 
dieselbe schlussfolgerurig wird p. 142 auf Pollux VIII, 90 ö ßaai- 
Xsvg fivazriQicov ngot'orrjxe (aszu zwv inifitXijräv xul Arjvaicov aai 
uycöt'tav vüv inl Xafijtddi, aal rd tisqI zag nazglovg üvatag 8101- 
jccf, angewendet, ohne zu berücksichtigen, dass die Anthesterien 
in den zuletzt angeführten worten enthalten sein können. Zum 
beweis, dass an den Choes dramatische aufführungen stattfan- 
den, dient dem vf. auch die angäbe der Vita Sophoclis: KaX- 
XmniÖtjv vnoxgtztjv dno igyaaiug i^Onovvzog qxovza naga zovg 
Xöag ntfAipixi avrm azayvXrjv, denn Kallippides, ein Schauspieler 
von beruf, sei nicht zu seinem vergnügen nach Athen gekom- 
men. Was alles der spräche, den texten und der geschichte 
in unsrer schrift zugemuthet wird, zeigen beispiele wie p. 112 
die annähme eines wortes tvXsxzoi = sgia, p. 85 die deutung 
von Liban. Ep. 1133 zgvytjzov yavivzog auf die frühlingszeit, p. 
158 die conjectur zyg a'qg (statt yditjß) öuoXoyiag Alciphr. Ep. 
II, 3, p. 124 die annähme, dass der redner Lykurg, dessen po- 
litische Wirksamkeit in den letzten jähren des k. Philipp be- 
gann, kurz vor 368 die dramatischen Vorstellungen der Lenäen 
(soll heissen der Chytroi) wieder eingeführt habe. 

Doch fehlt es auch nicht an treffenden beobachtungen, vgl. 
p. 111 das über die bedeutung von Xomov bei spätem Schrift- 
stellern gesagte, p. 39 die Widerlegung der deutung kufe, wel- 
che A. Mommsen von Xrjvog gegeben hat, p. 118 und 165 den 
nachweis der benennung /tiovvaia für die Anthesterien bei Ari- 
ßtophanes und Philostratos (nur dürfen die von letzterem Vit. 
Apollon. 4, 21 geschilderten dramatischen aufführungen nicht 
für identification der Anthesterien und Lenäen benutzt werden, 
es sind abermals die Xvzgwoi dyävtg gemeint), p. 164 die an- 
setzung der Peiraia im gamelion, woraus jedoch, da diese iu 
einem ordentlichen theater und überhaupt in der weise der stä- 
dtischen spiele gegeben wurden, kein schluss auf feier der ländli- 



376 196. Virgilius im mittelalter. Nr. 7. 

chen Dionysien in jenem monat gezogen werden kann. Diese 
und andere ausführ ungen zeigen, dass der vf. auch in der haupt- 
sache besseres hätte liefern können : dunkelheiten bietet die 
materie noch genug, welche ein eindringendes Studium lohnen; 
besonders in betreff der cultuslocale enthält die seit Böckh herr- 
schende bebandlung dieses themas sehr anfechtbare sätze, wel- 
che festgehalten und, wie das p. 101 ff. geschehen ist, bis in ihre 
letzten consequenzen verfolgt, allerdings leicht zum rückfall in 
die alte confusion der Dionysosfeste verführen können. 

Fg. 

196. Virgilio nel Medio Evo per D. Comparetti. 2 voll. 
8. Livorno. 1872. 

Von diesem bedeutenden werke des bekannten italienischen 
gelehrten werden ohne zweitel die deutschen kritiker, die ihre 
besondern Studien auf das mittelalter gerichtet haben, gelegent- 
lich ausführlicher sprechen. Dennoch sei es erlaubt, auch hier 
dem deutschen publicum einen kurzen bericht über den inhalt 
desselben zu geben. Es scheint dies um so nützlicher zu sein, 
da das buch den schlagendsten beweis liefert, wie ein Italiener 
sich alle die resultate der ausländischen, besonders der deut- 
schen forschung zu eigen machen kann, ohne deshalb aufzuhö- 
ren, ein selbständig denkender köpf zu sein. 

Comparetti's werk besteht aus zwei scharf geschiedenen 
theilen: im ersten wird die literarische Überlieferung Virgil's 
von der zeit des dichters selbst bis zur „göttlichen komödie u 
und zum „Dolopathos" sorgfältig auseinandergesetzt; im zwei- 
ten wird Virgil als held der volkstümlichen sage ins äuge ge- 
fasst, und für das erste mal eine kritisch genügende darstel- 
lung der historischen entwickelung der wunderlichsten legen- 
den versucht und glücklich ausgeführt. Das hauptverdienst 
des Verfassers ist nach meiner ansieht die immer scharfsinnig 
durchgeführte Scheidung der literarischen und volksthümlichen 
elemente in der Virgilssage, worauf die eintheilung des buches 
beruht. Gegen den ersten theil , welcher der geschichte der 
berühmtheit Virgils namentlich in den schulen aber auch bei 
gebildeten Privatleuten gewidmet ist, wird man wahrscheinlich 
etwas einwenden, was vielleicht nicht als ganz unbegründet be- 
trachtet werden könnte. Man wird nämlich finden, dass Com- 



Nr. 7. 196. Virgilius im mittelalter. 377 

paretti zu weit ausholt, wenn er uns eine vollständige ge- 
schiente der ideen und urtheile über Yirgils werke, besonders 
über die Aeneis, in der besten kaiserzeit, ja sogar von der zeit 
des dichters selbst an, vor äugen stellt. Das hat aber der vf. 
selber vorhergesehen und mit triftigen gründen begründet (vorr. 
p. xi ff.) ; und wenn man auch den werth seiner gründe nicht 
anerkennen wollte, so müsste man doch zugeben, dass die 
neueren Schriftsteller nur selten auf so verzeihliche weise die 
gränzen des vom titel angedeuteten inhaltes überschritten haben. 
Man muss sich sogar sehr freuen, dass der vf. durch diesen 
umsehweif, wenn man einige dieser werthvollen capitel so nen- 
nen darf, veranlasst worden ist, die bedeutung der Aeneis als 
dichterische Schöpfung und nationalepos näher zu bestimmen., 
Heutzutage siud die meisten sehr geneigt, ja es ist gewisser- 
massen arge modesache, die römischen poetischen produkte 
möglichst gering zu schätzen , was eben deswegen berechtigt 
erscheint, weil man die gewandtheit hat, griechische muster in 
vergleich zu bringen. Freilich ist es keine schwierige aufgäbe, 
sonnenklar zu zeigen , wie eine solche methode allen festen 
grundes entbehre, indem es aller Vernunft entbehrt, wenn einige 
kritiker von den römischen dichtem im allgemeinen und beson- 
ders von Virgil eine derartige Originalität verlangen , wie sie 
Homer und die homerischen dichtungen besitzen. Auf diese 
weise lässt sich das virgilianische epos ohne grossen aufwand 
von gelebrsamkeit herabsetzen, ja, wenn man will, als eine fal- 
sche dichtungsgattung betrachten. Das hat aber mit dem Ver- 
dienste des dichters so gut wie gar nichts zu thun ; sonst 
müsste man unsrem Virgil den umstand zurechnen wollen, 
nicht in Griechenland zu homerischen zeiten geboren zu sein. 
Wenn man dagegen, wie Comparetti richtig thut , vom dichter 
nur das verlangt, was er durch das höchst denkbare poetische 
talent dem geist seiner zeit und seiner nation gemäss leisten 
konnte, dann muss man auch Comparetti's begeisterung für 
Virgil billigen und mit ihm erkennen, dieser sei der einzige ge- 
wesen, der ein kunstepos zu hinterlassen vermochte, welches als 
nationalepos zu gelten verdiente, und als musterhafte dichtung 
die bewunderung jedes geistreichen kopfes anzuregen wusste. Ich 
versuche den schluss des ersten capitels zu übersetzen, wo eben der 
vf. in sehr gedrängter weise darüber sich ausspricht (I, p. 19 ff.): 



378 196. Vergilius in mittelalter. Nr. 7. 

„Eine affectirt strenge, eigensinnige, paradoxe und einge- 
nommene kritik mag über diesen grossen dichter, so gut wie 
über viele andre grosse römische schriftsteiler, sagen was sie will. 
Wenn sie irrt, desto schlimmer für sie. Schwerlich wird die 
Wissenschaft die excesse solcher geistigen reactionen vergeben 
können, ob sie gleich dem wissenschaftlichen fortschritt gehol- 
fen haben mögen. Das werk Virgils , in seiner art und seinen 
historischen gründen nach , wie es gehörig ist, betrachtet , ist 
und wird immer ein grosses denkmal bleiben , welches weder 
vorher noch nachher seines gleichen hatte; begründet ist die 
begeisterung, wozu es alle gebildeten geister, von den niedrig- 
sten bis zu den grössten, anregte. Nachahmer ist Virgil nur in 
nebensachen, und aueh als solcher ist er gross; nachahmer ist 
er, weil er es sein musste, weil keine geniekraft zu seiner zeit 
einer solchen bedingung ausweichen konnte. Eine völlige 
emancipation von alle dem, was die immer noch sehr lebendi- 
gen griechischen Schöpfungen auferlegten, war eine sache , die 
niemand wünschte, niemand wollte, und die als eine unförm- 
liche und unbegreifl liehe anomalität mit Unwillen aufgenom- 
men worden wäre. Nicht in jedem moraente und zustande des 
menschlichen geistes können die wege des genies frei sein. 
Trotzdem offenbart es sich doch jedermann, welcher sich nicht 
die äugen zuhält, um es nicht zu sehen; man darf es nicht 
verkennen und nicht , wie es bei Virgil der fall gewesen ist, 
mit der verachtenden benennung „Virtuosität" verkleinern. Der 
natur, den elementen, dem ganz speciellen zweck seines werkes 
gemäss arbeitete Virgil in einem von der homerischen dichtung 
so verschiedenen gebiete , dass sein dem zweck angemessenes 
epos eine wirkliche „Schöpfung" ist. Eine gewisse dosis 
von hellenismus steckte im römischen leben, und folglich auch 
im dichter, welcher untreu gewesen wäre , hätte er sie in sei- 
nem gedieht nicht repräseutirt : aber der erste und tiefste cha- 
racter Virgils besteht darin , dass er , wie Petronius ihn mit 
rechter erkenntniss nennt, wesentlich Romanus war". 

Natürlich werden die leser, die über Virgil anders urthei- 
len, durch diese wenige Schlussworte nicht überzeugt werden: 
aber ich würde mich freuen, wenn sie als anregung dienten, 
das ganze buch durchzulesen. 

Aus dem ersten theile will ich noch zwei capitel beson- 



Nr. 7, Neue auflagen. 379 

ders hervorheben, und zwar diejenigen, worin die von Vir- 
gil in der „göttlichen komödie" gespielte rolle auf streng hi- 
storischem wege auseinandergesetzt wird. Gelehrte und dilet- 
tanten hatten sich freilich bemüht, diesen oder jenen zug 
der grossen persönlichkeit Virgils zu betonen, um die le- 
ser von der Wichtigkeit seiner erscheinung bei Dante zu 
überzeugen. Niemand hatte aber bisher die rechte saite 
getroffen, so dass Virgil allen nur durch seine poetisch • rhe- 
torischen mittel zu glänzen schien , die rein sache der äusse- 
ren form sind und der eigentlichen wahren poesie fern stehen. 
Nach den besten darstellungen erschien der Dante'sche Virgil 
als etwas äusseres, von der literarischen oder volkstümlichen 
tradition auferlegtes. Comparetti hat zum ersten mal seine 
tiefe bedeutung nachgewiesen und zugleich ein belebtes bild 
desselben jedem gebildeten leser vor äugen gestellt. Durch 
Comparetti's darstellung finden wir endlich diese wähl des Vir- 
gil zum „fuhrer" dem grossen dichterischen und poetisch - re- 
ligiösen zweck Dante's angemessen; so dass auch in dieser be- 
ziehung unsre bewunderung für den göttlichen dichter gerecht- 
fertigt wird, den die Vaterlandsliebe, und die erhabene Vorstel- 
lung eines römischen reichs zum sänger der Aeneiden zurück- 
führten. 

Girolarno Vitelli. 

Neue auflagen. 

197. Herodotos. Für den schulgebrauch erklärt von K. Abicht. 
3. bd. 2. aufl. 8. Leipzig. Teubner; 18 ngr. — 198. Xenophons 
Anabasis. Für den schulgebrauch erklärt von F. Vollbrecht. 1. bdch. 
8. Leipzig. Teubner; 15 ngr. — 199. Horaz sämmtliche werke. Text 
nebst metrischer Übersetzung, ausgewählt von Th. Obbarius. 3. aufl. 
2. thl. 16. Paderborn. Schöningh; 15 ngr. — 200. Tacitus Annalen. 
Schulausgabe von A. Dräger. 1. bd. 2. aufl. 8. Leipzig. Teubner; 
24 ngr. — 201. Cicero de oratore. Für den schulgebrauch erklärt 
von K. W. Piderit. 4. aufl. 8. Leipzig. Teubner; 1 thlr. 12 ngr. 
(wir heben gleich hier aus der vorrede dieser von neuem sorgfältig 
durchgesehenen und verbesserten aufläge die äusserung des vfs her- 
vor, dass diese schrift Cicero's sich zwar vorzugsweise für die lectüre 
in der prima der gymnasien sich eigne, aber auch den realschulen 
zu empfehlen sei). — 202. Römische prosaiker in Übersetzungen. 
Cornelius Nepos. 5. aufl. gr. 16. Stuttgart. Metzler; 8 ngr. — 203. 
Fr. Lilbkers Reallexikon des classischen alterthums. 4. aufl. Herausg. 
von F. A. Eckstein. 1. abthl. 8. Leipzig. Teubner; 1 thlr. — 204. 
A. Schäfer, abriss der quellenkunde der griechischen geschichte bis 
auf Polybios. 2. aufl. 8. Leipzig. Teubner; 20 ngr. — 205. G. 
Hannak, lehrbuch der geschichte des alterthums. 2. aufl. 8. Wien. 



380 Schulbücher. — Bibliographie. Nr. 7. 

Beck; 14 gr. — 206. R. v. Ihering , Geist des römischen rechts auf 
den verschiedeneu stufen seiner entwicklung. 1. thl. 3. aufl. 8. 
Leipzig. Breitk. u. Härtel; 3 thlr. — 207. W. Hoffmann, der zustand 
des weiblichen geschlechts in der heidenweit. 3. aufl. 8. Heidel- 
berg. Winter; 16 ngr. — 208. G. Wattenbach, Deutschlands geschichts- 
quellen im mittelalter. 1. bd. 3. aufl. 8. Berlin. Besser; 2 thlr. 



Neue Schulbücher. 

209. J. Zürcher, die sünden der modernen schule und ihre be- 
ziehungen zum leben des schülers. 8. Aarau. Christen; 8 ngr. — 
210. V. Hintner, griechisches elementarbuch zunächst f. d. dritte und 
vierte classe der gymnasien 8. Wien. Beck; 22 ngr. — 211. Freund, 
tafeln der römischen literaturgescbichte. gr. fol. Leipzig. Violet; 
5 ngr. — 212. V. Hintner, kleines Wörterbuch der lateinischen ety- 
mologie. 8. Brixen. Theol. verlagsanstalt ; 1 thlr. 10 ngr. — 213. 
H. O. Simon, aufgaben zum übersetzen in das lateinische für sexta 
und quinta. 4. aufl. 8. Berlin. Dümmler ; 77 2 g r - — 214. F. 
Schultz, aufgabensammlung zur einübung der lateinischen syntax. 6. 
aufl. 8. Paderborn. Schöningh; 25 ngr. — 215. H. Menge, repetitorium 
der lateinischen grammatik und stylistik. 2te hälfte. Braunschweig. 
Grüneberg; 24 ngr. — 216. Fr. Schultz, kleine lateinische Sprach- 
lehre. 18. aufl. 8. Paderborn. Schöningh; 77 2 ngr. — 217. K. H. 
J. Hoffmann , rhetorik für höhere schulen. 1. abth. Die lehre vom 
styl. 4te aufl. besorgt von C. F. A. Schuster. 8. Clansthal, Grosse; 
77 2 ngr. — 218. K. Hansen, poetik, metrik, figurenlehre und dich- 
tungsarten für die obern classen höherer lebranstalten. 2. aufl. 8. 
Hamburg. Elkan; 10 ngr. — 219. F. E. Feiler, Dizionario italiano- 
tedesco e tedesco-italiano. 4. aufl. 8. Leipzig. Teubner ; 1 thlr. 20 gr. 



Bibliographie. 

Mancherlei klagen über Leipziger Verleger und sonstige den 
buchhandel oder buchhändler drückende umstände bespricht ein ar- 
tikel eines Schwaben im Börsenbl. nr. 119, vom 26. mai, der dann 
allerlei entgeguungen hervorgerufen hat in nr. 125. 132. Es wäre 
doch wohl zu wünschen, dass mehrere solcher Schwaben in Leipzig 
gewesen wären. 

Ueber Unternehmungen zur hebung des italienischen buchhan- 
dels vrgl. Börsenbl. nr. 126. 132. 

Am 1. juli ward zu Herolz, eiueui dorf bei Schlüchtern durch 
das landesgericht die bibliothek des Dr Lettich verkauft, die an ita- 
lienischer literatur sehr reich sein, an 130 aldiuen, 79 juntinen ent- 
halten soll. Vgl. Augsb. allg. ztg. beil. zu nr. 161. Börsenbl. nr. 138. 

Im verlage von F. J. Scheuble zu Freiburg im Br. ist erschie- 
nen : Zeitschrift der gesellschaft für beförderung der geschichts- al- 
terthums- und Volkskunde von Freiburg, dem Breisgau und den an- 
grenzenden landschaften. Bd. I. II ä 3 hefte, 1867 — 72, jeder bd. 2 
thlr. 2 sgr. : Im bd. I steht: die römische töpferei zu Riegel, von H. 
Schreiher, die übrigen aufsätze beziehen sich nicht auf das classische 
alterthum. 

Verlauf und ergebniss des buchdruckerstrike's I. II , sehr ruhig, 
umsichtig und keuntnissreich geschriebene artikel in Börsenbl. nr. 
142. 144 von H. Schürmann : er erklärt im anfang, dass die gehülfen 
ihren willen durchgesetzt und vollständig oder doch im wesentlichen 



Nr. 7. Kleine philologische zeitung. 381 

alles erzielt haben, was sie wollten, setzt dann die verschiedenen Sta- 
dien des kampfes zwischen den gehülfen und principalen auseinander 
und schliesst mit einem blick auf die englischen analogen Verhält- 
nisse: da hatten auch die gehülfen ihren willen durchgesetzt, aber 
gleich darauf fing an der unternehm ergeist zu fehlen: die druckerei- 
besitzer waren genöthigt ihre offizinen zu schliessen. In Amerika 
zeigte sich ähnliches : als die löhne im osten zu sehr gesteigert wa- 
ren, Hess man im westen drucken, wie jetzt deutsche Verleger an Pa- 
ris und an anderes ausländ denken. Wenn das bei uns sich weiter 
ausdehnte und verwirklichte? Es ist das nicht unwahrscheinlich, da 
höhere Steigerung, wie sie die buchhändler jetzt in aussieht nehmen — 
s. Teubner's erklärung im Börsenbl. nr. 142 — - das publicum kaum 
zum ankauf von büchern, der schon längst im abnehmen, reizen wird: 
was dann? Dann kann das ob. nr. 3, p. 169 mitgetheilte propheti- 
sche wort, über das man wohl gelacht hat, doch zur Wahrheit wer- 
den. Rücksichtsloses handeln trägt ja nie gute fruchte. 

In folge des wiener börsenkraches sind gegen 15 druckereien in 
Wien geschlossen und am 1. juli vermuthet man würden noch ein 
dutzend diesem beispiele folgen , wenn sich die setzer nicht eine re- 
duetion des lohnes wollen gefallen lassen. Die buchhändler lassen 
jetzt schon wegen des hohen tarifs ihre arbeit in den provinzen be- 
sorgen. Börsenbl. nr. 144. Also s. oben. 

Ueber die ostermessausstellung berichtet Börsenbl. nr. 148. 150. 
sie soll sehr zur Zufriedenheit ausgefallen sein: hervorgehoben wer- 
den namentlich die leistungen Englands in druck und buchbinderei. 

Den 13. juli findet in Wien eine Versammlung der buchdrucke- 
rei- und schriftgiesserei-eigenthümer Deutschlands, der Schweiz und 
Oesterreichs statt: gegenständ der berathung soll ein minimal -tarif 
sein und namentlich anbahnung einer innigen Vereinigung des buch- 
drucker-principal Vereins. Dies letztere dürfte besonders nöthig sein : 
denn wie schlecht es damit steht , hat der letzte strike in Leipzig 
nur zu deutlich gezeigt. 

Von der Weidmann 'sehen buchhandlung in Berlin ist ein verzeich- 
niss ausgewählter werke aus ihrem philologischen verlage versandt, 
welche bis zu ende des j. 1873 zu ermässigten preisen zu beziehen 
sind. Eben so ist versendet » ausgewählte werke aus dem verlage 
der Weidmatiri' sehen buchhandlung in Berlin«. 

Von Friedrich Vutveg und söhn in Braunschweig ist ausgegeben : 
>unterrichtsbücher, compendien und Wörterbücher« aus dessen verlag. 

Cataloye der antiquare: antiquarischer anzeiger n. 220 von Joseph 
Baer & Co. in Frankfurt am Main; bericht von den neuen erwerbun- 
gen des lagers von S. Calvary & Cie, n. 37 ; antiquarischer anzeiger 
von Hmis Flüssen in Leipzig, nr, 1. 2, schöne Literatur enthaltend; 
verzeichniss (nr. 66) des antiquarischen bücherlagers von Fr. Kaiser 
in Bremen; katalog I und IV eine Sammlung von werken aus dem 
gebiete der classischen philologie aus dem lager von Mayer und Mül- 
ler in Berlin; antiquarischer anzeiger (nr. 38) der Weiler sehen buch- 
handlung (Oscar Rösger) in Bautzen ; antiquarischer anzeiger (nr. 
30) von Ernst Wagner in Augsburg; catalog nr. 7 des antiquarischen 
bücherlagers von Auyust Westphaleyi in Flensburg und Hadersleben; 
verzeichniss XL VII von Alfred Würzner in Leipzig. 

Kleine philologische zoilung. 

"Berlin. 6. mai. Sitzung der archäologischen gesellschaft, aus der 
wir hier hervorheben den Vortrag von Hübner über römische alter- 
thümer in Lothringen, den von Schubriny über Benndorf s werk »über 



382 Kleine philologische zeitung. Nr. 7. 

die metopen von Selinunt: er suchte die von Benndorf aufgestellte 
annähme einer nur theilweise stattgehabten befestigung des nördlich 
der akropolis gelegenen stadthügels als unzulässig darzulegen. Fer- 
ner besprach Bormann ein bei Mors gefundenes irdenes krügeichen 
mit der inschrift: Dae Sunxalis ferendas fecit M. Victorinus; eine 
göttin Sunuxali oder Sunuscull, wo die endung fehlt, ward noch aus 
andern am linken Rheinufer gefundenen inschriften nachgewiesen ; 
dann Weil ein paar fälle der Übertragung von münztypen, zunächst 
denjenigen des opuntischen Aias; endlich legte Engelmann den pa- 
pierabklatsch eines reliefs aus dem neapler museum vor, auf wel- 
chem Hephästos an einem schilde schmiedend, Dionysos mit thyrsos 
und kantharos und panthern neben ihm, und Herakies mit Kerberos 
dargestellt ist und versuchte eine erklärung desselben. Vrgl. D. 
Reichsanz. nr. 123. 

Regensburg, 9. mai. Da die ausgrab ungen auf dem römischen 
leichenfelde — s. ob. bd. IV, nr. 7, p. 382 — wegen beendigung der ni- 
vellirungsarbeiten an der staatsbahn nun aufhören werden, so denkt 
man jetzt daran einen saal als »römisches museum« einzurichten: mit 
recht; denn die zahl der ausgehobenen skelette, aschenurnen u. s. w. 
belauft sich auf fast 4000 ; darunter sind besonders die convexen 
glasspiegel merkwürdig. Dann die ausgrabung des umfangreichen 
fundaments der porta principalis dextra und eines propugnaculum der 
hiesigen Römerstadt, auf welcher noch heute der grösste theil der 
stadt steht: dabei ist auch der grundstein gefunden, aus dessen in- 
schrift sich ergiebt, dass thor und thürme der Antoninischen zeit an- 
gehören. Es sind hierdurch die aufstellungen in der schritt des gra- 
ten W. von Waldersdorff, 1869, zum guten theil bestätigt. Vrgl. D. 
Reichsanz. nr. 120. Augsb. Allg. Ztg. beil. zu nr. 133: diese theilten 
auch, letztere in der beil. zu nr. 136, der D. Reichsanz. nr. 123 beil. 
1 die oben erwähnte inschrift, deren buchstaben von etwa 6 cm. höhe 
sind, mit; aber in sehr fragmentirter gestalt: jetzt am 6. juli, hat 
man ein zu dem früher gefundenen gehörendes und dieses fortsetzen- 
des stück geiunden, wonach nun nach Augsb. Allg. Ztg. beil. zu nr. 
190 und D. Reichsanz. nr. 164 das ganze so lautet: 
.... FRATER. DIVI. HADRIANI. NEPOS. DIVI. TRATANI. PR . . 

. . . TICVS. PONTIFEX. MAXIMVS. TRIB. POTESTATIS . 

XXXVI. 1 . . . 

. . . ICVS. GERMANICVS. MAXIMVS. ANTONINI. IMP .... 

MP. IL COS. II. VALLVM. CVM. PORTIS. ET. TVRRIBVS . 

FECI . . . 

M. HELVIO. CEEMENTE. DEXTRIANO. LEC. AV . . . 

Danach wäre kaiser Marc Aurel Antoninus , obgleich der erste 
theil, der den namen selbst enthalten muss, noch fehlt, erbauer der 
umwallung, der thore und thürme des hiesigen Römerkastells, wäh- 
rend Marcus Helvius Clemens Dextrianus als legat von Augsburg hier 
fungirte. Die gesammtlänge des bereits erhobenen insehriftenstückes 
beträgt 3V4 meter. Es fehlt das anfangs- uud endstück, die zusam- 
men gleichfalls mindestens zwei meter messen dürften. Nach sorg- 
fältiger beobachtung Hesse sich der »Allg. Ztg.« zufolge nunmehr als 
sicher konstatiren , dass der erstere schönere Antoninische thorbau 
bald zerstört, jedoch von den Römern selbst wieder auf grundlage 
des ersten, und weit schlechter als jener, hergestellt worden sei. 
Man verwendete auch die besseren konstruktiven theile des früheren 
thores als einfache bausteine; das rettete sie uns. Der mörtel des 
zweiten baues ist der mit ziegelstücken gemischte kalk, das sicherste 
kennzeichen römischen Ursprungs, wie sich zur zeit jeder an ort und 
stelle überzeugen kann. Von den konstruktiven theilen fanden sich 



Nr. 7. Kleine philologische zeitung. 383 

bisher sockeltheile und ein ecksockel für Säulenstellung (in ursprüng- 
licher läge und dem ersten bau ungehörig) , zwei stücke säulenschaft 
mit kapital, ein 170 centimeter langes, 130 centimeter breites, 44 
centimeter dickes gesimsstück. Nehme man die umrahmte inschrift- 
fläche hinzu, deren Stellung bei ihrer ausdehnnng kaum zweifelhaft 
sein könne, so lasse sich, mit Berücksichtigung der sich vorfindenden 
grundmanern und unter zuhültenahme der üblichen hauptform römi- 
scher thore, aus diesen elementeu unschwer und annähernd sicher das 
ältere Antoninische thor konstruiren , welches sehr wohl gebaut und 
reich geziert gewesen sei. 

Zürich, 18. mai. In einer Volksabstimmung ist entschieden, dass 
an der Universität die aufnähme erfolge ohne unterschied des ge- 
schlechts (Zürich hat jetzt 120 Studentinnen), dabei aber gefordert 
werde das zurückgelegte 18te lebensjahr, ausweis über genügende Vor- 
kenntnisse, insbesondere über hinlängliches verständniss der deutschen 
Sprache und zwar entweder durch Zeugnisse in- oder ausländischer 
bildungsanstalten (gymnasien, lehrerseminarien, höherer Industrieschu- 
len) oder durch prüfung von der hochschul - commission. — Auch 
hat der regierungsrath das vom erziehungsrath vorgelegte regulativ 
für einrichtung des historischen seminars an der hochschule geneh- 
migt; an ihm dociren sechs ordentliche und ausserordentliche Pro- 
fessoren neben den philologen und Orientalisten. 

In der nähe von Sunt' Andrea della Valle in Rom hat man einen 
aus vier seiten eines Sarkophags bestehenden fries entdeckt , der in 
hautrelief und basrelief künstlerisch schön gearbeitet ist. Eine die- 
ser seiten stellt eine Amazonenschlacht dar, eine andre eine jagd 
wilder thiere, eine dritte einige mit blumen bekränzte kinder, welche 
löwen aufhalten. D. Reichsanz. nr. 123 beil. 1. 

Nach D. Reichs-Anz. nr. 124 giebt Dr Schliemann ein werk her- 
aus, welches, aus einem altlas von 170-200 Photographien in 4 und 
einem bände 8 mit beschreibendem text bestehend, seine entdeckun- 
gen in Troja durch bild und wort zu vollkommner anschauung brin- 
gen soll. Vrgl. unt. p. 384. 

Seit 1853 befindet sich in der Sammlung der oberlausitzischen 
gesellschaft der Wissenschaften eine in Schlesien , angeblich zwischen 
Bunzlau und Kohlfurt »tief im sande« am ufer der Queiss gefundene 
römische bronzefigur des Jupiter , bis auf den fehlenden linken arm 
vortrefflich erhalten und von schöner schwarzgrüner patina bedeckt ; 
sie mag aus der mitte des zweiten jahrh. p. Chr. stammen. Eini- 
ges berichtet noch über sie D. Reichsanz. nr. 124. Augsb. Allg. Ztg. 
beil. zu nr. 154. 

Von den »kulturbildern aus altrömischer zeit von Theodor Sie- 
mons, mit Illustrationen von Alexander Wagner enthält der D. Reichs- 
anz. n. 124 eine empfehlende anzeige. 

Strassburg, 29. mai. Vom oberpräsidenten ist die aufstellung ei- 
ner Statistik der hunstdenkmlüer des landes in anregung gebracht. 

Zur erinnerung an Ludwieg Tiech ist ein aufsatz enthalten in der 
besondern beilage des D. Reichsanz. n. 22 vom 31. mai. Tieck ist 
am 31 mai 1773 geboren. Ueber die feier des tags in Dresden giebt 
die Augsb. Allg. Ztg. nr. 149 einige notizen. 

Von der expedition des prof. Conze nach Samothrake giebt aus 
der Wiener Abendz. der D. Reichsanz. n. 133 nachrichten, die aber 
kein wissenschaftliches interesse haben. Die herren wohnen unter 
einem zelte und befinden sich ganz wohl. 



384 Auszüge aus Zeitschriften. Nr. 7. 

Auszüge aus Zeitschriften. 

Augsburger Allgemeine Zeitung: beil. zu nr. 150: Tischendorfs 
neue ausgäbe der vulgata. — Beil. zu nr. 154: die europäische Wis- 
senschaft, vor dem richterstuhl der türkischen kritik : bezieht sich 
auf medizm zumeist. — Beil. zu nr. 155. 156. M. Hang, zur kosmo- 
gonie der Inder. — Beil. zu nr. 156. nr. 160: A. v. Dammreicher, 
die Verwaltung der Universitäten seit dem letzten politischen systeni- 
wechsel in Oesterreich. I. II. — Prof. Braniss in Bresslau f. — Nr. 
157: die XIII. pfingstversammlung mitfcelrkeinischer gymnasiallehrer. 
— Beil. zu nr. 157. 184: das Unterrichts- und bildungstach auf der 
wiener Weltausstellung I. II. — Nr. 158: das benehmen des Vesuv 
in dieser zeit. — Beil. zu nr. 158. 159: Laulh , Aegyptische reise- 
briefe. XIX: Schlussartikel. — Beil. zu nr. 163: Düntzer, die neue- 
sten homerischen entdeckungen: spott über die Sonderbarkeiten von 
Büchner: s. ob. bd. IV, nr. 9, p. 441. — Nr. 164: Kiel. »{Ein plato- 
nischer ball). Nach der Fl. N. Z. ist dieser, tage von einem kieler 
professor der philosophie der 2302. geburtstag Plato's festlich began- 
gen worden. Von den details der classisch modernen feier ist nichts 
an die öffentlichkeit gedrungen, als dass ein solenner ball den an- 
fang und das ende des gedenkfestes bildete. Es giebt doch noch 
harmlose menschen ! « (Ist doch ein alberner ausrut). — Beil. zu nr. 
146. 165: Schliemann, ausgrabungen in Troja: bericht über die ent- 
deckung des von Lysiuiachos gebauten Minervatempels, dabei über die 
von inschriften — eine 74 zeilen lange von dem Satrapen Meleagros 
dann über die blosslegung des bodens und der trümmer der al- 
ten Ilion selbst, des hauses des Priamos u.s.w., worüber in einem bei 
Brockhaus erscheinenden werke das nähere berichtet werden wird. 
Am 15. Juni d. j. hat Schliemann seine ausgrabungen eingestellt, 
weil er glaubt, seine aufgäbe vollkommen gelöst zu haben: s. ob. 
p. 383. Doch ist er über diese seine ausgrabungen noch in besondre 
Verwicklungen gerathen: s. unt. beil. zu nr. 194. — Beil. zu nr. 
165: Lucas Geizkofler und seine zeit: anzeige des gleichnamigen 
buchs von A. Walch, Wien. 1873. — Nr. 166: entwurf zur reorga- 
nisirunf des höhern Unterrichts in Holland. — Beil. zu nr. 166: C. 
Wachsmuth's rede über die geschichte der hochschule in Athen von 
Perikles bis ' auf Justinian. Dazu bemerkungen über die Universität 
Göttingen. — Nr. 167: die schritt Tischendorf 's: »haben wir den 
echten schrifttext der evangelisten und apostel ? « von J. Schrott. — 
Nr. 168: zu den kirchengesetzen. — Beil. zu nr. 168. 169: das Cap 
der Circe. — Biographisches über Fr. v. Räumer: aus der Spener- 
schen zeitung. — Nr. 171: begräbni^s von Fr. von Raumer. — Beil. 
nr. 471: die evangelisch-theologische facnltät in Wien. — Beil. zu 
nr. 172: das heutige Athen. — Die philosophischen werke des am 
19. februar verstorbenen prof. Czolbe in Königsberg i. Pr. - Nr. 175: 
der russische ukas gegen das frauenstudium in Zürich : ein artikel 
aus Zürich für Zürich, der aber doch nur beweist, dass jener ukas wohl 
begründet ist. — Beil. zu nr. 175: ein tag in Ravenna. — Beil. 
zu nr. 177. 178. 179: die metopen von Selinunt: anzeige des wertes 
von Otto Benndorf, sehr ausführlich, von Fr. Schlie. — Beil. zu 
nr. 183. 184. 190. 191. 193: zur geschichte der römisch -deutschen 
frage I. IL III. — Beil. zu nr. 189: erdbeben in Italien: 19. juui. — 
Nr. 190: frequenz der berliner Universität: sie nimmt, schreibt man, 
in erschreckender weise ab. Nan wird sie durch einzelne berufungen, 
selbst auch nicht durch äuderung »des Systems« heben: es muss sich 
ja endlich deutlich zeigen, dass in so grosse städte deutsche Universi- 
täten, sollen sie gedeihen, nicht gehören ; München, Wien lehren doch 
dasselbe. 



Nr. 8. Angnst 1873. 

Philologischer Anzeiger. 

Herausgegeben als ergänzung des Philologus 



Ernst von Leutscli. 



220. Augusti rerum a se gestarum indicem cum graeca 
metaphrasi ed. Theod. ßergk. 8maj. Gott. 1873. XXV u. 
136 s. — 1 thlr. 10 gr. 

Der erste anfang einer umfassenden berstellung und erklä- 
rung des Monumentum Ancyranum (man gestatte uns, der kürze 
wegen diese einmal übliche bezeicknung zu gebraueben, obwobl 
sie, nachdem die fragmente von Apollonia hinzugekommen, nicht 
mehr ganz zutreffend ist) ist bekanntlich mit der Zumpt-Franzschen 
ausgäbe gemacht worden, und wenn es bei unvollständigen und 
verstümmelten inschriften besonders schwierig ist, das erste licht 
in das dunkel zu tragen, so dürfte dieser leistung zumal in be- 
tracht der viel unzureichenderen hülfsmittel ein grösseres ver- 
dienst beizumessen sein, als von den neuesten herausgebern zu 
geschehen scheint. In jüngster zeit hat nun aber, nachdem das 
denkmal im j. 1861 durch Perrot und Guillaume aufs neue mit 
der grössten Sorgfalt copiert und der griechische text um einen 
bedeutenden theil vermehrt worden war, Tb. Mommsen sich der 
bearbeitung unterzogen und sie, wie nicht anders zu erwarten (in 
bezug auf den griechischen text mit hülfe von Kirchhoff), mit 
eben so viel Scharfsinn als gelebrsamkeit ausgeführt, so dass 
man gern in das stolze wort einstimmen wird, mit dem er seine 
vorrede schliesst: Pleraque certenos oecupavimus et iure nobis gratula- 
mur propter egregium monumentum nostra aetate recuperatum communi 
opera Angli hominis et Galli , fortasse etiam aliqua mea hominis 
Germani. Das ancyranische denkmal gehört nach der Momm- 
senschen arbeit in der that zu denjenigen Überresten des 
klassischen alterthums, an denen sich die philologischen Studien 
durch lesung, erklärung und ergänzung am glänzendsten be- 
währt haben. Ist denn nun aber hiermit das werk in bezug 
Philol. Anz. V. 25 



386 220. Epigraphik. Nr. 8. 

auf das ancyranische denk mal für immer und völlig abgetban ? 
Gewiss nicbt. Je lückenbafter uns der text überliefert ist, je 
grösser die abweicbung unter den verschiedenen lesungen des- 
selben, ein um so weiterer Spielraum ist der divination eröffnet, 
die mit einem male nicbt zu erschöpfen ist, die vielmehr, wenn 
sie tiefer eindringen will, immer wieder zu dem gegen- 
stände zurückkehren muss. Und so haben wir uns nur zu 
freuen, dass ein mann wie Bergk sich einer revision der Momm- 
senschen ausgäbe unterzogen bat. Das nicht wenige neue, was er 
bietet, beruht theils darauf, dass er nicht selten den früheren le- 
sungen vor denen Perrots den vorzug einräumt, theils darauf, 
dass er bei seinen ergänzungen von andern prämissen ausgeht, 
mitunter auch mit grösserer kühnheit verfährt als Mommsen. 
Seine änderungen sind natürlich nicht immer Verbesserungen, 
sehr häufig stehen sie ungefähr auf demselben niveau der Wahr- 
scheinlichkeit wie die Mommsenschen annahmen , nicht selten 
aber scheinen sie uns wirkliche, obwohl nicht gerade wesentliche 
Verbesserungen zu enthalten. Dabei hat der vf. bei jeder ge- 
legenheit aus dem reichen schätz seiner gelehrsamkeit lehrrei- 
che bemerkungen sachlicher wie sprachlicher art und insbeson- 
dere auch zahlreiche, allerdings oft sehr kühne conjecturen über 
Inschriften oder stellen der klassischen autoren ausgeschüttet. 

Um unseren lesern eine Vorstellung zu geben von dem ver- 
hältniss der Bergkschen zu der Mommsenschen ausgäbe, scheint 
es uns nothwendig , die abweichungen derselben in der ersten 
der sechs lateinischen tafeln und in den entsprechenden griechi- 
schen tafeln (I — IV, z. 7) mit weglassung einiger kleinigkei- 
ten vollständig anzuführen. Wir stellen diejenigen voran, wel- 
che uns entschieden annehmbar scheinen. 

In der (nicht von Augustus herrührenden) Überschrift wird 
aus äusserlichen , auf den räumlichen Verhältnissen beruhenden 
gründen im griechischen text zu Ssßaatoü noch &sov und am 
ende aus Dio Cass. LVI, 33 noch Tzgng ygcpqp aviol hinzuge- 
fügt. (Sonderbarer weise wird , um dies beiläufig zu bemerken, 
wegen der ausdrücke excmplar subiectum und imeyydq'ijoav ange- 
nommen (p. ]0), dass diese Überschrift ursprünglich auf der ba- 
sis einer bildsäule des Augustus gestanden habe und von dort 
entlehnt sei. Allein heisst nicht subiectum (ebenso wie vnsyQoi- 
(ptjaar) dasselbe wie das gewöhnliche infra scriptum est d. h. 



Nr. 8. 220. Epigraphik. 387 

etwa: „ist folgendes eine abscbrift" ? ). — Z. 6 (der lateini- 
schen inschrift). Bergk : respublica ne quid detrimenti caperet, me 
pro praetor x simul cum consulibus providere iussit ; Mommsen: 
respublica ne quid accideret , a senatu mihi pro praetore simul 
cum consulibus tradita est tuenda. Es leuchtet ein , dass die 
Bergksche herstellung sich vor der Mommsenschen entschieden 
durch die klare und herkömmliche ausdrucksweise empfiehlt ; 
sie ist dadurch möglich gemacht, dass in dem griechischen text, 
auf welchem die herstellung des lateinischen zum tbeil beruht, 
durch eine glückliche conjectur ß^-aßy statt des Kirchhoffschen 
ovußt] ergänzt worden ist. Die erhaltenen Überreste beider in- 
schriften gestatten übrigens die Bergksche restitution vollkom- 
men eben so gut wie die Mommsensche. — Z. 13. Bergk : Bella 
terra et mari civilia externaque toto in orbe terrarum sedavi ; Momm- 
sen : Arma — sustinui, letzteres eine ausdrucksweise, die uns nicht 
einfach genug und der art des Augustus wenig entsprechend 
scheint. Es dürfte dies in der that einer der fälle sein, wo die 
früheren lesungen (Luc. : LIA, Mordtm. : LLA) vor der Perrot- 
schen (RMA) den Vorzug verdienen. — Z. 14. Bergk: de' 
precantibus civibus peperci; Mommsen: superstitibus — . Ersteres 
scheint uns wegen der parallelstelle Vell. Pat. II, 86, 2: victoria 
fuit clementissima nee quisquam interemptus est nisi paucissimi et 
ii, qui deprecari quidem pro se non sustinerent, das richtigere, 
wenn wir auch das Mommsensche superstitibus nicht mit Bergk 
an sich für unzulässig halten können. Bergk meint nämlich, 
Augustus habe doch nicht sagen können, dass er die am leben 
gebliebenen bürger verschont, denn die todten habe er natür- 
lich nicht noch einmal tödten können (nam victorem in mortuos 
cives saevientem quis tandem aequo animo ferat ? p. 22). Allein 
ist es nicht ein ganz passender gedanke, wenn Augustus sagt : 
diejenigen bürger, welche der krieg nicht hinweggerafft, habe 
auch er verschonen wollen? Auf der anderen sehe können 
wir auch Mommsen nicht beistimmen, wenn er behauptet: weil 
unmittelbar darauf von den nichtbürgern gesagt werde, dass die- 
jenigen von ihnen am leben gelassen worden seien, die er ohne 
gefährdung seiner Sicherheit habe verschonen können (quibus 
tuto parcere potui, Bergk : quibus tuto ignosci lieuit), so bedürfte 
es in betreff der bürger einer plenior asseveratio, d. h. so müss- 
ten diese alle gerettet sein. Allein lässt das quibus tuto parcere 

25* 



388 220. Epigraphik. Nr. 8. 

potui im munde des Augustus nicht eine sehr grosse menge von 
ausnahmen der nicht geretteten zu? und bleibt also der gegen- 
satz der bürger nicht gross genug, wenn von diesen alle ge- 
rettet wurden die um Verzeihung baten? — Z. 18. 19. Bergk : 
iis omnibus agros adsignavi aut pecuniam pro praemis militiae 
dedi; Mommsen : iis omnibus agros a me emptos aut pecuniam pro 
praediis a me dedi. Auch hier stützt sich Bergk auf eine ältere 
lesung, nämlich auf die des Lucas, welcher vor dedi die buch- 
staben AE bietet, während sonst überall ME gelesen worden 
ist. Die Mommsensche lesung scheint aber in der that unzuläs- 
sig zu sein; denn wenn bekanntlich im j. 5 n. Chr. das aera- 
rium militare gegründet wurde, um daraus den ausgedienten 
Soldaten ihren bestimmten lohn zu zahlen, und wenn zu dessen 
füllung die bekannten steuern eingeführt wurden , so dass Au- 
gustus, wie er selbst P. III, z. 36 sagt, nur einen beitrag zur 
beihülfe leistete, so kann Augustus an unserer stelle sich un- 
möglich rühmen, dass er diesen Soldaten allen aus eignen mit- 
tein ländereien oder das geld dafür gegeben habe. — Endlich 
scheint uns auch die restitution der stelle z. 33 — 35 und der 
entsprechenden stelle der griechischen Inschrift P. III, z. 7 — 9, 
auf welcher jene hauptsächlich beruht, vor der Mommsenschen 
den Vorzug zu verdienen. Die abweichung besteht hier im we- 
sentlichen darin, dass Bergk ovzcog iTzsTi'jdsvoa, wm' statt ol 
noiTjödfisvog apeXäg und iXev&sgöJaai statt iXavöeowoa schreibt, 
und es scheint uns wenigstens so viel unzweifelhaft, dass die 
Bergksche restitution, die sich übrigens auch genauer an die 
erhaltenen Überreste anschliesst, sich vor der Mommsenschen 
durch klarheit und einfachheit des ausdrucks empfiehlt. 

Dagegen ist es uns völlig unverständlich, warum Bergk z. 9 das 
Mommsensche creavit mit designavit vertauscht hat. Es handelt 
sich hier um das erste consulat des Augustus, welches ihm am 19. 
august 711 d. st. durch eine vorzüglich aus seinen Soldaten 
bestehende Volksversammlung übertragen wurde, und um seine 
ernennung zum triumvir. Kann man hier von einer designi- 
rung reden? — Eben so wenig scheint uns z. 19 die Verwer- 
fung der vollkommen passenden Mommsenschen ergänzung prac 
ter eas gerechtfertigt. Bergk nimmt au der ausdrucksweise ei- 
nen völlig ungegründeten anstoss und schlägt dafür fere: eas 
vor, indem er am ende nach fuerunt trotz des Zeichens, dass 



Nr. 8. 220. Epigraphik. 389 

damit das kapitel schliesst, adlevavi hinzufügt, was er durch 
tabulato addito sublimare — uns unverständlich — erklärt. — 
Auch die schwierige stelle in dem griechischen text P. III, z. 
15 fl. (der lateinische text fehlt hier ganz) wird man kaum in 
befriedigender weise so hergestellt finden: rjigeütjv inifie'kijT^s 
rav ts voftcov aal tööv zpöncov, ttjv ixsyißTTjV naoa^aßmv rüiv 
XeiQOTor?]T(X)v UQXtjv ovde poi , da die ergänzung durch flQe&t]P 
das mass des disponibeln raums überschreitet und räv %tiQO- 
rovrjTGJv (statt isiqozov^&oh' der inschrift) einen unnöthigen und 
ungewöhnlich ausgedrückten zusatz bildet. Freilich sind auch 
die restitutionen von Kirchhoff und von Zumpt (in einer später 
veröffentlichten abhandlung) nicht eben befriedigend. 

Die übrigen Veränderungen gehören zu denen, die wir in- 
different nennen möchten, d. h. zu denen, für die sich ungefähr 
eben so viel sagen lässt wie für diejenigen, an deren stelle sie tre- 
ten sollen. So z. 3 : pro quo merito statt propter quae, z. 5 : nequß 
ita multo post statt eodemque tempore, z. 8: uterque cos. statt con- 
sul uterque, z. 12: in acie statt acie , z. 15: ignosci licuit statt 
parcere potui, z. 18: plura statt plus, z. 20: biremesf?) statt tri" 
remes, z. 21: curulis statt currulis(t), z. 22: postea für deinde, z. 
23: super sedi iis , et tantum statt iis super sedi et tantummodo, z. 
24 : a me aut statt aut a me aut, z. 25 : quadragiens statt quinqua- 
giens, z. 26 : dies hi für dies, z. 29: et er am tricensimum septimum 
tribuniciae potestatis statt annumque trigesimum septimum tribuniciae 
potestatis agebam, z. 31: iussu populi et senatus statt a senatu popu- 
loque , z. 35: consulatumque mihi tum annuum et perpetuum datum 
statt tum consulatum mihi datum et annuum et perpetuum, z. 38 : 
senatus populique Romani consensu für senatu populoque Romano con- 
sentientibus. Und ähnlich verhält es sich auch mit den meist da- 
mit zusammenhängenden änderungen des griechischen textes. 

Im allgemeinen wollen wir noch bemerken, dass die neue 
ausgäbe dadurch , dass sie die abweichungen der verschiedenen 
lesungen unter einander und die Unsicherheit zahlreicher ergän- 
zungen und herstellungen recht sichtbar macht, den schon von 
Mommsen ausgesprochenen wünsch lebhaft in uns erweckt, dass 
das denkmal (mit rücksicht auf die beiden neuen ausgaben) ei- 
ner neuen gründlichen Untersuchung an ort und stelle unter- 
zogen werde. Sollte nicht namentlich eine photographische auf- 
nähme (ein abklatsch ist nach Perrot nicht thunlich) für gewin- 
nung einer objeetiven grundlage von nutzen sein ? 



390 221. Stobaeus. Nr. 8. 

221. 0. Hense lectiones Stobenses. 8. Halis. 1872. 
40 s. — 10 ngr. 

Der Verfasser behandelt in dieser habilitationssclirift zahl- 
reiche bruchstücke der tragiker und komiker , welche bei Sto- 
baeus erhalten sind, und verfolgt besonders die spuren der in- 
terpolation. Mit genauer kenntniss des Sprachgebrauchs und 
gründlicher und scharfsinniger erforschuug des sinnes und Zu- 
sammenhangs sind mehrere bruchstücke in wahrscheinlicher, ei- 
nige in evidenter weise verbessert. Zu den guten emendatio- 
nen rechne ich z. b. Eur. fr. 245 (Stob. Flor. 54, 10) : 
bXiyov alxtuov 'Soqv 

xqbiggov novtjQoii ftvQi'ov Gtgarsvfiaiog, 
für xqhggov atQarijyov (den richtigen gedanken hat bereits 
Wagner angegeben: „in GTQat?]yov aperte Vitium latet; deest enim 
aliquid ad sententiam explendam velut (ii'uidgov vel simile quid"), 
dann die herstelluug des bruchstücks eines unbekannten tragi- 
kers bei dem scholion zu Soph. 0. R. 296 6 prj zb sgyov 
deöoixwg ouds zbv löyov, worin Hense einen tetrameter erkennt: 

[oog) o fit] zovgyov 8e8oixa>g ovds [dt'dis] zbv loyov, 
ferner die emendation von Eur. fr. 585 (Flor. 54, 8): 

Grgazijläzai zav iavqioi ysvol^•& , u/a<x. (für yEVoifiS&a), 

Goqibg 8 uv sig zig rj öv' 1 iv fiaxgw XQ^' c P> 
endlich die emendation in den versen des Epicharmos (Flor. 38, 
21) nag'' ol>8t'v (für ydg ovdstg). Oefters bieten sich bei solchen 
abgerissenen sätzen verschiedene möglichkeiten der emendation, 
so dass die Sicherheit fehlt. Z, b. betrachtet Hense in dem 
bruchstück des Sosiphanes (Flor. 20, 18) : 

vvv aoi ngog oxpiv &vftbg tjßäzoi, ysgor, 

vvrl 8h bgytjv ipix 1 svötznv laßnir, 
die worte vwl öei als ergänzung einer lücke: vvv {ßgyor) 6 g- 
yi\v. Ebenso gut kann man tmvt 8h als glossem z. b. von vvv 
xctighg ansehen. In dem bruchstück des Euripides (Flor. 68, 12) : 

vöfioi yvvaixmv ob xaXäg xtlvtai ns'gi' 

XQV y ,x Q rov £V7Vj[oui'&' an nXeiazag «#«»•, 
will Hense durch Umstellung helfen : 

zbv svzv%ovvza xqIjv %aQ on nXeianxg ej^hp' 
Vielleicht ist der gewöhnliehe gegensatz tig nkeinzog verwischt: 

XqIijv yag tov tvtvxovvtf tv ort. n).ei\nag steift* 
Die anderung von Eur. fr. 608 (Flor. 49, 7): 



Nr. 8. 222. Miscellanea 391 

q>CXovg ts noo&siv aal aaiaatavi.lv XQ s ® v i 

jrXsiatog cpößog tiqoosgu firj dgaocooi ti 
in folgende fassung: 

nöXsig ts TiOQÜslv aal aataatavstv xqswv 

cpü.ovg' qiößog ngoassti pij dodacoaC ti, 
ist schon wegen des unmöglichen asyndetons unstatthaft. In 
dieser beziehung ist jedenfalls Pflugk's vermuthung srtsl qioßog 
TTQÖasori vorzuziehen. Schon Nauck hat noXeig ts tzoq&siv aai 
qiXovg atavsTv %Qtcav vermuthet und allerdings mag nXslatog 
aus noXsig mg oder vielmehr nöXsig tolg zusammengezogen sein, 
wonach man schreiben könnte : 

nöXsig ts nog&elv aal tptXovg xataxtavsTv 

%qtJ, tolg qößog ngöaeati ut) dgäouGt tu 

222. Volk mann, observationes miscellae. 4. Jauer. 
1872. (Programm). 

Der durch seine sorgfältigen arbeiten auf dem gebiete der 
alten rhetoriker und des Plutarch insbesondere bekannte und 
als kritiker nicht minder bewährte Verfasser bietet in dem oben 
genannten programm unter nr. 1 — 34 eine reihe trefflicher con- 
jecturen , die sich zur hälfte auf griechische, zur hafte auf la- 
teinische autoren beziehen ; ausgenommen sind nr. 1 und 2, 
welche von dem älteren und Jüngern Hermagoras handeln. 

In nr. 3 vergleicht Volkmann die Quaestiones convivales 
Plutarchs mit dem siebenten buch der Saturnalia des Macrobius 
und behauptet mit Doehner, dass Plutarch nicht vollständiger 
geschrieben habe, als er uns jetzt erhalten ist, so z. b. II, 
1, 5. An dieser stelle scheint mir Volkmann zu weit zu ge- 
hen; denn die worte : „ösofidg an 6 zfjg i nag% i ag asaöfiiaag 
avtc'.g" geben ja völlig den verlangten sinn, dass Quintus kurz 
vorher eine provinz verwaltet habe, nuper so zu deuten, als ob 
Macrobius von sich aus gerechnet hätte, geht freilich nicht; es 
ist überhaupt in beziehung auf die bald folgende erkrankung 
und den daran sich knüpfenden witz zu bringen = eben, kurz 
vorher, noch nicht lange. — Ebenso entspricht nach Volk- 
manns ansieht Plut. Zvfinoa. I, 1, 1 = Macr. VII, 1, 4 und 
I, 1, 3 = VII, 1, 12. — Nr. 4) Dass in den 2vfinoa. manches 
fehle, lehrt die vergleichung von Gell. III, 6, 3 und Plut. VIII, 
4 ; 5. Denn für die worte jenes: propterea, inquit Plutarchus , 



392 222.- Miscellanea. Nr. 8. 

in certaminibus palmam signum esse placuit victoriae , quoniam 
ingenium ligni eiusmodi est , ut urgentibus opprimentibusque non 
cedat. — Nr. 5) Gell. NA. XVII, 11, 6 enthält richtigeres als 
Plut. Svf*n. XII, 1 ; doch darf man letzteren nach ersterem 
nicht eher verbessern, als bis sicher und ausgemacht ist , was 
eigentlich in den handschriften Plutarchs steht. — Nr. 6) Plut. 
Cic. 29 lege: o v % co g 8s nXslovsg edo^uv xzX. — Nr. 7) Ga- 
lan, de opt. doctr. I lege: Xsysi 8s r 6 avzo it> reo ngog 'Enlxrtj. 
zov, iv io 8)]novOsv snriv Oitjötuog g TJXovzuq^ov SovXog Enix- 
ztjrqj 8iaXsy6(xtrog. xai [isvzoi xav tco fxsza zavza ygaqivzi ßi- 
ßXicp 'ylXxißiaS tj xai zovg aXXn v g 'Ax.a8)]niaxovg inausi xzX. 
Dieser Onesimus ist nach Volkmann derselbe nequam homo et 
contumax, von welchem Taurus bei Gell. NA. I, 26, 5 — 9 eine er- 
götzliche anekdote erzählt. — Nr. 8) Galen, adhort. ad artes 
addiscendas cap. 13 lege: %vXov — 8 t] X cöaag. Wozu? sehe 
ich nicht ein. Denn der plural %vXa bedeutet , dass der junge 
mann jedes einzelne stück holz so spaltete; nXi]yc6<jag d. 
i. füllend, was er an kraft hatte = er nahm seine ganze kraft 
zusammen. In demselben kapitel ist zu lesen: Ä«| no8\ — 
aax/jtoQsg, sowie iv hinter tjxsiv zu streichen. — Nr. 9) Bei 
Plutarch de aud poet. p. 16 C liest Wyttenbach ivtjQpo&r, da- 
gegen Volkmann statuirt eine lücke zwischen Aloänov und 
zolq snsai. — Nr. 10) Statt des von Madvig Adv. crit. I, p. 
23 zu Plut. de commun. notit. c 32, p. 1075 E vorgeschlage- 
nen töjp xsxoayuäzav empfiehlt Volkraann die lesart (fovayfxä- 
zwv. — 11) Bei Lucian. Ver. Hist. II, 25 liest Volkmann: ovx 
aepartig i\v 8eit><äg ayunäaa zhv isatiaxov ' noiXaxig yovv xai 
iasvBVOV äXXijXoig iv zw avunoaiq). Vulgata: imvmg — Sts- 
vsvor, Dindorf: intfiatuig. Vielleicht ist zu lesen i/iipotcog = 
dauernd, fortwährend; dies würde den worten im rzoXin %Qctov 
t]8t] entsprechen. — Nr. 12) Luc. negi zqg JlsQtyQivov zeXsv- 
rtjg 26: tva xai Svo. ibid. 39: in lo'aav und xazaysX cor. — 
Nr. 13) Apoll. Ehod. I, 76 : ozs xXirt]6i qxiXayyag = cum 
aciem in fugam vertit. Vielleicht ist besser zu schreiben oze 
xXircoat cpiD.ayysg = wenn die reihen fliehen; xXfim wäre dann 
intransitiv gebraucht. Das adverb nsznniadev ist aber jeden- 
falls mit bezug auf die stelle bei Hom. II. 13, 716 gesagt, wo 
die gefährten des kleinen Aias folgendermassen gerühmt werden: 
dXX' uqu zö^oiatr xai svatQsqsl olbg äoircp 



Nr. 8. 222. Miscellanea. 393 

litov slg afx (novzo mnoiftötsg, olaiv eneita 
Tugcpea ßäXXoprsg Tqcooov Qriyvvvio qxxXnyyag. 
8tj qu 7o'#' oi fisv tiqÖg&e gvv svzeoi duiduXeotöiv 
fidgvavro Tgcociv zs aal "Extoqi %alxoxoQV<7zri , 
oi ö" 1 ort i&ev ß dWo v z s g iläv&avov. 
Nr. 14) Schol. Pind. Ol. V, 42 lege: Jrj/i^TQiog ö 2arj\pi09 
vsäv dtuxoGfi oo. — Nr. 15) Aristod. p. 355, 19 ed. Wescher. 
ist mit Maehly zu lesen el t e i%1£oito r\ noXig und dg ztjv 
&sov. — Nr. 16) Hör. Od. I, 7, 29 lege: ambigua tellure novam 
Salamina futurarn = in einem noch unbestimmten lande werde 
ein neues Salamis ihre heimath werden. — Nr. 17) Schol. Hör. 
ad Epod. XVII, 73 lege: Svgagsazovfisvtj i. e. cui nihil placet, quae 
vitam fastidiat tot suppliciis cleditam. aegrimonia. angor. tristitia. — 
Nr. 18) Apul. Apol. cap. 4 scribendum: qui primus sese philoso- 
phum nuncupavit. — Nr. 19) Nach Verwerfung der von Un- 
ger und Haupt vorgeschlagenen emendationen verbessert Volk- 
mann die stelle bei Quint. Inst. Or. VIII, 3, 54 so: cum is apud 
ipsum dec.'amans u. s. w. — Nr. 20) Senec. Ep. 5, 7 lege: dices: 
quid ergof ista tarn diver sa pariter eunt? Ebenso bei Cl. 
Mamert. Genethl. 11: ambo pariter eunt quam iunctim ince- 
duntt — Nr. 21) Dass Seneca vielfach durch änderung eines 
buchstabens geheilt werden könne, haben Haase, Haupt und 
Madvig bewiesen. Sen. Ep. 3. lege: hie. 8, 3: miserrime und 
h abemur. 8, 5: texerit. — Nr. 22) Fickert und Haase ha- 
ben viele treffliche conjekturen nicht berücksichtigt. Nach Volk- 
mann sind solche zuzulassen in Ep. 8: quam multi — tragoe- 
dias. Interpolirt sind die worte et sunt inter comoedias ac 
tragoedias mediae. 14, 8: ille est enim qui Siculum pelagus ex- 
asperet et in vertices cogat. 100, 9: scripsit enim bis libros. — 
Nr. 23) Sen. Ep. 9, 16 lege: cum — adquieseet. — Nr. 24) Ep. 
12 versteht Volkmann die worte non enim citamur ex censu 
nicht; sie heissen: wir werden nicht nach der liste, in welche 
wir bei der geburt eingetragen werden, abgerufen, sondern ohne 
einhaltung der reihenfolge. Vgl. die note Murets : ex aetate. in 
libris enim censualibus etiam aetas cuiusque notabatur. Hae sunt 
quas naidoyoacpCag Modestinus vocat. Am schluss : lege : qui Sy- 
riam usura suam fecit. — Nr. 25) Ep. 18 lege : sed misceri 
omnibus. — Nr. 26) Ib. 24, 1 : t e. 27, 1 : adeo. 29, 2: spar- 
gendum manu est und aliquantum. 38, 2: capiat. 49, 1: 



394 222. Miscellanea. Nr. 8. 

ac Pompeiorum tuovum conspectus. 58, 8: docebat. Ebenda 
sind die worte ut Aristoteles ait interpolirt. 58, 33: utrumne 
faex sit. — Nr. 27) Lact. Inst. div. II, 16: verum aperire. III, 
4: ut eam videamus iampridem suis armis esse confectam. — 
Nr. 28) ib. III, 6: in medio constitutum pontem qui Mos ad 
sapientiam transmitteret. Doch ist es viel einfacher, die lesart 
forem beizubehalten und so zu erklären : sie übersehen die in 
der mitte befindliche thüre. Denn gerade so gut wie eine 
brücke, über die man geht, zur Weisheit zu führen im stände 
ist, vermag dies die thüre, durch welche man ins zimmer tritt. 
III, 12: sine scientia et virtute. III, 14: unde apparet aut Py- 
thagoram eum voluisse laudare. IDI, 28: quomodo. IV, 14: 
Artaxerxi, IV, 20: mali. 23: sed ipsi. 27: non vor mi- 
scebimus ist ausgelassen. 28: satius. VI, 13: quae Ms. 23: 
exagitavit. VII, 3: fatetur. — Nr. 29) Interpolationen sind 
vielfach eingeschlichen ; so ib. II, 3 : aliud quidem ille, cum haec 
diceret, sentiebat; nihil utique esse colendum, quia dii humana non 
curent. II, 14: sie enim latino sermone daemonas interpretantur. 
— Nr. 30) Trypho's werk über die tropen (Walz. Rhet. gr. VIII, 
p. 728) hat Volkmann nach einer breslauer handschrift von neuem 
verglichen, aber nichts neues gefunden. — Nr. 31) Eine neue 
collation der breslauer handschrift der rede des Aristides auf 
Bacchus (or. IV tom. I, p. 47 ed. Dind.) hat blos zwei neue 
lesarten geliefert : p. 47 ist zu lesen t w dtovvacp, p. 49 tm 
All. — Nr. 32) Die von Sengebusch Diss. hom. prior p. 108 
und 127 aufgestellte behauptung: „die Schriften Homers seien 350 
zur zeit des Aeschines schon sehr verderbt gewesen, wie aus 
den lesarten der citate hervorgehe", widerlegt Volkmann, wie 
mir scheint, sehr richtig dadurch, dass solche citate, die durch die 
öffentlichen schreiber vorgelesen wurden, ursprünglich der 
rede nicht eingefügt, waren, sondern erst in spä- 
teren Jahrhunderten von den grammatikern oder 
abschreibern hin ei ng eset z t wurden. — Nr. 33) Hör. 
Od. I, 2, 21 ff. verlangt Volkmann die lesart perissent statt peri- 
rent. Unnöthig; denn Naucks erklärung schützt die vulgata 
vollkommen. — Nr. 34) den vers des Lucilius bei Cic. Tusc. 
I, 5, 10 stellt Volkmann, um einen eleganteren versbau zu ge- 
winnen, in folgender weise um : saxum nitendo sudans neque pro- 
ficit hilum. Lucian. 'AXe^aidQOj (II, 32), cap. 28 steht der vers : 



Nr. 8. 223, Miscellanea. 395 

Mqxtri dtXqo&ai voiiaoio IvyQij^ inancoy/jV) 
in diesem ist nach Volkmann vovaoio in vovaov umzuändern, 
weil die erste silbe des folgenden adjektivs lang sei. 

C. Härtung. 

223. Henrico RudolfoDietschio ... rectoris et pro- 
fessoris primi [regiae] scholae [Grimensis] munere amplissimo 
. . . rite se abdicanti otium honestissimnm qua par est pietate 
et observantia collegarum nomine gratulatur Bernardus Din- 
ier. Inest satura grammatica. Lipsiae. typis B. G. Teubneri. 
4. 1872. 19 pp. 

Ursprünglich hatte der vf. vorliegender gratulationsschrift 
für den in ruhestand tretenden rector Dietsch ein anderes ngo- 
ncfiTzzi-Aov bestimmt; was aber jetzt der vf. geboten hat, will er 
nicht als cupedia philologa , sondern nur als frustula eruditionis 
angesehen wissen. Nach einer anspräche an den gefeierten, 
welchem die abhandlung gewidmet ist, folgt durch den gewähl- 
ten titel satura grammatica veranlasst gleichsam pro gustu p. 5 — 7 
eine erörterung über die bedeutung von satura, und dann in drei 
theilen kritisch - exegetische beitrage zur rede Caesars bei Sali. 
Cat. 51, als uva passa dargeboten, hierauf polentae loco bemer- 
kungen über eigenthümlicbkeiten des Sprachgebrauchs bei Cae- 
sar; zum Schlüsse nuclei Horatiani. 

Bei einer schrift von Dinter interessirt vor allem dasjenige, 
was sich auf Caesar bezieht (p. 13 — 16). Nach kurzen notizen 
über das vorkommen der Steigerungsgrade von auctus und se- 
cundus sowie über den passiven gebrauch von partitus wird im 
anschluss an die stelle BGall. II, 20, 1 vexillum proponendum . . ., 
signum tuba dandum, . . . Signum dandum der letzte ausdruck 
prägnant im sinne von 21, 3 proelii committendi signum dedit 
erklärt und dieselbe deutung für eine reihe anderer stellen vor- 
geschlagen. Das una\ siQtjfiitov bei Caesar signa tollere BCiv. 
II, 20, 4 wird durch proficisci erläutert ; ferner wird die aus- 
lassung des demonstrativums eo bei commoti quod BGall. III, 23, 
1 und perturbati quod BCiv. I, 73, 1 als eigenthümlich und be- 
merkenswerth hervorgehoben. Die stelle BGall. V, 20, 1 Man- 
dubracius . . . , cuius pater . . . regnum obtinuerat . . . , ipse 
fuga mortem vitaverat, bildet den ausgangspunkt zu einer erörte- 
rung über die fortsetzung einer relativen construction durch das 



396 223 Miscellanea. Nr. 8. 

demonstrativum , wobei das material unserer schulgrammatiken 
theils ergänzt theils berichtigt wird , aber gegen eine note von 
Jacobs zu Sali. Jug. 14, 16 ganz unnöthiger weise polemisirt 
ist. Noch weniger berechtigt erscheint die im folgenden gegen 
Jacobs zu Jug. 31, 11 gerichtete bemerkung, da die richtige 
lesart in imperio durch Jacobs selbst in der schon vor zwei 
Jahren erschienenen fünften aufläge aufnähme und entsprechende 
erklärung gefunden hat. Die übrigen stellen aus Caesar, wel- 
che der vf. besprochen hat, sind BGall. VI ; 35, 7 hello latroci- 
niisque natos, wo die von Heller bestrittene tilgung der präposi- 
tion in schüchtern vertheidigt wird; VII, 56, 2, wo die Verbin- 
dung von impediebat mit ut durch ein beispiel aus Cicero p. 
Rose. Am. 52, 151 belegt ist; BCiv. III, 10, 4. 5, wo der Über- 
gang aus passiver zu activer structur , und III, 25, 1 hiems 
praecipitaverat, wo der intransitive gebrauch des verbums anlass 
zu bemerkungen geboten hat. 

Aus Horatius finden drei stellen (p. 16 f.) behand- 
lung: Sat. 1, 5, 87 ist das oppidulum quod versu dicere non est 
zwar nicht gefunden , aber doch gezeigt , dass in dem namen 
eine iambische oder trochäische dipodie vorkommen musste, 
wodurch allein sofort Equus Tuticus und Ausculum ausser be- 
tracht kommen. Ep. I, 1, 58 sed quadringentis sex septem milia 
desunt wird die gekünstelte interpretation, wonach sex zu qua- 
dringentis und nur septem zu milia zu beziehen wäre, trotz der 
cäsur kaum auf beifall rechnen dürfen. Ep. II, 2, 171 wird 
vicina refugit iurgia in recusat geändert , was weder graphisch 
sehr nahe liegt noch auch dem sinne nach vor Horkels schöner 
emendation re/ringit den vorzug verdient. 

Wie dem umfange so sind auch dem werthe nach die bei- 
trage zu Sali us ti us (p. 7 — 13) der bedeutendste theil der 
Schrift. Cat. 50 , 4 Tum D. lunius Silanus primus sententiam 
rogatus . . . supplicium sumundum decreverat isquc postea . . . 
pedibus in sententiam Ti. Neronis iturum se dixcrat. In diesen 
einleitenden worten zu der von Sallust dem Caesar in den 
mund gelegten rede hat Röscher, Acta soc. philol. Lips. I, 100 
dixerat in dixit zu ändern vorgeschlagen, was der vf. mit recht 
unterstützt. Wenn aber der vf. gelegentlich Röscher tadelt, 
dass er in dem unmittelbar folgenden sätzchen : quod de ea re 
praesidiis additis referundum censuerat, sich mit Jordan bei der 



Nr. 8. 223. Miscellanea. 397 

am besten beglaubigten lesart quod statt gui beruhigt habe , so 
ist er entschieden im irrthum. Denn aus den vom verf. an- 
geführten beispielen, in welchen Sallust quod is gesetzt hat, folgt 
durchaus nicht, was der vf. daraus folgert, dass nemlich Sallust 
auch hier der deutlichkeit wegen das pronomen is hätte hinzu- 
fügen müssen. Vielmehr steht jenen beispielen eine gleich 
grosse zahl anderer stellen bei Sallust gegenüber, in welchen 
einfach quod ohne weiteren zusatz in analogen fällen gesetzt 
ist. Diese stellen sind gesammelt von Eussner im Würzbur- 
ger Festgruss (1868) p. 168. — Cat. 51, 4 Magna mihi co- 
pia est memorandi, patres conscripti, quae reges atque populi . . . 
male consuluerint. Sed ea malo dicere , quae maiores nostri . . . 
recte atque ordine fecere. Die lesart der besten codd. Paris, wird 
bezüglich des coniunctivus consuluerint gegen Weinhold, welcher 
nach Vat. 3864 consuluerunt schreibt, geschätzt. Wir setzen 
die treffende dai legung des vfs. hierher: postquam in hoc priore 
membro sententiae ea usus est forma orationis qua significaretur 
quid praeter eundum sibi [Caesari] videretur, altero diserte proponit 
presseque complectitur ea quae uberius expositurus est. Auch Cat. 51, 
9 Plerique eorum, gui ante me sententias dixerunt, . . . miserati sunt 
wird der im Paris. 500 überlieferte pluralis sententias durch eine 
schlagende beweisführung gerechtfertigt. Diese nachweise sind 
um so bedeutungsvoller , da Weinhold in den Acta soc. philol. 
Lips. I, 199. 201. 221 beide beispiele irrthümlicher weise her- 
vorgezogen hatte , um dadurch einen vorzug des cod. Vat. 
3864 vor dem Paris. 500 zu erweisen , während sie doch in 
der that das umgekehrte verhältniss darzuthun geeignet sind. — 
Die worte Cat. 51, 11 multi eas [iniurias] gravius aequo habuere, 
veranlassen den vf. zu einer Sammlung solcher stellen in das- 
sischer prosa, welche hei verben des schätzens u. dgl. den ge- 
netiv durch ein adverb ersetzen. — Cat. 51, 12 Qui demissi in 
obscuro vitam habent, . . . pauci sciunt, fama atque fortuna eorum 
pares sunt. Mit der betrachtung dieser stelle schliesst der vf. 
seine beitrage zu Sallustius ab, indem er zeigt , dass man ent- 
weder den ganzen satz fama atque fortuna eorum pares sunt, 
welcher die concinnität stört , streichen oder gegen Weinholds 
einwendungen „Eussnerianum illud variandi Studium" bei Sallu- 
stius anerkennen müsse. 

Es übrigt noch die bemerkung, dass in vorstehendem kei- 



398 224. Alte geschickte. Nr. 8. 

neswegs der reiche inhalt der gelehrten und sorgfältigen arbeit 
des vfs. erschöpft ist. Aus einer ganzen reihe von autoren wer- 
den noch stellen, die p. 18 f. verzeichnet sind, beigebracht, 
auf welche , während sie zur beleuchtung anderer stellen die- 
nen, auch selbst wieder theilweise ein neues licht fällt. 

224. Ueber den etruskischen Tauschhandel nach dem nor- 
den. Von Dr Hermann Genthe. Programm des städti- 
schen gymnasiums zu Frankfurt a. M. Ostern. 1873. 4. 45 s. 

Mit trefflicher klarheit werden in diesem lehrreichen pro- 
gramm die wichtigen haudelsbeziehungen der industriereichen 
Etrusker bis nach dem entferntesten norden hin besprochen. 
Im gegensatz zu den namentlich in England noch zähe fest- 
gehaltenen ansichten von einer ausgedehnten altkeltischen In- 
dustrie wird überzeugend aus den stilistischen ähnlichkeiten der 
gräberfunde in den verschiedensten gegenden auf gleiche (etru- 
rische) provenienz der metallarbeiten geschlossen , und äusserst 
wahrscheinlich gemacht, wie, in folge immer grösserer einschrän- 
kung des einflusses der Etrusker zur see nach osten hin , und 
indem das griechische element in Italien selbst von Süden her 
immer mehr ausdehnung gewann, die handelspolitik der Etrus- 
ker über die schwierigen alpenpässe fort bei den nordischen 
Völkerschaften neue absatzquellen für die reiche metallindustrie 
schuf. Unter den tauschobjecten, welche die Etrusker von je- 
nen Völkerschaften einhandelten , wird namentlich der bernstein 
und sein handel ausführlich besprochen. Die abhandlung wird 
hoffentlich namentlich die französischen gelehrten anregen , die 
reichen aus gräberfunden stammenden Sammlungen von metall- 
geräthen, welche in so vielen museen Frankreichs zerstreut 
sind, auf die möglichkeit etrurischer provenienz hin mit ver- 
gleichung der sicher aus Etrurien stammenden stücke genau 
•zu prüfen. Auch das Elsass wird , als an einer der ältesten 
hauptverkehrsstrassen gelegen , genauer auf diese frage hin zu 
durchforschen sein ; ich erinnere z. b. an den kürzlich in der 
umgegend von Colmar gemachten fund. Den schluss der ab- 
handlung macht eine nach den lokalen geordnete fleissige Über- 
sicht der fuude etruskischer alterthümer. 



Nr. 8. 225. Griechische geschichte. 399 

225. August Buttmann, Agesilaus , söhn des Archi- 
damus. Lebensbild eines spartanischen königs und patrioten. 
Nach den quellen mit besonderer berücksichtigung des Xeno- 
phon. Halle, bucbhandlung des Waisenhauses. 8. 1872. — 1 thlr. 

Eine monographische behandiung des Agesilaos wird so- 
wohl wegen des interesses, das die persönlichkeit des tapferen 
Spartanerkönigs unbedingt hat, als auch der Wichtigkeit der zeit- 
verhältnisse halber, auf die er seinen einfluss geltend machte, 
stets erwünscht sein. Aber ist bei jeder historischen forschung, 
soweit irgend möglich, nachweis der quellen und eine darlegung 
sowohl des Verhältnisses unter einander als des Standpunktes 
und der glaubwürdigkeit der gewährsmänner und der abgeleite- 
ten berichte , sowie ein klares bewusstsein dieses Verhältnisses 
unumgängliches erforderniss und erste pflicht des bearbeiters, 
so redet diese um so gebietender da , wo persönlichkeiten und 
Verhältnisse dargestellt und beurtheilt werden sollen , in deren 
werthschätzung die meinungen alter und neuer zeit sich so 
schroff entgegenstehen wie bei der des Agesilaos. Unsere be- 
richte über denselben fliessen zwar reichlicher als über viele 
andere hervorragende männer des griechischen alterthurns, aber 
sie sind getrübt durch die persönliche zu- oder abneigung ihrer 
Verfasser. Den durchgehenden unterschied in den quellen nach- 
zuweisen , den bericht , der auf Xenophons hellenischer ge- 
schichte, dem demselben historiker zugeschriebenen Agesilaos 
sowie auf Theopomp — diesem folgt höchst wahrscheinlich 
Nepos und Justin — beruht, mit dem auf Ephoros zurückge- 
henden Diodor und der Vita Plutarchs zu vergleichen, der eine 
schon beide richtungen combinirende quelle ausgeschrieben ha- 
ben muss, einen durch den andern zu controliren , nach dem 
gewonnenen resultate die übrigen nachrichten zu verwerthen 
und so zu einer unparteiischen darstellung zu gelangen , das 
wäre der einzig methodische weg gewesen, der freilich hier so 
wenig als in der vom Verfasser erwähnten monographie des 
Epaminondas von Pomtow eingeschlagen ist. 

Vielfache vorarbeiten nach dieser richtung hin waren vor- 
handen, so vor allem Cauers treffliche Untersuchungen über Xe- 
nophon und Ephorus (quaestionum de fontibus ad Agesilai histo- 
riam pertinentibus pars I. Breslau, 1847) und Volquardsens Un- 
tersuchungen über Diodor. Für den xenophontischen Agesilaos 



400 225. Griechische geschichte. Nr. 8. 

freilich waren die meisten Untersuchungen von Beckmann (Pro- 
gramm von Rogasen 1871, s. Zeitschr. f. d. gymnasialw. 1872, 
p. 225 sqq.) dem vf. noch nicht zugänglich, jedenfalls aber 
war die angenommene authentie nachzuweisen und zu begrün- 
den; denn nur auf grundlage selbständiger, gründlicher quellen- 
untersuchung hätte eine abhandlung entstehen hönnen, die nach 
Hertzberg, Grote und Curtius anspruch auf eignen werth hätte 
machen können. Ob an die gefundenen resultate paränetische 
^Auseinandersetzungen geknüpft werden sollten, hatte mit dieser 
principienfrage nichts zu thun , ja ohne jene Untersuchungen 
mussten alle moralisirenden raisounements in der luft schweben 
und als leere phrasen zu betrachten sein. 

Dass der vf. aber sich über diese cardinalfrage gar nicht 
klar geworden bzw. klar zu weiden versucht hat , zeigt ausser 
dem titel, der Xenophon besonders betont, p. 29 flgg., wo ein- 
fach die echtheit des „Agesilaos" behauptet und Xenophon 
mit dem ausspruch „nur ein freund kann den charakter ei- 
nes menschen beurtheilen" — was freilich immer noch nicht 
beweisen würde, dass er für dessen darst eilung die geeignetste 
persönlichkeit sei — als hauptquelle gerechtfertigt wird. Die 
bedenken, die seit Grote besonders gegen die Hellenika gel- 
tend gemacht worden sind , werden einfach ignorirt oder mit 
einigen nichtssagenden worten abgefertigt (vergl. bes. p. 253. 
257) und doch stehen sie durchaus [s. Nitsche, über die ab- 
fassung der Hellenika, Berl. 1871) auf partheiischem Stand- 
punkte. Manchmal zwar fühlt der vf. das bedürfniss, sich mit 
den quellen auseinanderzusetzen fz. b. p. 264) aber von seiner 
Voreingenommenheit für Xenophon briugt ihn nichts zurück, 
und nicht zufrieden, ihm unbedingt zu folgen , ja seine fehler 
zu erhöhen durch advocatorische motiviruug (vgl. p. 133. 134. 
137. 139. 160. 161. 162. 231. 239, dagegen partheiische ur- 
theile über Epaminondas besonders p. 183. 234, über Iphikrates 
199, über letzteres verhalten s. die treffliche kritik bei Grote 
V, p. 497 sqq.) gibt der vf. , wo sich nur irgend gelegenheit 
bietet, die worte Xenophons in meistens nicht gerade guter 
Übersetzung. Ueberall werden , durch gesperrten druck hervor- 
gehoben, moralisirende und politische bemerkungen eingestreut, 
häufig auch Seitenblicke auf unsere eigenen Verhältnisse gewor- 
fen. Ueberhaupt ist man währeud der ganzen lectüre des bu- 



Nr. 8. 225. Griechische geschiente. 401 

ches in zweifei , ob es für philologeu und historiker oder für 
laien geschrieben, ob es eine wissenschaftliche oder eine popu- 
läre schrift sein soll. Prätendirt es das letztere — und zum 
voiiheil des vf. wollen wir es annehmen — dann ist unbegreif- 
lich, was das gelehrte beiwerk soll und doppelt zu rügen, dass 
widerlegte und disputable urtheile von neuem aufgewärmt wer- 
den. Der mangel an wissenschaftlichkeit aber zeigt sich nicht 
nur — abgesehen von dem iguoriren besonders chronologischer 
Schwierigkeiten wie bei den ziigen des Epaminondas, dem regie- 
rungsantritt des Agesilaus, s. Clinton F. Hell. p. 229 Kr., und ein- 
zelnen durch die alleinberücksichtigung des Xenophon entstande- 
nen irrthümern, wie z. b. in der beschreibung des kampfes des 
Epaminondas in Sparta, (s. Polyb. IX, 8. Diod. XV, 83. Ju- 
stin. VI, 7. Polyaen. VI, 7) — in der darstellung des hauptgegen- 
standes sondern auch in der behandlung nebensächlicher puncte. 
So wird das längst als später verfasst erkannte geographische 
fragment, das unter Dicaearchs namen geht (Mueller Fr. Hist. Gr. 
II, p. 254, Wachsmuth in Ärchäol. Zeitg. 1860, p. HO), ruhig 
unter dessen namen citirt, so zeigt c. I, dass der vf. mit den 
neueren forschungen über altspartanische Verfassung und ge- 
schichte durchaus unbekannt ist, und in der betrachtung des 
spartanischen Staatslebens noch den Standpunkt 0. Müller's ein- 
nimmt , so wird p. 218 der ,, Archidamos " des Isokrates als 
vor dem dritten einfall der Thebaner geschrieben bestimmt, da- 
gegen p. 258 auch eine abfassung nach 362 zugegeben (dage- 
gen s. §. 9. 10. 27. 62. 63 und Clinton F. Hell. p. 125 Kr.), 
so was Curtius (Pelop. II, 234) und Bursian (II, p. 127) als 
wahrscheinliche läge des Issorion annehmen als definitiv sicher 
hingestellt. Am unangenehmsten aber wird man berührt, wenn 
unter dem schein selbständiger auseinandersetzung resultate an- 
derer mitgetheilt werden, wie dies p. 252 geschieht, s. Schä- 
fer, Demosth. HI, 2, p. 10 sqq. 

Am stärksten aber tritt, wie natürlich, der einseitige stand- 
punct des vf. bei der zusammenhängenden darstellung des cha- 
racters des Agesilaus hervor, der ja auch sonst überall da, wo 
die Spartaner im nachtheil sind, als unschuldig, wo sie im gluck 
sind, bIs einzige Ursache desselben hingestellt wird. Selbst 
Grote und Hertzberg geben zwar eine panhellenische gesinnung 
des königs bis zum korinthischen kriege zu, der beiläufig gesagt 
Philol. Anz. V. 26 



402 226. Römische geschickte. Nr. 8. 

hier immer noch nicht von dem vorangehenden böotischen ge- 
schieden wird, s. p. 61, aber wie weit diese ging, zeigte sich 
gleich in vollstem lichte ; Agesilaus war nichts als Spartaner 
im besten und schlechtesten sinne des wortes , sein egoismus 
in persönlichen und politisc